der kleinen Bank des Portiers , sie brausten an mir vorüber . Der alte Portier kam mit dem Bescheide nachgehinkt : das müßte seine vollkommene Richtigkeit gehabt haben , denn die Fürstin habe Hals über Kopf nach dem Wagen geschickt , und da fahre sie hin . - Der alte Mann schenkte mir ein Stück Schwarzbrot und einen Trunk , dann schleppte ich mich weiter , die herbe Wunde im Herzen . Bald darauf begann die Gefangenschaft , kam Kamilla . Aber blaß war das arme Mädchen sehr geworden - ach , wie durchdrungen war ich damals , ihr diese rührende Anhänglichkeit mit aller Liebe zu danken , die nur in meinem Herzen gedeihen könne . In der Einsamkeit meines Gefängnisses malte ich mir es aus , wie sie zufrieden und glücklich sein würde , wenn wir eine kleine häusliche Existenz nebeneinander führten ; die Welt müsse freilich aufgegeben sein , aber Kamilla sei zufrieden mit einem Idyll . Um diese Zeit trat eine Katastrophe ein , und alles wurde anders ; ich wartete täglich auf meine Befreiung ; eines Tages , als der Wärter mein Mittagessen brachte , fiel mir sein stilles , zurückhaltendes Benehmen auf ; ich fragte , er schwieg , ich fragte dringender . - » Erschrecken Sie nur nicht , « sagte er endlich , » Sie kommen von uns weg , und die Untersuchung wird größer und strenger . « - Wer die Fassung im Augenblicke verliert , ist sehr schwach oder wenig gebildet , die Kultur ist ja eine Fassung , ich glaube , damals tröstete ich den Wärter und aß mein Mittagbrot . Als er abgeräumt und zugeschlossen hatte , als ich wieder so recht gefänglich allein war , da stürzte der Jammer wie ein Sturzregen über mich . Mit jener Nachricht war nicht nur alle Aussicht auf Freiheit vernichtet , sondern ich wußte nun auch zuverlässig , daß ich mindestens ein halbes Jahr Gefängnis noch vor mir hatte . O du , zur schönsten Reise Gegürteter , lasse dich ins Bett drücken mit der Gewißheit , viele Monate darin leiden zu müssen , vielleicht nicht mehr aufzustehen . Es war ein schwerer Nachmittag und Abend , bis alle Hoffnungsmöglichkeit in mir erwürgt , zum Schweigen gebracht war . Wer sich ergeben kann , leidet weniger , ich konnt ' es nicht , und kann es in meiner Jämmerlichkeit heute noch nicht ; nun kamen die Gedanken an Flucht , welche die Unruhe auf ihren Schultern tragen und eine erhitzte Hoffnung hinter sich herschleppen . - Mein damaliges Gefängnis lag dergestalt in der Mitte aller fesselnden Anstalten , daß ein Durchbruch unmöglich schien . An die Freistunde auf dem Hofe klammerte sich alles : dieser Hof lag am Flusse und war von diesem nur durch ein großes Tor getrennt ; das wurde zuweilen des Nachmittags geöffnet , und einer oder der andere Beamte setzte sich in den Kahn , welcher an der Treppe lag , um zu angeln , oder er schloß gar den Kahn los , um fortzurudern - der Glückliche , er wußte nicht , wie er beneidet wurde . Je näher die Gefangenschaft mit der freien Welt in Berührung kommt , desto schmerzhaft prickelnder wird sie , die Vergleichung hebt oder schwächt alle Eindrücke . Die Sonne schien warm , ich schwimme mit Leichtigkeit , jenseits des Flusses lockte die offene Straße , ein kühner Entschluß konnte mich retten ; die bestürzte Wache , die neben mir stand , wäre nicht so schnell zum Laden ihrer Muskete gekommen , daß ich nicht die auf größere Entfernung große Unsicherheit des Schusses hätte riskieren können - wer mag die Situation beschreiben ! Die