. » Max ! « rief sie , » Max ! « Er blickte in die Höhe ; bei der doppelten Beleuchtung von außen und innen wurde auch sie augenblicks erkannt . In der nächsten Minute stand er ihr im Zimmer gegenüber . » Ist hier ein Ausgang nach der entgegengesetzten Seite ? « fragte er ohne merkliche Aufregung , während sie besonnen die Kerzen auf dem Tische ausblies und das Fenster schloß . Das Zimmer hatte nur die Tür , durch die er eingetreten war ; Rose flog , sie zu sperren . Der Riegel war eingerostet , der Schlüssel steckte von außen . Indem sie , um ihn abzuziehen , die Tür leise öffnete , prallte sie gegen den eindringenden Offizier . Martin , gottlob , Martin ! Sie war im jachen Anstoß auf der äußeren Schwelle zu Boden gestürzt ; er wie ein Rasender an ihr vorüber in das Zimmer gerannt , deren Tür er hinter sich in die Angel schlug . Von draußen herein hallten die Tritte des Kommandos . Atemlos lauschte sie , auf ihren Knien liegend . Es marschierte vorüber dem Bahnhofe zu . Wie erlöst sprang sie auf , wollte in das Zimmer zurück , - da trat der Wirt aus der gegenüberliegenden Tür . » Der Offizier der Patrouille ist in das Haus getreten , « rief er lachend ; » vermutet wohl gar bei mir den roten Hartenstein ? Ein dicker Irrtum , mein Herr Leutnant ; im Hotel Goldmann sucht kein Verschwörer Unterkommen . « » Es ist ein Kriegskamerad , der meinen am Fenster stehenden Bruder erkannt hat und für einen Moment bei ihm eingetreten ist , « versetzte Rose mit vollkommener Ruhe . » Ihren roten Hartenstein sollen sie übrigens , hörte ich recht , entdeckt haben . Ich kam , Sie um ein paar Streichhölzer zu bitten , Herr Wirt . Der Windzug hat uns die Lichter ausgeblasen . Und dann : ein Beefsteak für meinen Bruder . Aber , bitte , recht bald . Er hat Eile . « Damit folgte sie dem Wirt in die jenseitige Schenkstube . Drüben im Fremdenzimmer standen währenddessen Martin und Max sich auf Armeslänge gegenüber , der eine mit gezücktem Degen , der andere mit gespanntem Terzerol . Ein rascher Degenhieb schlug es ihm aus der Hand . » Kanaille ! « schrie Martin und drang in sinnloser Wut auf seinen Verwandten ein , der ruhig wie eine Säule stand , ein zweites Terzerol ihm entgegenstreckend . Eine Minute lang ging kein Atemzug durch den Raum , und in dieser Minute war Martin seiner Vernunft wieder so weit mächtig geworden , um zu sagen : » Spare dir den Mord , du hast genug auf dem Gewissen . Entkommen kannst du nicht ; draußen steht meine Mannschaft . Aber siehst du , du heißt einmal von Hartenstein , und ich möchte doch nicht , daß ein Hartenstein als Zuchthäusler endigt . Darum warte , bis ich sie abgeführt , und dann - flieh ! « » Sobald Sie mir Genugtuung gegeben haben , werde ich tun , was mir beliebt , « entgegnete Max mit eisiger Kälte . » Dort am Boden liegt mein Pistol ; die Straßenlaterne gibt hinlänglich Licht . Wählen Sie Ihren Platz . Schießen Sie . « » Hier im Zimmer ? du bist verrückt ! « sagte Martin . » Mach , daß du fortkommst , mit der Person oder ohne sie . Ich habe die Wache am Bahnhof . Ich drücke meine Augen zu . « Damit wendete er sich nach der Tür . » Nun denn , « rief der andere mit erhobener Stimme , » auf die Kanaille eine Memme ! Ein Hasenfuß , der sich nicht schießt ! « Martin zitterte vor Zorn ; aber der Zorn , der andere blind macht , ihn machte er klar . » Ich bin im Dienst , « sagte er , als ob er mit sich selbst überlege , doch mit lauter Stimme . » Nicht jetzt und nicht hier ! Morgen in Werben - nein , nicht in Werben , der Skandal soll der Familie erspart werden . Halben Wegs zwischen dort und hier . In H. Ein stilleres Nest gibts im Winter nicht . Punkto zwölf im Mordtal jenseit der Ruine . Sekundanten brauchen wir nicht . Ich fände keinen gegen einen wie - du , und einen , den du fändest , könnte ich nicht akzeptieren . Schießest du mich nieder , nun , so hast du deine Rolle würdig ausgespielt . Fällst du - - « » Ich bitte , sich über diese Eventualität nicht zu beunruhigen , « unterbrach ihn Max mit einem Wink nach der Tür . » Auf Wiedersehen morgen um die Mittagsstunde im Mordtal jenseit der Ruine . « Martin ging . Unter der Tür rief er noch zurück : » Höre , Max , verliere keine Zeit . Das Hotel kann jede Minute durchsucht werden . Kommts heraus , werde ich infam kassiert . Aber - du bist einmal ein Hartenstein . « Kaum fünf Minuten waren seit der verhängnisvollen Begegnung hingegangen . Als Martin hastig die Torfahrt durchschritt , trat Rose aus dem Schenkzimmer . Erschleuderte auf » die Person « einen verächtlichen Blick ; den Zeigefinger auf den lächelnden Lippen nickte sie ihm zu wie ihrem allerzärtlichsten Freund . » Gott sei Dank , daß sie ihn haben , Herr Leutnant ! « rief der Wirt , der Rosen gefolgt war . » Wen ? « fragte der Leutnant barsch . » Den roten Hartenstein , wen denn sonst ? « Der Leutnant stürzte mit einer grimmigen Gebärde aus dem Tor . » Unser Beefsteak , Herr Wirt , so rasch als möglich , « drängte Rose , und Herr Goldmann rannte die Treppe hinan , um seine Frau mit der Freudenpost , daß sie den roten Hartenstein hätten , wieder flott und , in Abwesenheit der Köchin , für die Bereitung des Beefsteaks fähig zu machen . Rose zog den Schlüssel von ihrer Zimmertür , trat ein und schloß hinter sich ab . Weder sie noch Max sprach ein Wort . Sie schlang aus ihrem Trauerschal eine Binde , in welche sie seinen Arm legte , stülpte ihm ihres Bruders Feldmütze auf , hängte ihm seinen Militärmantel um ; dem Himmel Dank ! die Pässe steckten in der Tasche . Und daß der verräterische Vollbart , den ein Pfarrer nicht zu tragen pflegt , abrasiert worden , auch das war ein Glück . Sie gab ihm seinen Hut in die Hand , so wie ihr Bruder den seinigen vorhin getragen hatte ; sie dachte an jede Kleinigkeit , - nur an ihren alten Dezimus dachte sie nicht . Sie zündete sogar vor dem Fortgehen die Kerzen wieder an , damit der Wirt das Zimmer noch für besetzt halte . Das erste Signal wurde eben gegeben , als sie an Maxens Arm den Bahnhof betrat . Während sie die Billette löste , zeigte er die Pässe dem nämlichen Polizisten , welchem Dezimus sie vor noch nicht einer Stunde gezeigt hatte . » Kurios , wie das Lampenlicht täuscht , dieser Pastor ist mir vorhin einen halben Kopf größer vorgekommen ! « dachte der Polizist , während die beiden eben noch Zeit hatten , ein unbesetztes Coupé aufzufinden und zu besteigen . Der wachthabende Offizier stand , ihnen den Rücken zuwendend , am entgegengesetzten Ende des Zugs . In der Stadt hat man noch tagelang nach dem roten Hartenstein geforscht . Niemand hat je bezweifelt , daß er der Urheber der Emeute gewesen ist , aber niemand hat auch je ergründet , wie er aus den geschlossenen Toren hat entkommen können . Des Reservisten Frey dienstliche Meldung war so rasch , als er vorausgesetzt , erledigt worden . » Wenn Sie jemals wieder unter die Fahne berufen werden , Herr Pfarrer , « hatte sein Kommandeur lächelnd gesagt , » wird es als Feldgeistlicher zu einem ernsthafteren