Tage , « schluchzte die Alte , » nicht einmal seinen Geburtstag hat er noch erleben dürfen . « » Woran ist er gestorben ? « » Ich weiß es nicht , und keiner weiß es ; Doctor Balthasar sagt ja , er könne es nicht begreifen ; er ist nicht wieder gesund gewesen , seitdem Du fort warst , und es ist schlechter geworden und immer schlechter , obgleich er es nie zugeben wollte . Heute vor vierzehn Tagen hat er sich gelegt und hat immer so still vor sich hingeblickt und nur manchmal in seinem Hausbuch geschrieben , noch am Abend vorher , und als ich am Morgen kam , ist er todt gewesen und das Buch hat auf seiner Bettdecke gelegen . Ich habe es an mich genommen , und es auch Niemand gezeigt , als sie kamen und Alles versiegelten ; ich meinte immer , ich müsse es für Dich aufheben , er hat manchmal Deinen Namen so vor sich hingesagt , wahrend er schrieb ; was er geschrieben weiß ich nicht , ich kann ja nicht lesen . Ich will es Dir holen . « Sie öffnete dienstwillig die Thür nach des Vaters Stube . Es war sauber dort , wie immer , peinlich sauber , aber noch unwohnlicher , - die weißen Streifen über den Schlüssellöchern des Secretairs und des alten braunen Spindes in der Ecke blickten mich geisterhaft an . » Weshalb brennt die Lampe auf dem Tisch ? « fragte ich . » Sie wollen ja heute Abend kommen . « » Wer will kommen ? « » Sarah und ihr Mann und die Kinder , glaube ich . Weißt Du es denn nicht ? « » Ich weiß von Nichts , von Nichts ! Und da liegt ja auch mein letzter Brief - unerbrochen ! nicht einmal den hat er noch gelesen ! « Ich ließ mich in dem Stuhl nieder , der vor dem Schreibtische stand . Ich hatte nie in diesem Stuhl gesessen , kaum ihn zu berühren gewagt - eines Königs Thron würde mir minder ehrwürdig erschienen sein . Das fuhr mir jetzt durch den Kopf und viele , viele andere schmerzliche Gedanken , und mein Kopf sank in die Hände ; ich hätte gern geweint , aber weinen konnte ich nicht . Da stand die Alte neben mir mit dem Buch , von dem sie gesprochen . Ich kannte es wohl ; es war ein dickes Buch in Quart , mit Ledereinband und Haken zum Schließen , und ich hatte es oft in des Vaters Händen gesehen , des Abends , nachdem er seine Arbeit gethan ; aber nie hatte ich gewagt , einen Blick hineinzuwerfen , selbst wenn ich es einmal gekonnt hätte , was freilich nicht oft der Fall gewesen war , denn der Vater pflegte es sorgfältig zu verwahren . Jetzt lag es geöffnet vor mir ; eines nach dem andern wandte ich die Blätter des groben , rauhen Papiers um , deren Seiten mit der überaus sauberen , pedantisch gradlinigen , mir so wohlbekannten Hand meines Vaters bedeckt waren . Die Hand hatte sich nicht verändert , trotzdem die Aufzeichnungen über vierzig Jahre reichten und die Tinte auf den ersten Seiten bereits vollständig vergilbt war . Nur auf den letzten schien diese rüstige Kraft gebrochen : die Schriftzüge wurden immer eckiger , machtloser ; es waren nur noch traurige Ruinen von dem , was sie einst gewesen ; das letzte Wort kaum noch lesbar . Es war mein Name . Und wie häufig auf den Blättern , die den letzten sieben und zwanzig Jahren gehörten , war mein Name ! » Heute ist mir ein Sohn geboren - ein derber Junge , die Hebamme sagt , so derb hat sie ihr Lebtag keinen gesehen , der sei ja wie der heilige Georg . Und so soll er auch Georg heißen und soll eine Freude werden meines Lebens und eine Stütze meiner alten Tage . Das walte Gott ! « » Georg schlägt gut ein , « stand auf einer andern Seite ; » er ist schon größer als des Herrn Steuerraths Arthur , der doch auch nicht klein ist , und scheint einen guten Kopf zu haben : er hat mit seinen drei Jahren Einfälle , daß es zum Verwundern ist . Er wird wohl bald in die Schule müssen . « Und wieder auf einer andern : » Küster Volland ist voll Lobes über meinen Georg ; mit dem Lernen könnte es vielleicht besser sein ; aber das Herz , sagt der alte Herr , sitzt dem Jungen auf dem rechten Fleck ; das wird einmal ein braver Mann werden ; ich werde es nicht erleben , aber Sie werden es , und dann denken Sie daran , daß ich es Ihnen gesagt habe . « So ging es noch über manche Seite ; » Georg ! - mein Prachtjunge ! - der Hauptkerl , der Georg ! « Dann kamen andere Zeiten ; Georg war nicht mehr sein drittes Wort , und Georg war nicht mehr sein Prachtjunge und sein Hauptkerl . Georg wollte nicht gut thun , nicht in der Schule und nicht im Hause und nicht auf der Straße und nirgendwo . Georg war ein Taugenichts ! Nein , nein , das wäre zu viel , er hätte nur besser sein können , sein müssen ; und er würde sich gewiß noch bessern , ganz gewiß ! Und dann kamen viele Seiten , und Georgs Name war nicht mehr darauf . So manches Familienereigniß war notirt , der Tod der Mutter , die Schreckensnachricht von dem Tod des Bruders , und daß die Tochter Sarah wiederum - zum dritten - zum vierten Male - ihm einen Enkel , eine Enkelin geboren habe , und daß er zum Rendanten befördert und Zulage und hin und wieder eine Gratification erhalten ; - aber Georgs Name war und blieb verschwunden . Blieb verschwunden , selbst auf den letzten Blättern , die sich wieder mit » ihm « beschäftigten : daß » er « im Gefängniß von Allen so wohl gelitten sei , und daß der Herr Director von Zehren wieder angefragt habe , ob » er « noch immer nicht der Verzeihung des Vaters würdig scheine ? » Ich habe versucht , ihm heute zu schreiben , wie mir ' s um ' s Herz ist ; aber ich kann mich nicht überwinden ; ich will es ihm sagen , wenn er zurückkommt und ihm an meiner Liebe , an eines alten , gebrochenen Mannes Liebe noch etwas liegt ; aber schreiben kann ich es nicht . « Und auf der letzten Seite stand : » Es ist nicht wahr ; es ist gewiß nicht wahr ! Sechs und ein halbes Jahr soll er sich gut , soll er sich musterhaft gehalten haben und in der zweiten Hälfte des siebenten soll er auf einmal nichts mehr taugen ! « » Ich höre nicht viel Gutes von dem neuen Director ! der Verstorbene - das war ein edler Herr und er war immer voll des Lobes über ihn ; nein , nein , was man auch von ihm denken mag ! schlecht ist mein Junge nicht , nicht schlecht . « Und ganz zuletzt : » In acht Tagen ist er frei ; er wird mich auf dem Krankenbette finden , wenn er mich noch findet . Um seinetwillen wünsche ich es ; es würde ihm doch am Ende schmerzlich sein , fände er mich nicht mehr . Ich habe alle diese Jahre gedacht , er habe mich nicht lieb , der Junge , weil er mich sonst nicht so gekränkt haben würde ; aber eben träumte ich , daß er hier war , und ich ihn in meinen Armen hielt . Ich sagte zu ihm : Georg - « Ich starrte mit brennenden Augen auf das nun leere Blatt , als müßten Worte hervorkommen , die mein Vater im Traum zu mir gesagt ; aber die Worte kamen nicht , so eifrig ich starrte , und endlich sah ich nichts mehr vor der Thränenfluth , die aus meinen Augen brach . » Du mußt nicht so weinen , Georg , « sagte die gute Alte ; » ich weiß es , daß er Dich doch lieber gehabt hat , als die Andern , viel , viel lieber ! Und wenn er auch vor Gram und Herzeleid über Dich gestorben ist , - er war ja ein alter Mann , und da ist ihm wohl , viel wohler als hier , obgleich der liebe Gott weiß , daß ich keinen andern Gedanken gehabt habe , diese zwanzig Jahr , als es ihm recht zu machen . « » Ich weiß es , ich weiß es auch und danke Dir tausend- , tausendmal ! « rief ich , ihre welken , braunen Hände