daß sie Othegravens Antrag ablehnte . Damals mißbilligte ich es ; es schien mir eine Unklugheit , wenn nicht Schlimmeres . Aber ich hab ihr unrecht getan . Er ist aus Münsterland , und sie ist aus Feenland , und alles Westfälische ist der letzte Fleck der Erde , mit dem sich die Feen befreunden können . An Faulstich und Tante Amelie habe ich heute früh geschrieben . Wenig zu meiner Zufriedenheit . Die Briefe an die Gräfintante passen mir nie ; ich weiß nicht , woran es liegt . Ich sollte mir einen Sammelkasten für Anekdoten und Bonmots anlegen und diesen Kasten einfach ausschütten , wenn ich einen Brief an die Tante zu schreiben habe . Aber dergleichen kann ich nicht . Ich leide mitunter unter meiner Schwerfälligkeit , und um so mehr , als es derselbe Zug ist , den mir Kathinka nicht verzeiht . Ich werde sie heute abend sehen , auch Tubal . Dieser ist viel mit Bninski und dem Rittmeister von Hirschfeldt zusammen , einem ausgezeichneten Offizier , der in Spanien war ( auf englischer Seite ) , was aber nicht hindert , daß er sich mit dem Grafen befreundet hat . Das letzte Mal , daß ich Tubal sah , es war in Lehnin ; während wir die Kirche besuchten , fragte er mich : Wann reisen wir nach Hohen-Vietz ? Ich lasse dahingestellt sein , ob ihm dabei die Enrollierung in das Landsturmbataillon Lebus oder seine Cousine Renate mehr am Herzen lag . Und nun lebe wohl . Ich sehe heiterer in die Zukunft als seit lange . Alles läßt sich gut an , das Große und das Kleine . Und das Kleine ist die Hauptsache , denn es ist das Ich . Gruß an Papa und die Freunde . Dein Lewin « Es war inzwischen ein Uhr geworden , und da sein Mittagsweg ihn ohnehin an dem großen Postgebäude vorüberführte , so unterzog sich Lewin der Mühe , die fünf Briefe , die das Ergebnis dieses Vormittags waren , selbst am Schalter abzugeben . Neben der Post war das Ladalinskische Haus ; er sah hinauf , aber in allen Zimmern der ersten Etage , auch in dem des Geheimrats , waren die Rouleaux herabgelassen . Er sann einen Augenblick nach , was die Ursache davon sein könne , vergaß aber den gehabten Eindruck wieder , als er an der Ecke der Stechbahn Jürgaß begegnete , mit dem er nun ein kurzes Gespräch über die nächste Kastaliasitzung führte . » Auf Dienstag ! « damit trennten sie sich , und Lewin , nachdem er in der Taubenstraße an alter Stelle sein einfaches Mittagsmahl eingenommen hatte , ging auf die lange , der ehemaligen Berliner Stadtmauer entsprechende Wallstraße zu , von der aus er - in nur geringer Entfernung vom Spittelmarkt - in die aus alten und stattlichen , aber freilich auch heruntergekommenen Häusern bestehende Kreuzgasse einbog . In einem dieser alten und stattlichen Häuser wohnte Hansen-Grell , zu dem sich Lewin um seiner Schlichtheit und kaum minder um seines romantischen , eben dieser Schlichtheit fast widersprechenden Zuges willen von Anfang an in hohem Maße hingezogen gefühlt hatte . Eine Aufforderung zu einem Besuche war nie ausgesprochen worden , aber als sie vor zwei Tagen , wo ein Zufall sie zusammengeführt , sich nach längerem und sehr eingehendem Geplauder wieder getrennt hatten , hatte Lewin den Entschluß gefaßt , diesen Besuch in Grells Wohnung auch ohne Aufforderung zu machen . Es war ein Hochparterre . Acht oder zehn Steinstufen , ausgelaufen und von einem verbogenen Eisengeländer eingefaßt , führten hinauf . An der Tür , mit dicker Feder