wär es anders , so wär es Sterben . Schönheit ist eine Auflösung der sinnlichen Anschauung in eine höhere Wahrheit ; Schönheit stirbt nicht , sie ist Geist . Alle Disharmonie ist Unwahrheit . Wenn Du schlafen willst , so ergib Dich Deinem innern Mond . Schlaf in dem Mondlicht Deiner Natur ! Ich glaub , das erzieht und nährt Deinen inneren Menschen , wie das Mondlicht den Geist der Pflanze ernährt und befördert . Wer von selbst seinen Geist der Natur unterwirft , für den gibt es keinen Tod . Der Geist muß so mächtig werden , daß er den Tod des Leibes nicht empfindet . Der Geist braucht nicht zu denken und kann doch mächtig sein , bloß durch die Reinheit des Willens . In allem nur sich sehen und gegen sich den reinsten Willen haben , dann ist der Geist mächtig . Auch der sinnliche Schlaf soll so genossen werden , daß er ein geistiger Balsam sei . Vielleicht vererben sich die geistigen Reichtümer wie die irdischen , vielleicht verteilen die Geister ihre Fähigkeiten auf ihre Nachkommen ! » Ich erkenne an dem Gedanken , wes Geistes Kind du bist . « Dies Sprichwort beurkundet meine Bemerkung . Wachsen ist das Gefühl , daß das Uranfänglichste zu seinem Ursprung in die Ewigkeit dringt . Der Genius allein kann die verletzte Unschuld herstellen . O komm , Genius , und befriede Dich mit mir ! Hier übermannte mich ein tieferer Schlaf . - Am Morgen fand ich mein beschriebenes Papier , ich erinnerte mich seiner kaum , aber sehr deutlich erinnerte ich mich des Behagens in der Nacht , und daß es eine Empfindung war , wie dem Kind in der Wiege das Schaukeln sein muß , und ich dachte , daß ich oft so träumen möchte . - Nun will ich Dir auch gleich die Geschichte meines zweiten Kusses erzählen ; er folgte beinah unmittelbar auf den ersten , und was denkst Du von Deinem Mädchen , daß es so leichtfertig geworden ! Ja diesmal wurde ich leichtfertig , und zwar mit einem Freund von Dir . - Es klingelt , hastig springe ich an die Haustür , um zu öffnen ; ein Mann in schwarzer Kleidung , ernsten Ansehens , etwas erhitzten Augen tritt ein , - noch ehe er seinen Namen genannt oder gesagt , was sein Verlangen ist , küßt er mich ; noch ehe ich mich besinnen konnte , geb ich ihm eine Ohrfeige , und dann erst seh ich ihm ergrimmt ins Antlitz und erkenne ein freundliches Gesicht , das gar nicht erschreckt und nicht erbittert über mein Verfahren zu sein scheint ; um meiner Verlegenheit zu entgehen - denn ich wußte nicht , ob ich Recht oder Unrecht getan hatte - öffne ich ihm rasch die Türen zu den Zimmern der Großmutter . Da war nun meine Überraschung bald in Schrecken umgewandelt , da diese mit der höchsten Begeistrung ausrief , einmal über das andre : » Ist es möglich ? Herder , mein Herder ! Daß euer Weg euch zu dieser Grillentür führt ? - Seid tausendmal umarmt ! « Und hier folgten diese tausend Umarmungen , während denen ich mich leise davonschlich und wünschte , es möge in diesem Schwall von Liebkosungen die eine untergehen , die ihm mit einer Ohrfeige war beantwortet worden . Allein , dem nicht so , er vergaß weder Kuß noch Ohrfeige , er schielte , an das Herz der Großmutter von ihren umfassenden Armen gefesselt , über ihre Achsel hinaus , nach der Enkelin und machte ihr einen bittenden Vorwurf . Ich verstand ihn sogleich und machte mich ihm auch verständlich , er sollte mich nicht verklagen , sonst wolle ich mich rächen , und schlich hinter die Vorzimmer . Allein Herder hatte keine Andacht mehr für die Großmutter , für ihre schönen Erinnerungen aus der Schweiz , für ihre Mitteilungen aus den Briefen von Julie Bondeli , für ihre Schmeichelreden und begeisterte Lobsprüche , für ihre Reden von gelehrten Dingen . Er fragte , ob sie ihm nicht ihre Enkelkinder wolle zeigen ? So wurden