; aber sie sucht sie der Kenntnisse wegen . Dem Fürsten hat sie ohne Not , wenn sie auch recht hatte , Bitterkeiten gesagt . Er lacht darüber und sagt , sie liebe ohnehin nichts , nicht einmal Kinder und Schoßhunde . Sie müssen sie sehen . Sie lieset viel , sie lebt bloß mit der Prinzessin und scheint es , nach ihrem Putze zu schließen , wenigstens an unserem Hofe auf keine Eroberungen anzulegen . « Albano sagte , manche dieser Züge wären ja herrlich , und brach kurz ab . Während des Gesprächs hatte der Professor fleißig alles recht gestellt und festgeschraubt und war jetzt des Anfangs gewärtig . Er bemerkte die helle sommerlaue Nacht - ging mit einigen Einleitungen in den Mond voraus , um die sechs Augen auf die beträchtlichsten Mondsflecken zu lenken - schattete vorläufig einige Schatten droben ab - führte an den Krater Bernoulli ( » ich bediene mich Schröterscher Namen « , sagt ' er ) - das höchste Gebirge Dörfel ( » es besteht freilich aus drei Höhen « , sagt ' er ) den Landgrafen von Hessen-Kassel ( » den Berg Horeb aber nennt ihn Hevel « , sagt ' er ) - den Montblanc - die Ringgebürge überhaupt und schloß mit der listigen Versicherung , es gebreche freilich der Warte noch sehr an Instrumenten . Die Haltermann sehnte sich unbeschreiblich nach dem Landgrafen von Hessen-Kassel im Mond und trachtete nach dem Sehrohr . » Es ist nur ein Flecken im Planeten , mein Kind ! « sagte die Fürstin . - » Und so ists wohl mit dem Montblanc droben auch nichts ? « fragte sie getäuscht . Die Fürstin nickte und schauete ins Sternrohr ; der magische Mond hing als ein Stück Tag-Welt dicht am Glase : » Wie vergeht sein schönes blasses Licht und seine ganze Magie in der Nähe ! Als wenn Zukunft Gegenwart wird ! « sagte sie zum Erstaunen des Professors , der aus dem Weltkörper gerade erst in der Nähe etwas machte . Sie ersucht ' ihn um den Ring des Saturns . » Es sind eigentlich zwei , Ihro Durchlaucht ; aber der Sternwarte fehlet zur Zeit noch ein Instrument , es zu sehen « , sagt ' er und zielte wieder nach Vorschuß . Albano sah rund umher seine Lebensgärten glänzen vom warmen Schimmer eines Nachfrühlings ; und sein Inneres erbebte süß und schmerzlich . Er nahm einen Kometensucher und flog unter den Gestirnen umher , nach Blumenbühl , in die Stadt , auf die Berge , nur nicht auf das weiße Schloß mit dem erleuchteten Eckzimmer und dem kleinen Garten ; das ganze Herz kehrte vor Scham und Liebe um vor der Tür des Paradieses . Jetzt ging die Haltermann auf einen Wink zum Aufbruch mit dem Sternseher voraus hinab , um der Fürstin einen zeugenlosen , freien Augenblick zuzuwenden . Albano stand edel im Mondschimmer vor ihr , sein Auge war glänzend , seine Züge gerührt ; sie faßte seine Hand und sagte : » Wir mißverstehen einander gewiß nicht , Graf ! « Er drückte die ihrige , und seine Augen quollen voll . » Nein , Fürstin ! « ( sagt ' er sanft ) » Sie geben mir Ihre Freundschaft . Ich verdiene sie nicht , wenn ich ihr nicht ganz vertraue . Ich geb ' Ihnen jetzt die Probe meines offnen Vertrauens . Sie kennen vielleicht die Geschichte meines Glücks und meines Verlusts ; Sie kennen den Minister . « - » Leider , leider ! « ( sagte sie ) » auch Ihre harte Geschichte , edler Mann , wurde mir bekannt . « » Nein , « ( versetzt ' er heftig ) » ich war härter als mein Schicksal , ich quälte