junge Goethe und der junge Schiller suchten , ist hier gefunden , wie unsre Gewährsleute versichern . Auch sollen sich Scenen von gradezu überwältigender Schönheit in diesem Erstlingswerk eines großen Dramatikers finden . - Nun , das läßt sich ja an , als ob unserem Berliner Shakespeare Herrn v. Alvers , der mehr und mehr für das naive Volkstheater der Vorstädte zu arbeiten scheint , ein gefährlicher Rivale erstanden wäre , der im Voraus gesiegt hat . Der gräfliche Dichter , welcher schon durch seine herrlichen Gedichte so sehr in Mode kam , dürfte demnach einem großen Triumphe entgegengehn . « Leonhart warf das Zeitungsblatt auf den Boden und sich der Länge nach aufs Sopha . Ein krampfhaftes Lachen schüttelte sein Zwerchfell . Er lachte sich einmal gründlich aus über die Posse des Lebens . So war es denn also wirklich gelungen . Nun galt es das Weitere abzuwarten . Vor einigen Monaten hatte Leonhart einen Brief aus Venedig , der alten Residenzstadt malerischen Farbensinns , erhalten . Kein Geringerer als jener große Verschollene , der lyrische Tenorist Francis Henry Annesley , beehrte ihn von dort mit einem längeren Handschreiben . Den Anlaß dieser überraschenden Kundgebung bot die seit Kurzem erschienene Anthologie realistischer Lyrik , welche auf Annesleys Kosten von Erich von Lämmerschreyer herausgegeben wurde und zu welcher Leonhart ebenfalls Beiträge beisteuerte . Zwar hatte Francis Henry weidlich den Krämpfen neidischer Großmannssucht gegen den unangenehmen Niederdrücker Luft gemacht und über Leonhart eine Reihe anonymer Recensionen geschmiert , des Inhalts , daß dieser eigentlich kein Dichter , sondern ein » Denker « sei - ein Titel , gegen den die Dichterlinge unsrer Zeit bei ihrer schrecklichen Gedankenarmuth eine besondere Animosität nähren . Allein , da ihm Leonharts Einfluß doch unumgänglich für Förderung seiner Interessen nöthig schien , erklärte er plötzlich diesen » Volldichter « für » eine zum Höchsten berufene Natur « . In diesem Sinne schmetterte er ihm auch jenen überschwänglichen Brief aus Venedig , worin er vor allem bat , sein neuestes Werk : » Cypressen « , symphonischer Cyklus für Kammermusik von Gregor Waschuppsky ( Opus 22 ) in allen zur Verfügung stehenden Blättern anzupreisen . Sodann sprang er auf die Anthologie seines Freundes Lämmerschreyer über und bat die Beiträge des p. p. Haubitz und Edelmann zu vermöbeln , da diese undankbaren Zigeuner ihm angeblich schon 5000 Mark Pumpgebühren gekostet hätten . Nach diesem reizvollen Thema kam er auf Venedig zu sprechen , da er in dem Palazzo , wo Richard Wagner gestorben , wohne und den Geist des todten Meisters in sich einathme . Er versuchte dann in unbeholfener Weise Venedig zu schildern , blieb aber bei den Blumenmädchen von San Marko hängen und erprobte einige Genialitätsallüren , indem er das liebliche » bona sera « gefälliger Freundinnen und sich daranschließende nächtliche Gondelfahrten schilderte . Der Stil und die Handschrift verwirrten sich zusehends , unvermittelte Cynismen sprengten sich ein und der ätherische Jünger der heiligen Cäcilia verbreitete sich über gewisse Stühle in Italien . Diese seien von Marmor , aber so niedrig , daß Niemand sich darauf setzen könne . Daher die Unreinlichkeit . Dies sei die wahre Völker-Psychologie , vom Standpunkt des Verdauungsthrones aus - - Hier brach der Brief plötzlich ab , der dem Psychiater vielleicht ein interessantes Dokument geboten hätte , und es folgten einige Zeilen von fremder Hand . Die Tante Annesley ' s hatte nämlich die Nachschrift darunter gesetzt : Sie sende den nicht ganz vollendeten Brief , für den bereits das beschriebene Couvert dagelegen habe , da sie aus dem Inhalt