wir ihm denn alle drei feierlich vorgeführt und von der Großmutter zugleich belehrt , wie glücklich wir seien , ihn zu sehen und von ihm gesegnet zu sein . Er war auch gar nicht faul , ging rasch auf mich zu , legte mir die Hand auf den Kopf , unter welcher ich ihn drohend ansah , und sagte langsam und feierlich : » Diese da scheint sehr selbständig , wenn Gott ihr diese Gabe als eine Waffe für ihr Glück zugeteilt hat , so möge sie sich ihrer ungefährdet bedienen , daß alle sich ihrem kühnen Willen fügen und niemand ihren Sinn zu brechen gedenke . « Ziemlich verwundert war die Großmutter über diesen wunderlichen Segen , noch mehr aber , daß er die Schwestern nicht segnete , die doch ihre Lieblinge waren . Wir wurden entlassen und gingen in den Garten ; - wir trugen damals breite Schärpen von blau und weiß geflammter Seide , auf dem Rücken waren sie in Schleifen gebunden , die in der vollen Breite , welche wohl eine Elle betrug , ausgebreitet waren , so daß sie gleichsam Schmetterlingsflügel bildeten . Während ich in meinem Blumenbeet arbeitete , haschte mich einer an diesen Flügeln ; es war Herder . » Siehst du , kleine Psyche « , sagte er , » mit den Flügeln genießt man wohl die Freiheit , wenn man sie zu rechter Zeit zu brauchen weiß , aber an den Flügeln wird man auch gefangen , und was gibst du , daß ich dich wieder loslasse ? « - Er verlangte einen Kuß , ich verneigte mich und küßte ihn , ohne das Geringste einzuwenden . Der Kuß des geretteten Franzosen war ganz im Einverständnis meiner Empfindung , ich kam ihm auf halbem Weg entgegen , und doch war er unmittelbar darauf vergessen , und jetzt erst , nach sechs Jahren , tauchte er aus meiner Erinnerung auf als eine neue Erscheinung . Herders Kuß war von meiner Seite ganz willenlos oder eher unwillig angenommen , und doch hab ich ihn nicht vergessen ; ich konnte in erster Zeit den Eindruck nicht verwinden , er verfolgte mich im Traum ; bald war mir ' s , als habe ich wider meinen Willen etwas weggeschenkt , bald überraschte es mich , daß dieser große bedeutende Mann mich so dringend aufgefordert hatte , ihn zu küssen , dies war mir eine rätselhafte Erfahrung . Herder sah mich so feierlich an , nachdem er mich geküßt hatte , daß mich ein Schauer befiel ; der rätselhafte Name Psyche , dessen Bedeutung ich nicht verstand , versöhnte mich einigermaßen mit ihm , und wie denn manches Zufällige , was vielen unscheinbar vorüberschweift , einen tief rührt und eine währende Bedeutung für ihn gewinnt , so war mir dies unbegriffne Wort Psyche ein Talisman , der mich einer unsichtbaren Welt zuführte , in der ich mich unter diesem Namen begriffen dachte . So lehrte mir Amor das Abc , und in meiner Geisblattlaube , in der die Spinnen rund um mich her dem beflügelten Insektenvolk Netze stellten , seufzte die kleine beflügelte Psyche über dieser problematischen Lektion . Ach Herr ! - Im Anfang des Jahres ist die Sonne mild , sie schmeichelt den jungen Trieben , dann spaltet sie die Keime und wird immer dringender , die geöffnete Knospe kann sich nicht wieder in die kühle Kammer bewußtloser Dunkelheit verschließen , ihre Blüte fällt dem glühenden Strahl , der sie erst lockte , als Opfer . Dritter Kuß Der blinde Herzog vom Aremberg , der schöne , dessen Zügen die geheiligte Würde der Legitimität aufgeprägt war , wollte gegen meinen Willen mir diesen Kuß geben , ich aber war wie die schwankende Blume im Winde , die der Schmetterling vergeblich umtanzt . Laß Dir ' s erzählen und ausmalen mit diesen bunten Farben aus dem Muschelkasten des Kindes , mit denen ich damals noch meine Welt ausmalte und sie verstand , und Du wirst sie auch verstehen und Dich freuen , daß Du mit mir in den Spiegel siehst , in dem ich mich erkenne