thronte er im Lehnsessel in der Mitte seiner Lieben . Jeder suchte ihm seine Liebe und Achtung zu beweisen , Niemand reizte ihn durch Widerspruch , wie er ihn in Berlin erfahren hatte , denn der Arzt , der sogleich pflichtgemäß die Sorge für seine Gesundheit übernahm , untersagte es allen Hausgenossen , durch lebhafte Anregungen die schwachen Lebenskräfte des sich dem Grabe zuneigenden Greises zu zerstören , dessen Tage auf diese Weise im süßesten Frieden der Seele und in aller Behaglichkeit eines sorgenlosen Lebens dahin schwanden . Und kam der Abend , der ihm jedes Mal die Sehnsucht nach einer l ' Hombre-Partie brachte , so fehlten seine beständigen Mitspieler , der Prediger und der Arzt , niemals , und wurde ja einer von ihnen durch seinen Beruf ein Mal abgehalten , so nahm die Mutter des Grafen Robert willig die Karten und verkürzte dem Greise die Stunden durch seine gewohnte Unterhaltung . Der Prediger und der Arzt hatten sich durch die Vermittelung des Grafen Robert leicht mit einander versöhnt und betraten von Neuem den Pfad der ihnen zum Bedürfniß gewordenen Freundschaft . Der Prediger war geneigt , die Zwistigkeiten mit dem Freunde zu vergessen , denn er fühlte sich im Grunde in allen Verhältnissen des Lebens durch seinen klaren Verstand und richtigen Blick so sehr über den Arzt erhaben , daß er alles , was er dessen Thorheit nannte , ruhig verachtete , und der Arzt war zu glücklich , als daß er ein feindliches Gefühl im Herzen hätte bewahren können . Er betrachtete mit Entzücken die gänzliche Veränderung , die der Aufenthalt in Berlin mit dem Aeußeren seiner Braut hervor gebracht hatte . Ein schüchternes , blödes , sich oft linkisch benehmendes Kind war hingegangen , und eine junge Dame kam zurück , die sich in Kleidern nach der letzten Mode ohne Zwang bewegte , ohne Verlegenheit an allen Gesprächen Theil nahm und wenigstens eine oberflächliche Kenntniß der Literatur verrieth , und dennoch ruhten , trotz aller dieser erlangten Vorzüge , die blauen Augen noch mit derselben Theilnahme auf ihm , wie früher , und wie zerstreut er auch war , so hörte er doch , daß der Klang ihrer Stimme gefühlvoller war , wenn sie mit ihm sprach , als wenn sie ihre Worte an Andere richtete . Das , ihm neue , beseligende Gefühl des Glücks , geliebt zu werden , gab seinem ganzen Wesen eine Weichheit , die ihn mehr , als je , geneigt machte , alles zu verzeihen , wodurch er sich beleidigt glaubte . Selbst abgesehen von dieser glücklichen Stimmung , wie hätte er nicht versöhnlich sein sollen , - er trug ja einen vollkommenen Sieg über den Prediger davon , - sein künftiges Wohnhaus wurde mit einem Balkon gebaut und die ganze Einrichtung desselben viel schöner , als er es hätte ersinnen können . Er hatte schon im Frühlinge einen Theil seines Gartens mit ausländischen Sträuchern und Gewächsen bepflanzen lassen , von denen ihn Bücher , die er zu diesem Behufe angeschafft , lehrten , wie sie behandelt werden müßten , wenn sie in unserm Klima gedeihen sollten , und er nannte den Raum , auf dem diese Gewächse vereinigt waren , seinen botanischen Garten . Aber freilich gewährte dieser einen traurigen Anblick ; denn da der Arzt den Gärtner in der Behandlung der Pflanzen unterrichtete und durchaus darauf bestand , daß sie ganz nach seiner Vorschrift gewartet werden sollten , so gingen die meisten aus , welches der Gärtner ganz natürlich fand , der sich oft äußerte , wenn der Arzt die Sache nur ihm überlassen und den armen Pflanzen Ruhe gönnen wollte , so würde sie Gott eben so gut wachsen lassen , wie andere unter seiner Pflege befindliche im Treibhause des Schlosses . Dieß Mißlingen seiner Anlage hatte den Arzt oft verdrüßlich