dem , der sich diesem göttlichen Strahle verschließt , und in eigener Lust sich der allgemeinen Liebe verschließt ; immer enger ziehen sich die Schranken seiner Gedanken , er glaubt die Welt zu gewinnen und verliert sich selbst , alles entfremdet sich ihm , er versteht keine gute Seele und keine gute Seele versteht ihn mehr , und seine Liebe und sein Haß und seine Taten und sein Leben , alles ist scheinbar und nichtig . Ein Tag innerer Versündigung kann den Menschen um ein halbes Jahrhundert an Geist , Erkenntnis und Durchdringung alles Lebendigen schwächen und veralten - wie der Schäfer in alter Erzählung , von bösen Geistern in einer Zauberhöhle festgehalten , heimkehrt und nur einen Tag versäumt zu haben meint , aber die Welt , die Jahrhunderte fortgerückt ist , weder kennt noch versteht , auch sein Haus nicht wiederfinden kann , so geschieht auch dem Sünder ; darum hütet euch vor dem ersten Falle , die ihr das Licht und die Anschauung der Welt liebt . Seit jener unseligen Nacht am Ätna , in der die Fürstin sich ihrer Leidenschaft , die sie vorher noch zu bekämpfen strebte , ganz hingegeben , war ihr der Geist in allen seinen Kreisen verwirrt und verfälscht ; mit keiner Seele konnte sie sich eigentlich verständigen , in allen Wesen irrte sie sich . In Kleliens Gesellschaft ergriff sie eine wunderliche Beklemmung , sie haßte sie deswegen heimlich und wußte sich den Grund nicht anzugeben . Gegen Dolores empfand sie ein eigenes Mitleiden , das sie sich nicht gestehen wollte , deswegen machte sie sich oft unter mancherlei Vorwand von der Gesellschaft los . Der Graf hatte allmählich durch ein tieferes Eindringen in die Künste ein gewisses sinnendes Wesen bekommen , das ihn der Fürstin noch reizender darstellte , ihn aber noch viel mehr verhinderte , die Leidenschaft , die sie für ihn gefaßt und der sie nachhing , zu bemerken ; er meinte in der Achtung , die er gegen sie hegte , dies sei die höchste ideale Freundschaft , die je ein Weib erfaßt . Sie glaubte in jener Sinnigkeit seines Wesens , die bei dem ernsten Ausdrucke seines Gesichtes , bei dem Schwärmerischen seiner Augen einen eigentümlichen Ausdruck hatte , eine Trauer über seine gegenwärtigen Verhältnisse zu entdecken , ja sie deutete diese und die schöne Aufmerksamkeit , mit der er jeden ihrer Wünsche zu befriedigen suchte , als eine liebevolle Erinnerung jener Nacht , von der er nur aus Rücksicht für ihr Zartgefühl nicht zu sprechen wagte . Der Graf war nie so heiter in sich gewesen , als in dieser Zeit , nie so voll in Gedanken , nie so fertig und reich in allen seinen Tätigkeiten ; was er unternahm , gelang und Klelie hatte sich nicht mehr zu beklagen , daß er seine gemeinnützigen Arbeiten über eigne Ausbildung versäume . Die Fürstin gab ihm mit ihrer Empfänglichkeit für jede Kunst , mit ihrem freien Urteile alles das , was er je in seiner Nähe vermißt hatte ; sein Leben hatte etwas himmlisch Vollendetes , wie es auf Erden nur kurze Zeit dauert und meist in seiner höchsten Erwartung gestört wird . Vielleicht mochte sich auch die Fürstin in ihrer Wahrnehmung über eine gewisse Traurigkeit in ihm nicht ganz irren , sie irrte sich nur in der Ursache . Es ist die Natur vieler Menschen , wenn sie sich recht wohl fühlen , blaß zu erscheinen , während sich eine Kränklichkeit durch eine scheinbar blühende Farbe verkündet : so zeigte auch wohl der Graf in den Stunden seines höchsten geistigen Wohlseins und schöner Erfindsamkeit eine