ein unschuldiges Herz , ich machte eine gehorsame Tochter elend , krank und blind . - Aber ich habe sie verloren « ( fuhr er mit steigender Rührung fort und kehrte sich seitwärts , um Lianens schimmernde Wohn-Höhe nicht zu sehen ) » und ertrag ' es , wie ich kann , aber ohne heimliche Wege zum Wiederbesitz - Nur das Opfer darf dort drüben nicht gar verbluten bei der harten , engherzigen Mutter . - O , die Honigtropfen der Freuden , Sie und Italiens Himmel könnten sie wohl heilen - Sie stirbt , wenn sie bleibt , und ich bleibe , um zuzusehen - Freundin ! o , wie groß ist meine Bitte ! « » Sie sei Ihnen gern gewährt ! Übermorgen fahr ' ich zur Mutter und Tochter und bestimme diese gewiß für die Reise , insofern es von mir abhängt . Aber ich tu ' es - um auch offen zu sein - bloß aus echter Freundschaft für Sie ; denn das Fräulein gefällt mir nicht ganz mit ihrem Mystizismus und liebt gewiß nicht wie Sie ; sie tut alles für die Menschen bloß aus Liebe zu Gott ; und das lieb ' ich nicht . « » Ach , so dacht ' ich sonst auch ; aber wen soll die Göttliche sonst lieben als Gott ? « sagt ' er , in sich und die Nacht versunken und für die Fürstin zu hyperbolisch - sein schimmerndes Auge hing fest am weißen Bergschloß , und Frühlinge wehten vom Monde herab auf dem beglänzten Wege seiner Augen hin und her ; und der schöne Jüngling weinte und drückte heftig der Fürstin Hand , aber er wußte beides nicht . Sie ehrte sein Herz und stört ' es nicht . Endlich kamen beide die hohe Treppe herunter , wo sie der Astronom freudig erwartete und beiden gestand , wie sehr ihn , frei zu reden , ihre Anhänglichkeit und Achtung für die Sternkunde nicht nur erfreue , sondern auch ermuntere . » Übermorgen gewiß ! « mit diesen Worten schied die Fürstin , um dem sinnenden , vollen Jüngling Trost und Träume mitzugeben . Zweiundzwanzigste Jobelperiode Schoppes Herz - gefährliche Geister-Bekanntschaften 93. Zykel Jetzt war Albano wieder auf die Ixions-Räder der Uhr geflochten . Die Fahrt und Antwort der Fürstin sollte plötzlich Lichter in der dunkeln weiten Höhle aufstecken , in der er so lange gegangen war , ohne zu wissen , ob sie fürchterliche Bildungen und giftige Tiere verschließe oder ob sie mit glänzenden Bogen und unterirdischen Säulenhallen sich wölbe und fülle . Über Lianens Zustand hatten bisher zwei Hände , Augustis und der Ministerin , den Schleier festgehalten ; beides waren Menschen , die ungern auf die Frage antworteten : wie befinden Sie sich ? Aber auf der Fürstin ließ er nun seine ganze Seele ruhen , seit dem astronomischen Abende ; von welchem er jetzt kaum begriff , wie er da gegen eine Freundin so viel und mehr von seiner Liebe sprechen können als je gegen einen Freund . Allein ungern spricht der Mann vor einem Manne seine Empfindung aus und gern vor einem Weibe , ein Weib aber am liebsten vor einem Weibe . Indes hielt ihn die Fürstin durch die feinste Schmeichelei , die es gibt , durch entschiednes stilles Achten , in Banden ; dem wörtlichen Lobe war er ebenso gram und gewachsen , als dem tätigen gewogen und zinsbar . Bis zur Ankunft der Entscheidung verlief eine verworrene Zeit ; wie ein Mensch , der in der Nacht reiset , hört ' er Stimmen und sah Lichter , und ihrer feindlichen oder freundlichen Bedeutung fehlte ein Morgen . - Rabette lag krank und verblutet am matten