Hufschlag eines Gaules vernommen und sprang dem Gesellen entgegen , der den Falben brachte . » Hast du droben gefragt ? Wo ist er ? « » Keiner weiß was . Beim Geleit der Landshuter ist er nit . Ich hab den Kuen gefragt und den Seipelstorfer - « » Schweig ! Vergelt ' s Gott , Mensch ! Und geh ! « Unbeweglich stand Malimmes in der Nacht , mit dem Zügel des Falben in der Hand . Eine Sorge war ihm kalt durch das Herz geronnen . Aber was er fürchtete , das mußte nicht so sein . Unter Tausenden von Menschen verlauft sich einer leicht . Nur der Runotter nicht . Der weiß , wo er hin muß . Freilich , in solch einer Wirrnis kann es hundert mögliche Dinge geben , an die man nicht denkt . Aber das Ungewisse ist eine Pein , die härter als die Wahrheit ist . Darf dem lieben Mädel solch ein würgender Schatten über das junge Glück dieser Stunde fallen ? » Das tät der Bauer nit wollen . Und ich will ' s auch nit . « Malimmes pflöckte den Gaul neben den beiden Kameraden an . Der Ingolstädter und der Falbe waren gleich wieder mit den zärtlichen Ohren beieinander , und der Pongauer guckte bei diesem Gesellenspiel verwundert zu . Im Gesicht eine steinerne Ruhe , schob Malimmes das Zelttuch beiseite . Unter dem Loderschein der Fackel standen die beiden und hielten sich an den Händen . » So , Maidl ! Jetzt hab ich eine verläßliche Botschaft . Es ist so , wie ich geraten hab . Der Seipelstorfer hat den Bauer mit dem Herrenschub nach Landshut und Burghausen geschickt . Von Burghausen muß er ins Gadnische , weil er mit dem Propst seinen Ramsauer Unfried auf gleich bringen will . Er laßt dich grüßen , sagt der Seipelstorfer . Und laßt dir sagen , du sollst eine Gelegenheit ins Gadnische suchen , wie bälder , wie besser . Mich hat er freigegeben . Der Krieg hat ein End . Ich reit nach Regensburg . Gott behüt dich ! « Seine Stimme blieb wie Eisen . » Ist ein Jahr voll Grausen und doch eine schöne Gesellenzeit gewesen . Aber jeder Faden muß einen Zipfel haben . Ein Landl gibt ' s , das man Heimat heißt . « Malimmes lachte . » Da sehen wir uns schon wieder einmal ! Gott behüt dich , Maidl ! Gottes Gruß , Herr Someiner ! « Er sah das Erblassen in Julas Gesicht und wandte sich ab und ging mit schweren Schritten davon . Draußen in der Nacht begann er zu rennen , wie ein Dieb , der den Profosen fürchtet . Er hörte noch diesen wehen , in Tränen erstickenden Schrei : » Malimmes , Malimmes - « Springend keuchte er : » Schrei , wie du magst ! Morgen lachst du ! « Neben der Moorstraße , die nach München führte und schon vom Nebel umhangen war , stand er zwischen dem Röhricht bis zu den Hüften im Sumpf . Und wartete . Ein paar von den Feuerkröten , die auch in der Nacht nicht schweigen , sangen noch ihr eintöniges und dumpfes Lied . Malimmes wartete . Droben auf dem schwarzen Hügel , wo Dachau stand , schlug eine Glocke die zweite Morgenstunde . Malimmes wartete . Da kamen die beiden , in dunklen Mänteln , auf dem Falben und dem Pongauer . Sie ritten im Nebel vorüber und verschwanden im Grau . Einer , der aussah wie ein gebeugter Greis , stieg aus dem Moor heraus . Noch immer horte man von vier oder fünf Stellen des Lagers her jene tolle Heiterkeit , den Fiedelklang und das Pfeifengetriller . » Die haben ' s gut ! « Malimmes ging