ergreifend , » Und nun sag ' , was hast Du vor ? was kann ich für Dich thun ? « Sie sah mich an und schüttelte den Kopf ; es mochte ihr sonderbar vorkommen , daß der Georg aus dem Gefängnisse etwas für sie thun wollte . Ich wiederholte meine Frage . » Ach , Du armer Junge , « sagte sie , » Du wirst Deine liebe Noth haben , Dich selber durchzubringen , denn viel ist es gewiß nicht , was er hinterlassen hat ; er war zu gut , er mußte ja überall helfen , und mich hat er in das Beguinen-Stift eingekauft für die paar Jahre , die ich vielleicht noch zu leben habe . Das geht nun auch ab , und Sarah hat schon sehr darüber gescholten ; sie haben gedacht , sie würden Alles bekommen , aber es soll ganz gleich zwischen Euch getheilt werden , das habe ich aus seinem eigenen Munde , und ich kann es beschwören und werde es beschwören , wenn sie Dir es abstreiten sollten , weil er ja kein Testament hinterlassen hat . « In diesem Augenblicke wurde stark an der Hausthür geschellt . » Ach , Du guter Gott , « rief die Alte , die Hände zusammenschlagend , » da sind sie schon . Sie trippelte aus dem Zimmer , dessen Thür offen blieb . Ich dachte daran , wie ich meine Schwester nie geliebt , in welcher Feindseligkeit ich mich vor Jahren von ihr getrennt und wie ich in der Zwischenzeit keineswegs gelernt hatte , sie zu lieben - aber was sollte das Alles jetzt ? Jetzt , wo sie und ich den Vater verloren hatten , wo sie und ich über das Grab des Vaters hinweg uns die Hände reichen mußten . Ich trat auf den kleinen Flur , der von den Angekommenen beinahe ausgefüllt war : eine große , hagere , blasse Frau in schwarz und ein kleiner , runder , rother Mann in der Steuerofficianten-Uniform , und so viel ich in der Eile sehen konnte , ein halbes Dutzend Kinder von zwölf oder zehn Jahren bis herab zu einem Säugling , welchen die große , hagere Frau in dem Momente , als ich auf der Schwelle erschien , fest an sich drückte , indem sie mich dabei mit ihren großen , kalten Augen mehr feindselig als erschrocken anblickte . Der kleine , dicke Mann in Uniform trat , Verlegenheit auf dem runden Gesicht , zwischen mich und die Gruppe der Mutter mit den Kindern , und sagte , die plumpen Hände ängstlich übereinander reibend : Wir haben Sie hier nicht erwartet , ehem ! - Herr Schwager ! - ehem ! - aber es ist ja sehr schön , daß Sie hier sind ! ehem ! Wir gehen wohl derweile in des seligen Vaters Stube , da können wir ja Alles in Ruhe besprechen . Nicht wahr , liebe Frau ? « Der kleine Mann drehte sich auf den Hacken nach seiner lieben Frau um , welche statt aller Antwort , ihre Kinder vor sich herschiebend , in das Zimmerchen der alten Magd drängte . Er drehte sich wieder auf den Hacken um , rieb sich noch verlegener als zuvor die Hände und sagte noch einmal : » ehem ! « Wir traten in das Zimmer ; ich setzte mich in des Vaters Arbeitsstuhl , mein Schwager war in seinem Gemüth zu verstört , um sitzen zu können . Er ging mit kurzen , schnellen Schritten in dem Gemach auf und ab , und blieb , so oft er an die Thür kam , einen Augenblick stehen , mit seitwärts gebeugtem Kopf lauschend , ob seine liebe Frau drüben ihn etwa gerufen habe , und sagte dann , um die Pause schicklich auszufüllen : » ehem ! « Es war eine lange Auseinandersetzung , die mir der kleine Mann während dieser seiner rastlosen Wanderung von der Thür nach dem Ofen und wieder vom Ofen nach der Thür zum Besten gab , und was er sagte , war so plump und ungeschickt , wie er selbst . Es schien , daß er und seine liebe Frau sich halb und halb Hoffnung gemacht hatten , ich würde nie wieder aus dem Gefängnisse herauskommen , besonders , nachdem mir über meine Zeit hinaus ein