Situation , wo ein Entschluß in schnelle Tat übergehen soll , in eine Tat , die so mißlich war . Was sollte geschehen , wenn ich drüben pudelnaß ans Land kroch , am hellen , lichten Tage , in der fremden Stadt , die mitten im Lande liegt ! Und doch war ' s so lockend . Es hob sich der Fuß , es pochte das Herz ! Wie schwer ist solch ein Aufbruch , wenn man besonnen bleibt , und nicht von einer Leidenschaft gestachelt wird - das Tor ward zugeschlagen , und nun dachte ich : Du hättest es doch wagen sollen ! - Die Zeit war von peinigender Unruhe , da ich auf den neuen Gefängniszustand , auf das neue Verfahren wartete , sie war ganz überflüssig , förderte gar nicht zum Ende , war ein unnützes Interregnum und doch ein Gefängnis . Sie dauerte wohl eine Woche , ich lechzte nach der Veränderung , nach dem neuen Gefängnisse , das Unbekannte schmeichelt mit tausend Möglichkeiten ; auch für die Flucht hoffte ich neuen besseren Anhalt ; so kam der letzte Abend und mit ihm ein schweres Gewitter . Solange ich gefangen war , hatte die Sonne geschienen , und dadurch war meine Unruhe , meine Pein nur befördert worden : je lockender die Welt aussieht , desto schwerer ist das Gefängnis . Jetzt , unter dem gießenden Regen , den krachenden Donnerschlägen , den zuckenden Blitzen mußte jedermann im Zimmer bleiben , ich hatte wieder eine gleiche Gemeinschaft mit der Welt , das war beruhigend . Und welch ein Genuß für meinen Privataberglauben war das Unwetter ! Solche ungewöhnliche Erscheinung mußte einen großen Wechsel in meinem Leben ankündigen ; wer im Unglück nicht abergläubisch wird , der ist sehr stark , oder sehr fühllos , oder sehr arm an Phantasie . Jedes kleine Möbel , jedes Buch hatte mir eine Bedeutung , wenn es so oder so postiert war , jede wiederkehrende Beschäftigung , das Aufziehen der Uhr , ob der rechte oder der linke Strumpf zuerst ausgezogen wurde , ob ich das Licht so oder so anzündete oder auslöschte , das hatte alles seine Bedeutung , seinen Einfluß auf Europa und rückwirkend auf mich . Wenn man nichts zu tun hat , als zu hoffen , da wird jeder Gegenstand tätig . Und besonders , wenn alles so einförmig wiederkehrt , so unverrückt bleibt . Jetzt tobte ein wild Gewitter , jetzt mußte alles anders werden ! Ach , ja wohl ! Wenn ich wieder hinunterkomm ' , Da sind die Blumen verschwunden , Da hat wohl auch dein liebes Aug ' Sich neuen Weg erfunden . Es ist so lang ' , so lange her , Daß man mich hält gefangen , Und da dein Herz eine Blume ist , Ist ' s ihm wie jenen ergangen . Sollt ' ich die Welt je wiedersehen , Dein Aug ' je wieder erblicken , Ach Gott , ich will den Blumen und dir Verzeihung blicken und nicken . Es ward anders . Sonntag des Nachmittags nahm ich Abschied von meinem Gefängnisse , und so wie man , wie gesagt , auch unter den Dürftigen Reiche und Arme findet , so hoffte auch ich von einer Veränderung des Orts und der Verhältnisse . Ich setzte mich zu meinem Inquirenten in den Wagen ; auf meiner Seite war er zugeschlossen , zur andern hinaus aber sah ich die Straßen und die Spaziergänger , welche sonntäglich geputzt dahineilten zu ihrer Lust und Erholung . Das schneidet tief ins Herz : Bist du schlechter als diese Masse gewöhnlicher Leute ? Sie dürfen Sonne und Freiheit kosten , und du siehst seit langer Zeit beides zum ersten Male wieder , und nur von weitem , und nur , um für lange Zeit davon Abschied zu nehmen , vielleicht für