wo die Laube sei ? Der Vogel flog voran von Zweig zu Zweig , den Weg zu zeigen ; so kamen sie an eine stille Wiese , rings eingeschlossen , durch welche ein Bächlein , aus einer Felsenspalte springend , floß , wo gar artige Läublein von Hainbuchen standen . Die Bäumchen hatten ihre Zweige zur Erde geschlagen , so daß sie den Boden wie ein Dach überwölbten , durch diese Dächer aber stachen die Fächerblätter des Farrenkrauts und schufen den Laubhäuslein die Lucken und Giebel . Die Elster sprang auf eins der Laubhäuslein , schaute durch eine Lucke und flüsterte geheimnisvoll : » Hier schläft die Prinzessin . « - Mit klopfendem Herzen trat der Schüler hinzu , kniete vor der Öffnung der Laube nieder und blickte hinein - ach ! da wurde ihm ein Anblick , der ihm Sinn und Seele in noch gewaltigeren Aufruhr jagte , als da er das Zauberwort aussprach . Auf dem Moose , welches wie ein Pfühl die schöne Last umquoll , ruhte die reizendste Jungfrau und schlummerte . Ihr Haupt lag etwas erhöht , den einen Arm hatte sie unter den Nacken geschoben , die weißen Finger leuchteten aus dem Goldbraun der Locken , welche in langen weichen Fluten sich zärtlich um Hals und Busen schmiegten . Mit unsäglicher Wonne und Wehmut schaute der Schüler in das herrliche Antlitz , auf den Purpur der Lippen , auf die Blüte der Glieder , von denen ein verklärender Widerschein auf das dunkele Mooslager fiel . Daß die Schläferin , wie von einem geheimen Drucke belastet , in süßer Angst zu atmen schien , machte sie in seinen Augen nur noch verlockender , er fühlte , daß sein Herz auf immerdar gefangengenommen sei , und nur an diesem Munde sein Lechzen stillen könne . » Ist es nicht schade « , sagte die Elster , die durch die Lucke in die Laube gehüpft war , und sich der Schläferin auf den Arm setzte , » daß eine so schöne Prinzessin sich hat müssen einspinnen lassen ? « - » Wie ? Einspinnen ? « fragte der Schüler ; » sie ruht ja , in ihren weißen Schleier gehüllt . « - » O Torheit ! « rief die Elster , » ich sage , es sind Spinnweben und der König Kanker hat sie eingesponnen . « - » Wer ist der König Kanker ? « » Im menschlichen Zustande war er ein reicher Garnspinnerherr « , versetzte die Elster , indem sie wohlgefällig mit dem Schwanze wippte . » Er hatte seine Garnspinnerei nicht weit von hier , außer dem Walde , am Flüßchen , und an die hundert Arbeiter spannen unter ihm . Das Garn wuschen sie im Flüßchen . Darin wohnt aber der Nix , und der war ihnen schon lange bitterböse , weil sie mit der ekelhaften Wäsche seine klaren Fluten trübten , und weil alle seine Kinder , die Schmerlen und die Forellen , von der Beize abstanden . Er wirrte das Garn untereinander , die Wellen mußten es über den Rand des Ufers schleudern , er trieb es abwärts in die Strudel , um den Spinnerherrn zu warnen , aber alles war vergeblich . Endlich , am Johannistage , an welchem die Flußgeister Macht haben , zu schrecken und zu schaden , spritzte er der ganzen Garnwäscherzunft und ihrem Haupte , da sie eben wieder ihre Wäscherei recht frech und gewissenlos trieben , Feienwasser in das Antlitz , und , wie wilde und blutdürstige Menschen Werwölfe und Werkater werden können , so sind die Garner und ihr Haupt Werkanker geworden . Sie liefen alle vom Flüßchen zum Walde und hangen mit ihren Geweben überall an Bäumen und Sträuchen umher . Die Spinner sind gewöhnliche kleine Kanker geworden , fangen Fliegen und Mücken ; ihr Herr aber hat fast seine frühere Größe behalten und heißt der Kankerkönig . Er stellt den schönen Mädchen nach , umspinnt sie , betäubt sie mit seinem giftigen Dunste und saugt ihnen dann das Blut vom Herzen . Zuletzt hat er diese Prinzessin überwältigt , welche von ihrem Gefolge im Walde abgekommen war . Sieh dort - dort - dort regt er sich zwischen den