hinüber zum Hauptmannszelt und trat in den leeren Raum . Allerlei Zeug war auf dem Deckenlager und auf der Erde . Die Kohlen glommen noch . Und die Fackel brannte . Er nahm sie aus dem Eisenring und ging davon . Da hörte er ein wildes Gewieher und sah , wie der Ingolstädter aufgeregt an der Pflockleine zerrte und wütend ausschlug . » Ui , guck ! Einer , der nit einschichtig bleiben mag ! « Malimmes löste die Leine , gab dem ungebärdigen Gaul einen zärtlichen Schlag auf den Hinterbacken und ließ ihn laufen . » In Gottesnamen ! So renn halt deinem Gesellen nach , den du nit missen kannst ! « Der Gaul , mit gestrecktem Hals und wehendem Mähnenhaar , stob in die neblige Nacht hinaus . Malimmes wanderte mit der Fackel durch das Lager - an einem der Huschelzelte vorüber , in dem es lebhaft zuging - und stieg durch den Wald zu der Höhe hinauf , wo Herzog Heinrich in den glühenden Zangen seines Fiebers lag . Der steile Weg war schon halb überwunden . Da blieb Malimmes plötzlich stehen , hob die Fackel und lauschte in den Wald hinein . Ihm war , als hätte er den Laut einer menschlichen Stimme gehört . » Höia ! Was ist denn da ? « Er hörte das müde Stöhnen wieder und sprang der Richtung zu , aus der es kam . Zwischen den Wurzeln eines dicken Baumes hockte einer und sah aus wie ein plumper Hügel aus rotbraunem Eisen mit einem Menschenkopf , um den die weißen Haarsträhnen hingen . » Jesus ! Bauer ! « Malimmes preßte den Fackelstumpf in die Gabel eines doppelten Baumes . » Wie , was ist denn , Bauer ? Wie geht ' s denn ? « Eine ruhige , wunderlich versunkene Stimme : » Nit schlecht . Überall erträgliche Schmerzen . « Der Söldner wollte den Kauernden aufrichten . Runotter schüttelte den weißen Kopf und sagte wie ein Schlaftrunkener : » Laß mich hocken ! Zum letzten Weg hat ' s nimmer gereicht . Mein Krieg ist aus gewesen . Ich hab hinauf wollen zum Buben . Da hat ' s mich umgeschmissen . « Schweigend sah Malimmes das entfärbte Gesicht an , das die Hand des Todes schon berühren wollte . Und da wurde er ganz ruhig , setzte sich neben seinen Herrn , zog ihm die gepanzerten Fäustlinge herunter und faßte die feuchten , erkaltenden Hände . Langsam drehte Runotter den Kopf . » Dich hab ich auch mit hineingerissen in meine Not . Verzeih mir ' s ! « » Geh , Narr , was redest du denn da ? « Malimmes lachte . » Ich bin ein Einschichtiger . Du bist mein Herr . Ich bin dein Knecht . Und bleib ' s. « Auch Runotter , den der Rotschein der Fackel umzüngelte , fand ein mattes Lächeln . » Die Leut lügen , die auf die Menschen schelten . Auf der Welt ist Treu . Weil du lebendig bist . Bleib , wie du sein mußt ! Wo einer Untreu übt , geht Feuer nieder , daß ihm die Hand verbrennen . « Mühsam hob er die geschienten Arme , streckte sie gegen den Schein der Fackel , drehte die von trockenem Blut umkrusteten Hände hin und her - und nickte - und sah immer diese Hände an . Dann ließ er sie fallen . » Mein Kind ist ohne Schuld . Gott muß gerecht sein ! - Gelt , Malimmes ? Und du bist da ? Jetzt , wenn Fried wird , kann ' s ja noch allweil werden . Zwischen meinem Maidl und dir . « » Ui , Bauer , da ist mir der Ofen kalt worden . « Wieder lachte Malimmes . Aber es klang nicht froh . » Dein Maidl braucht mich nimmer . Jetzt ist ein andrer