gemacht und ihn dem Spotte des Predigers ausgesetzt . Aber nun richtete er die kleinen scharfen Augen im Gefühle des Sieges auf den spottenden Freund , denn es hatte ihm nur ein Wort gekostet und der Graf Robert hatte ihm versprochen , ein Treibhaus mit dem neuen Gebäude zu verbinden , und die Pflanzen aller Himmelsstriche konnten dann durch den geschickten Gärtner des Schlosses gezogen werden . Mit dem Gefühle inniger Dankbarkeit überrechnete der Arzt oft sein Glück . Ein anständiges Auskommen ; eine junge , schöne , ihn schwärmerisch liebende Braut ; ein prächtiges , einem adlichen Wohnsitze ähnliches , schon im Entstehen begriffenes Haus , daran ein Treibhaus und ein botanischer Garten , darin eine Bibliothek und ein Naturalienkabinet ; für alle Genüsse des Leibes und Geistes also auf alle Weise gesorgt ; dabei geachtet von seiner Umgebung , glücklich in seinen Launen . Dankend hob er nach solchen Betrachtungen die Hände zum Himmel empor ; die kleinen Augen glänzten in Thränen seliger Rührung , und er versprach sich selbst , sein Glück würdig zu genießen , und bescheiden und dankbar zu bleiben . Die Frau Professorin hatte freiwillig die Führung des Haushalts im Schlosse übernommen , weil der thätigen Frau Beschäftigung Bedürfniß war . Aber sie bemerkte oft , daß die Abwesenheit Dübois nur zu sichtbar sei , denn die Ordnung , die Ruhe , der Anstand und das vornehme Wesen , welches er zu erhalten verstehe , werde nie ganz ohne ihn erreicht werden , - eine Anerkennung , die den alten Mann entzückt haben würde , wenn er sie hätte vernehmen können . So wohl und glücklich fühlten sich alle Bewohner des Schlosses Hohenthal , während die eigentlichen Besitzer manchem Kummer im Herzen Raum gaben . IV Nach der Abreise ihrer geliebten Freunde wurde die dadurch entstehende Lücke in der gräflichen Familie in Berlin sehr fühlbar , und der Trübsinn wurde gesteigert , weil keine Nachrichten von St. Julien eintreffen wollten . Es war nur zu deutlich , daß die Freude der Spanier über einen Herrscher aus Napoleons Geschlecht nicht so groß war , als dessen Bulletins der Welt verkünden wollten , und die Sorge um den Sohn und Geliebten senkte sich schmerzlich in die Brust der einsamen Freunde . Jeder suchte den Andern zu schonen und wollte deßhalb seine Sorgen nicht bekennen , aber der verschwiegene Gram nagte sichtlich an Aller Herzen . Wie ein elektrischer Schlag zuckte daher die Freude durch jede Brust und lähmte für einen Augenblick die Kraft der Glieder , als endlich ein großes Paket eintraf , welches außer den Briefen voll zärtlicher Liebe für die Mutter und glühendem Gefühl für die Braut noch eine Art von Tagebuch für den Grafen enthielt , worin sich auf jeder Seite das kindliche Gefühl eines guten Sohnes aussprach und welches zugleich eine kurze Darstellung der Begebenheiten in Spanien enthielt , so weit sie ohne Gefahr für den Schreiber und Empfänger berührt werden durften . Nachdem er die weltgeschichtlichen Begebenheiten , die unter seinen Augen sich ereignet , flüchtig angedeutet hatte , sagte er unter Anderem : Bald nach des Königs Joseph glänzendem Einzuge in die neue Hauptstadt seines Reiches , wurde ich von Vittoria mit Depeschen an ihn gesendet und ich läugne nicht , daß ich gern die Gelegenheit ergriff , die sich dort neu gestaltende Welt in der Nähe zu sehen , und ein poetisches Gefühl ließ es mich höchst reizend denken , an den Ufern des Manzanares zu wandeln , obgleich es mir bekannt war , daß die Lage der Hauptstadt in Ansehung ihrer malerischen und poetischen Umgebung weit hinter der anderer Städte des Reichs zurück steht . Ich fand den König Joseph von einem glänzenden Hofe umgeben , der