Büschen . « Wirklich war es dem Schüler , als sehe er durch die Zweige gegenüber einen riesigen Spinnenleib schimmern , zwei haarige Füße , dick wie Menschenarme arbeiteten sich durch das Laub ; eine entsetzliche Angst um die schöne Schläferin ergriff ihn , er wollte dem Ungeheuer entgegenstürzen . » Umsonst ! « rief die Elster und schlug mit den Flügeln ; » alle verzauberte Menschen haben furchtbare Kräfte , das Ungetüm würde dich in der Umknotung ersticken , aber streue deiner Schönen Farrensamen auf die Brust , der macht sie unsichtbar vor dem Kankerkönig , und solange nur ein Stäubchen davon liegt , dauert der Segen aus . « Eiligst streifte der Schüler den braunen Staub von der unteren Fläche eines Farrenblattes ab und tat , wie ihm der Vogel gesagt hatte . Indem er sich hiebei über die Schläferin beugte , rührte ihr Othem seine Wange . Verzückt rief er : » Gibt es kein Mittel , dieses geliebte Bild zu befreien ? « - » Oh ! « schrie der Vogel und schoß wie toll in Zickzackflügen um den Schüler , » wenn Ihr mich um so ein Mittel befragt , das gibt es wohl . Unser weiser Alter in der Kluft hat den Eibenbaum in Verwahr , wenn Ihr davon einen Zweig bekommt und mit demselben die Stirne der Schönen dreimal berührt , so weicht alle Fesselung von ihr , Denn vor den Eiben Die Zauber nicht bleiben ; sie wird in Eure Arme sinken und Euch , als ihrem Retter , angehören . « In diesem Augenblicke war es , als ob die Schlafende die Reden des Vogels vernähme . Ihr schönes Gesicht wurde von einer zarten Röte überzogen , ihre Züge nahmen den Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht an . » Führe mich zum weisen Alten ! « rief der Schüler halb von Sinnen . Der Vogel sprang in die Büsche , der Schüler eilte ihm nach . Die Elster flatterte einen engen Felsenweg empor , der bald nur noch über Morast und wild umhergeworfene Steinblöcke gefährlich hinanleitete . Von Block zu Block mußte der Schüler klimmen , wollte er nicht im Sumpfe versinken . Seine Kniee zitterten , seine Brust keuchte , seine Schläfe bedeckte kalter Schweiß . Er rupfte in der Eile Blumen und Blätter ab und streute sie auf die Steine , damit er den Weg wiederfinden möchte . Endlich stand er auf bedeutender Höhe vor einem geräumigen Felsenportal , aus dessen dunkelem Schlunde ihm eine Eisluft entgegenstrich . Die Natur schien hier noch in der uralten Gärung zu sein , so fürchterlich und zerrissen starrte das Gestein über , neben , vor der Höhle . » Hier wohnt unser Weiser ! « rief die Elster , indem sich ihre Federn vom Kopf bis zum Schweife sträubten und krausten , so daß sie ein unheimliches und widerwärtiges Ansehen bekam . » Ich will dich bei ihm anmelden und fragen , wie er über deinen Wunsch gesonnen ist ? « mit diesen Worten schlüpfte sie in die Kluft . Sie kam aber gleich wieder herausgesprungen und rief : » Der Alte ist mürrisch und eigensinnig , er will nicht anders dir den Eibenzweig geben , als wenn du ihm alle Ritzen der Höhle verstopfest , denn er sagt , die Zugluft sei ihm empfindlich . Aber ehe du damit fertig wirst , kann manches Jahr vergehen . « - Der Schüler raffte des Mooses und Krautes zusammen , soviel er fassen konnte , und ging nicht ohne Schauder in die Höhle . Drinnen sahen ihn von den Wänden Tropfsteinfratzen an , er wußte nicht , wohin er sein Auge vor den abscheulichen Gestalten retten sollte . Er wollte tiefer in den Felsging dringen , da schnarchte es ihm aus der hintersten Ecke entgegen : » Zurück ! Störe mich nicht in meinen Forschungen , treibe da vorne dein Wesen ! « Er wollte entdecken , wer da spreche , sah aber nichts als ein Paar glühroter Augen , die aus dem Dunkel leuchteten . Nun gab er sich an seine Arbeit , stopfte überall Moos und Kraut ein , wo er eine Spalte sah , durch welche ein Schimmer des