durfte , und deshalb will ich mich ihr auch nicht entziehn . Als Hermann uns verlassen hatte , glaubte ich , die frohsten Tage im Nachgenusse der letzten schönen Stunde erleben zu dürfen . Das Dokument , welches uns in unserm Eigentume schirmen sollte , war gefunden und durch ihn , der mir so manchen Beistand geleistet hatte . Immer stand er vor mir , wie er freudeleuchtend das Pergament emporhielt , meine Gedanken ruhten an ihm , wie an einer festen Säule . Aber es war kaum eine Woche vergangen , als mich dieser Trost nicht mehr befriedigte . Eine Unruhe ergriff mich , von der ich mir keine Rechenschaft geben konnte , es fehlte mir , was ich nicht zu nennen wußte , mein Sinnen schweifte über Buch und Stickerei hinaus , wenn ich sie , um mich auf etwas zu heften , zur Hand nahm . Dem Gemahle , welchem ich doch vor allem Zutraun über jedes Begegnis meiner Seele schuldig war , verbarg ich diese peinigende Zerstreutheit , und zwang mich , in seiner Gegenwart so zu erscheinen , wie sonst . Wie tief wucherte schon das Unkraut in mir ! Am bedrücktesten fühlte ich mich des Abends - sonst meine liebste Tageszeit ! Die Nacht , welche früher die Ruhe Gottes über mich gebracht hatte , schien mich nun in ein Unendliches , Wüstes zu führen , vor dessen hohlbrausenden Wogen meine Seele erzitterte . Ich schlummerte zwar auch jetzt nie ohne Gebet ein , aber die Worte desselben regten mich zu wehmütigen Tränen auf . Es gemahnte mich , als könne ich mir selbst während des Dunkels abhandenkommen , als könne der Mensch verwandelt , schlimm aufstehn , der sich gut und unschuldig niedergelegt habe . Eines Tages sagte ich plötzlich unversehens laut für mich hin : » Es ist ja natürlich , daß ich ihn vermisse , war er doch beständig um uns ! Warum soll man sich nicht an einen Freund gewöhnen können . « Ich erschrak heftig , da ich diese Worte gesprochen hatte . Mein Zustand war sehr schlimm . Nach und nach hatte sich aus dem Gefühle des Zwangs , welches mir die Gegenwart des Herzogs einflößte , eine stille Furcht , aus der Furcht eine Abneigung entwickelt . Ich rechtete , ich haderte mit ihm , ich meinte , er vernachlässige mich , und wenn er mich aufsuchte , so bestrebte ich mich eher , ihn zu vermeiden . Der Herzog war unglücklich , ohne daß es mich schmerzte , seine stillen Blicke fragten mich , was er mir getan habe ? Ich schlug die meinigen nieder , um nur nicht aus der Verschanzung des Trotzes und der Hartnäckigkeit , in welcher ich nun schon eingewohnt war , gelockt zu werden . Von Franklin hatte ich gelesen , daß er die ihm obliegenden Pflichten nicht auf das Geratewohl hin erfüllt , sondern über seine Sittlichkeit förmlich Buch gehalten habe . Ich beschloß , etwas Ähnliches bei mir einzurichten . Vielfach war ich angesprochen , als Hausfrau , als Erzieherin , als Armenpflegerin . Ich legte mir ein Heft mit verschiednen Rubriken an , in welchem ich abends vor dem Schlafengehn die Werke des folgenden Tages einzeln verzeichnete . Auf der Gegenseite sollten die Unterlassungen als Debet diesem Kredit gegenüber eingeschrieben werden . Eine Kolumne war den allgemeinen menschlichen und christlichen Tugenden , der Sanftmut , Bescheidenheit , Verträglichkeit usw. gewidmet . Gewissenhaft besorgte ich eine Zeitlang diese moralische Rechnungsführung . Da es mir Ernst war , der Öde meines Zustandes zu entrinnen , da ich nicht feierte , und lieber zuviel als zuwenig mir auferlegte , auch seit meiner Jugend die höchste Achtung vor allen ausdrücklichen Verpflichtungen hegte , so füllten sich die Spalten meines Buchs ziemlich an ; immer geringer wurden die Rückstände , je weiter ich in der Übung der guten Werke