. Auch mir Unwürdigen hat er zweimal diese Ehre erwiesen ; vermuthlich weil er nicht weiß , daß ich allein die todten Löwen Protagoras , Prodikus , Gorgias u.s.f. mit welchen es ihm jetzt so leicht wird den Hercules zu spielen , überlebt habe.101 Aber auch vor meiner Rache kann er sicher seyn ; denn ich bin ihm zu viel Dank für die gute Digestion schuldig , die mir sein Hippias der Größere gestern Abends nach einem großen Gastmahle verschafft hat . In meinem Leben hab ' ich nicht so viel gelacht , wie über die Rolle , die er mich in diesem schnakischen Ding von einer dialektischen Schulübung spielen läßt . Man sollte denken , er habe die Wolken des Aristophanes zum Muster genommen , wie man es anfangen müsse , um ein ordentliches Menschengesicht zu einer fratzenhaften Larve zu verzerren . Das Lustigste ist indessen , daß der Leser immer im Zweifel bleibt , wen der philosophirende Spaßvogel eigentlich am lächerlichsten habe machen wollen : ob den guten Sokrates , der hier als das Ideal eines naseweisen Attischen Spitzkopfs erscheint , und meinen blödsinnigen Repräsentanten ( den er bloß einem Arzt zu einer tüchtigen Portion Niesewurz hätte zuweisen sollen ) lieber zur Kurzweil in einem aus Spinnenfäden gewebten Netze fangen will ? oder den armen unbeholfenen Afterhippias , der sich aus einem so dünnfädigen Netze nicht heraus zu finden weiß . - Und mit solchen Schnurrpfeifereien hofft euer Plato den Homer aus den Schulen der Griechen zu verbannen ! Einem von Eigendünkel und Selbstgefälligkeit so stark berauschten Menschen darf man schon etwas mehr als gewöhnliche Narrheiten zutrauen : aber daß es schon so weit mit ihm gekommen seyn sollte , daß er sich ( wie man sagt ) geschmeichelt finde auf Kosten des ehrsamen Ariston , seines gesetzmäßigen Vaters , für einen leiblichen Sohn des Delphischen Gottes102 gehalten zu werden , kann ich doch kaum glauben . So viel ist indessen gewiß , daß ein angesehener Milesier von meiner Bekanntschaft folgende Anekdoten aus des Platonischen Neffen Speusipps eigenem Munde gehört zu haben versichert . Platons Mutter Periktione galt in ihrer Jugend für eine der schönsten Jungfrauen in Athen - was bekanntermaßen eben nicht sehr viel gesagt ist . Ariston , mit welchem sie verlobt war , unterlag an einem trüben Morgen der Versuchung , heimlich in ihre Kammer zu schleichen , und während seine Braut noch schlief , sich einen kleinen Vorgriff in seine eigenen künftigen Rechte zu erlauben . Es war ihm aber , alles gebrauchten Ernstes ungeachtet , schlechterdings unmöglich zum Ziel seiner Wünsche zu gelangen . Wie unbegreiflich ihm auch ein solches Unglück scheinen mußte , da er wenigstens sich selbst keine Schuld geben konnte , so ging es doch in der That ganz natürlich damit zu ; denn , mit Einem Worte , der Platz war bereits von einem unsichtbaren Liebhaber eingenommen . Bei so bewandten Umständen blieb freilich dem armen Ariston nichts übrig , als sich mit gesenkten Ohren eben so heimlich , wie er gekommen war , wieder wegzuschleichen . Aber in diesem Augenblick wurde der Nebel von seinen Augen weggeblasen ; er sah wie Apollo sich leibhaftig von der Schlummernden erhob , erkannte den eben so schnell wieder verschwindenden als sichtbar gewordenen Gott , und beschloß auf der Stelle , aus Beweggründen , woran seine Klugheit nicht weniger Antheil hatte , als seine Gottesfurcht , die Vermählung mit Periktione zwar zu beschleunigen , aber des ehlichen Rechts sich so lange zu entäußern , bis sie geboren haben würde . Im dritten Jahre der siebenundachtzigsten Olympiade , am siebenten Tage des Monats Thargelion103 ( welcher , wie die