ersehe , es handle sich um wichtige künstlerische Dinge . Sie bäte den unvollkommenen Zustand des Schreibens zu entschuldigen , da ihr unglücklicher Neffe , urplötzlich wiederum von einem Nervenleiden befallen , in einer Kaltwasserheilanstalt Linderung suche u.s.w. - - Leonhart zuckte mitleidig die Achseln . Zugleich aber fühlte er , wie diese verworrenen Andeutungen über Venedig ihm das Bild der Lagunenstadt mächtig vor Augen bannten , so daß es seine Phantasie nicht wieder loßließ . Am andern Tag verschaffte er sich Daru ' s Geschichte von Venedig aus der kgl . Bibliothek und vertiefte sich darin . Immer mehr wuchs und reifte in ihm der Gedanke , ein paar bronzene Charakterköpfe aus der venetianischen Staatsgeschichte herauszuschneiden . Bald darauf war er von Xaver Krastinik bei einer merkwürdigen Beschäftigung überrascht worden . Dieser , geräuschlos eingetreten , fand seinen Freund über allerlei Karten und Mappen gebeugt , einen Zirkel und Nadeln mit farbigen Knöpfen in der Hand , ringsumher selbstgezeichnete Pläne und Tabellen mit allerlei Berechnungen . » Zum Teufel ! Was machen Sie denn da ? « rief der Ex-Militair erstaunt , nachdem er einen scharfen Blick auf all diese Gegenstände geworfen . » Ich - ich - « Leonhart suchte verlegen die Sachen zusammenzupacken , Jener hinderte ihn aber daran . Mit sachkundigem Blick griff er einen Hauptplan auf : » Wollen Sie mir einmal erlauben ? Was seh ich da ! Das sind ja seltsame strategische Studien . Wie sie wissen , war ich früher ein sogenannter gelehrter Militair . Die Sache interessirt mich und ich verstehe ' was davon . « Leonhart verbeugte sich stumm und ging langsam auf und ab , die Hände auf dem Rücken gekreuzt , in tiefem Nachdenken . Krastinik schwieg ebenfalls lange Zeit , indem er die Pläne verglich , die Tabellen zu Rathe zog und mehrere sauber geschriebene Papiere durchlas , die schematisch geordnet und » Dispositionen « überschrieben waren . Plötzlich drehte er sich um und fragte : » Sie waren auf keiner Kriegsschule ? « » Nein . « » Sie treiben diese heimlichen Studien auf eigene Hand ? Wer brachte Sie darauf ? « » Meiner Treu , Niemand . Es rumorte in mir seit frühster Jugend . « » Nun , dann ist das wieder eins jener Wunder des Genies , die unerklärlich bleiben . - Warum ergriffen Sie nicht die militairische Carriere ? « » Warum verließen Sie dieselbe so früh ? « Krastinik biß sich auf die Lippen und starrte finster vor sich hin : » Wohl wahr . Sie taugen auch gar nicht zum Offizier , in keiner Weise . Würden bald wegen Insubordination entlassen oder schössen sich eine Kugel vor den Kopf . Selbst wenn die Möglichkeit vorhanden wäre , daß Sie Ihre Begabung je ausnutzen könnten , wozu doch ein Oberbefehl gehört , müßten Sie darüber alt und grau werden . Sie , ein so ungeduldiger Feuerkopf ! Ja , unmöglich . Traurig ! Sie haben Ihren Beruf verfehlt , hätten in den Generalstab gemußt . « Leonhart schüttelte den Kopf . » Ich zweifle . Auch das würde mir nichts nützen . Ich gehöre zu Denen , die nur an erster Stelle commandiren können oder gar nicht . In irgend einer Ausnahmezeit wäre ich vielleicht ' was geworden , wie der Ackerbürger Cromwell und der verhungernde Bonaparte . Aber an so etwas darf man nicht denken . Der Mann seines Schicksals sein - jaja , wenn das Glück so nachhilft ! Der Corse hatte gut reden ! Mein Schicksal ist zu schweigen und zu dulden . « » Aber darin liegt etwas Unerträgliches , eine Infamie des Schicksals ! « Krastinik gerieth in ordentliche Aufregung . » Ich wiederhole , ich verstehe genug davon , um zu erklären : Sie sind ein geborenes strategisches Genie . Und wenn Sie das nicht wären , hätten Sie ja wohl nicht von Jugend