Garten-Ausschmückung , um auf die Besucher eine bestimmte sentimentale Wirkung auszuüben , denn unter den Kreuzen lag nichts oder – Schlimmeres als nichts . Ein › falscher Kirchhof ‹ also , was übrigens niemanden verdroß oder in seinem religiösen Gefühl verletzte . Man nahm das alles nicht ernst und der Philister , der bewundernd oder schmunzelnd an diese Gräber herantrat , war gerade so spottsüchtig und ungläubig , wie der Landrath v. Zieten selbst . Dieser wußte das auch und kannte nichts Lieberes und Schöneres – und dies war eine wirklich erquickliche Seite an ihm , die mit vielem aussöhnen konnte – als seinen Wustrauer Park mit seinen prächtigen alten Bäumen , seinen Lagerplätzen und seinen zur Fahrt auf den See bereitliegenden Booten und Gondeln von seinen lieben Ruppinern besucht zu sehen . Ich mache mich keiner Übertreibung schuldig , wenn ich sage , daß zu Zeiten bis zu fünfzig Familien in dem Park anzutreffen waren . Denn es gab nichts in der Nähe , was mit Wustrau wetteifern konnte . Sogar Fremde kamen . Und je mehr ihrer kamen , desto glänzender war des Alten Laune . Er erschien dann plötzlich , vom Schloß her , in blauem Rock und hellblauen Pantalons , einen Stern auf der Brust , und verlangte nichts als einen Gruß , den er mit großer Freundlichkeit erwiderte . Niemand fuhr besser dabei , als sein Gärtner , der den Namen Geduldig führte , und dem er eine Art Schankgerechtigkeit , nämlich das Recht einer Milch- und Kaffeewirtschaft verliehen hatte . Besonders Liebespaare liebten Wustrau sehr und viele Verlobungen sind in den verschwiegenen Gängen am See hin geschlossen worden . Er galt für geizig und fast darf man sagen , seine Thaten auf diesem Gebiet übertrafen noch seinen Ruf . Es wäre lohnend , hier Details zu geben , aber das Beste davon entzieht sich der Möglichkeit der Mittheilung und nur das eine , vergleichsweise Harmlose , mag hier eine Stelle finden , daß er , bei kleinen Diners , die gelegentlich stattfanden , persönlich mithalf und mit einer im Laufe der Zeit gewonnenen Übung aus ein paar Heringen ein paar Dutzend Sardellen herauszuschneiden wußte . Wahrscheinlich erfunden , aber erfundene Geschichten derart sind gerade so gut wie die wirklichen ; zwischen den echten und unechten Friedericianischen Anekdoten ist kein Unterschied . Bis in sein hohes Alter hinauf war er Landrath . Er hatte den Kreis gut verwaltet und viele Chausseen angelegt . Unter andrem half er auch dadurch , daß er bei Hofe , wo er namentlich bei Friedrich Wilhelm IV. als » Original « sehr angesehen war , allerlei durchzusetzen wußte , was einem Manne von gleichgültigerem Namen muthmaßlich nicht geglückt wäre . Mit eben diesem Ansehen bei Hofe hing es auch zusammen , daß er , schon 1840 gegraft , 1851 , unter ganz besonders auszeichnenden Förmlichkeiten , zur Enthüllungsfeier des Friedrichdenkmals nach Berlin geladen wurde . Hochbeglückt durch diese Gunstbezeugung kam er nach Wustrau zurück . Aber dieselben letzten Lebensjahre , die so viel Auszeichnendes für ihn brachten , brachten ihm auch Kränkungen aller Art , Ärgernisse , die um so ärgerlicher waren , als sie von Personen seiner nächsten Umgebung ausgingen . An der Spitze dieser plötzlich auf dem Plan erschienenen Feinde stand sein ehemaliger Sekretär C. A. Frost , der , so lang er noch in gräflichen Diensten war , nie mehr als 120 Thaler Gehalt bezogen und jedes beim Grafen eingereichte Gesuch um Gehaltsverbesserung abschlägig beantwortet gesehen hatte . Hinsichtlich der Charaktere war eine gewisse Verwandtschaft zwischen Herr und Diener und was dem Letzteren bei Beginn seiner Laufbahn an Verschlagenheit gefehlt haben mochte , das wußt ' er bald einzubringen . Von Natur klüger als sein Herr