vorrückte , und nach Verlauf eines Monats war ein beträchtlicher Überschuß aus der Bilanz ersichtlich . Diese Beschäftigungen und die damit nicht selten verknüpfte körperliche Bewegung machten mich ruhiger . Mein Schlaf wurde wieder erquickend und ich hielt mich für hergestellt . Meine Gedanken an den Abwesenden waren , oder schienen in den Hintergrund gedrängt , das Behagen der Häuslichkeit war mir zwar noch nicht zurückgekehrt , die Stunden , welche ich mit dem Herzoge zubrachte , behielten etwas Formelles , indessen setzte mich dies nicht in Erstaunen . Schon früh hatte ich mich mit der Vorstellung vertraut gemacht , daß der eigentliche Atem des Lebens doch nur die Pflicht sei , welche man mit Überwindung übe , und daß der Mensch gegen nichts vorsichtiger sein müsse , als gegen das Glück . Hatte ich nun früher mir oft im stillen gesagt , daß mir das Dasein ohne den Gemahl zur Einöde werden , daß ich seinen Verlust nicht überstehn , daß ein Ersatz für ihn mir undenkbar sein würde , so mußte die jetzige etwas kältere Empfindung mir als offenbarer Gewinn erscheinen . Nun fühlte ich , daß ein stilles Zurückziehn mich nicht zerstöre , daß er , eingeordnet in den ganzen Zusammenhang meines Lebens , zwar darin eine hohe , vorzügliche Stelle einnehme , aber doch nicht Grundfläche und Spitze der Pyramide ausmache . Über diese Entdeckung jauchzte ich , und glaubte , durch sie eine Bürgschaft unantastbaren Seelenfriedens erhalten zu haben . Wie täuschte ich mich , wie fern war ich vom Ziele , da ich es schon mit den Händen zu fassen meinte ! Ich litt , obgleich ich sonst gesund war , seit einiger Zeit an einer erhöhten Reizbarkeit der Nerven , welche sich besonders dadurch äußerte , daß mir unwillkürlich Phantasmen vor die Augen traten . Diese blieben zwar nur einen Moment sichtbar , während der kurzen Dauer desselben hatten sie aber die ganze sinnliche Deutlichkeit wirklicher Gegenstände . So sah ich nicht selten ferne Gegenden , in welchen ich einst gewesen war ; abwesende Personen , besonders Verstorbne zeigten sich mir in schnell vorüberschwebenden Schattenbildern . Ein eigentümlicher Zug dieser Wahngesichte war , daß keine Neigung sie hervorrief . Nur Gleichgültiges erschien , oft das , woran ich seit Jahren nicht gedacht hatte . Der Arzt verordnete mir allerhand Mittel , welche aber nichts halfen , im Gegenteil meine Konstitution noch mehr aufregten . Ach , leider wird es nur zu sehr verkannt , daß die Krankheiten , wenigstens ein Teil derselben , weit mehr sittlicher als sinnlicher Natur sind , und daß daher in vielen Fällen Tränke und Pulver wenig nützen können ! Eines Abends kam ich aus einem benachbarten Dorfe zurück , wohin ich zu Fuß gegangen war , um Kranke zu besuchen . Ich wollte das Schloß noch bei guter Zeit erreichen , in welches andre Hülfsbedürftige bestellt worden waren . Nur ein Bedienter folgte mir . Ich ging etwas rasch , und wählte , um früher nach Hause zu kommen , den Weg über den dem Schlosse gegenüberliegenden Hügel , obgleich derselbe an der einen Seite durch Dornen und Steilheit etwas beschwerlich war . Vom frühen Morgen an war ich tätig gewesen , es hatten sich gerade recht viele Pflichten und Geschäfte an diesem Tage zusammengedrängt , und ich dachte nicht ohne Selbstzufriedenheit daran , wie mancherlei ich werde zu Buche tragen können . Auf einmal war es mir oben auf dem Hügel , als wenn sich um meine Füße unsichtbare Schlingen legten , oder als ob ich an einen Stein stieße , der zugleich meine Schritte gewaltsam hemmte . Ich kann diese Empfindung durchaus nicht genauer beschreiben ; sie war zwischen Schmerz und Lähmung , und am nächsten komme ich