Unkenntnis hatten es herunter gebracht — ich , der das Ganze kannte wie jede Falte seines Herzens — ich konnte es von Neuem die Höhe bringen , wenn ich die Mittel hatte , es zu kaufen . Ich widerstand lange . Da erschien die Anzeige zum zweiten , zum dritten Mal . Ich sprach mit einem Geschäftsmann in Neapel darüber , von dem ich zufällig hörte , er reise nach Deutschland . Er bot mir an , den Kauf in meinem Namen abzuschließen , er redete mir zu . Die Gelegenheit war so günstig , das Kapital lag müßig in meiner Kasse — ich war so gewiß , es verdoppeln , meine und meines armen Kindes Zukunft sichern zu können ; ich war so gewiß , daß Du mir es nicht zum Vorwurf machen würdest , wenn Du später erfuhrst , wie ich unterdessen Dein Geld wuchern ließ . Zehnmal stand ich auf Deiner Schwelle mit dem Entschluß , Dir Alles ehrlich zu sagen und Dich um die Erlaubnis zu bitten , über Dein Vermögen zu verfügen . Ich wußte ja , Du würdest es mir nicht verweigern . Aber die krankhafte Angst , Dich zu verlieren , sobald Du erführst , daß Du mündig seist , hielt mich immer wieder davon ab ! Ich nahm das Kapital mit dem festen Vorsatz , es Dir einst auf Heller und Pfennig zurückzugeben ! So weit die Geschichte meines Unrechts , nun die meines Unglücks ! Was ich anfing , schlug mir fehl . Ich hatte die Fabrik mit bedeutenden Kosten vergrößert , da zeigten sich unvorhergesehene Terrain-Schwierigkeiten . Vorräte , die ich teuer gekauft , sanken , noch ehe sie verarbeitet waren , im Preise und ich mußte die Ware mit fünfzig Prozent Verlust absetzen . Dies und anderes Mißgeschick mehr traf mich Schlag auf Schlag . Es lag ein Fluch auf Allem , was ich ergriff — ich bekenne es , der Fluch der Selbstüberschätzung — denn ich hätte einsehen sollen , daß ein tüchtiger Gelehrter eben kein Kaufmann ist und daß ich mit den technischen Kenntnissen , die ich als Chemiker erfolgreich in einem kleinem Unternehmen verwertete , noch kein so großartiges Geschäft zu führen im Stande war . Was hilft nun alle Reue , alle Selbsterkenntnis ? Die furchtbare Lehre , Ernestine , ist mit Deinem Vermögen bezahlt . Ich kann Dir nichts zurückgeben als das Reisegeld nach New York — kann Dir keine Entschädigung bieten als die Rache , die ich durch dieses offene Geständnis in Deine Hand lege . Beschließe , verhänge nun über mich , was Du willst ! Aus Deiner Hand will ich mein Schicksal empfangen — aus keiner sonst . “ Der Heuchler sank wie zermalmt zu ihren Füßen und drückte ihre kalten Fingerspitzen an die Lippen . „ Oheim , “ begann Ernestine und ihre Stimme bebte . „ Steh auf ! Es ist mir ein widerlicher Anblick , einen Menschen , den ich zu fürchten gewohnt war , sich zu meinen Füßen winden zu sehen wie eine zertretene Schlange , deren Zuckungen mehr Abscheu als Mitleid hervorrufen . Steh auf , um aller Menschenwürde willen , steh auf ! “ Sie wandte sich von ihm , um ihn nicht mehr sehen zu müssen . „ Ernestine , “ rief Leuthold erschrocken , „ Du bist von Stein ! “ „ Ich bin , wozu Du mich gemacht hast . “ Er hatte eine andere Wirkung seiner Rede erwartet , er blickte mit Todesangst auf Ernestinen , die nochmals den Brief überflog und dann mit verhülltem Gesicht auf das Sofa sank . „ Ernestine , fasse Dich , “ rief er mit der ihm eigenen Frechheit , die immer wieder hinter der kriechenden Larve vorblickte . „ Strafe mein Vergehen , räche Dich , wie Du willst , aber laß mich Dich nicht so klein sehen , um den schnöden Mammon zu verzweifeln ! “ „ Glaubst Du , gewissenloser Mann — ich klagte um den Mammon ? “ sprach Ernestine außer sich , aber würdevoll . „ Hättest Du das Geld in ehrenhafter Weise von mir gefordert und durch Unglück eingebüßt , sterben würde ich eher , als Dich mit einer Träne , einem Vorwurf kränken . Daß ich aber den einzigen Wüschen , an den ich ein Anrecht habe , verachten muß , daß Alles , was ich besaß , einem Verbrechen zum Opfer fallen mußte , das ist mehr als meine Langmut erträgt . Du weißt am Besten , was an dem toten Metalle hängt , das Du mir geraubt : Freiheit des Denkens und des Handelns , die edelsten Güter des Lebens . Um dieser Güter willen hast Du es mir genommen , denn Du bist kein Dieb , der mir Geld stiehlt . Du weißt auch , was sein Verlust für ein Weib bedeutet : Abhängigkeit , vielleicht Dienstbarkeit ! O , Dienstbarkeit einer Seele , die sich keiner irdischen , keiner überirdischen Macht beugen wollte , die sich in ihrem Stolze als den Mittelpunkt einer selbstgeschaffenen Welt empfand , zur Maschine werden , die wahl- und fraglos den Willen Anderer vollführt ! — Du ahnst den Tod , den ich in diesem Gedanken sterbe — und Du wagst es , mich zu schelten , daß ich klein genug sei , um den schnöden Mammon zu trauern ? Sieh , ich vergesse auch in diesem furchtbaren Augenblick nicht , was Du seit meiner Kindheit an mir getan , welch unermeßliche geistige Schätze Du mir für den irdischen gegeben , den Du mir nahmst . Und eingedenk dessen verzichte ich auf die Rache , die Du in meine Hand gelegt . Wenn Du Dich retten kannst , so tu ’ s , aber fordere nicht auch noch , daß ich mich zu der < < Größe > > erhebe , Dir zu verzeihen ! “ Leuthold atmete auf . Das war es ja nur , was er hören wollte , daß sie ihn nicht dem Gericht überantworte . Jetzt war für ihn das Schlimmste vorbei ; wenn sie im ersten Augenblick des Zorns den Gekanken von sich wies , ihn seiner Strafe anheim zu geben , dann war sie bei ruhiger Fassung auch dahin zu bringen , seine Flucht zu unterstützen . „ Ernestine , “ sagte er nach einiger Überlegung : „ Jedes Deiner Worte hat Kohlen auf mein fluchwürdiges Haupt gesammelt , selbst in Deinem gerechten Zorn warst Du noch edel und milde . Du willst mir gestatten zu fliehen . Aber kannst Du glauben , daß ich von hier fortginge ohne Dich ? Daß ich es ertrüge , Dich in Armut und Not zu wissen , ohne für Dich sorgen und arbeiten zu können ? Ich hätte Dich durch alle die langen Jahre mit der Ängstlichkeit einer Mutter gehütet , um Dich jetzt , wo Du meiner mehr denn je bedarfst , Deinem Schicksal preiszugeben ? Mädchen , wenn Du das von mir denken könntest , es wäre ein schweres Unrecht ! “ Ernestine blickte ihn überrascht an . „ Entweder Du fliehst mit mir — oder ich bleibe und stehe meinem Geschick , “ sagte Leuthold mit heldenmütiger Entschlossenheit . Ernestine schrak zurück : „ Ich mit Dir gehen ? Nein , so tief kann ich mich nicht entwürdigen . Unsere Wege sind getrennt von