Kampfe als dem heutigen sein . « Er dachte nicht mehr an Bruder und Freunde , sondern nur , Rosen womöglich noch mit dem Nachmittagszuge heimzugeleiten . Als er mit Sturmesschritten das Hotel erreichte , hörte er ihn von der entgegengesetzten Seite heranbrausen ; es war also noch Zeit zum Fortkommen . Hastig betrat er sein Zimmer ; Rose war nicht darin , auch sein Soldatenzeug fehlte . So hatte sie sich dennoch in das obere Stock geflüchtet . Er ging in die Gaststube . Vom Perron schallte das erste Signalläuten . » Die junge Dame hat etwas liegen lassen ? « fragte der Wirt . » Warum haben Sie sie nicht ruhig hier gelassen ? Ich sah oben aus dem Fenster meiner Frau , wie Sie sie nach dem Bahnhofe führten , und bemühte mich vergeblich , Ihnen zuzurufen , daß Sie es nicht nötig hätten . Der Spuk ist zu Ende , der rote Hartenstein eingefangen . Die junge Dame , - sie sprach von Ihnen als von einem Bruder , ich würde sie weit eher für Ihre Fräulein Braut gehalten haben , so zärtlich schmiegte sie sich ja an Ihren Arm , - hat mir den glücklichen Fang selbst mitgeteilt , auch schien sie nicht im entferntesten besorgt zu sein . Holen Sie sie zurück ; noch ist es Zeit , oder wenn nicht , so hoffe ich , daß Sie zum wenigsten über Nacht mein Haus beehren . « Ein grausamer Blitz der Hellsicht hatte während dieser Rede des armen Dezimus Hirn durchzuckt . Was er dem Wirt geantwortet hat , ist ihm nicht bewußt geblieben . In solchen Momenten spricht und handelt im Menschen die Maschine . Atemlos erreichte er die Rampe , die zu dem Bahnhofführte , halb besinnungslos rüttelte er an der geschlossenen Gittertür ; der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt , in der nächsten Minute pfiff er durch das dunkle Festungstor . Er war zu spät gekommen , zu spät ! Aber würde die Erinnerung an seine Mannesjahre die eines Glücklichen gewesen sein , wenn er in der Wut des Wahnsinns den Verfolgten fünf Minuten früher unter die Augen getreten wäre ? » Du suchst deine Rose . Armer Junge , sie ist auf und davon - mit ihm ! « So flüsterte Martin , der ihn bemerkt hatte und zu ihm heraus auf die Rampe getreten war , in sein Ohr . Er zog darauf des Freundes Arm in den seinen , und während er ihn in dem rückwärts liegenden stillen Hofe auf und nieder führte , ergoß er sein aufgeregtes , übervolles Herz gewohnterweise in behaglichen Strömen . » Siehst du , Dezimus , « sagte er , seinen Vortrag noch einmal zusammenfassend , » siehst du , du kannst dir von meiner Wut gar keine Vorstellung machen . So muß es in Spanien einem Stier zumute sein , vor dessen Augen sie in einem fort mit einem roten Lappen wedeln . Wo ich hinhörte , schimpften sie auf den roten Hartenstein , wo ich hinsah , stöberten sie nach dem roten Hartenstein ; die Kerle von meiner Kompagnie glotzten oder schielten mich auf den roten Vetter Hartenstein an , und wie ich die beiden braven Jungen dicht hinter mir fallen sah , - ja , wärs auf dem Felde der Ehre gewesen , gegen einen Feind , vor dem man Respekt hat , was kann einem am Ende Schöneres passieren ? aber in einem Straßenkrawall gegen solch verruchtes republikanisches Gesindel , - da hab ich mirs geschworen , daß ich ihr junges Blut an dem roten Hartenstein rächen wollte . Und wie ich ihn nun auf einmal aus dem Fleischergäßchen biegen sehe , es war beinahe schon dunkel , aber in solcher Bosheit erkennt einer einen , den er sucht , in pechrabenschwarzer Nacht , siehst du , Freund , da hätte ich ihn niederstechen mögen wie