; er netzte nur manchmal mit der Zunge die heißen , ausgetrockneten Lippen , und immer wieder rann ihm ein heftiges Zittern durch die Hände , die auf den Armlehnen des Sessels lagen . Über eine Stunde währte die Untersuchung . Man wollte das grausame Votum in schonende Worte kleiden . Graf Egge schnitt alle tröstenden Umschweife mit der scharfen Frage ab : » Wollen Sie mir kurz die Wahrheit sagen ? - Blind ? « » Blind ! « » Und keine Rettung mehr ? « » Keine ! « Graf Egges Arme streckten sich , und langsam schlossen sich die Fäuste . Dann fragte er : » Wäre eine Heilung möglich gewesen , wenn ich früher der Berufung eines Konsiliums zugestimmt hätte ? « » Nein , Herr Graf ! Unser Collega stand , als er Ihre Behandlung übernahm , bereits einem vollendeten Prozeß gegenüber . Die mit gärenden Aasteilchen vermischten Exkremente der Raubvögel enthielten eine ätzende Säure , die innerhalb weniger Stunden die Augen zerstört haben muß . « » Ist noch weitere Behandlung nötig ? « » Nein , Herr Graf ! Die Entzündung der Lider ist zurückgegangen . Etwas anderes war nicht zu erreichen . « » Moser ! Stütze mich ! « Graf Egge richtete sich auf und verneigte sich . » Ich danke den Herren ! Mein Hausarzt wird alles weitere ordnen ! « Er streckte die zitternde Hand . » Ich danke Ihnen ! « Wortlos empfing er die Händedrücke der Herren und blieb aufrecht stehen , bis er hörte , daß die Tür geschlossen wurde ; dann fiel er stöhnend in den Sessel zurück und schlug die Hände vor das Gesicht . Moser stand hinter dem Lehnstuhl und wagte sich nicht zu rühren . Vom Dorfe scholl das Geläut der Glocken . Graf Egge ließ schwer die Hände fallen . » Warum läutet man ? « » Die Kirch muß aus sein . Man läutet zum Wettersegen . « » Also Morgen ? Und draußen scheint die Sonne ? « » Nein , Herr Graf ! Der Tag is trüb , alles hängt voll Wolken . « Dem Alten versagte die Stimme . » Es wird bald schütten , mein ' ich . « Wieder Stille in der Stube . Nur die fernen Glocken sangen . Plötzlich hob Graf Egge das Gesicht und stammelte : » Moser ! Reiß mich am Bart ! « » Aber um Gotts willen , Herr Graf - « » Tu es ! « befahl Graf Egge mit gereizter Schärfe . Moser gehorchte . » Richtig ! Ich spür ' es . Alles ist wahr . Ich wache . Und vor meinen Augen bleibt ' s schwarz . Moser ! Moser ! « Das klang wie Schluchzen ; doch keine Träne netzte die starren , glanzlosen Augen . » Moser ! Meine Lichter sind hin ! Jetzt hat ' s ein Ende mit der Jagd ! « Da war es auch mit Mosers Selbstbeherrschung vorüber . » Mar ' und Joseph ! Mar ' und Joseph ! So an Unglück ! « » Was tu ich jetzt ? Wofür leb ' ich noch ? Ich soll keinen Berg mehr sehen ? Keinen Wald und keinen Baum ! Keinen Hirsch in der Brunft ! Keinen Gamsbock im Gewänd ! Keinen balzenden Hahn auf seinem Ast , wenn er den schönen Morgen ansingt , und wenn ihm die Rosen leuchten ! Nichts mehr ! Nichts , Moser ! Daran sterb ' ich ! Das ertrag ' ich keine Woche . Keinen Tag ! Lieber eine Kugel in den Kopf ! « Graf Egge wankte keuchend gegen die Mauer und tastete mit den Händen . Stotternd suchte Moser ihn zu beruhigen und zog ihn wieder auf den Lehnstuhl zurück . Mit gebeugtem Rücken , zitternd an allen Gliedern , saß Graf Egge zwischen den Kissen