dieser Stunde an . “ Leuthold sah mit innerem Bangen ihren Abscheu . Er war verloren , beharrte sie bei dieser Weigerung . Denn wenn es ihm auch gelang , ohne sie zu entfliehen und Möllner für den Augenblick zu täuschen , so kam es doch sehr bald zu Tage , daß Ernestine ihres Vermögens beraubt , mittellos von ihm zurückgelassen war , und der erbitterte Gegner würde ihn dann um so hartnäckiger verfolgt haben . Man hätte Ernestine gerichtlich vernommen und bei ihrer unerschütterlichen Wahrhaftigkeit war es sicher , daß sie ihn durch ihre Aussagen gänzlich bloßstellte . Nur in seiner Nähe unter seiner Obhut war sie unschädlich , nur mit ihr war er geborgen . „ Du hassest mich und das ist natürlich , “ sagte er . „ Ich will mich nicht auf alle Opfer an Zeit und Kraft berufen , die ich Dir seit Deiner Kindheit gebracht , nicht auf alle Geduld , mit der ich Deine tausend Launen ertrug , noch auf die Liebe , mit der ich Dich trotzdem , daß Heim Dich aufgab , am Leben erhalten und groß gezogen habe . Du hast ihrer vorhin erwähnt — und Du findest sie genügend belohnt durch den großmütigen Entschluß , Deinen Oheim nicht in das Zuchthaus zu schicken ; — Du mußt am Besten wissen , was sie Dir wert ist ! — Aber , Ernestine , Du solltest mich wenigstens nicht mehr hassen als Deinen Vater , dem Du längst verziehen , dessen Du stets so mitleidsvoll gedenkst , denn ich darf kühn die Augen aufschlagen und sprechen , ich habe edler an Dir gehandelt , als er . — Er war ein Trinker , eine zum Tier entartete , gemeine Natur . Er hat Dich nicht erzogen , ich hab ’ s getan . Er hat Dich kaum gekleidet , kaum ernährt , ich habe Dich mit Allem umgeben , was Dein Herz erfreuen konnte . Er hat Dich stets gehaßt , ich habe Dich von Klein auf geliebt . Du wirst Dich wohl erinnern , wie oft ich Dich vor seinen Mißhandlungen schützen mußte , und das einzige Mal , wo ich nicht zugegen , schlug er Dich fast tot . Er hätte nie als Vater für Deine Zukunft gesorgt , wenn er es nicht in der Angst über sein Vergehen an Dir getan . — Das Vermögen , Ernestine , um welches ich Dich gebracht , hatte ich erworben , es war zu zwei Dritteilen sogar mein gesetzliches Eigentum , es war der Lohn , den mir Dein Vater für meine Dienste schuldete . — Er hat es Dir vermacht und ich fand mich schweigend darein . Ich verzichtete , ohne Dich nur je meine gerechten Ansprüche ahnen zu lassen . Ich trennte mich von meinem Kinde , damit es so erzogen werde , wie es seiner bescheidenen Zukunft angemessen war — der beste Beweis , daß ich nie die Absicht hatte , Dein Eigentum anzutasten . Ich forderte für alle diese Entsagung keinen anderen Lohn als den Genuß , den unermeßlichen Genuß , einen jungen Geist , wie noch keiner in einem Frauentopf geboren war , zur vollen Entfaltung zu bringen . Du wirst mir das Zeugnis geben , daß ich Dich nichts Schlechtes gelehrt , daß ich Dir das Auge geöffnet für alles Gute und Schöne , daß ich Dir das Buch der Natur entziffern half , worin nichts steht als das Erhabenste , was der menschliche Geist zu fassen vermag . An dem Abscheu , mit dem Du Deinen tiefgesunkenen Lehrer betrachtest , magst Du erkennen , wie rein seine Lehren Dein Herz erhalten haben ! Ich gebe