und den Genius , der mich zu Dir lenkt . Er war schön , der Herzog ! - Schön für das großgewölbte Kinderauge , das noch kein Menschenantlitz erblickt hatte , dessen Züge Geist ausströmten . Wenn er stundenlang bei der Großmutter saß und sich von ihr erzählen ließ , stand ich neben ihm und starrte ihn an : ich war in Betrachtung dieser reinen erhabenen Züge versunken , die dem gewöhnlichen Menschen nie geschenkt werden . Die reine , starke Stirn , deren Mitte eine Feuerstelle hatte für den göttlichen Brand des Zorns , diese Nase , höher , kühner , trotzbietender als sein schauerliches Schicksal , diese feinen feuchten Lippen , die mehr als alles andre Befehl und Herrscherwürde aussprachen , die Luft tranken und ausseufzten die tiefste Melancholie , diese feinen Schläfe , sich an den Wangen niederschmiegend zum aufgeworfnen Kinn , wie der metallne Helm der Minerva ! - Laß mich malen , Goethe , aus meinem kleinen Muschelkasten , es wird so schön ! Sieh sie an , die grellen abstechenden Farben , die der philosophische Maler vermeidet , aber ich , das Kind , ich male so ; und Du , der dem Kinde lächelt wie den Sternen , und in dessen Begeistrung Kindereinfalt sich mischt mit dem Seherblick des Weisen , freue Dich der grellen bunten Farben meiner Phantasie . So war er , der schöne , blinde Herzog , so ist er noch jetzt in dem Zauberspiegel der Erinnerung , der alle Bilder meiner Kindheit gefesselt hält , der sie in Perlen reiht und Dir als Opfer zu Füßen legt ; so war seine Gestalt oft niedergebeugt im Schmerz um die erblindete Jugend , dann stolz erstreckt , sich aufrichtend , heiter verächtlich ironisch lächelnd , wenn er die tiefversunknen Augensterne gegen das Licht wendete . Da stand ich und starrte ihn an , wie der Schäferknabe tief vergessen seiner Herde und seines Hundes , den an den einsamen Felsen geschmiedeten , von der abgewendeten Welt unbeklagten Prometheus anstarrt ; da stand ich und saugte den reinen Tau , den die tragische Muse aus ihrer Urne sprengt , um den Staub der Gemeinheit zu dämpfen , indem ich in tiefer , bewußtloser Betrachtung über ihn versunken war . - Es war in seinem zwanzigsten Jahr , im tollen , glühenden Übermut der Jugend , im Gefühl seiner überwiegenden Schönheit und im geheimen Bewußtsein alles dessen , was dieser zu Gebot stand , daß er am Tag der Jagd über die gedeckte Tafel sprang , mit seinen Sporen das Tischzeug mit Service und Prachtaufsatz auf die Erde riß und am Boden zerschmetterte , um seinem liebsten Freund an den Hals zu springen , ihn zu umarmen , mit ihm tausend Abenteuer zu besprechen . Sie teilten sich auf der Jagd , und der erste Schuß , den der Freund tat , war in beide Augensterne des Herzogs . Ich habe den Herzog nie bedauert , ich bin nie zum Bewußtsein über sein Unglück gekommen ; so wie ich ihn sah , erschien er mir ganz zu sich und seinem Schicksal sich verhaltend , ohne Mangel ; wenn ich andre hörte sagen : » Wie schade , wie traurig , daß der Herzog blind ist ! « so fühlte ich ' s nicht mit , im Gegenteil dachte ich : » Wie schade , daß ihr nicht alle blind seid , um die Gemeinheit eurer Züge nicht mit diesen vergleichen zu dürfen ! « Ja Goethe ! Schönheit ist ja das sehende Aug Gottes , Gottes Auge , auf welchem Gegenstand es mit Wohlgefallen ruht , erzieht die Schönheit , und ob der Herzog auch nicht gesehen habe , - er war dem göttlichen Licht vermählt durch die Schönheit , und dies war allemal nicht das bitterste Schicksal . Wenn ich so neben ihm stand und in Gedanken versunken mit ihm seufzte , da fragte er » Qui est là ? - Bettine ! Amie viens que je tauche tes traits , pour les apprendre par coeur ! « Und so nahm er mich auf den Schoß und fuhr mit dem Zeigefinger über meine Stirn , Nase und