und bohrte die Nägel in das mürbe Leder der Armlehne . Mühsam atmend , mit erloschener Stimme , begann er zu sprechen : » Alles schwarz vor den Augen ! Und das immer so ! Einen Tag um den andern ! Das vermag ich nicht auszudenken . Es ist unmöglich ! Es muß noch Hilfe geben ! Es muß ! Die gelehrten Pfuscher haben in hundert Fällen schon einen Menschen aufgegeben . Und dann hat ihm ein Hausmittel geholfen , ein altes Weib . Moser ! Moser ! Es muß auch für mich noch eine Hilfe geben ! Ich will meinen Engel haben , wie der alte Tobias ! Moser ! « Mit beiden Händen umklammerte Graf Egge den Arm des Büchsenspanners . » Moser ! Da fällt mir was ein ! Bei Schloß Eggeberg - mein ganzes Leben hab ' ich an den Menschen nimmer gedacht , und jetzt auf einmal weiß ich seinen Namen - Haneeter hat er geheißen - und ich seh ' ihn vor mir , ganz deutlich , mit dem blauen Kittel und der langen Schippe . Moser ! Bei Schloß Eggeberg hat in meiner Jugend ein Schäfer gelebt . Der war berühmt in der ganzen Gegend . Der hatte für alles ein Mittel ! « Lallend schlug er die Hände ineinander und hob das Gesicht mit den starren Augen gegen die Stubendecke . » Herrgott im Himmel , gib mir , daß mein Haneeter noch lebt ! « Wieder tappte er nach dem Arm des Büchsenspanners . » Moser ! Man muß hinaufschicken zur Hütte . Schipper soll kommen . Nein ! Der nicht ! Der hat den verfluchten Horst gefunden . Und damals im Herbst den abnormen Bock ! Der hat meine Augen auf dem Gewissen . Und meinen lieben Buben ! - Nein ! - Den Hornegger laß kommen ! Meinen braven Franzl ! Der soll mir den Haneeter herschaffen . Auf den Franzl kann ich mich verlassen . Der spart noch am Reisegeld und läuft sich für mich die Füße krumm . Er soll nach Eggeberg fahren . Er soll mir den Haneeter schaffen - oder einen anderen , der mir hilft ! Hörst du , Moser ? « » Ja , Herr Graf , ja , ja ! « » Der Franzl , das weiß ich , der Franzl findet einen , der mir helfen kann ! Sieh nur , Moser , ich bin bescheiden , ich verlange nicht das ganze Licht meiner Augen wieder ! Nur auf fünfzig Schritt will ich sehen können , nur auf hundert , nur so weit , als die Kugel trägt ! Ich lebe nimmer , wenn ich nicht jagen kann ! Ich lebe nimmer - « Mit zuckenden Händen griff er in seinen Bart , zerrte und wühlte an seiner Brust und versank immer tiefer in die Kissen . Der Schweiß , der ihm aus der Stirn gebrochen war , sickerte ihm über die starren Augen . » Moser ! Das Fenster auf ! Ich brauche Luft ! « Als die Scheiben klirrten und der frische Hauch des Morgens in die Stube strich , atmete Graf Egge tief ; dann saß er still , mit brütenden Gedanken unter der gefurchten Stirn , manchmal in raunendem Selbstgespräch die trockenen Lippen bewegend . Ein gellender Vogelschrei klang durch die Bäume her . Graf Egge hob das Gesicht ; ein irres Lächeln glitt um seine welken Lippen , und die schlaffen Züge spannten sich . Klatschend schlug er die Hände auf die Armlehnen , stemmte sich mit jähem Ruck aus dem Sessel und rief : » Moser ! Wir halten Jagd . Bring ' mir die Büchse ! « Der Alte schlug vor Schreck die Hände über dem Kopf zusammen . » Aber um Gotts willen ! Herr Graf ! Wo denken S ' denn hin ? « » Bring ' mir die Büchse ! Ich