Tageslichtes drang , aber das war ein schwieriges und , wie es schien , unendliches Werk . Denn , glaubte er mit einer Spalte fertig zu sein und sich zu einer anderen wenden zu können , so fiel das Eingestopfte wieder heraus und er mußte von vorn beginnen . Dazu schnarrte das Schnarchende im Hintergrund der Höhle Töne und Laute ohne Sinn ab und ließ nur bisweilen verständliche Worte ausgehen , die so klangen , als ob es sich seiner tiefen Forschungen berühme . Die Zeit schien dem Schüler im reißenden Fluge unter seiner verzweiflungsvollen Arbeit vorüberzueilen . Tage , Wochen , Monate , Jahre kamen , so dünkte ihm , und schwanden , und dennoch spürte er weder Hunger noch Durst . Er glaubte sich dem Wahnwitze nahe und wiederholte sich still mit einer Art von rasender Leidenschaft die Jahreszahl und daß er am Tage Peter und Paul zu Walde gegangen sei , um nicht gar aus aller Zeit zu treten . Wie aus weiter Ferne sah ihn das Bild seiner geliebten Schlummernden an , er weinte vor Sehnsucht und Trauer und doch fühlte er keine Träne über die Wangen rinnen . Auf einmal war es ihm , als sehe er eine bekannte Gestalt sich der Schläferin nähern , entzückt sie betrachten und sich dann wie zum Kusse über sie beugen . In diesem Augenblicke übermannten ihn Schmerz und Eifersucht , alles um sich her vergessend stürzte er gegen den dunkeln Hintergrund der Höhle . » Den Eibenzweig ! « rief er heftig . » Da wächst er ! « antwortete das Glühende , Schnarchende , und zugleich fühlte er die Zweige eines Baumes in der Hand , der aus einer finsteren Spalte der Grotte emporstand . Er brach an einem Zweige , da tat es ein Winseln um ihn her , das Glühende schnarchte stärker als jemals , die Höhle schwankte , schütterte , stürzte zusammen , Nacht wurde es vor den Augen des Schülers , und unwillkürlich rief es aus ihm hervor : Vor den Eiben Kein Zauber tut bleiben . Als seine Augen wieder helle wurden , sah er sich um . Ein dürrer , sonderbar mißfarbiger Stecken lag in seiner Hand . Er stand zwischen Gestein , welches sich zu einer Kluft wölbte , die aber nicht eben mächtig war . In der Tiefe klangen schrillende , pfeifende Töne , wie sie die großen Eulen von sich zu geben pflegen . Die Gegend umher war wie verwandelt . Es war eine mäßige Anhöhe , kahl und ärmlich , mit unbedeutenden Steinen übersäet , zwischen denen auf der einen Seite nach der Tiefe zu durch feuchtes Erdreich der Weg hinableitete , den er heraufgekommen war . Von den großen Felsblöcken war keiner mehr zu erschauen . Ihn fror , obgleich die Sonne hoch am Himmel schien . Es bedünkte ihn , als habe sie denselben Stand , wie damals , als er ausgegangen war , den Zweig zu holen , der nun zum dürren Stecken in seiner Hand geworden war . Er ging den Pfad über die Steine hinab , das Wandern fiel ihm beschwerlich , er mußte sich auf den Stecken stützen , das Haupt hing auf die Brust hinab , er hörte seinen Otem , der mühsam aus ihr hervordrang . An einer schlüpfrichten Stelle des Pfades glitt er aus und mußte sich am Gebüsch halten . Dabei kam ihm seine Hand dicht vor das Auge , die sah grau und runzlicht aus . » Herr Gott ! « rief er , von einem Schauder gepackt , » bin ich denn so lange - - ? « Er wagte seinen eigenen Gedanken nicht auszusprechen . » Nein « , sagte er , sich gewaltsam beruhigend , » es tut die kühle Waldluft , daß mich so friert , matt bin ich von der Anstrengung geworden , und das gebrochene fahlgrüne Licht , welches durch die Büsche fällt , gibt den Händen die seltsame Farbe . « Er schritt weiter und sah auf den Steinen die wilden Blumen und Blätter liegen , welche er bei dem Hinaufklimmen dahin gestreut hatte , den Weg zu merken . Sie waren frisch , als seien sie eben hingelegt worden . Damit war ihm ein neues Rätsel gesetzt . Ein Köhler hockte seitwärts