auf ein halbes Kartenblatt geschrieben , stand Hansen-Grell . Lewin klopfte . » Herein ! « Es war eine in drei Felder geteilte , nur mit dem vordersten Drittel sich öffnende Tür , gerade breit genug , einen Menschen mit seiner Schmalseite hindurchzulassen . Lewin passierte das Defilee und befand sich in einem großen , wohl vierzehn Fuß hohen Raum , in dem er auf den ersten Blick nichts weiter als vier kahle , gelbgetünchte Wände und einen ungeheuren schwarzen Kachelofen erkennen konnte . Zugleich hatten sich vier lange , schmale Gardinenstreifen , bei dem durch das Öffnen der Tür entstandenen Luftzug , in eine langsam schwerfällige Bewegung gesetzt . Aber dieser Eindruck des Kahlen und Öden blieb nicht lange , und die gemütlicheren Elemente kamen zu ihrem Recht . In dem von innen her geheizten Ofen war der Torf so weit niedergebrannt , daß der Anblick der in blauen Flämmchen zuckenden Glut mit diesem unschönsten aller Heizungsmateriale wieder aussöhnen konnte , und von dem danebenstehenden , mit Büchern überdeckten Klapptisch stiegen kleine , sich kräuselnde Wölkchen auf und zogen dem Eintretenden wie ein freundlicher Gruß entgegen . Hansen-Grell war bei der Präparation seines Nachmittagkaffees . » Einen Augenblick noch « , rief er , und den Topf mit kochendem Wasser , den er nur halb geleert hatte , wieder in die Glut des Ofens schiebend , trat er jetzt Lewin entgegen und reichte ihm die noch halb rußige Hand , nachdem er sie durch einen energischen Strich über den Ärmel seines Flausrocks hin wenigstens aus dem Gröbsten herausgebracht hatte . » Ich freue mich herzlich , Sie zu sehen , « sagte er , » besonders zu dieser Stunde , wo die Ofenglut und der dampfende Kaffee die Honneurs des Hauses machen . Sie trinken mit . Ich bin , wie Sie sehen , etwas beschränkt im Wirtschaftlichen , aber was Tassen angeht , kann ich mit jeder Klatschbase konkurrieren . « Lewin wollte erwidern , aber Hansen-Grell fuhr fort : » O nicht doch ; fürchten Sie nicht , mich zu benachteiligen ; hier ist der Kaffee und dort das Wasser . Ich könnte die ganze Kastalia bewirten , ohne jede Gefahr persönlicher Einbuße . Ich bitte Sie , nehmen Sie Platz , während ich nach meiner besten Meißner suche . Sie sollen die vergoldete haben , mit einem Amor und einer Schäferin , die lacht und weint , weil sie schon getroffen ist . Können Sie sich denken , daß ich eine Passion für solche Spielereien habe ? Es ist noch ein Nachklang aus meinen Kopenhagener Tagen her . Der alte Graf war ein leidenschaftlicher Sammler . « Bei diesen Worten hatte sich Hansen-Grell an einen auf den ersten Blick nicht wahrnehmbaren Schrank gemacht , der in einer der dicken Wände mittendrin steckte , und suchte hier nicht bloß nach der versprochenen Meißner Tasse , sondern behufs besserer Repräsentation auch nach einer Zuckerschale , die er auf einem der Bretter oben oder unten gesehen zu haben sich deutlich entsann . Er persönlich hatte das Tütenprinzip . Lewin war inzwischen der Aufforderung seines in halber Verlegenheit immer weitersprechenden Wirtes gefolgt und hatte , die Gardinen zurückschlagend , in einer der tiefen Fensternischen Platz genommen . Hier standen zwei Binsenstühle , auf deren einem ein paar aufgeschlagene Bücher lagen , und während Hansen-Grell - der die Zuckerschale noch immer nicht entdeckt hatte - sein mehr und mehr in bloße Verwunderungsausrufe sich