will vor der langen Nacht meine letzte Jagd noch haben . Adlerjagd ! « In bebender Erregung schrie er das Wort vor sich hin . » Dieser verwünschten Brut hab ' ich mein Unglück zu verdanken ! Ich will nicht , daß sie mir Tag um Tag ihren Spott in die Ohren schreien , während ich mit blinden Augen sitze . Sie sollen nicht leben in meiner Nähe - diesen Tag nicht überleben ! Meine Augen sind hin . Aber man schießt nicht mit den Augen allein , ich habe noch meine Hand . Bring ' mir die Büchse ! Die Büchse ! « Dem maßlosen Ausbruch gegenüber wagte Moser keine Widerrede ; bestürzt den Kopf schüttelnd , eilte er davon und brachte das Gewehr und die Ledertasche mit den Patronen . Als ihn Graf Egge in die Stube zurückkehren hörte , streckte er schon die Arme ; es zuckte in seinem Gesicht , während er die Hände um Schaft und Lauf der Büchse klammerte . » Herr Graf ! « stotterte Moser in ratloser Sorge . » Ich bitt Ihnen ums Himmelswillen , nehmen S ' doch Vernunft an ! « » Führe mich ! « befahl Graf Egge . » Und Fritz soll den Sessel zum Käfig tragen , nach der Straßenseite , damit die Kugeln gegen die Berge fliegen , nicht ins Dorf . Vorwärts ! Führe mich ! « Fritz , der im Flur von Moser schon gehört hatte , auf welchen » Einfall « der » arme blinde Narr « geraten wäre , erschien auf der Schwelle . Sie machten einen Versuch , ihrem Herrn diese » Jagd « noch in Güte auszureden . An Graf Egges Schläfen begannen die Adern zu schwellen - und da taten sie ihm den Willen . Langsam führte Moser seinen Herrn durch den Flur , über die Veranda , an der plätschernden Fontäne vorüber . In der Ulmenallee , zwischen Käfig und Parktor , wartete der Sessel . Graf Egge ließ sich nieder und legte die Büchse über den Schoß . » Moser ? Hab ' ich hier freien Ausschuß bis zu den Adlern ? « » Ja , Herr Graf ! « » Hängt kein Ast in die Schußbahn ? « » Nein , Herr Graf ! « » Wie weit ? « » Gute hundert Schritt ! « Graf Egge nickte . Stell dich hinter mich und hilf mir zielen . Er suchte die Patronen , die ihm Moser in die Joppentasche gesteckt hatte , und lud die Büchse . Das alles tat er stumm , mit jenen bedächtigen , zögernden Bewegungen , wie sie den Blinden eigen sind . Dabei glühte die Erregung auf seinem zerfallenen Gesicht . Seitwärts zwischen den Bäumen stand Fritz mit der Beschließerin und der Köchin ; die Leute waren blaß und verstört , flüsterten miteinander und redeten durch Zeichen mit Moser , in dem der Zorn und das Mitleid miteinander rauften ; bei allem Erbarmen , das er mit seinem Herrn empfand , ging ihm doch die » Jagd « , zu welcher er da helfen mußt , wider das alte Jägerherz . Atem schöpfend hob Graf Egge die Büchse und preßte den Kolben an die Wange . » Hab ' ich die Richtung ? « » Mehr nach rechts , Herr Graf ! « Moser visierte über die Schultern seines Herrn . » A bißl höher ! Noch a bißl ! Jetzt , mein ' ich , könnt ' s recht sein . « Der Schuß krachte . Sich vorbeugend , lauschte Graf Egge . Die Adler saßen ruhig auf ihrer Stange und streckten nur die Hälse . » Z ' kurz haben S ' gschossen ! « Der zweite Schuß ging über die Köpfe der Vögel weg . Der dritte traf . Ein Adler stürzte von der Stange und wälzte sich mit schlagenden Schwingen auf dem Boden des