und mit einem entschiedenen Talent für bureaukratische Schreibereien ausgerüstet , wußt ' er sich bald derartig zur Seele der landräthlichen Verwaltung zu machen , daß er nicht ganz unrecht hatte , die seinem Herrn reichlich zufallenden Anerkennungen sich gut zu schreiben . Aber noch war die Zeit nicht da , dies Conto zu begleichen . Diese Zeit kam erst , als die Verhältnisse ihn zwangen , sich nach aufbessernden Mitteln zur Durchbringung seiner immer zahlreicher werdenden Familie umzusehen . Die Gelegenheit zu dieser Aufbesserung war bald gefunden , und zwar sonderbarerweise ( wenn auch nur mittelbar ) durch den alten Landrath selbst . Dieser , dem finanziellen Zuge der damaligen , in die 40er Jahre fallenden ersten Gründerperiode folgend , fing an , große Strecken seines › Wustrauer Luchs ‹ an Torf-Ausbeutungsgesellschaften zu verkaufen und in eine dieser Gesellschaften trat Frost selbst ein , mit Genehmigung seines Herrn , der auf die Weise hoffen mochte , den ewigen Gesuchen um Gehaltsverbesserung ein für allemal enthoben zu werden . Ja , der sonst so Geizige ging weiter , und schoß seinem Sekretär aus freien Stücken 1000 Thaler vor , um demselben Gelegenheit zu geben , mit Hülfe dieser Einzahlung , als › Aktionär ‹ in die Torf-Exploitirungs-Gesellschaft eintreten zu können . Zieten gratulirte sich zu einem Meistercoup . Aber es kam anders , als er erwartet hatte , total anders . Sekretär Frost , der sich , bei seiner genauen Kenntniß aller einschlägigen Verhältnisse , sehr bald den Torf-Aktionären unentbehrlich zu machen wußte , stieg ebenso rasch an Ansehen , Macht und Vermögen und benutzte nunmehr seine finanziell glänzend gewordene Stellung , um im Interesse der › Gesellschaft ‹ , der er jetzt zugehörte , Forderungen zu stellen . Als der alte Landrath auf diese Forderungen nicht eingehen wollte , dagegen von den ihm vorgestreckten › 1000 Thalern ‹ sprach , warf ihm der über Nacht mächtig Gewordene die ganze Summe vor die Füße und suchte den Widerstand , den der Alte nach wie vor seinen Plänen entgegensetzte , dadurch zu brechen , daß er mit einem Briefe drohte , den er an den König Friedrich Wilhelm IV. schreiben wolle . Schließlich schrieb er diesen Brief auch wirklich und entwarf darin ein Charakterbild des Alten , der Zeit seines Lebens nichts als eine Mischung von Engherzigkeit , Habsucht und Unfähigkeit gewesen sei , stets nur verstanden habe , andere für sich arbeiten zu lassen und sich mit fremden Federn zu schmücken . Was in den letzten Jahrzehnten im Kreise geschehen sei , sei durch die landräthlichen Sekretäre geschehen , speciell durch ihn und sein Aushalten im Dienst , was nichts Leichtes gewesen sei , denn seine Vorgänger hätten sich , bei der Unerträglichkeit des ihnen auferlegten Lebens , das Leben genommen . So Frosts Eingabe . Sehr geschadet kann sie dem von ihm Verklagten aber nicht haben , denn es brachen gerade jetzt die vorerwähnten Zeiten an , die dem Alten Auszeichnungen über Auszeichnungen brachten . Indessen so wenig unempfindlich der Alte gegen solche königlichen Gnaden war , ging die heimische Fehde doch nicht spurlos an ihm vorüber , und es würde sich von einer Verkürzung seines Lebens durch eben dieselbe sprechen lassen , wenn er nicht trotz alledem sein Leben bis auf neunundachtzig Jahre gebracht hätte . Am 29. Juni 1854 starb er nach längerem Krankenlager . « Etwa eine Woche später war das Begräbnis und mit einer Gentzschen Schilderung desselben möchte ich diese Graf-Zieten-Skizze schließen . » An Betheiligung war kein Mangel , ja es waren mehr Personen zugegen , als eigentlich Anspruch darauf hatten . Zunächst fehlte kein Edelmann und Rittergutsbesitzer aus dem ganzen Ruppiner Kreise ; das war