Einöde sah eben aus . Es zeigte nur eine Abwechslung , die der Farbe grün , wo Binsen und Moose den Marschboden bedeckten , schwarz , wo der trockne Erdboden nichts trug als Haidekraut . Obschon es bereits dunkel wurde , konnte ich diese Unterschiede doch noch wahrnehmen , wenngleich sie sich auch nur als Abwechslung zwischen Licht und Schatten kennzeichneten , denn die Farben waren mit dem Tageslicht geschwunden . Mein Auge schweifte noch über die düsteren Anhöhen , und entlang dem Rande des Torfmoors , das sich in die wildeste Scenerie verlor , als plötzlich an einem entfernten Punkt , weit hinein zwischen den Marschen und Höhen ein Licht aufblitzte . » Das ist ein ignis fatuus , « war mein erster Gedanke , und ich erwartete , daß es bald wieder verschwinden werde . Es brannte indessen ganz stetig ; es kam weder näher , noch entfernte es sich . » Ist es denn ein Freudenfeuer , das soeben erst angezündet ist ? « fragte ich weiter . Ich beobachtete , ob es sich weiter ausdehnen werde ; aber nein ; so wenig wie es größer wurde , verkleinerte es sich . » Es wird Kerzenschein aus einem Hause sein , « vermutete ich dann , » aber wenn es auch der Fall , so werde ich es doch nimmer erreichen können . Es ist viel zu weit entfernt . Und selbst wenn es nur eine Klafter weit von mir wäre , was könnte es nützen ? Ich würde doch nur an die Thür klopfen , um zu sehen , wie sie vor mir geschlossen wird . « Und ich sank zusammen , wo ich stand und drückte das Gesicht gegen den Erdboden . Eine Weile lang lag ich still . Der Nachtwind zog über den Hügel und mich fort und starb ächzend in der Ferne dahin . Der Regen fiel unablässig und durchnäßte mich von neuem bis auf die Haut . Wenn ich nur hätte erstarren können in der freundlichen , barmherzigen Kälte des Todes – so hätte er auf mich herabrieseln mögen , ich hätte ihn nicht gefühlt ; aber mein lebenswarmer Körper schauderte zusammen unter seinem erkältenden Einfluß . Es dauerte nicht lange , und ich erhob mich wieder . Das Licht war noch immer da ; es schien trübe aber beständig durch den Regen . Ich versuchte wieder zu gehen ; ich schleppte meine erschöpften Glieder ihm langsam entgegen . Es leitete mich schräge über den Hügel durch einen weiten Sumpf , der im Winter unpassierbar gewesen wäre und selbst jetzt im Hochsommer naß und unsicher war . Hier fiel ich zweimal . Aber ebenso oft erhob ich mich wieder und nahm von neuem den Rest meiner Kräfte zusammen . Dieses Licht war mein letzter Wagesatz im Hazardspiel des Lebens – ich mußte gewinnen ! Nachdem ich den Sumpf verlassen , sah ich eine weiße Spur über das Moor führen . Ich näherte mich ihr ; es war eine Straße oder ein Pfad , der direkt auf das Licht hinführte , das mir jetzt zwischen einer Gruppe von Bäumen heraus von einer Art Spitze oder Gipfel herab entgegenschien . Die Bäume waren , so weit ich es in der Dunkelheit unterscheiden konnte , Tannen oder Fichten . Als ich näher kam , verschwand mein Stern ; irgend ein Hindernis war zwischen ihn und mich getreten . Ich streckte die Hand aus , um die dunkle Masse vor mir zu fühlen ; ich unterschied die rauhen Steine einer niedrigen Mauer – darüber etwas , das Palissaden glich , und innerhalb eine hohe und dornige Hecke . Ich tastete mich weiter . Wiederum leuchtete ein weißlicher Gegenstand vor mir ; es war ein Thor – eine Pforte ; sie bewegte sich in ihren Angeln , als ich sie berührte . Zu jeder Seite stand ein schwarzer Busch – Stechpalme oder Taxusbaum . Als ich in die Pforte trat und an den Büschen vorüberging , erhob sich die Silhouette eines Hauses vor meinen Blicken . Schwarz , niedrig und ziemlich lang ; aber das rettende Licht schien nirgends mehr . Alles war Dunkelheit . Hatten die Bewohner sich zur Ruhe begeben ? Ich fürchtete , daß es so sei . Als ich die Thür suchte , kam ich um eine Ecke ; da schoß der freundliche Lichtstrahl wieder empor aus den länglichen Scheiben eines kleinen , vergitterten Fensters , das nur einen Fuß hoch über dem Erdboden gelegen war ; es war noch kleiner geworden durch die Ranken eines Epheus oder irgend einer anderen Schlingpflanze , deren Blätter den ganzen Teil des Hauses bedeckten , in welchem diese Fensterhöhlung sich befand . Die Öffnung war so verwachsen und eng , daß man Vorhänge oder Fensterladen für unnötig erachtet hatte ; und als ich mich hinabbeugte und die grünende Ranke beiseite schob , welche es bedeckte , konnte ich alles sehen , was drinnen vorging . Ich sah deutlich ein Zimmer mit einem reingescheuerten , sandbestreuten Fußboden ; eine Kredenz von Nußholz , auf welcher zinnerne Teller in langen Reihen aufgestellt ; diese waren so blank , daß der Glanz und der rote Schein eines Torffeuers sich in ihnen spiegelte . Ich konnte eine Uhr sehen , einen weißen Tisch von Tannenholz und einige Stühle . Das Licht , dessen Strahl mein Leuchtturm gewesen , brannte auf dem Tische ; und bei seinem Schein strickte eine ältliche Frau , die ein wenig rauh aber peinlich sauber aussah , wie alles umher , an einem Strumpfe . Ich bemerkte diese Dinge nur flüchtig – es lag nichts außergewöhnliches in ihnen . Am Herde saß eine Gruppe , die mehr Interesse in Anspruch nahm , wie sie sich meinem Auge so von rosigem Frieden und behaglicher Wärme umflossen darbot . Zwei junge , anmutige , weibliche Wesen – Damen in jeder Beziehung – saßen , die eine in einem Schaukelstuhl , die andere auf einem niederen Schemel ; beide trugen tiefe Trauer in Crepp und Bombasin ; dies düstere Gewand ließ ihre zarten Nacken und schönen Gesichter ganz besonders hervortreten ; ein großer , alter Vorstehhund hatte seinen Kopf auf den Schoß des einen Mädchens gelegt ; auf den Knieen der anderen lag eine schwarze Katze gebettet . Welch ein seltsamer Aufenthalt war diese bescheidene Küche für solche Insassen ! Wer waren sie ? Unmöglich konnten sie die Töchter jener ältlichen Person am Tische sein ; denn diese sah aus wie eine Bäuerin , und sie waren ganz Zartheit und Verfeinerung . Nirgend hatte ich Gesichter gesehen , welche den ihrigen glichen ; und doch , wenn ich sie ansah , war mir jeder einzelne Zug bekannt . Ich kann sie nicht schön nennen – für dies Wort waren sie zu blaß und zu ernst . Wie sie so dasaßen , jede über ein Buch gebeugt , sahen sie so gedankenvoll , ja , fast strenge aus . Ein Leuchtertisch zwischen ihnen trug eine zweite Kerze und zwei große , schwere Bücher , zu welchen sie häufig ihre Zuflucht nahmen ; augenscheinlich verglichen sie sie mit den kleineren Bänden , welche sie in Händen hielten , wie Leute , die ein Diktionär zu Rate ziehen , daß es ihnen bei der Aufgabe des Übersetzens behilflich sei . Dies Bild war so ruhig , als seien alle Figuren nur Schatten und der hell erleuchtete Raum ein Bild ; so still war es , daß ich die Asche durch den Rost fallen , die Uhr in ihrem dunklen Winkel ticken hören konnte ; und ich bildete mir sogar ein , daß ich das Klappern der Stricknadeln jener alten Frau vernehmen könne . Als daher endlich eine Stimme diese seltsame Stille unterbrach , war sie mir deutlich und hörbar genug . » Hör doch , Diana , « sagte eine der emsigen Leserinnen , » Franz und der alte Daniel sind bei Nachtzeit zusammen und Franz erzählt einen Traum , aus dem er mit Entsetzen erwacht ist , hör nur ! « Und mit leiser Stimme liest sie etwas , wovon mir nicht ein einziges Wort verständlich war ; denn es war in einer mir unbekannten Sprache – weder