da . Der jung Someiner . Nie hast du mir glauben wollen . Heut in der Nacht ist ' s Wahrheit worden . Die zwei , die mögen einander . « Nach langem Schweigen murmelte der Sterbende heiter vor sich hin : » Der jung Someiner ! Schau ! Der jung Someiner ! « Seine Stimme wurde kräftiger . » Das ist ein fester und grader Mensch . Der wird ' s anders machen als sein Vater . Da möcht ich wieder leben . « Ein Aufzucken und Flackern des Lichtes . Die Fackel neigte sich , fiel aus der Baumgabel heraus , kollerte über den Waldboden und erlosch . Die zwei Männer saßen in der Finsternis . » Malimmes ! Tu mich auf lupfen ! Ich möcht die Welt nochmal anschauen - von so hoch herunter , wie ein Mensch seinen Kopf aufheben darf . « Der Söldner schlang die Arme um die gepanzerte Brust seines Herrn und zog ihn vom Boden auf . Immer drehte Runotter den Kopf hin und her und sah in die Nacht hinaus . » Mensch , wie schön ist alles ! « Der schwere Mann begann zu taumeln . Er wollte noch sagen : » Gott soll mir gnädig sein ! « Aber nur die zwei ersten Worte wurden noch laut : » Gott soll - - « Das andere erlosch in der Finsternis . Malimmes , während er den Entseelten auf den Boden niederlegte , sprach in das schwarze Schweigen hinein : » So ! Wenn jetzt der Herrgott nit selber weiß , was er tun soll , nachher sagt ' s ihm keiner mehr . « Er blieb bei dem Toten sitzen , bis das Gesicht und die Hände kalt waren . Dann sprach er , auf beiden Knien liegend und mit hoch gefalteten Händen , laut und langsam ein Vaterunser - wie die Fußknechte beten vor einer Schlacht . Nach dem Amen legte er dem Toten einen großen Moosballen über das Gesicht , um die gebrochenen Augen vor den Vögeln des Morgens zu schützen . Mit schweren Schritten tappte Malimmes durch den finsteren Wald hinunter . Vom Moorland dampfte der Nebel schon dick über das Lager her . Eine Ronde rief den Malimmes an . Weil er nicht antwortete , wurde er festgenommen . Das versetzte den Erwachenden in so rasenden Zorn , daß er mit den Fäusten losschlug . Einem anderen wäre es übel ergangen . Diesen Liebling des Herzogs ließ man laufen . Lange saß er am Waldsaum und sah den Schanzknechten zu , die seit Mitternacht an einer großen Grube arbeiteten . Dann schritt er langsam an einer Reihe der Kaltgewordenen hin und sagte zu einem Wächter : » Da droben im Wald , wo ' s zum Herzog hinaufgeht , da liegt noch einer . Dem müßt ihr ein gutes Plätzl geben . « Unter den ziehenden Dünsten waren alle Sterne schon erloschen . Malimmes ging auf das Lager zu und kehrte wieder um ; wanderte gegen den Wald hinüber und kehrte wieder um ; suchte das leere Hauptmannszelt und kehrte wieder um ; er wußte nimmer , wohin . Als der kühle Herbstmorgen matt zu grauen anfing , trat Malimmes in eines der lustigen Zelte , wo man Durchnacht machte bei Saitengedudel , Pfeifengetriller und lustigem Dirnengekreisch . Über dem wüsten Bilde hing ein dicker Schleier des Qualmes , mit dem eine brennende Pechpfanne den großen Raum erfüllte . Hinter einem Schanktisch , den man aus Karrenwänden aufgeschlagen , verzapfte ein flinkes , mageres Weib den Wein . Auf dem Schanktisch saßen auch die drei Musikanten , deren hurtiges Gequiekse halb unterging in dem Stimmengebrüll der Betrunkenen . An die dreißig