Leben lang . Das wollte er nie wieder von eines Menschen Munde vernehmen ; er wollte hin , wo Niemand ihm das sagen konnte , wo Niemand es wußte , Niemand ihn kannte - fort ! Er nahm seine Mütze und ging . - In der Unruhe und Aufregung , welche das Erkranken der Baronin veranlaßt hatte , beachtete man es nicht , daß Paul nicht um die gewohnte Stunde zum Vesperbrode kam . Als die Kriegsräthin ihn später vermißte , meinte sie , daß Schrecken und Furcht vor einer Strafe ihn abhalten möchten , vor ihr zu erscheinen , da sie ihm verboten , sich seinem Vater in den Weg zu stellen , und da er jetzt erlebt habe , welch ein Unheil er damit angerichtet . Indeß es war nicht seine Weise , ohne Erlaubniß fortzugehen oder sich feige einer Strafe zu entziehen , und als eine Stunde um die andere verging , als der Abend hereinbrach , als die Dämmerung der Nacht zu weichen begann , fing man unruhig zu werden an , und vor Allen zeigte sich Seba besorgt . Man hatte Paul ' s Büchertasche unten auf dem Zahltische liegen gefunden ; der Lehrling hatte ihn eine Weile im Laden stehen und dann fortgehen sehen . Man schickte zu den Knaben , mit denen er Verkehr hielt , er war aber bei keinem von ihnen gewesen ; man fragte in der Straße , ob man ihn bemerkt , aber Niemand wußte sich dessen zu erinnern , und wer achtet auch an einem schönen Sommerabende , an dem die Leute alle draußen sind , auf das Kommen und Gehen eines Knaben ? Um elf Uhr , als Angelika ruhiger geworden war und als der Freiherr das Haus verlassen wollte , um sich in seinem Gasthofe zur Ruhe zu begeben , trat er in die Wohnstube der Flies ' schen Familie ein . Er fand nur Seba in derselben , und nachdem er gebeten , ihn augenblicklich zu benachrichtigen , wenn der Zustand der Baronin seine Anwesenheit erheischen sollte , fragte er : Wer war der Knabe , Mademoiselle , der sich in Ihrem Laden aufhielt , als die Baronin von dem üblen Anfalle betroffen ward ? Wie er das fragen kann ? dachte Seba . Sie hätte ihm sagen mögen : Es ist Ihr Sohn , und Sie wissen das . Indeß sie überwand sich und antwortete : Es ist der Pflegesohn des Kriegsraths Weißenbach , der hier im Hause wohnt . Sein Name ? Paul Mannert , sprach sie nachdrücklich , und wie fest das Auge Seba ' s auch auf den Freiherrn gerichtet war , sie konnte keine Veränderung in seinem ernsten Gesichte lesen . Das empörte sie , und , hingerissen von der Angst um ihren Schützling , voll Abscheu vor der Ruhe seines Vaters , die mit ihrer Sorge in so grellem Widerspruche stand , rief sie : Er ist aber nicht mehr da , der Knabe ! Er ist fort , der Paul , und wir suchen ihn vergebens ! Gott gebe , daß er in seiner Verzweiflung nicht wie seine Mutter geendet hat ! Wie ein Blitz zuckte es durch die Gestalt des Freiherrn , es zitterte in seinen Mienen , und mit bebender Lippe fragte er : Was wissen Sie von ihm , Mademoiselle ? Er mußte sich niedersetzen ; Seba war über ihr eigenes Thun erschrocken , aber der Grimm gegen diese vornehmen Männer , die Alles unter die Füße treten zu können glaubten , die Empörung über die Herzenskälte des Freiherrn , die Erinnerung an die Schmach des eigenen Geschickes hoben sie über sich hinaus , und kalt und stolz , wie der Freiherr eben erst vor ihr gestanden hatte , sagte sie : Ich weiß wer der Knabe ist , weiß , daß seine Mutter in Verzweiflung ihren Tod im Wasser gesucht , und Gott gebe , daß er ihr ' s nicht nachgethan hat , denn er