einen tollen Hund , würde Schande halber am Ende ihn aber doch haben entwischen lassen , wenn ich nicht unter der Tür auf dein Röschen gestoßen wäre . Das liebe , herzige Ding entführt , verführt , zugrunde gerichtet durch den nichtswürdigen Patron , siehst du , Dezimus , da fuhr mir die Kanaille so heraus , die ein Hartenstein freilich nicht auf sich sitzen lassen kann , und wenn er zehnmal eine ist . « Dezimus war während der langatmigen Auseinandersetzung seiner selbst so weit Herr geworden , um dem Aufgebrachten den Irrtum in betreff Rosens aufzuklären , worauf der gute Junge , plötzlich besänftigt , mit einem Seufzer sagte : » Ja , hätte ich das vorher gewußt , um so lieber hätte ich ihn entwischen lassen und ihm die Kanaille ganz gewiß erspart . « Aber geschehen war nun einmal geschehen ; einem Hartenstein durfte Satisfaktion nicht verweigert und der Hasenfuß von einem Leutnant nicht eingesteckt werden . » Und darum , alter Freund , « fuhr er fort , » es tut mir leid um dich , und es schickt sich eigentlich für einen Geistlichen auch nicht , aber einer , ein einziger muß am Ende um die Affäre doch wissen und wenigstens von weitem dabei zugegen sein . Einer von uns beiden bleibt ganz gewiß , wer weiß , am Ende bleiben wir alle zwei , und wir können in dem einödigen Walde doch nicht wie die Kadaver von angeschossenem Wild verenden und liegen bleiben ? Weil aber so manches darum und daran hängt , womit du , als Vertrauensmann der Hartensteinschen Familie , dich allein befassen kannst , darf dieser eine kein anderer sein als du . « Dezimus reichte ihm zusagend die Hand . Es würde ihm nicht beigekommen sein , diesem Hartenstein sein blutiges Vorhaben auszureden , auch wenn er selbst in dieser Stunde es für einen Frevel erachtet hätte . Er schärfte ihm nur ein , auch für einen ärztlichen Zeugen Sorge zu tragen , und verwies ihn an den zuverlässigen beiderseitigen Freund Kurze . Dann aber stürmte er fort , um allein zu sein . Allein mit den tobenden Geistern der Hölle in seiner Brust , mit seinem Haß , seiner Rache , seiner Wut . Die Tore waren gesperrt ; er durfte mit seiner bösen Genossenschaft nicht hinaus in das einsame Freie . Aber auch auf den Straßen war es ja still und am stillsten da , wo es den Tag über am geräuschvollsten getost hatte . Er rannte sie auf und ab , kreuz und quer , stundenlang unter dem sternenlosen , nebelnden Novemberhimmel , über dem mit Blut bespritzten Boden . Er dachte nicht daran , daß in manchem Hause , an dem er vorüberstrich , bittere Tränen flossen , Herzen in Todesängsten schlugen . Wenn aber das Merkmal der Männlichkeit das sein sollte , daß es dem Jüngling gelingt , die Sturmgeister des Blutes wie Feinde vor sich niederzuwerfen , so ist Dezimus Frey erst in diesen nächtigen Stunden ein Mann geworden . Und ob man den Mann zum Glücklichen erkläre , weil er über jene Geister ein Sieger ward , oder zum Sieger , weil er ein Glücklicher war , sein Mannesglück wurzelte in diesen nächtigen Stunden . Als er vor Abgang des Abendzuges nach dem Bahnhofe zurückkehrte , war der Sicherheitswächter des Tages abgelöst worden von einem , der sich über die mangelnde Legitimation nicht zufrieden geben wollte . Die blauen Augen , das blonde Haar , wenn es sich just auch nicht lockte , stimmten zu dem Signalement des roten Hartenstein ; die Bürgschaft , welche der wachthabende Leutnant von Hartenstein für den ihm befreundeten Pfarrer eines Hartensteinschen Gutes übernahm , verdoppelte das