ließ aber den Arm nicht los . » Geh du , mit wem du willst . Mögen die dich schätzen , die dir wert sind . Und was das Geld betrifft , da hast du alles , da ist all mein Geld . « Er zog einen gestrickten Beutel aus der Tasche , der voll Münzen war , und schleuderte ihn auf den Tisch . » Ich will , damit du schöne Kleider hast , am Sonntag die Orgel spielen . Ich will , damit du Maskenbälle und Christbaumverlosungen besuchen kannst , noch zwanzig unmusikalische Idioten mehr unter die Fuchtel nehmen . Ich will ein übriges tun und mich verpflichten , nie eine Frage über dein Treiben zu stellen , nicht , wo du herkommst , noch , wo du hingehst ; aber hör mich an , Dorothea , « hier schwoll seine Stimme , und sein Gesicht sah furchteinflößend aus , » vergreif dich an meinem Namen nicht ! Er ist mein einziges Gut . Mit ihm bin ich bei der Menschheit in höchster Schuld . Er gibt mir nicht bloß das , was man bürgerliche Ehre heißt , er gibt mir die Ehre , mit der ich vor meinem Geschaffenen bestehe . Womit du dich an ihm vergreifst , das ist die Lüge . Durch die Lüge besudelst und erniedrigst du ihn . Nicht so sehr , wie du dir vielleicht einbildest , zittere ich davor , als Hahnrei verschrien zu werden . Zwar , die Vorstellung macht mein Blut heiß ; ich bin Mann genug , um Mordgelüste zu spüren , wenn ich mein Weib in den Armen eines andern denke . Aber der unterste Schlund der Verdammnis wär es für mich , wenn du mir die Wahrheit , die ich dir gegeben habe , mit Lüge heimzahlst . Du kannst mich nicht für so gemein und selbstsüchtig halten , daß ich ' s nicht begreifen sollte , wenn sich dein Herz verändert . Doch nur in der Wahrheit kann ich mit einem andern Menschen Seite an Seite leben ; die Lüge zerstört mein göttliches Teil , sie ist mir wie Aas und Verwesung . So sage mir also , ob du wahr gegen mich bist . Fürchte dich nicht , Dorothea , schäm dich nicht ; noch kann alles gut werden , sage mir , ob du mich hintergehst . « » Ich dich hintergehen ? « hauchte Dorothea und schaute ihm , ohne daß ihre Wimpern sich regten , wie hypnotisiert in die Augen , » wieso denn hintergehen ? Traust du mir eine solche Niedertracht wirklich zu ? « » Du hast keinen Geliebten ? Kein anderer Mann hat dich berührt , seit du meine Frau bist ? « » Einen Geliebten ? ein anderer Mann mich berührt ? « wiederholte sie mit demselben hypnotisierten Blick . In ihrem Kindergesicht war der Glanz lauterster Redlichkeit und Unschuld . » Auch hast du keine heimlichen Zusammenkünfte gehabt , keine verräterischen Briefe empfangen oder geschrieben , nichts versprochen , auch nicht im halben Spaß ? « » Och , im Spaß , Daniel , das weiß ich nicht , man redet so manches , du kennst mich doch . « » Und du versicherst , daß all der dunkle Schimpf , der um mich raunt , und zu dem du ja manche Veranlassung gegeben hast , nur Bosheit und Verleumdung ist ? « » Ja Daniel ; Bosheit und Verleumdung . « » So soll dir also Gott keine ruhige Stunde mehr schenken , wenn du mich belogen hast ? willst du das , Dorothea ? « Dorothea stockte ; sie blinzelte ein wenig . Dann antwortete sie leise : » Das sind gräßliche Worte , Daniel . Aber wenn du darauf bestehst , mag ' s so sein . « Daniel atmete auf , als fiele ihm eine Zentnerlast von der Brust . In dankbarer Bewegung drückte er die Frau an sich . Doch da widerte ihn etwas . Ihm war , wie wenn er gar keinen Rhythmus in dem Geschöpf verspüre , wie wenn er ein Wesen ohne Schwingung , ohne Gefüge , ohne Gesetz umarme . Ganz von neuem und von einer neuen Richtung her begann die Qual an ihm zu nagen . Als er die Tür zum Flur öffnete , raschelte es draußen , und eine dunkle Gestalt floh gegen die hofwärts gelegene Kammer . 