Herzen ; denn nicht er hatte aus ihm den blutstillenden Dolch , nämlich Karls Liebe , herausgezogen , sondern dieser selber war ihm zuvorgekommen mit bitter-süßen Tränen über die bittersten . Letzterer war ihm einmal begegnet , mit hereingedrücktem Hut und grimmig-stechendem Blick ohne Gruß . - Überall hört ' er , daß jener umsonst Lindas und Juliennens Doppeltor belagere und berenne ; dieses und Lianens Kranksein machte den tropischen Wilden gleichsam zum wilderwachsenen Knaben aus einem Wald . Auch in der jetzigen Absonderung - auf der Walstatt des Freundes - hielt es Albano für eine Wunde des Menschen , daß Karl nicht von ihm voraussetzte - denn diesem Mangel schrieb er den Gassen-Grimm zu - , er werde die Gräfin nicht zu sehen suchen . Sogar im Bibliothekar schien seit einigen Tagen ein Geheimnis zu lauern ; dieser aber ging , seit es ihm in dessen Tiefen immer lichter geworden und er hinter dessen komische Larve hineingesehen bis zum redlichen Auge und liebevollen Mund , sein Herz so nahe an , zumal nach so vielen Trennungen . Denn auch der Lektor hielt sich nach seiner Gewohnheit , um keines Menschen oder gar abtrünnigen Freundes Liebe zu werben , von ihm geschieden ; was denselben Jüngling kränkte , der es innerlich billigte . Seit einigen Tagen war nämlich Schoppe in eine andre Tonart umgesetzt und sein eigner Restant und Nachsommer geworden . Es fing damit an , daß er an einem elenden Heulied den ganzen halben Tag auf dem Waldhorn verblies ; den übrigen halben versang er daran mündlich . Statt zu lesen und zu schreiben , ging er in der Stadt und Stube auf und ab . Alles , was er sonst schnell abmachte , Laufen , Verschlingen des Essens , Sprechen , Rauchen , Befehlen , Auffahren , das ging jetzt mit Klöppeln zwischen den Füßen und stand fast . Sein langsames Auffahren und sein zarter , leiser Schritt konnten Kennern seiner Vorzeit lächerlich vorkommen . Seinen großen , herrlichen Wolf-Hund , von dem er sich täglich zehnmal mit den Vorder-Pfoten umhalsen ließ und dessen am Felle aufgezogne Brust er so gern auf seine drückte , wenn er mit ihm ein Langisches und Konsistorial-Kolloquium hielt , vernachlässigte er in dem Grade , daß der Hund attent wurde und nicht wußte , was er denken sollte . Wie wenig konnt ' er sonst das Geschrei eines geprügelten Hundes ertragen , ohne zur Haustüre als Schutzherr hinauszufahren , weil er glaubte , man könne wohl Menschen wie Hunde traktieren , aber Hunde nicht ! - Jetzt konnt ' er das Schreien hören , bloß weil er es , wie es schien , nicht hörte . Wie er sonst oft zu Albano ging , um bloß auf- und ab- und fortzugehen ohne ein lautes Wort - weil er sagte : » Daran erkenn ' ich eben den Freund , daß er mich oder sich nicht unterhalten , sondern bloß dasitzen will « - , so kam er jetzt noch stummer , berührte oft wie ein spielendes Kind zärtlich des lesenden Albanos Achsel und sagte , wenn dieser sich umsah : » Nichts ! « Albano fragte indes der Veränderung nicht nach ; denn er wußte , er entschleiere sie ihm doch zur rechten Zeit . Ihre Herzen standen wie offne Spiegel gegeneinander . So lag nun der dunkle Wald des Lebens mit durcheinander- und tief ins Dickicht hineinlaufenden Steigen vor Albano , als er auf dem Kreuzwege seiner Zukunft stand und auf den Genius wartete , der entweder als ein feindseliger oder als ein