immer . - Der Abend dieses Tages fand mich in einem sehr kleinen und fast ganz dunklen Gefängnisse , der Verzweiflung Vorbote ; die Trostlosigkeit lag mit mir auf dem harten Lager : das Geld , die Bücher , der Tabak , alles war mir abgenommen worden , ich hatte nichts zur Beschäftigung als die vier kahlen Wände , einen fichtenen Tisch , einen fichtenen Schemel , ein blechern Handbecken , das im Staube des Fußbodens stand . Der Wärter , ein großer , vierschrötiger Mensch mit kahlem Kopfe war kurz , fremd und grob . Es war das Äußerste , was mir begegnen konnte , daß ich nach dem früheren Gefängnisse zurückverlangte wie nach einem Paradiese ; ich weiß kaum , mit welchen Kräften ich die ersten Wochen dieses Zustandes überlebt habe : denke Dir das kleine , düstere Loch , in den Winkel von zwei Gebäuden versteckt , durch einen Blechkasten verdunkelt , und mich ohne den geringsten Anhalt darin , herumtappend den langen Tag und Abend , ohne Gedanken , ohne Hoffnung . Die Untersuchung war mir jetzt mit dem grauen Gesichte einer Unendlichkeit angekündigt , der Zustand konnte so lange dauern , als mein Leben - o die Menschen , die Menschen ! dachte ich wohl manchmal da , wenn ich aus der Dumpfheit aufwachte , die Menschen treiben miteinander das Unverantwortliche . Umsonst aller Wunsch ! Meine Existenz war ans Gefängnis verloren , und zwar ans todeinsame , dunkle , trostlose . Was Rechtes , Genaues weiß ich eigentlich nicht mehr von jener ersten Zeit meiner jetzigen Gefangenschaft , ich erinnere mich nur , daß ich oft aus einer Starrheit und Taubheit erwachte , mich an der Mauer lehnend fand und zusammenschauerte , daß eine mir ganz fremde Gesellschaft in meinem Kopfe zu wohnen schien und Dinge trieb , von denen mein eigentliches Ich gar nichts wußte . Ich dachte mit Schauer an die Wahnsinnigen , die furchtsam in sich selbst zusammenkriechen . Meine Nerven wurden nachgerade , auch sehr zupassend erschüttert : der eintönige Schildwachentritt auf der Flur , das regelmäßige Ablösen nach je zwei Stunden , besonders zur Nachtzeit , zerrüttete mich ganz . Mein Bett stand nämlich an einer Mauer , die den Gang bilden half , durch welchen die Wachmannschaft vorüber trottete ; war ich nachts eingeschlafen , um die wüste Existenz zu vergessen , so fuhr ich immer nach je zwei Stunden hoch auf , wenn die Schritte tief an mein Ohr traten , oder gar die Waffen klirrten und polterten . Gott bewahre meinen ärgsten Feind vor solchem Zustande , war das Wort meiner Mutter ; ich hatte einst von einem Gefangenen gehört , der alle Stunden auf den Anruf der Wache antworten mußte ; es war ihm das Nervensystem dadurch so zerstört worden , daß er sich nicht mehr tief genug unter die Erde retten konnte , um keine Nähe , kein Geräusch zu empfinden . In einem Gemache , das dreißig Fuß hoch , mit einem Erdwalle bedeckt war , überfielen ihn Zuckungen und Krämpfe , wenn jemand über den Wall schritt . Der Mann quälte mich sehr ; ich fuhr zusammen vor den eigenen Bewegungen meines Armes oder Beines . Es war recht schlimm ; und daß solch Leben endlos vor mir lag , ach und liegt , dies mochte wohl das schlimmste sein ; es scheidet sich schmerzhaft von Leben und Jugend , und wenn man obenein nicht zu der Entsagung kommt , wenn man nicht scheiden will , so leidet man sehr , sehr . - Ich habe damals oft an das gedankenlos viel gebrauchte Bild des Prometheus gedacht , und die Herzenskenntnis