an sich heimlich mit Dingen beschäftigt , die Sie ja gar nichts angehn und Ihnen keinerlei Nutzen bringen . « » Wohl möglich . Aller psychologischen Logik nach , müssen Sie wohl recht haben . Allein , was ändert das ! Hier ist der Lessing ' sche Unsinn von dem Rafael ohne Arm einmal anwendbar . Rafael ohne Arme ist eben gar kein Rafael ; aber Rafael , der zu Grunde geht , weil ihm Niemand Bilder bestellt , da steckt der Knoten ! O diese Tragödie , die furchtbarste des Menschenlebens , der Kampf des Genius mit der Welt ! Dem Erfinder vorsagt man das Geld , um es an Uniformknöpfe zu vergeuden , oder steckt den Erfinder der Dampfmaschine ins Irrenhaus als Ideologen , wie Napoleon dies fertig brachte . Kolumbus erbettelt sich kaum ein paar wacklige Nußschalen für eine weltumgestaltende Großthat . Natürlich ! Der Geniale , dessen Intuition kraft göttlicher Eingebung mit eins die innere Wahrheit der Dinge erschaut , wird von der blöden Unfähigkeit der Weltautoritäten nach seiner amtlich patentirten Beglaubigung gefragt . Ja , die kann er nicht vorzeigen ! Cromwell , das geborene Staats- und Feldherrngenie , kann sich nur als schlechter Landbauer ausweisen , Kolumbus hat gar kein naturwissenschaftliches Doctordiplom hinter sich , Shakespeare vermochte nicht einmal Gymnasialstudien obzuliegen . Was nun ? Was fängt die Welt mit einem solchen Größenwahnsinnigen an ? - Jajaja , Größe und Größenwahn , wer soll die recht unterscheiden ! Der Alchymist , der den Stein der Weisen fand , spöttelte gewiß über die Narrheit des Kopernikus . Und wenn ein Conquistador in erhabener Liebessehnsucht nach einer jungfräulichen neuen Welt sich sehnt , so lacht gewiß die kindsköpfige Liebessehnsucht eines Ritters nach einem schönen Weibe über solche Phantasterei . - Das alles , lieber Graf , ist alt wie die Welt , alt wie die Welt . Warum sollte ich glücklicher sein , als meine Altvordern ? « » Nein und abermals nein ! « Krastinik hob heftig beide Arme empor und schüttelte sie . » Das kann nicht so geduldet werden . Sie Genie-Ungeheuer Sie ! Wer das ruhig mit ansieht , wie Sie hier bleicher und bleicher , stiller und stiller hinsiechen auf Ihrer einsamen Klause - ich habe Sie fast niemals lächeln gesehn - , Der macht sich derselben Todsünde schuldig , wie das Gesindel , das Sie begeifert . Die oberflächliche Mittelmäßigkeit sich auf dem Markte blähend - der hohle Gemeinplatz-Bumbum eines Phrasendreschers wie dieser Alvers als Hohepriesterthum des hehren Idealismus weihestänkernd - und Sie , der Berufene , immer noch ins Hintertreffen gedrängt , weil Sie kein geschniegelter Süßholzraspeler und Ihre Werke zu hoch sind für den dummen Lesepöbel - - es krampft Einem das Herz zusammen ! Das ist die Sünde , welche nimmer vergeben wird , die wider den heiligen Geist . « » Und grade diese begeht doch die Welt am häufigsten , « ergänzte Leonhart ruhig . » Lieber Graf Krastinik , Sie sind der erste anständige Mensch , den ich im Leben getroffen habe . Sie sind der Einzige , der die jämmerliche Eitelkeit dem Höheren gegenüber , solange dieser nicht durch äußeren Erfolg gefeit ist , und den kleinlichen Neid in sich bezwang . Seien Sie stolzer darauf , als wenn Sie eine Batterie erstürmt hätten ! Aber lassen Sie mich ruhig verbluten , mir ist nicht zu helfen , weder so noch so . - Sehn Sie hier diese Briefe über mein Drama Die Männer von Appenzell . O unsere Theaterdirektoren , diese Rotte von Verbrechern am heiligen Geist ! « Da hatte der Eine nach persönlicher Rücksprache mit dem Autor denn doch entdeckt , daß dem Stücke der geeignete dekorative Hintergrund fehle . Ein andrer beklagte den schnöden Realismus , ein andrer den abgestandenen Idealismus