. Er hatte klugerweise zu Allem Ja gesagt , sich aber in seinem Grimm hierüber augenblicklich vorgenommen , die Lanze umzudrehen und zu uns überzugehen . Um sich aber das Für und Wider vorher reiflich und ungestört überlegen zu können , hatte er sich später auf das Pferd gesetzt und den einsamen Ritt gemacht , auf dem er hier mit uns zusammengetroffen war . Da gab es denn für uns kein Bedenken mehr . Der Ustad legte seine Zurückhaltung ab und erzählte ihm Alles , Alles . Wie staunte dieser Mann ! Er hatte ja nicht geahnt , für was für Menschen er das Blut seiner Dinarun vergießen sollte , um nicht die geringste Entschädigung dafür zu erhalten , nicht einmal ein höfliches Wort ! Für jetzt war er nur mit den Rennpferden und der dazu gehörigen Mannschaft gekommen ; seine eigentliche Kriegerschar aber hatte nachzufolgen . Er bot sie uns an und hielt uns beide Hände hin , in welche wir sehr gern die unseren schlugen . Da er nun wußte , welchen Zweck unser Ritt hatte , bat er , uns begleiten zu dürfen ; der Ustad willigte ein . Es ging also nun zu Dreien weiter , westwärts , zu den südlichen Dschamikun , die sich ebenso wohlverbreitet zeigten wie alle Andern . Hierbei wurde das Gesicht des Scheikes immer ernster . Was er bisher von uns nur gehört hatte , das sah er nun , nämlich die große , tödliche Schlinge , welche sich hinter ihm und seinen Leuten zusammengezogen hätte , wenn er auf der Seite unserer Feinde geblieben wäre . Auch in Beziehung auf das Rennen wurde er bedenklich . Die Sahm ging unvergleichlich . Welch ein Unterschied zwischen heut und damals , als der Pedehr sie ritt ! Der Araber sagt : Das Pferd ist ein Prozeß ; wird er gut oder schlecht geführt , so wird er gewonnen oder verloren ! Und nun gar der Syrr ! Nur am Halfter ! Der Scheik war ganz Bewunderung für ihn , fragte aber nur einmal und dann nicht wieder , als er hörte , daß hier ein Geheimnis obwalte , von welchem nicht gesprochen werden dürfe . Unsere Runde war grad beendet , als es dunkel zu werden begann . Wir kamen durch das Tal des Sackes und hielten hüben an , weil drüben die Brücke aufgezogen war , der jetzigen Unsicherheit wegen . Es hatte ein Posten drüben zu stehen ; wir riefen hinüber ; er war aber nicht da . » So müssen wir hier warten , bis er kommt , « sagte ich , über diese Nachlässigkeit erzürnt . » Ja , warten wir , « lächelte der Ustad . » Ich erzähle dem Scheik inzwischen von dem verwegenen Sprunge , den nur dein Assil glatt zuwege brachte . « Er gab den Bericht , ohne von seinem Pferde zu steigen . Als er bei dem betreffenden Augenblicke angekommen war , lenkte er die Sahm nach der Stelle , an welcher wir zum Sprunge ausgeholt hatten . Sich immer noch stellend , als ob er nur erzählen wolle , sprach er weiter . Dann warf er plötzlich den Arm hoch empor und rief ganz dasselbe Wort wie wir : » Jatib , jatib , ia Sahm - spring , spring , o Sahm ! « Da schoß die Stute vorwärts , packte die Kante des Abgrundes mit sicherem Hufe und flog über ihn hinüber , so glatt , so frei , so leicht , daß der Schrei des Schreckes , den ich ausstoßen wollte , sich in einen jubelnden Ruf der aufrichtigsten Bewunderung verwandelte . Dann stieg er drüben ab , ließ die Brücke nieder und forderte uns auf , gemächlich nachzukommen . » Nun , was sagst du jetzt zu meiner Sahm ? « fragte