5 Allein geblieben , schaute Dorothea eine Weile regungslos vor sich nieder , dann nahm sie Geige und Bogen aus dem Kasten , - sie hatte einen neuen Bogen an Stelle des zerbrochenen längst gekauft - , und fing an zu spielen . Eine Kadenz , einen Triller , Takte einer Tanzmelodie . Ihre Züge bekamen einen harten und entschlossenen Ausdruck . Bald ließ sie das Instrument sinken und dachte angestrengt nach . Sie legte die Geige weg , schlüpfte aus ihren Pantoffeln , schlich in Strümpfen aus der Stube , über den Flur und lauschte an Philippines Kammer . Als sie vorsichtig öffnete , vernahm sie von Philippines Bett her , das der Tür am nächsten stand , ein breites Schnarchen . Das Ölflämmchen , das in einem Glas ersterbend flackerte , gab so wenig Licht , daß die Linnen des Bettes nur undeutlich schimmerten . Lautlos , Schritt vor Schritt , ging sie zu Philippines Lagerstatt . Sie duckte sich , streckte den Arm aus , tastete mit der Hand über den Leib der Schläferin , wollte die Decke heben und nach der Brust greifen ; da hörte Philippine plötzlich auf , zu schnarchen , erwachte so jäh , als hätte sie der Strahl einer Blendlaterne getroffen , schlug die Augen empor und schaute Dorothea stumm drohend an . Keine Muskel veränderte sich in ihrem Gesicht . Dorothea faßte sich schnell . Wie eine , der ein ausgelassener Scherz gelungen ist , warf sie sich mit ihrem ganzen Körper über Philippine und legte die Wange auf deren Gesicht , obgleich ihr vor dem Bett-und Atemgeruch ekelte . » Du , Philippine , der Amerikaner will dir was schenken , « wisperte sie . » Gottich , du drückst ei ' m ja den Bauch ein , « erwiderte Philippine und schnappte nach Luft . Als sich Dorothea aufgerichtet hatte , fragte sie : » Hat er denn dir schon was geschenkt ? Das ist doch die Hauptsache . « » Na , die Straußenfedern , ist das nichts ? « versetzte Dorothea ; » und einen Rubinschmuck will er mir auch verehren . « » Ich wollt , du hättest ' s schon . Scheint mir nicht von Gebersdorf zu sein , der Amerikaner . Hab mir sagen lassen , daß er gar nicht so reich ist . Wann triffst ihn denn wieder , deinen Liebsten ? « » Morgen abend , zwischen sechs und sieben . Ich freu mich , ich freu mich . Er ist so jung , Philippinchen . « » Ja , jung ; das ist schon was , jung ! « murmelte Philippine geringschätzig . » Er hat ein so hübsches Muttermal am Hals , ganz unten am Hals , da , « sie zeigte die Stelle an Philippines Hals ; » grad da . Kitzelt ' s dich ? kitzelt ' s dich ? « » Lach nicht so laut , du weckst mir den Gottfriedl auf , « sagte Philippine unwirsch ; » und jetzt marsch mit dir , mich schläfert . « » Also gut Nacht , du Schlafratz , « spottete Dorothea und verließ die Kammer . Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen , so fuhr Philippine wie ein Dämon aus dem Bett , ballte die Faust und zischte : » Diebshure ! Stehlen hat sie wollen , die Diebshure , stehlen ! Wart nur du , du hast bald ausgeschnattert dahier , dir wird das Handwerk gelegt . « Sie zog ihren roten Unterrock über die Beine , schnürte ihn fest und ging zur Tür , um den Riegel vorzuschieben . Er war seit langem schadhaft und trotzte ihrer Bemühung . Da trug sie einen Stuhl hin , setzte sich , verschränkte die Arme und blieb so über eine Stunde mit böse blickenden Augen sitzen . Als sie sich dann des Schlafes nicht mehr erwehren konnte , schob sie den Wickeltisch vor die Tür und stieg unter gehässigem Gemurmel wieder in ihr Bett . 6 Der folgende Tag begann mit stürmischen Regenschauern . Daniel hatte wenig geschlafen und begab sich früh an die Arbeit . Aber der Kopf war ihm so schwer , daß er ihn beständig aufstützen mußte . Seine Ideen waren ohne Blut und ohne Schwung . Gegen acht Uhr kam der Postbote und fragte nach dem Inspektor Jordan . Der Alte mußte einen Schein unterschreiben , wofür ihm ein feierlich versiegelter Geldbrief überreicht wurde . In dem Brief befanden sich zweihundert Dollar in Noten nebst einem Schreiben von Benno . Dieses war aus Galveston datiert , und Benno schrieb , er habe Erkundigungen eingezogen und erfahren , daß sein Vater noch am Leben sei . Er habe es in der Neuen Welt zu etwas gebracht und sende als Beweis davon und als Ersatz für die Auslagen , die er einst verursacht , die beiliegende Summe mit den besten Grüßen . Eine kalte Epistel ; doch der Greis war außer sich vor Freude , lief zu Daniel , zu Philippine , hielt die Geldnoten in die Höhe und stammelte : » Seht nur , Kinder , er ist reich . Zweihundert Dollar hat er mir geschickt ! Er ist ein honetter Mensch geworden ; er gedenkt seines alten Vaters ! Wahrlich , ein gesegneter Tag ; auch im Hinblick auf etwas andres , lieber Daniel , « fügte er mit seinem mysteriösen Lächeln hinzu , » im Hinblick auf eine große Sache ein gesegneter Tag . « Er kleidete sich an und ging in die Stadt , um die Nachricht seinen Bekannten mitzuteilen . Daniel rief um sein Frühstück hinunter , aber niemand hörte ihn . Da ging er selbst in die Küche und holte sich ein Töpfchen mit Milch und ein Stück Brot . Nach einer Weile kam ihm Philippine nach , trat mit struppigen Haaren in die Kammer und fuhr ihn grob an , ob er nicht warten könne , bis der Kaffee gekocht sei . » Laß mich zufrieden , Philippine , « sagte er , » ich brauche Ruhe . « » Ruhe , « höhnte sie , » Ruhe ! immerfort Ruhe . « Sie warf einen verächtlichen und wilden Blick in die offene Kiste , in welcher Daniels Handschriften lagen , dann stellte sie sich an den Tisch , drückte die Spitzen ihrer schmutzigen Finger auf das Notenblatt , das er eben vor sich hatte und stieß heraus : » Da ist das ganze Malheur ! Das ganze Malheur ist die saudumme Schmiererei ! Tag für Tag und Jahr für Jahr sich hinsetzen und schmieren ! Was soll denn das bedeuten , sag mir nur ! Geht ja alles den Krebsgang dabei . Ein Mannsbild und alleweil schmieren , - schämen tät ich mich ! « Auf diesen rätselhaften Ausbruch der Wut und des Hasses nicht gefaßt , blickte Daniel bestürzt in Philippines Gesicht . » Geh , « sagte er dann unwillig und wies mit dem Arm zur Türe , » geh . « Sie ging . » Die verdammte Schmiererei , « maulte sie tückisch vor sich hin . Von zehn bis zwölf mußte Daniel Unterricht in der Musikschule erteilen . Sein Herz klopfte beängstigend , aber er hätte den Grund der Erregung nicht sagen können . Es war mehr