selbstverständlich . Aber auch das Bürgerthum , das › Volk ‹ , machte sich auf den Weg und die nach Wustrau führende große Straße war schon in aller Frühe von schwarzgekleideten Trauergästen belebt . Wer keinen Wagen hatte , ging zu Fuß , und so sah ich Ruppiner Damen aus den oberen Ständen , die nur zur Befriedigung ihrer Neugier die kleine Fußreise ( fünfviertel Meilen ) machten . Endlich erschien auch die Ruppiner Schützengilde mit Epauletts und Tressen und goldgesticktem Kragen . Jeder sah aus wie ein Major . Überhaupt war , wenn ich von den angeschimmelten Kaschmirhosen einiger Landstandsmitglieder absehe , kein Mangel an glänzenden Uniformen , besonders an Husaren-Uniformen , unter denen eine von alterthümlichem Schnitt ( wahrscheinlich aus der Zeit unmittelbar vor 1806 ) am meisten Bewunderung fand . Es war ein alter weißköpfiger von Bredow , der sie trug . Alles versammelte sich zunächst vor dem Schloß und hatte , bei der besonders starken Hitze , die herrschte , durchaus kein Verlangen , in das Schloß hinein und in die Nähe des Todten zu kommen . Aber endlich war es nicht länger hinauszuschieben und da standen wir nun – auch die › Honoratioren ‹ hatten Zutritt – am Sarge , zu dessen Häupten die von Tassaerts Meisterhand herrührende Porträtbüste seines Vaters , des alten berühmten Zieten , aufragte . Daneben stand der Prediger und hob seinen Sermon an und wer nicht wußte , daß es der Sohn sei , der hätte glauben müssen , es sei der Vater . Der Sohn aber , wenn er hätte sprechen können , hätte mit seiner scharfen Stimme gerufen : › Du lügst ‹ , denn wie schwach es mit des alten Grafen Tugenden auch stehen mochte , von einer Sünde war er frei , von der der Heuchelei . Ganz ein Kind des vorigen Jahrhunderts , in dessen Aufklärungsjahrzehnte seine Jugend fiel , war er voll Haß gegen die Kirche und voll Spott gegen ihre Diener . Das Letzte der ganzen Scene war ein Akt des Heroismus : Die Wustrauer Bauern nämlich , ohne sich mit der vom Mittelalter überkommenen Citrone bewehrt zu haben , traten heran , luden den Sarg auf ihre Schultern und trugen ihn bis zu der Begräbnißstätte , die der Alte sich sorglich vorher bereitet hatte . Gesang und Gebet . Dann aber war alles beflissen – denn jeder sehnte sich nach Imbiß und Stärkung – vom Kirchhofe wieder nach dem Schlosse zurückzukehren , indessen mit den Portraits der ehemaligen Offiziere des Zietenschen Husarenregiments geschmückten großen Saal man mittlerweile Tische gestellt und die Tafel gedeckt hatte , gedeckt mit einem Gefühl für Repräsentation , ja mit einer Opulenz , die diese Räume seit länger als einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen hatten . Diese Opulenz entsprach denn auch der Bravour-Angriff auf die Flaschen-Batterie , der einige der Jüngeren , bei der eminenten und fortgesetzten Energie des Angriffs , zu erliegen drohten . Und jetzt war es denn auch , daß von draußen her der Ruf in den Saal drang , › wir haben auch Hunger ‹ , – ein immer lauter werdender Schrei , der von den vielen Hunderten ausging , die nicht eigentlich zu den Geladenen zählten , inzwischen aber auf dem Rasenplatz vor dem Schloß und besonders auf der Rampe desselben Aufstellung genommen hatten . Es wurden aufrichtig gemeinte Versuche gemacht , das von außen her um Brot schreiende Volk zu befriedigen , aber die besten Anstrengungen erlahmten an der Menge derer , die forderten , und so kam es denn , daß , eh es möglich war , es zu hindern ( auch fehlte wohl , weil man kein Ärgernis geben wollte , der Wille dazu ) die draußen versammelte Menge von der Rampe her in das Schloß einbrach und durch einen feinen Instinkt , vielleicht auch durch die Lokalkenntniß eines Einzelnen geleitet , ihren Weg in