er mich , indem seine Augen froh in die meinen glänzten . Ich umarmte ihn ; das war genug ; eine andere Antwort hatte ich nicht . Der Scheik der Dinarun aber schüttelte sich noch nachträglich vor Entsetzen und versicherte : » So Etwas sah ich noch nie ! Da mag man immerhin das beste Pferd von Luristan und auch den vielgerühmten Iblis bringen , Ihr reitet sie doch nieder . Meine Dinarun aber können froh sein , daß Ihr mir auch noch dieses zeigtet . Wir werden uns hüten , gegen Euch zu wetten ! « Hierauf baten wir ihn , allein nach dem Duar zu reiten und aber ja den Syrr gegen Niemand zu erwähnen . Das Uebrige war schon vorher besprochen worden . Wir beide dagegen blieben auf dem Bergwege durch den Wald und kamen unbemerkt bei unserm Wartturme an . Im Hofe war kein Mensch . Wir ritten schnell über ihn hinweg , brachten unsere Pferde an Ort und Stelle und schlichen uns dann wohin ? Hinauf zu unserm Hadschi Halef Omar , wo wir erwartet wurden , denn Schakara war da , welche von dem Ustad in das Vertrauen gezogen worden war . Sie hatte gesagt , daß wir diesen Abend hier im Verborgenen zubringen wollten , und dann den Hof für uns so frei gehalten , daß Niemand von unserer Heimkehr Etwas merkte . Wir aßen da . Wovon und wie wir uns dabei unterhielten , kann man sich denken . Halef wußte , daß er morgen zum ersten Male hinunter in den Duar dürfe . Es war für ihn auf der Tribüne ein besonderer , höchst bequemer Platz errichtet worden , wo er mit seiner Hanneh das ganze Tal überschauen konnte , ohne sich anstrengen zu müssen . Er freute sich wie ein Kind darauf . Als die Zeit dazu gekommen war , ging der Ustad mit hinauf zu mir . Wir setzten uns auf das Vordach , um die nun beginnende Höhenbeleuchtung von diesem allerbesten Punkte aus zu genießen . Sie geschah unter einem allgemeinen Feuerwerke , an dem sich Jedermann nach Kräften beteiligte . Der Kurde liebt es ebenso wie der Perser , bei derartigen Veranlassungen , Pulver und Bärlapp nicht zu schonen . Wir blieben vollständig unbeachtet , denn man nahm an , daß der Ustad noch nicht heimgekommen sei . Darum konnte das , was wir sahen , ohne Störung auf uns wirken . Es wurde Licht allüberall , wohin wir schauten . Die Nacht erhellte sich . Was oben brannte , brannte auch im See . Und all die Menschen , die das Tal erfüllten , erschienen uns wie Wesen einer Welt , die sich im Licht von oben nach aufwärts reflektiert . Und wir zwei Einsamen , die wir hier oben blieben , obgleich man unten auf uns wartete ? Nur nicht ins Lob der Tiefe niedersteigen ; dann findet sich ihr Tadel nicht herauf ! Wir sahen zwar zu , aber was wir dabei mit einander sprachen , das war nicht bestimmt , wie Feuerwerk zu verknallen oder wie totes Holz zu Asche zu verbrennen . Und als die Feuer nach und nach erloschen und Licht um Licht im Tal verglimmen wollte , da stand der Ustad auf , gab mir die Hand und sprach : » Nun gehn auch wir zur Ruhe . Zur Ruhe ! Glaubst du das ? Schließ dreifach dich in deinem Zimmer ein , und lege leiblich dich zum Schlafen nieder ! Ich komme doch zu dir , wie ich heut morgens kam , und hole dich zum Flug um unsere Grenzen . Auch dort hält mancher Posten für uns Wacht , um uns Bericht und Auskunft zu erstatten . Und kehren wir von unserm Fluge heim , so lassen wir vor Menschen uns nicht sehen , ganz so , wie wir es jetzt am Abend taten . Denn was für diese Welt der Abend ist , das ist für jene andere der Morgen . Schlaf wohl , doch - - - komme mit ! « - - Als ich am andern Morgen auf mein Vordach trat , sah ich , daß der gestrige Tag die vorherige Zahl der Menschen verdoppelt hatte . Draußen an Ahriman Mirza ' s Zelt waren die Pferde zu sehen , welche von ihm , den Schatten und den Massaban zum Rennen gestellt wurden . In den Ruinen standen diejenigen des Scheik ul Islam und der Takikurden . Unten am See , rechts , konnte man die Renner der Dinarun besichtigen , und links , unweit der Tribüne , waren die unserigen untergebracht . An diesen Orten wimmelte es von wirklichen und eingebildeten Kennern , welche es für höchst nötig fanden , ihre Urteile hören zu lassen . Mit Ibn el Idrak und dem Scheik der Dinarun hatte der Ustad gleich heut früh das heimliche Abkommen getroffen , daß sie alle ihnen abgenommenen Pferde zurückbekommen würden . Sie konnten also ruhig den Anschein beibehalten , daß sie unsere Gegner seien . Zu bemerken ist , daß die eigentlichen Matadore des Rennens , wie die Sahm , Assil , das » beste Pferd von Luristan « etc. etc. sich nicht bei diesen heut schon ausgestellten Pferden befanden . Weil der Feind seine Trümpfe nicht sehen ließ , taten auch wir es nicht . Es gab mir Spaß , daß ich Hadschi Halef mit Hanneh schon unten auf seinem Platze sitzen sah . Der Gute hatte es nicht aushalten können . Und womit war er bekleidet ? Natürlich mit dem Ehrengewande vom Schah-in-Schah ! Auch hatte er alle seine Waffen bei sich . Ich sah später sogar die bekannte Nilpferdpeitsche in seiner Hand . Sie kam dem » Henker « dann zu statten ! Nach dem Frühstück ging ich zu meinen Pferden und dann zum Ustad , bei dem ich den Hauptmann der Leibgarde fand . Sie sprachen über den , den ich soeben erwähnt habe , nämlich über Ghulam el Multasim , den Henker . Diesem dreisten Patrone war alles bisher gegen uns Unternommene noch nicht genug gewesen . Er hatte zunächst drüben bei den Taki öffentlich und in der schandbarsten Weise gegen den Ustad gesprochen und dieses gestern sogar bei uns hier fortgesetzt . Er war mit seinem Anhange bald hier , bald da im Tale aufgetaucht und hatte immer ganz genau dieselbe einstudierte Rede gehalten , in welcher der Ustad als ein Mensch bezeichnet wurde , vor welchem man Andere nur warnen müsse . Dieser Ustad gebärde sich als ein treuer Anhänger des Schah-in-Schah , sei es aber nicht . Auch gebe er sich den Anschein , daß ihm nur das Wohl der Dschamikun am Herzen liege , sei aber in Wahrheit nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht . Vor solchen Leuten habe man sich mehr zu hüten , als selbst vor den allerschlimmsten Massaban , und so möge man sich nicht darüber wundern , daß er - nämlich der Henker - es für seine Pflicht erachte , diesen höchst gefährlichen Verführer des Volkes endlich einmal zu entlarven . Er fordere hiermit sämtliche Dschamikun auf , ihren Ustad fortzujagen , der sich zwar rühme , Menschen glücklich machen zu wollen , aber höchstens nur imstande sei , unglückliche , beulige und schwärige Pferde in die Welt zu setzen . Er - nämlich der Henker , - werde das am Kiss-y-Darr beweisen ! Weil ich erst am Schlusse dieser Unterredung kam , teilte mir der Hauptmann das Resultat derselben mit : » Ich habe den Ustad gebeten , sich ja nicht an diesem unsaubern Patron zu beschmutzen , sondern die Sache lieber mir zu überlassen , der ich die Polizei des Schah-in-Schah vorstelle . Für eine so zügellose und abgrundtiefe Anmaßung und Frechheit ist einzig nur die Peitsche richtig . Er wird sie bekommen , ganz bestimmt ! Wann und in welcher Weise , das lehrt der Augenblick . Gebt mir nur die von ihm zurückgelassenen Kleidungsstücke , bei denen sich auch das Messer und das geheime Alphabet befindet . Weiter brauche ich nichts ! « Er bekam diese Gegenstände , und dann ging ich mit dem Ustad und Dschafar Mirza hinunter an den See , weil die Zeit gekommen war , die Preisrichter zu wählen . Das ging sehr schnell . Oberrichter wurde der Hauptmann der Leibgarde . Die Andern waren Dschafar , Hadschi Halef , Ibn el Idrak und der Pedehr . Andere Konkurrenzen gab es nicht , ein sehr triftiger Grund , auf allen Seiten mit dieser Wahl einverstanden zu sein . Hierauf wurden die Bedingungen vereinbart . Sie waren sehr einfach : jede Aufforderung ist gegenseitig anzunehmen , weiter nichts ! An diesen Verhandlungen nahmen auch der Scheik ul Islam , Ahriman Mirza und die Khanum Gul teil . Letztere hatte ihren Tribünenplatz zwischen den beiden Erstgenannten , doch nicht in unserer Nähe . Besonders aber war der Henker wegen des beabsichtigten Mordanschlages auf Dschafar Mirza stets von uns fern und unter strenger , aber unbemerkbarer Aufsicht zu halten . Punkt zwölf Uhr sollte das Vorrennen beginnen , zunächst das heitere . Die Lastkameele , Esel , Ziegenböcke , Schafe und sonstige Konsorten standen schon bereit . Neben der Tribüne war ein erhöhter Stand errichtet worden , von welchem aus die einzelnen Touren angesagt werden sollten . Eine Kärna97 hatte das Zeichen dazu zu geben . Eben erscholl der Ton dieses trompetenartigen Hornes , und der Ausrufer wollte hinansteigen , da blieb er aber unten stehen , weil er verhindert wurde . Nämlich von Ghulam el Multasim , dem Henker , welcher auf seinem turkmenischen Tiukihfuchs98 geritten kam und grad an dem erhöhten Stand halten blieb . Er führte an einer langen Leine ein zweites Pferd , welches einen ebenso lächerlichen wie traurigen Anblick bot . Lächerlich war die Art und Weise , in der man es herausgeputzt hatte , traurig aber der Körperzustand , in dem es sich befand . Sein Alter betrug wohl sicher über zwanzig Jahre . An Schwanz und Mähne absichtlich dünn gerauft , trug es an diesen Stellen anstatt der Haare nur angebundenes Gerstenstroh . Kopf , Leib und Beine waren mit dutzenden von Pflastern beklebt . Einen Sattel hatte es nicht , und so sah man , wie fürchterlich wund es geritten war . Aber in das Maul hatte man ihm eine jener fürchterlichen Trensenkandaren gezwängt , mit deren Hilfe man sogenannte » Pferdeteufel « entweder zum Gehorsam oder zum Tode reitet . » Allah verfluche diesen Schinder ! « hörte ich des empörten Hadschi Stimme hinter mir . Und Kara , sein neben ihm sitzender Sohn , fügte in gleichem Abscheu hinzu : » Darf man das dulden ? Vater , gib mir deine Kurbadsch99 ! Ich fühle , daß ich sie brauchen werde ! « So dachte und fühlte der » unzivilisierte « Sohn der Wüste , nicht aber der sich hoch über ihm dünkende Renegat der christlichen Kirche , denn das war der Multasim ! Er schwang sich von seinem