Bald sahen wir , daß ein Reiter uns entgegenkam . John Raffley war es . Das Gebiet , auf dem wir uns jetzt nun befanden , war sein besonderes , und darum stellte er sich ein , um uns hier zu begrüßen . Er wußte bereits Alles , was wir gestern über die Fan-Fan erfahren hatten , denn Fu hatte es ihm telephonisch mitgeteilt und ihm auch gesagt , in welcher Weise dagegen aufzutreten sei . Es war ihm also wohl bekannt , daß der » große Tag der Shen « nicht morgen , sondern erst später gefeiert werde , aber er hatte trotzdem alle Vorbereitungen für morgen treffen lassen . Darum sahen überall , wohin wir kamen , die mit Fahnen , Flaggen , Wimpeln , Girlanden , Kränzen und Blumen geschmückten Häuser , Gärten und Wege festlich aus . Raffley-Castle bestand aus einem fast vollständig neu angelegten , großen Dorfe und dem eigentlichen Schlosse . Die Wirtschaftsgebäude des Letzteren lagen unten am Fuße des Berges . Sie wurden isoliert durch einen Halbring von Gärten , auf welchen dann die Häuser des Ortes folgten . Außerhalb dieser lagen zunächst die Felder , dann saftig grüne , wohlbewässerte Wiesen , und endlich kam der hohe , feierlich stille Spießtannenwald , den der Governor erwähnt hatte . Durch diesen Wald ritten wir jetzt . Als uns der Weg aus ihm herausgeführt hatte , ließ unser alter Governor einen lauten Ruf der freudigsten Ueberraschung hören . » Raffley-Castle ! Ganz genau mein liebes , liebes , einzig schönes Raffley-Castle ! « jubelte er . » Und zwar nicht nur so schön , sondern noch viel , viel schöner ! Wie eine schottische Schloßfrau , die sich ganz unerwartet in eine morgenländische Fee verwandelt hat ! Nicht grau , wie daheim , sondern weiß , blütenweiß , oder wie frisch gefallener Schnee ! Keine Ecke fehlt , kein Erker und kein Türmchen . Alle Türen sind da , alle Fenster , alle Schornsteine und sogar auch alle Wetterfahnen ! John , John , komm her ; ich muß dich küssen ! « Er drängte sein Pferd an dasjenige seines Neffen , zog diesen zu sich herüber und gab ihm etwas , was für die zartere Bezeichnung » Kuß « eigentlich wohl ein wenig zu kräftig klang . Auch John schien dieser meiner Ansicht zu sein , denn er gab ihm ganz denselben » kiss « sofort , auf der Stelle , wieder . Uebrigens , der » uncle « hatte Recht ; der Anblick dieses in Marmor so treu wiedergegebenen Castle war einzig in seiner Art , weil die übrigen Gebäude alle einen ganz andern , fast möchte ich sagen , ihm widersprechenden Stil besaßen . Bei ihnen war zwischen dem Unter- und dem eigentlichen Bau das chinesische Verhältnis beibehalten , aber die Dächer besaßen nicht die gewöhnliche , drückende Schwere ; sie beschützten zwar , aber sie erlaubten sich nicht , zu belasten . Nun ging es zwischen den Wiesen und den Feldern hinüber in das Dorf . Die Bewohner desselben wußten von unserem Kommen ; aber es gab nicht jenes Herandrängen , sich Hinstellen , Gaffen und Starren , welches so ungemein belästigt . Man grüßte uns , als ob man uns schon kenne , und sah und lief nicht hinter uns her , wie hinter blauen Wundern . Wie reinlich , wie sauber das Alles war ! Die Häuser wie die Menschen ! Auf den Wegen gab es keine Spur von Schmutz , nicht einmal Staub , denn überall floß Wasser , ihn zu löschen . Die Straße war makadamisiert und außerordentlich wohlgepflegt . Sie leitete aus dem Dorfe nach den herrschaftlichen Meiereigebäuden und dann in bequemen Serpentinen bis zur höchsten Höhe empor . Jede neue dieser Windungen gab eine andere Aussicht und ein schöneres Bild . So ritten wir nach oben , immer an hellweißen Gebäuden vorüber , welche von Weitem den Stamm des Kreuzes bildeten , bis wir das eigentliche Schloß erreichten , zu dessen Tor eine kühn geschwungene Brücke über die tief