Käfigs . Als Graf Egge das Geflatter hörte , lachte er heiser . » Liegt einer ? « Moser schwieg . Immer rascher folgten die Schüsse , immer heißer brannte Graf Egges Gesicht , und rote Äderchen erschienen im glanzlosen Weiß seiner starren Augäpfel . Rasselnd ging sein Atem , und immer unsicherer hielt er die Büchse . Noch einundzwanzig Kugeln mußte er durch das Gitter jagen , bis es im Käfig still wurde . » Fertig ? « » Ja , Herr Graf ! Und Gott sei Dank , daß alles vorbei is ! « murrte Moser . » Jetzt muß ich ' s ehrlich raussagen : dös is a Stückl Arbeit gwesen , bei dem mir graust hat ! « Langsam nahm Graf Egge die leeren Patronen der beiden letzten Schüsse aus der Büchse , klappte den Lauf wieder zu und stellte die Waffe zwischen die Knie . » Ich will die Strecke sehen . Bring ' mir die Adler und gib mir einen nach dem andern in die Hand . « Moser ging zum Käfig , und weil er den Schlüssel nicht zur Hand hatte , drückte er mit der Schulter das Türchen des Käfigs ein . Er hatte an den vier riesigen Vögeln schwer zu schleppen ; einer der Adler bewegte noch matt die Zunge im offenen Schnabel , während sein Kopf und die Schwingen auf der Erde schleiften ; hinter Mosers Schritten blieb eine rote Fährte . Graf Egge verzog den Mund , als ihm Moser den ersten Adler reichte . » Sie riechen wie das verwünschte Nest da droben ! « Seine Erschöpfung gewaltsam überwindend , wog er den Vogel mit freier Hand und nannte die Zahl der Pfunde , auf die er ihn schätzte . So tat er beim zweiten und beim dritten . Als er den vierten Adler faßte , regte sich in dem Tier ein letzter Funke der noch nicht völlig erloschenen Lebensgeister ; es streckte den hängenden Fuß und krampfte die Klauen ein . Mit leisem Schmerzenslaut schüttelte Graf Egge die Hand und ließ den Adler fallen . » Willst du noch greifen ? « Er lächelte müd . Moser , der die leeren Patronen von der Erde auflas , hatte dieses Vorfalles nicht geachtet . Als er sich aufrichtete , sah er seinen Herrn regungslos im Lehnstuhl sitzen , die zitternden Hände um den Lauf der Büchse gelegt . Starr waren die umflorten Augen gegen das Gewölk der Berge gerichtet , und die welken Lippen raunten : » Meine letzte Jagd ! « Wankend erhob sich Graf Egge . » Moser ! Führ ' mich ins Haus ! « Während der Büchsenspanner seinen Herrn am linken Arm faßte und ihn Schritt für Schritt gegen die Veranda führte , sickerte an Graf Egges rechter Hand ein roter Tropfen vom Gelenk über den Daumen . Als sie zur Fontäne kamen , verhielt Graf Egge den Fuß , und in seinem erschöpften Gesicht zeigte sich der Ausdruck eines quälenden Gefühls . » Her du mein Gott im Himmel ! Moser ! Was mir jetzt einfällt ! « Seine Stimme schwankte . » Mein Kind da drunten - die arme liebe Geiß ! « Das Wort hatte einen Klang , daß dem alten Jäger die Zähren in die Augen schossen . Als sie in die Kruckenstube kamen , mußte Fritz , der den Lehnstuhl brachte , um das Schreibzeug laufen , und Graf Egge diktierte ihm eine Depesche : » Bitte Rückreise anzutreten , bin leidend . « Er besann sich und schüttelte den Kopf . » Nein , nicht so ! Das muß ihr Sorge machen . Sie erfährt es noch früh genug . Nimm ein anderes Blatt und schreibe : Komm heim , liebe Geiß , habe