vom Wege im Gehölz und schnitt Äste ab , den fragte er nach dem Tage . » Ei Vater « , versetzte der Köhler , » seid Ihr ein so böser Christ , daß Ihr Apostelntag nicht kennt ? Wir haben Peter und Paul , wo der Hirsch aus dem Wald ins Korn tritt . Ich will meinem Jungen da aus dem Maserast ein Spielwerk schneiden , sonst arbeit ' ich nicht an dem Tag , aber das ist zur Lust und Ergötzlichkeit , und die ist erlaubt , sagt der Kaplan . « » Ich bitte dich , Gesell « , rief der Schüler , den das Grauen immer stärker durchrieselte , » sag ' mir an , welche Jahrzahl schreibt ihr in der Christenheit ? « Der Köhler , von dem auch die Feiertagswäsche den Ruß nicht hatte bringen mögen , hob sich mit seinen mächtigen Gliedern schwarz zwischen den grünen Büschen empor , und sprach nach einigem Besinnen die Jahreszahl aus . - » O du mein Heiland ! « schrie der Schüler und stürzte , von seinem Stecken nicht gehalten , auf den Steinen zusammen . Dann schleuderte er den Stecken hinweg und kroch zitternd den Steinpfad hinab . Verwundert trat der schwarze Köhler , den Maserast in der Hand , aus den Sträuchen auf die Steine , sah den Stecken liegen , bekreuzte sich und sprach : » Der ist von der Eibe , die da droben wächst im Eulenstein , wo der Schuhu horstet . Sie sagen , sie schaffe den Zauber , und löse geschaffenen Zauber . Gott behüte uns ! der Alte hatte böse Dinge auslaufen lassen . « - Dann ging er in die Büsche zurück , seiner Hütte zu , um das Spielwerk für seinen Knaben zu schnitzen . Unten auf der lustigen Waldwiese neben der Hainbuchenlaube , am klaren Wässerlein , welches dort seine Ränder zu einem breiten Becken auseinandergespült hatte , saßen der junge Ritter Konrad und die Schöne , welche er ohne magische Künste aus dem Schlummer geweckt hatte . Lieblich drängten sich rote , blaue und gelbe Kelche aus den Gräsern um sie her , und das Paar blühte in Jugend und Schönheit , der Ritter in seinem bunten Schmuck , die Jungfrau in ihren silberglänzenden Schleiern , als die herrlichste Blume aus diesem Schmelz empor . Er hatte seinen Arm sanft um ihren Leib gelegt und sagte , ihr treu und zärtlich in das Auge sehend : » Bei der Asche meiner lieben Mutter , und bei dem heiligen Zeichen auf dem Griffe dieses Schwerts , ich bin , der ich mich dir genannt habe , Herr meiner Schlösser und meiner Tage , und beschwöre dich nun , du holdseliges Wunder dieses Forstes , daß deine Lippen das Wort sprechen , welches mich auf ewig dir in den Besitz geben wird , den der Priester vor dem Altare weihen und segnen soll . « - » Was für ein Wort begehrst du noch ? « sagte die Schöne leise , indem sie züchtig die Wimpern senkte . » Hat nicht mein Auge , meine Wange , mein klopfender Busen alles gesprochen ? Minne ist eine gewaltige Königin ; sie fährt daher unversehens und ergreift , den sie mag , ohne Widerstand zu dulden . Bringe mich , bevor der Tag sinkt , nach dem Kloster am Odenwald zur frommen Äbtissin , sie wird mich unter Schirm nehmen , dort will ich zwischen stillen Mauern harren , ob du kommen und mich heimführen willst . « Sie wollte aufstehen , der junge Ritter hielt sie aber sanft zurück und sagte : » Laß uns an diesem Platze , wo meine Seligkeit wie ein goldenes Märchen emporsproßte , noch einige Augenblicke verweilen . Fürchte ich doch noch immer , daß du mir , gleich einer reizenden Waldnymphe verschwindest ! Hilf mir , daß ich an dich glaube und an deine holde Sterblichkeit . Wie bist du hergekommen ? Was war mit dir ? « » Ich war « , versetzte die Schöne , » heute morgen zu Walde geflohen vor meinem Vormunde , dem Grafen Archimbald , dessen Absichten plötzlich , ich weiß nicht , ob auf mich , oder auf meine Güter , bös und erschreckend hervorgetreten waren . Was hilft der Jugend und dem Weibe reiches Erbe ? Es