guter ihm Lianens Entscheidung bringen sollte . Endlich kam aus dem finstern Wald ein Genius , aber der dunkle , und gab ihm dieses Blatt von der Fürstin : » Lieber Graf ! Wahr bin ich immer und schone lieber nicht . Das kranke Fräulein v. F. ist nicht mehr imstande , eine Reise zu machen oder davon zu profitieren . Ich nehme innigen Anteil daran . Sogern ich Ihnen heute selber Trost zuzusprechen wünschte : so hoff ' ich doch nicht , nach dieser Nachricht die Gelegenheit dazu zu haben . Ihre Freundin . « Welcher finstere Wolkenbruch aus dem jugendlichen Morgenrot ! So war also die geheime Freude , die er bisher nährte , der Vorbote des entsetzlichen Schlags gewesen , das sanfte Tönen vor dem Wasserfall.151 Daß gerade seine Liebe das glühende Schwert werden mußte , das durch Ihr Leben drang , o das betrachtete er immer so , das schmerzt ' ihn so ! Aber kein Auge wurde naß ; der Wermut des Gewissens verbittert sogar den Schmerz . Wenn der Mensch sein eigner Freund nicht mehr ist , so geht er zu seinem Bruder , der es noch ist , damit ihn dieser sanft anrede und wieder beseele ; - Albano ging zu seinem Schoppe . Er fand ihn nicht , aber etwas anderes . Schoppe führte nämlich ein Tagebuch über » sich und die Welt « , worin sein Freund lesen durfte , was und wenn er wollte ; nur mußt ' ers vergeben , wenn er darin - da es durchaus so geschrieben wurde , als säh ' es niemand weiter - zornige Fächerschläge und noch dazu mit dem harten Ende wegtrug . » Warum soll ich dich mehr schonen als mich ? « sagte Schoppe . Zu diesem Du waren sie gekommen , ohne sagen zu können wann , so sehr sie sonst mit dieser Herzens-Kurialie , mit diesem heiligsten Seelen-Dualis gegen andere geizten ; » denn ich danke Gott , « ( sagte Schoppe ) » daß ich in einer Sprache lebe , wo ich zuweilen Sie sagen kann , ja sogar , wenn die Menschen und Schelme darnach sind , zwischen jedem Komma Euer sowohl Wohl- als Hoch- und Sonst-Geboren . « Albano fand das Tagebuch aufgeschlagen und las mit Erstaunen dieses : » Amanlus-Tag . Ein dummer und äußerst merkwürdiger Tag für den bekannten Hesus oder Hanus152 ! Ich kann mich schwer bereden , daß es der arme Donnergott verdiente , hinter der langen Proserpina153 nachzugehen und ihr endlich ins Gesicht zu gucken , auf die Stirn , auf den Mund , auf den Hals ! O Gott ! Wenn ein solcher Gott nun auf dem Platze geblieben wäre ! - Als Pastor fido stand er zum Glück wieder auf und ging davon . O Höllengöttin , Hesi Himmelsstürmerin , du hast dich zu seinem Himmel gemacht , kann er dich je lassen ? Nachmittags . Der Pastor wird sein eignes Hatzhaus , er weiß nicht zu bleiben ; er wohnt nun in allen Gassen , um seine Jeanne d ' Arc-en-Ciel154 zu erblicken , und leidet genug . Aber Hesus , sind nicht Leiden die Dornen , womit die Schnalle der Liebe verknüpft ? - Heute ging Freitag155 mit der Fürstin auf die Sternwarte . - Der Wind ist Südostost - 13 Monatsschriften in 1 Stunde gelesen - Spener sieht das Leben im glänzenden Vergrößerungsspiegel Gott verklärt und poetisch so gut als einer . Sabinenstag . Mit dem Pastor wirds ärger , wenn ich recht sehe . Er ist auf dem Wege , sich einen Billetdoux-Beschwerer anzuschaffen , sich nachts im Bette zu pudern , und der Schelm wirft in der Hitze , wie Milch , die warm steht , schon poetische Sahne auf . Lasse nur der