dir ! Der Multasim wird höchst wahrscheinlich mit den besten Vollblutpferden kommen , die er nur aufzutreiben vermag . Aber er hat in seinem kurzsichtigen Eifer nicht an unsere Gäste gedacht . Mit Assil Ben Rih , Barkh , Ghalib und unserer Sahm müssen wir ja siegen , denn ich zweifle nicht , daß sie mitlaufen dürfen werden . « Er sah mich bei diesen Worten an . - Darum sagte ich : » Das versteht sich ganz von selbst . Dschamikun und Hadeddihn , diese beiden Namen klingen jetzt zusammen wie ein einziges Wort . Mag der Multasim bringen , was er will ; er wird geschlagen werden . Ich kenne unsere Pferde ! « » Und ich meine zwei Hudschuhn165 ! « fügte Hanneh rasch hinzu . » Was die Dschamikun für Kamele besitzen , das weiß ich nicht ; aber so schnellfüßig und ausdauernd sie auch sein mögen , sie wurden hier im Gebirge geboren und auferzogen und können also unmöglich das leisten , was jedes meiner echten Bischari-Hudschuhn im Wettlaufe zeigen wird . Ich wette mit ihnen den ganzen Besitz der Hadeddihn gegen jeden andern Preis ! « Der Ustad und der Pedehr sahen einander lächelnd an . » Da hörst du es ja ! « sagte der letztere . » Der Tag des Rennens wird noch interessanter werden , als wir zu ahnen vermochten . Der Tag deines Kommens ! Auch in dieser Beziehung ein Siegestag für uns ! Wir können ruhig sein . Schau hingegen die Perser dort ! Wie erregt sie sind ! Was ist in sie gefahren ? Warum wünschte der Multasim überhaupt , daß sie hören , was er sagen will ? Der Umstand , daß die Wette von uns angenommen worden ist , scheint ihn ganz verwandelt zu haben . Man sollte meinen , daß hinter ihr noch ganz andere , verborgene Absichten stecken ! Vielleicht sind sie so unvorsichtig , sich zu verraten . Wer sich so benimmt , wie jetzt sie , bei dem ist nichts mehr von Bedachtsamkeit zu suchen . « Die Perser zeigten jetzt allerdings ein ziemlich auffälliges Benehmen . Ihre bisherige Ruhe und Gemessenheit war verschwunden . Die Gruppe , welche sie bildeten , stand keinen Augenblick still . Die einzelnen Personen sprachen und quirlten durcheinander , als ob die Geister der Besessenen in sie geraten seien , von denen das Evangelium erzählt . Es mußte ein für sie sehr wichtiger Gedanke sein , der sie gar nicht daran denken ließ , daß der Mensch sich in allen Lebenslagen zu beherrschen habe . Und ihre jetzige war doch eine solche , daß sie sich wohl hätten hüten sollen , sich in dieser Weise auffällig zu benehmen . Noch während sie zu uns kamen , bemerkte man an ihnen nichts von der Besonnenheit , mit welcher die Beisitzenden der Dschemma ihnen entgegenblickten . Der Ustad hatte sich nicht zu uns gesetzt , sondern sich unter einen nahen Baum gestellt , wo er alles hören konnte . Er schaute in die weite Ferne . Für die Perser hatte er kein Auge . » Hier sind wir ! « begann der Multasim . » Wir haben beschlossen , daß ein anderer euch das sage , was ich euch sagen wollte . Vorher aber habe ich mich nach den Reitern meines Sohnes zu erkundigen . Wo sie sich befinden , das hörte ich von dem langen Menschen , der sich Tifl nennt ; aber ich konnte ihm das unmöglich glauben . Darum frage ich jetzt : Wo sind diese Leute ? « » Drüben im hohen Hause , « antwortete der Pedehr . » Als Gäste ? « » Nein . « » Als was sonst ? « » Als Gefangene . « » Wer hat sie gefangen genommen ? « » Ich ! « » Mit welchem Rechte ? « » Mit dem Rechte , welches uns der Schah-in-Schah verlieh : Wer unser Gebiet mit den Waffen in der Hand betritt , ohne unsere Erlaubnis zu besitzen , ist uns verfallen . « » Wir sind auch bewaffnet ! « » Ich sehe es . Auch ihr habt das Gebot des Beherrschers übertreten , und ich könnte mit euch thun , was mir beliebt . Es wird ganz auf euer weiteres Verhalten und auf meine