fühlte sich verstoßen ! Der Freiherr fuhr auf . Er wollte die unberechtigte Anmaßung dieses Judenmädchens zurückweisen , aber das harte Wort erstarb ihm auf der Lippe , und wie im Schmerze schloß er die zornfunkelnden Augen . Das währte indeß nicht lange , dann hatte er seine Wahl getroffen , seine Entscheidung schnell gefaßt , und während Seba in ihrem Herzen noch darüber triumphirte , daß es ihr gelungen war , einen dieser Edelleute , den Freiherrn von Arten , der seines Kindes vergessen konnte , der Herbert beleidigt , der Adam gekränkt , der kein Herz hatte , so wenig Graf Gerhard ein Herz gehabt , unter ihrem Blicke zusammenbrechen und vor ihrem Worte zittern und leiden zu sehen , erhob der Freiherr sich und sagte mit schonender Herablassung : Ihre Aufregung macht Ihrem guten Herzen Ehre , Mademoiselle Flies , und der Unerfahrenheit muß man selbst den Mangel an der nöthigen Delicatesse nachsehen ! Ich hoffe , daß man nichts versäumt , den Knaben aufzufinden , an dem Sie so viel Antheil nehmen ! Der Vorsicht wegen will ich selbst dafür Schritte thun lassen ! Leben Sie wohl , Mademoiselle ! Seba stand und blickte ihm nach . Sie biß die Zähne auf einander , um die laute Verwünschung zurückzudrängen , welche ihr aus dem Herzen auf die Lippen stieg . Sie hörte , wie der Baron leise mit ihrem Vater sprach , dem er im Hause begegnete , und zornig das Haupt schüttelnd , rief sie : Es giebt keine Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden , wenn nicht einst der Tag der Vergeltung für sie Alle kommt , wenn sie nicht ernten müssen , was sie säeten ! Aber es blieb ihr nicht lange Zeit für ihre Gedanken . Ihr Vater , der Kriegsrath und die Kriegsräthin kamen herbei ; sie sollte noch einmal Alles erzählen , was sie gestern von Paul gehört , was sie mit ihm gesprochen , und während sie im Grunde nur wenig zu sagen hatte , während sie gar keine Vermuthung hegte , die auf irgend eine Spur zu leiten vermocht hätte , wurde die Kriegsräthin nicht müde , es immer zu wiederholen , mit welcher Voraussicht und Sorgfalt sie gehandelt , wie sie allein daran gedacht habe , dem geschehenen Unheil vorzubeugen , und wie nur der widerspänstige Charakter des Knaben , den er von seiner Mutter habe , sie um die Früchte jahrelanger Opfer gebracht , alle ihre Plane zerstört , die Baronin von Arten auf das Krankenlager geworfen und dem Freiherrn die übelsten Begriffe von der Erziehung gegeben haben müsse , welche Paul genossen . Sie verlangte Anerkennung , Trost und Zuspruch von ihrem Manne und von den Andern zu erhalten , und nicht ein einziges Mal fiel es ihr ein , welchen Antheil sie an der traurigen Gemüthsverfassung des armen Knaben hatte , und kein Vorwurf in ihrem Innern sagte ihr , daß sie und ihre unheilvollen Aufklärungen ihn aus dem Hause getrieben , in welchem sie , die Trostbegehrende , nie eine Aufwallung der Liebe , nie ein Herz für ihn gehabt hatte . Während sich bei Seba und bei den Männern mit den fortschreitenden Stunden die Hoffnung , daß Paul freiwillig wiederkehren werde , verminderte , und die Sorge , daß er ein unglückliches Ende genommen habe , sich steigerte , gab die Kriegsräthin , als sie sich ermüdet zu fühlen begann , immer zuversichtlicher sich der Erwartung hin , Paul werde nach Kinder-Art von selbst nach Hause kommen , wenn Hunger und Müdigkeit ihn dazu trieben , und wenn man nur aufhören wolle , so ängstlich auf seine Wiederkehr zu achten . Er sei fraglos ganz in der Nähe , er warte nur auf die Gelegenheit , sich unbemerkt in seine Schlafkammer zu schleichen . Und stets bereit , die Umstände so anzusehen , wie es mit ihren Wünschen am besten zusammenstimmte , nannte sie es das Gerathenste , die Ruhe zu suchen und nicht um eines Knabenstreiches willen das Haus , die Nachbarschaft oder gar , wie es in Folge eines Schreibens , das der Freiherr dem Kriegsrathe für den Polizei-Director übergeben , geschehen war , die Stadtbehörden in Bewegung zu setzen . Indeß weder der Schlaf , dem die Einen sich überließen , noch die Herzensangst , mit welcher Seba in ihrem Zimmer wachte , änderten das Geschehene ; - Paul blieb aus . Gegen den nächsten Mittag , als die Kammerjungfer der Baronin sich entfernt hatte , um aus dem Hotel verschiedene Gegenstände herbeizuholen , deren man für die Kranke bedurfte , hatte Seba deren Stelle an dem Lager eingenommen . Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein , durch die geöffneten und leicht verhängten Fenster stieg der Duft der Reseda aus dem Garten in das Gemach . Man hörte das leise Säuseln der Blätter , der linde Windhauch bewegte die Vorhänge , und hier und da schlich sich ein gedämpfter Sonnenstrahl hinein , seinen Schimmer über Angelika ' s bleiche Stirn und über ihr goldblondes Haar verstreuend . Es waren schwere Stunden gewesen , der Tag und die Nacht , die hinter ihr lagen . Sie hatte kein Auge geschlossen . Als sie am verwichenen Nachmittage von ihrer Erschöpfung zu sich gekommen war , hatten ihre ersten Worte Paul gegolten . Unfreiwillig habe ich seine Mutter getödtet , unfreiwillig giebt er mir den Tod ! sagte sie zum Freiherrn , der düster brütend an ihrem Lager weilte . Sie verlangte nach Paul , sie wollte ihn sehen ; man stellte ihr die Anordnung des Arztes dagegen auf , und sie verzichtete auf die Erfüllung ihrer Forderung . Aber ihre Gedanken blieben mit ihm beschäftigt , und selbst als die verwirrenden Nebel des Fiebers ihren Sinn überwältigten , sah sie ihn vor Augen . Bald rief sie , daß er sie ergreife , daß er sie morde , bald klagte sie sich an , daß sie ihm die Mutter nicht ersetzt habe , und gelobte ihm , es künftig zu thun . Dann wieder mußte sie ihn im Kampfe mit Renatus wähnen , denn sie schrie auf und beschwor den fremden Knaben , ihres Sohnes zu schonen , der schuldlos an all dem Unheil sei . Noch am Mittage , als Seba an ihr Lager gekommen war , hatte sie gewacht , und erst unter Seba ' s Obhut , die mit so brennenden Erinnerungen an ihrer Seite saß , hatte sie Schlaf und Ruhe finden können . Seba hatte die Baronin zuerst gesehen , als man sie , eine Bewußtlose , in dieses Zimmer brachte . Sie hatte es bis dahin geflissentlich vermieden , ihr zu begegnen , aber sie kannte dieses Antlitz . Sie kannte diese hohe , weiße Stirn , diese schmale , feine Nase , den kleinen Mund mit seinen weichen , vollen Lippen . Gerade so zogen an der Schläfe sich die blauen Adern unter der durchsichtigen Haut des Grafen hin , gerade so bogen seine leichten Brauen sich in der Mitte ihrer Wölbung aufwärts . Jeder Zug dieses schönen Antlitzes war ihr vertraut , und sein Anblick wendete ihr das Herz im Busen um . Alles , was sie seit Jahren durchlebt und durchlitten , es drängte sich in ihr in diese Stunde zusammen ! Sie mußte es noch einmal erleben und erleiden , sie konnte kaum der Hast ihrer eigenen Gedanken , der wilden wechselnden Gewalt ihrer