Turkmanen , stieg an Stelle des Ausrufers die Stufen hinauf , so daß er von Jedermann zu sehen war , und rief mit lauter , weithin schallender Stimme : » Das Zeichen wurde gegeben ; das lustige Rennen beginnt . Der Scheik ul Islam hat mich beauftragt , den Anfang zu machen , mich , den die Gunst des Schah-in-Schah erfreut , und der ich zugleich die vereinigte Stimme aller rechtgläubigen Anhänger des Propheten bin . Ich fordere jeden Dschamiki hiermit zum lächerlichen Kampf heraus , vor allen Dingen ihren Ustad selbst , von dem ich Euch Folgendes zu erzählen habe . « Und nun begann er , abermals jenen auswendig gelernten Vortrag zu halten , welcher schon mehr als genügend bezeichnet worden ist . Seine Rede strotzte förmlich von Lügen , Verdrehungen und Beleidigungen . Man hörte jedem seiner Worte an , daß es nur daraufhin überlegt und angebracht worden war , der gewissenlosesten Gehässigkeit zu dienen und der ekelhaftesten Freude am Skandal zu willen zu sein . Es wurde mir fast zum Erbrechen übel ! Wie bewunderte ich die Ruhe und Selbstbeherrschung unserer Dschamikun , die ihn vollständig ausreden ließen , ohne daß es einem Einzigen einfiel , ihn auch nur anzurühren ! In unserem hochgesitteten Abendlande hätte man solcher Niederträchtigkeit wohl sehr schnell Einhalt getan ! Denn da wacht , Gott sei Dank , besonders die öffentliche Presse darüber , daß solchen Prangerknechten und Ehrenhenkern so schnell wie möglich das geschieht , was ihnen zuzukommen hat ! Hier aber verhielt man sich bis zum letzten Wort des Vortrages vollständig still . Dann ließ der Scheik ul Islam ein schmetterndes » Ssyhaßyh = bravo , herrlich ! « hören . Ahriman schrie : » Chähi , chähi ! « was ganz dieselbe Bedeutung hat . Die Ghul schlug die fetten Hände zusammen und rief : » Bäh , bäh ! « der gebräuchliche Bewunderungsruf für Taschenspielerkunststücke . Einige nahestehende Taki , Massabahn und Schatten stimmten wohl oder übel mit halber Tonkraft ein ; im übrigen aber herrschte Schweigen ; kein einziger Laut des Mißfallens war zu hören . Anstatt dieses allgemeine Schweigen kluger Weise für bedrohlich zu halten , nahm der Henker in seiner beispielosen Verblendung an , daß es ein Zeichen der Zustimmung sei , und fuhr fort : » Schaut hin ! Da sitzt nun dieser Ustad mitten unter Euch , auf Eurem schönsten Platze ! Ich frage Euch : Was tut er wohl , indem ich ihn vernichte und zermalme ? Er lächelt , lauscht und schweigt ! Ich weiß , dies Lächeln soll Euch imponieren , jedoch bei mir verfehlt es diesen Zweck . Es soll den Anschein geben , als ob er mich verachte , ist aber nichts , als nur Verlegenheit ! Und warum dieses Schweigen ? Wozu hat er den Mund ? Wer angegriffen wird und sich nicht schuldig fühlt , der hat doch wohl die Pflicht , sich zu verteidigen ! Er aber sagt kein Wort . Er hat geschwiegen und schweigt immer weiter , als ob - - - « Er kam nicht weiter . Der Hauptmann der Leibgarde , der sich mit einigen seiner Leute dem Ausruferstande unauffällig genähert hatte , sprang jetzt zu ihm hinauf , faßte ihm beim Genick und rief : » Er hat geschwiegen , weil er sicher wußte , daß jede faule Frucht von selbst vom Baume fällt ! So falle denn ! Hinab mit dir , denn deine Zeit ist da ! « Er schleuderte ihn seinen Leuten zu , die ihn sofort packten und in ihr naheliegendes