freilich zum großen Theil aus Franzosen bestand . Aber es ist auch nicht zu läugnen , daß viele vorzügliche Geister sich ihm anschließen , die durch seinen Einfluß und Napoleons mächtige Hülfe die Fesseln des Geistes abzuwerfen hoffen , unter deren Druck Spanien so lange schmachtet , so daß die edelsten Kräfte einer großherzigen Nation seit lange einer großen Theils unwürdigen Geistlichkeit zur Befriedigung eigensüchtigen Verlangens dienen . Ja , der aufgeklärte Theil der Geistlichkeit selbst seufzt nach der Erlösung von diesem Joche . Um so sorgfältiger aber sucht der bei Weitem größere Theil derselben den beschränkten Sinn des Volkes vor jedem eindringenden Lichtstrahle zu bewahren , denn sie fühlen natürlich , daß die Wurzel ihrer Macht erschüttert werden muß , wenn das Volk aufhört zu glauben , daß Seligkeit und Verdammniß unmittelbar in den Händen der Priester ruht . Wir werden also nicht bloß den Kampf zu bestehen haben , der durch ein verwundetes Nationalgefühl erregt ist , sondern unser furchtbarster Feind ist der Fanatismus , den die Priester zu ihrem eigenen Vortheile sowohl , als zu Gunsten Ferdinands im Volke erregen , und durch alle Mittel , die ihnen zu Gebote stehen , stärken und nähren . Diese Betrachtungen drängten sich mir auf , so flüchtig auch nur die Beobachtungen waren , die ich anstellen konnte , denn kaum hatte ich am Morgen meine Depeschen abgegeben und mich dem Könige vorstellen lassen , der mich mit großer Huld empfing , als ich auch schon von so vielen Bekannten umringt und in so viele Zerstreuungen verwickelt wurde , daß mir keine Zeit zu ernsten Beobachtungen blieb . Als die Seele aller Gesellschaften hörte ich einen liebenswürdigen deutschen Baron allenthalben nennen , der sich dem Hofe des Königs angeschlossen hatte , und von diesem selbst als ein geistreicher und unterrichteter Mann , und angenehmer Gesellschafter besonders ausgezeichnet wurde . Auch bei den Damen hatte dieser Fremde viel Glück , und eine reiche , vornehme und schöne Frau , die der König selbst oft mit seinem Besuch beehre , habe sich ganz offen für ihn erklärt , hieß es , so daß man erwartete , die große Neigung werde Beide zu einer ehelichen Vereinigung bestimmen und der König werde dann den aus einem alten Geschlecht abstammenden Deutschen mit sehr bedeutenden Ehrenstellen bekleiden . Da ich diesen gefeierten Mann von allen Seiten als ein Ideal der Liebenswürdigkeit preisen hörte , so wurde endlich meine Neugierde erregt und ich fragte nach seinem Namen . Viele wußten diesen gar nicht . Er war ihnen bloß als der liebenswürdige deutsche Baron bekannt oder als Don Fernando . Endlich nannte ihn mir ein besser Unterrichteter als Baron Schlebach , und mir fiel ein , daß ein solcher ja unser Verwandter sein müsse , weil ja dieß auch der Name meiner Mutter ist , und ich beschloß mich mit ihm bekannt zu machen . Der Tag war mir unter mannichfachen Zerstreuungen verschwunden und am Abend war Cirkel bei Hofe , wo auch ich erscheinen mußte . Es war eine glänzende Versammlung , die sich vereinigte , und es hätte mir wohl mancher der Anwesenden wichtig sein können , wenn nicht meine Aufmerksamkeit auf einen einzigen Gegenstand wäre gelenkt worden . Dort steht der deutsche Baron , flüsterte mir ein Bekannter zu . Meine Augen folgten dem Winke der seinigen und trafen auf einen Blick , dessen Schärfe und Kälte mir ein bekanntes Bild hervorriefen , das ich doch nicht festzuhalten vermochte . In dem Augenblicke redete der König den Baron freundlich an , und das anmuthige Lächeln des in der That schönen Mundes verbreitete einen eigenen Reiz über das blasse , von dunkelm Haar umlockte Gesicht . Die Kälte und Schärfe schwand