sanfte sinnige Trauer , die in dem Sonnenglanze des Glücks den Augen so wohltuend erscheint wie die dunklere Farbe alles Grüns in den heißen Sommermonaten ; diese träumerische Fülle einer Brust , in der nichts widersprechend , weil alle abwechselnden Schwingungen der Freude zu einem gleichen neuen Tone verschwingen , erschloß eine wunderbare Landschaft , die freilich auf unserm Erdboden unmöglich , wo die Lage der Felsen gegen einander einem gewissen Gesetze gehorchet , die aber auf einem anderen Planeten wohl denkbar wäre , und gönnt die Zeit Dauer , so erscheint sie bald in den wunderbaren Taten , bald in den wunderbaren Kunstdarstellungen sichtbar und erfreulich für viele . - Unserm Grafen sollte diese Dauer nicht werden ! - Die Besorgnisse der Gräfin Dolores waren durch manche Zufälligkeiten , die einem besorgten Gemüte niemals fehlen , sehr gesteigert worden ; der Graf , der allerlei Arbeiten mit frischer Liebe umarmte , hatte sie in der letzten Zeit seltener und flüchtiger besucht , bei der Fürstin dagegen hatte er sich oft lange verweilt , weil diese an allen den Arbeiten den lebendigsten und gebildetsten Anteil nahm , mit ihrem Urteile aufmerksamer machte , mit ihrem verständigen Beifalle ermunterte . Dolores hatte in dieser Zeit oft an ihren Johannes denken müssen , es tat ihr weh , daß er alle Belustigungen der andern Kinder , ihre kleinen Reisen , nicht mitgenießen durfte ; sie glaubte sich verpflichtet und tat es so gern , ihm recht oft schriftliche Nachricht von den Seinen nach dem Kloster zu schicken ; die Gesinnung des Sohnes hatte diesem Briefwechsel bald eine sehr ernste religiöse Gesinnung mitgeteilt . Heimlich trug sie sich schon lange mit einem Plane , den ihr Klelie vergebens auszureden suchte , ihrem Johannes in Rom die Erlaubnis zu schaffen , aus dem Kloster in den ritterlichen heiligen Johanniterorden überzugehen ; dem Grafen war dieser Plan sehr angenehm ; aber sie wußte nicht , wie sie es dem Sohne auf eine recht reizende Art darstellen könnte . Ihr letzter Brief an ihn trug es ihm endlich ausführlich vor , wie viel Glück noch in der Welttätigkeit warte , wie leicht er noch dazu gelangen könne , er schloß sich mit den Worten : » Lieber Sohn , wenn ich Deines Vaters tiefe unerschöpfliche Heiterkeit betrachte , diese Unendlichkeit , die sich seinem Gemüte in jedem Kreise erschließt und wohltuend zu allen spricht , und soll dies alles nicht achten und nur für das Glück , für die Heiligung jenseit des Grabes ihm einen Aufenthalt wünschen und erflehen , sieh , da stehen meine Gedanken stille , ich kann nicht glauben , daß diese Erde einer edlen Seele je ein bloßes Jammertal werden könne , ich kann dieses Leben nicht jenem aufopfern . Denk ich aller Tätigkeit , die Dein Vater auf dieses Leben verwendet , so vieler Erfolge , die ihm geworden , so vieler , die ich mit Zutrauen erwarte , denk ich meines eignen Herzens und meiner ganzen Sinnesart , die er in zärtlicher Liebe ohne Härte , ohne Zwang gebessert hat , es ist mir unmöglich zu sagen , dies alles sei eitel und nichtig , und ich hätte eigentlich alle meine Gedanken auf Gott zu richten und seiner zu vergessen . Dieser Tätigkeit für andre bist Du durch das Klosterleben für immer entzogen , Du siehst die Menschen selten und nur in ihrem tiefsten Kummer , im Aufhören ihres Lebens usw. « Erst am vierzehnten Juli , es war der Tag ihrer alten Schuld , an welchem sie immer früh aufstand , um lange beten zu können , erhielt