Empfindungen folgen . Gerhard ' s Schwester lag in ihrem Vaterhause , eine zum Tode Erkrankte , vor ihren Augen da . Es war des Grafen Schwester , über der sie wachte , von deren Schlummer sie jede Störung fern zu halten strebte , - und Jahre lang hatte sie die Nächte im grimmen Schmerze durchwacht , in Verzweiflung durchweint , in Scham durchseufzt - um Gerhard ' s willen ! Mit welcher Stirn würde er da stehen , wenn die Baronin einst Seba ' s Namen vor ihm nennen würde , den Namen des vertrauensvollen Mädchens , dessen Glück und Liebe er so frevelhaft gemordet ! Wenn er , er selber es wäre , wenn er so daläge , hülflos mir hingegeben ! dachte sie . Tödtlicher Haß und das heiße Verlangen , sich zu rächen , schwelgende Erinnerungen und Erbarmen mit dem eigenen Leide bedrängten sie , und es dünkte sie ein Fluch , daß sie den Haß kennen lernen , daß die Verachtung statt der Liebe in ihr lebendig geworden war . Dann wieder fühlte sie sich plötzlich über alle Trübsale fortgetragen , leicht und frei . Sie konnte auf ihre Vergangenheit zurückblicken wie auf eine abgelegte Hülle , die ihr fern lag , sie fühlte sich durch ihr Denken und Thun weit über sie hinausgehoben , und doch blutete ihr das Herz , doch schwammen ihre Augen in Thränen ; denn wie sie auch danach rang , sich neu aufzuerbauen , - es blieben ihr doch unwiederbringlich jene unschätzbaren Güter verloren , ohne welche das Menschenleben trübe wird wie ein Tag , dem die Sonne bei seinem Aufgange und Niedergange nicht leuchtet : die freudige Erinnerung an die eigene Jugend und der Glaube an das Glück der Zukunft ! Und wenn sie eine Weile den eigenen Erinnerungen und dem Schmerze nachgegeben , dann fiel der arme Paul , ihr armer Paul ihr ein . Wo mochte er weilen , wo konnte er sein ? Sie hätte hinauslaufen mögen , ihn zu suchen , aber wohin sollte sie sich wenden ? Warum war er nicht zu ihr gekommen , der er doch vertraute , die er liebte , die ihn in ihr Herz geschlossen , als dieses Herz sich an Liebe und an Freude ganz verarmt geglaubt ? Was mußte ihm geschehen sein , was mußte man ihm gethan haben , daß er ihrer nicht gedacht , daß er sie vergessen hatte ? Es war ihr , als müsse sie ihn rufen , als könne er gar nicht ausbleiben , wenn sie ihn nur riefe ; aber hier , an diesem Lager , durfte sie ihn nicht rufen , nicht seinen Namen nennen , denn hier , in ihrem Schutze , sollte die Gräfin Berka , die schöne Frau des Freiherrn von Arten , Ruhe finden , die Frau , um deretwillen die Mutter Paul ' s die sonnige Erde verlassen und sich begraben hatte in des Wassers kalte , dunkle Tiefe . Wie aber , wenn auch Paul wirklich nicht mehr auf der Erde weilte ? dachte sie ; wenn auch seinen schönen jungen Leib die Wellen verschlungen hätten , wenn seine Augen , in deren hoffnungsreiche Fröhlichkeit sie sich so gern versenkt , gebrochen wären , wenn die Fluth ihn jetzt schon mit sich trüge weit hinaus , hinaus ins Meer ! Ihr graute vor der Vernichtung seiner jugendlichen Schönheit - ihr graute vor dem Tode . Und schwebte nicht vielleicht auch über dem stolzen , blonden Haupte , das hier vor ihren Augen schlummerte , schon des Todes Sichel ? War denn jetzt Alles dem Untergange geweiht ? Sie neigte sich leise zu der Kranken hernieder , um zu hören , ob sie athme , da schlug Angelika matt die Augen auf und blieb mit dem träumerischen Blicke an Seba haften . Sie konnte sich nicht besinnen , wo sie war , sie