ausgewaschene Schlucht eines fallenden Wassers führte . » Das geht zum ersten Hof ; der ist für die Knappen und für die Pferde , « sagte der Governor . » Dann folgt der zweite Hof . Der war für die Turniere . Und gegenüber der breiten Treppe steht , achteckig eingerahmt , der große Wasserbrunnen . « Er sprang vom Pferd , übergab es einem der herbeieilenden Diener und ging mit raschen Schritten über diesen vorderen Hof hinweg . Wir Andern taten so , wie er , und folgten ihm , als er hinter dem zweiten Tor verschwand . Als ich dieses erreichte , sah ich ihn an dem Brunnen stehen . » Es ist wunderbar , Charley , geradezu wunderbar , « rief er mir zu . » Er ist da ; er ist da ; mit allen seinen acht Ecken ! Und wenn ich da die Treppe hinaufgehe , so komme ich direkt zu - - - « » Direkt zu mir , zu mir , mein lieber Onkel ! « klang eine weibliche Stimme von oben herab , wo über der Treppentür ein steinerner Balkon mit durchbrochener Brüstung ragte . Da stand Yin , weiß , eine Rose im Haar und einen kleinen Veilchenstrauß an der Brust , genau so , wie sie drüben in Ocama auf sein Zimmer gekommen war . » Yin - - - ! Liebling - - - ! Engel - - - ! Abgott - - - ! Es stimmt , denn ich wollte sagen , daß ich da direkt zur Herrin , zur Gebieterin des Schlosses komme , und - - - paß auf ! Das wird sofort geschehen , sofort ! « Er sprang vom Brunnen hinweg und eilte die Treppe hinauf . Ich sah ihn erst beim Mittagessen wieder . Was mich betrifft , so erhielt ich ein Wohnzimmer und ein Schlafgemach , von denen aus ich eine weite , weite Aussicht nach Westen , nach Süden und auch bis hinüber nach dem Meere hatte . Mein Sejjid Omar wohnte neben mir . Wir hatten uns auf einen längern Aufenthalt hier einzurichten und bekamen darum von der Jacht aus unsere Koffer nachgeschickt . Das soeben erwähnte Mittagessen fand ohne die Schloßherrin statt . Sie wurde von John damit entschuldigt , daß sie von einer Arbeit festgehalten werde , welche ganz unbedingt sofort noch zu vollenden sei . Was für eine Arbeit er meinte , das sahen wir nach Tische , als er uns in Castle herumführte , um uns die Räume desselben zu zeigen . Wir waren dabei alle beteiligt , außer Waller , welcher bei unserer Ankunft für einige Minuten aufgewacht und dann aber wieder eingeschlafen war . Doch , wenn ich sage , daß John Raffley uns geführt habe , so ist das eigentlich nicht ganz richtig , denn der , welcher voranging , um alle Türen zu öffnen und uns , bevor er dies tat , stets sagte , was für einen Raum wir nun zu sehen bekommen würden , das war nicht der Neffe , sondern sein Onkel , der Governor . Es machte diesem nämlich ein herzliches Vergnügen , uns zu beweisen , daß das hiesige Schloß , wenigstens betreffs der Räume und ihrer Bestimmung , dem heimatlichen vollständig gleiche . Wenn er uns sagte , was nun für eine Stube kommen werde , und es stimmte , so war er stolz , es schon vorher gewußt zu haben . So auch , als er sich bemühte , eine hohe , dunkle Tür zu öffnen , in deren Schloß ein altertümlicher , pistolengroßer Hohlschlüssel steckte . » Das ist der Hauptraum unsers ganzen Schlosses , « sagte er , das » unser « für ganz selbstverständlich haltend , » nämlich der Ahnensaal . Daheim ist er schon so voller Bilder , daß man ihn nun wird vergrößern müssen ; hier aber bin ich selbst im höchsten Grade neugierig , was man an die Wände gehangen haben wird . Wir befinden uns zwar im klassischen Lande des Ahnenkultus , aber man kann in China doch unmöglich wissen , wie so ein alter , längst verstorbener Englishman , ein echter , toter Raffley auszusehen hat ! « » Oh ! « widersprach sein Neffe . Da klirrte das Schloß , und die Tür ging auf . Da hingen sie , alle , alle , genau dieselben und auch