ihr in Worten , wenn ich sage : Sie hatte Ähnlichkeit mit dem Gefühle des sogenannten Einschlafens der Gliedmaßen . Ich war unfähig , weiterzugehn , meinte zu fallen , und wußte doch , daß ich mich werde aufrecht halten können . In dem nämlichen Augenblicke erhob sich die Gestalt des Abwesenden aus dem Boden , deutlich , daß mir die Knöpfe an seinem Kleide erkennbar wurden , neigte sich gegen mich , legte - mit welcher Scham schreibe ich dieses nieder ! - seinen Arm um meinen Leib , und zog mich an seine Brust . Mich verließen die Sinne , und als ich von einem ohnmachtähnlichen Zustande erwachte , fand ich mich auf einer Rasenbank sitzend wieder , von dem zitternden Bedienten gestützt , der mir stotternd und totenbleich erzählte , daß ich plötzlich wie vor einem entsetzlichen Schrecknisse gestarrt , dann gewankt und einen angstvollen Schrei ausgestoßen habe . Meine Verfassung war fürchterlich . Messer durchschnitten mir die Brust . Die Sünde hatte sich mir unversehens in nackter Abscheulichkeit gezeigt . Da war nun keine Zeit zu verlieren , um zu retten , was sich noch retten ließ . Ich blickte umher , und sah , daß mich nichts vor dem Gedankenfrevel geschirmt hatte , weder die Ehe , noch die guten Werke . Die Kirche allein war der Felsen , an welchen ich mein irrschwankendes Schifflein noch knüpfen konnte . Nach einer qualenvollen Nacht , nach einem durchweinten Tage entdeckte ich mich in später Abendstunde unsrem Geistlichen , und soll ich es gestehen ? das verzweifelnde Herz trug sich mit der verstohlnen Erwartung , er werde mich nicht so strafbar finden , als ich mich selbst . Aber ich hatte mich getäuscht . Ein strenges Gericht ließ er über mich ergehn . In schrecklichen Zügen , in drohenden Beispielen machte er mir anschaulich , daß die Kluft von der Tugend zu der ersten Abweichung von ihr sehr groß , der Raum zwischen dieser und den letzten Tiefen des Lasters aber unendlich klein sei . Er führte mir die Wahrheit , daß der Körper nie , sondern immer nur die Seele sündige , in ihrer ganzen Strenge vor das Gemüt , und nannte zur Bezeichnung meines Zustandes ein Wort , welches meine Ohren nie zu hören geglaubt hatten . Düstre , aber heilsame Tage folgten . Ich ergab mich ganz seiner Führung . Der Arzt , so mancher Freund , der Herzog selbst wollten hemmend dazwischentreten ; Gott schenkte mir die Standhaftigkeit , ihre Angriffe zurückzuweisen . Hier galt es das Ewige , da durfte keine Menschenfurcht zu Rate gezogen werden . Das erste , was der Geistliche vornahm , war , daß er meine moralischen Rechenbücher zerriß . Er untersagte mir die guten Werke , mit denen ich mich gegen Gott auszulösen gewähnt hatte . Dergleichen , erklärte er mir , sei völlig unnütz , und führe immer nur zu verkapptem Hochmute . Dagegen legte er mir die strengsten Andachtsübungen und eine völlige Versenkung in Gott und die göttlichen Dinge auf . Oft meinte ich , daß ich in diesem Ringen nach dem Unsichtbaren erlahmen werde , aber wundersam stärken die Leiden der Heiligung ; wenn unsre Wangen auch darüber bleich werden , so wächst doch freudige Gesundheit durch sie um das Herz . Nach und nach erwarb ich , sagen darf ich es , Fertigkeit im Büßen . Man wollte mich zerstreun , ich versetzte , daß mir die Sammlung notwendiger zu sein scheine . Erheitrungen sollten mir bereitet werden , mir , die ich von meiner immer wachsenden Heiterkeit schon andern hätte mitteilen können . Diese konnten keine Anfechtungen zerstören . Der Herzog begann , gewiß in guter Absicht , mir unmutig zu begegnen , ich opferte gern den Frieden des Hauses auf dem Altare meines Gottes . Nachmals gab es noch einen gewaltsamen Krampf