Dir zu bedenken , Ernestine , ob dies Alles mir nicht wenigstens das gleiche Anrecht an Dein Mitleid erwirbt wie das , welches Du Deinem Vater zu ­ gestehst ? “ Ernestine hatte ihm mit steigender Bewegung und Teilnahme zugehört . Sie begrub das Gesicht in die Kissen des Sofas und brach in Tränen aus . Leuthold sah es mit Befriedigung , er wußte , daß ein Weib , welches weint , entwaffnet ist . Er fuhr fort : „ Du überzeugtest mich , daß ich von Deinem Haß nichts zu fürchten brauche . Du hast es ausgesprochen , daß Du auf die Rache verzichtest und ein Charakter , wie der Deine , hält , was er verspricht . Aber , Ernestine , das genügt mir nicht . Ich finde nicht Ruhe für mein gefoltertes Bewußtsein , bevor Du mir gestattest , für Dein Schicksal zu sorgen . Laß mich doch wenigstens versuchen , mein Verbrechen zu sühnen , gönne mir diese einzige Erleichterung der Last , die mich zu Boden drückt — erbarme Dich und gönne dem Verbrecher die Buße , die ihn reinigen kann . “ „ Was soll ich denn tun ? “ fragte Ernestine mit gebrochener Stimme . „ Mit mir gehen , Kind , auf daß ich den Bissen Brot mit Dir teile , den ich erwerbe , auf daß ich Dir eine Stellung bereite , die Deiner würdig ist und die Du in Deutschland nimmer fändest . Du hast den glänzenden Kontrakt nach New York unterschrieben . Du kannst , darfst ihn jetzt nicht brechen , gerade jetzt , wo Dir eine Stellung nötig ist , die Dich ernährt . Es wäre Wahnsinn , die einzige Hilfe von Dir zu weisen , die sich Dir jetzt bietet und die Deinen hohen Eigenschaften angemessen ist . Du kannst aber der eingegangenen Verpflichtung nicht genügen ohne meinen Beistand , Du hast ein reiches Material , aber es hält nicht vor für den ganzen Zyklus von Vorlesungen . Du weißt am Besten , daß ich Dir bei jeder neuen Arbeit unentbehrlich bin ; Du hast ja noch nicht ausstudiert , Du darfst Dir diesen Amerikanern gegenüber keine Blöße geben , um Alles nicht . Hasse mich denn , verachte mich , aber nimm wenigstens meinen Schutz auf der langen Fahrt nach New York an und wenn wir dort sind , meine Hilfe , ohne welche Du mit Deinen Vorträgen nicht vor das Publikum treten könntest . Glaube mir , ich bin jeder Sentimentalität feind , aber es ist doch ein eigen Ding , einen Menschen , der einem nahe stand , zu begraben , bevor er tot ist ; es wird Dir schwerer werden , als Du denkst . Man reißt sich nicht so rasch los von der Erinnerung an schöne Stunden , Tage , Jahre gemeinsamen Strebens und mit der Erinnerung wacht auch der Begrabene wieder auf und pocht an seinen Sargdeckel . “ Er hielt inne . Ernestinens kurzer rascher Atem verriet den schweren Kampf ihrer Seele . Endlich schüttelte sie das Haupt , sprang auf und schritt unschlüssig im Zimmer auf und nieder . Leuthold fuhr fort : „ Du kannst nicht anders , Du mußt mit mir gehen . Was bleibt Dir denn sonst übrig . Bedenke Dich einmal — was willst Du beginnen , wenn Du hier bleibst ? “ „ Ich weiß es nicht ! “ murmelte sie düster vor sich hin . „ Du hast keinen Menschen hier , an den Du Dich wenden könntest — außer Möllners — “ Ernestine besann sich : „ Und den alten Heim ! “ „ Nun ja , Heim und Möllners sind wie eine Familie . Sie würden sich natürlich gemeinsam