Gedankens , daß er es je sein könnte , weil die begründete wie die grundlose Eifersucht diejenige Würde vernichtet , deren die gute Liebe bedarf . Er wußte nur , daß in der Welt alles möglich sei und das Folgenreichste oft von einer kleinen Unterlassung abhänge , welche die Dinge ohne Not verändere , und überdies war er zu dieser Zeit noch ungewiß , ob das Verraten von Ruhe oder Unruhe welches von beiden für Rosalien eher beleidigend sein könnte . Denn wenn sie sich die Mühe gab , die Bewerbungen des Niederländers so offenkundig zu ertragen , und dabei eine geheime Absicht verbarg , so mußte Erikson sich artigerweise auch die Mühe geben , einen solchen Vorgang zu verstehen . Die Ruhe gewann indessen die Oberhand , als er das vermißte Paar mitten in unserm mythologischen Kreise sitzen sah ; er nahm gleichmütig in der Nähe Platz , mußte aber alsobald seine Aufmerksamkeit wieder anstrengen . Lys führte seine Reden über durchaus unverfängliche , ja gleichgültige Dinge , aber mit jenem unmittelbar an die Frau gerichteten vertrauten Tone , welchen solche Eroberer anzuschlagen pflegen , um die Welt an das Unvermeidliche beizeiten zu gewöhnen . Erikson ertrug manches an ihm , ohne zu richten ; jetzt aber stieg ihm doch der Gedanke auf , ob der Freund nicht doch einer von den Tröpfen sein dürfte , deren Hauptstück darin besteht , goldene Uhren zu stehlen oder einem andern das Weib zu nehmen . Es gibt ja , dachte er , bei beiden Geschlechtern solche Raub- und Wechseltiere , die nur dann glücklich sind , wenn sie erst fremdes Glück zerstört haben ! Freilich nehmen sie nur , was sie kriegen können , und die Ware ist auch meistens darnach ! Allein diesmal wäre es wirklich schade ! Und er betrachtete mit neuer Besorgnis und Bewunderung Frau Rosalien , wie sie mit unverwüstlicher Holdseligkeit Lysens Gespräch anhörte und ihn mit unwiderstehlichem Lächeln zu klugen und zuversichtlichen Redensarten verlockte . Derart beschäftigt , konnte er nicht beachten , was mit Agnes vorging und wie ich als ihr Abgesandter abermals zu Lys herüberkam und ihn leise , aber inständig bat , nur ein einziges Mal mit ihr zu tanzen . Da Lys eben eine kleine Pause machte , schreckte er auf wie ein balzender Auerhahn , aber nicht um davonzufliegen , sondern mich mit unterdrückter Stimme anzufahren : » Was ist denn das für eine Sitte an einem jungen Mädchen ? Tanzt miteinander und laßt mich zufrieden ! « Ich ging hin , um das schmerzlich erregte Wesen so gut möglich zu trösten und hinzuhalten ; doch war mir Erikson schon zuvorgekommen , welchem Rosalie , während ich mit Lys gesprochen , einige Worte zugeflüstert hatte , die ihn munter zu machen schienen . Er führte die schimmernde Gestalt in die Tanzreihen und schwang sich mit ihr ebenso kraftvoll als leicht herum , und Agnes flog in eigener Kraft mit ihm und um ihn herum , wie wenn ihre feinen Knöchel von Stahl gewesen wären . Hernach wurde sie von Herrn Franz von Sickingen aufgefordert , der noch nicht gewillt war , sich in einem Harnischkasten begraben zu lassen . Sie erschien auch in dem Figurentanze , der aufgeführt wurde , wieder so fremdartig reizend , daß der große Meister Dürer selbst sich an den Weg stellte und seiner Rolle getreu kein Auge von ihr verwandte , sein Büchlein hervorzog und eifrig zu zeichnen begann . Der artige Einfall rief großes Vergnügen hervor ; man hielt inne , und es sammelte sich eine beifällige , fast ehrfürchtige Menge , etwa wie wenn der alte Meister leibhaftig erschienen und zeichnend gesehen worden wäre . Es war noch nicht der Gipfel der Ehren , die Agnes heute erlebte ; der kaiserliche Weißkunig ließ sich im Vorbeispazieren von seinem Gefolge über den Auftritt Bericht geben , die schlanke Diana sich vorstellen und bat den von Sickingen mit huldreichen Worten , sie ihm für einen Rundgang zu überlassen . Unter dem Einfallen des vollen Orchesters ging sie an der Hand des festlichen Traumköniges um den Saal , während überall auf ihrem Wege die Ritter , Edeldamen und Patrizierinnen sich verbeugten , die Bürger ihre Mützen zogen . Ihr Gesicht war blühend gerötet von Erregung und Hoffnung , als sie mit so rühmlichem Erfolge , nachdem der Kaiser sie an Sickingen , dieser an Erikson feierlich abgegeben hatte , von letzterm an ihren Platz zurückgeführt wurde . Allein der Geliebte hatte nichts von allem gesehen und nahm auch ihre Rückkehr nicht wahr . Rosalie hatte sich während der Zeit ihres breiten Federhutes entledigt und denselben Lysen zum Halten gegeben ; und wie sie nun mit freiem Kopfe dasaß und ihr ambrosisches Haar mit den weißen Fingern ordnete , wirkte ihre Schönheit mit erneuter Betörung auf ihn ein . Jetzt erblaßte Agnes , wendete sich zu mir und bat mich , ihm zu sagen , sie wünsche nach Hause gebracht zu werden . Sogleich eilte er herbei , besorgte den warmen Mantel des Mädchens und ihre Überschuhe , und als sie gut verhüllt war , führte er sie , mich hinzuwinkend , in den Hof , legte ihren Arm in den meinigen und ersuchte mich , indem er sich von Agnes in freundlich väterlicher Weise verabschiedete , seine kleine Schutzbefohlene recht sorgsam und wacker nach Hause zu geleiten . Zugleich verschwand er , nachdem er uns beiden die Hände gedrückt , wieder in der Menge , welche die breite Treppe auf- und niederstieg . Da standen wir nun auf der Straße ; der Wagen , welcher Agnesen mit ihrem Liebesentschlusse hergebracht , war nicht zu finden , und nachdem sie traurig an das erleuchtete Haus , in welchem es sang und klang , hinaufgesehen , kehrte sie ihm noch trauriger den Rücken und trat , von mir geführt , den Rückweg durch die stillen Gassen an , in denen der Morgen zu dämmern begann . Sie hielt das Köpfchen tief gesenkt ; in der Hand trug sie unbewußt den großen Hausschlüssel , ein altes Stück Arbeit , welches ihr Lys in der Zerstreuung anstatt mir zugesteckt hatte . Sie trug den Schlüssel fest umschlossen in dem dunklen Gefühle , daß Lys ihr das kalte , rostige Eisen gegeben ; es war doch etwas , das von ihm kam , sonst hatte er heute nicht viel an sie gewendet . An dem Festmahle hatte sie beinahe nichts genossen , und das wenige , mit dem sie seither etwa ihre Lippen erfrischt , war von mir besorgt worden . Als wir vor dem Hause angelangt , stand sie schweigend und rührte sich nicht , obgleich ich sie wiederholt fragte , ob ich die Glocke ziehen oder vielmehr mit dem zierlichen Meerfräulein des Türklopfers Lärm machen solle , und erst als ich den Schlüssel in ihrer Hand entdeckte , aufschloß und sie bat hineinzugehen , legte sie langsam beide Arme mir um den Hals und fing an , erst wie im Traume zu stöhnen , dann mit den Tränen zu ringen , die nicht fließen wollten . Ihr Mantel sank von den Schultern ; ich wollte ihn aufhalten , umfing sie aber statt dessen brüderlich und streichelte ihr den Kopf und den Hals , denn den Wangen konnte ich nicht beikommen . In der feinen Silberbrust , die an mir lag , fühlte und hörte ich die Seufzer sich heraufarbeiten und das Herz klopfen ; es war wie das Murmeln eines verborgenen Quells , den man im . Walde an der Erde liegend etwa zu hören bekommt . Ihr heißer Atem strömte in mein Ohr , es