Sehnsucht nach Dir ! « Er lauschte dem Gekritzel der Feder . » Hast du ? « » Ja , Erlaucht ! « » So schreib es noch zweimal ab . Das eine nach Capri , Hotel Quisisana , das andere nach Sorrent , Hotel Tramontano , das dritte nach Amalfi . Und dann lauf zur Post ! Tummel dich , Fritz ! Tummel dich ! « Seufzend ließ Graf Egge sich in die Kissen des Lehnstuhls fallen und schloß die geröteten Lider . Einige Minuten später trat Fritz den Weg in das Dorf an , um die Depeschen aufzugeben . Er fand den Schalter geschlossen und mußte die Telegramme dem Seewirt übergeben , der in Ärger zu schelten begann : » Was ? Der Schalter schon wieder zu ? Da hört sich doch alles auf ! Es tut kein gut nimmer mit ' m Praktikanten ! Den Dienst versäumt er , den ganzen Ghalt verjuxt er , im halben Monat laßt er sich Vorschuß geben , und da wird ein Ringerl und Ketterl und Banderl ums ander kauft ! Mich geht die Sach nix an . Aber sein Dienst soll er in der Ordnung machen ! Und wenn ' s net anders wird , laß ich an gsalzenen Bericht ans Oberpostamt abmarschieren . Oder ich red mit ' m Pointner-Andres , daß er amal an End macht ! - Ich laß den Praktikanten gleich suchen , Herr Fritz , daß die Telegrammer fortkommen . Aber sagen S ' , was macht denn der gnädig Herr Graf ? Geht ' s besser mit ' m Gschau ? « Fritz , der aus dem Unglück seines Herrn keine Neuigkeit für das Dorf herausschlagen wollte , zuckte die Achseln und ging davon . Als er die Lände überschritten hatte , gewahrte er auf der Straße vor dem Brucknerhaus eine erregte Menschengruppe . Zwischen wirr durcheinanderschreienden Burschen und Weibern stand ein junger Jäger mit erschöpftem Gesicht . Unter Flüchen suchte er sich aus den Händen loszureißen , die ihn an der Joppe und an den Armen gefaßt hielten . » Herr Fritz ! Herr Fritz ! « keuchte er , als er den Diener gewahrte . Gewaltsam wand er sich aus dem Knäuel der Leute hervor und schleuderte ein Mädel zurück , das wie eine Verzweifelte an seinen Arm geklammert hing und nicht von ihm lassen wollte . » Um Gottes willen ! « stammelte Fritz . » Was ist denn ? « Der Jäger zog den Diener im Sturmschritt mit sich fort . Da krampften sich wieder zwei Mädchenhände um seinen Arm , und eine tonlose Stimme lallte ein Wort , das unter Tränen erstickte . Der Jäger geriet in Wut . » Was will denn das narrische Weibsbild allweil ? « Ein zorniger Schwung seines Armes befreite ihn und machte das Mädel taumeln . Schreiend kamen die Leute gelaufen , allen voran eine alte Bäuerin . Sie trug das weinende Netterl auf dem Arm und jammerte : » Mali ! Aber Mali ! Was treibst denn ? « Mali hörte nicht . Sie war in die Knie gebrochen , raffte sich wieder auf , wankte hinter dem Jäger her und streckte die Hände nach ihm . » Aber so reden Sie doch ! « stotterte Fritz . » Was ist denn geschehen ? « » Die Lumpen , die gottverfluchten ! Von unsere Jager haben s ' ein erschossen ! Am Schneelahner droben liegt er , mit der Kugel in der Brust . « Ein gellender Aufschrei ; dann stand das Mädel wie gelähmt , die Augen weit aufgerissen . » Mali ! Jesus Maria ! « kreischte die Nachbarin . Und erschrocken umringten die Leute das Mädel , das wie in ausbrechendem Irrsinn mit den Armen nach allen Seiten zu