des Werkes . Einer konnte es aus Rücksicht auf sein Hoftheater , ein Andrer aus dito Rücksicht auf sein liberales Publikum nicht aufführen . Und doch war das Drama weder conservativ noch liberal , weder idealistisch noch realistisch , sondern einfach erhaben , schlicht und groß . Es behandelte den heldenhaften Freiheitskampf der Appenzeller gegen Oesterreich und die ganze Ritterschaft des Rheingaus und Tyrols unter dem Florian Geyer dieses Bauernkrieges , dem wackern Grafen Werdenberg , der seinen Titel ablegte und brüderlich den Bauernrock anzog . Mit herzerwärmender Frische und Kraft war die naive Begeisterung des Alpenvölkchens geschildert , das nach Niederwerfung aller vornehmen Feinde zu Haus von seinen Bergen ins Deutsche Reich einfällt , um die Welt zu befreien - die Welt , von deren Größe sich solche Herzenseinfalt recht nebelhafte Begriffe macht . Mit ergreifender Wehmuth entwickelte der Dichter dann , wie diese naive Sehnsucht nach Menschenverbrüderung sie immer weiter vom Pfad der Weltklugheit und auch des Rechts verlockte , bis die Männer von Appenzell , welche die ganze Menschheit verbrüdern wollten , sich um schnöde Beute zankten und ihrem Bruder Werdenberg mit Undank lohnten , so daß endlich doch die selbstsüchtige Bauernnatur zum Vorschein kam . Ueber diese Dichtung , die wie von Alpenzinnen aus menschliches Recht und Unrecht mit milder Ruhe überschaute , hatte der Dramaturg eines Hoftheaters sich weisheittriefend verbreitet : » Sollten hier am Ende socialistische Umtriebe in dichterischer Gewandung vorliegen ? Man erkennt gar wohl , wohin der Herr Verfasser zielt , « und so ging der Gallimathias drei Seiten lang fort . Aber als nun Krastinik tobte und wetterte bei Lectüre dieser Briefe , da trat Leonhart nahe an ihn heran und fragte ihn : » Nun wohl , wollen Sie mir wirklich vorwärts helfen ? Sie können es . Ich hätte da wohl eine Bitte .. « » Ist schon erfüllt . Befehlen Sie über mich ! Wir wollen doch mal sehn , ob man diesen Schweinepriestern nicht irgendwie auf den Pelz klopfen kann . « » Nun wohl , so hören Sie : « - - - - - - II. Bei dem gefürchteten Rhadamantys , dem » vornehmen « Kritikus Doktor Ottokar von Feichseler , war eine illustre Gesellschaft versammelt und genoß zu einer Punschbowle die Orakel des Gastgebers . » Man bemerkte « zuvörderst den Lord-Protektor und Pfadfinder großer Geister , Doktor Gotthold Ephraim Wurmb , mit seinem mieselsüchtigen Pfaffengesicht . Ferner den feinsinnigen Eklektiker Luckner , eine kleine behende Persönlichkeit von slowakischem Typus mit listig funkelnden Philologenäuglein , übrigens eine ehrenhaft und ideal angelegte Natur trotz einer gewissen boshaften Pfiffigkeit . Er trug immer einen glattgebürsteten Cylinder und gelbe Handschuhe , und spendete den Dienstmädchen Handdrücke wie ein Gentleman . Man bemerkte neben ihm den ebenfalls feinsinnigen Eklektiker Adolf Gutmann , auch der Scheene Adolf genannt , da er sein holdes Bildniß mit Vorliebe vor seine Buchfabrikate zu setzen pflegte . Ob sein großer Kopf auf seiner kurzen dicken Figur grade so schön wirkte , mußte man edeln Frauen zu beurtheilen überlassen . Jedenfalls konnte man seinem schwarzen wallenden Barte eine ansehnliche Länge nicht absprechen , um welche ihn zwar nicht Barbarossa , wohl aber Erzvater Abraham beneidet haben möchte . Mit diesem stand er ohnehin auf gutem Fuße , denn er lebte wie in Abrahams Schoß . Moses und die Propheten waren ihm hold , obschon er viel über sein Elend zu klagen hatte . Denn sein Vater und sein Schwiegervater lebten alle Beide noch und erst nach deren Tode wurde er dreifacher Millionär . Bis dahin aber mußte sich der arme Teufel mit seiner halben und der