französisch noch lateinisch . Ob es griechisch oder deutsch , vermochte ich nicht zu sagen . » Das ist stark und kräftig , « sagte sie , als sie zu Ende war , » es gefällt mir . « Das andere Mädchen , welches den Kopf erhoben hatte , um der Schwester zuzuhören , wiederholte während sie in das Feuer starrte , eine Zeile von dem , was soeben gelesen war . In späteren Tagen lernte ich die Sprache und das Buch kennen ; deshalb will ich hier die Zeile anführen , obgleich sie , als ich sie zuerst hörte , nur ein Schlag auf tönendes Erz für mich bedeutete , das keinen Sinn für mich hatte : » Da trat hervor einer , anzusehen wie die Sternennacht , Gut ! Gut ! « rief sie aus , während ihre tiefen , dunklen Augen funkelten . » Da siehst du einen mächtigen Erzengel in passender Gestalt vor dir stehen ! Diese einzige Zeile ist mehr wert als hundert Seiten voll Bombast . » Ich wäge die Gedanken in der Schale meines Zorns und die Werke mit dem Gewichte meines Grimms ! « Das gefällt mir ! « Jetzt schwiegen beide wieder . » Giebt es denn wirklich und wahrhaftig ein Land , wo die Leute so sonderbar reden ? « fragte die alte Frau , indem sie von ihrer Arbeit aufsah . » Ja Hannah , ein viel größeres Land als England , wo sie gar nicht anders reden . « » Nun , meiner Seel , da begreif ich doch nicht , wie sie einander verstehen können ; wenn nun eine von euch dorthin reiste – glaubt ihr , daß ihr jemand verstehen könntet ? « » Wahrscheinlich würden wir etwas von dem verstehen , was die Leute dort sprechen , wenn auch nicht alles – denn wir sind nicht so gelehrt , wie du meinst , Hannah . Wir sprechen nicht deutsch und wir können es nicht lesen , ohne ein Diktionär zur Hilfe zu nehmen . « » Und was für Gutes habt ihr davon ? « » Wir beabsichtigen , es eines Tages zu lehren – oder doch wenigstens die Anfangsgründe , wie man es nennt ; dann werden wir mehr Geld verdienen , als wir jetzt können . « » Kann schon sein ! Aber jetzt laßt das Studieren ; für heute abend habt ihr genug gethan . « » Ich glaube auch . Wenigstens bin ich müde , Mary , bist du es ebenfalls ? « » Todesmüde . Schließlich ist es doch schwere und zähe Arbeit , sich mit einer Sprache abzuplagen , ohne einen anderen Lehrer als das Lexikon zu haben . « » Das ist es wahrhaftig . Besonders eine Sprache wie dies harte aber herrliche Deutsch . Ich möchte wissen , wann St. John nach Hause kommen wird . « « Gewiß wird er jetzt nicht mehr lange ausbleiben ; es ist gerade zehn Uhr ( dabei sah sie auf eine zierliche , goldene Uhr , die sie aus dem Gürtel zog ) . Es regnet heftig . Hannah , willst du so gut sein und nach dem Feuer im Wohnzimmer sehen ? « Die Frauen erhoben sich ; sie öffnete eine Thür , durch welche ich undeutlich einen Korridor sehen konnte . Bald hörte ich , wie sie in einem inneren Zimmer ein Feuer anschürte . Gleich darauf kam sie zurück . » Ach , Kinderchen ! « sagte sie , » es wird mir gar so schwer , jetzt in jenes Zimmer zu gehen ; es sieht so einsam und verlassen aus mit dem leeren Stuhl , der in den Winkel geschoben dasteht ! « Sie trocknete sich die Augen mit der Schürze . Die beiden jungen Mädchen , die vorher ernst ausgesehen , wurden jetzt traurig . » Aber er ist an einem bessern Ort , « fuhr Hannah fort ; » wir dürfen ihn nicht wieder her wünschen . Und dann , einen sanfteren Tod als er hatte , hat niemand . « » Du sagst , daß er unserer gar nicht mehr erwähnt hat ? « fragte eine der jungen Damen . » Er hatte keine Zeit , Kinderchen , er hatte keine Zeit ; es war vorüber in einer Minute , ja , in einer Minute . Er war nicht ganz wohl gewesen , wie Tags zuvor , aber es hatte nichts zu bedeuten ; und als Mr. St. John ihn fragte , ob eine von euch geholt