Zelt führten . Da sprang der Scheik ul Islam ebenso wie Ahriman Mirza auf . » Was soll das sein ? ! « rief der Erstere aus . » Wer gibt dir das Recht , dich an diesem Ehrenmanne zu vergreifen ? ! Er steht unter meinem Schutz ! « » Schutz ? « lachte der Hauptmann ihm von oben herunter zu . » Wenn du nur fähig wärest , dich selbst zu schützen ! « » Auch unter dem meinigen ! « behauptete Ahriman Mirza drohend . » Was hast du überhaupt hier bei den Dschamikun zu suchen ? « » Das will ich dir gern sagen : Ich suche nach dem Obersten der Schatten , der hier seit kurzer Zeit sein dunkles Wesen treibt . Ich denke , daß ich ihn bald finden werde , da ich nun seinen Freund und Henker habe ! Setzt Euch nur augenblicklich wieder nieder ! Ich möchte sehn , ob es Euch wohl gelänge , so still zu sein und so bewußt zu lächeln , wie es dem Ustad vorgeworfen wurde ! « » Welch eine Frechheit ! Ich bin ein kaiserlicher Prinz und kann dich augenblicklich köpfen lassen , von deinen eigenen Leuten ! « » Versuche es ! « Er zog den kleinen Lederumschlag aus der Tasche , hielt ihn empor und fuhr fort : » Kennst du wohl dieses Täliq-Alphabet , mit dessen Hilfe ich gewisse Briefe lese ? Ich las auch folgenden : An Ghulam el Multasim , meinen Henker ! Es ist die Zeit gekommen , daß die Gul-i-Schiraz auf der Brust von Dschafar Mirza zu erblühen hat . Das soll am fünften Tage des Monates Schaban geschehen , zur Zeit des Abendgebetes , keine - - - « » Wo hast du das her , woher ? ! « brüllte Ahriman ihm mitten in den Satz hinein , indem er sich über die Spitze der Tribüne schwang , um ihm das Alphabet zu entreißen . Da stand der Ustad auf , nahm ihn fest und scharf in das Gesicht und rief ihm zu : » Schau her zu mir , Mirza ; ich kann es dir sagen ! Dein Chodem war bei ihm und hat es ihm verraten ! Wer aber seinen Chodem von sich läßt , der ist verrückt - - - verrückt - - - verrückt ! « Da blieb Ahriman halten , fuhr sich mit der Hand schnell an die Stirn , als ob er da geschlagen worden sei , stieß einen Schrei aus , sprang von der Tribune herab und verschwand fliehend in der Menge der dastehenden Leute . Es gab nur Wenige , die diese rasche , stille Flucht begriffen . Das geschah , als der Henker eben wieder aus dem Zelte gebracht wurde . Er war nur mit der Hose bekeidet , und man hatte ihm den Oberkörper und die Arme mit Oel eingerieben . Einer der Trabanten trug den Kleiderpack und das Messer hinter ihm her . Der Hauptmann befahl , diese Sachen zum Scheik ul Islam hinzubringen , und sagte diesem : » Du nahmst den Ehrenmann in deinen Schutz . Wir haben Mann und Ehre so genau getrennt , wie er es tat , um Henkersknecht zu werden . Der Mann entfloh ; die Ehre aber ließ er weislich liegen . Wir hoben sie ihm auf , weil wir ja wußten , daß er wiederkäme . Nun ist er da , und abermals als Henker , mit Oel gesalbt , ein schlüpfriger Gesell ! Ich lasse ihn jetzt peitschen , vor aller Derer Augen , vor deren Ohren er die hochberühmte Rede hielt , die du mit deinem Ssyhaßyh belohntest . Heb ihm inzwischen seine Ehre auf , da er dein Schützling ist . Hat dann der Mann die Hiebe überstanden , so ziehe ihm die Ehre wieder an , und gib den Taki ihren Ustad wieder ! « Der Scheik ul Islam sagte kein Wort , als ihm die Sachen hingelegt wurden . Er wäre wohl wie gern fortgegangen , mußte