wurde mir zu Mute , als ob ich ein selig trauriges Märchen , wie es in alten Liedern steht , wirklich erlebte , und ich seufzte unwillkürlich auf . Endlich konnte das ärmste Wesen zum Weinen kommen , und es begann ein bitterliches Schluchzen . Die klagenden Naturlaute , keineswegs schön , aber unendlich rührend , wie der Kummer eines Kindes , drängten und brachen sich in der feinen Kehle und in der nächsten Nähe meines Ohres . Sie warf den Kopf herum auf meine andere Schulter , und ich legte meinen Kopf in absichtsloser Bewegung auch darauf , wie um ihren Schmerz zu bestätigen . Da zerstachen ihr die Distelblätter und Stechpalmen an meiner Kappe Hals und Wange , sie fuhr zurück , erwachte und erkannte plötzlich , mit wem sie war . Hilflos stand das doppelt getäuschte Mädchen da und sah weinend zur Seite . Ich gab ihr den Mantel auf den Arm , nur um sie mit etwas zu beschäftigen , führte sie sanft zur Treppe und ging darauf hinaus , die Türe zuziehend . Alles war noch still in dem Hause , die Mutter schien fest zu schlafen , und ich hörte nur , wie Agnes stöhnend die Treppe hinaufstieg und sich wiederholt an den Stufen stieß . Endlich ging ich weg und kehrte langsam in den Festsaal zurück . Vierzehntes Kapitel Das Narrengefecht Die Sonne ging eben auf , als ich in den Saal trat . Alle Frauen und älteren Leute waren schon weggegangen ; die Menge der Jüngeren aber , von höchster Lust bewegt , wogte durcheinander und schickte sich an , eine Reihe von Wagen zu besteigen , um unverzüglich , ohne auszuruhen , ins Land hinauszufahren und das Gelage in den Forsthäusern und Waldgärten fortzusetzen , welche an den Ufern des breiten Bergflusses gelegen waren . Rosalie besaß in jener Gegend ein Landhaus , und sie hatte die fröhlichen Leute der Mummerei eingeladen , sich am Nachmittage dort einzufinden , bis wohin sie als bereite Wirtin ebenfalls dasein würde . Insbesondere waren dazu noch einige Frauen gebeten , und diese hatten ausgemacht , da es einmal Fasching sei , in der alten Tracht hinauszufahren ; denn auch sie wünschten so lang als möglich sich des glänzenden Ausnahmezustandes zu erfreuen . Erikson war in seine Wohnung gegangen , um sich in seine gewohnten Kleider zu werfen , die er nur etwas sorgfältiger als sonst auswählte . Da auch Rosalie später in moderner Toilette erschien , wie sie der Jahreszeit und dem Tage einfach angemessen war , ließ sich denken , daß hierin entweder eine Verständigung stattgefunden oder ein übereinstimmendes Gefühl waltete , beides schlichte Anzeichen , die von ruhigen Beobachtern nicht übersehen wurden . Auch Lys war nach Hause geeilt , doch in entgegengesetztem Sinne . Er hatte seinerzeit zu Studien für das Bild mit dem Salomo versuchsweise ein altorientalisches Königskostüm anfertigen lassen ; das lange Gewand war von weißem feinem Batistleinen , in viele Falten gelegt und mit purpurfarbigen , blauen und goldenen Borten , Troddeln und Fransen besetzt . Kopf- und Fußbekleidung entsprachen ebenfalls dem ungefähren vorderasiatischen Stile des Altertums . Die betreffende Studie hatte er in der Ausführung zwar nicht benutzt ; jetzt aber schien ihm das Kleid tauglich , um darin einen Scherz vorzubringen und am Hofe der Liebesgöttin sich als gestriger Jagdkönig im Hofgewande einzufinden . Dazu ließ er Haar und Bart mit Brenneisen und duftenden Ölen formieren und kräuseln und legte schließlich um die nackten Vorderarme abenteuerliche Spangen und Ringe . Das alles beschäftigte ihn reichlich bis zur Mitte des Tages , nachdem er in der leidenschaftlichen Verirrung , die