Himmel niemals zu , daß er mit seiner Höllengöttin je in einen vernünftigen Diskurs gerate , Gesicht vor Gesicht , Atem gegen Atem , und die zwei Seelen untereinander gemengt ! - Wahrlich , der Flins156 raffte ihn weg , Hesus verschlänge ein tausendjähriges Reich auf einmal ; ich sorge , er würde vom Göttertrank zu wild und wäre zu schwer zu bändigen von mir . Abends . Ists nicht schon so weit mit dem Pastor , daß er sich einen Autor aus dem Wimmer-Jahrzehnt des Säkuls ( er schämt sich , ihn zu nennen ) geborgt hat und sich vom dummen Zeuge rühren lassen will , indem er über den Effekt nachsinnt , den der Autor im 14ten Jahre auf ihn gemacht ? Freilich stößet er ihm im jetzigen wie ein Nachtwächter am Tage auf ; aber er ruft sich doch das Rufen zurück und hat neue Rührung über die alte . So lächelt mich die Deklination cornu in der Grammatik noch bis auf diese Stunde an , weil ich mich entsinne , wie leicht und behend ich in den goldnen Kindheitsmonden den ganzen Singularis behielt . Simon Jud . Verdammt ! Ein schönes Gesicht und ein falscher Maxd ' or machen im Kurs von einem Jahre ein paar hundert Schelme , die sich bloß im Wunsche zu behalten und wegzuschaffen unterscheiden . Hesus feindet und ficht schon Millionen Nebenbuhler an ; wie Knopfmacher und Posamentierer , oder wie Gelb- und Rotgießer , so lassen so nahe Handwerker einander nicht aufkommen . Recht , Höllengöttin ! daß du alle Männer hassest ; das ist doch etwas für den Pastor , eine Wundsalbe . - Scioppius , die beiden Scaliger und die kräftigen Schlegel u.s.w. « - Hier kommt das Tagebuch auf andere Dinge . Ein altes Porträt , zu welchem Schoppe sich selber gesessen , hatt ' er retouchieret ; eine Beilage als Inserat für das Pestitzer Wochenblatt kündigte dessen Bestimmung an : » Endes Unterschriebner , ein Porträtmaler aus der niederländischen Schule , macht bekannt , wie er sich in Pestitz gesetzt , und daß er bereit ist , alles von jedem Stand und Geschlecht zu malen , was ihm sitzt . Als Probe , was er leiste , kann man bei ihm ein Selbstporträt besehen , das ihn vorstellt , wie er nieset , und es zugleich mit ihm daneben zusammenhalten . - Ich schneide auch aus . Peter Schoppe . No. 1778 . « Vermutlich sollte das die Höllengöttin bewegen , einmal dem niesenden Maler zu sitzen . Albano mußte mitten im tiefen Schmerze erstaunen . Anfangs hatt ' er nach seiner einfachen Natur geglaubt , er selber sei unter dem Hanus verstanden . Jetzt kam Schoppe . Sanft sagte Albano zuerst : » Ich habe auch dein Tagebuch gelesen . « Der Bibliothekar fuhr mit einem Exklamations-Fluche zurück und sah glühend zum Fenster hinaus . » Was ist , Schoppe ? « fragte sein Freund . Er drehte sich um , sah ihn starr an und sagte , die Gesichtshaut auseinander ringelnd , wie einer , der sich die Zähne putzt , und die Oberlippe aufziehend , wie ein Knabe , der in ein Butterbrot beißet : » Ich liebe « und lief im Feuer die Stube auf und ab , klagend dabei , daß er noch so etwas an sich erleben müsse in seinen ältesten Tagen . - » Lies mein Tagebuch nicht mehr « - ( fuhr er fort ) » Frage nach keinem Namen , Bruder ; kein Teufel , kein Engel , nicht die Höllengöttin darf ihn wissen - Einst vielleicht , wenn ich und Sie in Abrahams Schoß sitzen und ich auf ihrem - - Du bist so betrübt , Bruder ! « » Fliege froh in der