ist immerdar schutzlos und verlassen . Ich wollte mich zur Äbtissin flüchten , ich wollte den Kaiser in Mainz antreten , kaum wußte ich selbst , was ich wollte . So kam ich in diese grünen Baumhallen . Mein Herz war nicht auf den Helfer gerichtet , meine Gedanken haderten mit dem Himmel . Auf einmal , wie ich diese Wiese schon vor mir liegen sah , war mir , als würde da drüben in den Büschen etwas gesprochen , worauf ich mich und alles um mich her verwandelt fühlte . Ich kann dir das Wort , oder den Laut nicht beschreiben , mein Geliebter ! Der Gesang der Nachtigall klingt heiser gegen seine Süßigkeit und das Rollen des Donners ist , mit ihm verglichen , nur ein schwaches Flüstern . Es war gewiß das Geheimste und Zwingendste , was es zwischen Himmel und Erde geben kann . Auch auf mich übte es eine unwiderstehliche Gewalt , da es in meinen fassungslosen Geist , in das Getümmel meiner Sinne fiel und kein Gedanke des Heils ihm in mir entgegentrat . Meine Augen schlossen sich und doch sah ich den Weg vor meinen Füßen , den die Füße , wie von unsichtbaren , weichen Händen gelenkt , wandeln mußten . Ich schlief und schlief doch nicht , es war ein unbeschreiblicher Zustand , in dem ich endlich unter jener Laube auf weichem Moose niedersank . Es sprach und sang alles um mich her , in mir fühlte ich den Wogenschlag der jubelndsten Wonne , jeder Tropfen Blutes leuchtete und tanzte durch die Adern und doch saß mir im tiefsten Herzen das alleräußerste Grauen vor dieser Verfassung und die heißeste Bitte um Erweckung aus meinem Schlafe . Aber ich spürte , daß von dem Grauen nichts in mein Antlitz trat , wunderbarerweise konnte ich mich selbst schauen und sah , daß meine Wangen von der Wonne lächelten , als würden mir himmlische Freudenlieder zugesungen . Immer weiter griff die Wonne in mein Herz , immer weiter drängte sie das Grauen zurück , eine furchtbare Angst befiel mich , daß dieses Pünktchen ganz aus mir getilgt und ich eitel Wonne werden würde . In dieser Not , und dem Verschwinden alles Bewußtseins nahe , gelobte ich mich dem , der mich erwecken und befreien werde , zu eigen . Ich sah nun durch meine geschlossenen Augenlider eine dunkele Gestalt sich über mich beugen . Das Antlitz war edel und groß , und doch fühlte ich einen tiefen Widerwillen gegen diesen und es flog wie ein Schatten durch meine Empfindung , daß er es gewesen sein möchte , der das verdammliche Wort gesprochen habe . Aber immer rief ich stumm in mir und doch laut für mich : Wenn er dich weckt und befreit , so mußt du ihm für diese überschwengliche Wohltat angehören , denn du hast es gelobt . - Er hat mich nicht geweckt ! « » Ich , ich habe dich geweckt , mein teures Lieb , und nicht mit Zauberspruch und Segen , nein , mit heißem Kuß auf deine roten Lippen ! « rief der junge Ritter entzückt und hielt die schöne Emma fest umschlungen . - » Das sind wohl rechte Wunder im Spessart gewesen , die uns zusammengeführt haben . Ich hatte mich draußen am Heerweg von meinem geliebten Freunde Petrus getrennt nach seltsamen verfänglichen Gesprächen . Als ich einige hundert Schritte geritten war , überfiel mich noch einmal eine große Sorge um ihn , ich saß ab und wollte wiederholt ihm ans Herz legen , seine dunkelen Wege zu lassen und mit mir gen Mainz zu ziehen . Als ich mich wandte , sah ich ihn in den Wald schlüpfen . Ich rief seinen Namen , er aber hörte mich nicht . Die Sporen verhinderten mich am raschen Gehen ; ich konnte ihm nur von weitem folgen , doch ließ ich nicht ab , hinter ihm her zu rufen , was aber vergeblich blieb . Endlich verschwand mir sein schwarzer Mantel zwischen den Bäumen . Auch ich sah die schöne grüne Wiese schimmern und wollte mir den lichten Blumenschein besehen . So kam ich her , nachdem ich noch die Kreuz und Quer nach meinem