Mißtrauen ; der in der Binde ruhende Arm , die Totenblässe , der Angstschweiß auf seiner Stirn steigerten das Mißtrauen zum gegründeten Verdacht , und so würde der friedliche Pfarrherr von Werben , zum Lohn für seine loyale Demonstration , die Nacht als roter Hartenstein in den Kasematten verbracht haben , hätte sein guter Stern nicht , zum Empfang des mit dem erwarteten Zuge zurückkehrenden Generals , seinen Kommandeur auf den Bahnhof geführt , dessen Zeugnis sich denn der bürgerliche Wächter der Sicherheit wohl oder übel beugen mußte . Hatte auf seinem Abendgange Dezimus sich nun mit den innerlichen Sturmgeistern notdürftig auseinandergesetzt , so galt es nunmehr , während der nächtlichen Heimfahrt mit dem nüchternen Hausgeist Vernunft zu einem Ziel zu gelangen . Was sollte und wollte er zunächst ? Die Flüchtigen suchen . Aber wo sie finden vor dem unseligen Geschehnis des morgenden Tages ? Bei Sidonien , bei Lydia ? Gewiß nicht . Die Gefahr des Entdeckt- und Aufgehaltenwerdens war in der Heimat größer als anderwärts , abgesehen von der Schwierigkeit , morgen bei hellem Tage unbemerkt den Ort des Stelldicheins zu erreichen . In dessen Nähe würden sie ohne Zweifel weilen . Und da war denn der Zug , mit dem er fuhr , ein Eilzug , der , gegen sein Erwarten , Winters in dem stillen Badedorfe nicht anhielt . Hatte die Fahrt dem Ungeduldigen bereits eine Ewigkeit gedünkt , so mußte er nun noch bis zu der nächsten Stadt dampfen und von da aus nahezu eine Meile zu Fuß rückwärts wandern . Er kannte und liebte die Gegend , sie war ja sein Heimatstal . Wie so manchesmal hatte er singend und pfeifend die maifrischen Buchenwälder durchstreift , wenn nach einer lustigen Fahrt die Kommilitonen der nachbarlichen Universitäten auf der Ruine Pfingsten feierten ; wie so manchesmal als stillvergnügter Gesell inmitten der lautvergnügten , an der Tafel des einzigen Wirtshauses im Badedorfe kommersiert ! Heute ist es nebeldicke Novembernacht , der Wald , dessen Saum entlang er schreitet , streckt die entlaubten Äste wie dürre Gerippenarme ihm entgegen ; in diesem Walde aber soll , wenn es Mittag geworden , ein blutiges Werk vollbracht werden , an welchem er teil hat wie an einem eigensten Geschick , und wenn er an das Tor des Gasthauses klopft , geschieht es , um ein verzweifelndes Weib zu finden , das nach einer mutigen Liebestat unter Todesschauern ringt . Aber wahrlich , selbst bis zum Verzweifeln mußte er klopfen und rütteln , bevor der Hausknecht das Tor endlich öffnete und den seltenen Wintergast mit schlaftrunkenen Augen anstarrte . Dieser forderte ein Zimmer - das er nicht betrat , einen Imbiß - den er nicht berührte . Wie verloren warf er die Frage hin , ob das Haus von Gästen stark besetzt sei ? Leider war es seit Wochen nur von den Eingesessenen besetzt , eine Auskunft , die kurz darauf Herr Strobel , der Scheffelwirt , bestätigte . Herr Strobel begrüßte den Ankömmling wie einen alten Bekannten ; er hatte den Hünen der Studentenschaft in gutem Gedächtnis behalten , obschon dieser niemals mit Säbel und Sporen geklirrt , auch weniger Seidel ausgestochen hatte als der bescheidenste Knirps . Auch von seinem kriegerischen Mißgeschick und dem so früh errungenen geistlichen Amte erwies sich Herr Strobel durch das Kreisblättchen unterrichtet . Diesem wackeren Manne band der junge geistliche Herr nunmehr das Märlein auf , welches er beiwege sich mühsam ausgediftelt hatte . Denn welche Kunst ist so schwer , daß in der Not nicht auch ein