sie die Antwort ihres Johannes , er lehnte das Anerbieten ab , nicht weil er sein jetziges Leben für löblicher halte , sondern weil es ihm notwendig , ihm Bestimmung sei ; übrigens erklärte er sich ganz frei , daß er ihre Gesinnung über das Glück und die Tätigkeit dieses Lebens teile , daß diese Meinungen von der Eitelkeit und Nichtigkeit dieser Welt Mißverständnisse wären , daß unser Glaube eine Religion des Lebens , weder der Freude noch des Jammers einzeln und abgesondert sei , daß ihn dies vor allen auszeichne , die entweder die Not der Welt hinter Lügen zu verstecken suchten , oder den armen Menschen in seinem Jammer und Not und Schwachheit mit hämischer List anfielen , um ihn sich zuzueignen ; daß aber die letzte Art leider auch manchen so genannten christlichen Lehrer verführe . Er schloß mit den Worten : » Du siehst liebe Mutter , daß ich mit dem reinsten Ausdrucke meines Glaubens mich nur wenigen in meinem Kloster verständigen kann , nie werde ich darum streiten , denn Christus , der aller Welt und allen Völkern in so verschiedener Gestalt erschienen , allen als Hingebung und Aufopferung aus Liebe , warum sollte der uns im Kloster , die wir aus verschiedenen Völkern , Ständen und Bildungen zusammengekommen , in der Betrachtung gleich sein ; in unsern Herzen fühlt er sich gleich . « Dieser Brief hatte die Mutter ungemein getröstet ; welche Freude ist es einer Mutter , von ihrem Sohne belehrt zu werden , sie dankte dem Himmel in ihrer Kammer für die gnädige Führung ihres Lebens und segnete ihre Kinder , die vor dem Fenster sich auf einem Platze herumtummelten . Mitten in dieser Freude überraschte sie der quälende Gedanke , warum der Graf sie den Morgen nicht besucht habe , und während sie noch darüber nachsann , sah sie ihn , mit der Gitarre eilig nach dem Gartenhause der Fürstin gehen , sie erschrak und wollte es sich nicht gestehen warum ; auch ihrer Schwester gestand sie es nicht , die zu ihr ins Zimmer trat und sie in Tränen fand ; doch hatte diese geliebte Schwester bald die Freude , sie mit mancher Erzählung von glücklichen Einfällen der Kinder zu einer heitern Laune über zu führen . So wenig Klelia sonst sprach , so unerschöpflich war sie , jedem Traurenden etwas mitzuteilen , was ihn beruhigen oder zerstreuen konnte . Als die Herzogin sie verlassen , blickte Dolores noch einmal ein schönes Christusbild an , das den kleinen Altar erfüllte , sie schlug die Bibel auf und wurde mit ihren Augen zufällig auf den Spruch geführt , den Christus zu dem armen Sünder sagte : » Wahrlich ich sage dir , heute wirst du mit mir im Paradiese sein . « - Sie ging zu ihren Kindern und zu ihren Beschäftigungen ; aber sie konnte den Spruch nicht vergessen , immer stand das Bild vor ihr , milde , doch schmerzlich zu ihr sprechend : » Wahrlich ich sage dir , heute wirst du mit mir im Paradiese sein . « Der Graf hatte diesen Morgen seine Frau nicht vergessen , er wollte sie mit einem angenehmen Geschenke überraschen und der Goldarbeiter in Palermo hatte es nicht beendigt , es war ein breiter Goldring , auf welchem die zwölf Planetenzeichen mit Perlen eingelegt waren ; er sollte zum Ersatz des verlorenen Verlobungsringes dienen und in dem Bilde des ewig sich verjüngenden Jahrs , die ewig sich verjüngende Liebe darstellen . Ungeduldig hatte er am Morgen darauf gewartet , endlich ging er , um mit seiner Ungeduld nicht allein zu sein , zur Fürstin , auch wollte er dort musizieren . Er wußte