der Griechen bewundert ; der gewaltige Mensch ist in erschreckende Einsamkeit an den Felsen geschmiedet , er , der die Menschen zusammenband gegen die Götter , ist einsam , starrt ins Unendliche , Leere , und an der Leber nagt ihm der Geier , gegen den er keine Abwehr , keine Waffe besitzt ; jawohl , an der Leber nagt der einsame Kerker , er wühlt und bohrt , und der stöhnende Seufzer ist eine Erleichterung . Es sind wieder viele , viele Tage vergangen , ohne daß ich Dir schreiben konnte ; die Mittel , Papier zu erlangen , waren alle versiegt , jetzt ist wieder ein Fetzen , wenn auch grau und schmutzig , in meiner Hand . Ich sage nichts mehr über jene erste Zeit des hiesigen Kerkers , ich weiß nichts mehr , ich habe nicht geweint und nicht geklagt , Tränen gibt es nur , wenn wir die Hilfe des Leids in der Nähe glauben , wenn das Leid in unsere Vorstellung und Fähigkeit des Schmerzes paßt , wenn das Leid uns natürlich bleibt . Ich litt damals dergestalt , daß ich nicht daran gedacht habe , es fehlten mir Bücher und Schreibmaterial , und sie könnten mir wohltätig sein , Gott mag es wissen , wie doch die langen Tage und Nächte an mir vorübergezogen sind - sie sind ' s doch ; dessen erinnere ich mich , daß ich zuweilen den Schemel auf den Tisch gestellt habe , um zu dem versetzten kleinen Fenster hinaufzukommen , um durch die schmale Lücke , welche oben offen blieb , den Streifen blauen Himmels zu sehen , nach dem ich dürstete , wie ein Wüstenreisender nach einer Wolke dürsten mag . Dort oben am Fensterchen fand ich die Worte Dantes mit Bleistift angeschrieben , welche die Devise aller Gefängnisse geworden und in allen zu finden sind , die Worte : » Lasset draußen die Hoffnung , die ihr hier eintretet . « - Laßt draußen die Hoffnung , das hat lange , lange in meinem Kopfe als einziger , ungedachter Gedanke herumgeklappert ; wie lange hab ' ich von dieser eintönigen Hoffnungslosigkeit gelebt ! - Eines Morgens ward ' s besser , ich bekam ein anderes Gefängnis , mein jetziges , es liegt nicht an jenem Durchgange , wo die Wachposten vorübertrampeln , das versetzte Fensterchen ist etwas tiefer , und ich sehe durch die Blendenöffnung oben die Spitzen eines Baumes - Vorteile , die mir einen glücklichen Tag bereiteten . Alles übrige blieb beim alten , dennoch schien mir der Fortschritt riesengroß ; für das Elend ist alles Glück wohlfeil . Aber es dauerte nicht lang : Jetzt kam die schmerzhafteste Sehnsucht nach Beschäftigung , nach einem Anhalt der regellos schweifenden , sich zu Tode hetzenden Gedanken . Ich warf mich aufs Bett , drückte den Kopf in die Kissen , aber die Gedanken werden davon nicht berührt , sie fangen ihren wüsten Tumult wieder an , sie schreien nach Stoff , ich sprang wieder auf und lief umher , ich versuchte es , ob nicht ein altes Lied in der eingetrockneten Kehle raste , krächzend begann ich , denn die Stimme rostet in diesem Mangel aller Übung völlig . » Ruhe da ! « schrie die Wache unter dem Fenster , die Wache auf dem Korridor - ich hielt mich für verloren . Aber wahrscheinlich hatten mich just die Wachen gerettet , der Zorn wachte auf und er fand leicht seinen Stoff , so wurde der Heißhunger nach Gedanken für den gefährlichen Augenblick beschwichtigt . - Ihr wißt es gar nicht da draußen , was Ihr habt , wenn Ihr Euch über Mangel oder Langeweile beschwert ; Eure Tür ist offen , Eure Fenster sind ' s ebenfalls , Ihr seht