Entscheidung ankommen , ob ich euch fortreiten oder einsperren lasse . « » Das wagst du nicht ! « rief der Perser aus . » Ich wage nie etwas , denn es kommt mir niemals bei , irgend etwas Unüberlegtes zu thun . Ich kann euch alles , was ihr bei euch habt , abnehmen . Auch eure Pferde sind von dem Augenblicke , an welchem ihr einen der Pässe dort im Osten hinter euch hattet , unser Eigentum , unsere rechtmäßige Beute . Du siehst , wie gütig wir handelten , indem wir auf die Wette eingingen , durch welche wir uns selbst genötigt haben , etwas , was uns schon so gehört , noch extra zu gewinnen ! « » Hiervon sprechen wir jetzt nicht . Ich besitze dein Wort , und das wirst du nicht brechen ! « » Gewiß nicht ! Aber ihr selbst könnt es sehr leicht durch ein unangemessenes Verhalten brechen . Ich warne euch ! « Der Multasim wurde verlegen . Er sah zu seinen Gefährten hinüber , als ob er sich aus ihren Augen neuen Mut holen wolle , und fuhr dann fort : » Wann giebst du diese Leute wieder frei ? « » Wann es mir gefällt . « » Ich fordere eine bestimmte Antwort ! « Da schaute der Pedehr ihm mit einem großen , langen Blicke in die Augen und sagte dann : » Du forderst ? Und in diesem Tone ? Ich warne dich zum zweitenmal ! Weißt du , was das bedeutet ? Die dritte Warnung bricht mein Wort . Dann seid auch ihr dem Rechte verfallen , welches euch so außerordentlich verhaßt zu sein scheint . Sprich also höflich , sage ich dir ! Du bist nicht hier , um Steuern einzutreiben , sondern wir sind hier versammelt , um euch den Hochmut auszutreiben ! Ich behalte diese Leute nicht in unserm Duar . Ich werde sie freigeben , aber genau zu der Zeit und in der Art und Weise , wann und wie es uns gefällt . « » Und ihr Eigentum ? « » Sie haben keines . « » Es gehört dem Schah ! « » Das ist nicht wahr . Dein Sohn hat sie ausgerüstet . Sie waren nicht Soldaten sondern seine feilen Schergen . « » So gehörte es ihm und jetzt mir , der ich sein Erbe bin ! « » Es gehört den armen Menschen , denen er es abgenommen hat . Ich werde nach ihnen forschen , um es ihnen wiederzugeben . Darauf gebe ich dir auch mein Wort . Und damit ist diese Angelegenheit erledigt ! « Damit hätte sich der Multasim gewiß nicht beruhigt , wenn er nicht gezwungen gewesen wäre , die dritte Warnung zu vermeiden . Er machte eine entschuldigende Handbewegung zu den andern Personen hin und sagte dann , sich wieder zu dem Pedehr wendend : » Wir beschlossen vorhin , die Gefangenen mit uns zu nehmen , wenn wir fortreiten . Giebst du sie uns mit ? « » Nein . « » Besinne dich ! Giebst du sie uns mit ? « » Nein ! « » Denke an die Folgen ! Jetzt sage ich : Ich warne dich ! Giebst du sie uns mit ? « » Zum drittenmal : Nein ! Nun gut ! Es ist bei den Dschamikun nicht gebräuchlich , Raubtiere gegen Menschen loszulassen ! « » So bin ich mit dir fertig . Nun wird ein Anderer sprechen ! « Er wollte diesem Anderen Platz machen ; da aber fiel der Pedehr in entschiedenem Tone ein : » Nicht ohne daß ich es erlaube ! Du warst zur Dschemma geladen und durftest also reden . « » Aber du gabst zu , daß ich meine Gefährten holte ! « » Daß sie zuhören , aber nicht , daß sie sprechen sollten ! Ich bin es , der die Dschemma leitet ; ich allein habe also zu bestimmen , wer sprechen darf und wer nicht . Befehlen lasse ich mir nichts . Einem höflichen Worte aber wird mein Ohr geöffnet sein . « » So bitte ich dich , zu erlauben , daß einer meiner Freunde euch das sage , was uns eigentlich hierher zu euch geführt hat . « » Die Blutrache . « » Nein . Sie kam hinzu . Die eigentliche Ursache , daß wir zu euch wollten , ist eine andere . Unser Weg führte uns durch das Gebiet der Kalhuran . Ich schlug grad diesen ein , um meinen Sohn mit aufzusuchen . Ich fand nur seine