Deiner annehmen . Für Heim wäre es ein hoher Triumph , daß Alles kam , wie er es voraus gesagt . “ Ernestine biß die Zähne übereinander . „ Du kannst nach dem , was vorgefallen ist , freilich sicher sein , von den Leuten eine Unterstützung zu bekommen — vielleicht verschaffen sie Dir eine Gouvernantenstelle , wenn Du ihnen lästig wirst . Es frägt sich nur , ob Dich das nicht tiefer demütigt , als wenn Du mit mir reisest . — Mein Himmel , Du mußt auf solch einem Schiff mit Manchem fahren , der kein gutes Gewissen hat und kannst ihn nicht nach seinem Leumundszeugnis fragen . Laß Deinen Oheim auch darunter sein . — Ich werde Dich nicht belästigen , Dir nicht vor das Antlitz treten , wenn Du es nicht willst . “ Er wartete auf Antwort . Ernestine sah brütend zur Erde . „ Oder willst Du nun nachträglich den zurückgewiesenen Antrag Möllners annehmen , zur Frau Staatsrätin eilen und abbitten ? Dann , fürchte ich nur , wird die kluge Frau sagen : < < Aha , sie war übermütig , so lange sie Geld hatte , jetzt hat sie keines mehr , drum wird sie demütig und sucht unter Dach und Fach zu schlüpfen ! Sieh , sieh die Spröde , wenn der Hunger kommt , geht sie nach Brot . Mit Hunger zähmt man wilde Tiere und starre Herzen , denn wenn der Magen leer ist , wird das Herz auch schwach . > > “ „ Hör auf , Oheim ! “ rief Ernestine schaudernd . Leuthold ließ sich nicht unterbrechen , jetzt war er wieder ganz in seinem Element . „ So würde die hochmütige Frau Mama sagen , denn diese geistigen Aristokraten haben den Stolz der Uneigennützigkeit und for ­ dern ihn auch von Andern . Und der Herr Professor ? Der würde sich natürlich jetzt doppelt und dreifach verpflichtet glauben , Dich zu heiraten und die Hungernde , Frierende an seinem Herde zu atzen und zu wärmen . Wenn aber dann der erste Rausch des Erbarmens vorüber wäre , was , Ernestine , würde er sich bei einiger Überlegung sagen ? “ " Er würde sagen , sie wurde meine Gattin nicht aus Liebe , sondern aus Not ! “ „ Folglich brauche ich sie nicht wieder zu lieben , “ ergänzte Leuthold . „ Und nicht zu achten ! “ schloß Ernestine am ganzen Leibe zitternd . „ Nein , nein , so darf es nicht kommen . So tief will ich nicht sinken . Der große , edle Mann soll mich nicht des Eigennutzes anklagen , die stolze mißtrauische Mutter soll mich nicht als Bettlerin auf ihrer Schwelle finden ; lieber im Meere untergehen ! “ Sie näherte sich Leuthold , ihr Atem flog , ihre Pulse fieberten : „ Oheim , Du hast mein Lebensglück vernichtet — rette , o , rette mir das Einzige , was mir blieb , die Achtung vor mir selbst . “ „ So komm mit ! — Erst wenn das Weltmeer zwischen Dir und diesen Menschen liegt , bist Du sicher vor der eigenen Schwäche . “ Ernestine ließ ermattet die Arme sinken . „ Wohlan denn , Du hast gesiegt . “ Neuntes Kapitel . Wissenschaft und Glaube . Der grauende Tag suchte vergebens , die Schleier zu lüften , welche die regnerische Nacht auf Berg und Tal zurückgelassen . Es war einer der Morgen , wo sich der alternde Sommer gleich einer verblühenden Schönen , die spät aufgestanden und sich unbelauscht glaubt , in seiner ganzen Herbstlichkeit zeigte . Die aufgehende Sonne verkroch sich immer wieder bleich und