auflösendes Gespräch fortsetzte , nahm Lewin eines der kleinen Bändchen zur Hand und sah hinein . Es waren Hölderlins Gedichte . Auf einer der aufgeschlagenen Seiten standen vier Zeilen . In jüngeren Tagen war ich des Morgens froh , Des Abends weint ich ; jetzt , da ich älter bin , Beginn ich zweifelnd meinen Tag , doch Heilig und heiter ist mir sein Ende . Lewin empfing einen bedeutenden Eindruck von diesen Zeilen , aber es war dafür gesorgt , daß er sich ihm nicht lange hingeben konnte . Hansen-Grell hatte mittlerweile alles gefunden , was ihm wünschenswert erschien , und präsentierte jetzt , nachdem er , ängstlich die Diele haltend , den weiten Weg zwischen Ofen und Fenster zurückgelegt hatte , seinem Gaste eine bis an den Rand hin gefüllte Tasse Kaffee . Dieser nahm , schlürfte und lobte und sagte dann : » Ich bin überrascht , Sie bei Hölderlin zu finden . Nach dem Bilde , das ich mir von Ihnen gemacht habe , mußten Sie mit der ums Morgenrot fahrenden Lenore für dieses und jenes Leben verbunden sein . Ich kann Ihnen auch allenfalls den Wilden Jäger oder die Chevyjagd gestatten , aber Hölderlin ? Nein . « Hansen-Grell hatte sich auf den gegenüberstehenden Binsenstuhl gesetzt und sagte , während er seine beiden Hände auf das bequem übergeschlagene Knie legte : » Sie berühren da einen feinen Punkt , wenn Sie wollen , einen Widerspruch in meiner Natur . Vielleicht auch in mancher andern . Es ist ganz richtig , daß ich meiner Empfindung und , wenn ich von so Unbedeutendem sprechen darf , auch meiner Dichtung nach ganz in die neue Schule hineingehöre ; ich halte es wohl oder übel mit den Romantikern und werde nie von etwas anderem träumen als von nordischen Prinzessinnen und siegreichen Schlangentötern . Und wird es mir gelegentlich des romantischen Apparates zuviel , so pfleg ich mich , nach der Lehre vom Gegensatz , mit einer Art Passion auf Rokokodinge zu werfen und vor Puder und Reifrock nicht zu erschrecken . Aber etwas Klassisches nie , weder nach Form noch Inhalt . « Lewin lächelte und wies auf das zwischen ihnen liegende Buch . » Ich komme darauf « , fuhr Hansen-Grell fort , » das ist es ja eben , was mich von einem Widerspruche sprechen ließ . Ich werde nie klassisch empfinden , nie auch nur den Versuch machen , einen Hexameter oder gar eine alkäische Strophe aufzubauen , und doch , wo immer ich mit dieser Welt des Klassischen in Berührung komme , fühl ich mich in ihrem Banne und sehe , solange dieser Zauber anhält , auf alles Volksliedhafte wie auf bloße Bänkelsängereien herab . Ich habe dann plötzlich aller naiven Dichtung gegenüber ein Gefühl , als ob ich hübsche Dorfmädchen auf einem Hofball erscheinen sähe ; sie bleiben hübsch , aber die Buntheit und die Willkürlichkeit ihres Aufputzes läßt selbst ihren wirklichen Reiz als untergeordnet erscheinen . « » Ich kann Ihnen darin nicht zustimmen « , erwiderte Lewin , » Sie sprachen schon selbst das Wort aus , auf das es mir anzukommen scheint , solange der Zauber anhält . Da liegt es . Auch in der Kunst gilt das Toujours perdrix , und jedes Zuviel weckt das Verlangen nach einem Gegenteil . « » Möglich , daß Sie es mit dem Toujours perdrix getroffen haben « , sagte Hansen-Grell , » aber nach meiner eigenen persönlichen Erfahrung muß ich es doch in etwas anderem suchen . Vielleicht haben Sie Ähnliches beobachtet . Unsere dichterische Produktion , und das ist der