Delier sagen , auch der Geburtstag des Apollo ist ) wurde sie von diesem nämlichen Plato , der jetzt seine göttliche Abkunft durch so wundervolle Werke zu Tage legt , entbunden , und Ariston rechnete sich ' s , wie billig , zur größten Ehre , als ein zweiter Amphitryon104 , für den Vater des Göttersohns zu gelten : wir aber wissen nun was wir zu glauben haben , und wundern uns nicht länger , daß ein Sohn des Pythischen Gottes uns von den Mysterien der übersinnlichen Welt so viel Unerhörtes und Undenkbares zu erzählen weiß . Auch wird durch diese Anekdote eine andere , die aus eben derselben Quelle kommt , desto glaubwürdiger . Sokrates , sagt man , träumte einst , er habe einen noch unbefiederten jungen Schwan zwischen seinen Knieen , der aber ( vermuthlich durch die Wunderkraft der in ihn übergehenden Sokratischen Wärme ) so schnell Federn bekam , daß er auf Einmal die Flügel ausspannte und mit einem ungemein lieblichen Getöne sich in die Luft erhob . Tages darauf sey ihm der junge Plato vorgestellt worden , und Sokrates ( dessen Glauben an seine Träume bekannt ist ) habe sogleich bei seinem Anblick gesagt , dieß sey der junge Schwan , den er gestern im Traume gesehen habe . Wenn du etwa mit dem Neffen des göttlichen Schwans bekannt genug seyn solltest , um eine Frage dieser Art an ihn zu thun , so erkundige dich doch bei ihm , ob der Freund , von welchem ich diese Anekdoten habe , sich mit Wahrheit auf sein Zeugniß berufe oder nicht . - Nun von etwas anderm ! Ich habe hier noch einige Schönen aus Aspasiens Schule gefunden , die zwar schon etwas lange aufgehört haben jung zu seyn , aber noch anziehend genug sind , um nicht wenig zu den Annehmlichkeiten von Milet beizutragen . Eine von ihnen hat ( ich weiß selbst nicht wie ? ) Mittel gefunden , mich in eine Art Platonischer Liebe zu verstricken , die etwas so Neues für mich ist , daß ich mich dem Wundermann für seine Erfindung sehr verpflichtet erkennen würde , wenn die schöne Anthelia ( so nennt sich meine Freundin ) nicht unglücklicher Weise ein sehr weibliches Weib wäre , und also , der Theorie des Erfinders zufolge , ohne Entweihung der Mysterien des Uranischen Eros nicht auf Platonisch geliebt werden darf . Seit einiger Zeit hält sich unter andern nicht gemeinen Künstlern auch dein Freund Parrhasius zu Milet auf , und findet viele Ursache sich bei uns zu gefallen . Die Günstlinge des Plutus wetteifern mit einander , wer die meisten und schönsten Stücke von ihm aufzuweisen habe , und der Künstler befindet sich ungemein wohl bei dieser Eifersucht : ob sie aber der Kunst eben so zuträglich seyn werde , ist eine andere Frage . Wenigstens setzt sie jenen in eine starke Versuchung , sich eine dem Auge schmeichelnde geschwinde Manier anzugewöhnen , und künftig mehr für den schärmerischen Beifall des freigebig bezahlenden Liebhabers , als für das ruhige Wohlgefallen des streng urtheilenden Kenners zu arbeiten . Eine unsrer schönsten Hetären hat sich indessen wohlfeil genug in den Besitz seiner Leda ( die in ihrer Art über allen Preis ist ) zu setzen gewußt , und ist dadurch auf Einmal die reichste ihres Standes geworden , indem sie das eben so leicht erworbene als leichtfertige Gemäldchen dem Satrapen Teribazus für eine unerhörte Summe wieder verkaufte . Sage mir doch , Aristipp , was für ein Schwindel deine Kechenäer angewandelt hat , daß sie den König Artaxerxes , von welchem sie mit so großen Beweisen seines Wohlwollens und Vertrauens überhäuft worden , und dem sie es allein zu danken haben , daß sie wieder etwas unter den Griechen bedeuten , sich mit aller Gewalt zum Feinde machen wollen ? Zwar