schlagen begann . » Johannistag ! « Die schrille Stimme war von Schluchzen zerbrochen . » Johannistag ! « Und verfolgt von den kreischenden Weibern und Burschen , die Schultern umringelt von den gelösten Zöpfen , rannte Mali den Weg entlang , der gegen die Berge führte . Als sie den Wald erreichte , war der schreiende Trupp noch dicht hinter ihr . Doch als der steinige Bergpfad begann , über den sie hinaufrannte , als wäre der steile Weg die ebene Straße , da blieben die anderen immer weiter hinter ihr zurück . Immer schwächer klangen in der Tiefe des Waldes die lärmenden Stimmen , bis sie untergingen im Rauschen des Wildbaches . Wie ein gehetztes Wild , ringend um jeden Atemzug , eilte Mali durch den Bergwald empor und den Almen zu . Zwischen Schluchzen lallte sie die abgerissenen Worte des Gebetes , mit dem ihre Seele zum Himmel schrie . Sie stürzte , raffte sich wieder auf , trat in ihre Kleider und riß den Rocksaum in Fetzen . Ehe sie zu den Almen kam , geriet sie in den Nebel , der alle Bäume grau verschleierte . Um das offene Almfeld brodelten die weißen Dämpfe , wie der Rauch um eine Brandstatt wirbelt . Immer heftiger setzte Windstoß um Windstoß ein . Und wenn das Brausen durch die wogenden Massen des Gewölkes ging , bekam zuweilen das Grau der Höhe einen so verlorenen Schimmer , als wäre irgendwo dort oben das Licht , der schöne Tag . Ein dumpfes Dröhnen . In den höchsten Wänden hatte sich eine Lawine gelöst , die den letzten Schnee des Winters von den steilen Felsen hinunterwarf in die Schluchten . Und als hätte den kämpfenden Lenz in der Freude seines Sieges die Lust zu jauchzen überkommen , so setzte der Frühlingssturm mit tosendem Rauschen ein , peitschte die grauen Nebel und riß über den Latschenfeldern das treibende Gewölk entzwei . Ein Stück des blauen Himmels erschien , eine leuchtende , von finsteren Wolken umflatterte Felswand , und ihr zu Füßen das Steinfeld mit der Jägerhütte , deren Schindeldach im Glanz der Sonne wie Silber funkelte . Nur wenige Augenblicke währte das schimmernde Bild . Dann flossen die Wirbel des Gewölkes wieder ineinander . Es rauschte und brauste der Föhn . Und ein erstickter Laut , wie ein kraftloser Schrei um Hilfe , scholl durch die grauen Nebel , die der Wind an der Jägerhütte vorüberpeitschte . Die Tür der Hütte stand offen , und an der Blockwand lehnte eine Büchse mit kotigem Schaft . In der Herdstube kein Feuerschein , kein Laut . Hinter der Hütte das Geplätscher des Brunnens . Auf dem hölzernen Trog , über dessen Wand das Wasser niedertroff , saß ein Jäger ; sein Gesicht war bleich , das Hemd an der Brust und die nackten Knie mit Blut besudelt . Ein Laut , der aus den grau verschleierten Latschen tönte , machte ihn aufblicken . War ' s der Wehlaut eines zu Tode verwundeten Tieres ? Oder die Stimme eines Menschen ? Mühsam , als wären ihm alle Glieder gebrochen , erhob sich der Jäger und spähte in den treibenden Nebel . Von dem Steig , der aus den Latschen gegen die Hütte führte , ließ sich Geräusch vernehmen . Im wirbelnden Grau erschien eine verschwommene Gestalt . Sie schien zu taumeln . Nun stürzte sie und raffte sich stöhnend wieder auf . Der Jäger sprang ihr entgegen . » Jesus Maria ! « Das klang