in dem schwachen Geschöpfe , der zuletzt in eine Krankheit sich auflöste . Von dieser erstanden , war ich geheilt in jedem Sinne des Worts . Der Weg war mir jetzt ganz gebahnt , von welchem mich auch die schwersten Unglücksfälle nicht haben abbringen können . Wem kein so reicher Geist gegeben worden ist , daß ihm nur das verworrne Mancherlei des Lebens Beschäftigung gewährt , wer an einfachen Wahrheiten und Grundsätzen die Nahrung seines Innern findet , der soll erziehn . Denn dieses Geschäft besteht nur darin , daß man den jungen Seelen eine Ausstattung schlichter Begriffe mitgibt , mit denen sie durch das Irrgewinde des Markts sich helfen sollen , so gut es gelingen mag . Diese in geduldiger Treue immer zu wiederholen und einzuprägen , habe ich meine jungen Mädchen um mich versammelt . Ich unterrichte und bilde sie , nicht als ob ich damit etwas Verdienstliches zu vollbringen meinte , sondern weil ich eben dazu passe , und an den Ort gestellt worden bin , wo diese Pflicht geleistet werden sollte . Johannas Bekenntnis Von dem kriegerischen Schauspiele , welches die Menge der Fürsten und Prinzen unglaublich glänzend machte , mit dem Generale zurückgekehrt , fand ich Ihren Brief und die Bücher , welche die Herzogin inzwischen gelesen , und mir übersendet hatte . Also so haben wir ausgesehen ? Sonderbar , daß man von seinem inneren Antlitze keinen Begriff hat , wie oft man sich dies auch einbilden mag . Oder vielmehr die Sache steht so : Wir wissen um unsre Verhältnisse , Stimmungen , Irrtümer und Schwächen recht wohl , aber sie im Spiegel zu erblicken , ist schauderhaft . Anfangs war ich auf den Autor bitterböse , und keinesweges gemeint , mich , wie die Herzogin , der durch ihn von Gott mir verhängten Buße zu unterwerfen . Auch der General wollte nichts von Nachgiebigkeit gegen den im stillen an uns herangeschlichnen Memoiristen wissen . Als wir aber die Sache näher bedachten , sahen wir ein , daß meine Geschichte Frauen und Mädchen , in deren Hände unsre Denkwürdigkeiten doch auch wohl gelangen mögen , zur Lehre dienen kann , und daß , wenn auch alle Beispiele die Wiederholung der Irrtümer nie verhüten , die Irrenden doch an meinem Falle zu ihrem Troste erkennen werden , wie das Gemüt uns in großes Leid bringt , die Arme unsres Schutzgeistes aber stark genug sind , uns aus demselben emporzuziehn . Da käme ich nun in das Fach der Herzogin und wollte auch erziehn . Aber freilich beruht mein Unterricht auf andern Voraussetzungen . Die Stille , Liebe meint , so sehr die Demut ihr auch gebietet , ihre ganze Wirksamkeit vor der Welt als zweifelhaft darzustellen , insgeheim denn doch , daß ihre moralischreligiösen Vorschriften die jungen Seelen vor dem Strudel bewahren werden . Ich habe dagegen die Überzeugung , daß gerade die edelsten Naturen unsres Geschlechts unbedingt tiefen Verwicklungen dahingegeben sind , welche keine Regel der Klugheit , kein Präservativ der Sitte , und keine Andachtsübung aufhält . Viele gehn in denselben unter , wenige werden gerettet . Zu diesen gehöre ich , und wenn auch die Art meiner Herstellung sich nicht bei jeder Unglücklichen wiederholen wird , so lehrt sie wenigstens , daß das Leben selbst aus seiner Fülle den Stab wachsen macht , welchen die Dressur der Pensionsanstalt nicht darreicht . Dies will ich erzählen , schlicht , einfach , kurz ; zu ausgeführter , oder gar kunstreicher Behandlung habe ich weder die Lust , noch das Geschick , noch die Zeit . Die Stellung der Frauen in der Gegenwart ist sonderbar . Was hat unsre Mütter beschäftigt , ihren Geist und ihr Gemüt ausgefüllt ? Das Haus oder die Gesellschaft . Die Ruhigen wandten sich jenem , die