an dem Athenischen Volke wird mich keine Thorheit , wie ungeheuer sie auch seyn mag , jemals in Verwunderung setzen : aber wie Konon von seinem Glücke so sehr berauscht werden konnte , daß er sein eigenes Werk , die Frucht so vieler Gefahren und Arbeiten , mit eigenen Händen wieder vernichtet , das geht über meinen Begriff . Kannst du dir vorstellen , wie dieser um Athen so sehr verdiente Mann übermüthig und unklug genug seyn kann , das Vertrauen des Königs und des Satrapen Pharnabazus so unverschämt zu betrügen , daß er die Persische Kriegsflotte , die ihm zu gewissen Unternehmungen gegen Sparta untergeben worden war , dazu mißbraucht , die unter Persischer Oberherrschaft stehenden Ionischen Inseln und Städte , eine nach der andern , entweder geradezu den Athenern zu unterwerfen , oder zum Abfall zu reizen und in ein allgemeines Bündniß gegen den König zu verstricken ? Daß es ihm auch bei den Milesiern gelingen werde , zweifle ich indessen sehr . Es fehlt zwar auch hier nicht an unruhigen und regiersüchtigen Köpfen , die durch Ergreifung der Athenischen Partei zu gewinnen und den Pöbel auf ihre Seite zu ziehen hoffen , indem sie ihm die unermeßlichen Vortheile der Demokratie vorspiegeln , und ihm weiß machen wollen , die vereinigte Macht von Athen und Milet allein sey mehr als hinlänglich , dem großen König die Unabhänglichkeit des Griechischen Asiens abzutrotzen . Aber die edeln und reichen Häuser , und überhaupt alle zum Handelsstande gehörigen Bürger befinden sich bei der gegenwärtigen Verfassung , unter der gelinden Persischen Regierung ( die ihnen die wesentlichsten Vortheile der Freiheit willig zugesteht ) viel zu wohl , und sind durch ehmalige Erfahrungen zu sehr gewitziget , um solchen Lockungen Gehör zu geben . Inzwischen werden die Lacedämonier , die den Kechenäern von jeher an Staatsklugheit und Consequenz in ihren Maßregeln unendlich überlegen waren , sich den Unverstand der letztern bald genug beim Könige zu Nutze machen , und wir werden unversehens das Vergnügen haben , die luftigen Schwindler von ihrer Höhe eben so geschwinde wieder herabstürzen zu sehen , als sie sich in ihrer voreiligen Einbildung , die der Realität immer tausend Parasangen zuvorläuft , emporgeschwungen hatten . Antalcidas105 , einer der geschicktesten Staatsmänner und feinsten Unterhändler , welche Sparta besitzt , ist zu diesem Ende bereits an das königliche Hoflager abgegangen , und der Erfolg seiner Sendung kann um so weniger zweifelhaft seyn , da die Athener selbst ihm die stärksten Waffen gegen sich von freien Stücken in die Hände spielen , und ihr Möglichstes thun , dem so gröblich getäuschten Artaxerxes die Augen zu öffnen . Der große und entscheidende Vortheil , den das Aristokratische Sparta über die Athenische Demokratie immer behaupten wird , liegt darin : daß die gränzenlose Eitelkeit der letztern ihre Vergrößerungs-Projecte immer über alle Möglichkeit hinaustreibt , nichts berechnet , nichts vorhersieht , und sich ruhig auf das alte Orakel verläßt , daß die Götter ihre dummen Streiche immer wieder gut machen werden ; da hingegen die wohlberechnete Staatsklugheit der erstern sich auf die Oberstelle unter den Griechischen Republiken einschränkt , und noch nie über diesen höchsten Punkt ihrer Ambition hinauszugehen begehrt hat . Diese Mäßigung wird den Persischen Hof , der die Griechen auf seine Kosten endlich kennen gelernt haben muß , nothwendig auf den Gedanken bringen , sein eigenes Interesse erfordere , mit den Spartanern Friede zu machen , und die unzuverlässigen Athener , ohne darum ihre gänzliche Unterdrückung zuzugeben , sich selbst und ihrem