Menschen , Ihr seht Tiere , wenn Eure Gedanken gähnen , was wißt Ihr von Leid ! Wenn Euer Leben stocken will , denkt an das schreckliche Nichts eines Gefängnisses ! Hat denn nicht der menschliche Geist Kraft genug in sich , ohne Anknüpfung und äußere Mittel zu bestehen ? Ist der meine so besonders schwach ? Allerdings produziert mein Geist unablässig , aber weil das Geschaffene auf keine Weise nach außen hin Erscheinung und Gestalt empfangen kann , verwirrt sich alles in mir und wird zur Last ; der Geistesarme mag in solchem Falle sogar besser daran sein . Einen kleinen Trost finde ich darin , die traurigen Eindrücke in ein paar Verse zu gestalten , die also gewonnene Form befreit gewissermaßen , und der also geordnete Zustand erhält wieder etwas von dem Adel in Beziehung auf übrige Welt , wie man ihn bei solcher Erniedrigung am meisten braucht . Mehr als zwei oder drei behalte ich freilich nicht , und ich möchte Dir gern einige ältere herschreiben , um neue machen zu können , wenn Verse nur nicht soviel Platz wegnähmen . Und ich kann mich nicht entschließen , sie als Prosa ohne Absatz herzuschreiben , es scheint mir dies eine grobe Beleidigung der Schönheit zu sein , eine Figur in schmutzigem Schlafrocke auf dem Balle . Und wie rührend ist mir dies Bestreben , Dir all das aufzuschreiben , da es wohl nie vor Deine Augen gebracht wird ! Diese Unendlichkeit meines Gefängnisses ist eben der Tod selber ; in jetziger Weise kann es ein Leben lang fortgehen ; wie beneidenswert scheint mir derjenige , welcher zu zwanzig Jahr Kerker verurteilt ist , er kann doch berechnen , ob ihm wahrscheinlicherweise noch ein paar Jahre für die freie Luft und die Menschen übrig bleiben : jeder Tag fördert ihn doch ! O kommt , Verse ! Wie gehen die Stunden langsam hin , Ich glaube , der Tag steht still , Mein müder , abgehetzter Sinn Weiß nicht mehr , was er will - Hat alles zehnmal schon durchirrt , Was jemals er erlebt , Was nur vorüber ihm geschwirrt , Was er gehofft , erstrebt - Er weiß nichts mehr , und dumpf und tot Liegt alles vor ihm da - Mein Gott , erbarm dich dieser Not , Der Wahnsinn tritt mir nah ! Die Glocken läuten draußen , Die Leute beten zu Gott - Und den Sturmwind hör ' ich brausen , O Glocken und Sturm , weckt Gott - Weckt Gott , daß er mir helfe , Ich bin ja auch sein Kind - Es heulen die Glocken wie Wölfe , Ans Fenster schlägt höhnend der Wind . Mit dem Sonnenschein mag es draußen ein Ende haben , Regen und Wind schlagen an meine Blechblende , es wird Herbst sein - das beruhigt mich in etwas , nur die Hypochondristen gehen jetzt draußen spazieren . Aber es ist Sonntag , hat mir der Wärter gesagt , und der Schmutz und das Unsonntägliche ist rings um mich her in alter trauriger Gestalt . Heut ist Sonntag in der Welt , Es putzen sich alle Leute , Ein jeder hofft für Glück und Geld Heut irgend eine Freude . Hab ' drum mein bestes Hemd erwählt , Wollt ' auch gern Sonntag haben - Du sieche Brust , so arg gequält , Sollst dich am Hemde laben . Wenn sie auch Dir nicht nahe liegt , denn Du bist ein gottloser Mensch , aber andern Leuten ist die Frage natürlich : Warum suchst du keinen Trost bei Gott , warum flüchtest du nicht , von aller Welt verlassen , in den Schoß der Religion ? Darauf muß ich gestehen , daß ich nach der allgemeinen Ausbildung jetziger Jugend alles auf die Festigung meines Charakters verwendet , alle höheren Bezüge da hinein gewoben