schaute Seba mit Befremdung an , aber ihre Miene wurde dabei immer freundlicher , und beide Hände faltend , bewegte sie leise ihre Lippen . Seba kniete nieder , um ihre Worte zu verstehen . Die Baronin schien das mit Ueberraschung zu gewahren . Sie faßte nach Seba ' s Hand ; ein leises Ach ! entfloh ihrem Munde , da sie dieselbe berührte , und mit schmerzlicher Klage sagte sie : Ich lebe also noch ? Ja , Gott sei Dank , Sie leben ! rief Seba . Gott sei Dank , Sie leben ! wiederholte sie , von einer Rührung ergriffen , die sie nicht bemeistern konnte , und Sie werden leben bleiben ! Die Baronin legte ihre Hand matt und langsam auf das Haupt der Knieenden . Ich bin sehr müde , seufzte sie , und die Augen schließend , während sie Seba ' s Hand in der ihrigen hielt , bat sie : Gehen Sie nicht von mir , es ist mir wohl in Ihrem Schutze ! Theure , theure Frau ! rief Seba , indem sie die Hand der Kranken an ihre Lippen preßte und heiße Thränen ihre Augen füllten . Was haben Sie ? fragte die Kranke ängstlich . Aber Seba nahm sich schnell zusammen . Nichts , nichts , sagte sie . Ich bin so glücklich , daß Sie Ruhe finden , daß Sie mich um sich haben mögen ! Angelika drückte ihr die Hand , und aufs Neue nahm der Schlummer der Ermattung sie gefangen . Seba aber saß still und regungslos an ihrem Lager . Sie dachte des Uebels nicht mehr , das der Bruder dieser Frau ihr gethan , weil sie jetzt der Schwester liebend beistand ; sie vergaß des eigenen Unglücks über dem Leiden dieser Frau , und wie Wolken sich bilden und vergehen , sich formen und ihre Formen wechseln , daß man nicht weiß , wofür man sie zu halten und wie man sie zu deuten hat , während doch das Auge und der Sinn sich nicht von ihnen abzuwenden vermögen : so zogen an ihrem Geiste die Gestalten des Grafen und des Freiherrn , Angelika ' s und Herbert ' s und der Geschwister aus dem Amthause vorüber , und dazwischen dachte sie des Knaben , dem sie so viel verdankte und dem sie von ganzem Herzen zu vergelten gewünscht . Wie komme ich , eben ich denn gerade in diesen Menschenkreis ? Weßhalb laufen alle diese Schicksalsfäden in dem Bereiche zusammen , den ich übersehe ? Und was kann , was soll ich thun inmitten dieser Menschen ? Ich , die ich selbst unglücklich und ohne alle Hoffnung bin ? fragte sie sich immer und immer wieder . Da quoll es warm in ihrem Herzen empor , jenes beseligende Lieben um des Liebens willen , das dem Menschen noch Glück bereitet , wenn er sich alles Wünschens und Wollens für sich selbst entschlagen hat , und mit überwallender Empfindung rief sie sich zu : Ich kann lieben , hoffen , helfen und trösten ! Ich will hoffen für den armen Paul , und vor allem Dich trösten und Dir helfen , Du schöne , kranke Frau ! Siebentes Capitel Alle Bemühungen bewiesen sich fruchtlos ; Paul kam nicht wieder . Ein Arbeiter hatte spät am Abende einen Knaben , auf den die Beschreibungen des Vermißten paßten , am Außenhafen gesehen , aber wohin er gegangen oder wo er geblieben war , das hatte er nicht bemerkt . Die Polizei , die man in Bewegung gesetzt hatte , war ungeübt und lässig , und man kannte damals jene wundervollen Erfindungen noch nicht , welche , Zeit und Raum überwindend , dem Menschen fast eine Allgegenwärtigkeit verleihen und sich zu unfehlbaren Dienern und Boten unserer Freude , unseres Schmerzes , unserer Sorge machen . Man mußte abwarten und hoffen oder sich bescheiden , das Schlimmste zu erfahren , und in diesem Falle war die Liebe verzagter als der Eigennutz . Die Kriegsräthin , welche ohne das ansehnliche Kostgeld ihres Pflegesohnes gar nicht auszukommen wußte , rechnete zuverlässig auf dessen Wiederkehr ; Seba betrauerte seinen Verlust . Sie allein hatte die leidenschaftliche Natur des Knaben , die starken , tiefen Empfindungen gekannt , deren er fähig war , und die ihn in einem Augenblick vernichtender Enttäuschung leicht zu einem Aeußersten getrieben haben konnten . Wohin sie sich wendete , fehlte ihr Paul , vermißte sie ihren jungen Gefährten , dessen zuversichtliche Liebe ihr ein Bedürfniß geworden war , und mit dessen Zukunft sie sich zu beschäftigen liebte , wenn ihr der Muth gebrach , der eigenen Zukunft zu gedenken ; und wie sie sich auch dagegen wehrte , drängte sich ihr doch oftmals die entmuthigende Vorstellung auf , daß Paul besser daran gewesen sein würde , wenn er sich ihr nicht angeschlossen , und sich im Verkehr mit ihr nicht über seine Jahre hinaus entwickelt hätte . Es war gut für Seba , daß die Familie von Arten noch immer in der Stadt war , die Baronin noch immer in dem Flies ' schen Hause verweilen mußte , denn es gab Seba eine Beschäftigung , welche sie von dem Schmerze um den Knaben abzog . Der Arzt hatte es , selbst als die dringendste Gefahr vorüber war , entschieden widerrathen , die Kranke in den Gasthof bringen zu lassen , und Madame Flies wollte davon auch gar nicht sprechen hören . Ihr gutes Herz und ihre bürgerliche Eitelkeit fanden eine große Befriedigung darin , eine solche Dame zu bedienen und zu pflegen , mit ihr beständig zu verkehren , ihren Umgangsgenossen von diesem Verkehr zu erzählen , und daneben dachte sie , in dem romantischen Glauben an die wunderbaren Wege der Vorsehung , von welchem nur wenige Frauen frei sind , man könne doch nicht wissen , wozu es gut sei , daß die Schwester des Grafen Gerhard eben in ihrem Hause erkranken müsse und daß sie ihre Seba und die ganzen Verhältnisse der Familie nun so unerwartet kennen lerne . In der Residenz hatten schon Grafen und Prinzen sich mit Jüdinnen verheirathet , und was Einer Jüdin widerfahren war , konnte der andern auch begegnen , besonders wenn dieses ihre Seba war . Weniger angenehm war es dem Freiherrn , seine Gemahlin noch immer in der Obhut der Familie Flies zu wissen und sich von dieser eben in diesem Augenblicke Verbindlichkeiten auferlegen zu lassen , die er nicht bezahlen , nicht gleich vergelten konnte . Sein Geist war ohnehin verdüstert , sein Gemüth beschwert . Das plötzliche Wiedersehen seines Sohnes , an dem er einst gehangen , das eben so plötzliche Verschwinden desselben hatten einen furchtbaren Eindruck auf ihn gemacht . Trotz des flüchtigen Blickes , den er auf Paul geworfen , hatten die Schönheit des Knaben , die auffallende Aehnlichkeit mit dem von Arten ' schen Geschlechte ihn erschüttert , und es war eine wundersame Freude gewesen , mit der er Paul ' s unleugbare Ueberlegenheit über Renatus anerkannt . Auch jetzt konnte er des Zwiespaltes in seinem Innern nicht Meister werden . Er ließ die eifrigsten Nachforschungen nach Paul anstellen , so widerwärtig das dadurch gemachte Aufsehen und die unvermeidliche Besprechung aller seiner persönlichen Verhältnisse ihm auch waren . Er litt unter dem Gedanken an den immer wahrscheinlicher werdenden Untergang des Knaben , und er trug doch kein Verlangen danach , ihn wieder vor sich zu sehen ; aber auch Renatus mochte er nicht um sich haben , und vor Allem vermied er es , Seba zu begegnen , deren herbe Wahrhaftigkeit ihn schwer beleidigt hatte . Selbst die Gesellschaft der Herzogin war ihm nicht willkommen . Ihre leichte Unterhaltungsgabe vermochte nicht , ihn zu zerstreuen , ihr Bestreben , ihn von sich abzuziehen , that ihm jetzt nicht wohl . Er fühlte sich allein und von jedem Anspruche an ihn belästigt . Erst nachdem er sich eines Tages eingestanden , daß auf ihm ein schweres , ein besonderes Schicksal laste , daß eine dämonische Gewalt , mächtiger als sein Wille , nicht aufgehört habe , ihn , seit er sich von Pauline getrennt und mit der Baronin verbunden habe , zu verfolgen , begann er seine Fassung wieder zu finden . Er kam sich eben durch diese Besonderheit seines Looses ausgezeichnet und wie durch seine Geburt und die Bedeutung seiner Person von den ihn umgebenden Menschen geschieden und über sie erhaben vor . War es doch etwas so Gewöhnliches , glücklich zu sein ! Ein Jude wie Flies konnte das Glück für sich haben auf allen seinen Wegen , denn das Glück wohnt und waltet auf jener breiten Heerstraße des Lebens , auf der sich die Mittelmäßigkeit und die Niedrigkeit berechnend und schwachherzig bewegen . Ein Mann , der wie der Freiherr seinem inneren Bedürfen , seinem Glauben an ein Ideales , der einzig den großmüthigen Regungen seines Herzens folgte , der seinen Ehrbegriffen und den unabweislichen Pflichten seines Standes nachzuleben hatte , der wandelte auf einem anderen Pfade , der hatte wenig Aussicht , auf seinem einsam erhabenen Wege dem Glücke zu begegnen . Was war es denn gewesen , als Großmuth , daß er einst sein Leben an das Leben eines armen Kindes gesetzt ? Was war es gewesen , als sein Glaube an ein Ideales , der ihn bewogen , dieses Mädchen zu bilden ? Seinen Standespflichten zu genügen , seinem alten Stamme zur Ehre hatte er das geliebte Geschöpf von sich entfernt und sich mit Angelika verbunden . Aus Achtung vor seiner Ehe und um Angelika seinen guten Willen zu beweisen , hatte er darauf verzichtet , Paulinen ' s Sohn unter seinen Augen aufwachsen zu lassen - und beide , Pauline und ihren Sohn , hatte der Tod ereilt , beide hatte er Angelika geopfert , der Frau geopfert , die ihn für einen Mann vergessen können , dem er großmüthig und vertrauend , wie er Angelika vertraut , sein Haus geöffnet . Großmuth und das Gefühl der Standesehre hatten ihn bewogen , die Herzogin und den Marquis gastlich bei sich aufzunehmen . Sein eigenes Ehrgefühl hatte ihn veranlaßt , sich auf das Ehrgefühl des Marquis zu verlassen , und wie hatte dieser ihm die Rücksicht für die Herzogin , wie hatte er ihm das Zutrauen gedankt , das er ihm bewiesen ! - Großmuth war es gewesen , die ihn zu dem Bau der Kirche getrieben , als er Angelika nach einer äußeren Befriedigung ihres religiösen Sinnes trachten sehen , deren er für sein Theil nicht bedurfte ; und all diese hohen Empfindungen , all sein edles Wollen hatten ihm keine beglückende Frucht getragen , hatten ihm die Liebe der Menschen nicht zugewendet , ja , waren von ihnen kaum erkannt geschweige denn gewürdigt worden . Sogar sein ältester Lebensgenosse , der Caplan , ward ihm nicht mehr gerecht , hielt nicht mehr zu ihm , wie er es erwarten durfte , und auch die Herzogin hatte es nicht ganz begriffen , daß ein Mann wie er mit seinem Glauben , mit seinem Vertrauen und mit seiner Neigung nicht