andern halben Million seiner Gattin begnügen . Aus berechtigtem Groll über solch dürftige Lage schrieb er gar weltschmerzreiche Poemata und wünschte sich oft den Tod , angeekelt von der Niedrigkeit der Welt . Wenn er von 50 Zeitungen besprochen wurde , jammerte er , daß die 51te fehle , und stellte die kühne Behauptung auf , er habe ja nur Feinde und keinen Freund auf der Welt . Böse Menschen versicherten , wenn er über seinen Nothzustand klagte und nur für hohe Honorare schreiben konnte , daß ihm auch wirklich die Litteratur jährlich ein kleines Vermögen koste . Doch war dies Verleumdung , da er als früherer Börsianer ( er machte erst seit seinem 35ten Jahre in bedruckten Papierchen ) viel zu viel filzige Geschäftsklugheit besaß . Seine besondere Spezialität bestand in Cigarrenbehältern und Aschbechern , auf deren Grund rothgedruckt stand : Gutmann , Pessimistische Novellen , eine funkelnagelneue Art von Reclame , um deren Patentrecht ihn Barnum behufs Importirung nach Amerika ersucht haben soll . Daß er natürlich seinen Abscheu vor aller Reklame und vorlautem Vordrängen bei jeder Gelegenheit kundgab , wußte Jeder zu würdigen . Uebrigens war er ein sogenannter guter Kerl und flößte den Eindruck einer gewissen Bonhommie ein . Freilich durfte man nicht tiefer auf den Grund gehen ; dann kam ein gehöriger Berechner heraus . Auch fehlte es ihm nicht an bedeutendem Giftvorrath , den er ohne Namensnennung ( da er natürlich nie den gemeint hatte , der sich getroffen fühlte ) mit vieler Gewandheit zu verspritzen wußte . Wenn er sich übrigens über die Welt beklagte , so hatte er in gewissem Sinne nicht Unrecht . Denn theils in Folge des üblichen Neides auf seine günstigen äußeren Verhältnisse , theils aus Erbitterung Jener , die ihn erst später in seiner Eigenart kennen lernten , verschwor man sich allerorts , ihn für einen stümpernden Dilettanten auszuschreien . Gab doch seine komische Eitelkeit erwünschten Anlaß , sich über ihn lustig zu machen ! Lobte ihn eine Zeitung , so mußte dies durchaus auf irgendwelche Bestechung hinauslaufen ! Der immer gerechte Leonhart hatte jedoch dies niemals zugegeben , sondern stets Esprit , Wissen , Form- und Stilbegabung , ja sogar wirklichen Gedankengehalt an ihm gerühmt , obschon er Gutmann selbst die offenherzigsten Grobheiten an den Kopf warf und ihm zu Gemüthe führte , daß ihm alle und jede Ursprünglichkeit fehle . Die Andern aber nahmen seine Einladungen an , tranken sein Bier , rauchten seine echten Havanas und erklärten ihn einstimmig für die eingebildetste Null des Jahrhunderts . So geht ' s in der Welt . Wenn der arme Gutmann sich für einen verkannten großen Dichter hielt , so verdiente das nur ein Lächeln . Wenn er sich aber für ebensogut und sogar für besser hielt , als viele großspurige Rhodomonteure , die auf ihn herabsahen , so vertrat er zweifellos die objective Wahrheit . Selbst sein Charakter gewann bei einem solchen Vergleich , so viel von einem hausirenden Bandjuden in litterarischen Geschäftchen ihm anklebte . Denn eine gewisse vertrauensselige Kindlichkeit und naive Schläue verliehen ihm etwas Gewinnendes , obschon sein Auge tückisch und böse genug aufblitzen konnte , wenn seine unmäßige Eitelkeit ins Spiel kam . Uebrigens besaß er eine begeistrungsfähige Anempfindung , die ihn das Schöne wirklich erkennen ließ , da er ein grundgescheuter Kerl und keineswegs vernagelt war . Alles in Allem noch immer einer der Besseren , eine der merkwürdigsten Figuren des literarischen Lebens , dieser Commis-Voyageur in Poesie , der trotz alledem für die Berliner Litteraturjuden noch ein unverständlicher Idealist blieb . Außerdem waren noch die zwei neuesten Größen , Holbach und