Stümper sie betreiben lernte ? Aus Zufall war ihm zu Ohren gekommen , daß ein alter Schulfreund mit seiner jungen Frau auf der Hochzeitsreise in dem freundlichen Badeorte zu übernachten beabsichtigte . Der Wunsch des Wiedersehens war natürlich erwacht , aber durch Amtsgeschäfte gestern nachmittag abgehalten , hatte der Pfarrer erst den Nachtzug benutzen können , um das junge Paar wenigstens noch am Frühstückstische zu begrüßen . Leider , wie schon gesagt , war er falsch berichtet ; seit Wochen weder ein junges noch altes Paar , noch selbst ein einzelnes Individuum männlichen oder weiblichen Geschlechts im Goldenen Scheffel eingekehrt , auch , wie Herr Strobel wahrheitsgemäß versichern durfte , kein zweites Logierhaus , in welches die Herrschaften sich verirrt haben konnten , im Orte vorhanden . Daß aber ein so außerordentlicher Fall , wie zur Winterszeit die Einkehr in einer Privatwohnung , nicht ohne das größte Aufsehen zu erregen , hätte vor sich gehen können , brauchte Herr Strobel kaum zu erwähnen , erwähnte es aber doch . Sein Gast bedauerte die zwecklose nächtliche Beunruhigung . Die Freunde waren nicht im Ort : sehr natürlich ! Er hatte sich plötzlich besonnen - ein tröstliches Merkmal , wie weit ein Novellist durch Übung es in der Erfindungskunst zu bringen vermag - , daß in einem unfernen Pfarrhause ein zweiter , allerdings älterer Schulfreund heimse , dem der erste ohne Zweifel sein Frauchen präsentiert haben werde ; ihn alldort aufzusuchen , war der dritte nun um so lieber bereit , da er sich der Hoffnung nicht entschlagen mochte , das junge Paar zu einem Abstecher in sein eignes freundliches Pfarrhaus zu bewegen . Weil aber nach dem Frühzug bis zum Abendzug kein anderer hier im Orte anhalte , das Wetter mild sei und , wenn nur der Nebel sich senke , die Gegend sogar im Winter einen angenehmen Reiseeindruck biete , beabsichtige er eine Wagenfahrt in Vorschlag zu bringen und bäte daher Herrn Strobel , ihm für den Nachmittag seine Equipage zur Verfügung zu stellen , der zweifelhaften Witterung halber den Wagen geschlossen . Bei näherer Prüfung empfahl es sich auch , den Umweg durch das Dorf zu vermeiden . Die Fußwanderung konnte die junge Frau ermüdet haben . Das Gefährt solle daher in der Mittagsstunde , aber ja recht pünktlich ! auf der Landstraße bereithalten an der Stelle , wo das Mordtal , durch welches der nächste Weg nach dem Pfarrdorfe ja führe , auf jene Straße münde . Den Fahrpreis war der Mieter selbstverständlich bereit , auch wenn das Geschirr unbenutzt bliebe , zu entrichten ; Weitläufigkeiten zu ersparen , sogar im voraus . Das letztere wäre nun durchaus überflüssig gewesen , der Herr Pastor hatte Kredit ; es wurde schließlich aber doch mit dem Versprechen der Geduld im Fall eines Wartestündchens angenommen . Wie der Wind jagte nunmehr der fabulierende Held von dannen auf die Suche nach seinem glücklichen jungen Paar ; zunächst allerdings nicht in das Mordtal , das zum Pfarrdorfe führte , sondern stracks nach dem Bahnhofe . Er blickte durch die trüben Scheiben in das einzige Wartezimmer ; der Docht einer Hängelampe kohlte , ein Kellner schlief auf zwei Stühlen ausgestreckt . Tor , der er gewesen ! In diesem öffentlichen Raume ein unglückliches Paar auf der Flucht vorauszusetzen oder in diesem unheimlich öden nach einem glücklichen auf der Hochzeitsreise Kundschaft einziehen zu wollen ! Jedes weitere Auskunftsuchen war überdies verdächtigend . So machte er denn einen Gang durch die