als Ahnung , es war fast , wie wenn er eine schreckliche Nachricht empfangen hätte , deren Sinn jedoch seinem Gedächtnis entschwunden war . Zu Mittag kehrte er nicht heim , sondern aß in einer Wirtschaft am Karthäusertor . Dann strich er lange auf den Feldern und Wiesen herum ; der Regen hatte aufgehört , der starke Wind erfrischte ihn . Er stand am Ufer des Kanals und schaute bei einer Ziegelbrennerei zu , wie Steine aufgeschichtet wurden . Von Zeit zu Zeit griff er nach einem Stück Papier in die Tasche und schrieb mit dem Bleistift Noten . Einmal schrieb er neben ein Motiv : Leb wohl , mein Saitenspiel , und seine Augen füllten sich mit einem schaurigen Naß . Als er in die Stadt zurückkehrte , war ein feuerglänzender Sonnenuntergang . Zwischen zwei schwarzen Sturmwolken glühte der Himmel wie eine Schmiedeesse . Da mußte er an Lenore denken . Er trat in die Wohnstube und wanderte auf und ab . Philippine kam herein und fragte , ob sie ihm die Suppe wärmen solle . Ihr singender , unnatürlicher Ton erweckte seine Aufmerksamkeit , so daß er sie mit festem Blick musterte . » Wo ist meine Frau ? « fragte er . Ein abgründig schlimmes Lächeln erschien auf Philippines Lippen . Sie antwortete nicht . » Wo ist meine Frau ? « fragte er nach einer Pause zum zweitenmal . Das Lächeln Philippines wurde breiter . » Ist ' s kalt draußen ? « erkundigte sie sich und war plötzlich aus dem Zimmer . Daniel starrte ihr nach , als zweifle er an ihrem Verstand . Es verflossen aber nur wenige Minuten , da trat sie wieder auf die Schwelle ; sie hatte unterdessen einen Mantel angezogen , der ihr zu kurz war und den karierten Rock sehen ließ . » Komm einmal mit mir , Daniel , « sagte sie mit einer besorgten Stimme , die ihm geheimnisvoll und furchtbar klang , » komm mit mir , ich zeig dir was . « Er erblaßte , setzte den Hut auf und folgte ihr . Schweigend gingen sie über den Platz , durch die Bindergasse , die Rathausgasse , über den Markt . Daniel blieb stehen . » Was hast du vor ? « fragte er heiser . » Komm nur , wirst schon sehen , « raunte Philippine . Sie gingen weiter , über die Fleischbrücke , die Kaiserstraße , durch den weißen Turm zum Jakobsplatz . Einige Leute schauten dem sonderbaren Paar nach . Als sie zum Häuschen der Frau Hadebusch kamen , war die Dunkelheit angebrochen . » Wirst du jetzt endlich reden ? « knirschte Daniel . » Pscht ! « machte Philippine . Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und wisperte : » Geh nauf über zwei Stiegen , aber schnell , du kennst dich ja aus in dem Häusla , pumper an die Tür , und wenn s ' zug ' sperrt ham , schlag die Tür ein . Ich geh derweil zur Hadebusch ' n , daß sie dich nicht zurückhält . « Da begriff Daniel . 7 Vor seinen Augen wurde es blutrot . Ein Schüttelfrost packte ihn . Er war Philippine in einem traurigen , schlaffen Gefühl von Ekel , Furcht und Zwang gefolgt ; jetzt wußte er , sah am Anfang der Ereignisse schon ihre Mitte und ihr Ende , sah vor der verschlossenen Türe , was sich hinter ihr begab , und ein Ungeheures rauschte auf in seinem Gemüt , ungeheurer Zorn , ungeheures Weh , Verachtung und Grauen in Wirbeln von Besinnungslosigkeit . Über die knarrende Stiege gelangte er in vier Sprüngen . Er stand vor der Türe , hinter der er einst gedarbt und geträumt , gefroren und geglüht ; da hätte Stille sein müssen , damit auf dem Grab vieler Hoffnungen die Andacht rückschauender Geister nicht gestört wurde . Er riß an der Klinke ; drinnen erschallte ein Schrei . Die Tür war verriegelt . Er preßte seinen Körper so ungestüm wider das zerbrechliche Holz , daß beide Angeln sich zugleich mit dem Riegelhalter lösten und die ganze Tür mit dumpfem Gepolter ins Zimmer stürzte . Der Schrei wiederholte sich gellend . Dorothea lag bis aufs Hemd entkleidet auf einem breiten Bett , das die kupplerische Hadebusch von einem Händler entliehen hatte und das beinahe die Hälfte des Mansardenraums einnahm . Sie hatte einen Teller voll Kirschen neben sich stehen und hatte sich damit belustigt , die Kerne gegen ihren Liebhaber zu schnellen , der , gleichfalls in mangelhafter Bekleidung , rittlings auf einem Stuhl saß und eine kurze Pfeife rauchte . Als Daniel mit blutenden Händen , er hatte sich an der Klinke verletzt , mit wild ums Gesicht flatternden Haaren , keuchend und totenbleich über die Türe stieg , fing Dorothea abermals zu schreien an , und schrie sieben- oder achtmal verzweifelt und voll entsetzlicher Angst . Daniel stürzte auf den jungen Menschen zu und fuhr ihm mit beiden Händen an den Hals . Während er die Haut dieses Menschen anfaßte , während er , wie in rosigem Nebel , Dorothea mit aufgehobenen Armen aus dem Bett flüchten sah und ihr durchdringendes Geschrei vernahm , während ein seltsam betrachterischer Geist trotz der Raserei , die in ihm tobte , sogar die Kirschen bemerkte , die über das Bettuch gerollt waren , die grünen Stiele sah , die dunkleren Stellen an einzelnen , die anzeigten , daß sie faul waren , und er zuletzt noch einen Geschmack auf der Zunge spürte , als ob er selber Kirschen gegessen hätte , während all dem dachte er : das ist der Untergang , das ist das Chaos . Der Amerikaner , von dem sich später herausstellte , daß er ein wandernder Artist war , der sich frech und geschickt in die bürgerliche Gesellschaft gedrängt hatte , stieß den Angreifer mit Wut zurück und nahm eine Boxerposition ein . Aber Daniel verstattete ihm keine Zeit zum Schlag , er überfiel ihn , umschlang ihn , riß ihn zur Erde , drückte ihm die Gurgel zusammen . Jener stöhnte , bäumte sich , befreite seine Faust , schlug um sich ; » damned fool , « röchelte er und versetzte Daniel einen Schlag ins Gesicht , » damned fool ! « Unten im Haus erschallte Lärm . Auf der Gasse sammelten sich Leute an . » Polizei ! Polizei ! « gilfte eine Weiberstimme , und nun kamen sie die Stiege herauf . » Och , och , och ! « wimmerte Dorothea . In einer halben Minute hatte sie ihr Kleid über den Körper gezogen ; » fort , fort , fort ! « hauchte sie und suchte ihre Handschuhe und ihren Schirm . Händeringend zeigte sich Frau Hadebusch im engen Flur . Hinter ihr stand Philippine . Zwei Männer drangen über die Schwelle , stürzten sich auf Daniel und den Amerikaner und wollten sie auseinanderreißen . Aber sie hatten sich gleichsam ineinander verbissen wie zwei wütende Hunde . Andere mußten zu Hilfe kommen , ein Soldat und ein Milchmann griffen noch zu , endlich erschienen zwei Polizisten . » Muß nach Hause , « wimmerte Dorothea unter dem Gekreisch der Weiber , » meine Sachen holen , fort , fort , fort ! « Mit einem Gesicht , das grauenhaft dem einer stummen Besessenen glich , stahl sich Philippine aus der Mitte der