halbes Jahr Disciplinarstrafe zudictirt war . Er freute sich ja sehr , daß seine und seiner lieben Frau Befürchtungen sich nun doch nicht verwirklicht , aber das müsse ich zugeben , daß es ein hartes Ding für einen königlichen Beamten sei , einen Schwager zu haben , der im Zuchthause gesessen . Ob ich glaube , daß ein Beamter mit einer solchen Verwandtschaft Carriere machen könne ? Es sei ganz schrecklich , so zu sagen , unverantwortlich ; und wenn er das hätte voraussehen - Der kleine Mann warf einen scheuen Blick auf mich . Ich saß so still da und blickte ihn so starr an , und war ein Riese im Vergleich zu ihm , und kam eben aus dem Gefängniß ! Es war am Ende doch nicht gerathen , in diesem Tone mit mir zu sprechen , und nun kam eine lange Litanei von dem traurigen Leben , das ein kleiner Beamter mit einer starken Familie an der polnischen Grenze führe . Freilich habe er sich jetzt auf den Wunsch seiner lieben Frau , die ihren alten Vater pflegen wollte , hierher versetzen lassen ; aber nun habe der alte Herr , der sich ihrer gewiß recht angenommen hätte , sterben müssen , und hier sei das Leben so viel theurer , und dann die Reise mit den vielen Kindern , und der Kleine sei erst sechzehn Wochen alt , und wenn sie auch nun die Erbschaft gemacht , so sei Zwei ein starker Divisor , wenn der Dividendus nicht groß sei und - Ich hatte genug , mehr als genug gehört . » Kennen Sie vielleicht von früher her dieses Buch ? « sagte ich , die Hand auf den Deckel von des Vaters Tagebuch legend . » Nein , « erwiederte der kleine Mann . » Lassen Sie mir das Buch ; ich will weiter nichts von des Vaters Erbschaft . Es ist des Vaters Tagebuch , das für Sie kein Interesse hat . Wollen Sie ? « » Ja wohl ; das heißt ! ehem ! ich weiß nicht , ob meine liebe Frau - man müßte doch erst einmal sehen - « erwiederte mein Schwager , sich verlegen die Hände reibend und mit den kleinen verschwollenen Aeuglein nach dem Buch schielend . » So sehen Sie ! « sagte ich . Ich begann jetzt meinestheils die Wanderung durch das Zimmer , während der Mann seiner lieben Frau sich an den Tisch setzte , das verdächtige Buch einer genaueren Inspection zu unterwerfen . Es schien , als ob er demselben auf dem gewöhnlichen Wege der Lectüre kein besonderes Interesse abgewinnen könne ; er versuchte es deshalb auf eine andere Weise , indem er es oben an den beiden Deckeln ergriff und die herunterhängenden Blätter eine halbe Minute lang energisch durcheinanderschüttelte . Da auch diese Methode zu keinem Resultat führte , gab er die Sache als hoffnungslos auf , legte das Buch wieder hin , erhob sich , rieb sich die Hände und sagte : » Ehem ! - ja , gewiß - freilich - so zu sagen - versteht sich - das heißt , wir müßten die Sache doch schriftlich machen - ein paar Zeilen nur - um vorläufig einen Anhalt zu haben - man könnte es ja später notariell - « » Was Sie wollen , wie Sie wollen « - sagte ich . » Hier ! « Der kleine Mann blickte in das Papier und blickte auf mich , während ich das Buch in mein Bündel schnürte und Bündel und Stock in die Hand nahm . Er wußte entweder nicht , was er aus mir machen sollte , oder er hielt mich auch - was nach dem Ausdruck seines Gesichts wahrscheinlicher war - einfach für verrückt ; auf jeden Fall war er ausnehmend froh , mich los zu werden . » Schon fort ! « sagte er , » wollen Sie nicht meiner lieben Frau - « Es verlangte mich nicht mehr , seine liebe Frau zu sehen ; ich murmelte etwas , das als Entschuldigung gelten mochte , ging zum Zimmer hinaus , drückte auf dem Flur im Vorübergehen der alten Rieke die Hand und stand auf der Gasse . Ich habe nur eine dunkle Erinnerung von der folgenden Stunde . Es ist