bergansteigende einzige Dorfgasse ; die kleinen Häuser , vor welchen im Sommer geputzte Kindergäste sich tummelten , lagen schlummerstill ; nur ein Hahn krähte hier , eine Kuh brummte dort , dann und wann brannte eine Morgenlampe ; eine schwache Rauchsäule wirbelte aus dem Schornstein in den Nebel . Alles so friedlich wie daheim , und wie unfriedlich mochten daheim die Herzen schlagen , wenn vielleicht schon in der Nacht die Häscher auf den feindlichen Mann gefahndet hatten , nach welchem er selbst wie betört in der Irre umherspähte . Ja , in der Irre ! Denn Schritt um Schritt war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen . Würde der Verfolgte hier , im nächsten Bereich der Verfolger , eine Zuflucht gesucht haben , da er von der rückwärts liegenden Station aus auf fremdem Gebiet mit weit geringerer Entdeckungsgefahr den Platz der Entscheidung erreichen konnte ? Schieben sich doch in diesem Talwinkel gar mancher Herren Länderchen ineinander , deren Grenzen ein preußischer Gendarm nicht so ohne weiteres zu überschreiten wagt . Auf dem jenseitigen Ufer war er mindestens einen Tag lang geborgen , - aber die letzte Hoffnung erloschen , ihn dort vor der verhängnisvollen Stunde aufzufinden . In dieser beklemmenden Erkenntnis hatte Dezimus die Berglehne erreicht , von welcher er manchesmal einen erquickenden Blick in das grüne Tal getan hatte . Heute lag es im ersten schwachen Morgendämmer weiß in grau . Der Nebel verdunstete in phantastischen Gebilden , die oberen Regionen klärten sich ; ein leiser Reiffrost überzog die entlaubten Äste mit glitzernden Kristallen . Jenseit warf die schmale Mondsichel einen fahlen Schimmer über das schwärzliche Gemäuer der Ruine ; ostwärts , da wo die Heimat lag , leuchtete noch der Morgenstern . Ein erquickendes Landschaftsbild auch heute für ein Auge , das hoffnungsfroh darauf geschaut hätte . Und warum zuckte des Beschauers Auge , warum schlug sein Herz jählings hoffnungsfroh ? Was bedeutete das Lichtchen drüben zwischen dem schwarzen Gemäuer , als daß der alte Burgschenke , der Sommers so manches Faß in seinem » Verlies « verzapfte , auch nicht aus demselben gewichen wäre , und wenn ein Gletscherwall sich rings um dasselbe gezogen hätte ! Wie manchen akademischen Witz über des alten Kilian Kellertreue und die romantischen Abenteuer seiner beiden einzigen Winterkumpane , Mops und Mietz , hatte Dezimus belachen hören und mit belacht . Der alte Kilian kochte seinen Morgenkaffee , weiter nichts ! Und dennoch erleuchtete das Flämmchen auf dunklem Grund den Beschauer plötzlich wie eine Vision , wie ein Blinken seines treuen Johannissterns . » Dort oben , dort oben ! « rief er laut auf . Er nahm sich nicht Zeit zu dem Umwege durch das Dorf , setzte , als wäre er selbst ein Verfolgter auf der Flucht , den steilen Abhang hinunter , quer durch die Wiesen bis zum Ufer , von wo ein Kahn an den Fuß des Burgfelsens trug . Beim Übersetzen fragte er den Fährmann , ob dann und wann wohl noch ein Fremder den alten Kilian besuche ? Der Fährmann hatte seit diesem Monat keinen mehr hinübergerudert . Auf dem jenseitigen Ufer schlug Dezimus statt des sich windenden Fahrweges den steilen Fußpfad ein mit Siebenmeilenschritten und keuchender Brust . Es war licht geworden , ein leiser Lufthauch , die Nebel scheuchend , verhieß einen klaren Sonnenaufgang , einen blauen Himmel über der düsteren Tat . Schon der Ringmauer nahe , stockte der eilende Schritt . Vom Fuß zum Gipfel war der Pfad von der Ruine aus