habe , und daß es mir nichts hilft , ein Außenliegendes zu suchen . Ist es mir nicht gelungen , was die Menschen Gottheit und Religion nennen , in meine innersten Fasern aufzunehmen , dann bin ich wirklich verlassen , wenn die Welt mich verläßt . Also ist es mir aber niemals geworden , meinen inneren Halt haben nicht Leid noch Entbehrung erschüttert , und insoweit hat mir der jetzt ziemlich allgemeine Zustand , welchen die Theologie beklagt , Probe gehalten . Ist er ein falscher , so wünsche ich denen Glück , welche imstande sind , einen anderen mit sich in Einklang zu bringen ; ich glaube es gern , daß der Traditionsgläubige festeren Anhalt nach dieser Seite hin finden mag , aber ich fürchte , die übrigen selbsteigenen Stützen des Charakters , die selbstgezimmerten , sind ihm schwächer und unkräftiger . Ich bin zu trocken vernünftig , um einem Dogma anzugehören , das mir nicht auf dem Wege meines Gedankens zukommt , und fühle mich zu sehr in poetische Ahnungen hineingedrängt , um mir das Unsichtbare vordefinieren oder wegdefinieren zu lassen . So glaub ' ich an die Kraft und Macht des Gebetes , aber wenn es ein Unglück ist , so habe ich es , die Kraft und Macht des Gebetes nur darin zu finden , daß es mir selber Kraft und Macht gewährt . Soll ich Dir ' s nun offen gestehen , daß es mir wie kläglich und jämmerlich vorkam , just im tiefen Elende das Gebet so aufzusuchen , wie es mir niemals nahegetreten , niemals für mein Ich natürlich gewesen war ; diese Verleugnung meiner selbst mochte ich nicht . Der innerste Gedanke eines nicht verwahrlosten Menschen ist für mich ein Göttliches ; dagegen zu lügen ist mir ein Frevel , eine Sünde , wie es die Terminologie nennt - das Glück vielleicht bekehrte mich zu etwas Herkömmlichem , das meinem Wesen sonst fremd ist , das Unglück nimmer . Der geheimste , beste Stolz ist gar oft der Lebensodem einer moralischen Existenz , man muß ihn respektieren , selbst beim Bösewichte . Ich konnte Gott bitten , daß er mir das Betteln erlasse , weil ein solch Verhältnis zu ihm nie das meine gewesen , aber ich konnte nicht bitten , daß er eingreifen möge in mein traurig Schicksal ; solches ruckweise Regieren der Welt mag für viele ein segensreicher Trost sein ; wehe dem , der ihn leichtsinnig den Menschen rauben wollte , für mich ist er ein Fremdes . Ich habe mit Gott gesprochen , aber mein Individuum ist dabei für mich selbst unverloren geblieben . Sagt man , ich habe keine Demut , und sei deshalb noch weit ab von dem , was das Dogma heische , so hat man vollkommen recht . Aber es ist eben mein Glaube , daß ich nichts in mich aufnehmen kann , was meiner besten Innerlichkeit nicht zupassen will , und daß ich nicht imstande bin , ja es für frevelhaft halte , gegen mich selbst zu lügen . Und nach alledem wirst Du mir doch glauben , daß es meine besten Stunden in diesem Elende sind , wenn ich einen antwortreichen Verkehr mit der Gottheit finde , wie ich mir sie denke durch Welt und Geschichte regierend . Eben wenn sie antwortet aus mir heraus , dann hab ich meines Erachtens das richtige Verhältnis zu ihr gefunden . Warum soll sie der eine nicht im brennenden Busche sehen , der andere im Säuseln der Lüfte hören , der dritte im Todesschweigen der Wüste oder des Kerkers ! Wenn Du diese schmutzigen Blätter je sehen solltest , wie würdest Du lächeln , daß ich nach Deiner Meinung echt deutsch das letzte Stückchen Papier für