oder vierzig - Gepanzerte und Ungewaffnete , Sieger und Ausgeklopfte - saßen auf Bänken und leeren Fässern oder lagen auf dem Boden umher , grob mit den halbnackten Weibern scherzend . Malimmes trat zum Schanktisch : » Einen Stutz Wein ! « Bei seinem Anblick kreischten die Dirnen , vor Lustigkeit die einen , vor Schauder die anderen . Der neue Gast sah grauenvoll aus mit dem kalkig verzerrten Gesicht , mit dem Moorschlamm bis über die Hüften herauf und in dem roten Blut , das droben im Wald seine Hände , seine Arme und seine Brust überrieselt hatte . Unter den Weibern waren ein paar , denen das gefiel . Sie hängten sich an den Schweigsamen , schwatzten , lockten , kicherten und streichelten ihm die große Narbe . Er sah diese heißen , schwitzenden Gesichter mit halbgeschlossenen Augen an und machte , um die Zudringlichen loszuwerden , mit dem Arm einen groben Schub . Lachend stürmten sie wieder gegen seine Brust . Da schrie von den Bänken her ein Betrunkener , der den Panzer von Herzog Heinrichs Trabanten trug : » Den lasset in Ruh , ihr süßen Knospen ! Die Weiblein mag er nit leiden . Der hat in seinem Zelt einen schmucken Buben - « Was er weiter noch sagte , ging unter in dem höhnischen Gelächter dieser vierzig , fünfzig Menschen . Im Gesicht des Malimmes brannte die Narbe so rot , als wäre sie wieder eine offene Wunde geworden . Er hatte schon den zinnernen Weinstutz in der Hand , stellte ihn wieder auf den Schanktisch hin , ballte die Faust und sprang auf den Schreier zu . Beim Weinfaß kreischte die magere Budenmutter : » Bei uns gibt ' s keine Händel nit , bei uns ist friedsame Ruh , wir sind christliche Leut , gehorsam vor Gott und Obrigkeit . « Noch ehe sie mit diesen Worten zu Ende kam , war der Handel schon erledigt , mit einem einzigen Faustschlag . Der Gepanzerte rollte klirrend über die Bank hinunter , mit Geschrei liefen die Dirnen aus dem Zelt , und ein Wald von Fäusten fiel über den Malimmes her . Sie rissen ihn zu Boden . Er wehrte sich nicht und ließ seine Hände fesseln . Und als ihn die Erbitterten , die sich bei ihrer schönen Freude so übel gestört sahen , in das neblige Morgengrau hinausführten , schrie er lachend zu den Schleiern des Himmels empor : » Zigeunerweibl ! Den Siebenten schenk ich dir . Das Sterben ist ein kostbares Ding . « Im Zelt des Profosen , der bei einer Wachsfackel zwischen seinen vier handfesten Gehilfen saß , redeten zuerst die Zeugen der bösen Tat . Dann fragte der Strenge : » Was kannst du sagen dagegen ? « » So viel wie ein Floh , der nimmer beißen mag . « » Hoppla ! « Der Profos machte die Augen rund . » Dich kenn ich als lustiges Luder . Es muß wohl wahr sein : Wie einer lebt , so stirbt er . Hast du getan , was die da sagen ? « » Biederleut reden die Wahrheit . Ich hab ihn erschlagen . « » Warum ? « » Weil ich an meinem Tun drei gute Eigenschaften gesehen hab . Es war notwendig , ehrlich und gesund . « » So ? Da muß ich halt auch tun , was ehrlich und notwendig ist . Ob ' s dich gesünder machen wird , das muß ich bezweifeln . « Dieser Profos war einer von Herzog Heinrichs flinken Richtern . Wohl wußte er , daß Malimmes zu den begünstigten Leibwächtern des Fürsten zählte . Aber wenn ein Gesetz redete , ließ Herr Heinrich auch jene hängen , die er