Leiche , wenige Stunden , nachdem er ermordet worden war . So bin ich also auch als Bluträcher da . Die eigentliche Ursache werdet ihr von diesem Mirza hören , dessen Worte bei uns als Befehle gelten . « » Wie heißt er ? « » Ahriman Mirza . « » Den kennen wir nicht . « » Ich weiß es , aber ihr werdet ihn kennen lernen . Er ist von kaiserlichem Geblüt , und seine Macht geht über das ganze Reich . « » Wie kommt es da , daß wir uns seines Namens nicht erinnern . Seine Abstammung gilt hier im Lande der Dschamikun nicht mehr , als der Stammbaum jedes anderen Unterthanen des Beherrschers . Er steht nicht höher , als ich stehe und als auch unser Tifl steht , über den du spottetest . Sein Wort hat keinen größeren Wert , als jedes andere Wort , welches von uns in Erwägung gezogen wird . So mag er denn vortreten und sprechen . Wir werden ihn hören und ihm dann die Antwort geben , welche wir für die richtige halten . « Da trat der Multasim zurück und der Andere vor . Ich hatte bisher nicht auf die Einzelnen , also auch nicht auf ihn geachtet . Jetzt sah ich ihn genau an . Was zunächst seinen Anzug betrifft , so bestand dieser aus roten Schnürstiefeln mit goldenen Zügen , einer ebenso roten , weiten , persischen Hose , vorn und an den Seiten mit breiten , auffallend reichen Goldstickereien versehen , einer roten , mit silbernen Tressen fast ganz bedeckten , langen Weste , einer braunen Ueberjacke mit eng aneinanderstehenden Knöpfen , deren Brillantsteine doch ganz unmöglich echt sein konnten , und weit herabfallenden , orientalischen Schlappärmeln , kostbar rotseiden unterfüttert , und einer Lammfellmütze jener seltenen Art , welche von ungeborenen , lebendig aus der Mutter geschnittenen Lämmern stammt . Sie hatte vorn eine Agraffe , deren Diamant , wenn er nicht Bergkrystall gewesen wäre , gewiß ein Fürstentum gekostet hätte . Waren die Tressen und Stickereien vielleicht auch nicht echt ? Um das bestimmen zu können , mußte man sie genauer betrachten , als jetzt möglich war . Dieser Mann hing fast ganz voller Waffen . Es giebt ja Charaktere , welche schon durch den Anblick einer so überschwenglichen Armierung imponieren wollen . Ein gebogener Säbel und eine breite , federnde Tigerklinge an der Seite . Im strotzenden Gürtel ein Messer , einige Dolche und mehrere Pistolen . Querüber von der linken Schulter nach der rechten Hüfte ein gefüllter Patronengürtel . In der Hand eine fast übermäßig lange , orientalische Flinte mit rotgelb glänzendem Bronzelauf . Die Schäfte , Griffe und Scheiden dieser Waffen brillierten in blitzenden Facetten . Selbst der Handknauf der tief in das Fleisch schneidenden , stahlharten Krokodilhautpeitsche , welche zum handlichen Gebrauche neben dem Säbel hing , flimmerte blutigrot , als ob er aus lauter dunklen Rubinen zusammengesetzt sei . Und nun die Person selbst : Habe ich jemals einen schönen Mann gesehen , so war es dieser hier ! Hoch und schlank gewachsen , doch stark und voll gebaut , ließ der edel geformte Körper ungewöhnliche Kraft und große Gewandtheit ahnen . Und dieser Kopf ! Er kam mir bekannt vor . Ich besann mich . Ich hatte einmal ein Bild gesehen : Loki mit dem herrlichen Heimdall um Friggas Halsband kämpfend . Der Künstler hatte es verstanden , dem Kopfe und den Zügen Lokis jene dämonisch verführende Schönheit zu geben , welche Seligkeit verspricht und doch aber nur Verderben giebt . Und nun ich diesen Ahriman Mirza vor mir stehen sah , war es mir , als ob er jenem Maler als Modell gesessen haben müsse . Ganz besonders deutlich war ihm die Ueberzeugung anzusehen , daß er ein schöner Mann sei , dem niemand widerstehen könne . Aber das » Licht « seiner Augen stand nicht gerade , sondern schief ; das willensstarke Kinn zog das