Krastinik , und der philosophische Speichellecker Oberst von Dondershausen anwesend . Derselbe strotzte ordentlich von Biedermannshuberei , die ihm das glattrasirte Kinn wie Salbungsöl heruntertroff . Seine Fischaugen glotzen erbaulich wohlwollend in die unphilosophische Welt hinein . Da er nachher im Hohenzollernclub ein kornblumiges Festbardit vortragen mußte , war er im Frack erschienen und hatte sein ungewöhnlich reichhaltiges Ordenskettchen angelegt , das ihn als einen erprobten Streber mit diensteifriger Handkuß-Vergangenheit auswies . Er thronte hier hochtrabend mit als Kunstrichter , da der erlauchte Doktor Ottokar von Feichseler soeben die berüchtigte Anthologie realistischer Lyrik unter seine kritische Sonde nahm . Dieselbe lag , hochelegant im Kaliko gebunden , auf dem Tisch und ihr Herausgeber , der fettgesunde Jüngling Erich von Lämmerschreyer , saß mit andächtigem Gesicht davor , wie ein Bußfertiger auf dem Armesünderbänkchen . Mit der üblichen Gewandtheit , welche die weihepriesterlichen Rotzjungen und Tugendbesinger des Jüngsten Deutschland bei Verfolgung ihrer Privatzwecke entwickeln , hatte sich der begabte Neophyt eilig aus Leonhart ' s Bannkreis entfernt , nachdem er dessen Einfluß ausgenützt . Mit bescheidener Zerknirschung machte er alsbald dem Hohepriester des akademischen Idealismus , Ottokar dem Würdevollen , einen Ehrenbesuch und empfahl die Anthologie , welche er soeben herausgegeben , dessen unmaßgeblichem Wohlwollen . Aus dem Munde eines so hochzuverehrenden Mannes würde ihn auch der strengste Tadel erquicken . Er kannte halt Ottokar ' s schwache Seite . Greis Ottokar ( er war eigentlich erst 36 Jahre alt , aber erklärte sich für zwanzig Jahr älter , da die Stürme der Erfahrung ihn vorzeitig gebeugt hätten ) würdigte diesen schönen Zug und beurtheilte danach den ganzen Menschen . Demgemäß pries er Lämmerschreyer sofort als einen jungen Mann von reinen Sitten und lauterer Gesinnung , der sich von dem Größenwahn der Andern frei halte . Auch lud er ihn zu der kritischen Sitzung ein , die er über die tragikomische Lyriker-Revolution abhielt . Zu allen Urtheilen sagte Erich der stilvolle Schwerenöther demüthig Ja und Amen . Die wundersame Anthologie aber lautete : Realistisches Jahrbuch der Lyrik . Herausgegeben von E.v. Lämmerschreyer unter Mitwirkung aller Genies , die seit 1850 das Licht dieses ärmlichen Erdballs erblickten . Vorrede . Auf dem Kreis der hier versammelten Dichter beruht die Zukunft der Menschheit . Erhabener Geist , du hast uns viel gegeben ! Wir sind die Erkorenen und rufen dem kommenden Jahrhundert . Was nicht für uns ist , ist wider uns . Nieder mit der ganzen altersschwachen Bagage ! Man höre und staune : Mit unserer Lyrik befreien wir die altersschwache Welt ! Wir sind die Reformation der Litteratur , welche schon unser lieber Genosse Leonhart prophezeite . Noch hat sich aus unsrer Mitte kein Führergenie erhoben , wie Goethe aus der älteren Sturm- und Drangperiode , obwohl wir bereits einen Lenz in Mokamaute und einen Klinger in Haubitz besitzen . College Hartung mit seinen orientalischen Allüren , die sich an Freiligrath geschult zeigen , fühlt sich dem Maler Müller verwandt und in dem strengen Ernst des Didaktikers Edelmann ahnen wir den Herder unsrer Epoche . Wer vermöchte Klopstock ' schen Würdeschwung in unserm Freunde Max Henkelkrug zu verkennen ! Schiller ' sches Pathos athmet in Vielen , auch in unserm gefeierten Dramendichter Herrn v. Alvers . Kurz , man dürfte sagen , daß die Rollen vertheilt sind , und die thaufrische Blütheperiode einer neuen Klassicität nun losgehn kann . Wie gesagt , nur der Goethe fehlt noch , aber sollte nicht Anno Buchsbaum die