genau so groß wie drüben in der Heimat , freilich nicht in Oel und Farbe , sondern nur in schwarzer Kreide , die Lichter weiß gegeben . Und auf dem langen Mitteltisch lagen die Blitzphotographien , welche John aus England mitgebracht hatte , um seine Ahnen von chinesischen Künstlern nach ihnen zeichnen zu lassen . Die Maler des » Reiches der Mitte « sind bekanntlich grad in Beziehung auf die Genauigkeit des Kopierens unvergleichlich . Der Governor war zunächst ganz still vor Erstaunen . Er ging von Bild zu Bild und sagte nichts , schüttelte nur immer den Kopf . Aber als er an den Letzten kam , ganz hinten , oder auch ganz vorn , wie man es nehmen wollte , da ließ er einen lauten Ruf der Ueberraschung hören , so daß wir hingingen , wo er eben stand . Es war sein eigenes , und zwar sehr wohlgetroffenes Bild ! Eine schmale , hohe Leiter , deren Sprossen gepolstert waren , lehnte in der Nähe . Indem der » uncle « auf diese Leiter deutete , sagte er : » Ich begreife ! Dieses mein Porträt war fertig bis auf das Gesicht . Man mußte da warten , bis ich kam und Yin mich sah . Ich merkte es ihr an , als ich zum ersten Male mit ihr sprach . Sie studierte mein Gesicht , jeden einzelnen Zug besonders . Ich erinnerte mich hieran erst dann , als ich hörte , daß sie male . Dann bist du mit ihr sofort hierher geritten , daß sie das Porträt vollende . Als wir vorhin aßen , war sie noch nicht ganz fertig . Darum fehlte sie . Habe ich Recht , lieber John ? « » Nein , lieber Onkel - - und doch auch ja ! « antwortete der Gefragte . » Dieses dein Konterfei ist schon längst fertig , auch nach einer Photographie gemacht . Aber ein anderes war zu vollenden , ganz ebenso nach einem Photo von dir angelegt , und zwar von der eigenen Hand des von dir so gefürchteten Gespenstes , dem du nicht einmal - - - « » Schweig , schweig ! « unterbrach ihn der Alte , über das ganze Gesicht hin errötend . » Blamiere mich nicht ! Ich bitte ihr das noch ganz besonders ab . « » Tue es ! Du hast ihr nur dieses eine Gespenst abzubitten - - dich ; ich aber leider alle , alle , die hier hängen . Und sie verzeiht sie mir , diese Schatten , diese Schemen in schwarzer Kreide , von denen keiner , keiner Etwas von ihr wissen wollte . Sie , die immer Gute , die herrlichste Tochter unserer großen Shen , hat sogar noch mehr getan . Schau sie doch an , diese einst Fleisch gewesenen , irdischen Phantome ! Da hängen sie im Tode . Sind sie denn wirklich das gewesen , was du hier abgebildet siehst ? Dann gib dir Mühe , stolz auf sie zu sein ; ich aber , ich verzichte ! Das sind die Larven , welche wir daheim verehren , die Masken , die wir uns vormachen lassen , weil wir zu dumm , zu albern sind , sie zu durchschauen und die Wahrheit zu entdecken . Auch ich war so ein Tropf , der an Skelette , an Gerippe glaubte , bis Yin in diese Leichenkammer trat und meine Hand ergriff , um mir zu zeigen , daß die Toten leben . Sie mag auch dir es zeigen . Oeffne ! « » Oeffnen ? Wen , was ? « » Dich selbst ! « » Mich ? Mich selbst ? « » Natürlich ! Wer seine eigene Larve durchschauen und dann sich selbst kennen lernen will , der muß zu erfahren suchen , was hinter ihr steckt . « Er deutete nach dem Bild . Der Richtung seiner Hand folgend , bemerkten wir am Rahmen eine Klinke und auf der andern Seite zwei Angeln . Das Bild war eine Tür . Da öffnete der Governor . Ein Fülle von Licht flutete zu uns in den düsteren Raum herein . Er trat hinaus . Wir folgten ihm . Was sahen wir da ? Wo befanden wir uns ? In ganz genau demselben Saale , mit ganz genau denselben Bildern . Kein einziges fehlte . Aber die Zwischenräume waren nicht Wand , sondern Fensterscheiben , durch welche der Glanz des lichten Tages trat . Auch diese Bilder waren