aufgeregt Schreienden und Schwatzenden und folgte Dorothea . Sie spürte ihren Schritt nicht , das Pflaster nicht , die Luft nicht . Jene wilde Begeisterung war über sie gekommen , die sie schon einmal in ihrem Leben empfunden , damals , als sie auf den Dachboden gegangen war und gesehen hatte , daß Gertrud am Balken hing . Eine glühende Zerstörungslust durchrann alle ihre Adern . Zünde an ! dröhnte es wieder in ihrem Hirn , zünde an ! Heute wollte sie ein besseres Werk tun , als Feuer an einen Kehrichthaufen legen . Sie ging immer schneller und schneller ; schließlich fing sie an zu laufen und sang dabei mit rauher Stimme . Der Mantel war nicht zugeknöpft und flog im Winde . Die Leute , an denen sie vorüberraste , blieben erstaunt stehen . 8 Herr Carovius und der alte Jordan saßen im Paradieschen . » Wie sich doch alle Verhältnisse wandeln und wie sich alles klärt und ordnet , « sagte der alte Jordan . » Ja , die offenen Gräber gähnen schon , « antwortete Herr Carovius zynisch . » Ich meinerseits , « fuhr Jordan fort , ohne den Unwillen zu bemerken , den seine Redseligkeit bei Herrn Carovius erweckte , » ich meinerseits kann dem Tod nun zufrieden ins Auge sehen . Meine Mission ist beendet ; mein Werk ist vollbracht . « » Das klingt ja gerade , als ob Sie den Stein der Weisen gefunden hätten , « spottete Herr Carovius . » Vielleicht , « erwiderte Jordan leise und beugte sich über den Tisch ; » Sie haben nicht so ganz unrecht , geschätzter Freund . Wollen Sie sich selbst überzeugen ? Wollen Sie mir die Ehre Ihres Besuches schenken ? « Herr Carovius war neugierig geworden ; sie zahlten ihre Zeche und begaben sich auf den Weg zum Egydienplatz . Als sie in Jordans Kammer waren , zündete der alte Mann die Lampe an und verriegelte sorglich die Türe . Dann öffnete er den geräumigen Wandschrank und nahm zum Erstaunen des Herrn Carovius eine große Puppe heraus , die nach Art einer Älplerin gekleidet war , mit einem geblümten Rock , einer Leinenbluse und einem rosa Schürzchen . Das messinggelbe Haar war in Zöpfe geflochten , und auf dem Kopf trug sie ein grünes Filzhütchen . » Das alles ist meiner Hände Arbeit , « sagte Jordan stolz ; » hab selber das Maß genommen , selber geschneidert ; sogar die Schühchen hab ich verfertigt . Und nun passen Sie auf , lieber Freund ! « Er stellte die Puppe in die Mitte der Stube . » Sie wird sprechen , « fuhr er mit strahlender Miene fort : » sie wird singen . Sie wird ein Liedchen aus ihrer Tiroler Heimat vortragen . Wollen Sie sich gütigst in diesen Sessel setzen ; nicht so sehr nahe , wenn ich bitten darf , es sind da noch störende Geräusche , denen ich erst abhelfen muß . Die Illusion ist stärker , wenn Sie sich in einer gewissen Distanz halten . « Er kauerte sich hinter die Puppe , machte sich am Rumpf zu schaffen , das Surren eines Räderwerks wurde vernehmbar , der alte Mann trat rasch wieder vor und sagte : » So , mein kleines Fräulein , laß hören , was du kannst . « Ein unheimlich heiseres , girrendes Stimmchen erscholl aus dem Leib der Puppe ; es ähnelte dem Vibrieren von Metallfäden , verbunden mit den gedämpften Tönen einer Wasserpfeife . Schloß man die Augen , so konnte man beinahe an einen fernen Gesang glauben ; sah man aber hin und erblickte das tote , larvenhaft freundliche Wachsgesicht , aus dessen Innern schrille und dumpfe