Freunde gesucht hatte . Auch mich umgab es hier im Walde aus den Lüften wie ein Wühlen und Schwingen , das Gewürm war in einer Bewegung , die Vögel verführten ein so eigenes Flattern und Zirpen . - Weil ich aber an die helle gute Straße dachte , auf die ich den Petrus gern bringen wollte , so hat mir vermutlich das Wesen nichts anhaben können . Als ich dich schlummernd fand , drang mir mit der Gewalt der süßesten Liebe ein ungeheures Mitleid um dich in das Herz , ich frohlockte und weinte doch Tränen , die heißesten , die je aus meinen munteren Augen gekommen . Ich glaube , daß mir vergönnt war , in den Winkel zu schauen , wo dir das Grauen wohnte . Schluchzend und lachend rief ich : Die schönste Rose , die da blüht , Das ist der rosenfarbne Mund Von wonniglichen Weiben ; Am Kuß des Mai ' n die Ros ' erglüht , Es soll der schönste Rosenmund Nicht ungeküsset bleiben ! und da boten meine Lippen in Gottes Namen den deinen ihren Gruß ... « » Und die Fesseln fielen ab von mir , ich erwachte , und mein erster Blick traf in dein treues weinendes Auge « , rief die schöne Emma . » Ich dankte Gott , auf dessen Namen ich mich jetzt wieder besann , daß ich erlöset sei , und dann dankte ich ihm , daß du es gewesen , der mich befreiet habe , und nicht jener Dunkle . « Der junge Ritter war nachdenklich geworden . » Ich fürchte « , sagte er , » alle diese geheimnisvollen Waldwunder stehen mit Petrus in Zusammenhang . Ich fürchte , daß ich an dem Tage , wo ich meine Liebe gewann , meinen Freund verloren habe . Wo mag er nur geblieben sein ? « Das Paar fuhr erschreckt auseinander ; denn sie sahen in dem Wasser zu ihren Füßen zwischen ihren blühenden Häuptern ein eisgraues , greises abgespiegelt . » Hier ist er « , sagte ein zitternder , gebeugter , schneeweißer Alter , der hinter ihnen stand . Er trug den neuen , schwarzen Mantel des Schülers . » Ja « , sagte der Alte mit schwacher , erloschener Stimme ; » ich bin dein Freund Petrus von Stetten . Ich stand schon lange hinter euch und hörte eure Reden , und die Geschicke sind klar geworden . Es ist noch der Peter- und Paulstag , an dem wir uns trafen und trennten draußen auf dem Heerwege , der kaum tausend Schritte weit von hier läuft und seit wir voneinander gegangen sind , mag eine Stunde verstrichen sein , denn der Schatten , den der Strauch da auf den Rasen wirft , ist nur um ein Geringes gewachsen . Wir waren vierundzwanzig Jahre alt vor dieser Stunde , du bist darin um sechzig Minuten , ich aber bin derweile um sechzig Jahre älter geworden . Ich habe vierundachtzig . - So sehen wir uns wieder ; ich habe es freilich nicht gedacht . « Konrad und Emma waren aufgestanden . Sie schmiegte sich scheu an den Geliebten und sagte leise : » Es ist ein armer Irrsinniger . « - » Nein , du schöne Emma « , sagte der Alte , » ich bin nicht irre . Dich habe ich geliebt , mein Zauber fiel auf dich , und ich hätte dich haben können , wäre es mir vergönnt gewesen , in Gottes Namen dir den roten Mund zu küssen , was der einzige Segen ist , womit schöne Minne erweckt wird . Statt dessen mußte ich nach dem Eibenzweige gehen und dem Schuhu seine Klause vor Wind und Wetter verwahren helfen . Nun , wie es gekommen ist , so mußte es kommen . Er hat die Braut , und ich habe den Tod davongetragen . « Konrad hatte immerfort starr in das Gesicht des Alten gesehen , um durch die Runzeln und Falten hindurch ein früheres Lineament des Jugendfreundes zu entdecken . Endlich stammelte er : » Ich beschwöre dich , Mensch , uns zu verkünden , wie diese Verwandlung hat zugehen können , damit uns nicht ein Schwindel faßt und zu schrecklichen Dingen treibt ! « » Wer Gott versucht und die Natur , über den stürzen Gesichte , an denen er rasch verwittert « , antwortete der Alte . » Dabei bleibt der Mensch , wenn er auch die Pflanzen wachsen sieht und die Reden der Vögel verstehen lernt , so einfältig wie zuvor , läßt sich von einer albernen Elster Fabeln von der Prinzessin und vom Kankerkönige aufbinden , und sieht Frauenschleier für Spinnweben an . Die Natur ist Hülle , kein Zauberwort streift sie von ihr ab , dich macht es nur zur grauen Fabel . « Er schlich langsam in die Waldgründe . Konrad wagte nicht , ihm zu folgen . Er leitete seine Emma aus dem Schatten der Bäume nach der heiteren Straße , wo das Licht in allen Farben um die Kronen der Stämme spielte . Noch einige Zeit lang hörten die Wanderer im Spessart hinter Felsen und dichten Baumgruppen zuweilen mit einer hohen und geisterhaften Stimme Reime sprechen , die dem einen wie Unsinn , dem anderen wie tiefe Weisheit klangen . Gingen sie dem Schalle nach , so fanden sie den Alten , der noch so wenige Jahre zählte , wie er , erloschenen Auges , die Hände auf die Kniee gestützt , starr in die Weite blickte und die Sprüche vor sich hinsagte , deren keiner aufbehalten geblieben ist . Nicht lange aber , so wurden sie nicht mehr gehört , und auch den Leichnam des Alten fand man nicht . Konrad freite seine Emma ; sie gebar ihm schöne Kinder und er lebte bis zu späten Jahren mit ihr in großer Freude und Lust . Sechstes Buch Walpurgisnacht bei Tage Erstes Kapitel Wache Träume Als der Jäger am Morgen nach seinem schönsten Tage im Heu erwachte , schmerzte ihn heftig sein Kopf . Denn man sei so verliebt , als man will , der Duft von frischem Heu nimmt den Kopf ein , und er hätte den Tod von der unvorsichtig gewählten Lagerstatt haben können . Anfangs zwar hatten die lieblichsten Träume von Lisbeth sein Hirn umgaukelt . Ihm träumte , ein Bauer trete mit einem verschlossenen Korbe zu ihm und sage , darin sei ein Geschenk , der Herr wisse wohl , von wem ? Nun öffnete er den Korb , und ein weißes Täubchen war darin mit purpurroten Füßchen und purpurrotem Schnabel . Er erstaunte über die Weiße und Schönheit des Tierchens und hatte seine große Freude daran . Wie wurde ihm aber , als das Tierchen sein rotes Schnäblein öffnete und zu ihm sprach : » Lisbeth schickt mich zu dir und läßt dir sagen - « die Taube redete aber nicht aus ; sie wurde ängstlich , flatterte scheu fort , und er bekümmerte sich im Traume darüber , daß er nicht zu erfahren bekam , was sein Mädchen ihm durch den zarten Boten hatte sagen lassen wollen . Nach diesem hatte er verworrene Gesichter und gegen Morgen eins , was ihm kaum noch wie ein Traum vorkam , es schien ihm Wirklichkeit zu sein , die in seine vom Heuduft umwölkten Sinne fiel . Es war ihm , als ob - oder vielmehr , es war in der Tat so . In einer anderen Ecke des Schoppens begann es sich zu rühren , und der Jäger sah , wie eine dunkele Gestalt sich reckte , er hörte , wie sie gähnte und darauf sprach : » Mein ' Treu , ich glaub ' , ' s ist halber sieb ' n. « Die Stimme war eine ihm ganz bekannte . Die Gestalt erhob sich , tastete umher und kam an den Ort , wo der Jäger lag , befangen von dem Dunste des Schoppens und unfähig , ein Glied zu bewegen , ängstlich starr unter der Last des Alps , der ihn drückte . - » Ei , was a wüster G ' sell « rief die Gestalt . » Hast nit heime finden können ? Bist ins Heu gekrochen ? Nun , schlaf aus , ich verstör ' dich nit weiter . « Mit diesen Worten entfernte sich die Gestalt . Der Jäger wollte : » Jochem ! « rufen , konnte aber keinen Laut aus der zusammengeschnürten Kehle bringen . So lag er noch eine Zeitlang . Endlich setzte sich das stockende Blut doch wieder gewaltsam in Bewegung , er konnte seine Arme und Füße regen . Hastig sprang er von dem gefährlichen Lager auf und eilte in das Freie , um Gottes reine Luft einzuatmen . Draußen pfiff ihm ein rauher Nordostwind entgegen . Ein brenzlichter Geruch