Tot , Herr - ermordet ! « Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequälten Vaters Brust . Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen , teilnehmend traten Teja und Hildebad näher . Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die Gruppe . Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht . Er suchte die Hände seines Herrn zu fassen . Da senkte sie dieser von selbst . Zwei große Tränen standen auf den braunen Wangen des Helden : er schämte sich ihrer nicht . » Ermordet ! « sagte er , » mein schuldlos Kind ! von den Römern ! « » Die feigen Teufel , « rief Hildebad . Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos . » Calpurnius ! « sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis . » Ja , Calpurnius ! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und dein Weib und Sohn in dein Lager entboten . Wie jauchzte jung Athalwin , daß er nun ein Königssohn sein werde , wie Siegfried , der den Drachen schlug ! Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und wilde Riesen . Da kam der Nachbar von Rom zurück . Ich merkt ' es wohl , daß er noch finsterer sah und neidischer als je und hütete dir Haus und Stall . Aber das Kind hüten - wer hätte daran gedacht , daß Kinder nicht mehr sicher ! « Witichis schüttelte schmerzlich das Haupt . » Der Knabe konnte nicht erwarten , daß er seinen Vater sehen solle im Kriegslager und all die Tausende von gotischen Heermännern und daß er Schlachten solle in der Nähe sehen . Er warf sein Holzschwert weg von Stund an , und sagte : ein Königssohn müsse ein eisernes tragen , zumal in Kriegszeiten . Und ich mußte ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu . Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen früh davon . Und fragte sie , wohin ? so lachte er : auf Abenteuer , lieb ' Mutter ! und sprang in den Wald . Dann kam er mittags müd und zerrissenen Gewandes heim : und ausgelassen stolz . Aber er sagte kein Wort und meinte nur , er habe Siegfried gespielt . Ich hatte aber meine eigenen Gedanken . Und als ich gar einst an seinem Schwert Blutflecken bemerkte , schlich ich ihm nach zu Walde . Richtig , es war , wie ich gedacht . Ich hatte ihm einst warnend eine Höhle im schroffen Felsgeklüft gezeigt , das steil über den Gießbach hangt , weil dort die giftigen Vipern zu Dutzenden nisten . Er fragte mich damals nach allem aus : und als ich sagte , jeder Biß sei tödlich , und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin , die der Beißwurm in den nackten Fuß gestochen , da zog er flugs sein Holzschwert und wollte mitten darunter springen . Mit Mühe und schwer erschrocken hielt ich ihn damals ab . Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte , daß ich ihm eine Eisenwaffe gegeben . Und bald fand ich ihn im Walde , mitten im Steingeklüft , unter Dornen und Gestrüpp : da holte er einen mächtigen Holzschild hervor , den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte . Und eine Krone war frisch drauf gemalt . Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Höhle . Ich sah mich um : da lag das lang mächtige Gewürm zu halben Dutzenden von frühern Schlachten her mit zerhauenen Häuptern umhergestreut : ich folgte , und so besorgt ich war , ich konnt ' ihn nicht stören , wie er so heldenmütig focht ! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwürfen aus ihrem Loch , daß sie sich züngelnd aufringelte : gerade wie sie zischend gegen ihn sprang , warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich mitten entzwei . Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus . Er aber sah gar trotzig drein und rief : Sag ' s nur der Mutter nicht ! denn ich tu ' s doch ! bis der letzte der Drachen tot ist ! Ich sagte , ich würde ihm sein Schwert nehmen . Dann fecht ' ich mit dem hölzernen , wenn dir das lieber ist ! rief er . Und welche Schmach für einen Königssohn ! Da nahm ich ihn die nächsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die Wildweide . Das vergnügte ihn sehr : und nächstens , dacht ' ich , brechen wir ja auf . Aber eines Morgens war er mir wieder entschlüpft und ich ging allein an die Arbeit . Den Rückweg nahm ich den Fluß entlang , gewiß , ihn an der Felshöhle zu finden . Aber ihn fand ich nicht . Nur das Gehäng seines Schwertes , zerrissen , an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten auf der Erde . Erschrocken sah ich umher und suchte , aber - « » Rascher , weiter , « rief der König . » Aber ? « fragte Hildebad . » Aber in den Felsen war nichts zu sehen . Da gewahrte ich große Fußspuren eines Mannes im weichen Sande . Ich folgte ihnen . Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens . Ich sah hinab . Und unten « - Witichis wankte . » Ach , mein armer Herr ! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine Gestalt . Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam , ich weiß es nicht , im Flug war ich unten . - Da lag er , das kleine Schwert noch fest in der Hand , von den Felsspitzen zerrissen , das lichte Haar von Blut überströmt - « » Halt ein , « sprach Teja , die Hand auf seine Schultern legend , indes Hildebad des armen Vaters Hand faßte , der stöhnend auf sein Lager sank . » Mein Kind , mein süßes Kind , mein Weib ! « rief er . » Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen . Wasser aus dem Fluß brachte ihn nochmal zu sich . Er schlug die Augen auf und erkannte mich . Du bist herabgefallen , mein Kind , klagte ich . Nein , sagte er , nicht gefallen , geworfen . Ich war starr vor Entsetzen . Calpurnius , hauchte er , trat plötzlich um die Felsecke , wie ich auf die Vipern einhieb , Komm mit mir , sagte er und griff nach mir . Er sah bös aus und falsch . Ich sprang zurück . Komm , sagte er , oder ich binde dich . Mich binden ! rief ich . Mein Vater ist der Goten König und der deine . Wag es und rühr mich an ! Da ward er ganz wütig und schlug nach mir mit dem Stock und kam näher ; ich aber wußte , daß in der Nähe unsre Knechte Holz fällten , und schrie um Hilfe und wich zurück bis an den Rand der Felsen . Erschrocken sah er sich um . Denn die Leute mußten mich gehört haben : ihre Axtschläge ruhten plötzlich . Doch plötzlich vorspringend , sagte er : Stirb , kleine Natter ! und stieß mich über den Fels . « Teja biß die Lippen . » O der Neidling « , rief Hildebad . Und Witichis riß sich mit einem Schrei des Schmerzes los . » Mach ' s kurz , « sagte Teja . - » Er verlor wieder die Sinne . Ich trug ihn auf meinen Armen nach Hause zur Mutter . Noch einmal schlug er die Augen auf , in ihrem Schoß . Ein Gruß an dich war sein letzter Hauch . « » Und mein Weib - ist sie nicht verzweifelt ? « » Nein , Herr , das ist sie nicht : die ist von Gold , aber auch von Stahl . Wie der Knabe die Augen geschlossen , zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus , nach rechts . Ich verstand sie : dort stand des Mörders Haus . Und ich waffnete alle deine Knechte und führte sie hinüber zur Rache : und wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild , und trugen ihn in unsrer Mitte zur Mordklage . Und Rauthgundis ging mit , ein Schwert in der Hand , hinter der Leiche . Vor dem Tor der Villa legten wir den Knaben nieder . Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Roß zu Belisar . Aber sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof : sie wollten eben zu Pferd steigen und ihm folgen . Wir erhoben dreimal den Mordruf . Dann brachen wir ein . Wir haben sie alle erschlagen , alle : und das Haus niedergebrannt über den Bewohnern . Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu , an der Leiche Wacht haltend , auf ihr Schwert gestützt , und sprach kein Wort . Und mich schickte sie tags darauf voraus , nach dir zu suchen . Sie folgte mir bald darauf , sowie sie die kleine Leiche verbrannt . Und da ich einen Tag verloren , durch die Empörer vom nächsten Wege abgesperrt , so kann sie stündlich da sein . « » Mein Kind , mein Kind , mein armes Weib ! Das ist der erste Ertrag , den mir diese Krone bringt . Und nun , « rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes den Alten an , » willst du noch das Grausame fordern , das Untragbare ? « Hildebrand stand langsam auf : » Nichts ist untragbar , was notwendig ist . Auch der Winter ist tragbar . Und das Alter . Und der Tod . Sie kommen ohne zu fragen , wollt ihr ' s tragen ? Sie kommen . Und wir tragen ' s. Weil wir müssen . Aber ich höre Frauenstimmen und rauschende Gewande . Gehen wir . « Witichis wandte sich von ihm zur Tür . Da stand , unter dem Zeltvorhang , in grauem Gewand und schwarzem Schleier Rauthgundis , sein Weib , eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust drückend . Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe : - - und die Gatten hielten sich umfangen . Schweigend verließen die Männer das Zelt . Sechzehntes Kapitel . Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück : » Du quälst den König umsonst , « sagte er . » Er wird nie darein willigen . Er kann ' s auch nicht . Jetzt am wenigsten . « » Woher weißt du ... ? - « unterbrach der Greis . - » Still : ich ahn ' es : wie ich alles Unglück ahne . « - » Dann wirst du auch einsehen , daß er muß . « - » Er , er wird ' s nie tun . « - » Aber - du meinst sie selbst ? « - » Vielleicht ! « - » Sie wird , « sagte Hildebrand . » Ja , sie ist ein Wunder von einem Weib « , schloß Teja . Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ , geschah es , daß die Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen Besatzung von Ravenna , den eingetretenen tatsächlichen Waffenstillstand benutzend , in mannigfachen Verkehr traten . Sie warfen sich , scheltend und zankend , gegenseitig die Schuld an diesem Bürgerkriege vor . Die Belagerer klagten , daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen . Die Ravennaten schmähten auf Witichis , der der Tochter der Amaler nicht gönne , was ihr gebühre . Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna selber zu , der die Runde auf den Wällen machte . Plötzlich trat er vor und rief zu den Leuten des Witichis hinunter , die ihren König lobten und rühmten : » So ? Ist das auch edel und königlich gehandelt , daß er statt aller Antwort auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender ? Und hatte doch ein so leichtes Mittel , das Gotenblut zu sparen ! Wir wollen ja nur , daß Mataswintha Königin sei ! Nun , kann er deshalb nicht König bleiben ? Ist ' s ein zu hartes Opfer , mit dem schönsten Weib der Erde , mit der Fürstin Schönhaar , von deren Reiz die Sänger singen auf den Straßen , Thron und Lager zu teilen ? Mußten lieber soviel tausend tapferer Goten sterben ? Nun , er soll nur so fortstürmen ! Laß sehn , was eher bricht : sein Eigensinn oder diese Felsen . « Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den Wällen . Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung . Von seiner Ehe wußten sie so wenig wie das ganze Heer : daran hatte auch Rauthgundens Anwesenheit im Lager wenig geändert : denn , wahrlich , nicht gleich einer Königin war sie eingezogen . In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten , was sie vernommen , wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert . » Darum also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht , « riefen sie . Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen , lebhaft bewegte , die anfangs leiser , bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König schalten . Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut der Rede , der die Byzantiner entsetzte . Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom , die Schmach der Niederlage vor Ravenna , der Schmerz um die geopferten Brüder , der Zorn über sein Geheimtun zusammen , einen Sturm des Unwillens gegen den König zu erregen , der deshalb nicht minder mächtig , weil er noch nicht offen ausgebrochen . Nicht entging diese Stimmung den Heerführern , wann sie durch die Gassen des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten . Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln , wenn sie strafend sie beim Namen nannten . Und oft , wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten , hielt sie der alte Waffenmeister zurück . » Laßt es nur noch anschwellen , « sagte er : » wenn ' s genug ist , werd ' ich ' s dämmen . « » Die einzige Gefahr wäre , « murmelte er halblaut vor sich hin - » Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen , « sagte Teja . » Richtig , du alles Erratender . Aber das hat gute Wege . Überläufer erzählen , daß sich die Fürstin standhaft weigert . Sie droht , sich eher zu töten als Arahad die Hand zu reichen . « » Pah , « meinte Hildebad , » daraufhin würd ' ich ' s wagen . « » Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst , das Amalungenkind . Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende böses Spiel machen . « » Witichis ist ein andrer Freier als jener Knabe von Asta , « flüsterte Teja . » Darauf vertrau ' ich auch , « meinte Hildebad . » Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe , « riet der Alte . » Er muß seinem Schmerz sein Recht antun : eh ' ist er zu nichts zu bringen . Stört ihn nicht darin : laßt ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem Weibe . Ich werde sie bald genug stören müssen . « Aber der Greis sollte bald genötigt sein , den König früher und anders als er gemeint , aus seinem Schmerz aufzurufen . Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten , die zu den Byzantinern übergingen , ein Gesetz erlassen , das schimpflichen Tod drohte . Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten , aber doch in den Gegenden , wo wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten stattgefunden hatten , häufiger vor . Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen , die sich und ihr Volk entehrten , ganz besonderen Zorn . Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen Heereslitz und Fahnenwechsel . Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig gewesen , und man hatte der Bestimmung fast vergessen . Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden . Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen . Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all ' seiner Bewegungen in Italien machen . Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt , sie zu verfolgen , zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle , Burgen und Städte zu übernehmen , in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten oder , von keiner Besatzung im Zaum gehalten , einfach zum » Kaiser der Romäer , « wie er sich auf griechisch nannte , abgefallen waren . Solche Vorfälle ereigneten sich , besonders seit der gotische König in vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb verloren schien , fast alle Tage . Teils mit dem Druck , teils ohne den Druck oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Toren ergaben sich viele Schlösser und Städte an Belisar . Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten , um , falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten , eine Entschuldigung zu finden , war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund , solche kleine Abteilungen , meist aus Italiern und Byzantinern gemischt , unter Führung der Überläufer , die der Gegend und der Verhältnisse kundig waren , auszusenden . Und diese Scharen , ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug der Goten , wagten sich weit ins Land ; jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen . Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen , das bei Cäsena , ganz in der Nähe des königlichen Lagers , eine Felshöhe oberhalb des großen Pinienwaldes krönte . Der alte Hildebrand , an den Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben , sah diese gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm : und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder gegen Ravenna beschäftigen wollte - er hoffte auf eine friedliche Lösung des Knotens - , beschloß er , gegen diese kecken Streifscharen einen züchtigenden Streich zu tun . Späher hatten gemeldet , daß , am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager , die neue , byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena , diese wichtige Stadt , im Rücken des gotischen Lagers , zu bedrohen wagte . Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben . Er selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern , die in der Stille der Nacht , Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt , in der Richtung gegen Cäsena aufbrachen . Der Überfall gelang vollkommen . Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald , an den Fuß des hoch auf dem Fels gelegenen Kastells . Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle Seiten des Waldes , die andre Hälfte ließ er absitzen und führte sie leise die Felswege des Kastells hinan . Die Wache am Tor ward überrascht und die Byzantiner , von einer überlegenen Macht überfallen , flohen nach allen Seiten den Fels hinab in den Wald , wo der große Teil von den Berittenen gefangen wurde . Die Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht . Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des Felsens zurück , über das nur eine schmale Brücke führte . Hier wurden die verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten , einem Anführer , nach dem Glanz der Rüstung zu schließen . Dieser hochgewachsene und schlanke , wie es schien noch junge Mann - sein Visier war dicht geschlossen - focht wie ein Verzweifelter , deckte die Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt . Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen Kampf mit an . » Gib dich gefangen , tapferer Mann ! « rief er dem einsamen Krieger zu , » dein Leben sichr ' ich dir . « Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen : einen Augenblick senkte er das Schwert und sah auf den Alten . Aber schon im nächsten Moment sprang er wütend vor und wieder zurück ; er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen . Entsetzt wichen die Goten etwas zurück . Hildebrand ergrimmte . » Drauf ! « schrie er , vorspringend , » jetzt keine Gnade mehr ! Zielt mit den Speeren . « - » Er ist gefeit gegen Eisen ! « rief einer der Goten , ein Vetter Tejas , » dreimal hab ' ich ihn getroffen - er ist nicht zu verwunden . « » Meinst du , Aligern ? « lachte der Alte grimmig , » laß sehen , ob er auch gegen Stein gefeit ist . « Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer - er war fast der einzige , der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen - sausend gegen den Byzantiner . Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder . Zwei Männer sprangen rasch hinzu und lösten ihm den Helm . » Meister Hildebrand , « rief Aligern erstaunt , » das war kein Byzantiner . « - » Und kein Italier , « sagte Gunthamund . » Sieh die Goldlocken - das war ein Gote ! « meinte Hunibad . Hildebrand trat hinzu - - und schrak zusammen . » Fackeln her , « rief er - » Licht ! - - Ja , « sprach er finster , seinen Steinhammer wieder aufhebend , » das war ein Gote . Und ich - ich hab ' ihn erschlagen , « fügte er mit eisiger Ruhe hinzu . Aber seine Faust zitterte am Hammerschaft . » Nein , Herr , « rief Aligern , » er lebt . Er war nur betäubt ! Er schlägt die Augen auf . « » Er lebt ? « fragte der Alte mit Grauen , » das wollen die Götter nicht ! « - » Ja , er lebt ! « wiederholten die Goten , ihren Gefangenen aufrichtend . » Dann weh über ihn ! und mich ! Aber nein ! ihn senden die Götter der Goten in meine Gewalt ! Bind ' ihn auf dein Roß , Gunthamund , aber fest ! Und wenn er entwischt , gilt es deinen Kopf statt des seinen . Auf , zu Pferd und nach Hause ! « Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister , was sie für diesen Gefangenen rüsten sollten . » Einen Bund Stroh für heute nacht , « sagte der , » und für morgen früh - einen Galgen . « Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und berichtete den Erfolg seines Zuges . » Wir haben unter den Gefangenen , « schloß er finster , » einen gotischen Überläufer . Er muß hängen , ehe die Sonne morgen niedergeht . « - » Das ist sehr traurig , « sagte Witichis seufzend . - » Ja , aber notwendig . Ich berufe das Kriegsgericht der Heerführer auf morgen . Willst du den Vorsitz führen ? « - » Nein , « sagte Witichis , » erlaß mir ' s : ich bestelle Hildebad an meiner Statt . « - » Nein , « sagte der Alte , » das geht nicht an . Ich bin Oberfeldherr , solang du im Zelte liegst : ich fordere den Vorsitz als mein Recht . « Witichis sah ihn an : » Du siehst grimmig und so kalt ! Ist ' s ein alter Feind deiner Sippe ? « - » Nein , « sprach Hildebrand . - » Wie heißt der Gefangene ? « - » Wie ich , Hildebrand . « - » Höre , du scheinst ihn zu hassen , diesen Hildebrand ! Du magst ihn richten , aber hüte dich vor übertriebener Strenge . Vergiß nicht , daß ich gern begnadige . « » Das Wohl der Goten fordert seinen Tod , « sagte Hildebrand ruhig , » und er wird sterben . « Siebzehntes Kapitel . Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt auf eine Wiese , im Norden , » an der kalten Ecke « des Lagers , wo sich die Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten . » Höre , « sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter , » ist der alte Hildebrand auf dem Dingplatz ? « » Er ist das Haupt des Dings . « » Barbaren sind und bleiben sie ! Tu ' mir den Gefallen , Freund - ich schenke dir dafür diese purpurne Binde - und geh zu dem Alten . Sag ' ihm : ich wisse , daß ich sterben muß . Aber er möge doch mir - und mehr noch meinem Geschlecht - hörst du ? - meinem Geschlecht - die Schande des Galgens ersparen . Er möge mir heimlich eine Waffe senden . « Der Gote , Gunthamund , ging , Hildebrand zu suchen , der das Gericht bereits eröffnet hatte . Das Verfahren war sehr einfach . Der Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen , dann von Zeugen feststellen , wie man sich des Gefangenen bemächtigt , darauf diesen selbst vorführen . Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine Schultern . Eben sollte dieser abgenommen werden , als Gunthamund sich zu Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte . » Nein , « sagte dieser , die Stirn runzelnd . » Ich laß ihm sagen : die Schmach für sein Geschlecht sei seine Tat , nicht seine Strafe . « Und laut fuhr er fort : » Zeigt das Antlitz des Verräters ! Er ist Hildebrand , der Sohn des Hildegis ! « Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge . » Sein eigner Enkel ! « - » Alter , du sollst nicht weiter richten ! Du bist grausam gegen dein Fleisch und Blut ! « rief Hildebad aufspringend . » Nur gerecht , aber gegen alle , « sagte Hildebrand , den Stab auf die Erde stoßend . » Armer Witichis ! « flüsterte Graf Teja . Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager . » Was kannst du für dich vorbringen , Sohn des Hildegis ? « fragte Hildebrand . Der junge Mann trat hastig vor : sein Antlitz war von Zorn gerötet , nicht von Scham : keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen : sein langes , gelbes Haar flog im Wind . Die Menge war von Mitgefühl ergriffen . Schon der Bericht seines todesmutigen Widerstandes , dann die Entdeckung seines Namens , endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn . Er ließ sein Auge flammend die Reihen durchfliegen und mit Stolz auf dem Alten haften . » Ich verwerfe dies Gericht ! Euer Gesetz trifft mich nicht ! Ich bin Römer , kein Gote ! Mein Vater starb vor meiner Geburt , meine Mutter war eine Römerin , die edle Cloelia . Diesen barbarischen Alten hab ' ich nie als mir verwandt empfunden . Seine Strenge hab ' ich verachtet wie seine Liebe . Seinen Namen hat er mir , dem Kinde , aufgezwungen , mich meiner Mutter entrissen . Ich aber entlief ihm , sobald ich konnte : nicht Hildebrand , Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt . Römisch waren meine Freunde , römisch von jeher meine Gedanken , römisch mein Leben . All ' meine Freunde gingen zu Belisar und Cethegus : sollt ' ich zurückbleiben ? Tötet mich , ihr könnt ' es und ihr werdet ' s. Aber gesteht , daß es Mord ist , nicht Rechtsvollzug . Ihr richtet keinen Goten , ihr ermordet einen gefangenen Römer . Denn römisch ist meine Seele . « Schweigend , mit gemischten Empfindungen , hörte die Menge diese Verteidigung . Da erhob sich ingrimmig der Alte , sein Auge sprühte Blitze , seine Hand zitterte , vor Zorn , an dem Stabe . » Elender ! « schrie er , » du bist eines gotischen Mannes Sohn , das räumst du ein . So bist du denn ein Gote : und wenn du dich als Römer fühlst , verdienst du schon dafür , zu sterben . Sajonen , fort mit ihm , an den Galgen . « Da trat der Gefangene nochmal an die Schranken der Stufe . » So sei verflucht , « schrie er , » du tierisch rohes Volk ! Verflucht , ihr Barbaren allesamt , und zumeist du , Greis , mit dem Wolfsherzen ! Glaubt nicht , daß all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit ! Hinweggetilgt sollt ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden . « Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Hülle ums Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel , wo ein starker Eibenbaum aller seiner Zweige und Blätter beraubt war . Da wurden die Augen der Menge von ihm nach dem Lager abgelenkt , aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse nahte . Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner , Witichis und Hildebad an der Spitze . » Haltet ein , « rief der König von weitem , » schont den Enkel Hildebrands : Gnade , Gnade ! « Aber der Alte wies nach dem Hügel . » Zu spät , Herr König , « rief er laut , » es ist aus mit dem Verräter . So geh ' es jedem , der seines Volks vergißt . Erst kommt das