überdies , daß er seine Frau an diesem Tage noch angenehmer überraschen würde , und fürchtete sich , in dieser Stimmung ihr das ganze Geheimnis , die nahe Ankunft ihres Vaters zu verraten , von dessen Reise er den Tag vorher die erste Nachricht bekommen und von dem er mit Bestimmtheit Briefe in Palermo erwartete . Diese Gedanken machten seine Unterhaltung mit der Fürstin sehr einsilbig , sie setzte ihm nach ihrer Gewohnheit feine Früchte und edlen Wein vor , diesmal Christitränenwein in einem sehr alten Familienbecher , der aus einem Jaspis geschnitten das Haupt der Medusa darstellte , an der die Schlangen als Handhabe geringelt waren ; sie hatte immer eine Freude daran , ihn essen zu sehen , weil er alles mit voller Empfindung genoß . Er ließ diesmal den Becher stehen , versuchte eine Melodie auf der Gitarre , die in seinem Kopfe wogte und immer rührender und anziehender unter seinen Fingern sich gestaltete . Die Fürstin saß auf einem breiten Sessel im Fenster , bald sah sie ihn an , bald stützte sie sich auf ihren Arm , und hörte ihn wie aus weiter Ferne . Wiederum mißdeutete sie das Trauernde seiner Melodie , sie glaubte darin eine verhaltene Sehnsucht ausgedrückt ; er soll nicht mehr leiden , dachte sie , zu lange dauert seine Qual , er ist zu bescheiden , zu fordern , was er meiner Geburt und Bestimmung unangemessen glauben könnte , ich selbst will den Hauptschritt tun und herrscht er dann über mein Land , wie er über mich herrscht , was kümmert ' s ihn , ob er den Titel eines Fürsten tragen darf , er ist ein Zauberspruch , der mächtiger wirkt , je heimlicher er ist gehalten . O Stolz meiner Ahnen , o Stolz meiner Liebe , jener möchte ihn beherrschen und dieser sich ewig ihm unterwerfen ! - Während dieses Selbstgespräch die Fürstin tief in sich beschäftigte , war der Graf mit seiner Melodie fertig geworden , er sang den rührenden Schluß einer Reihe von Romanzen , die das Leben eines unglücklichen Kaisers besingen . Die Fürstin blickte jetzt wieder auf ihn und der Gesang rauschte an ihrem Ohre , wie die Wellen an der Wand eines Schiffes neben einem Schlafenden , der von seiner Heimat träumend die Sichel durchs Korn , die Bäche durch Blumen , die Hirsche durchs Laub , die Jugend im Tanz rauschen hört , bis der Sturm ihn erweckt . Es wird uns schwer auszudrücken , wie es ihr so einzeln ins Herz tönte , als der Graf sang : Der Kaiser flieht vertrieben , Flieht das eigne Land ; Das Heer ist aufgerieben Fliehend seine Schand . Nur die sind ihm geblieben , Die er oft verkannt , Denn streng sind , die uns lieben , Not hat Lieb erkannt . Er grüßt die alten Tage Seiner Jugendzeit , Vergißt der Zeiten Plage In Vertraulichkeit . Die Fürstin hatte von dieser Strophe nichts vernommen , als das liebe Wort Vertraulichkeit . Der Graf sang weiter : Zum Fluß ist er gekommen , Findet keine Brück , Da wird sein Herz beklommen , Er kann nicht zurück . Da kommt ein Schiff mit Netzen : » Schiffer nimm zum Lohn , Willst du uns übersetzen , Meine goldne Kron . « Der Schiffer hat genommen Seine goldne Kron , Doch eh ' er über kommen , War der Feind dort schon . Die Fürstin dachte in sich : Könnte ich ihm nur meine goldne Krone aufsetzen , wie leicht würde mir ! Der Graf » So lieb dir ist dein Leben , Fahr zurück ans Land , Den Schifflohn will ich geben Mit der eignen Hand . « Der Kaiser droht zu schlagen Mit dem goldnen Stab , Doch schnell zurückgetragen , Ihn dem Schiffer gab . Jetzt sah er wie die Feinde Ihn