werden solle , da lachte er ihm gerade ins Gesicht , ja , gerade ins Gesicht . Am nächsten Tage fing es dann wieder mit der Schwere im Kopfe an – das sind nun ja schon vierzehn Tage her – und er fiel in Schlaf und wachte nimmermehr auf . Er war beinahe schon kalt , als Euer Bruder zu ihm ins Zimmer kam und ihn fand . Ach Kinderchen , das war der letzte von dem alten Stamm – denn ihr und Mr. St. John seid von einer anderen Sorte als die , die schon fort sind . Eure Mutter hatte auch viel Ähnlichkeit mit euch und war beinahe ebenso gelehrt . Du bist ihr Ebenbild , Mary ; Diana sieht ihrem armen Vater ähnlicher . « Ich fand sie einander so ähnlich , daß ich nicht begreifen konnte , wo die alte Dienerin ( denn jetzt begann ich sie für eine solche zu halten ) irgend einen Unterschied zwischen ihnen fand . Beide hatten eine zarte Gesichtsfarbe und waren von schlanker Gestalt . Beider Gesichter verrieten Intelligenz und Distinktion . Das Haar der einen war allerdings um einen Schatten dunkler , und sie trugen es verschieden geordnet . Marys hellbraune Locken waren gescheitelt und fielen zu beiden Seiten der Schläfen herab ; Dianas dunklere Flechten hingen in dichten Wogen über den Nacken . Es schlug zehn Uhr . » Ihr werdet gewiß euer Abendbrot wollen , « bemerkte Hannah , » und Mr. St. John wird seins auch verlangen , wenn er nach Hause kommt . « Und sie begann die Mahlzeit vorzubereiten . Bis zu diesem Augenblick war ich so damit beschäftigt gewesen , sie zu beobachten , – ihre Erscheinung und Unterhaltung hatte ein so reges Interesse in mir wachgerufen , daß ich meine eigene verzweifelte Lage fast vergessen hatte . Jetzt fiel sie mir wieder ein . Durch den Kontrast erschien sie mir trostloser , entsetzlicher denn zuvor . Und wie unmöglich dünkte es mich , den Bewohnern dieses Hauses Teilnahme für mich einzuflößen ; sie an die Wahrheit meiner Not und meines Jammers glauben zu machen – sie zu bewegen , daß sie mir eine kurze Rast unter ihrem Dache gewährten ! Als ich mich an die Thür getastet hatte und zögernd anklopfte , fühlte ich , daß der letzte Gedanke eine reine Chimäre sei . Hannah öffnete . » Was wollen Sie ? « fragte sie mit erstaunter Stimme , als sie mich beim Schein der Kerze , die sie in der Hand hielt , prüfend ansah . » Darf ich mit Ihren Gebieterinnen sprechen ? « fragte ich . » Sagen Sie mir nur lieber , was Sie von ihnen wollen . Woher kommen Sie denn eigentlich ? « » Ich bin hier fremd . « » Was haben Sie denn um diese Stunde hier zu suchen ? « » Ich bitte um Nachtquartier in einem Stalle oder sonst wo , und um ein Stückchen Brot . « Mißtrauen – gerade die Empfindung , welche ich am meisten fürchtete , war auf Hannahs Gesicht zu lesen . » Ich will Ihnen ein Stück Brot geben , « sagte sie nach einer Pause ; » aber wir können einer Landstreicherin doch kein Obdach geben . Das ist doch nicht zu verlangen ! « » Lassen Sie mich mit den Damen sprechen ! « » Nein , gewiß nicht . Was könnten die für Sie thun ? Sie sollten um diese Zeit nicht mehr so umherlaufen . Das sieht sehr verdächtig aus ! « » Aber wohin soll ich gehen , wenn ich hier auch fortgejagt werde ? Was soll ich nur beginnen ? « » Ach ! ich wette , Sie wissen schon , wohin Sie zu gehen haben und was Sie zu thun haben . Nehmen Sie sich nur in acht , daß Sie nichts Unrechtes thun ! Sonst geht ' s mich nichts an . Hier ist ein Pfennig , und nun fort – – « » Einen Pfennig kann ich nicht essen und ich habe keine Kraft weiter zu gehen . Ah ! machen Sie die Thür nicht zu – thun Sie ' s nicht ! Um Gottes willen nicht ! « » Ich muß ; der Regen schlägt herein . « » Sagen Sie den jungen Damen Bescheid . – Lassen Sie mich sie sehen . « » Ganz gewiß nicht , nein , ganz gewiß nicht ! Sie sind nicht , was Sie sein sollten , sonst würden Sie nicht solchen Lärm machen . Fort mit Ihnen ! Schnell fort ! « » Aber ich muß sterben , wenn ich fortgejagt werde . « » Unsinn ! Solches Volk stirbt nicht . Ich bin nur bange , daß Sie was Böses vorhaben . Wozu treiben Sie sich sonst um diese Zeit vor den Häusern anderer Leute umher ? Wenn Sie vielleicht noch Helfershelfer haben – Einbrecher oder dergleichen , – die hier in der Nähe versteckt sind , so sagen Sie denen nur , daß wir nicht allein im Hause sind ; wir haben einen Mann hier und Hunde und Flinten . « Bei diesen Worten schlug die ehrliche aber unbeugsame Magd mir die Thür vor der Nase zu und verriegelte sie von innen . Dies war das Letzte ! Ein Weh der qualvollsten Art – ein Gefühl wahrer , echter Verzweiflung zerriß mir das Herz . Ich war vollständig erschöpft ; ich konnte keinen Schritt mehr thun . Auf den nassen Steinstufen brach ich zusammen ; ich stöhnte , ich rang die Hände – ich weinte in meiner Todesangst , O ! dieses Gespenst des Todes ! O ! diese letzte Stunde , die mit all ihren Schrecken nahte ! Ach ! dieses Verlassensein – dieses Verstoßensein von meines Gleichen ! Nicht allein den festen Anker eines Heims , nein , auch all meine Seelenkraft hatte ich verloren , wenn auch nur für einen Augenblick . Aber ich bemühte mich , letztere zurückzugewinnen . » Ich kann nur noch sterben , « sagte ich , » und ich glaube an Gott . Laß mich versuchen , seinen Willen ergeben abzuwarten . « Diese Worte dachte ich nicht nur , sondern ich sprach sie auch aus ; und indem ich all mein Elend in mein Herz zurückdrängte , versuchte ich es dort einzuschließen – und stumm und still zu bleiben . » Jeder Mensch muß sterben , « sagte eine Stimme in meiner Nähe ; » aber nicht alle sind verurteilt , ein langsames oder vorzeitiges Ende zu finden , so wie das Ihre es sein würde , wenn Sie hier vor Mangel umkämen . « » Wer oder was spricht ? « fragte ich entsetzt bei den unerwarteten Lauten ; denn jetzt war ich nicht mehr imstande , aus irgend einem Umstande Hoffnung auf Hilfe zu schöpfen . Eine Gestalt war nahe – welche Gestalt – das hinderte mich die stockfinstere Nacht und meine geschwächte Sehkraft zu unterscheiden . Mit lautem , langem Klopfen meldete der Neuangekommene sich an der Thür . » Sind Sie es , Mr. St. John ? « fragte Hannah . » Ja , ja , mach nur schnell auf . « » Ach , du meine Güte , wie kalt und durchnäßt Sie in einer solchen Nacht sein müssen ! Kommen Sie nur herein ! Ihre Schwestern haben schon große Angst um Sie . Und ich glaube gar noch , daß sich hier böse Gesellen umhertreiben . Eine Bettlerin ist hier gewesen – aber wahrhaftig , sie ist noch nicht fort ! – hat sich hier hergelegt ! – Steht auf ! Es ist eine Schande . Fort ! fort ! sage ich noch einmal ! « » Still Hannah ! Ich habe ein Wort mit dieser Frau zu sprechen . Du hast deine Pflicht gethan , als du sie ausschlossest , jetzt laß mich die meine thun , indem ich sie hereinlasse . Ich war in der Nähe und habe gehört , was ihr beide miteinander spracht . Ich glaube , dies ist ein ganz besonderer Fall – wenigstens muß ich ihn untersuchen . Junge Frau , stehen Sie auf und gehen Sie vor mir ins Haus . « Mit der größten Schwierigkeit gehorchte ich ihm . Gleich darauf stand ich in jener reinlichen , hellen Küche – vor jenem Herd – zitternd , schwächer und schwächer werdend , wohl wissend , daß ich im höchsten Grade zerlumpt , gespenstisch , abschreckend aussah . Die beiden jungen Damen , ihr Bruder Mr. St. John und die alte Dienerin – alle starrten mich an . » St. John , wer ist sie ? « hörte ich die eine fragen . » Ich weiß es nicht . Ich fand sie vor der Thür , « lautete