den über Erwarten leidlich ausgestatteten Weinkeller nahm . Nun war dieser Keller sicherlich nicht die Stätte nennenswerter Chateau-Weine , das lange Lagern indeß , zu dem die wirthschaftlichen Normen des Alten die reichste Gelegenheit geboten hatten , hatte zur Aufbesserung wenigstens das Möglichste gethan und immerhin etwas Trinkbares hergestellt . Was nicht an Ort und Stelle ausgetrunken wurde , nahm man in Park und Garten mit hinauf und als die letzte Flasche leer war , begann ein Singen und ein allgemeines Verlangen nach den Dorfmusikanten , die glücklicherweise nicht kamen und den Begräbnißtag des letzten Wustrauer Zieten davor bewahrten , in einem bal champêtre sein Ende zu finden . Endlich erschienen aus der Stadt herbeigerufene Polizei-Sergeanten und räumten den Park , denselben Park , den der Alte ( die beste That seines Lebens ) mit so viel Liebenswürdigkeit durch zwei Menschenalter hin zur Verfügung des Ruppiner Volkes gestellt hatte . Mit Kraftliedern und Zechgelagen war ihm heute der › Dank des Volkes ‹ dafür abgestattet worden . « * So der Teil des Alexander Gentzschen Manuskripts , der sich mit den Personen und Zuständen einer um mehr als dreißig Jahre zurückliegenden Epoche beschäftigt . Alle die genannt wurden , sind längst vom Schauplatz abgetreten , vielfach auch schon wieder ihre Kinder . Trotzdem wird es nicht ausbleiben , daß sich einzelne durch gegen den Vater oder Großvater gerichtete Spöttereien unangenehm berührt fühlen . Auch das über den alten Grafen Zieten Gesagte wird einer Beanstandung in einzelnen Gesellschaftskreisen nicht entgehn . Allen aber möchte ich aus einer langen literarischen Erfahrung zurufen dürfen : wer solche Quellen aus Familienrücksichten absperren will , der steht nicht bloß der historischen Forschung ( zu deren vorzüglichsten Objekten auch das Studium des Kleinlebens gehört ) , sondern vor allem auch sich selbst und den Seinen im Lichte . Das protestantische Volk verlangt keine Heiligen , eher das Gegenteil ; es verlangt Menschen 89 , und alle seine Lieblingsfiguren : Friedrich Wilhelm I. , der große König , Seydlitz , Blücher , York , Wrangel , Prinz Friedrich Karl , Bismarck sind nach einer bestimmten Seite hin , und oft nach mehr als einer Seite hin , sehr angreifbar gewesen . Der Hinweis auf ihre schwachen Punkte hat aber noch keinem von ihnen geschadet . Gestalten wie Moltke bilden ganz und gar die Ausnahme , weshalb auch die Moltkebegeisterung vorwiegend eine Moltkebewunderung ist und mehr aus dem Kopf als aus dem Herzen stammt . 4 4 Vom Bau des Gentzroder Herrenhauses 1877 ( ? ) bis zum Mai 1880 . Der Krach . Der Prozeß . Alexander Gentz , Übersiedelung nach Stralsund . Sein Tod . Versuch einer Charakteristik seiner selbst und seines Prozesses . Als Alexander Gentz an seiner » Geschichte der Erwerbung « von Gentzrode schrieb , stand er , um es zu wiederholen , auf der Höhe seines Glückes . Er hatte den vollen Glauben an sich und seinen Stern , und der Gedanke lag ihm fern , daß eine Wendung der Dinge je kommen , ihn niederwerfen und demütigen könne . Gegen Warnerstimmen , an denen es nicht fehlte , war er taub , wie jeder in gleicher Lage – der Glückswagen , der ihn trug , mußte sein Ziel erreichen oder in Stücke gehen . Ein Aufhalten gab es nicht . Und so kam die Katastrophe . Ober die dieser Katastrophe voraufgehenden Zeit liegt nur ein kurzer Bericht vor , dem ich folgendes entnehme . » ... Gentzrode wuchs ; Wiesen waren neuerdings erworben worden und die Bäume gediehen noch über Erwarten hinaus , so daß in den Gründerjahren viele Tausende davon verkauft werden konnten . Ausfälle , die trotzdem eintraten , konnten durch die reichen Torfstich-Erträge leicht gedeckt werden . Alexander