unterhandeln , daß er keine Gemeinschaft mehr mit seiner Gattin haben könne , wenn deren Hingabe für ihn nicht mehr eine volle und unbedingte war . Auch die Herzogin verstand ihn nicht vollkommen , nicht wie er ' s bedurfte . Er stand allein , ganz allein in seiner Umgebung , unter seinen Standesgenossen , weil ihnen allen der rechte Sinn des Adels verloren gegangen war . Aber das Bewußtsein dieser Einsamkeit warf ihn nicht nieder , sondern hob ihn in seinen Augen über die Andern hoch empor ; denn » fortis in adversis « , » Muth in Widerwärtigkeiten « war der Wahlspruch seines Hauses ! Mochte die Gunst des Lebens sich von ihm wenden und das Glück sich ihm entziehen , - den stolzen Herzschlag seines edeln Blutes , den frei über die Reihen der niedrig geborenen Menschen sich aufschwingenden Sinn seines alten adeligen Geschlechtes , den konnte ihm nichts rauben ; und diese Vorzüge immer und gegen Jedermann mit Entschiedenheit geltend zu machen , das däuchte ihm in diesen Zeiten und in seiner besonderen Lage seine ideale Aufgabe , die wahre Aufgabe des Edelmannes zu sein . Madame Flies jedoch , die in ihrer schlichten Güte wenig Ahnung von solchen idealen Lebensaufgaben hatte , weil sie sich immer an das Nächste und an das Natürliche hielt , sah es mit Erstaunen , wie ruhig und sicher der Freiherr einherschritt , wie das Verschwinden des Knaben , wie die Krankheit seiner Gemahlin , wie selbst die Verwicklung seiner Vermögensverhältnisse und alle jene Sorgen , von denen eine einzige zu tragen ihr schwer gefallen sein würde , ihn gar nicht anzufechten schienen . Sie wußte nicht , sollte sie ihn bewundern und loben , oder ihn verabscheuen und tadeln , aber sie konnte sich , wenn sie den Freiherrn am Krankenbette der Baronin sah , es wohl erklären , warum dieselbe seufzte , sobald er sie verließ , warum sie ihr und vor Allem ihrer Seba so freundlich die weiße , schmale Hand entgegen reichte , so oft sie sich ihr nahten . Die Kranke hatte nach dem Caplan verlangt und der Freiherr sogleich eine Staffette zu ihm gesendet ; indeß es mußten Tage um Tage vergehen , ehe man auf sein Eintreffen rechnen durfte , und der Arzt sah , da er jede Aufregung für die Baronin scheute , die nothwendig verzögerte Ankunft des Geistlichen nicht ungern . Angelika hingegen fragte an jedem Morgen , ob der Caplan noch nicht angekommen sei , schien aber sonst kaum ein Bedürfniß nach Mittheilung zu haben . Sie lag meist still und in sich gekehrt mit gefalteten Händen da und verlangte wenig , wenn sie im Laufe des Tages ihren Sohn einmal gesehen hatte , dem sie mit ernster Zärtlichkeit begegnete . Seba , die ihr unverkennbar die liebste Pflegerin war , verließ sie selten . Einstmals , als sie wieder an ihrem Bette weilte und das Sonnenlicht sie wieder so hell wie an dem ersten Krankheitstage Angelika ' s umfloß , blieb diese lange in ihrem Anschauen versunken , dann reichte sie ihr die Hand und sagte : So wie in diesem Augenblicke hatte ich Sie in Ihrem weißen Kleide vor mir , als ich , aus dem ersten träumerischen Schlummer erwachend , den ich unter Ihrer Hut genossen , Sie für meinen Schutzgeist hielt ! Sie blickten so liebevoll , so traurig auf mich nieder ! Sie sind gewiß sehr gut ! Und daß man Ihnen ansieht , wie sanft , wie glücklich Ihr Lebensweg gewesen und wie Sie reinen Herzens sind , das macht mir Ihre liebe Nähe so erquicklich ! Es fuhr wie ein Messerschnitt durch Seba ' s Brust