Lebhafteren dieser zu . Nun gibt es aber keine Häuslichkeit mehr im alten Sinne , und aus der Gesellschaft ist der feine Zauber längst verschwunden , durch dessen Verwaltung wir die Priesterinnen und Fürstinnen der Salons wurden . Unser Platz in der Welt ist also leer oder anderweitig besetzt , wie man dieses Mißverhältnis ausdrucken will . Wenn wir uns auch vor der durch die Saint - Simonisten uns zugedachten Emanzipation schönstens bedanken wollen , so läßt sich doch ahnen , daß unser Zustand bedeutenden Verändrungen entgegengeht . Der Autor hat der Wahrheit gemäß erzählt , daß mich schon als Mädchen auf dem Schlosse meines Vaters das Gefühl eines Vaterlandes mächtig bewegte . Die Natur mußte vielleicht so bei mir verfahren , mir Ersatz durch eine allgemeine Empfindung geben , weil mir der Segen einer gesetzlichen Geburt , mir eine Mutter vorenthalten worden war . Madame de Staël - wenn ich nicht irre - hat einmal gesagt , daß in Zeiten , wo man auch den Frauen die Köpfe abschlage , ihnen notwendig erlaubt sein müsse , sich um die Politik zu bekümmern . So schlimm steht es nun bei uns nicht . Aber da wir durch die Staatsumwälzungen unser Vermögen einbüßen , uns mit den Männern versetzen lassen müssen und Söhne für den Krieg gebären , so scheint uns weder das Recht noch die Veranlassung zu fehlen , an allen den öffentlichen Dingen teilzunehmen , durch welche auch uns Freude und Entsagung , das Lachen und die Träne bereitet wird . Diese Vorstellungen bewohnten wie in der Knospe den Kopf des jungen Mädchens , es sprach sich und andern dieselben nicht aus . Die Frau , welche Schritte in die Dreißig getan hat , wird wohl davon reden , und eingestehn dürfen , daß sie von jeher sie gehabt . Nun aber ist es eine eigne Sache um dieses Vaterland . Wir sind und bleiben denn doch arme Gefühlswesen , bei welchen der Weg zum Haupte immer und ewig durch das Herz geht . Wenn die Trommel gerührt wird , wenn sie dahinziehn in langen Reihen , und die Fahnen den Tüchern , und die Tücher den Fahnen Abschied zuwinken , und nun der Busen um Reich und Thron , und zugleich um das Schicksal der Lieben bangt , dann die herrlichen , freudigen Kampfes- und Siegesnachrichten erschallen , jeder in diesem Sturme sich zum Außerordentlichen gehoben fühlt , ach und endlich bei dem Friedensheimzuge die Freunde uns die teuersten Güter erobert dahergetragen bringen - dann weiß eine Frau , daß auch sie in ihrer schwachen , furchtsamen Seele eine Empfindung beherbergt , welche über die Spindel und das Nähzeug hinausreicht , dann dürfen wir uns eines Geschlechts mit der Mutter der Gracchen , und den Weibern der Numantiner rühmen . Oder auch dann kann unser Geist bewegt und erregt sein , wenn kluge , weltgestaltende Männer im Schweigen des Kabinetts mit der stillen Feder , oder der feinen gewinnenden Rede Bündnisse stiften , Provinzen erwerben , die Entschlüsse so leise vorbereiten , welche nachher den Erdkreis erschüttern und die Menschen in Staunen und Verwundrung setzen . Da wissen wir wohl bei uns die Gegner zu friedlicher Annäherung zu versammeln , Geheimnisse zu empfangen und zu bewahren . Aber wie wird es im Frieden , im gleichgültigen Gange des Alltags ? Statt der Heldentaten Manoeuvres , statt des regsamen Spiels seltner Kräfte ein stockendes Schleichen im Geleise trockner herkömmlicher Tätigkeit . Was soll denn nun die Frau beginnen , welcher die Kleinigkeiten nicht genügen , auf die wir dann einzig und allein angewiesen sind ? Da müßte sie etwa Dichterin , Schriftstellerin , Kunstkennerin werden . Aber wenn die arme Seele zu der Einsicht gelangt ist , daß die Lieder ihrer Schwestern am Parnaß nüchtern