ihn befallen , wenig genug geschlafen haben mochte . Meinerseits hatte ich gar nicht geschlafen , sondern fuhr gleich in der Morgenfrühe mit der Hauptschar hinaus . Große Wagen , mit Landsknechten beladen und von deren Spießen starrend , rasselten voraus und ihnen nach eine lange Reihe von Fuhrwerken aller Art in die helle Morgensonne hinein , am Rande der schönen Buchenwälder , hoch auf den Uferhängen des Stromes , der in glänzenden Windungen um die Geschiebe- und Gebüschinseln rauschte . Es war ein milder Februartag und der Himmel blau ; die Bäume wurden bald von der Sonne durchschossen , und wenn ihnen das Laub fehlte , so glänzte das weiche Moos auf dem Boden und auf den Stämmen um so grüner , und in der Tiefe leuchtete das blaue Bergwasser . Das bunte Volk ergoß sich über eine malerische Gruppe von Häusern , welche vom Wald umgeben auf der Uferhöhe lag . Ein Forsthof , ein altertümliches Wirtshaus und eine Mühle am schäumenden Waldbach waren bald in ein gemeinsames Lustlager verwandelt und verbunden ; die stillen Bewohner sahen sich von dem berühmten Feste gleichsam in Person überrascht und umklungen und hatten genug zu tun mit Sehen und Hören , Bewundern und Belachen alles dessen , was sie in hundert Gestalten so plötzlich von allen Seiten umgab . Den Künstlern aber weckte die freie Natur , der erwachende Lenz den Witz in der tiefsten Seele ; die frische Luft legte die beweglichsten Fühlfäden der Freude bloß , und wenn die Lust der entschwundenen Nacht auf Verabredung und geplanter Einrichtung beruhte , so lockte die jetzige Tageslust zufällig und frei zum lässigen Pflücken , wie die Frucht am Baume . Die dem phantasierenden Fühlen und Genießen angemessenen Kleider waren nun wie etwas Hergebrachtes , das schon nicht mehr anders sein kann , und in ihnen begingen die Glücklichen tausend neue Scherze , Spiele und Torheiten von der geistreichsten wie von der kindlichsten Art , oft plötzlich unterbrochen durch einen wohlklingenden , festen Gesang , hier unter Bäumen , dort aus einer Schenkstube oder aus dem Ringe von Landsknechten , welche die Müllerstochter umstellt hatten . Aber bei allem Selbstvergessen blieb jeder , was er war , und huschten die ewigen Menschlichkeiten wie leise Schatten über die frohen Gesichter . Der Mürrische schmollte ein weniges bei Gelegenheit , der Mutwillige reizte den Übelnehmer , der Sorglose den Tadelsüchtigen zu einem kleinen Gezänk ; der Gedrückte dachte unversehens einmal an seine Sorgen und tat einen tiefern Atemzug ; der Sparsame und Ängstliche überzählte verstohlen seine Barschaft , und der Leichtsinnige , der schon fertig war , überraschte und kränkte ihn durch ein Darlehnsbegehren . Aber alles dies kräuselte sich im Fluge vorüber wie der Lufthauch auf dem Glanze eines Wasserspiegels . Auch ich geriet eine Weile in einen solchen Wolkenschatten . Ich war dem Mühlbache nach tiefer in das Gehölz gegangen und wusch mir das Gesicht mit den frischklaren Wellen ; dann setzte ich mich auf das Holzwerk einer Wasserschwelle und überdachte die vergangene Nacht und das seltsame Abenteuer im Hausflur der Agnes . Das sanfte Rauschen des Wassers brachte mich in einen Halbschlummer , in welchem meine Gedanken wie träumend in die Heimat wanderten ; ich glaubte an der Seite der toten Anna an dem stillen Waldwasser zu sitzen in der Tracht des Tellenspieles ; dann sah ich mich an ihrer Seite durch die Abendlandschaft reiten und sah alles mit ruhigem Herzen wie eine Erscheinung verschollener Tage , welche für sich abgeschlossen und nicht mehr zu ändern ist . Unversehens