aus den dunkeln Augen , und die schlanke , reichgekleidete Gestalt erhöhte den angenehmen Eindruck , und doch wurde , indem der König sich von ihm wendete und er zurücktrat , ein gemeiner Hochmuth in seinen Mienen und Gebehrden sichtbar , der auf einmal meinem Gedächtnisse zu Hülfe kam und mich an den Sekretair des Kommandanten der Festung * * * erinnerte , der uns damals so übermüthig behandelte , und den Sie mir als den Sohn eines Ihrer ehemaligen Beamten bezeichneten . Ich wollte mich eben diesem unbekannten Verwandten nähern , als der König mich erblickte und mich an meine Stelle fesselte , indem er sich mir näherte und auch mich durch eine freundliche Anrede auszeichnete . Die Unterhaltung hatte einige Minuten gewährt . Als sich der König darauf zu Andern wendete , suchten meine Blicke den Baron vergebens . Ich weiß nicht , hinter welche Gruppe er sich zurückgezogen hatte , denn spät erst , als der Cirkel sich auflöste , sah ich ihn noch einen Augenblick , indem er mit vielen Andern die Appartements verließ , und zwar in solcher Entfernung , daß ich eine in den königlichen Sälen unschickliche Eile hätte anwenden müssen , um ihn zu erreichen . Meine Neugierde war durch diese kleinen Umstände erhöht worden , und ich ließ mich bei der Dame seines Herzens des andern Tages vorstellen , einer schlanken , edel gebauten Spanierin , deren dunkle , gebietende Augen eine Glut ausströmten , die entzücken oder erschrecken mußte . Sie lud mich mit aller liebenswürdigen Gastfreundschaft der Spanier ein , an ihren Abendgesellschaften Theil zu nehmen , und versicherte mir , daß ich in diesen Kreisen manchen Mann antreffen würde , der der Stolz seines Vaterlandes sei , wie auch manchen bedeutenden Fremden . Ich dankte für ihre gütige Einladung , indem ich sie annahm , und sie erwiederte , daß sie jedem Franzosen mit Vergnügen ihr Haus öffne , weil sie von dem französischen Einfluß hoffe , daß er Spanien von dem geistigen Druck befreien werde , unter welchem es so unwürdig schmachte . Ich machte die schöne , für ihr herrliches Vaterland mit Recht begeisterte Dame darauf aufmerksam , daß sich doch ein kräftiger Widerstand und zwar nicht bloß vom Volke aus gegen unsere Einwirkung zu offenbaren anfange . Das ist unser Unglück , sagte sie schmerzlich seufzend . Der Stolz der Spanier weist die fremde Hülfe zurück und würde das unermeßliche Unglück beweinen , das daraus entspringen müßte , wenn die Versuche gelingen sollten , sich dem fremden Einflusse zu entziehen , denn die ganze Masse des Volkes wird von der Geistlichkeit in den Fesseln des dumpfen Aberglaubens gehalten , und es wird diese Kette , die es in seiner Blindheit für sein Heil und seinen Ruhm hält , bis auf den letzten Blutstropfen mit der Tapferkeit ächter Spanier vertheidigen , und viel zu gering ist die Zahl der Einsichtsvollen , das Bessere Erkennenden , als daß sie nicht der Masse erliegen müßten . Deßhalb bedürfen wir der fremden Hülfe , um das murrende Volk wider seinen Willen zu seinem Heile zu leiten , und wenn uns dafür die Flüche des jetzigen Geschlechts treffen , so wird der Segen des künftigen diese Last wieder von uns nehmen . Ich fand mich berufen , politische Streitfragen mit der schönen Dame zu erörtern , und verabschiedete mich in der schönen Hoffnung , die Bekanntschaft eines mir etwas räthselhaften Verwandten bei ihr zu machen . Es war natürlich , daß ich noch denselben Abend von der Erlaubniß Gebrauch machte und den glänzenden Kreis vermehrte , der sich um die schöne Frau versammelte . Aber wenn ich am Morgen die gebietende Hoheit ihrer Miene bewundert hatte , die doch auf eine wunderbare Weise mit Zärtlichkeit und selbst Schalkheit