Lächeln des Mundes nieder , und die begehrlichen , zum Hohne geneigten Lippen waren voller und breiter , als sich mit dem übrigen Gesicht vertrug . Und seine Stimme ! Kraftvoll und wohllautend , der feinsten Schattierung , der unwiderstehlichsten Ueberredung fähig . Aber plötzlich zischend scharf , schrill , widerlich rauh . Es war die Stimme eines Verführers unter zweien , aber auch eines grausamen Kommandanten unter vielen ! Als er stolz und hochaufgerichtet vor uns stand und aller Augen auf sich ruhen sah , zog er einen der Dolche aus dem Gürtel und steckte ihn vor sich in die Erde . Ich wußte sehr wohl , was das bedeutete , schnellte mich aber doch , der augenblicklichen Eingebung folgend , hin zu ihm und zog den Dolch wieder heraus , um ihn zu betrachten . Sofort riß er ein Pistol hervor und richtete es auf mich . Der Hahn knackte . » Du nimmst den Kampf auf ? « fragte er drohend . » Nein , « antwortete ich . Wir sahen einander in die Augen . Es war mir , als ob wir noch öfters so vor einander stehen würden . In den seinen lag der Haß sprungbereit . Mein Blick war kalt ; er verriet mich nicht . Da ließ er die Waffe sinken , nahm die verächtlichste Miene an , die ich jemals gesehen habe , und sagte : » Ich weiß , du bist jener Dschermane , der mit dem Scheik der Hadeddihn im Orient spionieren geht ! Aber du kennst ihn nicht . Du kennst nicht einmal seine bekanntesten Gebräuche . Wenn ein Feind zum Feinde kommt , um mit ihm zu reden , so sticht er die Klinge seines Messers in die Erde , um anzudeuten , daß die Feindschaft ruht , so lange gesprochen wird . Dasselbe meinte auch ich . Du Unerfahrener hast mich nicht verstanden . Ich konnte dich niederschießen , wenn ich wollte . Ich habe dich aber begnadigt . Doch nicht auf lange Zeit . Sofort wieder in die Erde mit dem Chandschar166 ! Sonst schieße ich ! « Ich bückte mich und steckte ihn genau an seine vorige Stelle . Ich hatte gesehen , wovon ich mich hatte überzeugen wollen . Dieser Dolch glich auf das Haar dem Chandschar , den ich in Amerika damals von Mirza Dschafar als Geschenk bekommen hatte . Beide mußten unbedingt aus der Hand eines und desselben Waffenschmiedes hervorgegangen sein . Zwischen beiden mußte es irgend eine innige Beziehung geben , die ich aber nicht kannte . Und zwischen meinem Freunde Dschafar und diesem Ahriman Mirza mußte irgend ein Verhältnis liegen , von dem ich jetzt , in diesem Augenblicke , zu ahnen wagte , daß es für mich von der schwerwiegendsten Bedeutung sei . Es verstand sich ganz von selbst , daß der Perser nicht erfahren durfte , weshalb ich nach dem Messer gegriffen hatte . Mochte er mich immerhin für einen unerfahrenen Menschen halten ! Es gewährt ja stets nur Vorteil , vom Feinde unterschätzt zu werden . Als das Messer wieder an seinem Platze war , erklang die Stimme des Persers höhnisch : » Ein Glück für dich , daß du mir gehorchst ! Wahrscheinlich wirst du dich noch oft so voller Angst , wie jetzt , zu fügen haben ! « Ich gestehe , daß es mich bedeutende Selbstüberwindung kostete , ihm nicht in das vom Spotte so schnell verunschönte Gesicht zu lachen . Aber um der anwesenden Dschamikun willen war ich gezwungen , doch wenigstens eine Antwort zu geben , und so sagte ich in ruhigem Tone : » Ich habe nicht dir , sondern dem Gebrauche gehorcht . Ist dieser Chandschar dein Eigentum ? « » Wem sollte er sonst gehören ! « » Und kennst du ihn ? « » Frag nicht so thöricht ! « » Ist der ein Thor , der an Märchen glaubt ? « » Wird vielleicht in Tausend und eine Nacht von diesem Chandschar erzählt ? « lachte er übermütig auf . » Nein . Aber in Tausend und ein Tag ist von einem ähnlichen die Rede , der niemals tötet , obgleich jeder Stich durch Leib und Seele geht . Der deinige ist