Schicksal zu überlassen . Durch diese einzige Maßregel wird er es stets in seiner Gewalt haben , die Griechen in immerwährender innerlicher Gährung zu erhalten , und , ohne sehr großen Aufwand , durch seinen politischen Einfluß gerade so viel Gleichgewicht unter diese rastlos hin und her schwankenden Freistaaten zu bringen , als für das Interesse des Persischen Reichs und die allgemeine Ruhe der Welt nöthig ist . Denn es ist kaum möglich , daß das ewige Thema eurer Redekünstler , der Isokrates , Lysias , u.s.w. » Eintracht unter allen Griechen zu Vereinigung ihrer Kräfte gegen den gemeinschaftlichen Feind in Asien , « nicht endlich zu den Ohren des Königs kommen , und ihn überzeugen sollte , daß die Begünstigung des Spartanischen Systems das sicherste Mittel sey , einer so gefährlichen Coalition zuvorzukommen . Wundre dich nicht , Aristipp , wie ich mit meiner oben angerühmten sorglosen Denkart und Lebensweise dazu komme , dich so unversehens mit einer so reichlichen politischen Ergießung zu beträufen . Seit etlichen Wochen hört man hier nichts anders . Alles was in der weitesten Bedeutung zur guten Gesellschaft gehört ( die zahlreiche Innung der Hetären mitgerechnet ) spricht Politik und ist Spartanisch gesinnt ; und daß ich selbst , trotz meiner Weltbürgerschaft und Kaltblütigkeit , diese Partei ergriffen habe , wird dich , wenn ich auch den Nephelokokkygiern weniger abhold wäre als ich es immer war , mein alter Haß gegen die Ochlokratie nicht bezweifeln lassen . 29. Aristipp an Hippias . Ich werde es immer unter die glücklichsten Ereignisse meines Lebens zählen , daß ich den Sokrates gekannt , und während der drei bis vier Jahre , da ich freien Zutritt bei ihm hatte , seines Umgangs beinahe täglich genossen habe . Wie wenig auch das , was ich von ihm lernen konnte , in anderer Augen seyn mag , nach meiner Schätzung und für meinen eigenen Gebrauch ist es sehr viel , und mehr als genug um mir ein Recht auf den Namen eines Sokratikers zu geben , auf den ich stolz bin , und den ich nicht unwürdig zu führen hoffe . Es war eine von den Meinungen des Sokrates , die ich ihn öfters in seiner eigenen genialischen Manier behaupten hörte , » Weisheit und Tugend könnten nicht auf die Art , wie man sich ' s gewöhnlich vorstelle , gelehrt , « d.i. nicht in unsre Seelen hineingeschoben werden , wie man Brod in den Backofen schiebt . Zuweilen sprach er , als betrachte er sich wie einen Gärtner , dessen Geschäft es ist , nützliche Pflanzen und Gewächse zu ziehen und zu warten . Alles was der Gärtner vermag ( sagte er ) besteht darin , daß er guten Samen in ein wohlzubereitetes Land lege , und die junge Pflanze , wenn sie aufgegangen ist , vor Frost und schädlichen Winden sichere , vor aller Verletzung bewahre , und , so weit es in seiner Macht steht , dafür sorge , daß sie nicht zu viel noch zu wenig Sonne bekomme , nicht zu viel noch zu wenig genährt werde u.s.f. Aber eine schlechte Gattung in eine edle zu verwandeln , oder einer schwachen kränkelnden Pflanze das fröhliche Wachsthum einer gesunden und starken zu geben , steht nicht bei ihm ; und wenn er sein Möglichstes gethan hat , kann er doch nicht verhindern , daß ein einziger unerwarteter Nachtfrost oder irgend ein anderer Zufall aller seiner Sorge und Pflege spottet . - Am meisten liebte er das Bild einer Geburtshelferin , und verglich sich mit seiner Mutter , die , wiewohl sie für eine große Meisterin in ihrer Kunst galt , ein ungestaltes Kind in kein wohlgebildetes verwandeln konnte , sondern zufrieden seyn mußte , wenn sie , was nun einmal da war , glücklich zur Welt gebracht hatte . Sokrates hat in