Keime eines solchen in sich tragen ? Und wenn uns auch Goethe und Schiller versagt blieben , so wird doch hoffentlich unser großer einziger Lessing neu erstehen in unserm Ambrosius Sagusch . Vivat sequens ! Der Herausgeber . Max Henkelkrug . Der Weltbefreier . Der Satan führte mich im Traum In der Versuchung Bergeswüste Und zeigte mir den Weltenraum Sammt allen Schätzen jeder Küste . Ich lachte in erhabenem Hohn : » Armseliger , was willst Du schenken ? Zaunkönignestlein - Kaiserthron ! Der Adler soll die Schwinge senken ? « Hei , Pegasus , ins wilde Turnei ! Grimm sei Dein schneidiger Sporn ! Die Schranken der Sitte sprenge entzwei ! Hell schmettre der Freiheit Horn ! Die Geißel des Spottes in linker Hand Und das Flammenschwert in der Rechten , Den Popanz Wahn zu Boden gerannt ! Hinaus zum lustigen Fechten ! Fortreißt der Pegasus mich unaufhaltsam . Auf , Flammen , mögt ihr prasselnd mich umwogen ! Der Ruhe Halfter sprengt mein Geist gewaltsam . Nun , Myrmidonen , fürchtet meinen Bogen ! Die Sonnenrosse mögen mich zerschmettern . Sei nur des Brütens Bann von mir genommen ! Der Aar saugt Lebenslust in wilden Wettern . Verzweiflung und Martyrium , willkommen ! Ein heller scharfer Ton Durchs Herz der Menschheit bebt , Wie vor Posaunendrohn Einst Jericho gebebt . Ein Schauder wunderbar Den Glücklichen ergreift , Wie wenn ein lichter Aar Ihm seine Locken streift . Ein wilder Harfenklang Um Schmerzverdammte schwirrt , Wie Saite , die zersprang Zerissen niederklirrt . Ein Schrei , vor dem uns graut , Im Herzen nimmer schweigt , Wie klagend eine Braut Sich auf die Walstatt neigt . Ein Drängen unbekannt In freien Seelen stürmt , Wie wenn Gigantenhand Den Berg zum Himmel thürmt . Dies Drängen und dies Sehnen Verläßt die Menschheit nie In Lächeln und in Thränen Und heißt - die Poesie . Seid ihr hin , ihr schönen Tage Ohne Plage , ohne Klage , Wo noch frisch mein Blut , Wo ich glaubte , niederringen Könne alles und erzwingen Stolzer Jugendmuth ? Mann und Greis in früher Jugend , Ohne Laster , ohne Tugend , Seltsam war mein Loos : Bald in kühlen Scheingefühlen , Bald in der sirokkoschwülen Leidenschaft Getos . Jeder Stern ist jetzt verblichen . Auf der Welt gemeinen Schlichen Suchte ich Ersatz . Hab zur Herde mich erniedert . Doch ich fühle angewidert : Hier ist nicht dein Platz . Liebe mag sich mir nun nahen . Ach , ich kann sie nicht umfahen , Denn mein Herz ist todt . Glück und Ruhm sie mögen kommen . Ach , mir kann es nichts mehr frommen . Komm Du , grause Noth ! Wir nur passen noch zusammen ! Schüre mir die letzten Flammen Für ein Lied empor ! Daß mein Zorn Dir , Sclavenherde , Einmal zugedonnert werde , Den ich lang Dir schwor ! Doch der Schmerz , der mich gezüchtigt , Auch mich läutert und mich tüchtigt . Jede Thränenfluth , Die mir brannte unvergossen , In mein stolzes Herz verschlossen , Stähle mir den Muth ! Sommer ist dahingegangen Und mein Blut schleicht matter nun . Gelb und fahl die Blätter hangen Und des Waldes Sänger ruhn . Doch des Herbstes Abendsonne Röther malt den Ahornhain Und am Rhein in stiller Wonne Frisch gekeltert perlt der Wein . Ruhig sitz ' ich beim Pokale , Ruhig harre ich der Zeit , Wo die satten Rebenthale Und der Ahornwald verschneit . Nach der Jugend Frühlingswärme Folgt des Alters greiser Frost - Winter , glaubst , daß ich mich härme ? Skol Dir , Skol im Herbstesmost ! Ob Dir der Jungfrau Scherz Wie Rosenduft gefalle , Der verschwiegene Mannesschmerz Gleicht gediegenem Metalle . Wenn die Sonnenstrahlen funkelnd An den Bergesspitzen haften , Selbst den Schluchten , grausig dunkelnd , Reiz verleihn sie , zauberhaften . Wenn ein Regenschleier schaurig Dir verbirgt der Sonne Glänzen , Dann