seine Antwort . » Sie sieht ganz weiß aus , « warf Hannah ein . » So weiß wie Kreide oder der Tod , « antwortete jemand , » sie wird umfallen , laß sie niedersitzen . « Und in der That ward mir schwindlig , ich sank um , aber ein Stuhl nahm mich auf . Ich war noch im Besitz meiner Sinne , obgleich ich in diesem Augenblick nicht sprechen konnte . » Vielleicht würde etwas frisches Wasser sie neu beleben . Hannah , hol ein wenig . Aber sie ist ja gänzlich erschöpft . Wie mager sie ist ! Und nicht ein Tropfen Blut in den Wangen ! « » Ein wahres Gespenst . « » Ist sie krank oder nur verhungert ? « » Verhungert , glaube ich . Hannah , ist das Milch ? Gieb sie mir und ein Stück Brot dazu . « Diana ( ich erkannte sie an den langen Locken , welche ich zwischen mir und dem Feuer herabwallen sah , als sie sich über mich beugte ) zerbröckelte ein wenig Brot , tunkte es in Milch und hielt es an meine Lippen . Ihr Gesicht war dem meinen ganz nahe . Ich sah das Mitleid darin und in ihren beschleunigten Atemzügen fühlte ich Sympathie . Aus ihren einfachen Worten sprach ebenfalls die balsamgleiche Rührung , als sie sagte : » Versuchen Sie zu essen . « » Ja , versuchen Sie es , « wiederholte Mary sanft ; und Marys Hand entfernte meinen durchnäßten Hut und hob meinen Kopf empor . Ich nahm von dem , was sie mir anboten , zuerst matt , dann aber gierig . » Nicht zu viel mit einemmal – haltet sie zurück , « sagte der Bruder , » sie hat genug bekommen . « Und er nahm die Tasse mit Milch und den Teller mit Brot fort . » Ein wenig noch , St. John – sieh doch die ängstliche Gier in ihren Augen . « » Für den Augenblick nicht mehr , Schwester . Versuch , ob sie jetzt sprechen kann – frag sie nach ihrem Namen . « Ich fühlte , daß ich sprechen konnte und ich entgegnete : » Mein Name ist Jane Elliot . « Ich war besorgter denn je , Entdeckung zu vermeiden , und schon vorher hatte ich beschlossen , ein alias anzunehmen . » Und wo wohnen Sie ? Wo sind Ihre Angehörigen , Ihre Freunde ? « Ich schwieg . » Können wir irgend eine Person holen lassen , die Sie kennen ? « Ich schüttelte den Kopf . » Was für Auskunft können Sie uns über sich selbst geben ? « Seltsam ! Seitdem ich die Schwelle dieses Hauses überschritten hatte und seinen Bewohnern von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand , fühlte ich mich nicht mehr wie eine Ausgestoßene , wie eine Landstreicherin , die von der ganzen Welt geächtet ist . Ich hatte den Mut , die Bettlerin abzulegen und meine natürliche Art und Weise , meinen eigenen Charakter wieder anzunehmen . Jetzt begann ich , mich selbst wieder zu erkennen . Und als Mr. St. John einen Bericht verlangte – welchen zu geben ich für den Augenblick zu schwach war – sagte ich nach einer kurzen Pause : » Sir , ich bin nicht fähig , Ihnen heute abend noch Näheres mitzuteilen . « » Aber was erwarten Sie denn von mir , daß ich für Sie thun soll ? « fragte er . » Nichts ! « entgegnete ich . Meine Kraft reichte nur für kurze Antworten hin . Diana nahm das Wort . » Wollen Sie damit sagen , daß wir Ihnen jetzt alle Hilfe geleistet haben , deren Sie bedürfen ? « fragte sie , » und daß wir Sie wieder hinaus in den Regen und auf den durchweichten Sumpf lassen können ? « Ich blickte sie an . Ich fand , daß sie ein bemerkenswertes Gesicht hatte , in dem sich Klugheit , Kraft und Güte vereinten . Plötzlich faßte ich Mut . Indem ich ihren mitleidigen Blick mit einem Lächeln beantwortete , sagte ich : » Ihnen will ich vertrauen . Wenn ich ein herrenloser , verlaufener Hund wäre , so weiß ich , daß Sie mich heute abend nicht mehr aus Ihrem Hause jagen würden . Wie es nun ist , hege ich wirklich keine Furcht . Thun Sie mit mir und für mich , was