von schwarzer Kreide , doch hatten sie keine Gesichter , sondern nur Köpfe - - Totenköpfe . Auch den langen Mitteltisch sahen wir , doch nicht mit den Blitzphotographien , sondern es lag das uralte , berühmte Ming-Tsching60 darauf , aufgeschlagen , und in großer , weithin sichtbarer Schrift war da zu lesen : » Sie legen die Kleider ab , dann kommen sie ! « Und an diesem Tische saß Ki , der Himmlische , der die Kraft des niemals endenden Lebens bedeutet , und winkte nach der Tür , die in der vordern Ecke hinunter nach der Gruft der Familie führte . Da stand John Raffley , um diesem Winke zu gehorchen ; er öffnete sie . Und nun strömten sie hervor , dem Lichte entgegen , sie alle , die ihre Kleider , die Leiber , da unten abgelegt hatten . Teils jubelnd , jauchzend , teils still , wortlos vor lauter Seligkeit ; Einige aber auch zagend , zögernd , als ob sie dieser Auferstehung , an die sie nie geglaubt hatten , ganz unmöglich sogleich vollen Glauben schenken könnten . Sie quollen aus der Gruft und aus der Treppenöffnung heraus und eilten durch den Saal , mit dankenden Gebärden an Ki , dem Himmlischen , vorüber , um durch die offene Tür zu verschwinden , die auf der andern Seite hinaus in den Garten und dann in das Leben führte . Welch eine unbeschreiblich packende , beinahe überwältigende Szene ! Welche Freude , welches Entzücken , welche Wonne in jedem Zug der Gesichter ! Und sonderbar : das waren nicht mehr Gesichtszüge von sterblichen Personen ; das waren nicht mehr die scharfen Linien und die festgezeichneten Konturen , welche die Körperlichkeit mit sich bringt ; und doch besaß jeder und jede dieser Verwandelten die größte Aehnlichkeit mit dem korrespondierenden Bilde im ersten Ahnensaale ! Es gab unter ihnen nur einen Einzigen , der nicht hinaus nach der Freiheit strebte , denn er hatte ja die Gruft noch gar nicht kennen gelernt . Er gehörte als ein Raffley zwar zu ihnen , aber er war noch nicht » gestorben « gewesen ; er zählte noch zu den » Lebenden « . Er stand von fern und schaute zu , mit ehrerbietigem Staunen , mit seliger Verwunderung . Ihm war , als ob er träume . Aber wohin sah er ? Auf die jubelnden Seelen seiner Ahnen oder auf Ki , der die Kraft des Lebens ist ? Man konnte das nicht sagen , denn in seinen weit geöffneten Augen fehlten noch die hellen Punkte , durch welche der Blick die Beseelung und Richtung erhält , und Yin , die Meisterin , hob soeben , als wir eintraten , die Hand mit dem Pinsel , um ihnen dieses Licht zu verleihen . Also das war die Arbeit , wegen deren Vollendung sie abgehalten gewesen war , bei Tafel zu erscheinen ! Wäre ich ein Künstler , so würde ich jetzt meine Feder so recht voll von Tinte nehmen , um dieses unvergleichliche Kunstwerk unserer Yin mit den besten Ausdrücken der Begeisterung zu beschreiben und sodann die Künstlerin auch selbst dazu . Denn ich fühle es sehr deutlich , daß ich sogar die Pflicht habe , die schöne Herrin von Raffley-Castle bis auf das kleinste Kräuselhärchen im Nacken genau zu schildern . Aber ich bin leider kein Künstler und habe also zu schweigen . Zu meiner Rechtfertigung möge dienen : Ich besitze nicht einmal den nötigen Verstand , den Begriff » Kunst « definieren zu können , und bin auch weder so weise noch so klug , mir zu sagen : Ja , das ist ja eben die Kunst , daß man nichts von der Kunst versteht ! Aber Eines will ich doch sagen : Wir waren alle still . Niemand sprach . Kein Einziger fand einen hörbaren Ausdruck für das , was er empfand . Wie von derselben Kraft ergriffen , welche diese Seelen aus der Gruft emporzog und durch den Saal der Totenköpfe schnell hinaus in das helle Leben leitete , so ging ich von Figur zu Figur , bis hin zur klarsten Seele an der Tür und