diesem Sinne Kindern von sehr ungleicher Art ins Leben geholfen . Aber um diejenigen , die ihm täglich und mehrere Jahre zur Seite waren , machte er sich auch das Verdienst eines Pädagogen ; und , wie die Erfahrung lehrt , daß Knaben sich , ohne es zu wollen oder zu merken , immer nach ihrem Erzieher bilden , und mehr oder weniger seine Weise sich zu gebärden , zu reden , zu gehen , den Kopf zu tragen u.s.w. annehmen : so findet sich auch , daß keiner von den Zöglingen des Sokrates ist , an dem man nicht diese oder jene Züge von ihm gewahr würde , so daß - wie man von Zeuxis sagt , er habe aus fünf der schönsten Agrigentischen Mädchen seine berühmte Helena zusammengesetzt - aus fünf oder sechs von uns ein ganz leidlicher Sokrates zusammengesetzt werden könnte . So hat z.B. Plato sich seiner Ironie und eigenen feinen Manier zu scherzen , Xenophon seiner Grundbegriffe , Maximen und Ideale in Sittenlehre und Staatskunst , und seines Glaubens an Orakel , Träume und Opferlebern , Antisthenes seiner Geringschätzung aller Gemächlichkeiten und künstlichen Wollüste der Reichen , Cebes von Theben seines Talents die Philosophie in Fabeln und Allegorien einzukleiden , bemächtigt . Mir ist also kaum etwas andres übrig geblieben als seine Anspruchlosigkeit , sein Widerwille gegen alles Geschminkte und Unnatürliche , gegen Aufgeblasenheit , Eigendünkel und ungebührliche Anmaßungen , seine Geringschätzung aller spitzfindigen , im Leben unbrauchbaren und bloß zum Gepräng und zum Disputiren dienlichen Speculationen , seine Manier bei Erörterung problematischer Fragen immer zuerst auf das , was uns die Erfahrung davon sagt , Acht zu geben , nach der Entstehungsweise der Begriffe , in welche das Problem zerfällt , zu forschen , und überhaupt beim Suchen der Wahrheit immer vorauszusetzen , daß sie uns ganz nahe liege , und meistens nur durch den Wahn , daß man sie weit und mühsam suchen müsse , verfehlt werde , - und was sonst in dieses Fach gehört . In allem diesem , und ( wenn ich mir nicht zu viel schmeichle ) noch in manchen andern Stücken , finde ich mich ihm so ähnlich , daß ich mir zuweilen einbilde , ich würde , wofern ich in der siebenundsiebzigsten Olympiade in seinen Umständen auf die Welt gekommen wäre , Sokrates , oder er , vierzig Jahre später in den meinigen geboren , Aristipp gewesen seyn . Auf diese Weise erkläre ich mir das Verschiedene in den Aehnlichkeiten , die ich mit ihm habe . Er kleidete sich z.B. schlecht , weil er arm war und sich dessen nicht schämte ; aber er liebte die Reinlichkeit : wäre er reicher gewesen , würde er sich vermuthlich nicht schlechter gekleidet haben als ich ; so wie ich mich nicht geringer dünkte , als ich im ersten Jahre meines Aufenthalts zu Athen in einem groben wollenen Tribonion unbeschuht hinter ihm hertrabte . - Seine Mahlzeit kostete selten mehr als drei bis vier Obolen ; indessen schlug er nicht leicht eine Einladung zu den prächtigsten Gastmählern aus , wenn er gewiß war gute Gesellschaft anzutreffen ; wär ' er reicher gewesen , so hätt ' er vermuthlich , wie ich , lieber andere eingeladen , als sich einladen lassen . Er kaufte weder Bildsäulen noch Gemälde , weil er kein Geld zu solchen Ausgaben hatte ; aber er liebte darum die Kunst nicht weniger , und wußte die Werke der großen Meister sehr wohl zu würdigen : ich habe mir , weil mir das Glück besser wollte als ihm , eine feine Sammlung auserlesener Malereien angeschafft , und bin darum kein größerer Kenner . - Er trank gewöhnlich Wasser , konnte aber , wenn ' s darauf angelegt war , den stärksten Weinschläuchen die Stirne bieten , und streckte sie alle zu