Laute ohne Artikulation und ohne Rhythmus kamen , so war es gespenstisch . Herr Carovius spürte einen kalten Schauder im Rücken . Als die Maschine abgeschnurrt war , fielen die Augendeckel und die Lippen der Puppe zu . Jordans Blick war voll Spannung auf Herrn Carovius geheftet . » Nun , was ist Ihre Meinung ? « fragte er . » Seien Sie ganz aufrichtig ; ich vertrage jede Kritik . « Herr Carovius hatte Mühe , seine Lachlust zu bezwingen ; es zuckte ihm um Kinn und Mund . Plötzlich aber vergingen ihm Hohn und Verachtung , es wurde ihm unbehaglich ernst zu Sinn , eine lästige und seit undenklichen Zeiten nicht empfundene Weichheit regte sich in ihm , und er sagte : » Ja , das ist eine famose Sache ; unbestreitbar eine famose Sache ; obschon der Verbesserung bedürftig . « Jordan nickte eifrig und erfreut . Er wollte sich über den Mechanismus und seine kunstreiche Zusammensetzung verbreiten , da vernahmen beide Männer aus dem Nebenzimmer ein Geräusch . Sie horchten auf . Ein Möbelstück wurde vom Platz gerückt , Schritte gingen hin und her , dann erschallte ein Klopfen und Knarren , als wenn mit einem Meißel eine Kiste aufgesprengt würde . Dann raschelte es laut und lange wie von zu Boden geschleudertem Papier , dann schimpfte eine Stimme , dann erhob sich ein eigentümlich grausiger Singsang in Tönen wie : Joi ! und Huh ! und auf einmal knisterte es wie von Flammen . Der alte Jordan riß die Tür auf und schrie gleich einem Kind . Philippine stand in einem Haufen brennenden Papiers . Sie hatte Daniels Truhe geöffnet , alle Handschriften herausgeworfen und sie in Brand gesteckt . Der Anblick , den sie bot , war fürchterlich . Ihre Haare hingen verworren über die Schultern , mit den Armen machte sie unablässige Bewegungen , als ziehe sie an einem Brunnenschwengel , aus ihrem Mund kamen hohe , lallende , gurgelnde Töne , die nichts Menschenähnliches hatten , ihr von den Flammen bestrahltes Gesicht zeigte eine grauenvolle Wollust , und während Herr Carovius und der alte Jordan wie gelähmt auf der Schwelle standen , fing sie an zu hopsen und streckte dabei die Hände gegen das Feuer aus , welches immer höher schlug . Herr Carovius , aus seiner Erstarrung erwachend , sah , daß es höchste Zeit war , sich zu retten , und mit dem Arm sein Gesicht bedeckend , floh er , so schnell ihn seine Füße trugen , zur Flurtür und zur Stiege . Dem alten Jordan rannen die Tränen über die Wangen , der Schrecken machte ihn unfähig zu überlegen , er rannte in seine Stube zurück , öffnete das Fenster und brüllte auf den Platz hinunter , dann erinnerte er sich seiner geliebten Puppe , eilte hin und nahm sie in den Arm ; aber als er das Zimmer verlassen wollte , strömte ihm der Qualm betäubend und beizend entgegen , er taumelte hindurch , gelangte bis zur Stiege , tat einen Fehltritt , stürzte , die Puppe krampfhaft fest umschließend , kopfüber die Stiege hinunter , zuckte noch einige Male und blieb dann regungslos liegen . Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht . Dorothea , die in der Wohnung ihre Habseligkeiten zusammengerafft hatte , eilte , den Koffer schleppend , mit fahlem Gesicht an seiner Leiche vorüber , ohne einen Blick darauf zu werfen , und verschwand in dem Gewühl aufgeregter Menschen . 