Lippen und sagte mir Schönes über meine Züge , über das Feuer meiner Augen , als ob er sie sehen könne . Einmal fuhr ich mit ihm von Frankfurt nach Offenbach zur Großmutter , ich saß neben ihm , er fragte , ob wir noch in der Stadt seien , ob Häuser da seien und Menschen ? - Ich verneinte es , wir waren auf dem Land , da verwandelte sich plötzlich sein Gesicht , er griff nach mir , er wollte mich ans Herz ziehen , ich erschrak ; schnell wie der Blitz hatte ich mich den Schlingen seiner Arme entzogen und duckte nieder in der Ecke des Wagens ; er suchte mich , ich lachte heimlich , daß er mich nicht fand , da sagte er : » Ton coeur est-il si méchant pour mépriser , pour se jouer d ' un pauvre aveugle ? « Da fürchtete ich mich der Sünde meines Mutwillens , ich setzte mich wieder an seine Seite und ließ ihn gewähren , mich an sich ziehen , mich heftig an sein Herz drücken , nur mit dem Gesicht beugte ich aus und gab ihm die Wange , wenn er nach dem Mund suchte . Er fragte , ob ich einen Beichtvater habe ? - Ob ich diesem erzählen werde , daß er mich geküßt habe ? Ich sagte naiv schalkhaft : wenn er glaube , daß dies dem Beichtvater Vergnügen machen werde , so wolle ich ' s ihm erzählen . » Non , mon amie , cela ne lui plaira pas , il n ' en faut rien dire , cela ne lui plaira absolument pas , n ' en dites rien à personne . « In Offenbach erzählte ich ' s der Großmutter , die sah mich an und sagte : » Mein Kind ! Ein blinder Mann , ein armer Mann ! « - Im Nachhausefahren fragte er , ob ich der Großmutter gesagt habe , daß er mich geküßt habe ; ich sagte » ja « . » Nun , war die Großmutter bös ? « - » Nein « , » Et bien ? Est ce quelle n ' a rien dit ? « . - » Oui ! « . - Et quoi ? « - » Ein blinder Mann , ein armer Mann ! « » O qui ! « rief er , » elle a bien raison ! Ein blinder Mann , ein armer Mann ! « und so rief er einmal ums andre : » Ein blinder Mann , ein armer Mann ! « bis er endlich in einen lauten Schrei der Klage ausbrach , der mir wie ein Schwert durchs Herz drang , aber meine Augen blieben trocken , während seinen erstorbenen Tränen entfielen . Dem Herzog ist seitdem ein feierliches Monument in meinem Herzen errichtet . * * * Wir hatten einen schönen Garten am Haus , Ebenmaß und Reinlichkeit war seine Hauptzierde , an beiden Seiten liefen Spaliere hin mit ausländischen Fruchtbäumen , im mitten Gang standen diese Bäume so edel , so hoch , so frei von jedem Fehl , sie hingen ihre schlanken Äste schwertragend im Herbst an den Boden , es war so still in diesem Garten wie in einem Tempel , im Eingang waren auf beiden Seiten zwei gleichmäßige Teiche , in deren Mitte Blumeninseln waren , hohe Pappeln begrenzten ihn und vermittelten die Nachbarschaft zu den Bäumen in den angrenzenden Gärten . Denke doch , wie es mir da erging , wie da alles so einfach war und wie ich Deiner bewußt ward . Warum wühlt ' s mir im Herzen , wenn ich mich dran erinnere , daß die Blütenkätzchen von den Pappeln und diese braunen klebrigen Schalen von den Knospen mich beregneten , wie ich da so still in der Mittagsstunde saß und dem Streben der jungen Weinranken nachspürte , wie die Sonnenstrahlen mich umwebten , die Bienen mich umsummten , die Käfer hin und her schwirrten , die Spinne ihr Netz ins Gitter der Laube hing ? - In solcher Stunde bin ich Deiner zum erstenmal innegeworden . - Da lauschte ich , da hörte ich in der Ferne den Lärm der Welt , da dachte ich : du bist außer dieser Welt , aber mit wem bist du ? - Wer ist bei dir ? - Da besann ich mich auf nah und fern , da war nichts , was mir angehörte . Da konnte ich nichts erfassen , mir nichts denken , was mein sein könne . Da trat zufällig , oder war ' s in den Wolken geschrieben , Deine Gestalt hervor ; ich hatte von Dir