aber verlor sich und verblich das Bild vor der Gestalt der Judith , mit der ich durch die Nacht wandelte ; ich war bei ihr im Hause , während die barmherzigen Brüder es belagerten , ich sah sie in ihrem Baumgarten aus dem Herbstdufte hervortreten und endlich auf dem Wagen der Auswanderer in die Ferne verschwinden . Wo ist sie ? Was ist aus ihr geworden ? rief es in mir , und das Heimweh nach ihr machte mich plötzlich munter . Im hellsten Tageslicht sah ich sie vor mir stehen und gehen , aber ich sah keine Erde unter ihren lieben Füßen , und es war mir , als ob ich das Beste , was ich je gehabt und noch haben könnte , gewaltsam und unwiederbringlich mit ihr verloren hätte . Ich dachte an die Flucht der räuberischen Zeit , seufzte und schüttelte leise den Kopf , und erst jetzt wurden durch den Klang der Schellen meine Gedanken ganz wach und geordnet , daß ich endlich auch der Mutter gedachte , freilich nur wie eines Selbstverständlichen und Unverlierbaren , wie eines guten Hausbrotes ; denn daß ein solches eines Tages am ehesten abhanden kommen kann , hatte ich noch nicht erfahren . Dennoch dachte ich mit ziemlichem Ernste an die Frau in der stillen Stube ; schon ging ich in meinem zweiundzwanzigsten Jahre , und noch hatte ich ihr keine klare Rechenschaft ablegen können über den Stand meiner irdischen Aussichten , über die Frage des Fortkommens in der Welt . Rasch rückte ich das Täschchen herum , das an meinem Gurte hing und neben dem Schnupftuch und anderen Dingen einen Teil der letzten Barschaft enthielt , die ich noch zu verzehren und die mir die Mutter , wie die früheren Summen , pünktlich und getreulich vor kurzer Zeit gesendet hatte . Freilich nützte das Zählen jetzt nichts , und ich schob die Tasche wieder zurück , verhehlte mir aber nicht , daß meine kleine Hausvorsehung zu Hause die Teilnahme an dem Feste nicht billigen werde . Das Narrenkleid kostete zwar nicht viel , und ich hatte es auch hauptsächlich aus diesem Grunde gewählt ; dennoch konnte die Stunde kommen , wo ich den bescheidenen Betrag bitter entbehren mußte . Doch jetzt verstand ich besser als die Mutter , was nötig und ersprießlich war für einen jungen Gesellen , besonders als ein frisches Lied aus dem Lager der Freude herübertönte . Ich schüttelte abermals den Kopf , daß die Schellen klangen , sprang auf und eilte davon . Ich trieb mich vergnüglich herum und machte allerlei Gänge in die Landschaft hinein , bald mit anderen , bald allein . Gegen Mittag lief ich dem stattlichen Erikson in die Hände , der eben aus der Stadt geschritten kam . Unser erstes Gespräch war das Benehmen unsers Freundes Lys . Erikson zuckte die Achsel und sagte nicht viel , während ich mein Erstaunen ausdrückte und viele Worte machte , wie jener so schmählich handeln könne . Ich ergoß mich im schärfsten Tadel und um so lauter , als ich das dunkle Gefühl empfand , ich sei bei der verwirrten Umhalsung Agnesens in verwichener Nacht einer unerlaubten Anwandlung nur mit Not entgangen . Meine Selbstgerechtigkeit stand ja auf festen Füßen , weil ich durch das erwachte Andenken an Judith und ein starkes Heimweh nach ihr mich jetzt sicher fühlte . Und allerdings war es eigentümlich , daß Erlebnisse , die in vergangenen Tagen gefährlich und ungehörig für mich gewesen , jetzt dazu dienen mußten , mich gegen Verlockungen der heutigen Stunde zu schützen . » Ich will wetten « , unterbrach mich Erikson , » daß er das arme Ding heute sitzenläßt und nicht mitbringt . Wir sollten ihm aber einen Streich spielen , damit er zur Vernunft kommt . Nimm einen Wagen , fahre