, zwischen Freunden muß ein offenes Wort erlaubt sein . Macht nur jetzt , daß Ihr hineinkommt , so kann noch Alles nach Wunsch ablaufen . Ihr seid doch heute Morgen beim Grafen gewesen ? Nein , brummte Herr Schmenckel . Aber zum Teufel , weshalb denn nicht ! rief Timm , dessen Aerger sich von neuem regte . Weil ich nicht wollte , sagte Schmenckel trotzig ; weil ich mit Euch überhaupt nichts mehr zu thun haben will . Aha ! sagte Timm , Ihr möchtet die Fettfedern allein ziehen ? ich habe mir die Finger verbrannt , um Euch die Kastanien aus dem Feuer zu holen ? Nein , theuerster Freund , so dumm sind wir nicht ; für Nichts ist Nichts . Ich will nicht einen Kreuzer von dem Sündengeld , rief Schmenckel ; ich will der Fürstin sagen , daß ich ein ehrlicher Kerl bin und daß sie sich nicht weiter ängstigen soll . Schaust Du aus dem Loch ? sagte Timm ; also blos ein klein wenig verrathen wollt Ihr mich ? Nehmt Euch in Acht , der Spaß könnte Euch theuer zu stehen kommen ! Ich werde thun , was mir gefällt ; sagte Schmenckel , eine sehr entschlossene Miene annehmend und mit langen Schritten weiter gehend . Ihr kommt nicht in das Haus ; rief Albert und packte Schmenckel fest am Arm . Schmenckels Antwort auf diese Herausforderung war ein Stoß , der seinen Gegner sehr unsanft über das Trottoir weg gegen die Wand schleuderte . Im nächsten Augenblick hatte sich die Thür des Palais hinter Schmenckel geschlossen . Durch den Wortwechsel mit Albert war er in eine Art von heroischer Stimmung gerathen , die sich ausnehmend zu der Unterredung , welcher er entgegenging , eignete . So geschah es denn , daß er sich weder durch die glänzende Livrée des Portiers , noch durch die Pracht der Zimmer , welche er durchschreiten mußte , imponiren ließ . Aber der Muth sank ihm plötzlich wieder , und das Herz schlug ihm hoch , als der Bediente jetzt vor einer Thür stehen blieb und leise sagte : Hier befinden sich Ihre Durchlaucht , treten Sie nur ohne anzuklopfen ein ; Sie werden erwartet . Herr Schmenckel fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes Haar , räusperte sich , klemmte den abgeschabten Hut fest unter den linken Arm , öffnete mit der Rechten entschlossen , wenn auch vorsichtig , die Thür und trat ein . Eine rosige Dämmerung umgab ihn , und in der rosigen Dämmerung bemerkte er zwei Frauen , von denen die eine in einem Lehnstuhl am Kamin saß , in welchem trotz des warmen Wetters ein helles Feuer brannte , die andere etwas seitwärts hinter dem Lehnstuhle stand . Beide Frauen richteten , als er sich ihnen näherte , die Augen mit durchdringenden Blicken auf ihn . Dieser Empfang veranlaßte ihn , kleinere und immer kleinere Schritte zu machen , und dann , nachdem er den Raum zwischen Thür und Kamin kaum halb zurückgelegt hatte , plötzlich stehen zu bleiben . Treten Sie näher , lieber Freund , sagte die Dame , die hinter dem Stuhle stand . Herr Schmenckel trat noch zwei sehr kleine Schritte heran und blieb abermals stehen , fest entschlossen , den auf ihn gerichteten funkelnden Augen , komme , was da wollte , nicht eine Linie näher zu treten . Sie sind der Mann , der an den Grafen Malikowsky vorgestern geschrieben hat ? sagte die Dame hinter dem Stuhl . Ja , Ihr ' Gnaden . Herr Schmenckel war es , als ob diese Worte , die er doch ohne Zweifel selbst hervorgebracht hatte , am anderen Ende des Saals von einem Andern gesprochen wären . Er wurde sehr