liebte . Und das Gesetz war streng : Auf Totschlag im Lager und in der eigenen Truppe stand der Galgen . » Hast du einen letzten Wunsch ? « » Wohl , Herr ! Bloß die Begrabenen wünschen nimmer . Die Lebendigen noch allweil . Ich will einen Rinken Brot und Wurst . Und vier Maß guten Wein dazu . Im Himmel tät ' s schiech ausschauen , wenn mein erstes Wörtl sein müßt : Mich dürstet und hungert . « » Ist bewilligt . Aber sag mir , Christenmensch , was machst du in der Seligkeit mit einem vollen Magen ? « » Was drin ist , laß ich auf die irdische Gerechtigkeit herunterfallen . « Um den Richtertisch erhob sich ein Gelächter . Und der Strenge ärgerte sich . » Ein halbes Stündl laß ich dir Zeit . Fiat justitia ! « Die Gerechtigkeit entfernte sich . Und der Profos schickte einen Läufer zum Hauptmann Seipelstorfer , um die Bestätigung des Spruches einzuholen . Als der Läufer die Waldhöhe schon fast erreicht hatte , tauchte er über den Nebel hinaus und kam zu einer wundersamen Landschaft : Eine von der ersten Morgensonne umflossene Föhreninsel schwamm inmitten eines silbernen Meeres . Wie ein Eiland der Seligen war ' s. Fast lautloses Schweigen träumte um das Zelt des Herzogs her , der seit achtzehn Stunden bewustlos im Fieber lag . Die Wachen saßen im Gras und flüsterten . Man sah auf ihren übernächtigen Gesichtern keine Trauer oder Sorge , nur Müdigkeit . Auch der Läufer , als er zum Hauptmann geführt wurde , mußte leise reden . Herr Seipelstorfer zog die Brauen hoch und nickte . » Der Spruch ist gerecht . Fort mit ihm ! « Und zum Kuen sagte er : » Einmal , da hab ich von dem Tropf was gehalten . Gestern hat er schlecht gefochten . Mit seinem täppischen Dreinschlagen hat er mich um tausend Dukaten gebracht . « Die beiden beredeten , wie sie sich halten müßten , wenn mit dem Herzog das Übelste geschehen sollte . Denn der Leibarzt , dessen duftende Künste völlig versagten , hatte allen Glauben an die Erhaltung dieses kostbaren Lebens schon aufgegeben . Aus dem Zelt klang eine müde Stimme , die lateinisch psalmodierte . Der kleine , dicke Pfarrer von Dachau war noch immer da . Er war schon sehr erschöpft . Von der Schwüle , welche die vielen brennenden Kerzen erzeugten , hingen ihm die Schweißtropfen an den Augenbrauen . Zu Füßen des Feldbettes saß er auf einem Klappstuhl , zwischen den Händen das abgegriffene Buch , aus dem er die lateinischen Gebete herauslas . In einem Winkel des Zeltes kauerten zwei Diener und kämpften bei diesem eintönigen Betgesang in Ermüdung gegen den Schlaf . Von den zwei anderen Dienern kniete der eine links , der andere rechts vom Bette ; sie hielten die zwei brennenden Weihkerzen aufrecht , die man dem Bewußtlosen in die schlaffen Hände gegeben hatte . Sein zierlicher Körper ruhte nackt unter dem Leintuch , das ihn von den Füßen bis zur Brust bedeckte . Der Kerzenglanz umschimmerte das braune , heiße Schmalgesicht , das in der Fülle des wolligen Haares wie in einem schwarzen Kissen lag . Kaum merklich hob und senkte sich die Brust des Kranken . Unter den geschlossenen Lidern rollten manchmal die Augensterne hin und her , die als dunkle Schatten hinter dem dünnen , olivenfarbenen Häutlein mit den schwarzen Wimpern zu erkennen waren . Der sorgenvolle Leibarzt tauchte immer wieder