metaphysische Redensarten verbrauchte . Ich hatte eben einen gesammelteren Tag gehabt und über Gott gedacht , und über die Art und Weise , in welcher die Menschen sich auf der Erde untereinander eingerichtet , und daß sie soviel einzelne ausstoßen müssen durch Gefängnis und Tod . Nebenher hab ' ich mir eine kleine Beschäftigung erfunden ; täglich wird mir eine Flasche ordinären Bieres verabreicht , an welcher der Kork mit Bindfaden festgehalten wird . Diese kleinen Stückchen sammle ich mir , flechte ich zusammen , und fasere sie dann am Ende auf , um eine Art Lunte zu erschaffen . Mit dieser stehe ich dann stundenlang an der heißen Ofenröhre - denn es ist kälter geworden und wird geheizt - und warte , ob sie sich nicht entzünden werde . Der Ofen nämlich wird draußen gefeuert , man hat mir aber eine Pfeife und ein Restchen Tabak wieder gegeben für den Fall , daß ich endlich eine Freistunde bekäme , und weil auf dem Hofe geraucht werden darf ; Feuerzeuge sind in den Gefängnissen nicht gestattet , und Rauchen ist streng untersagt , Pfeife und Lorgnette , die mir gelassen ist , sehen mich also ganz ironisch an , und die Lunte will sich nicht entzünden ; das Streben danach ist mir aber doch eine Beschäftigung . Jetzt ist noch neuer Schmerz von außen hinzugekommen - um Gottes willen macht draußen nicht noch Forderungen an mich , die Wände sind dick , die Schlösser und Gitter fest , werft nicht noch Skorpionen in meine Einsamkeit , ich kann niemand helfen , ich gebiete bloß über acht Schritte Raum . Als mein alter Vater Sonntags von der Kanzel gekommen ist , da sind Pfarrkinder zu ihm getreten und haben gefragt , ob es denn wahr sei , ein Reisender habe es erzählt , daß der älteste Pfarrsohn ein Verbrecher geworden sei . Tritt uns erst die Beschränktheit nahe mit allen Rechten der unkundigen Teilnahme , des unerfahrenen Vorwurfs , dann wird die Lähmung vollständig . Der Vater jammert und fragt , und ich kann ihm nicht helfen , ja ich kann ihm nicht antworten , denn es fehlt mir Papier und Feder , und zur Tortur hat man diesen Brief und ein Billett Kamillas hereingelassen , seit Monden das erste Verbindungszeichen mit der Welt , und ein so trauriges wie ein Grabesflor - verhängt ihr mir auch noch die Welt draußen mit weinerlichen Wolken , die Welt , nach der ich schmachte ? Wo soll ich hin mit meinen Wünschen ! Unglückliche Kamilla ! Sie hat nach Grünschloß keine Nachricht gegeben , wo sie hin sei , sie hat Himmel und Erde aufgeboten in der fremden Stadt , um zu mir zu dringen , mir zu helfen , jetzt liegt sie erschöpft darnieder , niemand hilft ihr - und ich kann nichts tun , als an die vier Wände laufen . Hinter jenen Eisenstäben Liegt das weite , offne Feld , Liegt die Freude , liegt das Leben , Gottes große , schöne Welt - Tränen , Tränen , ach ihr brechet Jene harten Stäbe nicht - Ferne Sonnenstrahlen , sprechet Von der schönen Welt mir nicht ! Denn es schmerzt mich so unsäglich , Daß das Herz mir stille steht - Und so kommt die Welt mir täglich , Bis die Sonne untergeht . Es ist Abend geworden und wieder Tag und wieder Abend und wieder Tag , der Geier hat sich dick gefressen an meinem Eingeweide , jetzt ist es wieder ganz still ; ein Lied ist mir geblieben aus der schlaflosen Nacht mit einem garstigen Gefängnisschlusse : Hier gehen in goldenen Sälen Die Menschen hin und her , Sie haben nur zu wählen , Was das Vergnüglichste wär ' . Hier weint