Sie wollen ; aber erlassen Sie mir das Reden – mein Atem ist kurz – ich fühle eine Art Krampf , wenn ich spreche . « Alle drei beobachteten mich und alle drei verhielten sich schweigend . » Hannah , « sagte Mr. St. John endlich , » laß sie dort für den Augenblick noch sitzen und richte keine Fragen an sie . Nach Ablauf von zehn Minuten gieb ihr den Rest von der Milch und dem Brote . Mary und Diana , laßt uns ins Wohnzimmer gehen und die Sache weiter überlegen . « Sie zogen sich zurück . Sehr bald kehrte eine von den Damen zurück – ich konnte nicht unterscheiden welche . Eine Art angenehmer Bewußtlosigkeit bemächtigte sich meiner , als ich so neben dem belebenden Feuer saß . Mit leiser Stimme erteilte sie Hannah einige Befehle . Es dauerte nicht mehr lange , und ich vermochte mit Hilfe der Dienerin eine Treppe hinan zu steigen ; meine durchnäßten Kleider wurden mir ausgezogen , und bald lag ich in einem trocknen , angenehm durchwärmten Bette . Ich dankte Gott – empfand trotz meiner unbeschreiblichen Erschöpfung ein Gefühl der innigsten Dankbarkeit – und schlief ein . Neuntes Kapitel . An die drei Tage und Nächte , welche hierauf folgten , habe ich nur eine sehr schwache , verworrene Erinnerung bewahrt . Ich kann mir wohl einige Empfindungen zurückrufen , welche ich in der Zwischenzeit hatte ; aber einen festen Gedanken vermochte ich nicht zu hegen ; eine Handlung zu vollbringen war ich zu schwach . Ich wußte , daß ich mich in einem kleinen Zimmer , in einem schmalen Bette befand . An das Bett schien ich fest gewachsen zu sein . Bewegungslos wie ein Stein lag ich darin , und wenn man mich daraus entfernt hätte , so wäre das gleichbedeutend mit Tod gewesen . Ich bemerkte nicht , daß die Zeit verging – ich wußte nichts vom Übergange des Morgens zum Mittag , des Mittags zum Abend . Ich bemerkte , wenn jemand ins Zimmer trat oder es wieder verließ ; ich hätte sogar sagen können , wer sie waren ; ich konnte verstehen , was gesprochen wurde , wenn der Redende in meiner Nähe stand , aber ich vermochte nicht zu antworten ; es war mir ebenso unmöglich , ein Glied zu rühren , wie die Lippen zu bewegen . Hannah , die Dienerin , war meine häufigste Besucherin . Ihr Kommen störte mich . Ich hatte das Gefühl , als wünsche sie mich wieder fort ; daß sie weder mich noch meine Verhältnisse begriff ; daß sie ein Vorurteil gegen mich hege . Ein- oder zweimal täglich erschienen Diana und Mary im Zimmer . Sie flüsterten viel an meinem Bette , und ungefähr wie folgt : » Ich bin froh , daß wir sie aufnahmen . « » Ja . Sonst wäre sie am folgenden Morgen ohne Zweifel tot vor unserer Thür gefunden worden , wenn wir sie die ganze Nacht draußen gelassen hätten . Ich möchte nur wissen , was sie alles durchgemacht hat . « » Seltene Trübsal und Entbehrungen , glaube ich – armes , verhungertes , bleiches Menschenkind ! « » Sie ist keine ungebildete Person , vermute ich , nach ihrer Sprache zu urteilen . Ihr Accent war sehr rein ; und die Kleider , welche sie abgelegt hat , waren , wenn auch naß und schmutzig , so doch fein und wenig abgenützt . « » Sie hat ein eigentümliches Gesicht ; trotzdem es fleischlos und hager ist , gefällt es mir doch ; und ich kann mir sehr gut vorstellen , daß ihre Physiognomie angenehm , wenn sie gesund und fröhlich und glücklich ist . « In all ihren Gesprächen hörte ich niemals auch nur eine einzige Silbe des Bedauerns über die Gastfreundschaft , welche sie mir gewährt hatten ; oder ein Wort der Abneigung oder des Mißtrauens gegen mich . Ich war also beruhigt . Mr. St. John kam nur einmal ; er sah mich an und sagte , daß dieser Zustand der Lethargie das Resultat der Reaktion nach übermäßiger und anhaltender Ermüdung sei