ein Tuch in die Essigschale und befeuchtete die spröden , von weißlichem Fieberschorf überkrusteten Lippen des Kranken . So tat er wieder einmal . Und da atmete Herr Heinrich tief und öffnete die Augen . Erst schien er die Dinge und Menschen , die ihn umgaben , nicht zu erkennen . Nun kam ein Schreck in seine Augen . Er starrte die brennenden Kerzen an , die er in den Händen hielt , und sagte leis und ängstlich : » So steht ' s mit mir ? « In seinen Schreck mischte sich ein kindliches Verwundern . Den kleinen , dicken , lateinisch betenden Pfarrer betrachtend , deutete er mit der brennenden Kerze : » Was sagt denn der ? « In sichtlicher Freude schloß der Dachauer Seelenhirt das Buch und schien diesen Augenblick des Erwachens für geeignet zu halten , um den hohen Sterbenden christlich für die Himmelsreise vorzubereiten . Er streckte die gedrungene Gestalt , hob den Zeigefinger und mahnte mit einer tapferen und redlichen Strenge : » Du Herzog von Bayern ! Reinige deine sündhafte Seele und versöhn dich mit dem Himmel . Laß dir raten , und besinn dich deiner Christenpflicht ! Oder glaubst du , Gott wird mit einem Herzog von Bayern besondere Umstand machen ? Da wirst du dich irren ! Da droben bist du nit mehr als wie der geringste von deinen Knechten ! « Herr Heinrich hatte die zwei brennenden Kerzen den Dienern hingeboten , richtete sich mühsam auf und betrachtete halb in Angst und halb mit freundlicher Neugier den unerschrockenen Mann Gottes . » Da droben wird ' s heißen : Heinerich , hast du verziehen oder nit verziehen ? Wenn du verziehen hast , wird ' s heißen , so will ich dir auch verzeihen . Hast du aber nit verziehen , so verdamm ich auch dich ! « In den heißglänzenden Augen des Kranken war ein fröhlicher Blick . Er sagte mit schwacher Stimme : » Vor Gott hab ich Ehrfurcht . Aber ich denke noch nicht ans Sterben . Ich habe Besseres zu tun . « Und da fing er leis zu lachen an , weil er bemerkte , daß der schwarze Rock des Pfarrers vom Kinn bis zum Bäuchlein hinunter mit einem Strich von Eiergelb betrenst war . Als die Leute , die draußen vor dem Zelte standen , den Herzog lachen hörten , kamen der Seipelstorfer und der Kuen hereingesprungen . Herr Heinrich winkte dem Pfarrer mit freundlicher Hand . » Braves Männlein ! Du kannst heimgehen ! An deinen Augen seh ich , daß du müde bist . Ich danke dir . Wenn es wieder mit mir zum Sterben kommen sollte , will ich dich holen lassen . Du gefällst mir . « Als der Pfarrer von Dachau mit seinem Schnerfsacke sehr schnell das Zelt verließ , schien den Herzog eine neue Ohnmacht überfallen zu wollen . Gewaltsam hielt er sich aufrecht in den Kissen , straffte den Körper , griff ins Leere , suchte mit den Augen und kreischte gleich einem ängstlichen Kind : » Wo ist mein gesunder Galgenvogel ? Mein Nüremberger ? Wo ist er ? Ich will ihn haben . Ich will sehen , daß er gesund ist . « Erschrocken sagte der Seipelstorfer : » Herr ! Der hat einen Gesellen erschlagen . Jetzt hängt man ihn eben . « » Ihr Narren ! « schrie der Herzog , dessen Züge sich verzerrten . » Wollt ihr mich ermorden ? « Seine Stimme und seine Hände bettelten . » Holt ihn ! Holt ihn ! Er ist begnadigt . Und hätte er zehntausend erschlagen wie König David ! Holt ihn ! Her mit ihm ! Ich will