Punkt , auf den ich Gewicht lege , entspricht unserer Natur , aber nicht notwendig unserem Geschmack . Dieser kann sich über jene erheben . Wollen wir einen Einklang herstellen , soll unser Geschmack , der unsere Lektüre bestimmt , auch unsere Produktion bestimmen , so läßt uns die Natur , die andere Wege ging , im Stich , und wir scheitern . Wir haben dann unseren Willen gehabt , aber das Geborene ist tot . « Lewin wollte antworten , Hansen-Grell indes fuhr in Entwickelung seines Gedankens mit Lebhaftigkeit fort : » Im übrigen , was unseren schwäbischen Hyperion angeht « , und dabei schlug er mit dem Finger auf das vor ihm liegende Bändchen , » so löst sich der Widerspruch , den ich Ihnen anfänglich zugestand , auf eine vielleicht viel einfachere Weise . Hölderlin , aller Klassizität seiner Form unerachtet , ist Romantiker von Grund aus . Darf ich Ihnen meine Lieblingsstrophen vorlesen ? « » Ich bitte darum . « Es dunkelte schon . Da Hansen-Grell aber die Strophen so gut wie auswendig wußte , so genügte jede Beleuchtung , und er las : » Nur einen Sommer gönnt , ihr Gewaltigen , Und einen Herbst zu reifem Gesange mir , Daß williger mein Herz , vom süßen Spiele gesättiget , dann mir sterbe ! Die Seele , der im Leben ihr göttlich Recht Nicht ward , sie ruht auch drunten im Orkus nicht ; Doch ist mir einst das Heil ' ge , das am Herzen mir liegt , das Gedicht , gelungen : Willkommen dann , o Stille der Schattenwelt ! Zufrieden bin ich , wenn auch mein Saitenspiel Mich nicht hinabgeleitet ; einmal Lebt ich wie Götter , und mehr bedarf ' s nicht . « Er legte das Buch aus der Hand und fuhr ohne Pause fort : » Das sind alkäische Strophen , klassisch in Bau und Form , und doch klingt es in ihnen romantisch trotz Orkus und aller Schatten- und Götterwelt der Klassizität . « Nun erst sah er auf Lewin . Dieser schwieg noch immer . Aber sein Schweigen sagte mehr , als es die enthusiastischsten Worte gekonnt hätten . Endlich sprach er vor sich hin : » Wie schön , und wie ist die Stimmung getroffen ! « » Ja , das ist ' s « , nahm Grell noch einmal das Wort . » Die Stimmung ist getroffen ; und darauf kommt es an , das entscheidet . Es ist jetzt Mode , von Stimmung zu sprechen und von In-Stimmung-Kommen . Aber das In-Stimmung-Kommen bedeutet noch nicht viel . Erst der , der die ihm gekommene Stimmung : das rätselvoll Unbestimmte , das wie Wolken Ziehende , scharf und genau festzuhalten und diesem Festgehaltenen doch zugleich auch wieder seinen zauberischen , im Helldunkel sich bewegenden Schwankezustand zu lassen weiß , erst der ist der Meister . « Lewin nickte , aber zerstreut . Er hatte offenbar nur mit halbem Ohre hingehört und wiederholte statt aller andern Antwort nur die Schlußworte des Liedes : » Einmal lebt ich wie Götter , und mehr bedarf ' s nicht . « Hansen-Grell war aufgestanden , und sein unschönes Gesicht mit dem kurzen Strohhaar und den geröteten Lidern verklärte sich von innen heraus zu wirklicher Schönheit . » Ob Lied oder Liebe , ob Freiheit oder Vaterland , einmal leben wie Götter und dann - sterben . Sterben bald , ehe das große Gefühl der Erinnerung verblaßt . « Sie sprachen noch eine Weile , beide sich in dieselben Vorstellungen vertiefend ; dann sagte Lewin : » Lassen Sie uns gehen , Grell , draußen hängt noch das Abendrot ; es plaudert sich besser im Freien . « Und damit verließen sie das Haus und gingen über