und dünn erklingen , daß die Bücher der Weiber aus den abgetragnen Gedanken der Männer bestehn , daß sie vor den Bildern und Statuen doch auch nur diesen bevorzugten Geschöpfen nachsprechen , wenn sie also zu allen derartigen Zeitvertreiben weder Lust noch Belieben trägt , womit wird sie dann ihre verlangende , glühende Brust ausfüllen ? Ich hatte nach dem Tode meines Vaters schlimme Tage auf dem Schlosse . Gute Menschen walteten dort , aber unsre Seelen waren zu verschieden . Der Herzog war früh gewissen Personen in die Hände gefallen , welche ihm die größten Vorstellungen von der Würde des Adels beigebracht und ihm die Heiligkeit der Pflicht , alles an die Herstellung dieses Standes zu setzen , eingeschärft hatten . Diese Begriffe regierten ihn mit unumschränkter Macht , er hatte für nichts andres Raum in sich . In den Militärdienst eines kleineren Staates eingetreten , war er rasch von Stufe zu Stufe gestiegen , hatte auch an einigen Vorfällen des großen Kampfs auf der deutschen Seite teilgenommen , aber ohne Liebe und Wärme für die Sache , welche ihn nur insofern interessierte , als er von ihrem Siege den Triumph der Aristokratie hoffte . Meine gute Schwägerin war in Paris erzogen worden , und hatte Deutschland erst nach dem Untergange unsres großen Feindes kennengelernt . Ich , voll von den Eindrücken einer unbeschreiblichen Zeit , mochte meinen nächsten Umgebungen wohl wie eine Närrin vorkommen , welche sich abmühte , Schattenbilder der Wirklichkeit unterzuschieben . Der ganze Enthusiasmus eines zwanzigjährigen Mädchens war eins geworden mit dem Enthusiasmus eines Volks , diesen Gewinn festzuhalten , das herrliche Gedächtnis mir nicht zu einem Traume verdämmern zu lassen , war die Aufgabe meines Lebens . Ich baute mir ein kleines Museum aus Erinnerungszeichen und Bildnissen der Feldherrn zusammen , sang meine lieben Schlacht - und Kampflieder am Fortepiano , steuerte von meinen schmalen Mitteln , soviel ich nur entbehren konnte , an die Vereine , welche sich überall zur Unterstützung der Invaliden gebildet hatten . Man stutzte , verstand mich nicht , lächelte über mich . Ich ließ mich das nicht anfechten . Aber freilich fühlte ich nur zu bald , daß ich mit dem , was mir das liebste war , mich in einer völligen Einsamkeit befinde , und dieses Bewußtsein fiel mit um so größerer Schwere auf mich , als es die nächsten waren , die es mir bereiteten , und als ich voraussah , daß bald mein ganzer Zustand in dem Hause , welches doch auch als mein Vaterhaus gelten sollte , unterhöhlt sein würde . Ich versank in eine Schwermut , die mich auch wohl zuweilen ungerecht gegen das Gute machte , welches mich umgab . Wenigstens muß ich jetzt über manches lächeln , was mich damals gegen die liebenswürdige Frau einnahm , mit der ich nun so verträglich leben kann . Sie hatte z.B. eine ängstliche Sorgfalt für ihre Gesundheit , scheute den Zug , den Tau , und was dergleichen mehr ist . Als ich mich einst hierüber im entgegengesetzten Sinne vernehmen ließ , stellte sie mir sehr beredt die Pflicht dar , welche jeder habe , auf solche Weise über sich zu wachen . Ich fand diese bewußte Ansicht von der Sache nur noch egoistischer und schwächlicher , und hatte doch unrecht . Denn wie verderben wir uns und andern durch üble Laune die Tage , und wie selten entspringt sie aus geistigen Ursachen , wie viel öfter aus kleinen Indispositionen , welche meistens durch Regime zu meiden wären ! Wie hindern oder zerstören Krankheiten das Glück ganzer Familien ! Was begünstigt überhaupt mehr die Entwicklung eines harmonischen Lebensgangs , als das leichte , reine Gefühl , welches nur die Blüte vollkommner