in die Stadt und sieh ein wenig zu ! Findest du den Tollkopf nicht zu Hause noch bei dem Mädchen , so bring dieses ohne weiteres mit , und zwar in Rosaliens Namen und Auftrag , so kann die Mutter nichts dagegen haben ; ich werde das verantworten . Zu Lys wirst du nachher einfach sagen , daß du für deine Pflicht gehalten , dem Gebote nachzukommen , da er dir die Schöne in letzter Nacht so beharrlich anvertraut . « Ich fand diesen Einfall nur in der Ordnung und fuhr sogleich in die Stadt . Auf dem Wege begegnete ich Lys , der ganz allein in einer Kutsche saß , in einen warmen Mantel gehüllt ; die kegelförmige Königsmütze mit ihren Anhängseln , der wunderlich gelockte schwarze Bart verrieten aber genugsam den festschwärmenden Nachzügler . » Wohin willst du ? « rief er mir zu . » Ich soll « , erwiderte ich , » dich aufsuchen und sehen , daß du das gute Mädchen Agnes mitbringst , im Falle du es nicht ohne hin tun würdest ! Dies scheint nun so zu sein , und ich will sie holen , wenn du nichts dagegen hast , und in deinem Namen . Eriksons schöne Witwe wünscht es . « » Tu das , mein Sohn ! « sagte Lys möglichst gleichgültig , obschon er sichtlich etwas überrascht war . Er hüllte sich dichter in den Mantel , indem er seinem Kutscher barsch befahl weiterzufahren , und ich hielt bald nachher vor Agnesens Wohnung . Das Pferdegetrampel und Rollen der Räder sowie das plötzliche Stillstehen widerhallte in ungewohnter Weise auf dem still entlegenen Plätzchen , so daß Agnes im selben Augenblicke mit strahlenden Augen ans Fenster fuhr . Als sie mich aussteigen sah , verschleierte sich der Blick wieder , doch harrte sie noch erwartungsvoll , als ich in die Stube trat . Ihre Mutter war auch da , beschaute mich von allen Seiten , und indem sie fortfuhr , mit einer alten Straußenfeder ihren Altar , das darüber hängende Bild , die Porzellantassen und Prunkgläser , auch die Wachslichter abzustäuben und zu reinigen , fing sie an zu plaudern : » Ei , da kommt uns ja auch ein Stück Karneval ins Haus , gelobt sei Maria ! Welch allerliebster Narr ist der Herr ! Aber was Tausend habt Ihr denn ? was hat Herr Lys nur mit meiner Tochter angefangen ? Da sitzt sie den ganzen Morgen , ißt nichts , schläft nicht , lacht nicht und weint nicht ! Dies ist mein Bild , Herr , wie ich vor zwanzig Jahren gewesen bin ! Doch Sie haben es , glaub ich , auch schon gesehen ! Dank unserm Herren und Heiland , man darf es noch betrachten ! Sagen Sie nur , was ist es mit dem Kinde ? Gewiß hat Herr Lys sie zurechtweisen müssen , ich sag es immer , sie ist noch zu dumm und ungebildet für den feinen Herren ! Sie lernt nichts und beträgt sich unschicklich . Ja , ja , sieh nur zu , Agnes ! lernst du das von mir ? Siehst du nicht auf diesem Bild , welchen Anstand ich hatte , als ich jung war ? Sah ich nicht aus wie eine Edelfrau ? « Ich antwortete auf alles dies mit meiner Einladung , die ich sowohl in Lysens als in Frau Rosaliens Namen ausrichtete ; auch brachte ich einige Gründe vor , warum jener nicht selbst kommen könne , indes die Mutter einmal über das andere rief : » So mach , so mach , Nesi ! Jesus Maria , wie reiche Leute sind da beisammen ! Ein bißchen zu klein , ein bißchen zu klein ist die gnädige Frau , sonst aber reizend ! Nun kannst du nachholen , was du gestern etwa versäumt und verbrochen ! Geh , kleide dich an , Undankbare ! mit den kostbaren Sachen , die Herr Lys dir geschenkt ! Da liegt der Halbmond am Boden ! Aber zuerst muß ich dir das Haar machen , wenn ' s der Herr erlaubt ! « Agnes setzte sich mitten in die Stube , und ihre