gemischt war , so lag am Abend Schmerz und Trauer unverkennbar auf der edeln Stirn ; der Mund zwang sich zum Lächeln , um die freundlichen Reden der Gäste zu beantworten ; aber selbst dieß Lächeln hatte einen schmerzlichen Ausdruck . Ich gestehe indeß , daß ich keinen lebhaften Antheil an dem sichtbaren Kummer der schönen Frau nahm , meine Augen suchten in dem glänzenden Kreise den deutschen Baron und suchten ihn vergeblich . Endlich richteten einige nähere Bekannte die Frage gerade zu an die Dame des Hauses , wie es komme , daß man den liebenswürdigen Don Fernando diesen Abend vergeblich erwarte . Es schien , seine liebenswürdige Freundin hatte nur diese Frage erwartet , um ohne Rückhalt den Schmerz ihres Busens zu entfesseln . Sie theilte den Freunden mit , daß er sie noch diesen Morgen vollkommen gesund besucht habe ; kurz nachdem Sie mich verlassen hatten , sagte sie , indem sie sich an mich wendete . Ich theilte ihm meine Freude über meine Bekanntschaft mit Ihnen mit , und er schien lebhaften Antheil daran zu nehmen , aber bald darauf wurde er von heftigem Schwindel befallen . Er fuhr nach Hause , und nun erfahre ich auf meine Erkundigungen , daß er ernstlich krank ist und das Bett vielleicht in mehreren Tagen nicht verlassen kann . Die ganze Gesellschaft bewies die lebhafteste Theilnahme für Don Ferdinand , und Jeder versicherte , ihn des andern Morgens besuchen zu wollen , um sich von seinem Befinden zu unterrichten . Ich war nicht der letzte , der diesen Entschluß faßte , denn ich wollte die Zweifel , die immer lebendiger in mir aufstiegen , auf jeden Fall aufzuklären suchen . Ich säumte also nicht , mich in Begleitung eines Bekannten , der mich vorstellen sollte , nach seiner Wohnung zu verfügen , sobald es am andern Morgen die Schicklichkeit erlaubte , zu einem Kranken einzudringen . Aber meine Hoffnung wurde getäuscht , denn wir wurden an der Thüre höflich mit dem Bescheide abgewiesen , daß Don Fernando sich so übel befände , daß er Niemand empfangen könne . Drei Tage nach einander setzte ich hartnäckig meine Belagerung fort . Endlich gab ich die fruchtlose Bemühung auf , in der Meinung , daß der Kranke doch endlich wieder sichtbar werden müsse . Nach einigen Tagen aber wurde mir angezeigt , daß ich meine Depeschen beim Minister in Empfang nehmen und meine Rückreise nach Vittoria antreten könne . Ich zögerte natürlich nicht , meine Pflicht zu erfüllen , und war in derselben Stunde bereit , abzureisen , als mir der König melden ließ , ich möge meine Abreise bis zum andern Tage verschieben , weil er mir den Morgen um neun Uhr noch einige Aufträge selbst ertheilen wolle . Ich mußte diesem Befehle gehorchen , und ich hatte am andern Morgen die Aufträge des Königs vernommen , die es ihm besser däuchte , mir mündlich zu vertrauen , als sie in Depeschen mitzutheilen , deren Beförderung immer unsicher ist , weil es tausend Möglichkeiten giebt , sie dem Ueberbringer zu entreißen , da im Gegentheile ein Mann von Ehre die ihm anvertrauten Dinge wenigstens mit in sein Grab nimmt , ohne sie zu verrathen , wenn selbst Tod oder Gefangenschaft ihn hindern sollte , sie gehörigen Orts mitzutheilen . Der König hatte mich sehr freundlich , sehr wohlwollend entlassen , und ich dachte in diesem Augenblick am Wenigsten an unsern sich räthselhaft verbergenden Verwandten , als ich im Vorsaale plötzlich auf ihn stieß und wir uns ganz nahe gegenüber standen , indem er in demselben Augenblick durch eine Thüre in den Saal trat , während ich mich durch dieselbe entfernen wollte . Er war bei meinem Anblick sichtbar überrascht , doch hatte er im Augenblick seine Fassung wieder gewonnen und schien eben so schnell den