frostig hinter den naßkalten Nebeln und die Büsche trieften , man könnte sagen , von Tränen des Unmuts ! Unmutig schüttelte auch der bleiche Wächter , der die ganze Nacht hindurch das Schloß umschritten hatte , die Nässe aus seinem Mantel . Er schauerte , übernächtig , wie er war , in den feuchten Kleidern und sah nach der Gegend des Schulhauses zu , ob nicht die Ablösung komme . Er brauchte nicht mehr lange zu warten . Bald tauchte die kräftige Gestalt eines jungen Mannes auf , der rüstig voran schritt . Langsam und schläfrig schlug jetzt die Uhr der Dorfkirche halb Fünf . „ Auf die Minute , “ rief der Ältere dem Jüngling entgegen . „ Das nenn ’ ich pünktlich . “ „ Gott zum Gruße ! “ sagte Walter . „ Brr , ’ s ist frisch ! Sie müssen tüchtig gefroren haben . “ „ Nicht mehr als der Waidmann auf dem Anstand , “ erwiderte Johannes . „ Dem macht die Jagdlust warm . In mir hat ’ s gekocht und gebrannt vor Begierde nach dem Raubtier da oben . O , Walter , ich bin sonst gelassen und nicht leicht aufzubringen . Wenn aber dieser Mensch heute Nacht ausgebrochen und in meine Hände gefallen wäre , ich weiß nicht , ob ich ihn mit heiler Haut aufs Gericht gebracht hätte . “ „ Ich nehm ’ s Ihnen nicht übel , “ lachte Walter . „ Ich wünschte mir auch nichts mehr , als mich einmal an dem Hallunken satt zu prügeln . Wie haben Sie denn nur die Nacht durchgemacht , konnten Sie wenigstens sitzen ? “ „ Ich hatte keine Ruhe dazu , auch war die Bank an der Tür so feucht . Aber jetzt spüre ich ’ s in allen Gliedern . “ „ Na , eilen Sie nun nur , daß Sie ins Trockene kommen . Vater erwartet Sie mit Ungeduld , er ist schon auf und die Mutter hat Ihnen einen starken Kaffee gekocht . “ „ Ihr guten Menschen , “ sagte Johannes gerührt . „ Ach , Walter , ich bin recht beängstigt . Bis Mitternacht war Gleißert bei Ernestinen . Dort von dem Hügel aus konnte ich durch das Fenster ihre Köpfe sehen . Sie schienen eifrig zu sprechen und gingen auf und nieder , gerade als ob sie packten . Walter , wenn ich es erleben müßte , daß sie dennoch ... “ „ Ach , beunruhigen Sie sich nicht , das ist rein unmöglich nach den Aufschlüssen , die Sie ihr gaben … “ „ Wie kann sie nach eben den Aufschlüssen diesen Menschen noch stundenlang um sich dulden ? Wie kann sie noch zehn Minuten die Luft eines Zimmers mit ihm teilen ? “ „ Hm , es wäre doch unglaublich . Na , dem möge nun sein , wie ihm wolle , wir können jetzt nichts Anderes tun , als abwarten und aufpassen . Letzteres will ich redlich ! Machen Sie jetzt , daß Sie sich ein paar Stunden ausruhen , damit Sie mich zur Schulzeit wieder ablösen können . Hätten Sie mich nur diese Nacht für Sie wachen lassen , mir wäre er so wenig entkommen wie Ihnen ! “ „ Es ist genug , wenn Sie mir den langen Tag erleichtern . Also auf Wiedersehen , gegen acht Uhr bin ich da . “ Mit diesen Worten ging Johannes schweren und müden Schrittes dem Schulhause zu . Als er in die niedere , noch halbdunkle Stube eintrat , stand schon die dampfende Kaffeekanne auf dem Tische . Frau Leonhardt hatte ihn kommen sehen und Alles schnell gerüstet . Herr Leonhardt saß wie immer auf der Ofenbank und streckte dem Eintretenden die Hand entgegen . „ Gott zum Gruße , lieber Herr ! “ sagte er besorgt . „ Wie ist Ihnen nach dem ungewohnten Nachtwächterdienst ? “ „ Leidlich , mein alter Freund ! “ erwiderte Johannes . „ Aber ich kann nicht leugnen , daß sich seit heute meine Achtung für die ehrsame Gilde der Nachtwächter bedeutend erhöht hat . — Danke , danke , Frau Leonhardt , ich bin nicht im Stande , etwas zu essen . “ „ O , Sie können doch den Kaffee nicht so leer trinken , “ klagte die Frau . „ Mutter , nötige nicht , es schickt sich ja nicht mehr . “ „ Ach , aber einen Bissen Mürbes in den nüchternen Magen hinein , wäre doch gut , “ flehte die alte Frau . „ Na , wenn Sie nicht wollen — Sie sehen , es ist da ! “ „ Ja , liebe Frau Leonhardt , ich sehe es , “ versicherte Johannes , mit einem lächelnden Blick auf den großen Korb voll Backwerk . „ Sie müssen nur wissen , daß meine Brigitte die halbe Nacht auf war , um Frühstücksbrot für Sie zu bereiten , weil man um diese Zeit noch nichts Frisches haben kann . Sie wollte Ihnen auch ihrerseits eine Ehre antun . Und nun genießen Sie nichts davon . Das ist doch hart . “ „ Geh , Alter , wie kannst Du nur so ausplaudern . Du bringst einen ja ganz in Verlegenheit ! “ „ Liebe Frau , der Herr Professor ist einer von den Menschen , die solch einen kleinen rührenden Zug wohl zu schätzen wissen ; sonst hätte ich es ihm nicht gesagt . Du tust eben , was Du kannst , aber Du tust es doch , “ „ Ja wahrhaftig , “ rief Johannes und faßte die Hand der Schulmeisterin . „ Das ist so echte , liebe Frauenart ! Die schätze ich , wo ich sie immer finde . Und nun soll mir ’ s auch schmecken . “ Und er zwang sich zu essen , damit die alte Frau doch nicht vergebens den Schlaf von ihren müden Augen abgehalten hatte . . „ Du lieber Gott , “ meinte Brigitte , „ wenn das Fräulein geahnt hätte , daß Sie da unten in der kalten , feuchten Nacht herumwanderten , es hätte sie doch recht erbarmen müssen . “ „ Das Fräulein kennt kein Erbarmen , meine liebe Frau Leonhardt , “ erwiderte Johannes bitter . Der alte Herr legte seine Hand begütigend auf Johannes ’ Schulter . „ Das meinen Sie selbst nicht . Sie haben das Fräulein viel zu lieb , um so schlimm von ihr zu denken . Es ist jetzt nur der Unmut , der aus Ihnen spricht . Wenn Sie doch nur so klar in diese große Seele sehen wollten wie ich , der von keiner Leidenschaft geblendet ist . Es klingt wohl seltsam , wenn ich vom Sehen spreche und dennoch muß ich es sagen . “ „ Aber , Vater Leonhardt , wer leugnet denn , daß Ernestine ein hohes , edles Wesen ist ? Würde ich das Alles für sie tun , wenn ich sie dessen nicht wert fände , auch nachdem sie mich von sich stieß ? Wenn Sie aber gestern in dies unbewegliche , steinerne geblickt Antlitz hätten wie ich , Sie hätten auch wie ich gefragt , ob dieses junge Geschöpf ein Herz in der Brust träge . “ „ Ja , sicher , sicher hat sie eines , “ beteuerte der Greis . „ Aber wissen Sie , Herr Professor , ihr Herz hat bisher seine Nahrung nur mittelbar durch den Geist empfangen . Sie hatte ja nichts , was sie lieben konnte , als ihre Ideen . Menschen kannte sie nicht . Was Wunder , wenn sie glaubt , nur da lieben zu dürfen , wo ihr Verstand < < Amen > > sagt ? Bei Ihnen kann er dies nicht sagen — Sie sind ihm in