zu übersehen ; einer , der nicht entdeckt sein wollte , konnte sich längst zwischen den weitläufigen Trümmern verborgen oder von der entgegengesetzten Seite entfernt haben . Dezimus seufzte laut auf , als ob es sein Schutzgeist wäre und nicht sein Feind , der vor ihm geflüchtet . Und wirklich war er von oben bemerkt und erkannt worden , denn der alte Burgwirt stand schon auf der Lauer vor dem halbzerfallenen Tor , schwenkte seine Pudelmütze und schrie ihm das » Salve « entgegen , das er seinen Lieblingsgästen abgelauscht hatte . Dann aber schüttelte er dem Ankömmling herzhaft die Hand und rief : » Das nenne ich Glück ! « ( Er drückte den schönen Begriff mit einer durchaus nicht schön zu nennenden akademischen Hyperbel aus . ) » Seit dem Reformationsfeste kein Gesicht und an Sankt Kathrinen ihrer zwei ! « » Ihr habt schon Gäste , Freund ? « fragte Dezimus mit klopfenden Pulsen . » Nur einen ! « antwortete der Alte . » So was dergleichen wie ein Maler kommt er mir vor . Er stellte sich ein wie Nikodemus in der Nacht ; von jener Seite . Aus dem Reiche , denk ich mir , denn ein Landeskind ist er nicht . Herr Wirt und Hören Sie hat er mich tituliert ; das erste Mannsen , das wie ein geziertes Berlinsches Mamsellchen den alten Kilian per Herr und Hören Sie traktiert . Und Wein hat er sich bestellt . Bier ist für so einen zu kommun . Na , der alte Kilian kann auch mit Wein aufwarten und an Sankt Kathrinen mit schmackhafterem Wein als Bier . Er hat sich gestern abend auf einer Fußtour im Nebel verirrt und will nun den Sonnenaufgang hier oben genießen . Und dazu kanns allenfalls Rat werden , denn der Nebel ist weg . Aber gestiegen , und ohne Nieselwetter gehts heute nicht ab . Wie er Sie den Berg ransteigen sah , sagte er : Noch einer , der die Sonne hier oben aufgehen sehen will . Nötigen Sie ihn herein , Herr Wirt , und bringen Sie uns ein Frühbrot und Wein . « Auf des Alten Erkundigung wärmte Dezimus nun die Fabel - leider war es im wesentlichen ja keine - aus dem Goldenen Scheffel wieder auf , nur daß er das zweiselige Pärchen in einen ledigen Freund verwandelte ; worauf der Alte schmunzelnd erwiderte : » Na , warten Sie ihn nur getrost hier oben ab . Ists ein alter Bruder Studio , geht er der Ruine nicht vorbei , und der alte Kilian schreibt in seinen Kalender : An Sankt Kathrinen drei Mann hoch oben auf der Burg ! « » Sie werden sich mit zweien begnügen müssen , Herr Wirt , der Gesuchte ist gefunden , « sagte hinter ihnen eine Stimme mit wohlbekanntem musikalischen Klang . Max von Hartenstein war unbemerkt in den Torrahmen getreten , Dezimus Frey folgte ihm in das Verlies . Er zitterte ; jener war ruhig wie ein Bild von Stein . Der alte Kilian wunderte sich , daß zwei alte Freunde , die sich suchen und finden , zum Salve sich nicht einmal die Hände schütteln . Aber einer aus dem Reich , der » Hören Sie « zum alten Kilian sagt , und ein weiland Kamel , das den Pastorrock auf dem Leibe trägt , die haben eben ihre absonderlichen Mucken . » Sie suchen Ihre Schwester ? « fragte Max . » Zunächst allerdings sie , « antwortete Dezimus . » Nun , sie wird , hoffe ich , gestern abend wohlbehalten im Schlosse von Werben eingetroffen sein . Wir haben uns auf der vorletzten Station getrennt . « Es kam Dezimus nicht in den Sinn , diesem stolzen Menschen in irgendeiner Lage eine Unwahrheit zuzutrauen . Max hatte Rose berechenbar heimlich verlassen . Sie ahnete sein blutiges Vorhaben nicht . Die ganze Konstellation war verrückt . Der