am Ufer sehn , An Freundes Busen weinte , Wollte schier vergehn . Die Fürstin seufzte : » An seinem Busen zu weinen , an seinem Herzen zu vergehen , wie selig ! « Der Graf » Ich hab nichts mehr zu geben , Als den Mantel mein , Der gibt mir Not im Leben , Bald auch Todespein : War meiner Not Beglücken Eurer Tage Preis , Den Purpur reißt in Stücken , Geb ihn allen preis ! « Er faßt , soviel er konnte , Jeder riß sein Stück , Es auf dem Herzen sonnte , Wie ein Stern im Glück . Die Fürstin dachte : Nein , nicht mit einem Zeichen soll er sich begnügen , ganz will ich ihn einhüllen in meinem Purpur , er hat für uns beide Platz , daß ich den Liebling ganz allein mit mir verbinde , ihn aller Welt verstecke . Der Graf Die Stücke heften alle Auf die Kleider fest Und vor dem Feind mit Schalle Halten Ordensfest . Dann stellen sie sich alle Rings zum Kaiser treu , Daß er von einem Walle Rings geschützet sei . Der Purpurstern kann blitzen , Wärmt auch wohl das Herz , Kann nicht als Harnisch schützen Vor der Pfeile Erz . » Ja er muß Sie schützen ! « rief die Fürstin unerwartet laut . Der Graf sagte lächelnd , » ich zweifle « , und sang weiter : » Jetzt flieht ! « befiehlt der Kaiser , » Flieht , ich sterb allein ! « Sie rufen all zum Kaiser : » Das soll nimmer sein , Der Purpur ist zerrissen , Aus ist nun dein Reich , Vor Gott wir stehen müssen Bald mit dir zugleich . Wir wollen hier vergehen , Froh des ew ' gen Muts ; Aus unserm Blut erstehen Rächer deines Bluts . « Die Fürstin hörte jetzt auf die Geschichte und der Graf sang den Schluß : Die Feinde sehn sie blicken , Sehn die Sterne hell , Und ihre Pfeile drücken In die Herzen schnell . Nach aller Edlen Falle , Fällt der Kaiser auch , Sein Segen über alle Ist sein letzter Hauch . Die blut ' gen Purpurstücke Halten frisch die Farb , Der Feind ist groß im Glücke , Nicht den Schmuck verdarb . Der Graf wollte weitersingen , als die Schloßglocke eilfe schlug , nun war die Zeit vorbei , wo er den Ring noch erwarten konnte , er warf die Gitarre fort und sagte der Fürstin , daß er nach Palermo reiten müsse , wo er mit dem Paketboote Briefe von großer Wichtigkeit erwarte , die der Fürstin Freude machen würden , doch bät er sie , seiner Frau nichts davon zu sagen . - Die Fürstin war überrascht von diesem Geheimnisse , das sie der Frau verbergen sollte , ihr war es in dem Augenblicke ganz gewiß , daß ihn dieselben Scheidungspläne von seiner Frau beschäftigten , worüber sie den ganzen Morgen nachgedacht , sie wurde rot , sie fragte nach dem Geheimnisse ; er versagte es ihr aber mit wenigen Worten , bei denen er so bedeutend aussah , daß sie ihre Deutung als unfehlbar betrachtete . Wir wissen die beiden Ursachen seiner kleinen Reise , der Ring und die erwarteten näheren Nachrichten von der Ankunft seines Schwiegervaters , die er allen geheim halten sollte . Der Graf eilte mit einem leichten Handkusse fort , und die Fürstin sah ihm mit dem wunderlichsten Gefühle nach , als er nach flüchtiger Begrüßung seiner Frau den blendend hellen Weg hinunterritt . Sie zählte an den Blumenblättern ab , ob sie sich der Herzogin oder der Gräfin erklären sollte , ihrer Tätigkeit war dieser unerklärte Zustand der drückendste ; Bestimmtheit in allem war nicht bloß ihr Grundsatz , sondern auch ihre Art. Die Herzogin war ihr zu ernst , zu ehrwürdig ; sie überlegte mit pochendem Herzen noch einmal alles und ging dann zur Gräfin . Die Gräfin war nicht allein , die Kinder hatten allerlei