es nicht . Das habe ich gesehen . « » Das glaube ich wohl ! Er ist kein Märchendolch . Sieh zu , daß du seine Schärfe nicht vielleicht einmal kennen lernst ! « Ich kehrte an meinen Platz zurück . Der ganze Vorgang war den Dschamikun ein Rätsel . Hanneh sah mich fragend an . Sie kannte mich und ahnte also , daß ich nicht ohne guten Grund gehandelt hatte . Der Ustad lehnte am Stamme des Baumes und sah nicht her . Er kannte meinen Chandschar . Hatte er den des Persers gesehen ? Wenn ja , so aber wohl nicht deutlich . Aber er mußte sich doch einen Grund denken , daß ich nach dem Dolche gegriffen hatte ! Sein Gesicht war still . Es verriet kein Wort von dem , was er sich dachte . Nun , nachdem diese kleine , unerwartete Scene vorüber war , begann Ahriman Mirza zu sprechen . Er sah uns dabei nicht an . Auch er schaute hinaus in das Weite . Giebt es jenseits des Horizontes Punkte , an denen Gedanken zusammentreffen können oder gar zusammentreffen müssen ? In welcher Ferne lag da wohl die Stelle , an der sich beides zu vereinen hatte : Das , was der Ustad dachte , und das , was der Mirza sprach ? Das letztere klang , als ob er es sich selbst schon tausendmal vorgesprochen habe und auch noch tausendmal vorsprechen werde . Er konnte es auswendig , wie die Engel ihr Halleluja singen und die Teufel ihr Dschehenna brüllen . Er sagte : » Unser Reich lag in Frieden . Der Schah-in-Schah herrschte , und wir thaten , was uns beliebte . Der Schah war streng , und wir waren noch strenger als er . Wir standen uns gut dabei . Das Volk gehorchte uns mehr als ihm , denn es sah uns , ihn aber nicht . Es wohnten nur Wenige in der Nähe seines Thrones . Wir setzten seine Diener in ihre Aemter und geboten ihnen , wie sie ihm zu dienen hätten . Sie ehrten ihn in Worten , uns in Werken . Dabei dachte das Volk , daß es glücklich sei . Da kamen fremde Menschen , mit ihrer längst vergessenen , vergrabenen Lehre von der Liebe . Sie erzählten von Isa Ben Marryam , der zwar gestorben , doch wieder auferstanden sei . Sie sprachen nichts als nur von Frieden und Versöhnung , von Gnade und Barmherzigkeit . Sie zogen predigend durch das Land und kamen auch zu uns , um uns , wie sie sagten , zu bekehren . Schon glaubten wir , daß sie Propheten seien , die uns durch die Macht ihrer Liebe zwingen würden , den Platz zu räumen und dem Volke den Weg zum Herrscher freizugeben . Da schauten wir sie uns an . Wir verglichen ihre Worte mit ihren Werken . Wir sahen , für wen die Worte und für wen die Werke waren . Wir wurden wieder ruhig , denn sie glichen uns . Sie hatten nichts in das Land gebracht , als nur einen andern Namen . Sie hatten unsere Strenge in ihre Liebe umgetauft . Sie sprachen vom Frieden und bekämpften einander selbst . Sie lehrten die Versöhnlichkeit und entzweiten sich untereinander doch immer mehr . Sie predigten von der Gnade , verziehen einander aber nie . Sie verkündeten Barmherzigkeit und versagten einander des allerärmsten Bettlers Brot . Da sahen wir Strengen einander an , lachten und sagten : Das sind Leute , die wir brauchen können ! Ihre Lehre ist uns ungefährlich . Nach ihren Worten zwar hat Isa Ben Marryam die Welt erlöst ; nach ihren Thaten aber kann er kein Erlöser sein , da er nun schon seit zweitausend Jahren als Heiland bei und in ihnen lebt , ohne ihren gegenseitigen Haß in Liebe verwandeln zu können ! So sagten wir und ließen sie uns ruhig dienen , wie uns noch niemand gedient hatte . Unsere Herrschaft war von ihnen nicht erschüttert sondern nur befestigt worden . Ja , wir konnten nur wünschen , daß diese Religion des in der Liebe versteckten Hasses ewig dauern möge , denn da war in alle Unendlichkeit hinein der Schah-in-Schah nur dem Namen nach ein Herrscher , die Macht