roth und räusperte sich , um sich zu überzeugen , daß wirklich er es sei , der mit den Damen sich unterhalte . Sie heißen Schmenckel ? fragte die Dame hinter dem Stuhl . Ja , Ihr ' Gnaden . Und waren vor vierundzwanzig Jahren in Petersburg ? Ja , Ihr ' Gnaden . Und kamen zu der Zeit manchmal in ' s Hotel Letbus ? Ja , Ihr ' Gnaden . Kennen Sie mich noch ? Herr Schmenckel richtete seine Augen , die überall im Zimmer , nur nicht auf den beiden Frauen geweilt hatten , auf die Sprecherin und sagte nach einigem Bedenken : Ich sollt ' s halt meinen , obgleich ich ' s just nicht beschwören möcht ' ! Wenn ' s nicht gar so lang her wär ' , wollt ' ich sagen , Sie sind die Nadeska , das Kammermädel von der gnäd ' gen Frau , die mir im Anfang immer die schönen Briefchen und die Rosenbouquets von der gnäd ' gen Frau in den Schwarzen Bären brachte . Nadeska beugte sich über die Gebieterin und flüsterte ihr einige Worte in ' s Ohr , worauf diese in demselben Ton etwas erwiederte . Darauf entfernte sich Nadeska . Wollen Sie sich nicht setzen , Herr Schmenckel ? sagte die Fürstin , sobald sie allein waren . Herr Schmenckel nahm ihr gegenüber auf dem Rande eines Lehnstuhls Platz . Kennen Sie denn auch mich ? fragte die Dame . Herr Schmenckel verbeugte sich , indem er dabei die Hand auf ' s Herz legte . Warum haben Sie sich nicht direct an mich gewandt ? fuhr die Fürstin im Tone sanften Vorwurfs fort ; weshalb mußten Sie den Grafen in ' s Vertrauen ziehen ? Bin ich jemals ungroßmüthig gegen Sie gewesen ? war es meine Schuld , wenn unsre letzte Zusammenkunft so endete ? Herr Schmenckel wollte etwas erwiedern , aber die Fürstin ließ ihn nicht zu Worte kommen . Wenn ich gewußt hätte , daß Sie noch lebten und wo Sie lebten , ich würde reichlich für Sie gesorgt haben ; ja , ich bin noch diesen Augenblick gern dazu bereit . Aber unter einer Bedingung : brechen Sie jede Verbindung mit dem Grafen ab , lassen Sie sich nie wieder bei ihm sehen , und vor allen Dingen , wagen Sie nie , sich dem Fürsten zu nähren ! So lange Sie diese Bedingungen halten , fordern Sie , was Sie wollen , und wenn Alexandrine Letbus es erfüllen kann - es soll geschehen . Die Fürstin streckte flehend ihre durchsichtigen Hände aus ; ihre schwarzen Augen schimmerten wie von Thränen ; die rosige Dämmerung verklärte ihre bleichen , noch immer schönen Züge . Herr Schmenckel fuhr sich mit der Hand über die Augen . Lassen Sie mich auch einmal sprechen , gnädige Frau ; sagte er ; ich bin der Schandbub ' nicht , den Sie aus mir machen . Es wär ' mir ja nimmer eingefallen , Ihro Gnaden , dem Herrn Grafen , je so ein ' Brief zu schreiben , wenn ich nicht von einem kreuzschlechten Menschen - Timm ist sein Name - dazu beredet worden wär ' . Ich wußt ' ja gar nicht , daß der Caspar Schmenckel aus Wien einen so gar vornehmen Herrn Sohn hätt ' ! Aber der Timm sagt ' zu mir : auf den Busch klopfen , sagt ' er , kann man immer , das schadet nicht . Da hat er mir den Brief geschrieben und selbst zum Grafen getragen . Der ist noch an demselben Abend zu mir in den Dustern Keller gekommen und hat gesagt , daß es ihm recht sei , wenn ich Euer Gnaden , der Frau Fürstin , ' s Leben bissel sauer machte ; aber an den Fürsten selbst sollt ' ich mich nicht wenden , dann wär ' der Spaß mit einem Male vorbei . Und dann wär ' s auch zu viel , was ich gefordet hätt ' , ein Viertel so viel wär ' auch genug ; er