wie Schreck und dennoch wie heiße Freude . » Mali ! Mali ! « Zitternd stand sie , atemlos , bis zur Ohnmacht entkräftet , mit entstelltem Gesicht , und starrte ihn an wie ein Wunder , das vor ihren Augen den Tod in Leben verwandelte . Seinen Namen lallend , taumelte sie auf den Jäger zu . Mit beiden Händen griff sie ihm ins Gesicht , als ginge vor ihren Augen alles unter . Wieder wollte sie seinen Namen nennen und schrie nur einen heiseren Laut - wollte ihn küssen und biß ihn in die Wange , in den Bart , in das Kinn . » Mali ! « Franzl fühlte daß die Arme sich lösten , die seinen Hals umklammert hielten . Er wollte sie umschlingen . Da glitt sie schon an ihm nieder und stürzte wie entseelt zu Boden . Keuchend warf er sich auf die Knie , riß die Ohnmächtige an seine Brust , schrie ihren Namen und rüttelte den regungslosen Körper . Sie wollte nicht erwachen . Schreiend trug er sie zum Brunnen , schöpfte Wasser mit der Hand und wusch ihr das Gesicht , immer wieder ihren Namen kreischend . Sie wollte nicht hören , nicht erwachen . Ein brausender Windstoß teilte das Gewölk . Breit leuchtete ein Sonnenstrahl über das Felsgehäng , über die Hütte und über die beiden Menschen hin . Dann schlossen sich die jagenden Nebel wieder , und alle Höhe war grau verschleiert . Aus der Tiefe des Latschenfeldes tönte ein langgezogener Ruf . Franzl gab Antwort mit gellendem Schrei . Zwischen den Latschen klirrte der Stachel eines Bergstockes im Geröll , und lärmende Stimmen kamen näher . 19 Am gleichen Morgen , an dem der Draht Graf Egges spät erwachte Sehnsucht nach Amalfi , Sorrent und Capri meldete , trafen Kitty und Gundi Kleesberg mit Hans Forbeck und Professor Werner in München ein . Bei der Einfahrt in den Bahnhof beugte Kitty sich aus dem Kupee und stammelte in Freude : » Tas und Anna sind da , sie erwarten uns ! « Mit beiden Händen winkend , rief sie , die Stimme erstickt von Tränen : » Anna ! Tas ! « Sie standen Seite an Seite , ein schönes , stolzes Paar - wer die beiden sah , mußte fühlen : das sind glückliche Menschen . Der Zug war noch im Gang , als Kitty schon die Klappe der Kupeetür öffnete . Vor Freude schluchzend , flog sie dem Bruder an den Hals . Er nahm ihr zuckendes Gesichtchen zwischen die Hände und sagte lächelnd : » Sieh mir in die Augen und lies die Antwort auf deinen Brief aus Ravello ! Ich wünsche dir Glück , mein lieber Spatz ! Du hast gut gewählt . « Er wandte sich an Forbeck , umschlang ihn und küßte ihn auf die Wange . » Tas ! Mein guter , guter Tas ! Wie lieb du bist ! Wie herzensgut ! « Und vom Bruder flog Kitty in seligem Sturm auf Anna zu . Tassilo begrüßte die Kleesberg . Und es war ein seltsamer Blick , mit dem er sich von Gundi zu Werner wandte . Wortlos bot er ihm die beiden Hände . Auch Werner schwieg , während er Tassilos Händedruck erwiderte . Vor dem Bahnhof wartete die Equipage , in der die Damen Platz nahmen . Die Herren folgten in einem Mietwagen ; wohl gab sich der Kutscher alle Mühe , hinter dem voraneilenden Gefährt zu bleiben , doch als er vor dem Ziel die Pferde parierte , hatten Kitty und Gräfin Anna schon die im ersten Stock gelegene Wohnung betreten ; nur Tante Gundi stand noch auf der Treppe und kämpfte mit ihrem