aber hatten wir ! « Als Ahriman Mirza so weit gekommen war , hielt er inne . Er schaute zu dem Ustad hinüber , in dessen Gesicht sich eine auffällige Veränderung vollzogen hatte . Der Herr des » Hohen Hauses « hatte seinen Blick aus der Ferne zurückkehren lassen . Seine Hände lagen jetzt gefaltet ineinander . Betete er ? Wenn er es that , so konnte es nur ein Gebet des Dankes sein , welches er still und unhörbar zum Himmel sandte , denn seine ehrwürdigen und doch so jugendlichen Züge wurden von dem Ausdrucke einer Freude verklärt , die sich auf keinen irdischen Gegenstand beziehen konnte . War ihm dort , wohin er geschaut hatte , ein Blick in jene Welt geöffnet worden , in welcher tausend Jahre sind wie eine kurze Erdenstunde ? War ihm dort die Erkenntnis aufgegangen , daß in den beiden schnell verflogenen Erdenstunden , welche seit Christi Kreuzestod verflossen sind , doch auch noch Anderes geschehen ist , als Ahriman Mirza zu erwähnen für gut befand ? Fast schien es so , denn indem er jetzt seine Hände trennte , hob er erst den einen und dann den andern Arm empor , breitete beide aus , als ob er das ganze Thal seiner geliebten , treuen Dschamikun mit allem , was darüber draußen lag , umfassen wolle , um es segnend an das Herz zu drücken , und sprach : » Und doch und doch wird einst die Zeit erscheinen , in der alle irdische Kreatur erkennen muß , daß Isa Ben Marryam im Geist und in der Wahrheit ihr Erlöser ist ! Er ging voran . Wir haben ihm zu folgen . Ihm war die Nächstenliebe gleich der Gottesliebe . Wer auch nur einen einzigen Stein aufhebt , um seinen Bruder mit ihm zu treffen , der steinigt seine eigene Seligkeit und wird gerichtet werden ! Ben Marryam nahm den reuigen Verbrecher vom Pfahl des Kreuzes weg mit sich in Chodehs Paradies . Nur wer sein Kreuz auf sich genommen hat , um , was er that , zu büßen , wird , wenn er stirbt , des Heilandes Worte hören : Wahrlich , ich sage dir , du wirst noch heute mit mir in meinem Himmel sein ! Ben Marryam war so göttlich groß , daß er sogar die Teufel liebte . Er fuhr zu ihnen nieder in die Hölle , um sie zum Thore jener Zeit zurückzuführen , in der sie Chodehs gute Engel waren - - - « Bis hierher hatte Ahriman Mirza den Ustad mit seinen Worten kommen lassen . Jetzt aber glühten seine Blicke zornig auf wie Funken , die aus dunkeln Kohlen sprühen . Sein diabolisch schönes Gesicht verzerrte sich zur Häßlichkeit , und kreischend , scharf und schrill klang seine Stimme : » Aber die Teufel lachten über ihn und seine selige Zeit ! Sein hoher Schah-in-Schah lebt in der Menschheit Worten , doch nicht in ihren Thaten . Wer ist der wahre Herr der Erdenwelt ? Der , den ihr Satan nennt ! Das Himmelreich des Einen wird ihr nur immerfort verheißen ; das Reich des Andern aber ist schon da ! Der Eine thront in ewiger Himmelsliebe , die aber hier auf Erden unaufhörlich haßt . Mit ihrer Ewigkeit ist es also schon längst vorbei . Der Andre thront in diesem ihrem Hasse , der wahrhaft ewig ist , weil er ja niemals liebt . Sein Reich wird folglich nie zu Ende gehen ! Nun öffne , Ustad , deinen weisen Mund , und sag mir : Wer vertauscht die mächtige Wirklichkeit mit einem leeren Schein , der nichts vermag , als Thoren zu betrügen ? Man sagt von deinem Isa Ben Marryam , es sei der Teufel einst zu ihm getreten und habe ihn versucht . Was für ein Teufel ist das wohl gewesen ? Der Hölle ist er sicher unbekannt . Wenn sie den Heiland aller Welt versucht , versucht sie ihn nicht so , wie jeden kleinen Menschen . Sie läßt sein Evangelium sich zeigen und blättert nach , was es enthalten mag . Wenn sie sodann auf jeder , jeder Seite das gleißnerische Wort der Liebe liest , von der sie weiß , daß sie kein einziges Menschenkind , viel weniger