Gentz verfolgte rastlos den Plan einer allgemeinen Arrondierung seines Besitzes , sowohl seiner Äcker in Gentzrode , wie seiner Torf-Gräbereien im Luch . Die Leute nannten ihn den › alten Blücher ‹ , in Anerkennung der Energie , mit der er alles durchführte , was er sich vorgesetzt hatte . Die meisten Kämpfe , deren es viele , sowohl mit den Konkurrenten wie mit der Regierung gab , kostete das Luch , an dessen wachsenden Erträgen alles hing . Und diese Kämpfe wurden im ganzen genommen siegreich geführt . Da , mit einem Male , war es , trotz dieser Siege , mit den › wachsenden Erträgen aus dem Luch ‹ aus und dadurch mit Gentzrode , ja mit dem Wohlstand der Familie vorbei . Wie kam das ? Der Torf war über Nacht außer Mode gekommen . Alles brannte Steinkohlen oder Briketts und selbst die Ziegeleien , die bis dahin , ein sehr wichtiger Punkt , die Konsumenten der sonst halb wertlosen Torfabgänge gewesen waren , bauten ihre Brennöfen um , um mit Hilfe dieser Neubauten die Vorteil versprechende Mode mitmachen und Steinkohlen statt Torf verwenden zu können . Dies allein hätte genügt , dem Gentzschen Geschäft , dessen solide Grundlage der Torf war , einen tödlichen Schlag zu versetzen , zur Beschleunigung des Niederganges aber stellten sich noch andere Schädigungen ein , die freilich mit den veränderten Konjunkturen in einem mehr oder weniger nahen Zusammenhange standen , zum Teil direkt daraus resultierten . Ein Hauptwerk Alexander Gentzs im Luch war die mit enormen Kosten errichtete große Schiffahrtstraße nach Berlin , der sogenannte Fehrbelliner Kanal samt dem schwarzen Graben . Alle fremden Kähne , so viel war ihm seitens der Regierung als Ausgleich für das Geleistete zugebilligt worden , hatten , wenn sie die Wasserstraße benutzten , unter dem Namen eines Schleusengeldes einen Zoll an ihn zu zahlen , dessen Beträge zunächst zur Verzinsung resp . Amortisierung des Anlagekapitals dienten . Es waren dies sehr beträchtliche Summen , die sich infolge der plötzlich veränderten › Konjunkturen ‹ ebenfalls rasch herabminderten , so daß a tempo zweierlei hinschwand oder doch ins Schwinden kam : die Torfgelder für den selbstproduzierten Torf und die Schleusengelder für die Torfverschiffung der Mitproduzenten . Aber auch dieser Doppelübelstand erschöpfte noch nicht das Maß der Verlegenheiten . Eine dritte Schädigung kam noch hinzu : der Sommer und Herbst 1877 waren sehr regnerisch gewesen , so daß der im Luch überall umherstehende , teils naß gewordene , teils von Anfang an nicht recht ausgetrocknete Torf ( der , wie sich denken läßt , eine sehr bedeutende Summe repräsentierte ) nicht verschifft , mithin auch das Wenige , was von Nachfrage da war , nicht einmal befriedigt werden konnte . Die Folge davon war , daß es schon im Winter 1877 auf 1878 mit Gentz ' Finanzlage kritisch genug stand , bis sich ein Weg fand , dem Unheil noch einmal zu steuern . Dies war durch Verpfändung der gesamten Torfgräbereien mit Rückkaufsrecht . In der Tat nahm alles noch einmal einen gewissen Aufschwung , zum mindesten war auf Jahr und Tag hin ein Stillstand geschaffen . Aber schon am 2. Mai 1880 hieß es abermals an der Berliner Börse : › Gentz ist bankrott . ‹ Und diesmal war kein Einhalt zu tun . Ein Konkursverwalter ward ernannt , der , um › Verdunkelungen ‹ vorzubeugen ( es handelte sich um Nachweis etwaiger Schuld aus den Geschäftsbüchern ) , Gentz ' Verhaftung beantragte . Verschiedene Verhöre vor dem Konkursrichter fanden statt , einem vom Verteidiger gestellten Antrage auf Freilassung wurde nicht Folge gegeben und erst das Landgericht hob in einer Sitzung die weitere Untersuchungshaft auf . Diese Haft hatte zwölf Wochen und fünf Tage gedauert . Inzwischen schritt