den Opernplatz auf den Lustgarten und die Schloßfreiheit zu . Hinter der Sophienkirche ging eben die Mondsichel auf . Achtzehntes Kapitel Fort ! Um die sechste Stunde war Lewin wieder in seiner Wohnung ; das Gespräch , das er mit Hansen-Grell geführt , klang noch in seiner Seele nach . Die schöne Macht des Idealen , durch einfache Verhältnisse mehr unterstützt als beeinträchtigt , war ihm nie reiner entgegengetreten . Er hatte während seines Besuches mehr als einmal an Faulstich denken müssen ; und doch , bei manchem Verwandten , welcher Unterschied ! In der Beschäftigung mit den Künsten , auch in der Freude daran , waren sich beide gleich ; aber während der eine das Schöne nur feinsinnig kostete , strebte ihm der andere mit ganzer Seele nach . Was den einen verweichlichte , stählte den andern , und so war Grell ein Vorbild , während Faulstich eine Warnung war . Es fehlte heute das Abendrot , das sonst wohl um diese Stunde drüben über den Dächern hing , und so kam es , daß in Lewins Zimmer bereits ein völliges Dunkel herrschte . Er klopfte bei Frau Hulen ; sie war nicht zu Hause . Ebenso fehlte die grüne Schirmlampe und war auch in dem Nebenzimmer nicht zu finden . » Was nur der Alten ist ? « sagte Lewin und war einen Augenblick verdrießlich über die » Unordnung « , lachte aber bald wieder und setzte hinzu : » Freilich die erste in anderthalb Jahren . « Er tappte bis in die Küche , schürte in der Herdasche , bis die Glut zutage kam , und zündete seinen Wachsstock an . Und nun vorsichtig , um die Mühe des Anzündens nicht noch einmal zu haben , ging er in sein Zimmer zurück . Jetzt erst sah er , daß ein Brief auf dem Tische lag , die Aufschrift sehr flüchtig , allem Anscheine nach von Tubals Hand . Was ihm am meisten auffiel , war das unverhältnismäßig große Siegel . Es war ersichtlich , daß der Inhalt gegen unbefugte Neugier hatte sichergestellt werden sollen . Wenn Frau Hulen einen schwachen Punkt hatte , so lag er nach dieser Seite hin . Lewin wußte davon . Er lächelte deshalb , als er das Siegel erbrach und den auseinandergefalteten Bogen , bequemeren Lesens halber , neben die kleine Wachsstockflamme hielt . Aber sein Lächeln währte nur einen Augenblick . Es waren nicht mehr als drei Zeilen . » Komm heute abend nicht ; Kathinka ist fort . In einem Zettel , den wir auf ihrem Schreibtische fanden , hat sie Abschied von uns genommen . Alles andere errätst Du . Dein Tubal « Das Blatt entfiel seiner Hand , während er selber auf das Sofa zurücksank . Er war eine Minute lang wie betäubt . Dann richtete er sich auf und legte seinen Kopf erst in seine zusammengefalteten Hände , dann auf Tisch und Sofalehne ; aber alles war ihm zu heiß . Er sprang auf und trat an das Fenster . Die fahle Mondessichel , eben aus dem Gewölk heraus , sah ihm ins Gesicht ; ein paar Krähen drüben flogen auf ; unten knarrten die Laternen . Die Kühle der Scheiben tat ihm wohl , aber die Angst blieb und stieg ihm höher ans Herz . Ihn verlangte nach Luft ; so nahm er eine Filzkappe vom Riegel und schritt auf Flur und Treppe zu . Er war schon auf den ersten Stufen , als er , plötzlich durch kleine Sorglichkeiten bestimmt , wieder umkehrte , um die Zeilen zu zerreißen , die auf dem Tische liegengeblieben waren , und den noch brennenden Wachsstock auszulöschen . Nun erst verließ er das Haus . Unten bog er in die Königsstraße ein ; aber die Steinmassen