heftige Streitigkeiten , die sie zu schlichten suchte , es waren der liebreichen Hyolda allerlei Papiere entrissen , die sie heimlich bewahrt hatte , erst war sie darüber sehr böse gewesen , endlich mußte sie selbst lachen . Die Fürstin wartete mit Ungeduld auf den Augenblick , wo die Kinder entlassen würden ; aber die Herzogin kam früher , es begann ein Gespräch über neue Zeitungen , die sie mitbrachte , inzwischen wurde der Mittagstisch angezeigt , wo einige reisende Fremde die Gesellschaft mit den besten Anekdoten aus ihrem Vaterlande erfreuten , die Fürstin konnte aus Ungeduld nichts essen . Als alle entlassen waren , fand sich die Fürstin endlich mit der Gräfin allein , um die Nachmittagsruhe zu halten , sie brachte zitternd die ersten Worte heraus und bat die Gräfin , die Türen verriegeln zu lassen , weil sie ihr eine merkwürdige Geschichte aus ihrer Familie vertrauen wolle . Die Gräfin erfüllte ihre Bitte . Die Fürstin entwarf nun mit der ganzen Gewalt ihrer Rede ein Gemälde ihres Zustandes und wie sie in des Grafen Seele zu lesen glaubte , wie er zu ihr gezogen werde und seiner Frau doch nicht entsagen könne . Sie wollte eigentlich die wahren Menschen noch nicht erkennbar machen ; aber ihre Heftigkeit hatte alles so deutlich gemacht , daß die Gräfin , die sich in ihrer Seele schämte , mit niedergeschlagenen Augen ihr versicherte ; sie erkenne alle , die sie ihr beschrieben , leider möchte alles wahr sein , es wäre ein schmerzliches Geschick , denn sie wäre innig überzeugt , wenn ein Mann auf Erden ganz schuldlos sei , so wäre es der Graf , auch vertraue sie ihm ganz , er werde das heilige Sakrament der Ehe gegen eine wilde Leidenschaft verteidigen , - aber Trennung sei notwendig und so lieb ihr die Fürstin - sie flehe in ihr die Freundin , die Mutter an , Sizilien bald zu verlassen . Eine so freie Hingebung und Offenherzigkeit hatte die Fürstin nicht erwartet , sie fuhr verlegen in ihrer Erzählung fort , und gestand ihr stammelnd , daß diese Rettung , diese Warnung zu spät ; sie ging in heftiger Bewegung im Zimmer auf und nieder und bekannte in gebrochenen Worten , wie nahe sie sich seit jener Nacht am Ätna dem Grafen verbunden glaube , sie sei mit ihm eins und unzertrennlich , er selbst sei bedacht , heute diese Verbindung zwischen ihnen öffentlich zu begründen , das sei die Ursache seiner Abreise nach Palermo , deren Geheimhaltung er ihr anbefohlen . » Warum wäre er auch nicht mein « , rief die Fürstin mit Begeisterung , » bin ich doch ganz sein ! « - Die Gräfin erblaßte bei diesen Worten , sie litt schon seit einiger Zeit an Ohnmachten ; in süßer Vergessenheit ihres Schmerzes sank sie in die Arme der Fürstin . Jetzt stieg das Mitleid wieder heiß in die Gedanken der Fürstin , es kam ihr der Gedanke , wie dieselbe Frau , die Mittags so fröhlich im Kreise der Ihren gesessen , jetzt bleich und tot in ihren Armen liege , sie fürchtete sich davor , daß der Graf eintreten möchte , alle Aufmerksamkeiten und Liebkosungen , mit denen er so oft in ihrer Gegenwart seine Frau erfreut hatte , fielen ihr ein , und sie wurde auf einmal an der Leidenschaft irre , die sie in ihm vorausgesetzt hatte ; - die menschliche Betrachtung drängt auch in ihrer höchsten Verirrung noch in Augenblicken und gegen den bösen Willen zur Wahrheit und Gerechtigkeit . Angstvoll drückte sie die Ohnmächtige an ihre Brust , die mit Schauder an ihrem Busen erwachte , sich matt erhob , ihre Hände faltete und rief » Gott , du bist gerecht ! « - Der Fürstin klang dieser Ausruf in der Seele wie ein Freudengeschrei wider , es ist doch alles wahr , und noch viel mehr , es wird mir alles noch werden , Glück und Freude , so sagte sie in sich , hier ist ein Geheimnis , das mich beglückt ; sie drang in die schwache Gräfin , ihr alles zu enthüllen , sie wisse alles , sagte sie , Gott sei gerecht , so müsse es kommen , wenn es gleich schmerzlich . - Die Gräfin meinte , der Graf habe der Fürstin jenes Geheimnis , ihre alte Schuld mit dem Herzoge verraten , es tat ihr wehe , aber sie verzieh es ihm , sie mußte sprechen , die Welt lag auf ihrer Brust und so erzählte sie mit vielen Tränen , wie sich damals alles zu ihrem Verderben gefügt habe , sie berichtete ihr alles , was sie bis dahin niemand als ihrem Manne , ihrer Schwester , dem alten Diener und ihrem Beichtvater bekannt hatte . - Die Fürstin war so verwundert von diesem Bekenntnisse , wie ein Räuber , der vor Gericht sich überzeugt , es sei sein Eigentum gewesen , was er entwendet ; die wilde Heftigkeit verschwand ihr , sie konnte sich in Ruhe erklären ; mit klarem Blicke schien sie noch zu schützen , was sie zerstören konnte , sie rührte sich selbst mit ihrer Milde , indem sie der Gräfin versicherte : des Himmels Wille sei deutlich , er strafe Gleiches mit Gleichem , sie solle sich geduldig fügen , den Mann abzutreten , den sie doch nie ganz glücklich machen könne , der hinter Liebkosungen bisher den inneren Vorwurf versteckt habe , der unvermeidlich bei jeder Erinnerung früherer Zeit ihn belasten müsse . » Ich allein « , rief die Fürstin , » verstehe ihn ganz , ich allein kann ihm ein neues Leben und einen angemessenen Wirkungskreis geben in seinem Lande , unter seinem Volke , wohin er sich so oft zurückgewünscht . « - » Freilich « , sagte Dolores , » mag er sich oft nach Deutschland zurücksehnen , er verschwieg es mir aus Schonung , weil er es meinetwegen meidet ; doch hat er auch mir diesen Wunsch zur Rückkehr entdeckt , als ihm ein guter Fürst einen großen Wirkungskreis versprach ; ich konnte den Gedanken nicht ertragen . « - Die Fürstin ergriff dieses Wort : » Ich gebe ihm einen Wirkungskreis im Vaterlande , worin ihm alles Vergangene schwindet , und meine Liebe schenk ich ihm obenein , mein Land wird alle seine Tätigkeit fordern , und dankbar anerkennen , er soll ein Vorbild werden deutscher Fürsten und wie ein Gott in der entarteten Zeit auftreten ; sein ganzes Leben , seine ganze Ausbildung führen ihn dahin , mit mir erfüllt er seine unbewußte höhere Bestimmung . « - Gedenken wir der hohen , fast abergläubisch vergötternden Verehrung der Gräfin gegen ihren Mann , des herrschenden Ansehens der Fürstin , ihrer überzeugenden Stimme ; diese Worte erweckten den ganzen Edelmut der Gräfin , der jetzt als ein neuer Feind gegen ihre Liebe und gegen das Zutrauen zu ihrer Liebe auftrat ; schmerzlich sah sie das Bild des Grafen an , das an der einen Wand des Zimmers hing . » Gib mir ein Zeichen « , betete sie zu dem Bilde , » was dein Wille ist , zu wem wendest du deine lieben Blicke ? « - » Zu mir , zu mir « , rief die Fürstin , » mich sieht er an mit der ganzen Freundlichkeit und Hingebung wie am Ätna . « - Die Gräfin wandte sich von dem Bilde , denn zum erstenmal kam ihr eine Bitterkeit gegen den Geliebten in die Seele , sie erklärte mit gebrochener Stimme : Sie wolle dem Grafen entsagen , wenn es sein Wille sei ! - Jetzt glaubte die Fürstin alles