erscheint Dir trüb und traurig Selbst der Matten frohes Lenzen . Krieg allem Feigen , Schlechten , Morschen , Alten ! Ich fühle auf der Stirn den Weihekuß . Mit Arimanes ' ewigen Gewalten Des heiligen Feuers Priester ringen muß . Kampf ist die Losung . Mit der Wahrheit Nadel Durchstech ich geistig Blinden ihren Staar . Was ficht mich an der Menge Lob und Tadel ? Was ficht mich an Verkennung und Gefahr ? Harold Theopol Mokamaute . Aus allertiefstem Wonneweh . Die dumpfe Dämmrung lastet Auf meinem Adlergeist , Seit mein unsterbliches Sehnen Als sterbliche Liebe kreist . Es kreist wohl über die Erde Zur blauen Ewigkeit , - Der Liebe Strahlenbrücke Führt über den Schlund der Zeit . Und floh auch Deine Liebe , Die meine kann nicht entfliehn . Und fliehst Du aus dem Leben , Mir kannst Du Dich nicht entziehn . Dein Tod zieht nach mein Leben , Dein Schatten mich dann umschwebt , Bis mit Deiner süßen Leiche Für ewig er mich begräbt . Ich will für immer verzichten Auf jede Unsterblichkeit - Denn ohne Deine Liebe Wär sie unsterbliches Leid . Und kann die Seele lieben Wie hier im Aetherraum , - Sie könnte nicht ertragen , Was hier zu träumen kaum . Denn hier auf Erden ist Liebe , Die nimmer vergeht , ein Traum - Für die Wirklichkeit des Glückes Hat keine Seele Raum . O süß-unsterbliche Wonne , Für ewig zu enden nun , Doch ewig Wange an Wange Im selben Grab zu ruhn ! Nur keine Thränen , keine eitlen Klagen ! Ich werde nie Dich wiederschaun im Leben . Doch Dich verlierend werde ich Dir sagen : Ich hatte meine Liebe Dir gegeben . Alles ist froh und alles ist hold Vom Grasgrün bis zum Sonnengold . Die Erde lächelt in Mairegenduft Und Iris schwingt sich in schweigender Luft . Und das liebliche Mägdlein bückt sich munter , Blumen zu sammeln in kunterbunter Farbiger Reihe zu reizendem Strauß Und füttert die Sänger im Vogelhaus . Sehnend streck ' ich die freien Glieder , Jauchze Glückauf in die schimmernde Luft . Ströme unendlich beseligend nieder , Neuer Welten balsamischer Duft ! Ein Veilchen , fand ich Dich im stillen Haine , Sorglos ob je , ein Auge auf Dich fällt . Doch eine Rose heut im Sonnenscheine Blühst duftig Du , ein Wunder aller Welt . Ich lieg im Schooß Dir neugeboren : Als Sohn und Buhlen Hast Du , Madonna , mich erkoren , mich mütterlich zu schulen . Den Bund von Frühling und Sommer mag später ein Sprosse krönen , Auch ich an Deinen Brüsten lag : Zähl auch den Gatten zu Deinen Söhnen . Sprichst Du zu einer Frau : » Sie sind sehr tugendhaft , Sehr geistreich und sehr weise , vollkommen ganz und gar , Doch leider - daß doch Gott nichts ganz Vollkommnes schafft ! - Sie sind nicht schön « - sie denkt : » Der Dummkopf , der Barbar ! « Sprichst Du zu einer Frau : » Sie scheinen lasterhaft , Albern , gemein und dumm , doch dies gesteh ich dreist : Sie sind sehr schön , Sie reizen des Mannes Leidenschaft « - Sie denkt : » Der Mensch ist roh , doch hat er wirklich Geist . « Leer sei Deine niedre Stirn , Jammerst Du , Du dicke Gute ? Ei was thut ' s , Grisettendirn ? Fülle steckt in Deinem Blute . Weiter will ich nichts vom Weib : Volles Herz in vollem Busen , Treue und gesunder Leib . Alte Jungfern sind die Musen . Faul sind wir von Natur in allen Stücken , In einem Punkt nur fleißig immerdar : Uns selbst zu quälen will uns immer glücken , Denn hier sind wir erfinderisch fürwahr . Es ist ein Tantalusgefühl , Zur Sinnlichkeit sich selbst zu treiben , Doch im Genuß noch nüchtern-kühl Und ohne Wonnerausch zu bleiben ! Nicht zähmen die verworfne Gier Und deutlichst ihre Folgen kennen Als wolle man nicht löschen schier , Aus Faulheit lieber so verbrennen ! Wenn ich in das Lotterbette eile , Ist es nur , mich zu verstecken Vor der