kein Traum , aber es ist mir wie ein Traum , daß ich in dieser Stunde auf dem Kirchhof draußen in der Mühlenvorstadt gewesen bin und den alten Todtengräber herausgeklopft habe , der sich eben zu Bett legen wollte ; und daß ich an einem frischen Grabe gekniet und dem alten Mann , der mit der Laterne abseits stand , hernach Geld gegeben und ihn gebeten habe , morgen in aller Frühe den Hügel mit Rasen zuzudecken ; - daß ich dann wieder zurückgegangen und vor dem Thore an der Villa des Commerzienraths vorüber gekommen bin , wo alle Fenster erleuchtet waren und an den erleuchteten Fenstern tanzende Paare vorüberhuschten nach einer Musik , die ich nicht hörte ; - und daß ich mich fragte , ob die kleine Hermine auch wohl da oben tanze , und mir dann einfiel , daß das hübsche Kind jetzt siebenzehn Jahr alt sein müsse , wenn sie nicht auch bereits gestorben sei . Mir wurde unsäglich traurig zu Muth ; es war mir , als wäre die ganze Welt ausgestorben und ich sei der einzige Lebende , und die Schatten der Todten tanzten um mich her , nach einer Musik , die ich nicht hörte . So wankte ich in die Stadt zurück , die menschenleeren , todtstillen Gassen entlang dem Hafen zu , mechanisch denselben Weg einschlagend , der mir von Jugend auf der liebste gewesen war . Der Seewind wehte mir entgegen - er that meiner brennenden Stirn so wohl ! Ich sog mit vollen Zügen die kräftige Luft in meine gepreßte Brust . Nein , nein , die Welt war nicht ausgestorben , ich war nicht der einzige Lebende , und es gab auch noch eine Musik , eine köstliche Musik , mir köstlicher als jede andere : die Musik des Windes , der durch die Raaen und durch das Tauwerk pfiff , und der Wellen , die gegen den Hafendamm und um den Bug der Schiffe plätscherten ! Nein , nein , sie war nicht ausgestorben ; es gab noch Menschen , die mich liebten , die ich aus ganzer Seeele wiederlieben durfte ! Auf der Landungsbrücke , wo das Dampfschiff nach St. anzulegen pflegte und auch gerade jetzt wieder lag , stand eine dichte Gruppe von Menschen . Mir fiel ein , daß ich meine Fahrt nach der Hauptstadt am zweckmäßigsten auf dem Dampfer hier beginnen könnte . Als ich , dies bei mir überlegend , vor der Brücke stand , wurde eben ein Korb , wie er zum Transport von schwer Kranken benutzt zu werden pflegt - nur daß der Deckel fehlte , den man in der Eile vergessen oder in der Nacht nicht für nöthig erachtet haben mochte , - an mir vorüber getragen , auf die dichte Gruppe zu . » Was giebt ' s ? « fragte ich die Männer . » Der Heizer auf der Elisabeth hat sich das Bein gebrochen , « brummte der Eine , in welchem ich jetzt meinen alten Freund , den Stadtdiener Luz erkannte . » Und wir sollen ihn in das Spittel bringen , « sagte der Zweite , der kein Anderer als der gefürchtete Bolljahn war . » Der arme Mensch , « sagte ich . » Ja , « sagte Luz , » und seine Frau ist eben niedergekommen . « » Und acht waren schon da , « brummte Bolljahn . » Nein , sieben , « sagte Luz . » Nein , acht , « versicherte Bolljahn . Die Gruppe , welche auf der Brücke stand , setzte sich in Bewegung . » Da liegt er schon , « sagte Luz . » Nein , acht , « sagte Bolljahn , der einen einmal behaupteten Streitpunkt nicht sobald aufgeben zu können schien . Luz hatte recht ; man hatte den Verunglückten bereits auf dem Schiffe auf die Brücke geschafft . Es war ein sehr großer , starker Mann , an dem ihrer Vier zu tragen hatten und der doch , so stark er war , vor Schmerzen stöhnte und wimmerte . Die Beiden setzten den Korb nieder ; man wollte den Kranken hineinheben und mußte dabei sehr ungeschickt zu Werke gehen , denn er schrie laut auf . Ich stieß ein paar Gaffer bei Seite und trat herzu . Sie hatten ihn wieder auf den Boden niedergelassen ; ich fragte ihn , wie er es haben wolle , und legte selbst mit Hand an . » Gott sei Dank ! « murmelte der Aermste , » da ist doch ein vernünftiger Mensch . « Sie trugen ihn fort ; ich ging noch eine Strecke nebenher , ein wenig nach dem Rechten zu sehen . Ob er es warm genug habe ? er hatte es warm genug ; ob sie ihn gut trügen ? ein bischen weniger könne es schon schütteln . » Hier ist etwas für Sie , und Sie , « sagte ich , meinen alten Freunden ein paar Geldstücke in die Hand drückend , » und nun tragt ihn , als ob es Euer Bruder wäre , oder ein Junge von Euch , « und dann beugte ich mich über den Kranken und flüsterte ihm etwas in ' s Ohr , das die Herren Luz und Bolljahn nicht zu hören , und gab ihm etwas , das die Herren Luz und Bolljahn nicht zu sehen brauchten , und kehrte dann wieder um , auf die Gruppe zu , die noch immer am Laufbrett stand und den merkwürdigen Fall discutirte . In demselben Augenblicke kam der Kapitän über das Laufbrett und rief zu der Gruppe gewandt : » Will Einer von Euch für den Karl Riekmann eintreten und für die eine Fahrt ; ich will es gut bezahlen ! « Die Leute sahen einander an . » Ich kann nicht , Karl , « sagte der Eine , » kannst Du nicht ? « » Nein , Karl , « sagte der Angeredete ; » aber Du , Karl ! « - » Ich kann auch nicht , « sagte der dritte Karl . » Ich will , « sagte ich . Der vierschrötige Kapitän blickte zu mir hinauf . » Na ! « sagte er , » leisten wirst Du es schon . « » Ich denke , « sagte ich . » Und kannst Du gleich bleiben ? « sagte er . » Mich hält hier Nichts ! « sagte ich . Zweites Capitel . Ein grauer Nebelmorgen folgte der kalten , windigen Nacht . Es war sechs Uhr , als die » Elisabeth « den Hafen verließ ; ich war seit drei Uhr an der Feuerung beschäftigt gewesen . Die Arbeit war mir schnell von Statten gegangen und ich hatte der Unterweisung des brummigen , schwerfälligen Maschinenmeisters kaum bedurft . Ich mußte ein paar Mal unwillkürlich lächeln , als der Mann , wenn ich , ohne ihn zu fragen , diesen oder jenen Dienst an der Maschine selbstständig ausführte , mich mit halb ärgerlichen , halb verwunderten Blicken anstarrte . Ich hatte ihm gesagt - und das war der Wahrheit gemäß - ich sei ganz neu in diesem Dienst ; aber ich hatte ihm nicht gesagt , und ihn ging es ja auch nichts an , daß ich in dem Unterricht bei meinem unvergeßlichen Lehrer über das Wesen einer Schiffs-Dampfmaschine vollkommen unterrichtet war und die einzelnen Theile derselben an einem vortrefflichen Modell bis in die kleinsten Einzelheiten studirt hatte . Und lernte ich so den Dienst eines Feuermannes binnen wenigen Stunden regelrecht versehen , so dauerte es kaum so lange , bis ich auch das Aussehen eines regelrechten Feuermannes hatte . Um meinen einzigen Anzug zu schonen , hatte ich mich desselben zum Theil entledigt , und es mir in einer Arbeitsblouse meines verunglückten Vorgängers bequem gemacht . Die Blouse paßte vollkommen - ein Beweis , daß , wenn meine Körpergröße ein Naturfehler war , wie mir nur zu oft vorkam , ich mich wenigstens in diesem meinem Unglück eines Leidensgefährten erfreute . Dazu das Hantiren mit den Kohlen , und die Wirkung eines Rauchstromes , der mir beim Anheizen zehn Minuten lang aus dem widerspenstigen Ofen über das Gesicht gestrichen war - selbst mein Freund , der Doctor Snellius , welcher sich auf sein physiognomisches Gedächtniß so viel zu Gute that , würde mich nicht erkannt haben . Das war mir freilich jetzt sehr gleichgültig - ich hatte glücklicher Weise andere Dinge in den Kopf zu nehmen . Glücklicherweise ! Denn in meinem Kopfe sah es übel aus , und noch übler