Sonnenatmosphäre der Liebe ! « ( sagte sein Freund in der Gewissenstrauer , die den Menschen einfach , still und demütig macht ) » Ich werde dich nie fragen oder stören ! Lies das ! « Er gab ihm das Blatt der Fürstin und sagte noch , während jener las , zu ihm : » Verflucht sei jede Freude , wo Sie keine hat . Ich bleibe hier , bis sie lebt oder nicht ! « - » Auch ich bleibe hier « , versetzte Schoppe unwillkürlich-komisch . » Sei ernsthaft ! « sagte Albano . » Sonst konnt ' ichs , « ( sagte er weinerlich ) » seit ehegestern nicht mehr ! « Albano hieß indes Schoppens Absonderung von der Reisegesellschaft gut ; beide erhielten einander auch in der Freundschaft die köstlichste Freiheit . Von Hofmeister-Begleitung war bei beiden nicht die Rede . Schoppe lachte oft Hofmeister von vielen Kenntnissen und Lebensarten aus , wenn sie annahmen , er erziehe aus oder an Albano etwas . » Das Säkulum erzöge , « ( sagt ' er ) » nicht ein Tropf - Millionen Menschen , nicht einer eigentlich höchstens ein pädagogisches Siebengestirn leuchte nach , nämlich die sieben Alter des Menschen , jedes Alter ins nächste hinein - das Individuum gleiche sehr der ganzen Menschheit , deren Revolutionen und Verbesserungen weiter nichts als Umarbeitungen einer Schikanedrischen Zauberflöte durch einen Vulpius wären ; indes schwebe doch um das tolle , dissonierende Stück ein Mozartischer Wohllaut , worüber man den Vater und den Sprachmeister verwinde . « » Wozu schleichen und brummen wir Sünder hier herum ? Laß uns zu Ratto ! « sagte Schoppe . Äußerst ungern bequemte sich Albano dazu ; er sagte , der Keller habe etwas Unheimliches für ihn , und eine schwüle Ahnung drücke seine Brust . Schoppe erklärte die Ahnung aus dem Druck der Balken seines eingestürzten Lustschlosses , die auf seiner Brust noch lägen , und aus der Erinnerung an den jetzt im Abgrund fliegenden Roquairol , der einmal ihm im Keller zugetrunken und nachher ihm in Lilar gebeichtet habe . Albano folgte endlich , erinnerte ihn aber an das Eintreffen einer andern Ahnung , die er auf der Höhe vor Arkadien gehabt . » Wir spielen beide nicht die besten verliebten Figuren , indes ziehen wir in den Keller « , sagte Schoppe unterwegs und legte seinen Liebling ganz ungewöhnlich-hart auf die Folterleiter seines Spaßes ; sonst , als er nicht selber liebte , war er eines zarten , schonenden , ernsten Schweigens darüber so fähig , jetzt aber nicht mehr . 94. Zykel Im Keller war der alte Ab- und Zulauf bekannter und fremder Gesichter . Albano und Schoppe stiegen miteinander auf jene reinen Höhen der Musenberge , wo wie auf physischen der Dunstkreis des Lebens leichter aufliegt und der Äther näher an die kürzere Luftsäule reicht . Auf ihrem Ararat trösten sich die Männer leichter als die Weiber in ihren Tempetälern . Nachdem Schoppe , durch die gewitterhafte Luft von Punsch und Liebe feuriger , ziemlich lange den Blitz-Funken seines Humors hatte im Zickzack und verkalkend durch das Weltgebäude schießen lassen : so trat plötzlich ein Unbekannter , wie ein Totenkopf gänzlich kahl und sogar ohne Augenbraunen , aber welk-und rosenwangig , an ihren Tisch und sagte mit eiserner Miene zu Schoppe : » Binnen heute und 15 Monaten seid Ihr wahnsinnig geworden , Spaßvogel ! « » Oho ! « fuhr Schoppe äußerlich auf , aber innerlich zusammen . Albano wurde blaß . Jener