wollt ' selbst deswegen mit Euer Gnaden , der Frau Fürstin , sprechen , und heut ' Vormittag sollt ' ich zu ihm kommen und da sollt ' ich ' s Geld in Empfang nehmen . - Nun mögen Euer Gnaden , die Frau Fürstin , es glauben oder nicht , aber der Schmenckel aus Wien ist ' ne ehrliche Haut , die Niemand nichts zu Leid thun kann , geschweige denn einer schönen Dame , die sehr gut gegen den armen Caspar gewesen ist . Und als nun Euer Gnaden zu mir schickten und mir sagen ließen : ich sollt ' halt nur selber vorsprechen , da sagt ' ich zu mir : Caspar , sagt ' ich , geh ' zur gnäd ' gen Frau und sag ' ihr so und so , und sie sollt ' nur ruhig sein , der Schmenckel würd ' sich nimmer wieder bei ihr sehen lassen , und was das Geld anbetrifft , ich sag ' Euer Gnaden , nicht ein ' Kreuzer davon könnt ' ich anfassen , wenn auch gleich ein Gulden d ' raus würd ' . Und so Euer Gnaden , Frau Fürstin , Gott befohlen ! und wenn wir uns nicht wiedersehen sollten , bleiben ' s hübsch gesund und haben ' s nur kein ' Angst vor dem Caspar Schmenckel ; der thut Ihnen nimmer was . Ich küß ' die Hand , Euer Gnaden . Mit diesen Worten erhob er sich und machte seine schönste Verbeugung . Guter Mann , sagte die Fürstin mit zitternder Stimme . Ihre Augen weilten mit Wohlgefallen an der herkulischen Gestalt des Mannes , der der Vater ihres Sohnes war . Die außerordentliche Aehnlichkeit Beider sowohl in Figur , als Gesichtsbildung , erfüllte sie mit einer wehmüthigen Freude . Sie dachte der Tage , wo dieser Mann , ein Löwe an Kraft und Gewandtheit , wenn nicht ihr Herz , so doch ihre Phantasie beherrscht ; aber in demselben Augenblicke überkam sie auch die Furcht , der Sohn könne den Vater bei ihr finden , - ihr Sohn , der stolze , jähzornige Mann , könnte jemals erfahren , daß der Possenreißer , der Seiltänzer sein Vater , der Vater des Fürsten zu Waldernberg sei . Du mußt fort , sagte sie hastig ; hier - sie streifte von ihrem Finger einen prachtvollen Ring , dessen Brillanten im Schein des Feuers in allen Farben des Regenbogens blitzten , - keinen Widerspruch ! nimm ! ich habe ihn lange getragen , schon damals , als Dich Nadeska zum ersten Male zu mir führte ; nimm ihn zum Andenken an Alexandrine Letbus ! Doch jetzt fort , fort ! Sie berührte die Feder der silbernen Glocke , die neben ihr auf dem Tische stand . Nadeska trat herein . Führe ihn hinaus . Sorge , daß Euch Niemand sieht . Nadeska ergriff Herrn Schmenckel , der gern noch etwas erwidert hätte , aber zu verlegen und zu verwirrt war , um ein Wort hervorzubringen zu können , bei der Hand und zog ihn durch eine Tapetenthür , die links neben dem Kamine auf einen schmalen Corridor ging , von welchem man auf eine Nebentreppe in den Hof gelangte . Die Fürstin sank erschöpft in die Kissen ihres Lehnstuhls zurück und bedeckte Stirn und Augen mit der Hand . Sie bemerkte nicht , daß eine Portière , rechts neben dem Kamin , deren Falten sich schon einige Male während ihrer Unterredung mit Herrn Schmenckel leise bewegt hatten , auseinandergeschlagen wurde und der Fürst hereintrat . Sie hörte ihn erst , als er dicht vor ihr stand . Sie schlug die Augen auf , und in demselben Momente stieß sie einen Schrei des Entsetzen aus , - sein unerwartetes Erscheinen und ein Blick in das todesbleiche , wildverstörte Antlitz sagten ihr , daß er Alles gehört habe . Gnade , Raimund , Gnade ! schrie sie , die krampfhaft