körperlicher Wohlfahrt sein kann ? In jenen Stimmungen und Verstimmungen lernte ich nun Medon kennen , welcher auf das Schloß kam , mir die erste Nachricht von dem Auffinden der teuren Reste des erschlagnen Freundes zu überbringen . Es wird nicht von mir erwartet werden , daß ich die Geschichte unsrer Herzen , oder vielmehr des meinigen , denn das seine hatte leider keinen Anteil daran , novellistisch erzähle . Nur das muß ich sagen , daß die Herzogin unrecht hatte , wenn sie in ihrem Briefe behauptete , die Sympathie des Mißvergnügens habe uns zusammengeführt . Nein , es war etwas andres , etwas Höheres von meiner Seite . Medon gehörte zu den geistigen Ruinen , aber zu den mit aller Pracht üppiger Vegetation bewachsnen . Soll es denn einer arglosen Frau ewig verdacht werden , wenn sie der Duft und Glanz solcher Stauden und Blumen anzieht , wenn sie in ihrer Gutmütigkeit nicht zu ahnen vermag , daß unter diesen Reichtümern und Schönheiten der Abgrund laure ? Sein Name war mit Auszeichnung im Kriege genannt worden , das mußte ihm wohl zur Empfehlung bei mir gereichen , er brachte mir eine Nachricht , worin für mich ein trüber Trost über einen ungeheuren Verlust lag , wie konnte mein Herz noch einen Rückhalt gegen ihn haben ? Endlich , ich fand nach langem Darben jemand wieder , mit dem ich meine Sprache reden durfte . Ich habe beinahe zwei Jahre hindurch den Namen dieses Mannes getragen , und wer wird mir daher glauben , daß ich über seine frühere Geschichte , über seinen Charakter und seine Grundsätze nur Vermutungen zu geben weiß ? Das allein ist mir bekannt , daß ich durch ihn eine Zeitlang sehr elend geworden bin . Er war aus Franken gebürtig und von einem ehemaligen Jesuiten erzogen worden . Dieser Lehrer hatte ihm die ganze verschlagne Festigkeit seines Ordens zu eigen gemacht , und ihm in jungen Jahren schon den Grundsatz eingeimpft , daß der Zweck die Mittel heilige . Als Jüngling muß ihm etwas Schreckliches begegnet sein ; ich ahne , daß er eine Geliebte aus Unvorsichtigkeit getötet hat . Ein solches Mißgeschick mag auf den Menschen die zerstörendste Wirkung äußern . Denn ein Verbrechen läßt sich durch Reue und Buße sühnen , aber wo findet der Beruhigung , welcher als blindes Werkzeug geheimer , gräßlicher Mächte sein Teuerstes vernichtete ? Die Sonne geht einer so belasteten Seele unter , und Frostnacht breitet über sie erstarrende Schatten aus . Er hat mehrere Monate in Wäldern und Felsklüften , dem Wilde gleich , verlebt , wie er mir selbst gestand . Welche Gedanken da sich seiner bemächtigt , weiß nur der finstre Geist des Felsens und des Waldes . Als der große Ruf der Freiheit durch Deutschland erscholl , klammerte er sich an die Hoffnung eines einigen Vaterlandes an , und diese ward nun der Gott seines Busens . Seine tollkühne Tapferkeit im Kriege entsprang wohl aus dem Wunsche , zu sterben . Der Tod ward ihm nicht und auch das einige Vaterland blieb nach dem Frieden aus . Ein tiefer Haß gegen alles Bestehende , worin er nur das Hemmnis einer besseren Ordnung der Dinge erblickte , bemächtigte sich seiner , um so gefährlicher und hartnäckiger , als dieser Gesinnung jede Leidenschaftlichkeit abging . Viele sind in jenen Tagen gegen Fürsten und Machthaber stürmisch und drangvoll zu Felde gezogen , sie trugen das Panier ihrer Vorsätze im Antlitz ; Medon schien dagegen mit allen Einrichtungen der Gewalt zufrieden zu sein . Er gehörte zu den kalten Fanatikern . Diese vermögen , wenn die Umstände sie begünstigen , etwas auszurichten . Denn die Dinge , welche auf solchen Gefilden erstrebt werden , entstehen nicht durch die Begeistrung , sondern durch den Kalkül . Eine kurze