bedrückten ihn , wie ihn das Zimmer bedrückt hatte , und er empfand deutlich , daß er aus der Stadt heraus müsse . So hielt er sich rechts und nahm dann über den Alexanderplatz hin seine Richtung auf das Frankfurter Tor zu . Es war derselbe Weg , den er am Tage , wo das Dachsgraben in der Dahlwitzer Forst sein sollte , gemacht hatte . Als er wieder in die Nähe des Gasthauses zur » Neuen Welt « kam , das damals in rechter Vormittagsstille dagelegen hatte , sah er , daß alle Fenster erleuchtet waren ; Klarinetten spielten auf , und junge Paare , denen es drinnen zu heiß geworden war , standen draußen unter den beschneiten Lindenbäumen . Was kümmerte sie der Wind , der ging , oder der Schnee , der lag ? Der nächste Tanz brachte die Verkühlung wieder heraus . Lewin hatte sich an einen der zwei Pfosten gelehnt , die mittelst eines darübergelegten Querbalkens den ziemlich primitiven Eingang zur » Neuen Welt « bildeten . Die Musik drinnen ging immer frischer . Er schlug den Takt mit dem rechten Fuße mit und fand den Tanz allerliebst . » Wer doch auch mit dabei wäre ! Wer tanzen will , dem ist leicht gespielt , sagt das Sprichwort . Warum heißt es nicht : Wem gespielt wird , der tanze ! « In diesem Augenblick legte sich von hinten her ein Arm um seine Hüfte , und ein junges Ding , das sich am Heckenzaune hin , ohne daß er es merkte , herangeschlichen haben mußte , sagte vertraulich : » Komm , sie stimmen schon . Es gibt noch einen Schottschen . Du kannst mich und Malchen auch nach Hause bringen . « Es klang mehr schelmisch als zudringlich , und Lewin , der dies fühlte , wandte sich um und ergriff ihre Hand . Das Mädchen aber , das ihn verwechselt haben mochte und jetzt erst in sein verstörtes Gesicht sah , erschrak und lief quer über den Vorgarten in den Saal zurück . Drinnen mußte sie von der Begegnung erzählt haben , denn zwei , drei Köpfe erschienen gleich darauf am Fenster und blickten neugierig nach dem Fremden hinaus . Freilich nicht auf lange , denn der Schottische begann nun wirklich , und Lewin , während er weiterging , versuchte sich die Takte für seinen Marsch zurechtzulegen . Es gelang auch eine Weile ; aber der Tanzrhythmus war doch stärker als alles andere , und aus seinem gezwungenen Marschtempo immer wieder herausfallend , marschierte er in einem wunderlichen Wechsel von Tanz und Schritt die gradlinige Pappelchaussee hinunter . Er kam an der Stelle vorbei , wo ihm an dem Schnatermanntage das Elend des Rückzuges zuerst entgegengetreten war ; indessen er gedachte der erschütternden Begegnung nicht mehr und zählte nur noch die Takte der Musik , trotzdem er diese selbst schon längst nicht mehr hörte . » So hintanzen « , sagte er , » das heißt Leben . Nur nichts schwernehmen . Ich habe das Beste versäumt . Und am Ende auch heute wieder . Sie war hübsch und nicht zimperlich . Du kannst mich und Malchen nach Hause bringen ... sei nicht töricht , Lewin . Nein , nein , das sagte sie nicht ; das war schon früher . « Er schwieg eine Weile , seine Gedanken im stillen weiterspinnend . » Und mit der Johanna Susemihl , was war es denn am Ende ? Und was liegt daran , ob ihr die alte Zunzen das Kleine gegönnt hat oder nicht ! Nun sind sie tot , und nur der Maréchal de logis , so denk ich mir , lebt noch . Er hatte Tressen an dem Hut und einen Klunker dran . Und fremde Tressen ; ja , das macht es ; das Neue , das Fremde . Etwas anderes muß es sein . Neugier wie zu Mutter Evas Tagen . « Er war jetzt über Friedrichsfelde hinaus ; nur wenn er sich wandte , sah er noch die Lichter des Dorfes . Am Himmel kein Stern ; über die Mondessichel hin zogen die Wolken , immer dichter , immer rascher . Aber rascher noch gingen die Bilder über seine Seele . » Wie die Hulen sich wundern wird ! Ich sehe sie , wie sie mit der kleinen Lampe nach mir sucht , als ob ich ein versteckter Liebhaber wäre . Und der bin ich eigentlich auch ; nur zu sehr versteckt ; ich werde nie gefunden . Die Hulen wird so verdutzt aussehen wie damals , als ich ihr das französische Kinderlied vorlas . Klippklapp , sagte sie ; es war gar nicht so dumm . Wie ging es doch ? An meiner Enklin Namenstag Ihr jeder etwas schenken mag : Der Bäcker schickt ein Zuckerbrot , Der Schneider einen Mantel rot ... Ja , so ging es . Le boulanger fit un gâteau , la couturière un p ' tit manteau , das schien die leichteste Stelle und war dann hinterher die schwerste . Ich entsinne mich noch ... Was es doch für wunderliche Sachen gibt ; ein französischer Kinderreim zwischen Friedrichsfelde und Dahlwitz . Aber warum nicht ? Es gibt noch viel Wunderlicheres . « Er passierte jetzt das Dorf , dessen Namen er eben genannt hatte . Der mit alten Rüstern besetzte Fahrweg lag im Dunkeln , und die Fensterläden der meist einzeln stehenden Häuser waren geschlossen ; aber aus den herzförmigen Öffnungen fiel ein Lichtschein auf die Straße . » Brennende Herzen « , sagte er , » morgen früh sind sie wieder an die Wand geklappt und so schwarz wie vorher . Es ist auch lange genug , vier Stunden zu brennen . Hier wohnt der Pastor ; der brennt sechs . « Hundert Schritte hinter dem Pastorhause schloß das Dorf , und Lewin trat ins Freie . Ihn fröstelte . War es die Nachtluft , oder war es das Fieber ? Er schlug den Rockkragen in die Höhe und die Mützenklappen nach unten ; aber das Frösteln blieb . » Wohin geh ich nur ? Ich weiß es nicht . Oder ob ich umkehre ? Nein . Ich kann nicht wieder in die Häusermasse hinein ; sie nimmt mir den Atem , sie bringt mich um . Also weiter . Ich werde wohl irgendwo hinkommen . « So schritt er abermals vorwärts ; eine Viertelmeile , eine halbe . Nach rechts hin , an einer Biegung der Chaussee , stand der Schattenriß eines Kirchturms . » Ich bin müde , und ich glaube fast , ich habe Hunger . « Er setzte sich auf einen neben der Straße zusammengefahrenen Steinhaufen und sah dem dürren Laube zu , das über den glattgefahrenen Schnee hin an ihm vorübertanzte . Denn der Wind , der seit Stunden schon dichte Wolkenmassen voraufgeschickt hatte , kam jetzt selber und fegte zwischen den Pappeln hin . Es war ein Südwest , feucht und voll kleiner Regentropfen , aber einzelne dieser Tropfen gefroren wieder und schlugen ihm wie Nadeln ins Gesicht . » Tauwind « , sagte Lewin , » wie heißt es doch ? Der Tauwind kam vom Mittagsmeer ... ja , ich glaube , so fängt es an ; aber das andere hab ich vergessen . Ich finde nur noch die Figuren heraus , den Grafen und den Zöllner und den braven Mann . Wer ich wohl sein mag ? Der Graf ? Nein . Aber der brave Mann ; ja , der bin ich , das ist mein Fach . « Er blickte die Chaussee hinauf , hinunter und sagte dann : » Es sieht aus wie die Pappelallee , die durch das Bruch führt , und der Schatten , der dort unten steht , könnte die Guser Kirche sein ... Das sind nun