gefalteten Hände zu ihm emporstreckend . Raimunds breite Brust hob und senkte sich , als wehre sie sich gegen eine fürchterliche , erdrückende Last , und seine Stimme klang wie ein heiseres Röcheln , als er jetzt nach der Thür , durch die Schmenckel sich entfernt hatte , deutend , sagte : War dieser Mann , der so eben von Dir ging , mein Vater ? Gnade , Raimund , Gnade ! willst Du Deine Mutter tödten ? Besser , Du hättest mich nie geboren , als von einem solchen Vater ! Der gewaltige Mann zitterte , als ob ein heftiges Fieber ihn schüttelte - ein Stöhnen , das schauerlich durch das prächtige Gemach hallte , brach aus seiner Brust . Um aller Heiligen willen , Raimund , höre mich an ; ich will Dir Alles sagen . Ich brauche nichts mehr zu hören . Ich weiß nur schon zu viel . Der Graf hat mich Bastard gescholten ; ich glaubte , er sei wahnsinnig ; er hat mir nur den rechten Namen gegeben . Er griff mit den Händen nach der Seite , - er hatte den Degen im Vorzimmer abgelegt . Seine Augen blickten wild umher , als suche er eine Waffe . Seine Mutter verstand den Blick : Raimund , Raimund , was willst Du thun ? Der Sache so schnell als möglich ein Ende machen . Kein Mensch wird es je erfahren - Wird es erfahren ? Wer weiß es denn noch nicht ! Nadeska , der Graf , dieser Mann , - soll meine Ehre , mein Rang , mein Vermögen von der Lagune einer Kammerfrau , von der Discretion eines herzlosen Roué , von der Schweigsamkeit eines Straßenhelden abhangen ? soll ich warten , bis es die Leute auf der Gasse mir nachrufen ? Ich will die Menschen tödten , welche es wissen ; sie sollen sterben - Alle sollen sie sterben , wenn nur Du mir bleibst . Und wenn sie stürben , und wenn Niemand es wüßte , als Du und ich ; ja Mutter , wenn Du gestorben wärst und das Geheimniß wäre in meiner Brust begraben , ich würde es selbst da nicht sicher glauben : ich würde mich und meine Schmach in dem tiefsten Grund der Erde verbergen . Die Fürstin bedeckte das blasse Gesicht mit den mageren Händen . Aber hier war keine Zeit , sich müßigem Jammer hinzugeben . Sie kannte den Charakter ihres Sohnes zu wohl , um nicht zu wissen , daß es sich um Tod und Leben handele . Raimund , rief sie , wieder emporschnellend , Du tödtest nicht blos Dich , Du tödtest auch mich . Bist Du doch mein Alles , meine Sonne und mein Licht ! Ich habe nie ein Kind gehabt , außer Dir . Du weißt nicht , was es heißt , ein Kind haben und lieben , noch dazu , wenn man , wie ich , so unglücklich im Leben war ! Ich habe den Grafen nie geliebt . Wie konnte ich auch einen Menschen lieben , der seine Kraft wie sein Vermögen in den abscheulichsten Ausschweifungen vergeudet hatte . Ich wurde seine Gemahlin , weil - weil der Czar es wollte . Und ich war damals noch so jung , und so leichtsinnig , aufgewachsen in dem Glanz und der Ueppigkeit des glänzendsten und üppigsten Hofes . Ich war dem Grafen nicht treu - so wenig wie er mir , ihm war es im Grunde gleich ; aber er wollte eine Gewalt über mich erlangen , die mich zwang , seiner sinnlosen Verschwendung machtlos zuzusehen . Er hatte mir sicher schon lange aufgelauert , bis es ihm endlich , ich weiß noch heute nicht , durch welchen unglücklichen Zufall oder durch welchen schändlichen Verrath gelang , mir das Geheimniß zu entreißen . Seit dem Augenblick ist mein Leben ein Leben unter des Henkers Beil gewesen , das mich vor der Zeit zu einer alten Frau gemacht