versagenden Atem . Forbeck sprang über die Stufen hinauf und reichte der Kleesberg den Arm . Diesen Augenblick benützte Werner , um an Tassilo die flüsternde Frage zu richten : » Wann haben Sie meinen Brief erhalten ? « » Zugleich mit dem Brief meiner Schwester . Wie tief sein Inhalt mich bewegte , vermag ich Ihnen nicht zu sagen . Ich kann Ihnen auch die Gründe nachfühlen , die Sie veranlaßten , diesen verhüllten Wert Ihres Lebens vor mir zu öffnen . Ich danke Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens . Dennoch kann ich Ihnen einen Vorwurf nicht ersparen . Werner ? Lieber Freund ? « Tassilo legte die Hand auf Werners Schulter . » Haben Sie mich so wenig kennengelernt , um in mir einen Menschen von törichtem Vorurteil vermuten zu dürfen ? « » Aber Doktor ! « stammelte Werner . » Wie können Sie nur auf einen solchen Gedanken kommen ? « » Sie haben ihn mir aufgezwungen durch Ihre Sorge . Soll mir der Bräutigam meiner Schwester minder willkommen sein , weil sein Vater nicht der im Elend untergegangene Trunkenbold ist , dessen Namen er trägt und zu Glanz erhebt , sondern ein Mann , den ich als Künstler verehre und als seltenen Menschen liebe ? Blut von Ihrem Blut , Werner ! Das ist mir eine neue Sicherheit für das Glück meiner Schwester . « Werner faßte Tassilos Hand . » Ich danke Ihnen für dieses Wort . Und billigen Sie auch mein Verhalten gegen Hans ? Daß ich mein Schweigen ihm gegenüber für immer bewahren will ? « » Ja , Werner ! Sie bringen Ihrem Sohn ein Opfer , wie es nur die tiefe , uneigennützige Liebe eines Vaters bringen kann . Hans liebt Sie als seinen geistigen Vater . Er dankt Ihnen alles , Charakter , Bildung und Können . Soll er das Recht eines Wortes mit dem Umsturz seines ganzen Innern bezahlen , mit einer schiefen Stellung vor der Welt ? Nein ! Sie müssen schweigen , nicht nur ihm zuliebe , auch aus Barmherzigkeit für eine andere ! Wie stünde sie vor ihrem Sohn ? Bedrückt von Scham , belastet mit einer Tragik , die hart ans Lächerliche streift ! « Während dieses Gespräches waren sie über die Treppe hinaufgestiegen . Aus dem offenen Korridor klang die Stimme der Kleesberg , die sich bei ihrem » lieben Hans « für den » freundlichen Ritterdienst « bedankte . Tassilo fragte leis : » Sie hat keine Ahnung ? « » Keine ! Daß er mein Sohn ist , erriet sie auf den ersten Blick . Mehr kann sie nicht ahnen . Wie soll sie denken , daß der eigene Vater sie belog ? Daß er , um sie von dem obskuren Tagdieb loszureißen , der mit dem Fieber kämpfenden Tochter das herzlose Märchen vom Tod ihres Kindes vorgaukelte ? Ich habe doch auch an diese Lüge geglaubt ! Noch heute wär ' ich ein einsamer Mensch , wenn ich nicht die Sehnsucht empfunden hätte , das einzige zu suchen , was hinter meinem vernichteten Glück noch übrig war : dieses kleine Grab ! Es wollte sich nicht finden lassen . Dennoch hab ' ich jahrelang gebraucht , bis der erste Zweifel in mir erwachte , und bis die halb erloschene Spur , der ich hartnäckig folgte , mich meinen Jungen finden ließ . Und wie hab ' ich ihn gefunden ! Ich wollte , daß ich dieses Bild vergessen könnte ! « Da klangen heitere Stimmen , rasche Tritte , das Rauschen eines Kleides . Arm in Arm erschienen Kitty und