man zur Formulierung der Anklage , die schließlich auf Betrug in fünfunddreißig Fällen und außerdem auf einfachen Bankrott lautete . Seit Beginn der Untersuchungshaft waren bis zur Fertigstellung der Anklage bzw. bis zur Einleitung des Prozesses fast drei Jahre vergangen . Vom 13. bis 15. Februar 1883 fanden die Verhandlungen statt . Einige fünfzig Zeugen waren geladen . Der Tatbestand des Betruges war darin erkannt worden , daß Gentz in der Zeit vom 1. Januar bis 4. Juni 1880 , als angeblich schon eine Unterbilanz vorhanden war , noch zahlreiche Depositen angenommen habe . Nach Ausweis seiner Bücher stellte sich jedoch heraus , daß er am I. Januar genannten Jahres noch eine Überbilanz von 790000 Mark gehabt . Damit fiel die Betrugs-Anklage zu Boden , während seine schließliche Verurteilung zu vier Monaten Gefängnis auf einfachen Bankrott hin erfolgte , von welchem Strafmaß die lange Untersuchungshaft in Abrechnung kam . Ein Begnadigungsgesuch unterblieb und die Strafe wurde angetreten . Als er wieder frei war , war er ein gebrochener Mann , gebrochen an Leib und Seele . Trotzdem widerstand es ihm , in seiner Vaterstadt das Feld ohne weiteres zu räumen , bloß um unbequemen Begegnungen aus dem Wege zu gehen . Und so blieb er denn . Erst nach Ablauf mehrerer Jahre verließ er Ruppin und übersiedelte im März 1886 nach Stralsund , um daselbst ein Geschäft von dem geringen Vermögen seiner Frau zu kaufen . Es gelang auch damit . Aber sehr bald schon warf ihn Krankheit darnieder und von unaufhörlichen Schmerzen gepeinigt , sah er seine Kräfte hinschwinden ; Abzehrung stellte sich ein und er fühlte die Nähe des Todes . Als er im Mai ( ? ) 1888 die Ruppiner Zeitung in die Hand nahm und las , › daß die erste Nachtigall im Tempelgarten ( der ihm neben Gentzrode das Liebste war ) geschlagen habe ‹ , wurd ' er still und stiller . Er ließ seine Kinder , von denen keins daheim war , aus der Ferne kommen und ordnete an , daß er auf dem alten Ruppiner Kirchhof an der Seite seiner Eltern begraben sein wolle . Bald danach kam ein Blutsturz und am 3. Juli 1888 starb er . Nach seinem Willen wurde verfahren und seine Leiche nach Ruppin übergeführt . Da ruht er in Front der Familien-Begräbnisstätte , deren Mittelwand die Inschrift trägt : Ungunst und Wechsel der Zeiten zerstörte was wir geschaffen , Die wir im Leben gekämpft , ruhen im Tode hier aus . « * Es erübrigt uns noch ein Wort über Erscheinung und Charakter dieses eigenartigen Mannes . Alexander Gentz war ein echter Sohn seiner Ruppiner Heimat : lang aufgeschossen , mit anscheinend wenig Rückgrat und einem bequemen Schlenkergang , wie die Matrosen ihn haben . Und zu diesem sich wiegenden Matrosengange jene blassen , etwas vortretenden Amphibienaugen , denen man in dem alten Dossaner Gau , dem Lande zwischen Rhin und Dosse , so oft begegnet , Augen , die blöd und unbedeutend wirken und auf Mangel an Energie hinzudeuten scheinen , bis man an einem plötzlichen und beinahe unheimlichen Aufblitzen wahrnimmt , daß das alles nur Schein und Täuschung war und daß hinter dieser schlaffen Unbedeutendheit eine ganz ungewöhnliche Tatkraft lauert , Hang ins Weite , Lust am Hazardieren , Abenteuerlust . Alles in allem , auf den ersten Blick sehr unscheinbare , hinterher aber ungewöhnlich interessante Menschen . Und ein solcher interessanter Mensch war auch Alexander Gentz , was , so mein ' ich , selbst von seinen Feinden , deren er ein gerüttelt Maß hatte , nicht bestritten werden wird . Seine reichen Gaben freilich , nachdem sie viel Gutes gestiftet , wurden ihm verhängnisvoll . Von Natur klug und auf Schulen hervorragend gut unterrichtet , stand ihm , von Beginn seiner Geschäftsführung an , ein für einen kleinstädtischen