die ganze Welt erfüllen kann , wen wird sie da wohl prüfen ? Ben Marryam in öder Felsenwüste , wo es nichts giebt , was ihn verführen könnte ? Ben Marryam auf hoher Tempelzinne , wo ihn der Menschen Bosheit nicht berührt ? Ben Marryam auf einsamer Bergesspitze , von welcher aus sie ihm wohl ihr Reich , doch er nicht ihr das seine zeigen kann ? So thöricht ist sie nicht ! Aber sie wird alle ihre Teufel senden , um auf Erden nachzuschauen , ob sich irgendwo ein Mensch befindet , der nicht mit den andern Schäflein auf des Hasses Weide geht ! An diesen wird sie sich , zunächst in ihrer verführerischesten und dann , wenn dies nichts fruchtet , in ihrer abschreckendsten Gestalt zu hängen wissen , um ihn entweder zur Herde zurückzulocken oder durch den Haß zum Gegenhaß , zur Rache zu verführen . Wo wäre der Mensch , der ihr widerstehen könnte ? Ich will ihn sehen ! « Er sah den Ustad auffordernd an , doch dieser antwortete nicht . Da fuhr er fort : » Zeige mir den ganz Unmöglichen , Undenkbaren , den ich als Mensch vernichten will und der , in diese Vernichtung stürzend , kein Wort des Fluches , sondern Segen für mich hat ! Zeige mir ihn , so sei alles , alles sein , was ich besitze , und mein Herz mit allem Haß dazu , den er zur Liebe wandeln möge ! Zeige mir ihn , den es nie gegeben hat und niemals geben wird , den aus dem Himmel einst Verschollenen , der plötzlich , unerwartet , mitten in der Hölle unter Teufeln sitzt und für die betet , die ihn da hinabgerissen haben ! Ich will ihm die Macht und Gewalt über alle diese Teufel geben , damit er sie bekehre und die Hölle ein Beit-y-Chodeh werde , unendlich größer und unendlich herrlicher als das , welches hier vor unsern Augen steht ! Zeige ihn mir , so bin ich dein ! Wo nicht , so bist du aber mir mit allen deinen Dschamikun verfallen ! « Er trat einige Schritte vor , bis fast an den Ring , den die Aeltesten bildeten . Die halb geballte Faust emporgehoben , schaute er den Ustad mit einem so herausfordernden Blicke an , als ob er wirklich über eine Hölle mit allen ihren Teufeln zu gebieten habe . Was hatte ich über diesen Mann zu denken ? War er ein Besessener ? Oder litt er an einer Monomanie , die ihn um die Kenntnis seiner selbst gebracht hatte ? Ahriman Mirza ! Hieß er wirklich so , oder wurde er nur so genannt ? Welcher Vater giebt seinem Sohne den Namen Ahriman ! Wie hatte ich ihn zu nehmen ? Ernst oder lächerlich ? Ich sah die Dschamikun einen nach dem andern an . Auf ihren Gesichtern war nichts zu lesen . Aber der Ustad ? Dieser wendete sich dem Perser zu . Sein Gesicht zeigte die mildstrahlende Güte , in welcher er vorhin zu mir an den Tisch gekommen war . Er sprach zu ihm , und zwar ganz so herzlich , wie dort zu mir . Und wie erstaunte ich , als er mit Worten begann , die ich als einen augenblicklichen Einfall von mir , also als mein geistiges Eigentum betrachten mußte ! Er sagte : » In den Märchen von Tausend und ein Tag wird folgendes erzählt : Es war am Tag , an welchem die Erlösung suchen ging . Sie klopfte an an allen , allen Erdenpforten . Doch als sie sagte , wer sie ausgesandt , da fand sie keine Thür , die ihr geöffnet wurde . Da ging sie trauernd weiter , bis zum tiefsten Schlund , in welchem die verdammten Geister wohnen . Sie setzte sich an seinem Rande hin und weinte über Chodehs Menschenkinder . Es floß der Thränen still vergoss ' ne Flut . Wohin ? Der Schmerz weint bei geschloss ' nen Augen . Sie sah es nicht . Doch als sie dann die nassen Lider hob , da kam es aus dem Dunkel hell emporgestiegen . Wer waren sie , die engelslicht und rein an ihr , der Trauernden , vorüberschwebten und , leuchtend wie der letzte Sonnenstrahl , der Abschied nahm , im Abendrot verschwanden ? Da kam er selbst ,