aber bleiben , weil seine Entfernung ihn ja erst recht blamiert hätte . Auch der Henker war still . Er stand zwischen zwei Trabanten , mit zusammengepreßten Zähnen und funkelnden Augen , deren Blick vergeblich nach Hilfe suchte . Da geschah Etwas , was ihm Gelegenheit zur Flucht zu bieten schien . Er hatte wahrscheinlich schon daran gedacht , sich ganz unerwartet auf sein Pferd zu werfen , und davon zu reiten ; aber dieses hing ja mit dem » Schundroman « zusammen , und ehe es ihm gelungen wäre , die lange Leine zu lösen , hätte man ihn wieder festgehabt . Da stand nun jetzt der gute , mitleidige Kara Ben Halef von seinem Platze auf und begab sich nach vorn , um nach den Gebrechen des armen Tieres zu sehen . Er untersuchte zunächst die Druckwunden und dann die bepflasterten Stellen . » Das ist ja alles Lüge ! « rief er endlich aus , nachdem der Ausdruck seines Gesichtes immer erstaunter geworden war . » Es ist eine gradezu bodenlose , abgrundtiefe Albernheit , uns diesen Kiss als Darr , uns diesen Roman als Schund vorzuführen ? Der einzige Schund an diesem zwar alten , aber sonst ganz vortrefflichen Pferde sind die betrügerischen Pflaster , diese frech aufgeklebten Behauptungen , unter denen man vergeblich nach gültigen Beweisen sucht . Wäre es nicht so wund geritten , so setzte ich mich jetzt auf , um zu zeigen , daß - - - « » Zeige es doch , zeige es ! « unterbrach ihn da der Henker . » Deine Dummheit macht mich frei ! « Kara hatte nämlich während seiner Untersuchung des Pferdes die Leine gelöst . Nun sprang der Gefangene zwischen den Trabanten hervor , schwang sich auf seinen Fuchs und jagte davon , auf der Bahn dahin , die für das Rennen vollständig freilag . Jedermann sprang auf , und fast auch Jedermann schrie . Kara aber war nicht im Geringsten verblüfft . Die Kurbadsch seines Vaters noch von vorhin in der Hand , schnellte er sich sofort auf den sattellosen Kiss und rief : » Ich bin schuld ; darum bringe ich ihn auch wieder ! « Ein scharfes , aufforderndes » Chchchchchhhhh « trieb das Pferd vorwärts . - - - Das erste Rennen begann , aber freilich ein ganz anderes , als wir vermutet hatten . Nur Diejenigen , welche sich in Hörweite von der Tribüne befanden , wußten , um was es sich handelte , die vielen , vielen Andern aber nicht . Sie hielten die ganze Bahn rund um den See besetzt und drängten sich nur noch enger und dichter zusammen , als sie die beiden Reiter kommen sahen , voran der Henker , für den es erst an dem Ende des Sees eine Aussicht gab , durch die Menschen zu brechen und dann nach einem der Pässe zu entkommen . Hinter ihm Kara , der dies sehr wohl erkannte und sich darum bemühte , ihn vorher einzuholen . Der langbeinige Turkmene griff weite Sätze ; der kleinere zierlichere Kiss aber ging trotz seines Alters leichter und schneller . Hierzu kam ein Umstand , an den der Henker nicht gedacht hatte ; er schleppte nämlich die lange Leine nach , und da diese am Ringe des Brustschildes festgebunden war , konnte er sich ihrer nicht entledigen . Sie kam dem Fuchs wiederholt zwischen die Beine . Das störte ihn . Er wurde vorsichtig , dann gar bedenklich . Auch die Zuschauer machten ihn irr . Diese sahen , daß der Reiter halb nackt war . Sie sahen ebenso den sonderbaren Aufzug des Kiss und die drohend geschwungene Peitsche des Verfolgers . Diese Umstände sagten ihnen , daß es sich nicht um eine Wette , sondern um eine wirkliche Flucht handle . Sie schrieen einander zu , den Henker nicht etwa ausbrechen zu lassen . Und dieser Lärm machte den Fuchs scheu , nicht aber den anders gearteten Kiss . So kam es , daß der Letztere dem Ersteren immer näher rückte und ihn grad da einholte , wo es die einzige Möglichkeit gab , zwischen den Bergen hinauszukommen . Kara war klug . Er ritt an der äußeren Seite und hieb mit der Nilpferdpeitsche so auf den nackten Henker ein , daß dieser auf der innern bleiben mußte und also dem See immer wieder zugedrängt wurde . Es hagelte Hieb auf Hieb . Was dabei für Worte fielen , das erfuhren wir erst später . Der Henker bot Himmel und Hölle auf , Kara zu bewegen , ihn entkommen zu lassen , bekam aber als einzige Antwort nur Hiebe und immer nur Hiebe . So wurde er nach der andern Seite des Sees und dieser entlang gepeitscht und getrieben , uns wieder näher und immer näher , rund auf der Bahn , am Tempelweg vorbei , durch den Duar und endlich bis her zur Tribune . Er war fast von Sinnen . Er schäumte . Da trieb Kara den Kiss noch einmal an , kam vor , entriß Jenem den Zügel , gab einen Ruck , daß beide Pferde sich bäumten . Der Henker mußte herunter ; Kara ihm nach , indem er rief : » Schuft , ich schlage dich tot , wenn du nicht antwortest . Ist Kiss ein Schund oder nicht ? « Der Gefragte stand da , an allen Gliedern zitternd . Er brachte kein Wort hervor . » Schund oder reines , edles Blut ? « wiederholte Kara , indem er ihm die Peitsche über das Gesicht herüberstrich . » Kein Schund , kein Schund ! Edles , reines Blut ! « klang da nun das Geständnis . » Von Euch zum Schund gelogen ? « » Ja - - - gelogen ! « stammelte der Henker aus Angst vor der wieder drohenden Peitsche . » Das bittest du dem Ustad ab ! Sofort , sofort ! « Ein neuer Hieb sauste nieder . » Ja doch - - ja doch - - - ich bitte ; ich bitte ! « Er faltete beide Hände und hob sie flehend empor . Was bildete er doch jetzt , hier unten , für eine ganz andere Figur als vorhin dort oben , wo er auf der schamlos angemaßten , hohen Stufe stand und wie eine unfehlbare Gottheit vom Himmel niederschmetterte ! Tausende und Abertausende hatten gedacht , an ihn glauben zu müssen , weil sie Wunder meinten , was ein gefährlicher Multasim zu bedeuten habe , gegen dessen Rachsucht man keine Waffe besitze . Und nun kam hier ein ganz einfacher , junger Mensch und zeigte vor ebenso tausenden von Augen , wie es um die Wichtigkeit dieser Personage eigentlich stehe : Nur der Stand hatte sie verhüllt ; in ihrer jetzigen , entlarvten Blöße aber war sie weniger , viel weniger als - - nichts ! » So bin ich mit dir fertig . Marsch , fort , zu deinem Richter ! « sagte Kara , indem er ihn mit der Peitsche hin zum Hauptmanne trieb , welcher ihn mit den Worten empfing : » Die Prügel hast du bekommen . Du holtest sie dir selbst . Nun geh zum Scheik ul Islam , deinem Beschützer ! Der zieht dich wieder an , um den Ehrenmann von Neuem herzustellen . Dann hängen wir dich auf . Der Mir Dschassab100 steht schon bereit - - der Henker für den Henker ! « Das brachte eine seltsame Wirkung auf den Multasim hervor . Sein bisher angstverzerrtes Gesicht nahm einen ganz anderen Ausdruck an . Er kroch in sich zusammen und fragte : » Gehenkt