Boden , ohne daß man eine merkliche Veränderung an ihm spürte : ich trinke gewöhnlich Wein , und den besten der zu haben ist ; aber sehr mäßig , weil ich viel nicht vertragen kann . - Ich liebe schöne Weiber ungefähr wie er schöne Knaben liebte , ohne daß Platons Eros Pandemos106 jemals mehr Gewalt über mich gehabt hätte als über ihn : ich zweifle aber sehr , daß er zu seiner Zeit die schöne Aspasia von sich gestoßen hätte , wenn sie Lais für ihn hätte seyn wollen . Daß er sich übrigens im Nothfall an seine Xantippe hielt , war eine löbliche , wiewohl , ihrer sauren Laune ungeachtet , eben nicht sehr verdienstliche Genügsamkeit ; denn Xantippe war weder eine häßliche noch bösartige Frau . - Sokrates zog , weil er ein sehr starker Mann war , die mühsamern und heftigern Leibesübungen den sanftern und ruhigern vor : bei mir ist ' s gerade umgekehrt . - Bei ihm war der Weltbürger dem Bürger von Athen untergeordnet , bei Mir der Bürger von Cyrene dem Weltbürger : wäre Cyrene seine Vaterstadt gewesen , Athen die meinige , so würde vermuthlich das Gegentheil stattgefunden haben . Ohne diese Parallele noch weiter zu verfolgen , will ich dir lieber geradezu sagen , was ich mit diesem ganzen Prolog haben will : nämlich nichts weiter als dich zu verständigen , warum und wie fern meine Philosophie weder mehr noch weniger die Sokratische ist , als ich selbst - Sokrates bin . Auch meinte es Sokrates nie anders . Er verlangte keinen Nachtreter und Nachsprecher . Er theilte uns und jedem der ihn hören mochte , unverhohlen mit , was er für wahr und recht , gut und anständig hielt , und wenn er jemanden belehren wollte , stellte er es immer so an , daß der Hörende das , was sie mit einander suchten , selbst gefunden zu haben glaubte . Oft war das was er gab nicht sowohl Lehre als guter Rath , der , zu einer allgemeinen Maxime gemacht , vielleicht viele Ausnahmen zuließ oder sogar erforderte . Kurz , er überließ es dem guten Verstand seiner Gesellschafter , wie viel oder wenig sie von dem Gehörten brauchen könnten oder wollten , und verlangte weder Pythagoräischen Glauben an seine Aussprüche , noch blinde sklavische Befolgung seiner Vorschriften . In dieser Rücksicht verdenke ich es dem Plato eben so wenig , daß er in so vielen Stücken von Sokrates abweicht , als ich selbst Tadel zu verdienen glaube , daß meine Philosophie , wiewohl sie sehr leicht und ungezwungen mit der Sokratischen in Harmonie gesetzt werden kann , dennoch nicht eben dieselbe mit ihr ist . Was ich an Plato tadle ist , daß er den entschiedenen Feind aller Meteoroleschie107 in vielen , wo nicht in den meisten seiner Dialogen die Rolle eines wahren Aristophanischen Phrontisten spielen läßt , und daß es immer der unschuldige Sokrates ist , den er vor den Riß stellt , und , weil er nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann , für Dinge verantwortlich macht , die er nie gesagt haben würde , und welche Plato selbst in eigener Person zu sagen vielleicht Bedenken trüge . Ich glaube mich hiermit deutlich genug erklärt zu haben , Freund Hippias , in welchem Sinn ich ein Sokratiker zu seyn und zu heißen wünsche . Uebrigens kennst du die Welt zu gut , um dich zu verwundern , daß der Name und die Philosophie des in seinem Leben wenig geachteten und von den Meisten falsch beurtheilten Sokrates seit seinem Tod , und selbst durch die Art seines Todes , vielleicht auch durch das erst nachher bekannter gewordene Orakel des Delphischen Gottes , den Griechen so ehrwürdig geworden ist , daß viele von keiner andern Philosophie als der Sokratischen hören wollen . Da ich nun , ich weiß selbst nicht wie , in den Ruf gekommen bin , daß sie von mir ächter und reiner zu erlernen sey als von Plato oder Antisthenes , so ist es schon mehr als Einmal begegnet , daß geschlossene Gesellschaften von enthusiastischen Verehrern des » weisesten aller Menschen « das Ansinnen , ihnen nicht meine eigene , sondern seine Philosophie in ihrer ganzen Lauterkeit vorzutragen , so ernstlich an mich gelangen ließen , daß ich mich nicht entbrechen konnte , ihr Verlangen zu befriedigen . Wenn dir also etwa zu Ohren kommt , daß Aristipp sich seinen Unterricht sehr theuer bezahlen lasse , so wisse , daß dieß bloß von diesen Vorträgen der Philosophie des Sokrates ( die ich deßwegen in ein zusammenhangendes System zu bringen genöthigt war ) zu verstehen ist . Denn ich glaube einen Unterricht dieser Art , wobei ich mich gewissermaßen als einen bloß mechanischen Arbeiter gebrauchen und zum bloßen Sprachwerkzeug eines andern machen lassen muß , mit Fug und Recht eben so gut zu Geld anschlagen zu können , als ein Steinhauer , der den Marmor zu einem Tempel oder Säulengang nach einem gegebenen Maß und Modell zu bearbeiten und zusammenzufügen übernommen hat , seine Zeit und Arbeit . Alles dieß , lieber Hippias , hielt ich für dienlich , dir über meinen Sokratism etwas ausführlich zu sagen , weil es ein für allemal gesagt seyn soll . Daß du , mit aller deiner Dankbarkeit für das heilsame Lachen , so dir Plato durch seinen größern Hippias zubereitet hat , diesem Göttersohn nicht allzu hold bist , finde ich sehr natürlich . Insofern es für einen Trost gehalten wird , Gefährten im Leiden zu haben , laß es dir - in Augenblicken , wo es dir etwa nicht so ganz lustig däuchten möchte , von einem hochangesehenen und weitberühmten Manne allen Griechen der gegenwärtigen und künftigen Zeit als ein einfältiger Strohkopf vorgeführt zu werden - zu einigem Troste dienen , daß der tapfre , weise und weltberühmte Befehlshaber und Geschichtschreiber des Rückzugs der zehntausend Griechen in seinen Sokratischen Denkwürdigkeiten mit deinem Freund Aristipp nicht glimpflicher zu Werke geht . Das Beste ist , daß beide bei denen , die dich und mich persönlich kennen , schwerlich in den Ruf großer Portraitmaler kommen werden . Das zweideutige Mährchen von der hohen Abkunft des Sohnes der edeln Periktione geht wirklich schon seit einiger Zeit unter seinen Verehrern herum , so wie unter den Athenern überhaupt ein heimliches Gemurmel , es dürfte ihm schwer fallen , zu beweisen , daß er der Sohn eines Attischen Bürgers sey . Welches von diesen beiden Gerüchten das andere erzeugt haben mag , ist ungewiß . War das letztere das ältere ; so begreift sich um so leichter , wie die Freunde Platons auf den Einfall kommen konnten , ihm einen Ursprung zu geben , der ihn mit den größten Männern der heroischen Zeit auf gleichen Fuß setzt . Speusipp erzählte das Mährchen , mit allen von dir erwähnten Umständen , in einem sehr religiösen Ton , wenn er mehr als Einen Zuhörer hat , und scherzte mit mir darüber sobald wir allein waren . Das Wahre an der Sache läßt sich leicht errathen , wenn man weiß , daß Ariston sehr wesentliche Ursachen hatte , die angesehene Familie seiner Braut und den goldlockigen Apollo , den er bei ihr überraschte , zu schonen ; nichts davon zu sagen , daß die Athener überhaupt ziemlich bequeme und urbane Ehemänner sind . Der Traum des Sokrates scheint seine Richtigkeit zu haben , und , wie mehrere Träume dieses außerordentlichen Mannes , mit seinem Dämonion in einerlei Fach zu gehören . Was du mir von Konon meldest , hat mich nicht befremdet , wiewohl man hier nichts von einem Bruch mit dem großen König