dann noch weiter , in den Garten , bis an den äußersten Rand desselben , wo eine starke Mauerbrüstung vor dem Sturz in große Tiefe schützte . Da stehe ich - - ich , ich , der arme Teufel , im hohen Marmorschlosse , bei Leuten , die ihre Ahnen alle aufgeschrieben hatten und ihre Millionen nach Hunderten zählen konnten . Dazu die höchsten Gottesgaben , die es auf Erden gibt : Talent und gar Genie ! Und vor mir dieses schöne Land , welches ich überblicken kann auf viele Meilen hin ! Von diesem Schlosse aus geht Segen drüber hin , gespendet von so reichen , reichen Händen . Wer bin dagegen ich , und was ? Das kleine Deutschland gegen Großbritannien , wie der Governor wahrscheinlich sagen würde ! Da hörte ich leichte Schritte , welche sich mir näherten , und drehte mich um . Da stand sie vor mir , Yin ! Sie schaute mich an und sagte nichts dazu . Ich habe niemals wieder solchen Blick gesehen . Er tat mir weh . Als ob ich ihr so viel , viel zu verzeihen hätte ! Ich nahm ihre beiden kleinen Hände , hüben eine , drüben eine , und lächelte ihr ermunternd zu , Sagen konnte ich nichts . » Darf ich - - - ? « klang es leise aus ihrem Munde . » Yin darf nie ; sie soll ! « antwortete ich . » Haben wir denn wirklich gleiches Recht , wie John mir immer sagt ? Wir armen , gelben Menschen ? « Da kam es wie eine Wut über mich . Dieses wunderbare , gottbegnadete Wesen ! Und so verschüchtert durch den Stolz auf ein helleres Menschenfell ! Ich bezwang mich aber und sagte in ruhigem Tone : » Wo steht geschrieben , welche Farbe der Mensch im Paradiese hatte ? « » Ich weiß es , « behauptete sie . Sie sprach englisch . » Wirklich ? « fragte ich . » Ja . John hat mir viel von Euch erzählt , Sir . Er hat nie Jemand so lieb gehabt . Darum kam ich jetzt hierher , um Euch zu zeigen , wie gerne ich Euch habe . Ihr erwähnt das Paradies , und ich habe es gezeichnet . Ich wünschte , daß Ihr es sehen solltet , ohne daß Euch Andere dabei stören . Die Andern sind noch drin im Ahnensaale , von dem sie sich wohl nicht gleich trennen werden . Darf ich Euch führen , Sir ? « Ich folgte dieser ihrer Aufforderung natürlich nur zu gern . Es gab eine zwar schmale , aber bequeme Stufenreihe , welche , nur für die Herrschaft selbst , von hier , dem Garten aus , nach oben führte . Die stiegen wir empor , zu dem etwas höher liegenden Gebäude , in welchem sich befand , was ich jetzt sehen sollte . Vor demselben saß auf einer zwischen zwei prächtigen Rosenpappeln stehenden Bank ein alter Herr , der , als er uns erblickte , höflich aufstand und sich verbeugte . Ich hatte Mühe , meine Ueberraschung zu verbergen , unsern malajischen Priester aus dem Kratong von Kota Radscha zu sehen . Die chinesische Kleidung , die er trug , glich der malajischen . Sein Haar war ebenso weiß und ebenso lang . Die Gestalt und ihre Haltung war dieselbe ; das Gesicht widerstritt dem nicht , und als Yin mit ihm zu sprechen begann und er ihr antwortete , bewahrheitete sich die alte Regel : Wenn sich zwei Menschen ähnlich sehen , sind auch ihre Stimmen einander ähnlich . Kurz , dieser Mann war mir eine Ueberraschung , und zwar eine angenehme , und als ich ihm vorgestellt wurde und also erfuhr , daß er der Pfarrer Heartman sei , da hatte ich ihn schon gleich ganz herzlich lieb . Ich war ihm nur persönlich unbekannt , sonst aber nicht , denn er wußte alles , was ich zusammen mit John erlebt hatte . Als er hörte , daß ich das Paradies sehen solle , aber ungestört , trat er bescheiden zur Seite , um uns die Tür freizugeben , sagte aber , daß er mich dann gern weiterführen möchte , bis hinauf zur Kapelle ; ob ich damit einverstanden sei . Ich nahm das selbstverständlich an , und Yin bat ihn , wenn er mich sodann auch allein lassen