hat . Ich habe nichts gehabt , als Dich und Deine Liebe - die einzige warme Stelle in einer eisig kalten Welt . Raubst Du mir die , so muß ich unterliegen . Raimund , ist dies der Dank für alle meine Liebe ? Der Sohn hatte , während die Mutter so Wahrheit und Dichtung künstlich und klüglich mischte , mit einer Miene zugehört , die so finster war , wie eine schwarze Gewitterwand . Gieb mir die Möglichkeit , zu leben , sagte er , und ich will leben . So kann ich es nicht . Ich kann nicht leben mit dem Bewußtsein , daß mein Blut nicht edler ist , als das , welches in den Adern meines Stallknechts fließt . Bin ich nicht Deine Mutter ? Ist jener Clown nicht mein Vater ? Ja , Raimund , er ist es ; und ihm verdankst Du die stolze Kraft , ihm verdankst Du , daß alle andern Männer neben Dir Schwächlinge sind . Wolltest Du lieber des Grafen Sohn sein , der Erbe seiner marklosen Schwäche , seines vergifteten Blutes ? Und wähnst Du denn , daß in den Adern unseres Adels nur adeliges Blut rollt ? daß Dein Fall der einzige ist , wo ein entartetes Geschlecht durch gesundes Proletarierblut sich wieder regenerirt hat ? Soll ich Dir aus unseren Kreisen einige Geschichten erzählen ? Dir sagen , von wem Deine Freundin Ludmilla ihre dunkle Farbe und ihre bezaubernden schwarzen Augen , und Dein Jugendfreund , Michael Oronzoff , sein lockiges , blondes Haar hat ? Und glaubst Du , daß es in anderen und höheren Regionen anders und besser ist ? Die Fürstin hob sich halb aus ihrem Stuhl empor und flüsterte einige Worte so leise , daß sie nur eben das Ohr des Sohnes erreichen konnten . Er aber schüttelte finster den Kopf . Steht es so mit uns ? sagte er , so mögen wir nur unsere Degen zerbrechen , unsere Wappenschilder in den Koth werfen . Ich habe meine Ehre blank bewahrt ; ich habe keine Schuld , aber ich will die Schuld der Anderen sühnen , ehe sie noch größer wird , ehe ich , ohne es zu wissen und zu wollen , tiefer in diese Sümpfe gerathe . Weißt Du , daß der Mann , mit dem ich vor drei Tagen auf der Straße in ein Handgemenge gerieth , jener Mann war ? - der Fürst deutete nach der Thür , durch die sich Herr Schmenckel entfernt hatte - weißt Du , daß ich um ein Haar meinen Degen mit dem Blute dessen gefärbt hätte , der mich erzeugt hat ? Nein , nein ! das Maß ist übervoll . Und Deine Braut ? Der Fürst zuckte zusammen . Die Fürstin sah , wie tief dieser Pfeil ihm in ' s Herz gedrungen war . Ein Schimmer von Hoffnung , sie könne in diesem Kampfe doch noch Siegerin bleiben , ging ihr auf . Willst Du Dein höchstes Glück vernichten ? diesen Engel von Dir weisen ? willst Du Dich vor ihr erniedrigen , vor ihr , der Stolzen , der Schönen ? Unmöglich kannst Du das ! Du bist gefesselt an das Leben mit Ketten von Stahl und mit Ketten von Rosen . Die einen kannst Du , die anderen darfst Du nicht zerreißen . Es ist vergeblich , sagte der Fürst ; Du kannst mir diese fürchterliche Last hier - er legte die Hand auf die Brust - nicht wegreden . Lebe wohl ! Er wandte sich zu gehen . Raimund ! kreischte die Fürstin , von ihrem Stuhl emporfahrend und den Sohn umklammernd , was hast Du vor ? Nichts Schimpfliches , davon sei überzeugt , sagte er , indem er sich mit sanfter Gewalt aus ihren Armen loszumachen suchte . Lebe wohl ! So gehe hin , Barbar , und tödte - sie konnte nicht ausreden ; die ungeheure Aufregung dieser beiden letzten Scenen war zu viel für ihre zerrütteten