in meinem Herzen . Der Tod des Vaters , der aus dem Leben geschieden war , ohne daß ich ihm noch einmal die strenge , gute Hand hätte drücken können , - die Begegnung mit der Schwester , die ihre Kinder vor mir in Sicherheit bringen zu müssen glaubte , - der Gedanke an die Zukunft , die um so dunkler vor mir lag , je länger ich Zeit gehabt hatte , darüber nachzudenken , was in dieser Zukunft aus mir werden solle , - das Alles würde mich für den Moment vollständig niedergedrückt haben , wäre da vor mir der brave Ofen nicht gewesen , in dem die Kohlen so prächtig glühten , und die Flammen so lustig tanzten , und die wackere Maschine , die rastlose , unermüdlich arbeitende . Nur die Arbeit kann uns frei machen , hatte mir mein Lehrer gesagt , die freie Arbeit ! Ich hatte es ihm auf ' s Wort geglaubt , aber ich begriff es doch eigentlich erst heute , als ich fühlte , wie von der tüchtigen Arbeit , der ich hier obzuliegen hatte , die Last auf meinem Herzen leichter und leichter , und die Wolken vor meiner Stirn lichter und lichter wurden . Ja , es kam ordentlich ein freudiger Stolz über mich , daß ich mich hier unten wie zu Hause fand ; und ich dachte jenes Tages vor acht Jahren , als ich die verhängnißvolle Fahrt auf dem » Pinguin « machte , meinen Freund Klaus im Maschinenraum besuchte , und meinem weinerhitzten Gehirn die Maschine wie ein Ungeheuer vorgekommen war , das mir zu nichts gut schien , als sich von ihm zermalmen zu lassen . Der gute Klaus ! Er hatte damals seine liebe Noth mit mir gehabt und viel schwere Sorge ; und etwas Noth und Sorge würde ich ihm auch jetzt wohl wieder machen , wenn ich zu ihm kam , um mit seiner Hülfe ein tüchtiger Arbeiter zu werden . Etwas Sorge - nicht viel ; ich hatte heute Morgen erfahren , daß ich fester auf den eigenen Füßen stehen könne , als ich je geglaubt . Oder auch als mein augenblicklicher Vorgesetzter , der bärtige Maschinenmeister , auf den seinigen . Er stand gar nicht fest , der brave Mann . Die verquollenen Augen , der verschlafen überwachte Ausdruck seines nichts weniger als schönen Gesichtes , das unfeine Parfüm von Alkohol , welches er um sich verbreitete , ließen unschwer errathen , daß sein schwankender Gang durch das Schaukeln des Schiffes nicht allein bedingt wurde . Er war nicht betrunken , der würdige Mann - ein ordentlicher Maschinenmeister betrinkt sich nicht , selbst wenn er bis um zwei Uhr Morgens mit seinen Collegen vom schwedischen Postschiff in der Hafenkneipe gesessen und schwedischen Punsch getrunken hat - aber nüchtern war er auch nicht , gewiß nicht nüchtern , so wenig , daß ich jetzt meinerseits meinen Vorgesetzten mit mißtrauischen Blicken zu beobachten begann , wenn er , an der Steuerung der Maschine stehend , über die Güte des schwedischen Punsches in tiefe Nachdenklichkeit versank , die einem ruhigen Schlummer manchmal auffallend ähnlich sah . » Eine Wärmplatte , Herr Weiergang , schnell nach dem Verdeck ! « rief der Steward in den Maschinenraum hinab . Herr Weiergang nickte , nickte zu mir herüber ; es war eine Sache , die mich speciell anging . Und ich wußte , um was es sich handelte . War ich doch oft genug auf Dampfschiffen gefahren bei rauhem Wetter , wenn das Stampfen des Schiffes in den Wellen den Aufenthalt in der Cajüte für Damen , die zur Seekrankheit geneigt , unmöglich und der scharfe Nordost und das Spülwasser das Verweilen auf dem Deck unlieblich , ja unerträglich machen . Ganz unerträglich , wenn der brave Heizer nicht wäre , der mit den auf dem Kessel heiß gemachten , eigens zu dem Zweck gegossenen Eisenplatten kommt , um dieselben den Frierenden dienstfertig unter die Füße zu schieben . Heute nun war