Ladenbesitzer ganz ungewöhnliches Maß von Bildung zur Seite , das sich durch seine Reisen in Westeuropa noch gesteigert und ihm ein etwas bedrückliches Gefühl der Überlegenheit gegeben hatte . Zu diesem Gefühl intellektueller Überlegenheit gesellte sich alsbald auch noch das Hochgefühl , innerhalb seines Kreises der reichste Mann zu sein , so daß es nur noch seiner Verheiratung mit Helene Campe , der klugen und schönen Tochter des als Heinrich-Heine-Verlegers mitberühmt gewordenen Buchhändlers Campe bedurfte , um sein Selbstgefühl bis ins Ungemessene zu steigern . Wie das Turmknopf-Manuskript , aus dem ich Auszüge gegeben , deutlich bekundet , sah er auf die ganze Ruppiner Welt als auf etwas unendlich Kleines herab , und lebte sich immer mehr und mehr in ein gewisses , über den Personen und selbst über dem Gesetz ( soweit die » Kleinstädter « es handhabten ) stehendes Herrschergefühl ein , das ihn auch nicht verließ , als er schon vor Gericht stand . Vor den Konkursrichter geführt , nahm er vor diesem , was ganz seinem Wesen entsprach , eine derartig legere Haltung an , daß sich der Richter gezwungen sah , ihm vor Eintritt in die Verhandlung zuzurufen : » Hut ab ; Hände aus den Hosen ! « ein Zuruf , der ( wie ich zufällig weiß ) nicht nur das empörte Staunen des Angeklagten , sondern auch das seiner Familie wachrief , woran sich , als an einem rechten Musterbeispiele , zeigen läßt , in einem wie hohen Grade das ganze Haus Gentz ein vollkommen dynastisches Gefühl ausgebildet hatte . Alexander Gentz stand nicht als einfacher Alexander Gentz , sondern als eine Art Karl Stuart vor seinen Richtern , der bekanntlich , als ihm während der Verhandlung sein Stöckchen aus der Hand fiel , sich wunderte , daß niemand der Richter zusprang , das Stöckchen wieder aufzuheben und ihm zu überreichen . Und mit diesem charakteristischen Zug aus der Zeit des gegen Alexander Gentz angestrengten Prozesses bin ich nunmehr bei dem Prozesse selber angelangt und habe zu diesem , der seinerzeit soviel Staub aufwirbelte , Stellung zu nehmen . Wie stand es damit ? Zunächst mit dem Konkurs selbst ? Von befreundeter Seite wird mir darüber geschrieben : » Daß ihn ( Gentz ) , wie fast jeden , der zur Bankrotterklärung gezwungen wird , ein bestimmtes Maß von Schuld trifft , ist wohl nicht zu leugnen . Ein vorsichtiger Kaufmann muß rechtzeitig für Reservegelder sorgen und auf den Wandel der Zeiten achten . Beides unterließ er . Er war nicht weitsichtig genug . Dazu kam , daß der ihm angeborene Hang , alles nach Möglichkeit schön und künstlerisch zu gestalten , ihn zu ganz unnützen Mehrausgaben veranlaßte . Nicht bloß seine Parkanlagen sind ein vollgültiger Beweis dafür , derselbe Zug prägte sich auch bei den Kanalbauten im Luch aus , wo er sich ' s beispielsweise nicht nehmen ließ , erst die lange Wasserstraße selbst und dann die Torfgräberhäuser mit niedlichen Anpflanzungen zu umgeben . Diese künstlerische Liebhaberei verschlang ein Vermögen . « Ich habe dieser trefflichen und selbst in ihrem Tadel noch in gewissem Sinne verbindlichen Schilderung nichts hinzuzufügen . Er raste , jeder Warnung unzugänglich , in sein Verderben hinein , durch nichts berechtigt oder entschuldigt , als durch den Glauben an seinen Stern . Und so war es denn weder verwunderlich , noch auch die Betätigung eines besonderen staatsanwaltlichen Rigorismus , ihn schließlich zur Verantwortung gezogen zu sehn . Nur der Modus konnte vielleicht in diesem und jenem ein anderer sein . Es war ein Vorgehen , das in vielen Stücken an den berühmteren Professor Gräfschen Prozeß erinnert , bei welcher Gelegenheit auch die von Gräfs Schuld Überzeugtesten sich mit einzelnen Details des Verfahrens nicht einverstanden