Wangen röteten sich leise von wiederaufkeimender Hoffnung . Die Mutter frisierte sie nun mit großer Geschicklichkeit . Sie führte nicht ohne Anmut den Kamm , und als ich die hochgewachsene Frau betrachtete und die immer noch schönen Anlagen und Züge ihres Gesichtes sah , mußte ich gestehen , daß ihre Eitelkeit einst berechtigt gewesen sei . Agnes saß mit bloßem Halse , von der Nacht der aufgelösten Haare umschattet , und es gewährte mir einen lieblich ruhevollen Anblick , wie die Mutter die langen Stränge kämmte , salbte und flocht und dabei weit zurücktreten mußte . Sie sprach fortwährend , indessen wir andern schwiegen und wohl wußten warum . Ich merkte aus allen den Reden , daß Agnes ihrer eigenen Mutter von dem Unsterne der Nacht noch nichts anvertraut hatte , und entnahm daraus , wie grausam die Sache sie würgen mußte . Endlich war das Haar ungefähr so gemacht , wie es gestern gewesen , und Agnes ging mit der Mutter nach ihrem gemeinsamen Schlafzimmer , das Dianengewand wieder anzuziehen ; sobald sie aber damit nur einigermaßen zustande gekommen , erschienen sie wieder und vollendeten den Anzug in meiner Gegenwart , weil die Alte sich unterhalten und soviel möglich von dem Feste , und wie alles verlaufen sei , erfahren wollte . Dann aber kochte sie schnell eine kräftige Schokolade , ihre Lieblingsnahrung , deren Bestandteile nebst Gebäck sie schon seit dem frühen Morgen in Bereitschaft gehalten für den erwarteten Besuch des assyrischen Königs . Jetzt mußte das duftende Getränk der genügsamen Frau zugleich das Mittagsmahl versehen , und sie ließ es sich eifrig schmecken , denn sie hatte eine ausreichende Menge gebraut ; auch Agnes nahm zwei Tassen zu sich und aß ein gutes Stück Kuchen , und ich hielt vergnüglich mit , obgleich ich schon Verschiedenes genossen hatte . So erlebt der Mensch mancherlei Unterkunft in seinen Tagen ; es ist mir kaum mehr glaublich , daß ich einst in solcher Tracht , in einem so kunstreich zierlichen Baudenkmälchen , zwischen der Diana und der alten Sibylle gesessen und friedlich gefrühstückt habe . Weil das Wetter so schön war und die Alte es verlangte , um vor ihren Nachbaren zu triumphieren , wurde die Decke des Wagens niedergelassen , als wir wegfuhren , und sie schwenkte ihr Tuch aus dem offenen Fenster unter Abschiedsgrüßen und Glückwünschen . Agnes aber seufzte dabei verstohlen und atmete erst etwas freier , als wir vor dem Tore waren . Ohne der Vorfälle der letzten Nacht mit einem Worte zu gedenken , fing sie an zu plaudern . Ich mußte berichten , wie die heutige Lustbarkeit sich veranlaßt habe , wer draußen zu treffen sei und wann wir wieder zurückkehrten ? Denn sie wagte noch nicht , offen vorauszusetzen , wie sie hoffte , daß sie nicht mit mir , sondern mit Lys heimfahren werde . Ich wußte noch weniger einen Aufschluß zu erteilen und sprach , die allgemeine Vermutung aus , es werde die ganze Gesellschaft zusammen aufbrechen , und wenn es auf mich ankomme , so gehe man heute überhaupt noch nicht heim ! Da sei sie auch dabei , sagte sie fast so fröhlich , wie wenn es ihr Ernst wäre . Als wir schon das weiße Landhaus in einiger Entfernung glänzen sahen , geriet Agnes aufs neue in Bewegung ; sie wurde rot und blaß , und da sich zur Seite der Straße auf einem kleinen Hügel eine Kapelle zeigte , verlangte sie auszusteigen . Sie eilte , ihr Silbergewand zusammenfassend , den Stufen weg hinan und ging in das Kirchlein ; der Kutscher nahm seinen Hut ab , stellte ihn neben sich auf den Bock , bekreuzte sich und betete , die fromme Muße benutzend , ein Vaterunser . So blieb mir nichts übrig , als verlegen unter die Kapellentür zu treten und zu warten , bis die unerwartete Zwischenhandlung vorüber war . An einem der Türpfosten sah ich ein gedrucktes Gebet hinter Glas gefaßt aufgehängt , welches ungefähr folgende Überschrift trug Gebet zur allerlieblichsten , allerseligsten und allerhoffnungsreichsten heiligen Jungfrau Maria , der gnadenreichen und hilfespendenden Fürbitterin Mutter Gottes . Approbiert und zum wirksamen Gebrauche empfohlen für bedrängte weibliche Herzen durch den hochwürdigsten Herren Bischof usf. Dazu war noch eine Gebrauchsanweisung gefügt , wie viele Ave und andere Sprüche herzusagen seien . Dasselbe Gebet lag auf Pappe gezogen auf ein paar alten Holzbänken umher . Sonst zeigte das Innere der Kapelle nichts als einen einfachen Altar , der mit einer verblichenen veilchenfarbigen Decke behangen war . Das Altarbild zeigte den Englischen Gruß , von roher Hand gemalt , und vor demselben stand noch ein kleines Marienbildchen im starren Reifröckchen von Seide und Metallflittern in allen Farben . Rings um den Altar hingen an der Wand geopferte Herzen von Wachs , in allen Größen und auf die mannigfaltigste Weise verziert ; im einen stak ein seidenes Blümchen , im andern eine Flamme von Rauschgold , das dritte durchbohrte ein Pfeil , wieder ein anderes war ganz in rote Seidenläppchen gewickelt und mit Goldfaden umwunden , und eines war gar mit großen Stecknadeln besetzt wie ein Nadelkissen , wohl zur Schilderung der schmerzlichen Pein seiner Spenderin ; dagegen schien ein mit grüner Farbe und vielen roten Röschen bemaltes Herz von der zur Zufriedenheit gelungenen Heilung Kunde zu geben . Leider versäumte ich , den Text des Gebetes selbst zu lesen , weil ich nur auf die Beterin sehen mußte , die in ihrem heidnischen Göttergewande , den keuschen Halbmond über der Stirne , auf der Altarstufe vor dem wächsernen Frauenbilde kniete , mit zitternden Lippen das Gebet von einem der Pappdeckel ablas , dann die Hände faltete , zu dem Bilde aufblickte und die vorgeschriebene Zahl der übrigen Sprüche , die zum Glücke nicht groß war , leise murmelte oder flüsterte . In dieser großen Stille und bei diesem Anblicke fühlte ich das Ineinanderweben der Zeiten , und es war mir fast zu Mut , als lebte ich vor zweitausend Jahren und stünde vor einem kleinen Venustempel irgendwo in alter Landschaft . Ich dünkte mich jedoch unendlich erhaben über die Szene , so artig sie war , und dankte meinem Schöpfer für das stolze und freie Gefühl , das mich beseelte . Endlich schien Agnes sich der Hilfe der Himmelskönigin genugsam versichert zu haben ; sie erhob sich mit einem Seufzer und ging nach dem in meiner Nähe hängenden Weihkessel . Da sah sie mich in der Türe gelehnt , wie ich sie aufmerksam betrachtete , und erinnerte sich über meiner ganzen Haltung daran , daß ich ein Ketzer war . Ängstlich tauchte sie den Wedel tief in den Kessel , eilte mir damit entgegen und besprengte mir das Gesicht über und über mit Wasser , indem sie mit dem Wedel viele Kreuze schlug . So hatte sie mich in weniger als zwölf Stunden zum zweiten Male durchnäßt , erst mit ihren Tränen und nun mit dem Weihwasser , und ich rückte doch den Hals etwas unbehaglich her und hin , da mir die Feuchte in den Nacken rieselte . Das doppelt mythologische Geschöpf aber war nun über die schädliche Einwirkung meiner Ketzerei beruhigt ; sie ergriff meinen Arm und ließ sich wieder in die Kutsche bringen , deren Lenker seine geistliche Erquickung längst beendigt hatte und zur Weiterfahrt bereit war . Er machte ein