ihn haben . Ich will ihn sehen . Er muß gesund sein . Weil ich leben will . « Der Hauptmann war mit dem Büchsenmeister schon davongesprungen . Zittend saß der Herzog in den Kissen , streckte den Hals und lauschte auf das Hufgeklapper der Gäule , die davonjagten . Er hörte nicht , was der Leibarzt mit ihm redete , und schien der Pflege nicht zu achten , die man ihm widmete . Immer lauschte er . Und was ihn so schüttelte , war nimmer sein Fieber , sondern ein Schauer seiner abergläubischen Todesangst . Obwohl man die brennenden Kerzen ausgeblasen , den Spalt des Zeltes geöffnet und die kühle Morgenluft hereingelassen hatte , rannen ihm die Schweißtropfen über Gesicht und Brust und Arme herunter . Da spannten sich seine Züge in lauschender Erregung . Mit seinen scharfen Wieselohren hörte er früher als die anderen das Keuchen und die Hufe der Gäule , die vom Lager über das Waldgehänge heraufkamen . Er hörte die Stimmen und verstand , was sie schrien . Und lachend ließ er sich auf die Kissen zurückfallen . » Ich lebe ! « So lag er eine Weile , während draußen der heitere Lärm sich näherte . Als der Seipelstorfer schon im Spalt des Zeltes erschien , streckte Herr Heinrich dem Leibarzt die linke Hand hin : » Greif , du ! Mir ist besser . « Der Hauptmann kam . » Herr , der Faden hat grad noch gereicht « , erzählte er vergnügt , » ich selber hab den zwiefüßigen Apfel mit meinem Eisen vom Baum heruntergeschlagen . « Jetzt brachten die anderen den Malimmes . Er hatte ein verdrossenes Gesicht und war übel anzusehen . Nur die mit Moorschlamm behangene Reithose trug er und das offene , mit Blutflecken durchtränkte Hemd . Um den mageren Hals lief eine rote Strieme . Auch das gerade Stehen fiel ihm schwer . Aber das kam nicht von irgendwelchen nachteiligen Folgen des Rappenholzes , nur von den vier Maß Wein , die der Profos dem armen Sünder als letzte Lebensfreude bewilligt hatte . Herr Heinrich in seiner Schwäche sagte heiter : » Das Schwein ist besoffen . Aber sonst gesund . Gott sei Dank ! « » Mit dem Suff ist ' s nit so arg « , erklärte Malimmes in galligem Mißmut , » vier Maß , die reichen mir bloß vom Zehennagel bis zum Knie . « Immer munterer wurde der Herzog . » Wieviel mußt du schlucken , bis du voll wirst ? « » Sechs Maß gehen mir bis zum Nabel , acht Maß bis zu den Ohren . Höher ist mir ' s noch nie gegangen . Das Hirn ist allweil hell geblieben . « » Und solch einen glückseligen Magen gibt Gott den armen Knechten ! « Herr Heinrich betrachtete vorwurfsvoll den Leibarzt . » Mir wird schon übel nach einer Maß . « Stumm , mit einer Handbewegung , befahl er den Leuten , das Zelt zu verlassen . Den Malimmes winkte er zu sich heran . Neugierig streckte er sich und beguckte die rote Strieme am Hals des Söldners . » Hat ' s arg gekitzelt ? « Malimmes schüttelte ärgerlich den Kopf . » Ich bin ' s gewohnt , Herr ! Jetzt ist von meinen ungefährlichen Hänfenen der siebente überstanden , ohne daß ich ' s wollen hab . Der achte wird gefährlich . Wenn ich jetzt noch leben möcht , müßt ich werden , was die Biederleut einen braven Menschen heißen . Da tat mir grausen vor mir . Tut mir den Gefallen , Herr , und laßt mich aufknüpfen ! Nachher hab ich Ruh . « » Nein , du ! Ich will , daß du leben sollst . In meiner