wolle , doch mit hinein zu gehen , um mir die Sage vom verlorenen Paradiese zu erzählen . Er öffnete also die Tür und trat mit uns in das Innere . Nun befand ich mich in einem langen , viereckigen Gebäude , dessen Decke ein Glasdach war . Die Längsseiten waren gleich lang , die Schmalseiten aber nicht . Da , wo wir hereingekommen waren , also vorn , war der Saal bedeutend breiter als hinten . Hierdurch wurde schon an sich eine ganz natürliche Perspektive gegeben , also Etwas , was wir Europäer den mongolischen Künstlern einfach abzusprechen pflegen . An der vorderen und der hinteren Wand waren Gruppen schöner Pflanzen angebracht , so was man mit dem Worte Orangerie zu bezeichnen pflegt . Diese Gewächse waren vorn sehr hohe , darunter Bambusschößlinge , die bis zur Decke reichten . Hinten waren sie bedeutend niedriger , gingen aber auch bis an das Dach , weil dieses sich von vorn nach hinten senkte . Dadurch wurde die optische Täuschung erregt , als ob das Auge in eine viel , viel größere Entfernung schaue , als in Wirklichkeit vorhanden war . Die langen Seiten zeigten zunächst nichts ; sie waren mit dünnseidenen , aber undurchsichtigen Vorhängen bedeckt . Als wir eingetreten waren , ging Yin sofort nach hinten und verschwand hinter den Pflanzen . Dort stand ein Instrument , halb » Si « und halb » Yangtschin « , von der Größe einer Harfe und auch ganz ähnlicher Klangfarbe . Vorn gab es unter blühendem Gezweig einige Sitze . Pfarrer Heartman winkte mir , auf einem derselben Platz zu nehmen . Er selbst trat bis fast an die Tür zurück , von wo zwei Drähte in die Höhe und dann nach den Seiten führten . Das war zur Ausschaltung der Gewichte , welche die Vorhänge zu bewegen hatten . Nun erklang von hinten her ein Akkord , dem einige andre folgten . Yin hatte in die Saiten gegriffen ; dann war es wieder still . Und jetzt ertönte hinter mir , aus dichten Pisangs heraus und von ihnen gemildert , die laute , charakteristische Stimme des Geistlichen : » Im Lande Ti gibt es eine heilige Sage , die von dem Himmel stammt . « Sie ist viel tausend Jahre alt und lautet folgendermaßen : Als Gott , der Herr , zur Erde hinuntergestiegen war und das irdische Paradies geschaffen hatte , sprach er zu seiner » Shen « : » Ich schenke dir dies Land der Menschlichkeit mit allen seinen Bewohnern . So lange der Menschengeist sich von dir leiten läßt und nur in der Liebe handelt , wird Friede sein und dies dein Reich nicht von der Erde schwinden . Behüte es ! « - - - - - - Und als der Satanas sich aus der Tiefe herbeigeschlichen und die irdische Hölle geschaffen hatte , sprach er zu seiner » Hen « 61 : » Ich schenke dir dies Land der Rücksichtslosigkeit mit allen seinen Teufeln . Du hast dich nicht zu fürchten , auch vor dem Paradies da drüben nicht , denn ohne seine Shen ist dieser Menschengeist ja weiter nichts als eben auch ein Teufel . Er wird uns schon noch kommen ! Doch wache dann , daß hier in deinem Reich nie Irgendwer von Nächstenliebe rede ! Man sagt , daß in zukünftiger Zeit die Shen vor Gottes eigenem Tor ermordet werde ; dann aber komme er selbst , der Herr , in menschlicher Gestalt zur Erde nieder , um seine Shen vom Tode aufzuwecken und Alles , was da lebt , sogar auch meine Teufel , zur Seligkeit ins Paradies zurückzuführen . Die Zeichen seines Nahens sind gegeben , sobald seine Boten hier in meiner Erdenhölle aufzutauchen und von der Nächstenliebe zu lehren und zu predigen wagen . Vernichte Jeden , der das tut , sonst bist du selbst verloren ! « Die Saiten hatten geschwiegen , während er sprach . Nun rauschte eine Folge von Akkorden durch den Saal , um sich in einzelnen Tönen aufzulösen und hierauf wieder still zu sein . Dann fuhr er fort : » Der Menschengeist