ein blasser Vater In dunkler Abendnot , Es fehlt ihm Trost und Rater , Die Kinder schreien nach Brot . Hier wandeln Liebesleute In dunkler Straße hin , Sie kichern vor lauter Freude , Vor fröhlichem Lebenssinn . Hier sitzt in trüber Kammer Der Gefangne mit seiner Qual , Mit seinem einsamen Jammer , Mit der schwarzen Gedanken Zahl . Und ob dem allem schweben Himmel und Sterne still - Dies ist das Menschenleben , Es kommt , wie ' s eben will . Wißt Ihr , was Resignation heißt ? Ihr versagt Euch eine Freude , ja Ihr entsagt manchem Notwendigem , aber Ihr lebt weiter . Ich kann dem trostlosen Vater , der verlassenen Geliebten mit keinem Worte beistehen , und ich bin endlich auch ruhig geworden , ich schlafe wieder ein , ich esse meine bescheidene Kost , was man sagt , ich bin resigniert . Sind ' s doch Gedanken , neue Eindrücke gewesen , die ein paar Tage erfüllt haben , ist doch solch stechender Schmerz auch ein Gewinn neben Öde und Langeweile ! Ach , Hippolyt , ich habe es oft mit Redensarten bekleidet , ich hielt ' s für unrecht , das nackte , schonungslose Wort zu wählen , aber muß es nicht einmal gesagt sein , wenn es denn doch vorhanden ist ? Wenn der Körper verschleimt und verstopft wird , und man hat selbst Freiheit vor die Türe zu gehen , was ist ' s mit dem Leben ? Wenn die Welt aus den Fugen reißt , und nichts allgemein Geglaubtes und Geachtetes übrig bleibt , was lohnt ' s zu leben ? Bewahrst Du dabei Nerven wie straffe Stricke , wohl Dir , Du kannst mit Hilfe der körperlichen Elastizität hie und da einen Reiz gewinnen , die Verworrenheit zu einem pikanten Anblicke ineinander dichten , am kleinen Zustande Dich laben ; aber wenn auch der Körper blasiert wird , was dann ? Was ist der Ruhm ? Eine Nahrung kindischer Eitelkeit ; was ist die Teilnahme , welche Dir werden mag in Freundschaft oder Liebe ? Ein Zufälliges , weil Du just mit Leuten in Berührung kommst , die das mögen , was Du scheinbar besitzest , und was Dir über Nacht eine Laune , eine Krankheit rauben kann ! Was ist die Menschenentwicklung , für welche Du dich erhitzest ? Ein so langsam und mannigfach Werdendes , daß Du Dich in Ewigkeit seiner nicht bemächtigen kannst , wo Du mit allen Schlüssen und Folgerungen am scheinbaren Endpunkte Dich getäuscht , Dich in den Händen einer ewig unerklärten Macht siehst ? Was ist Poesie ? Eine Spielerei Deines Herzens , solange Dein Herz Kraft hat zu erfinden , zu kombinieren , zu empfangen und zu genießen , und wenn Dir die Kraft ausgeht , ist sie nichts . Elastische Fähigkeit und Kraft ist alles , von ihnen wird alles bedingt ; wenn sie Dir fehlen , kommt zu Deinem größten Reichtume die Blasiertheit , ein künstlich Wort , das wir aufgenommen haben , um den garstigen Ausdruck » Stumpfheit « zu umgehen . Ich möchte die Augen schließen können , und lange , lange schlafen . Klägliche , schwächliche Geschöpfe , die ihren Zorn gegen den Gefängnisherrn richten ; der ist eben auch eingefügt in den großen Zusammenhang , welcher immer der einzelnen spotten muß , welcher von unzulänglichen Menschen erfunden ist . Wenn man den Gefängniswärter hassen wollte , dann würden sie schnell zur Hand sein mit weisem Tadel und meinen : Der Mann kann nicht dafür . Geht doch zwei , drei , vier Schritte weiter , wer kann dafür ? Der Mensch im großen , das heißt der Mensch im kleinen ; ich habe Lust , ihn völlig aufzugeben , und in Nacht und Öde zu versinken