wissen will , und von Konons Unternehmungen gegen die Inseln als einer mit Pharnabaz abgeschlossenen Sache spricht . Was man indessen täglich an allen öffentlichen Orten zu Athen hören kann , ist die hoffärtige und undankbare Art , wie unsre Kechenäer von ihrem Verhältniß gegen den Persischen Monarchen reden . Sie vermeinen ihm so wenig Dank schuldig zu seyn , daß er selbst vielmehr , wenn man ihnen glaubt , tief in ihrer Schuld ist , und noch viel zu thun hat , wofern er die von ihnen empfangene Wohlthat einigermaßen wett machen will . Denn , sagen sie , haben ihn nicht die Siege unsrer Flotten von seinem furchtbarsten Feinde befreit ? Würde nicht Agesilaus108 jetzt vor Susa109 stehen , wenn Konon die Spartanische Seemacht nicht bei Knidus vernichtet hätte ? Es war des Königs Interesse sich um unsre Freundschaft zu bewerben , und sie gegen die Spartaner zu benutzen ; das unsrige ist , den günstigen Augenblick , da die Spartaner uns nicht daran hindern können , zu Befreiung der Ionischen Colonien , unsrer Freunde , und zu Wiedererlangung der uns gebührenden Hegemonie110 anzuwenden . Der König muß uns selbst dazu verhelfen ; oder er ist der undankbarste aller Menschen . - Du wirst die Athener an dieser überhin fahrenden , raschen und einseitigen Art zu räsoniren leicht erkennen , mit welcher ihre Art zu handeln völlig aus Einem Stück ist . Nie haben sie es der Mühe werth gehalten , sich an eines andern Platz zu stellen , und zu überlegen , in welchem Licht oder von welcher Seite er eine Sache sehen müsse . Und woher sollten sie die Geduld nehmen , einen Entwurf gelassen durchzudenken , die Mittel und Wege dazu in der Stille vorzubereiten , die Hindernisse vorsichtig wegzuräumen , und nicht eher zur wirklichen Ausführung zu schreiten , bis der Erfolg , gleich einer reifen Frucht , uns ohne große Mühe gleichsam von selbst in den Schooß fällt ? Ich zweifle nicht , daß sie auch dießmal , wie du vorher siehest , durch ihre unbesonnene Voreiligkeit der Spartanischen Klugheit einen unblutigen Sieg in die Hände spielen werden , dessen Folgen schwerer auf ihnen liegen dürften , als die zu Athen so hoch gepriesenen Siege Konons auf den Lacedämoniern . Daß deine Milesier weise genug sind , der Lockpfeife des Athenischen Vogelstellers kein Gehör zu geben , versichert dir , wie ich hoffe , noch auf lange Zeit die glückliche Ruhe , die du im Schooße der Musen und der übrigen freudengebenden Götter so gut zu genießen weißt . Mir ist zu Athen , wiewohl wir vor der Hand nichts zu befürchten haben , nicht selten zu Muthe , als ob ich in einem ohne Masten und Steuerruder auf einem unruhigen Meere herumtreibenden Schiffe hausete ; und je mehr ich den dermaligen Wohlstand meiner Vaterstadt mit dem heillosen Zustande der Athenischen Ochlokratie vergleiche , desto mehr Stärke gewinnt der geheime Hang , der uns immer , auch wenn es uns unter Fremden wohl geht , nach dem Orte zieht , wo wir uns eigentlich zu Hause fühlen , wo unsre angebornen ältesten Freunde leben , und die Erde selbst uns näher als anderswo verwandt zu seyn scheint , und etwas so anziehend Heimisches für uns hat , daß wir wenigstens unsre Asche mit keiner andern Erde zu vermischen wünschen . 30. Lais an Aristipp . Ich bin nun einmal , wie es scheint , dazu geboren , lieber Aristipp , eine sonderbare Rolle in der Welt zu spielen , und am Ende ist es auch so übel nicht , in seiner Art einzig zu seyn : aber daß ich in Gefahr kommen könnte , von den Söhnen des Hippokrates in das Register ihrer Heilmittel gesetzt und als ein unfehlbares Specificum gegen die Nympholepsie verschrieben zu werden , das hättest du