erklären konnten . Ähnlich im Prozeß Gentz . Das Richtige , das was sein soll , kam schließlich in jedem Anbetracht zu seinem Recht , er war schuldig , und das Maß der ihm zudiktierten Strafe wurde sicherlich nicht zu hoch bemessen , aber in das , was der eigentlichen Prozeßverhandlung voraufging , mischte sich wohl manches ein , was besser gefehlt hätte ; lange bevor ihn das Gericht verurteilen konnte , war er schon verurteilt durch die Gefühle seiner Mitbürger . Daß diese Gefühle durchweg die richtigen gewesen wären , kann ich nicht zugeben . Es brauchte seine Schuld nicht beschönigt , am wenigsten geleugnet zu werden , aber wenn jemals » mildernde Umstände « da waren und mitsprechen durften , so war hier ein solcher Fall gegeben . Alexander Gentz war das Opfer großer Unternehmungen , die , wenn auch vorwiegend zum eigenen Nutzen unternommen , doch schließlich der Gesamtheit von Stadt und Land zugute gekommen waren . Dem trug man nicht Rechnung . Sein Fall , statt Mitleid zu wecken , weckte nur Freude , denn kein Jubel ist größer , als der Jubel derer , die – nachdem man über sie gelacht – sich schließlich als die Klügeren oder doch jedenfalls als die Siegreichen erweisen . Jetzt , wo das Grab ihn deckt und das furchtbare Leid , durch das er ging , viele seiner alten Gegner mit ihm ausgesöhnt haben wird , wird auch sein Name wieder wachsen , und wenn abermals ein Menschenalter verflossen und der Letzte seiner Mitlebenden heimgegangen sein wird , wird sich das dann lebende Geschlecht seiner als eines Wohltäters der Grafschaft erinnern , als eines Mannes , der in manchem als eine Warnung , in vielem aber auch als ein Vorbild gelten kann . In seiner Schöpfung Gentzrode lebt er fort . 5 5 Gentzrode von 1881 bis jetzt Um die Gläubiger in ihren Ansprüchen wenigstens bedingungsweise befriedigen zu können , war , gleich nach der Konkurserklärung , der Tempelgarten von der Stadt , die Torfstiche von der Deutschen Bank , Gentzrode selbst von den Herren Albert Ebell und Oberamtmann Troll übernommen worden . Nur mit den Schicksalen von Gentzrode haben wir uns in diesem Schlußkapitel zu beschäftigen . Es war im September 1881 , daß die vorgenannten Herren ( Ebell und Troll ) , die beide Gläubiger , aber nicht Inhaber von Hypotheken waren , Gentzrode , das ungefähr eine Million gekostet hatte , kauften , und zwar für die Summe von 210000 Mark . Sie hatten von vornherein nicht die Absicht , sich hier zu behaupten , sondern gingen lediglich in der Erwartung einer guten Finanzoperation vor , worin sie sich auch nicht getäuscht sahen . Eine nicht unbeträchtliche Summe floß ihnen aus der Realisierung des überreich ausgestatteten Inventars zu , welcher Inventar-Realisierung im Juli 1882 , also nach kaum zehnmonatlichem Besitz , der Wiederverkauf von Gentzrode selbst folgte . Die Kaufsumme war auf 270000 Mark gestiegen . Der diesmalige Käufer des Gutes war der zu Halle a. S. lebende Herr A. Wernicke , Fabrikant für Maschinen landwirtschaftlichen Betriebs , insonderheit für Zuckerfabriken . Es ist wahrscheinlich , daß sein Plan dahin ging , Gentzrode ganz auf Zuckerfabrikation hin umzugestalten . Er mußte sich aber bald von der Unmöglichkeit überzeugen – die Maschinen standen ihm zur Verfügung , aber der alte Dünensand der Kahlenberge , wieviel man auch aus ihm gemacht hatte , war doch kein Rübenland . A. Wernicke hielt im übrigen das Gut in gutem Stande , war aber schließlich doch froh , es nach fünfjährigem Besitz gegen Austausch wieder veräußern zu können . Er übernahm das in der Provinz Posen gelegene Gut Konooko und trat dafür Gentzrode an den Besitzer ebengenannten polnischen Gutes , Herrn Paul Höpffner ab . Konooko war bei diesem Tausch auf 500000