Entschluß gefaßt zu haben , mir nicht mehr ausweichen zu wollen , da dieß , ohne sehr auffallend zu handeln , nicht mehr geschehen konnte . Dieß alles war die Sache eines Augenblicks , und ich wollte ihn eben anreden , als sein gutes Geschick ihn abermals und vielleicht auf immer von mir erlöste , denn indem ich ihn anreden wollte , winkte ein Kammerherr des Königs ihn in die inneren Zimmer desselben hinein . Sichtbar beruhigt schlüpfte der Verlegene mit einer leichten Verbeugung bei mir vorbei , um dem ihn befreienden Winke zu folgen , und ich trat meine Reise nach Vittoria an , ohne etwas Näheres von diesem räthselhaften Baron erfahren zu haben . Als der Graf diese Mitteilung St. Juliens aufmerksam gelesen hatte , wurde ihm seine frühere Vermuthung zur Gewißheit , daß nämlich in jenem dem alten Lorenz gemeldeten Duell nicht dessen unwürdiger Sohn , sondern der Baron geblieben sei , dessen Name nun von dem jungen Lorenz benutzt worden sei , um sich in Verhältnisse zu drängen , die ihm auf andern Wegen wahrscheinlich unerreichbar geblieben wären . Der Graf überlegte , ob es nicht seine Pflicht sei , Schritte zu thun , um einen Betrug zu enthüllen , der vielleicht eine liebenswürdige Frau zur Beute eines Abendtheurers machte , denn dieß war doch eine ausgemachte Sache , daß dieser Don Fernando der Bruder seiner Gattin nicht war , wenn er selbst nicht der junge Lorenz sein sollte . Um aber ganz sicher zu gehen und Niemanden ohne Noth zu beleidigen , beschloß er auf jeden Fall vorher genaue Erkundigungen einzuziehen , ob etwa noch ein anderer Baron Schlebach lebe und sich in Spanien aufhalte , der Gräfin aber nichts davon zu sagen , daß er überzeugt sei , der Bruder , dessen Rückkunft sie zuweilen fürchtete , ruhe schon längst im Grabe . Die Sorge um den geliebten Sohn schob bald jede andere Betrachtung in den Hintergrund der Seele zurück , denn in Spanien entwickelten sich Kämpfe und Gefahren , die für sein Leben täglich zittern ließen , und wenn die Freude das Herz auf kurze Zeit bewegte und die Augen entzückt auf den Zügen der geliebten Hand ruhten , so wandelte die Betrachtung gar bald die Tropfen der Freude in Zähren der Wehmuth , denn wenn sich auch die Eltern und die Geliebte an diesen Briefen erfreuten , die heitere Gesundheit und zärtliche Liebe athmeten , so war doch schon ein langer Zeitraum seit ihrer Abfassung verstrichen und in dieser langen Zeit konnten Gefechte genug vorgefallen sein , die das theure Leben gefährdet hatten . So nahte der Winter trübe und traurig . Der Herbst hatte die Hoffnung gewährt , daß wenigstens die dumpfe Ruhe des drückenden Friedens in Deutschland bestehen könne , aber auch diese Hoffnung war entschwunden und Oestreich rüstete sich zum erneuerten Kampfe . Napoleon entwickelte eine bewundernswürdige Thätigkeit . In kurzer Frist war ein sieggewohntes Heer vereinigt , und das traurige Schauspiel sollte sich erneuern . Deutsche sollten wieder gegen Deutsche kämpfend erblickt werden , und die deutsche Erde sollte von Neuem das Blut der eigenen Kinder trinken und in ihrem Schooße die Leichen ihrer von deutscher Hand erschlagenen Söhne verbergen . Nicht alle französischen Truppen hatten aus Spanien hinweg gezogen werden können , aber unter denen , die an den Rhein beordert waren , befand sich das Regiment , in welchem St. Julien diente , und Eltern und Geliebte hatten wenigstens den Trost , ihn sich näher zu wissen . Niemals war die Hoffnung so allgemein , so lebendig gewesen , als nach Oesterreichs Kriegserklärung ; vielleicht nur , weil der Druck , unter welchem die Völker seufzten , immer lästiger , ihr Unglück immer schmerzlicher wurde . Aber wie dem auch sei , es