faßte sich wieder , starrete die widerwärtige Gestalt , die die welke , aber rosenrote Haut auf scharfen hohen Gesichtsknochen hin- und herrollte , scharf und mutig an und sagte : » Wenn Ihr mich versteht , prophetischer Galgen- und Spaßvogel , und nicht selber wahnsinnig seid : so bin ich imstande , darzutun , daß man sich sehr wenig daraus zu machen habe aus der Tollheit . « Hierauf bewies er - aber doch abgekühlt , abgebrannt und verlassen von seinem Bilder-Heer - : Wahnsinn wie Epilepsie gebe mehr dem Zuschauer als dem Spieler Schmerzen denn er sei nur ein früherer Tod , ein längerer Traum , eine Tag- statt Nachtwandelung - meistens geb ' er , was das ganze Leben , Tugend und Weisheit nicht könne , eine fortdauernde angenehme Idee157 - auch wenn er , was selten sei , in eine peinliche schmiede , so werde diese doch ein Panzer gegen alle körperlichen Leiden des Menschen - er habe daher nie für sich den Wahnsinn gefürchtet , so wenig als den Traum , könn ' aber an andern weder das Reden in beiden noch den Anblick davon ertragen . » Uns schaudert « ( sagte Albano ) » ein Mensch , der schlafend zu uns spricht wie zu einem Abwesenden oder der wachend nur allein mit sich redet ; und hör ' ich mich selber allein , so ist es dasselbe . « » Ich bin kein Philosoph « , sagte gleichgültig der Kahlkopf , dessen vollendete glänzende Kahlheit mehr fürchterlich als häßlich war . Schoppe fragte erbittert , » wer er denn sei , quis und quid und ubi und quibus auxiliis und cur und quomodo und quando158 « - » Quando ? - Nach 15 Monaten komm ' ich wieder Quis ? - Nichts ; Gott braucht mich bloß , wenn er jemand unglücklich machen muß « , sagte der Kahle und bat sich ein Glas und die Erlaubnis mitzutrinken aus . Albano sagte , es gern erlaubend , im Frageton : er sei wohl erst angekommen ? » Eben vom großen Bernhard « , sagte der Kahle , aber widriger mit jedem Wort , weil sein altes Rosen-Gesicht ein Zickzack konvulsivischer Verziehungen war , so daß immer ein Mensch nach dem andern dazustehen schien . Er ging ein wenig hinaus . Schoppe sagte ganz außer sich : » Ich ergrimme immer mehr gegen ihn wie gegen ein greuliches , hüpfendes Fieberbild . Um Gottes Willen laß uns fort . - Es ist mir immer hinter mir , als stoße mich eine böse Faust auf ihn zu , damit ich ihn abwürge . Auch wird er mir immer bekannter , wie ein vermooseter Todfeind . « Albano versetzte sanft : » Sieh , meine Ahnung ! - Aber nun ich ihr nicht gehorcht , muß ich auch sehen , wo hinaus es geht . « Seine mutige Natur , seine romantische Geschichte und Lage ließen ihn nicht wegrücken von einer so abenteuerlichen Perspektive . » Aber warum « ( fragte Schoppe den Kahlen , da er wiederkam ) » schneidet Ihr so viele Gesichter , die eben nicht zu Eurem Besten ausfallen ? « - » Sie kommen « ( sagt ' er ) » von Gift her , das man mir vor zehn Jahren gegeben - Habt Ihr gesehen , wie aqua toffana , in Menge genommen , verzieht ? - In Neapel zwang ichs einem sechzehnjährigen schönen Mädchen hinein , das schon einige Jahre damit gehandelt hatte , und ließ es vor mir sterben . Es gibt wohl nichts Gottloseres als Giftmischerei . « - » Abscheulich ! « rief Albano , ergriffen von einem innersten Widerwillen gegen den Mann ; Schoppen hatte der Grimm ordentlich abgespannt . Jetzt trat eine arme , magere Tischlersfrau , Likör