nichts weiter gehört als Tadel , man hatte in meiner Gegenwart gesagt : Goethe ist nicht mehr so wie sonst , er ist stolz und hochmütig , er kennt die alten Freunde nicht mehr , seine Schönheit hat gewaltig abgenommen , und er sieht nicht mehr so edel aus wie sonst ; noch manches wurde von der Tante und Großmutter über Dich gesprochen , was zu Deinem Nachteil war . Ich hatte es nur im Vergessen angehört ; denn ich wußte nicht , wer Du seist . - Jetzt in dieser Einsamkeit und abgeschloßnen Stille unter den Bäumen , die eben blühen wollten , da kamen diese Reden mir wieder ins Gedächtnis , da sah ich im Geist , wie die Menschen , die über Dich urteilen wollten , unrecht hatten , ich sagte zu mir selbst : Nein ! Er ist nicht unschön , er ist ganz edel , er ist nicht übermütig gegen mich . Trotzig ist er nur gegen die Welt , die da draußen lärmt , aber mir , die freundlich von ihm denkt , ist er gewogen , und zugleich fühlte ich , als ob Du mir gut seist , und ich dachte mich von Deinem Arm umfaßt und getrennt durch Dich von der ganzen Welt , und im Herzen spürte ich Dir nach und führte freundliche Gespräche in Gedanken mit Dir , da kam nachher meine Eifersucht , wenn man von Dir sprach oder Deinen Namen sagte , es war , als habe man Dich aus meiner Brust gerufen . Vergesse nicht , Goethe , wie ich Dich lieben lernte , daß ich nichts von Dir wußte , als daß man Dich in meiner Gegenwart böslich erwähnt hatte ; die Tante sprach von Deiner Freigeisterei , und daß Du nicht an den Teufel glaubst , ich glaubte auf der Stelle auch nicht an den Teufel und war ganz Dein und liebte Dich , ohne zu wissen , daß Du der Dichter seist , von dem die Welt so Großes spreche und erwarte , das kam alles später ; damals wußt ich nur , daß die Leute Dich tadelten , und mein Herz sagte : Nein , er ist größer und schöner als alle , und da liebte ich Dich mit heißer Liebe bis auf heut und trotzte der ganzen Welt bis auf heut , und wer über Dich sprach , von dem wendete ich mich ab , ich konnte es nicht anhören . Wie ich aber endlich Deine Herrlichkeit fassen sollte , da dehnten mir große Schmerzen die Brust aus , ich legte in Tränen mein Angesicht auf das erste Buch , was ich von Dir in Händen bekam , es war der Meister , mein Bruder Clemens hatte es mir gebracht . Wie ich allein war , da schlug ich das Buch auf , da las ich Deinen Namen gedruckt , den sah ich an als wie Dich selber . Dort auf der Rasenbank , wo ich wenig Tage vorher zum erstenmal Deiner gedacht und Dich im Herzen in Schutz nahm , da strömte mir eine von Dir geschaffne Welt entgegen , bald fand ich die Mignon , wie sie mit dem Freund redet , wie er sich ihrer annimmt , da fühlte ich Deine Gegenwart , ich legte die Hand auf das Buch , und es war mir in Gedanken , als stehe ich vor Dir und berühre Deine Hand , es war immer so still und feierlich , wenn ich allein mit dem Buch war , und nun gingen die Tage vorüber , und ich blieb Dir treu , ich hab an nichts anders mehr gedacht , womit ich mir die Zeit ausfüllen solle . Deine Lieder waren die ersten , die ich kennen lernte , o wie reichlich hast Du mich beschenkt für diese Neigung zu Dir , wie war ich erstaunt und ergriffen von der Schönheit des Klangs , und der Inhalt , den ich damals nicht gleich fassen konnte , wie ich den allmählich verstehen lernte , was hat dies alles in mir angeregt , was hab ich erfahren und genossen und welche Geschicke hab ich erlebt , wie oft hat Eifersucht gegen diese Lieder mich erregt , und in manchen , da fühlte ich mich besungen und beglückt . - Ja , warum sollte ich mich nicht glücklich träumen ? - Welche höhere Wirklichkeit gibt es denn als den Traum ? - Du wirst nie im Schoß des ersehnten Glückes finden , was Du von ihm geträumt hattest . - Jahre gehen dahin , daß einer dem andern sich nahe wähnt , und doch wird sich nie die eigentümliche Natur ans Licht wagen , der erste Augenblick freier unbedingter Bewegung trennt Freundschaft und Liebe . Die ewige unversiegbare Quelle der Liebe ist ja eben , daß sie Geheimnisse in ihren klaren Wellen führt . Das Unendliche , der Sehnsucht Begehrliche des Geistes ist aber , daß er ewige Rätsel darlege . Drum mein Freund , träume ich , und keine Lehren der Weisheit gehen so tief in mich ein und begeistern mich zu immer neuen Anschauungen wie diese Träume ; denn sie sind nicht gebaut auf Mißverständnisse , sondern auf das heilige Bedürfnis der Liebe . - Mein erstes Lesen Deiner Bücher ! Ich verstand sie nicht , aber der Klang , der Rhythmus , die Wahl der Worte , denen Du Deinen Geist vertrautest , die rissen mich hin , ohne daß ich den Inhalt begriff , ja , ich möchte sagen , daß ich viel zu tief mit Dir beschäftigt war , als daß die Geschichte Deiner Dichtungen sich hätte zwischen uns drängen können ; ach , es hatte mir niemand von Dir gesagt , er ist der größte , der einzige Mensch unter allen , ich mußte es alles selbst erfahren , wie ich Deine Bücher allmählich verstehen lernte , wie oft fühlte ich mich beschämt durch diese machtausübenden Begeistrungen , da stand ich und redete im Spiegel mit mir : » Er weiß von dir nichts , in dieser Stunde läuten ihm andere Glocken , die ihn da- und dorthin rufen , er ist heiter , der Gegenwärtige ist ihm der Liebste , armes Kind ! Dich nennt sein Herz nicht « , da flossen meine Tränen , da hab ich mich getröstet und hatte Ehrfurcht vor dieser Liebe als vor etwas ganz Erhabnem . Ja , es ist wahr , es ist ein höherer Mensch innewohnend , dem sollen wir immer nachgehen , seinem Willen Folge leistend , und keinem andern sollen wir Altäre bauen und Opfer bringen , nichts soll außer ihm geschehen , wir sollen von keinem Glück wissen als nur in ihm . So hab ich Dich geliebt , indem ich dieser inneren Stimme willfahrte , blind war ich und taub für alles , kein Frühlingsfest und kein Winterfest feierte ich mit , auf Deine Bücher , die ich immer lesen wollte , legte ich den Kopf und schloß mit meinen Armen einen Kreis um sie , und so schlief ich einen süßen Schlaf , während die Geschwister in schönen Kleidern die Bälle besuchten , und ich sehnte mich , immer früher zum Schlafen zu kommen , bloß um da zu sein , wo ich Dir näher war . So ging die Zeit zwischen sechzehn und achtzehn Jahren hin , dann kam ich zu Deiner Mutter , mit der ich von Dir sprach , als ob Du mitten unter uns seist , dann kam ich zu Dir und seitdem weißt Du ja , daß ich nie aufgehört habe , mit Dir innerhalb dieses Kreises zu wohnen , den ein mächtiger Zauber um uns zieht . Und Du weißt von da an alles , was in meinem Herzen und Geist vorgeht , drum kann ich Dir nichts anders mehr sagen , als zieh mich an Dein Herz und bewahr mich an demselben Dein Leben lang . Gute Nacht , morgen reise ich in die Wetterau . * * * Reise in die Wetterau Wie es hier aussieht , das muß ich Dir beschreiben . Eine weite Ebne , lauter Korn , von allen Seiten , als wär die Erde ein runder Teller , aber doch mit einem Rand ; denn sanft schwillt die Fläche in die Runde bergan , abwechselnd umkränzt von Wald und Berggipfeln . Da stehe ich in der Mitte im wogenden Korn ! Hätte ich Pfeil und Bogen und schösse nach allen Richtungen vom Mittelpunkt aus , so würde mein Pfeil einer alten Burg zufliegen , ich lauf nach allen Seiten , und wo eine auftaucht , da wandre ich hin ; da hab ich manchen Graben zu überspringen , manch Wasser zu durchwaten , Wälder zu durchkreuzen , steile Klippen zu erklettern ; wären ' s Abgründe , reißende Ströme , Wüsteneien und schwindelhohe Felswände , so wär ich der kühnste Abenteurer . - An jeder alten Ruine ein kleines Schwalbennest von Menschenwohnung angemörtelt , wo wunderliche steinalte Leute wohnen , abgelöst von den meisten Beziehungen mit ihresgleichen , und doch mit einem herzrührenden wolkendurchblitzten Blick versehen . - Gestern gingen wir wohl eine gute Stunde durch schön geordnete Traubengänge , bis wir an die steile Höhe kamen , wo die Festungsmauern beginnen und das Hinansteigen nur durch Geübtheit oder Kunstsprünge erleichtert wird . Da oben haben sich ein paar mitleidige Birnbäume erhalten und Eichen mit großem , breitem Laubdach und eine Linde im schwimmenden , heißen Dampf ihrer Blüte . Mitten in dieser ehrwürdigen Gesellschaft , den Zeugen früherer Tage , lag auf spärlichem Rasen ein alter Mann mit silbernem Haar und schlief . Das unreife Obst , was von den Bäumen gefallen war , lag gesammelt an seiner Seite , seinen Händen war wahrscheinlich das danebenliegende , sehr zerlesene offene Gesangbuch entfallen , auf das ein schwarzer Hund mit glühenden Augen die Schnauze gelegt hatte ; er machte Miene zu bellen , allein um seinen Herrn nicht zu wecken , hielt er an sich , wir auch gingen im weiteren Kreise um das kleine Revier , um dem Hund zu zeigen , daß wir keine böse Absicht hatten . Aus dem Speisekorb nahm ich ein weißes Brot und Wein , ich wagte mich , so nah mir der Hund erlaubte , und legte es hin , dann ging ich nach der andern Seite und übersah mir das Tal ; es war geziert mit Silberbändern , die ins Kreuz die grünen Matten einschnürten , der schwarze Wald umarmte es , die fernen Bergkuppen umwachten es , die Herden wandelten über die Wiesen , die Wolkenherde zog der Sonne nach , von ihrem Glanz durchschimmert , und ließ die blasse Mondessichel allein stehen , dort über dem schwarzen Tannenhorst ; so umwandelte ich rund meine Burg und sah hinab und hinauf , überall wunderliche Bilder , hörte schwermütige Töne und fühlte leises , schauerliches Atmen der Natur , sie seufzte , sie umschmeichelte mich wehmütig , als wolle sie sagen : » Weine mit mir ! « - Ach , was steht in meiner Macht ? - Was kann ich ihr geben ! Da ich zurückkehrte , sah ich im Vorübergehen den Alten unter dem Baum mit dem Hund , der aufrecht vor ihm saß und ihm in den Mund sah , das weiße Brot verzehren , was ich bei ihn gelegt hatte . * * * Gegenüber liegt eine andre Burg , da wohnt als Gegenstück eine alte Frau , umgeben von drei blonden Enkel-Engelsköpfchen , wovon das älteste drei Jahr und das jüngste sechs Monate ist . Sie ist nah an siebenzig Jahre und geht an Krücken ; im vorigen Jahr war sie noch rüstig , erzählte sie , und hatte vom Schulmeister den Dienst , die Glocken zu läuten , weil die Kirche höher lag wie das Dorf und näher an der alten Burgruine ; ihr Sohn war Zimmermann , er ging in der kalten Weihnachtszeit in den Wald , um Holz zu fällen und zum Bau zu behauen , er kam nicht wieder , - er war erfroren im Wald . Da man ihr die Nachricht brachte , ging sie hinab in den Wald , um ihn noch einmal zu sehen , und da fiel sie zusammen und erlahmte , man mußte sie wieder die steilste Anhöhe hinauftragen , von der sie nun nicht wieder herabkommt . » Ich sehe alle Abend die Sterne , die auf mein Grab scheinen werden , und das freut mich « , sagte sie , » ich habe Friede geschlossen mit allen Menschen und mit allem Schicksal , der Wind mag brausend daherfahren , wie in der Bibel stehet , und den alten Eichen den Hals umdrehen , oder die Sonne mag meine alten Glieder erwärmen , - ich nehme alles dahin . Friede mit allen Dingen macht den Geist mächtig - der wahre Friede hat Flügel und trägt den Menschen noch bei Leibes Leben hoch über die Erde dem Himmel zu , denn er ist ein himmlischer Bote und zeigt