konnte dem Beobachter nicht entgehen , daß es nur einer siegreichen Schlacht bedurft hätte , und ein großer Theil Deutschlands hätte sich schon damals dem österreichischen Heere wider Napoleon angeschlossen ; aber die Schlachten gingen verloren , und unaufhaltsam , wie ein reißender Strom , drangen Napoleons Heere vorwärts . Alle Hoffnungen , die man damals auf Oesterreich setzte , gingen unter , und auch die laut mit Frankreich Krieg verlangende Berliner Jugend verstummte , denn ihr Held , in dem sie den Erretter , den Befreier Deutschlands zu sehen wähnte , war gefallen , mit Heldenmuth zwar , aber für sein Vaterland völlig nutzlos , und die Ueberreste seiner tapfern Schaar , die nicht so glücklich waren , entfliehen und sich verbergen zu können , fielen einem Feinde in die Hände , der sie nicht mit großmüthiger Schonung behandelte , sondern sie das härteste Schicksal erdulden ließ . Wer auch von Schills gewagtem Unternehmen nicht die Hoffnungen hegte , die seine lauten Bewunderer aussprachen , mußte dennoch das unglückliche Ende eines Mannes schmerzlich beklagen , der Gutes und Großes wollte , aber seine Zeit mißverstand und deßhalb der Zeit vorgriff . Die Gräfin und Emilie lebten in dieser Zeit in qualvoller Angst . Dem Grafen selbst bangte für den geliebten Sohn , und alle Gründe , die er anführte , um die Frauen zu beruhigen , verloren ihre Kraft , weil man zu deutlich fühlte , daß er die Hoffnungen , die er erregen wollte , nicht theilen konnte . Auch Dübois ging trostlos umher . Der letzte Sprößling des Hauses Evremont ! seufzte er oft für sich ; Herr erhalte ihn , setzte er jedes Mal hinzu , indem er die gefalteten Hände flehend zum Himmel erhob . Jedes Zeitungsblatt erhöhte die peinliche Unruhe der Familie ; beinah ein jedes enthielt Nachrichten von Gefechten und Schlachten , und man wußte , St. Juliens Regiment focht in den meisten , und von ihm selbst gelangte keine Nachricht zu der trauernden Familie . Endlich war der Waffenstillstand geschlossen und es ließ sich voraussehen , daß der Friede auf denselben folgen würde , und zwar ein Friede , der Napoleons Macht nur noch höher heben und das unglückliche Deutschland noch tiefer niederdrücken mußte . Diese Ueberzeugung verbreitete eine schmerzliche Trauer über Deutschland , die auch der Graf empfand , aber die plötzlich gemildert wurde und der höchsten Freude im Kreise dieser Familie Raum gab , denn ein Paket von St. Julien traf ein und meldete nach allen überstandenen Gefahren , bis auf eine leichte Verwundung , seine vollkommene Gesundheit . Zugleich theilte er die Nachricht mit , daß er zum Obristen ernannt worden sei , beklagte aber , daß er in dieser unruhig bewegten Zeit noch nicht habe Mittel finden können , die Anerkennung des Namens Evremont zu bewirken . Sein Brief war im Taumel der Siegesfreude geschrieben , denn nur Frankreichs Ruhm und sein eigner , den er noch zu erreichen hoffte , hatten ihm vorgeschwebt , indem er schrieb ; und er dachte nicht daran , welchen schneidenden Gegensatz sein Gefühl zu der schmerzlichen Trauer seiner Freunde über ihr Vaterland bilden mußte . Die Frauen sahen über die Ausdrücke jugendlicher Begeisterung hinweg ; sie suchten in St. Juliens Briefen nichts , als Zeichen fortdauernder Liebe , zärtlicher Treue , und fühlten nach langer Zeit schmerzlichen Grams und zerstörender Angst Ruhe und Hoffnung im beseligten , zärtlich bewegten Herzen . Des Grafen Freude war nur in den ersten Augenblicken rein . Er fühlte es in den nächsten Minuten schmerzlich , daß Männer doch nur dann ganz in Liebe verbündet sein können , wenn ihre heiligsten Interessen dieselben sind , und er wünschte sehnlicher als je , St. Julien