9 Im Haus der Frau Hadebusch hatten die Polizisten Daniel und den Amerikaner endlich voneinander gerissen . Daniel fiel auf einen Stuhl und starrte stupid vor sich hin . Frau Hadebusch brachte Wasser herbei , der Amerikaner kleidete sich unter dem Gelächter der Zuschauer an . Danach wurden die beiden Männer auf die Wache geführt , und der Kommissär schrieb auf , was er für die spätere Amtshandlung wissen mußte . Daniel gewahrte eine Gaslampe , einen Federstiel , mehrere grinsende Gesichter , seine eigene blutige Hand , sonst nichts . Der Amerikaner wurde zur Verhütung weiterer Feindseligkeiten noch zurückbehalten , indes man Daniel gehen hieß . Er hörte , daß der junge Mensch in seinem radebrechenden Deutsch und mit wuterstickter Stimme allerlei erzählte , aber er nahm es nicht in sich auf . Er hörte einen Hund bellen , einen Wagen rasseln , eine Glocke schlagen , er hörte sprechen , murmeln , rufen und das Scharren von Füßen , aber es klang alles wie durch die Mauern eines Gefängnisses . Taumelnd setzte er seinen Weg fort . Als er zur Frauenkirche kam , wandte er sich rechts gegen den Obstmarkt und sah plötzlich das Gänsemännchen vor sich . » Geh heim , « schien das Männchen zu sagen , und seine Stimme war traurig , » geh heim ! « Wer bist du und was willst du von mir ? fragte es in Daniel . Aber da war es , als ob die Figur unsichtbar würde und erst in der Ferne wieder , in einem lichten Glanz , wahrzunehmen sei . Über den Egydienplatz rannten Leute , und einzelne schrien : » Feuer ! « Daniel bog um die Ecke und konnte sein Haus sehen . Hinter den Fenstern seiner Stube loderten Flammen . Er preßte die Hände gegen die Schläfen und drängte sich mit angstvoll geweiteten Augen durch die Menge bis ans Haus . » Um Gottes- , Himmelswillen , « stieß er hervor , » rettet mir die Truhe ! « Viele sahen ihn an . Eine Gestalt zeigte sich oben am Fenster , viele Arme deuteten hinauf . » Das Weibsbild ! schaut das Weibsbild ! « wurde gerufen ; und dann wieder : » die hat gezündelt ! die hat das Feuer gelegt ! « Daniel stürzte ins Haus . Feuerwehrmänner überholten ihn . Da sah er im Flur , in der Beleuchtung von hastig hin und her getragenen Laternen , notdürftig und in Eile aufgebahrt , die Leiche des alten Jordan ; die Leiche und neben ihr , wie überirdischen Hohn , die Puppe , die Älplerin mit der Maschine im Bauch . Dumpf seufzend fiel er nieder , und seine Stirn berührte die tote Hand des Greises . Wie im Schlaf vernahm er das Zischen aus den Wasserschläuchen , die Kommandos , das geschäftige Vorbeirennen der Männer , dann war es ihm , als tauche ein Schatten flüchtig auf , eine Gestalt wie aus der Unterwelt ; eine geballte Faust öffnete sich und warf zerknitterte Blätter vor ihn hin , und wie er emporblickte , sah er nur die rings um ihn sich drängenden Menschen , die Gestalt hatte sich zwischen ihnen hindurchgeschoben , und niemand hatte in der Verwirrung ihrer geachtet . Mit abwesender Gebärde griff Daniel nach dem Blatt , das ihm zunächst lag . Es war auf das Gesicht der Puppe gefallen . Er entknitterte es und gewahrte die von seiner Hand geschriebenen Noten aus der » Harzreise im Winter « . Und unter den Notenzeilen standen die Worte : Aber abseits , wer ist ' s ? Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad , hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen das Gras steht wieder auf , die Öde verschlingt ihn . Melodie und Rhythmus ,