Nerven , sie sank ohnmächtig in ihren Stuhl . In diesem Augenblick kam Nadeska zurück . Ein Blick auf die Scene im Salon sagte ihr , was geschehen war . Sie werden die Aermste tödten , rief sie , indem sie der Ohnmächtigen zu Hülfe eilte . Und weshalb das Alles ? Es wird nie verrathen werden . Der Fürst lachte . Es war ein schauerliches Lachen . Meinst Du , Nadeska ? sagte er ; wenn Du nun aber im Schlafe sprächest ? oder hast Du auch Deine Träume an die Fürstin verkauft ? Achtundvierzigstes Capitel Als der Fürst , wie ein von den Furien gejagter Orest , durch die Vorzimmer eilte , begegnete er der Baronin Grenwitz , die von der Fürstin Abschied zu nehmen kam . Er glaubte vor Scham in die Erde sinken zu müssen , als sie ihm mit ihren großen Augen starr und prüfend in ' s Gesicht sah . Sie sagte etwas zu ihm , aber er hörte nicht , was es war . Es sauste ihm in den Ohren . Er stieß ein paar unarticulirte Töne aus , die eine Entschuldigung vorstellen sollten . Dann stürzte er fort . Die Baronin sah ihm mit düsteren , mißtrauischen Blicken nach . Anna-Maria hatte , seitdem sie das Palais betreten , keine frohe Minute gehabt . Der Empfang gestern Abend hatte sie auf die peinlichste Weise berührt . Die erzwungene Haltung des Fürsten , die vergeblichen Bemühungen der Fürstin , einen freundlicheren Ton in der Gesellschaft hervorzurufen , der kaum verschleierte Hohn , mit welchem der Graf jedes wärmere Wort lächerlich zu machen suchte - das Alles hatte sie mit banger Sorge für Helenens Zukunft erfüllt . Sie hatte die ganze Nacht schlaflos dagelegen und darüber geräthselt , und sie war - sie wußte selbst nicht warum - immer wieder zu dem Resultat gekommen , die Fürstin habe sich einmal in ihrem Leben eine Untreue zu Schulden kommen lassen und müsse dafür noch heute die brutale Tyrannei des Grafen dulden . Vielleicht , daß zu diesem Resultat die allerdings auffallende Unähnlichkeit des Vaters und des Sohnes mitgewirkt hatte . So war sie in der übelsten Laune und mit heftigstem nervösen Kopfschmerz dazu , sehr spät aufgestanden und hatte es gar nicht ungern gesehen , daß Helene am Nachmittag ihre Freundin Sophie zu besuchen fuhr . Kaum war Helene aus dem Hause , als ihr zwei Briefe überbracht wurden , der eine aus Grünwald , der andere aus der Stadt . Sie erbrach den Grünwalder Brief zuerst . Die Nachricht von Malte ' s Krankheit erfüllte sie mit namenloser Angst . Sie hatte von seiner Geburt an für sein Leben gefürchtet ; so sollte ihre Furcht also doch in Erfüllung gehen ! Und wenn Malte starb - was Gott in seiner großen Gnade noch gnädig verhüten wolle ! - so fiel , da jetzt auch Felix nicht mehr war , das Majorat an einen Hauptmann von Grenwitz , den Sohn von ihres verstorbenen Gemahls Vetter , einen armen schwedischen Edelmann , den sie nie gesehen hatte , den sie niemals hatte sehen wollen . Der sollte fortan Herr sein auf Grenwitz ? Wahrhaftig , da wäre es ihr noch lieber gewesen , wenn es sich herausgestellt hätte , daß Oswald Stein Haralds rechtmäßiger Sohn war . Mechanisch erbrach sie den zweiten Brief . Er war von Albert Timm und lautete : Gnädige Frau ! Nach unserer letzten Begegnung werden Sie es selbstverständlich finden , daß ich die Waffen , die ich bis dahin für Sie gebraucht hatte , gegen Sie wandte . Herr Stein ist von Allem unterrichtet . Ehe ein Jahr vergeht , ist er - verlassen Sie sich darauf ! - Herr von Stantow