vier Wochen , und mir ist , als wär es ein Jahr . « Er stützte die Stirn in seine Hand und träumte , und in seinem Traume klang es immer vernehmlicher wie leises fernes Glockenläuten . Er horchte danach , voll wachsender Sehnsucht , und endlich war es ihm , als fühle er das Labsal einer Träne und als käm es wie Befreiung über sein schwer bedrücktes Herz . Aber es sollte nicht sein ; es war anders beschlossen . Das Läuten , das er nur traumhaft gehört zu haben glaubte , kam wirklich näher , und ehe er sich noch zurechtgefunden hatte , sah er von der Dahlwitzer Seite her ein Fuhrwerk zwischen den Pappeln herankommen . Sonderbar , es war kein Schlitten , wie das Geläute hatte vermuten lassen , sondern ein leichter , offner Wagen , dessen zwei kleinen Pferden , sei es aus Laune oder übertriebener Vorsicht , ein Schellengurt aufgelegt worden war . Und jetzt war der Wagen heran ; die Pferde scheuten und bogen nach rechts hin aus . Auf dem Vordersitze saß ein junges Paar , er mit verschränkten Armen in einen Mantel gewickelt , sie groß und schlank , in einem enganschließenden Rock und einer mit Pelz besetzten Mütze . Die Form ließ sich nicht erkennen , aber sie führte die Zügel und erschrak heftig , als sie des am Wege Sitzenden ansichtig wurde . Erst an der nächsten Pappel wandte sie sich noch einmal um und sprach dann , allem Anscheine nach , lebhaft zu ihrem Begleiter . Lewin sah das alles , und ohne zu wissen , was er tat , sprang er auf und suchte dem ihm rasch entschwindenden Fuhrwerk zu folgen . Er wollte rufen , schreien , aber er brachte keinen Ton hervor . Und so lief er , bis ihm die letzten Kräfte versagten und er lautlos inmitten des Weges niederstürzte . Eine Stunde später hielt ein Schlitten vor dem Bohlsdorfer Krug ; es schlug eben vom Turm . Der Knecht , der von seinem Häckselsack gestiegen war , um die Pferde abzusträngen , zählte die Schläge und brummte verdrießlich vor sich hin : » All elwen ; för Mitternacht bin ick nich to Huus ; awers ick kunn em doch nich liggen laten . « Damit ging er auf den Heckenzaun zu , neben dem ein paar verschneite Krippen standen , während von der Hof- und Gartenseite her die Glut eines hochaufgemauerten Backofens , in dem das Reisigholz eben niedergebrannt war , über den Zaun weg auf die Straße sah . Der Knecht starrte hinein , freute sich des warmen Hauchs und schleppte dann eine der Krippen , aus der er den Schnee durch bloßes Umstülpen entfernt hatte , bis vor sein Gespann und öffnete den Häckselsack . Die Pferde , denen es zu lange dauern mochte , fuhren mit ihren Mäulern suchend und schnopernd durch den leeren Trog . Er gab ihnen einen Schlag : » Künn jih nich töwen « , und stappste dann , als er ihnen endlich ihr Futter eingeschüttet hatte , unter dem Vorbau weg in die Krugstube , wo auf zwei großen Brettern die zum Einschieben in den Ofen eben fertig gewordenen Brote lagen . » ' n Abend , Krügersch . « » ' n Abend , Damerow . Noch so spät bi Weeg ? « » Ja , man möt ja wull . Dat oll Schlackerwetter geiht ei ' m bis up de Knaken . « » Dat deit et . Wat wullen S ' , Kirsch o ' er Kümmel ? « » Geben S ' en Kirsch . Awer töwen S ' noch en beten . Ick hebb do een ' n upp ' n Schlitten . He läg as för dood bi de Chausseesteen . Upp ' n Hoar , un ick hedd em överfoahren . « » Kennen S ' em nich ? « » Ne . He süht ut as en Stadtminsch , as en Berlinscher . Koamen S ' man mit