gewonnen , sie hätte mit ihrem halben Leben der Gräfin den Schmerz dieses Entschlusses lindern mögen , sie selbst wollte alles schriftlich aufsetzen , um nichts zu übereilen , und um ihr schmerzliche Mühe zu ersparen ; die Gräfin ließ alles geschehen , es drehte sich um sie die Welt in schrecklicher Verwirrung und sie stürzte in fürchterlichen Krämpfen nieder , als eben die Fürstin das Zimmer verlassen wollte . Die Fürstin war erschrocken und wagte sich nicht zu ihr , sie glaubte sie sterbend und dachte : Wenn sie stirbt , ist alle Not und Verwirrung aus ! - Und dann war ihr der Gedanke ein Vorwurf , sie betete zum erstenmal seit vielen Jahren , aber sie wußte nicht zu wem : » Laß mich nicht grausam werden in meinem Herzen , laß sie leben ! « - So schwebend zwischen der Gräfin und der Türe , stand sie wohl ein paar Minuten , ehe sie die Türe entriegelte , und die Kammerfrau zum Beistande für die Gräfin herbei rief . Alles eilte der Gräfin zu Hülfe , niemand dachte die Fürstin als Ursache dieser Zufälle , die sie in der letzten Zeit mehrmals , aber freilich unendlich schwächer gehabt hatte . Die Fürstin fand ihre Hülfe überflüssig , es schien ihr notwendig , die Entsagung , schriftlich unterzeichnet dem Grafen bei seiner Rückkehr vorzulegen ; sie eilte nach ihrem Gartenhause alles aufzuschreiben , um das wiederkehrende Bewußtsein der Gräfin zur Unterzeichnung dieser Entsagung schnell benutzen zu können . Die Fürstin erscheint uns vielleicht in diesem Augenblicke unnatürlich hart , doch hing diese Härte in ihr mit ihren schönsten Kräften zusammen , die sie sonst zur Beglückung ihres Landes so wohltätig entwickelt hatte ; wo sie handelte , war sie mit festem Entschlusse auf alle Fälle gefaßt , mit ihrem Gemüte , mit allen äußeren Eindrücken hatte sie dann abgerechnet ; ihr Wille war ihr der Mittelpunkt der Welt , und sie glich in solchem Falle einem tüchtigen Wundarzte , der gar nicht das Geschrei des Unglücklichen hört , wo es des schmerzhaften Schnittes bedarf , sondern mit allen Kräften zum schnellen Ende der Qual arbeitet . Indem sie hastig nach ihrem Gartenhause schritt , trat ein wunderschöner Mann , anständig gekleidet , hinter einem Pinienbaume hervor , und erkundigte sich , ob wohl die Fürstin zu sprechen . Ungeachtet der Mann ihr auffiel , wollte sie dem Geschäfte doch keine Zeit versäumen , und sagte flüchtig , daß sie erst spät Abends von einer Reise zurück erwartet werde ; der Mann zog sich ängstlich mit vielen Entschuldigungen seiner dreisten Anrede in den Garten zurück . Die Fürstin eilte nach ihrem Zimmer , und suchte ihr Schreibzeug , konnte es aber nicht finden , da der Graf es den Abend vorher zum Skizzieren einer Aussicht mitgenommen , und im Garten hatte stehen lassen . Sie rief dem Schreiber , der auf die Jagd gegangen , vergebens , sie brauchte ihn nie zu dieser Zeit , und doch ward sie jetzt sehr böse , daß er ausgegangen , sie mußte sich selbst Schreibegeräte in dessen Zimmer suchen , welches er wegen der Mineraliensammlung , die darin aufgestellt , immer offen lassen mußte . In Gedanken suchte sie schon die besten Ausdrücke für die Entsagung der Gräfin , daß ihre Großmut nicht neue Liebe in dem Grafen erweckte , als sie sich nach Tinte und Feder umsah ; sie ward sehr ungeduldig , als sie nichts fand , denn der junge Mann verschloß alles das Seine mit einer Ordnung , als sollte er sterben . In ihrer heftigen Art versuchte sie an dem verschlossenen Schreibepulte ,