Zeit hat er sich in dem damals aufkommenden geheimen Bundeswesen versucht . Wie diese unzulänglichen Intrigen nach Jahren entdeckt wurden und zum Schreck vieler , dem im öffentlichen Ansehen fest wurzelnden Manne das Gebäude seines künstlich - errungenen Zustandes zertrümmerten , ist in den Büchern unsrer Geschichten erzählt . Lange wirkte dieser Sturz im gesellschaftlichen Leben der großen Stadt nach ; niemand hielt sich im Verkehr mit andern mehr sicher . Ein Geist , wie Medon , mußte aber sehr bald einsehen , daß sich mit Studenten nichts durchsetzen läßt , und daß überhaupt Verschwörungen nie die Beschaffenheit der Dinge , sondern immer nur ihre Oberfläche , und auch diese meistens nur vorübergehend ändern . Er gab daher alles derartige Tun und Treiben auf , sagte sich von den Häuptern und Gliedern los , und folgte dem Strome , mit welchem zu schiffen jeder gute ruhige Bürger verpflichtet ist . Sein Name , seine Kenntnisse , seine Persönlichkeit führten ihn in vorteilhafter Art bei den Machthabern ein ; es dauerte nicht lange , so war der Grund zu der glänzenden Existenz gelegt , welche unser Autor beschrieben hat . Indem ich nun darangehen soll , die Fäden , welche das Gewebe seiner Handlungsweise zusammensetzen halfen , aufzudrehen , fehlen mir fast die Worte , um das Verhältnis von Kette und Einschlag richtig darzustellen . Ein Wahn , ein Irrstreben der schlimmsten Art entbehrt vielleicht schon seiner Natur nach der eigentlichen Gestalt , des dichten Zusammenhangs , welchen ihm die schildernde Feder gibt . Nur in Träumen und abgerissen - flatternden Momenten mag der so arg Fehlende sich seines Systems bewußt werden . Ich bitte daher den Schatten des Dahingegangenen zum voraus um Verzeihung , wenn die Armut der Sprache mich zu bestimmteren Ausdrücken zwingt , als wie sie der Sache eigentlich gemäß sind . In den Geschichten der Revolutionen , namentlich in denen der französischen wird zuweilen das Wort : Pessimismus , gebraucht . Es bedeutet das Streben der Faktionen , durch künstliche Hervorbringung eines allerschlechtesten Zustandes die Menschen in eine Wut zu stürzen , welche sie blindlings den Planen der Bösen zutreibt . Die Mittel , deren man sich bei diesem furchtbaren Verfahren bedient , sind mannigfaltig , jedoch laufen die meisten darauf hinaus , daß man entweder die Gegner zu unbedachten Schritten zu bringen weiß , oder selbst den Schein feindlicher Operationen erzeugt , oder durch gemachten Mangel der ersten Lebensbedürfnisse Kummer und Not unter die Menschen wirft . Ich weiß nicht anders mich auszudrücken , als : Medon hatte sich vorgesetzt , ein Pessimist in deutschem Sinne zu sein . Voll von dem ätzenden Gefühle , daß die öffentlichen Einrichtungen Deutschlands im Widerspruche mit einer schönen , freien , großen Entwicklung seien , hielt er dafür , daß der Weg zu einer Erneuung unsres Lebens durch das Labyrinth einer vollkommnen Anarchie gehe , und daß dahin nur eine Zersetzung aller moralischen Bande , welche uns zusammenhalten , die er aber für morsch ansah , führen könne . Ob er allein , von jeder Verbindung mit andern gesondert , in dieser entsetzlichen Täuschung einen abenteuerlichen Plan ausgesonnen hat , ob mehrere Teilnehmer einer solchen Verkehrtheit gewesen sind , ich weiß es nicht . So viel ist mir aber klar geworden , daß seine Ratschläge , seine Einwirkungen auf hochstehende Personen verwendet wurden , um unheilvolle Maßregeln hervorzubringen , welche unsre allerdings zweideutigen Verhältnisse in eine nur noch tiefere Zweideutigkeit und Halbheit senken sollten , Maßregeln , welche er mit großem Geschicke und vielem Scheine als nützliche , kluge