ging durch das Paradies und lernte dessen Seligkeiten kennen . Er wuchs dabei empor zur Riesengröße und konnte endlich gar , wenn er am Tore stand , hinüberschauen in das Reich des Bösen . Da sah er heimlich , wie die Hen regierte , und das gefiel ihm wohl . Sie war die Königin , die Oberpriesterin der Hölle ; was aber war denn er ? Sie gab Gesetze für den Staat ; sie richtete ; sie strafte , wie es ihr wohlgefiel , und fragte vorher nicht einmal den Teufel ! Er aber mußte als Beherrscher seines Paradieses eines jeden armen Teufels Diener sein und sich von Shen zu jeder Zeit und bei fast Allem , was er tat , belehren lassen . Indem er dieses dachte und voller Sehnsucht nach dem Nachbarreich hinüberschaute , sah ihn die Hen und kam herbei , in ihm den Neid und alle Kinder , die es von diesem gibt , im Herzen zu erwecken . Das gefiel ihm wohl . Er kam am nächsten Tage wieder . Am dritten schloß er schon die Pforte auf und ging hinaus zu ihr , um sich von ihr das Glück der Hölle zeigen zu lassen . Von nun an lehrte sie ihn täglich , heimlich , wie man regieren müsse , und er ließ , was sie sagte , im Paradies geschehen und fragte nicht mehr nach der Menschlichkeit . Das sah die Shen . Sie folgte seinen Spuren und kam zum Tor , grad als es offen stand . Soeben hatte Hen ihn bei der Hand ergriffen , um mit ihm fortzugehn . Da stürzte sich die Shen hinaus , um ihn zu retten . Doch in demselben Augenblick erschien der Satanas , aus seinem Abgrund tauchend , erhob die Faust und schlug sie , daß sie tot zu Boden sank . Sie trat aus Gottes Schutz heraus , vor seine Pforte , sprach er ; drum konnte sie von mir vernichtet werden , sonst aber nicht . Scharrt sie hier ein ! Und sich hierauf zum Menschengeiste wendend , fuhr er fort : Du armer Wurm , der sich so erhaben dünkte , daß ihn nicht einmal das Paradies zu halten wußte ! Sag mir einmal , wer bist du denn , und was hast du getan , um das , was du von Gott verlangst , von ihm verdient zu haben ? Verdienst , Verdienst ! Bei diesem Worte lacht die ganze Hölle ! Es werde dir gezeigt , was es heißt , sich auch nur einen einzigen Hauch der Gnade zu verdienen ! Du lebtest in dem Wahne , dem Himmel und der Hölle gebieten zu können , und hattest nicht einmal gelernt , dich selbst zu beherrschen , dich und deinen Dünkel ! Wohlan , du wirst nun unter Teufeln sein , denn meine Hölle und dein Menschenreich , das ist von heute an für dich dasselbe . Als Teufel werden diese Menschen an dir handeln , weil du als Teufel dort im Paradiese handeln wolltest , und tausend Teufel sollen in deinem eigenen Innern wohnen , mit denen du zu kämpfen hast bei Tag und Nacht , unausgesetzt , bis Der vom Himmel kommt , den wir verfluchen und doch ewig segnen ! Hast du gelernt , dieser Hölle in dir selbst ein Herr zu sein , so lausche , ob vielleicht in meinem Reiche der Name » Shen « in Heimlichkeit erklingt . Bis dahin aber sei verflucht von allen denen , welche nun mit dir vertrieben werden , weil sie glaubten , dir gehorchen zu müssen ! - - - - - Indem er dieses sprach , geschah ein Blitz , hierauf ein Donnerschlag ; die Sonne verschwand vom Himmel ; die Erde bebte ; die Berge stürzten ein ; die Tiefe klaffte auf ; das Tor der Seligkeit verschwand mit seinen Mauersäulen , und Tausende und Abertausende drängten sich in wahnsinniger Angst vorüber , um sich aus dem verschwindenden Paradiese in die offenstehende Hölle zu retten ! « Nun schwieg der Pfarrer . Es ging ein leises Geräusch zur Decke empor und nach dem Vorhang hin ; dann begann dieser , sich zu bewegen , der auf der linken Seite . Das , was ich sah , war nicht das Paradies , sondern die letztbeschriebene Szene vor dem eingestürzten Tore . Da standen sie , der Menschengeist ,