bewegen zu können , Frankreich zu verlassen und sich als Bürger deutscher Erde zu betrachten ; diese recht im Genusse des Sieges und des Ruhmes geschriebenen Briefe aber ließen ihn fürchten , daß der junge Mann schwer zu bewegen sein dürfte , eine Laufbahn aufzugeben , die seinem Ehrgeize so viele Befriedigung versprach . Man beantwortete St. Juliens Schreiben sogleich und der lang gestörte Briefwechsel wurde nun wieder regelmäßig fortgeführt . Noch war die Freude in allen Herzen lebendig , als der Graf von Neuem lächelnd die Bemerkung machte , daß der Mensch im Gefühle des hohen Glücks oder eines großen Unglücks zunächst an sich denkt , und daß dann alles andere , was er sein Höchstes und Heiligstes immerwährend genannt hat , in den Hintergrund tritt und nur erst wieder beachtet wird , wenn die Freude oder das Leid , welches uns persönlich trifft , durch Zeit und Gewohnheit gemildert wird . Der Graf in seinem milden Sinne fand diese Empfindungsweise menschlich und natürlich , und meinte , wir wären noch weit von schnöder Selbstsucht entfernt , wenn wir auch die ersten Augenblicke des Glücks oder des Kummers ungetheilt uns selbst widmeten , sobald wir nur dann wieder auch auf andere Menschen und ihre Schmerzen uns besännen . Sein Vetter aber , der Graf Robert , hatte mit strengerem Sinn oft gegen ihn den Ruhm der Spartanertugend bewundernd anerkannt und behauptet , ein ächter Sohn des Vaterlandes werde dessen Unglück und Erniedrigung auch im höchsten eigenen Glücke stets empfinden ; ja , er hatte behauptet , daß es für ihn gar kein Glück geben könne , das im Stande wäre , sein Herz so ganz zu erfüllen , daß er seines Vaterlandes nicht gedächte , und nun hielt der Graf einen Brief von ihm in der Hand , in dem er ihm mit dem höchsten Entzücken die Geburt eines Sohnes meldete und des trauernden Vaterlandes mit keiner Sylbe gedachte . Ja , man fühlte es diesem Schreiben an , daß alle übrigen Verhältnisse der Welt dem Herzen des Vaters gleichgültig schienen , der den neugebornen Sohn in seinen Armen hielt , und dessen zärtlich geliebte Gattin die Schmerzen und Gefahren der Geburt glücklick überstanden hatte . Der Graf fand diese reine , ungetheilte Freude natürlich , aber er nahm sich doch vor , seinen Vetter darauf aufmerksam zu machen , daß er nun nie mehr von der menschlichen Natur erwarten dürfe , als was er selbst geleistet habe . Auch der Obrist Thalheim hatte mit zitternder Hand dem Grafen sein Glück gemeldet , und er sowohl als der Graf Robert baten ihn , mit seiner Familie der Taufe des Neugebornen beizuwohnen , und diese Bitte verstärkte der Graf Robert dadurch , daß er seinem Oheim vorstellte , wichtige die Verwaltung der Güter betreffende Geschäfte machten eine mündliche Unterredung durchaus nothwendig . Der Graf theilte den Damen die empfangenen Nachrichten mit , und freudige Theilnahme bewegte Aller Herzen . Auf die Frage aber , ob sie ihn nach Hohenthal begleiten wollten , folgte ein ernstliches Bedenken . Die Gräfin bemerkte , daß es ihr schwer fallen würde , sich wieder allen neugierigen Fragen des Geistlichen und der Nachbaren auszusetzen , und Emilie sagte leise und erröthend , daß dann auch wieder der regelmäßige Briefwechsel , der kaum mit St. Julien eingeleitet wäre , gestört werden müsse , wenn man sich von Berlin , wohin nun alle Briefe gerichtet würden , entfernen wollte . Es wurde also bestimmt , daß nur der Graf allein nach Hohenthal reisen sollte , von den besten Wünschen der Zurückbleibenden begleitet . Er meldete seinem Vetter diesen Beschluß nebst dem Tage seiner Ankunft . Auf den dritten Tag nach dem Empfange dieses Briefes war die Abreise nach Hohenthal festgesetzt , und