Allem entgegengetreten , was er für das Rechte hält , also muß er Sie anfeinden und das junge unterdrückte Herz muß sich still dabei verhalten . — Ernestinens Denken ist eben das eines gereiften Mannes , aber ihre Empfindung so unentwickelt wie die eines fünfzehnjährigen Mädchens . Daraus können sich nur unlösbare Widersprüche ergeben . Lassen Sie diesem unbewußten Fühlen nur Zeit , zu erstarken und schrecken Sie es nicht durch Kälte zurück , dann werden Sie sehen , ob es nicht plötzlich seine Rechte gegenüber dem Geiste geltend macht . Ich möchte fast sagen , sie ist eine Art Kaspar Hauser in der Welt des Gefühls.102 Sie kann sich noch nicht darin zurecht finden . Da bedarf es denn eines geduldigen Lehrers und der werden Sie sein , deß bin ich gewiß ! Setzen Sie nur Alles daran , daß sie nicht nach Amerika geht , sonst ist sie uns so gut wie gestorben . “ „ Darauf verlassen Sie sich , treuer und weiser Freund ! “ rief Johannes und ein eiserner Wille malte sich in seinem müden Antlitz . „ Nicht mir , sich selbst will ich sie ja retten ! “ „ Wenn Sie mit Frühstücken fertig sind , sollten Sie aber ein wenig ruhen , “ meinte Leonhardt . „ Meine Frau hat ein Bett für Sie gerüstet . “ „ Das nehme ich dankbar an , “ erwiderte Johannes , „ denn ich bin erschöpft und habe voraussichtlich noch einen schweren Tag vor mir . “ „ So kommen Sie , ich will Sie in Ihr Zimmer führen , “ sagte der Greis und lächelte . „ Ja , ja , nun führt auch einmal der Blinde den Sehenden . “ Und er tastete sich , Johannes voran , durch das Zimmer . „ Folgen Sie mir nur , in diesem kleinen Hause kenne ich Wege und Stege . “ So gingen die Beiden miteinander in den oberen Stock , wo Herr Leonhardt eine Tür öffnete und Johannes eintreten ließ . „ Ich hoffe , es wird Alles in der Ordnung sein , “ sagte er und fuhr mit den zitternden Händen prüfend über das hochaufgeschüttelte Federbett hin . Dann nickte er zufrieden : „ Nun legen Sie sich , ich gehe nicht eher fort , als bis Sie liegen . “ Johannes warf die triefenden Kleider ab und tat , wie ihm geheißen . Der Greis griff nach der Decke und zog sie Johannes bis an den Hals hinauf . Dann tappte er noch ein paar Mal darauf herum , ob auch der liebe Gast recht wohl gebettet und geborgen sei . „ Nun schlummern Sie , Sie können es brauchen , “ sagte er beruhigt und tastete sich leise wieder hinaus . „ Dank , tausend Dank , Vater Leonhardt , “ rief ihm Johannes nach . Er hörte noch , wie der Greis langsam und behutsam den Gang hinschlürfte und die Treppe hinunterstieg . Die Augen fielen ihm zu . Er hörte immer die Worte der Schulmeisterin : „ Wenn das Fräulein geahnt hätte , daß Sie in der kalten , feuchten Nacht ... “ Sie wußte es ja , sie brauchte es nicht erst zu ahnen , er hatte es deutlich genug gesagt , als er bei ihr war . Und sie hatte nicht einmal ein Fenster geöffnet , nicht einmal nach ihm ausgeschaut . Aber nein , sie kam ja selbst — da , da — die Tür ward leise aufgemacht , war der Oheim dabei ? Nein , sie — ganz allein . „ Komm , “ flüsterte sie , „ Du frierst , o komm , ich will Dich wärmen . " Und sie nahm seine Hände und hauchte hinein und rieb sie . „ Willst Du nicht mit mir in die Hausflur treten ? “ fragte sie