zu holen , herein , welche die Augen vor Scham und Schwäche nieder- und halb zugezogen trug ; sie getrauete sich nicht aufzusehen , weil die ganze Stadt wußte , daß sie nachts gewaltsam aus dem Bette in die Gasse getrieben werde , um einem Leichenzuge , der dann durch dieselbe nach einigen Tagen wirklich ziehe , in seinem Vorspiele und Vorbilde vor ihr zuzuschauen . Kaum hatte sie der Kahle erblickt , als er sich das Gesicht bedeckte : » Es ist ein einziger Unschuldiger unter uns « ( sagt ' er , ganz bleich und unruhig ) - » der Jüngling hier « , indem er auf Albano zeigte . Eben donnerte oben ein Wagen mit sechs Pferden vorüber . Schoppe sprang auf , fragte zweimal schnell den sinnenden Albano : » Gehst du mit ? « , kehrte sich zornig von dessen Nein weg , trat dicht vor den Kahlen und sagte wütend : » Hund ! « - und kehrte sich um und ging fort . Am Kahlen regte sich keine Miene auf der bleichgebliebnen Haut , sondern nur die Hand ein wenig , als sei in ihrer Nähe ein Stilett zum Griff ; aber er sah ihm mit jenem Blicke nach , vor welchem das Mädchen in Neapel starb . Albano ergrimmte über den Blick und sagte : » Mein Herr , dieser Mann ist ein durchaus redlicher , treuer , kräftiger Mensch ; aber Sie haben ihn selber gegen sich erbittert und müssen ihn freisprechen . « - Mit sanfter , schmeichelnder Stimme versetzte er : » Ich kenn ' ihn nicht erst seit heute , und er kennt mich auch . « Albano fragte , ob er vorhin mit dem großen Bernhard den Schweizerberg gemeint . » Wohl ! « ( versetzt , er ) » Ich reise jährlich hin , um eine Nacht mit meiner Schwester zuzubringen . « - » Meines Wissens sind nur Mönche da « , sagte Albano . - » Sie steht unter den Erfrornen in der Klosterkapelle159 , « ( versetzt ' er ) » ich bleibe die ganze Nacht vor ihr und sehe sie an und singe Horen . « Sonderbar fühlte sich Albano während des Zuhörens verändert - was er nur dem Punsch zuschreiben konnte - es war weniger Rausch als Glut , eine fliegende Lohe brausete über seine innere Welt , und der rote Schein irrte an ihren fernsten Grenzen umher ; nun war ihm , als steh ' er ganz mit dem Kahlkopf auf einem Boden und könne mit diesem bösen Genius ringen . - » Ich hatt ' auch eine « ( sagte Albano ) - » kann man Tote zitieren ? « » Nein , aber Sterbende « , sagte der Kahle . - » Huh ! « sagte Albano bebend . - » Wen wollt Ihr sehen ? « fragte der Kahle . - » Eine lebende Schwester , die ich noch nicht gesehen « , sagte glühend Albano . » Es kommt « ( sagte der Kahle ) » auf ein wenig Schlaf an , und daß Ihr noch wisset , wo die Schwester an ihrem letzten Geburtstag war . « - Zum Glück war Julienne , die er für seine Schwester nahm , an dem ihrigen im Schlosse zu Lilar gewesen . Er sagt ' es ihm . » So kommt mit mir ! « sagte der Kahle . In dieser Minute brachte ihm Schoppens Bedienter einen Stockdegen und folgendes Blatt : » Bruder , Bruder , trau ihm nicht - Hier hast du eine Waffe , denn du bist gar zu tollkühn - Stich ihn gleich durch , macht er nur Miene - Allerlei unbekannte Leute haben diesen Abend nach dir und deinem Orte gefragt - Mir ist , als sei mir vor der Bestie gar kein Leben gesichert , deines , Ihres - Hüte dich und komme ! Schoppe . Erstich ihn aber , ich bitte dich . « * » Fürchtet Ihr Euch etwa ? « fragte der Kahle . - » Das wird sich zeigen « , sagte Albano