Gnade . « » Die verdien ich nit . Ich bin ein falscher Knecht . Das muß ich Euch ehrlich sagen . « Malimmes musterte den kleinen Herzog mit bösem Blick . » Seit gestern hab ich an Euch kein Wohlgefallen nimmer . « » Seit gestern erst ? « Herr Heinrich lächelte . » Da bist du spät auf den rechten Geschmack gekommen . Ich habe mir noch nie gefallen . « » Und gestern - « » Was ? « Der Söldner geriet in eine zornige Erbitterung . » Gestern hab ich wider Euch ein untreues Ding getan . « » Du ? Das glaub ich nicht . « » Wohl , Herr ! Das ist kein Versehen gewesen . Das hab ich wollen ! Wie der Seipelstorfer den Herzog Ludwig hätt greifen können , hab ich dem Hauptmann einen Streich aufs Dach gehauen , daß er den Fürsten hat müssen fahrenlassen . Und da hat der Törring den Ingolstädter aus der Not gerissen . Also , Herr ! Jetzt laßt mich hängen ! « Über das heiße Gesicht des Herzogs war ein Erblassen geronnen . Lange schwieg er . Dann fragte er in einem Zähneschauer : » Warum hast du das getan ? « » Weil mich des edlen Herrn erbarmt hat in seiner tückischen Not . « Mit funkelnden Augen betrachtete Herr Heinrich den Söldner . Etwas Schweres schien im Herzog zu kämpfen . Dann rief er die Diener und ließ den Hauptmann kommen : » Drei Stunden nach Mittag brechen wir auf . Zweihundert Harnischer reiten mit mir nach Regensburg . Die anderen in ihre Heimat . Was an Troß und Waffen erbeutet wurde , nach Burghausen . Man soll mich kleiden und in den Sessel heben . Ich will hinunterschauen in das Dreckloch , aus dem mein Vetter Loys nach Gottes und eines Menschen Willen entsprungen ist . « Er entließ den Hauptmann mit einem gnädigen Lächeln . Dann befahl er den Dienern : » Den Malimmes soll man säubern und soll ihm eine Ruhstatt schaffen . Sechs Stunden kann er schlafen . Dann soll man ihn kleiden und rüsten . Er reitet mit mir nach Regensburg . « » Teufel « , murrte Malimmes kummervoll , » es ist ein Elend auf der Welt , wenn der Mensch das Sterben nit fertigbringt . « Er wollte auf den betrunkenen Knien seinen unbekneipten Verstand aus dem Zelte tragen . Da winkte ihm der Herzog . » Du ! Beuge dich herunter zu mir ! « Und als der lange Mensch sich neigte , sagte ihm Herr Heinrich ins Ohr : » Ich bin , der ich bin . Drum muß ich wollen , was dir mißfällt . Wär ich du , so hätt ich gestern vielleicht getan , was vielen gefallen würde . Du bist von den Wohlgeratenen des Lebens einer . Solche , wie du bist , müssen wir Fürsten um uns haben . Willst du der Meinige werden ? « Ein bißchen verwundert guckte Malimmes den Herzog an . » Ich will ' s bedenken , Herr ! Erst muß ich ' s überschlafen . « Er ging . Unter dem Spalt des Zeltes drehte er das Gesicht . » Herr ! Wenn Euch nach der Mittagsstund noch allweil nit besser ist , so laßt mich wecken . Kann sein , ich weiß ein Ding , das hilfreich wider Euer Leiden ist . Aber da muß ich nüchtern sein . Auch in den Waden . « Im Zelt der Dienstleute wurde Malimmes gewaschen und gekleidet . Schweigend ließ er alles mit sich machen . Auf dem Lager , das man für ihn richtete , saß er noch lange wach , krumm zusammengebogen , mit dem Gesicht zwischen den Händen . Dann schlief er . Um die zweite Mittagsstunde wurde er geweckt und zum Herzog geholt . Er blieb mit Herrn Heinrich