und Bärwalde , und Sie werden überdies die Zinsen von vierundzwanzig Jahren zu zahlen haben , d.h. Sie werden ruinirt sein . Ich könnte mir nun schadenfroh die Hände reiben ; aber Albert Timm ist eine gutmüthige Seele und will Ihnen zum Dank für Ihren Undank einen guten Rath geben . Machen Sie Frieden mit Herrn Stein , bevor es zu spät ist ! Besser ein magerer Vergleich , als ein fetter Proceß , den man noch dazu verliert . Ich schicke Ihnen den Gegner noch heute zu , empfangen Sie ihn freundlich , und wenn sie ganz klug sein wollen , geben Sie ihm Ihre Tochter , die er bis zur Raserei liebt . Mit der fürstlichen Heirath ist es so wie so nichts , sintemalen der Fürst nicht eines Grafen , sondern eines Seiltänzers Sohn ist , und die Sache so steht , daß die Welt nächstens mit einem großartigen Scandal erfreut werden dürfte . Doch widerstehe ich dem Wunsch , Ihnen über diese interessante Sache nähere Aufklärung zu geben , die Sie wahrscheinlich eben so unbeachtet lassen würden , als gewisse andere Enthüllungen . Vielleicht , daß Sie nach der Unterredung mit Herrn Stein anderen Sinnes werden und sich vor allem auch überzeugen von der aufrichtigen Freundschaft , mit der ich verbleibe der gnädigen Baronin unterthänigster Diener . Zu jeder anderen Zeit würde die Baronin in diesem Brief nur einen Versuch von Seiten des Herrn Timm , die verloren gegangene Position wiederzugewinnen , gesehen haben ; aber heute Morgen war ihr Gemüth so verdüstert , daß ihr Alles und so auch dieser Brief in einem anderen Lichte erschien . Was war denn am Ende in dieser Welt des Lugs und Trugs nicht möglich ? Daß dieser Timm mehr wußte als andere Leute , lag auf der Hand , und jedenfalls war doch die Consequenz merkwürdig , mit welcher er die Wahrheit seiner Behauptung aufrecht erhielt ; ja , hatte nicht Felix noch durch seine letzten Briefe bewiesen , daß er an dem Factum selbst in keiner Weise zweifle ? Die sonst so energische Frau fühlte sich ganz erdrückt unter der Wucht all dieser Sorgen . Und nun kam Helene , nach der sie geschickt hatte , gar nicht wieder ! und in einer Stunde ging der Zug , den sie benutzen mußte , wenn sie noch morgen früh in Grünwald sein wollte ! und noch waren die Sachen nicht gepackt , noch nicht entschieden , ob Helene bleiben oder mitkommen wollte , noch nicht von der Fürstin und dem Fürsten Abschied genommen ! Doch das Letztere konnte ja auch in Helenens Abwesenheit geschehen . Der Drang des Augenblicks entband von den strengen Vorschriften der Etiquette , und hatte sie doch die Fürstin gestern Abend gebeten , zu jeder Zeit unangemeldet zu ihr zu kommen ! So verließ denn Anna-Maria ihr Gemach und schritt eilig über die Corridore und durch die Vorzimmer , als plötzlich die Thür , die zu dem Cabinet der Fürstin führte , aufgerissen wurde , der Fürst , offenbar in der fürchterlichsten Aufregung , herausstürzte und , ohne ein Wort mit ihr zu sprechen , weiter eilte . Das ist doch seltsam ; sagte die Baronin . Da wurde die Thür wieder aufgerissen , Nadeska kam eilends mit verstörtem Gesicht heraus . Wo ist die Fürstin ? fragte die Baronin . Drinnen . Sie ist krank ; es kommt Niemand auf mein Klingeln . Ich wollte eben die Leute holen . Thun Sie das , sagte die Baronin , ich will unterdessen bei Ihrer Durchlaucht bleiben . Nadeska schien dies Arrangement keineswegs zu gefallen , aber sie fand keinen Vorwand , der Baronin den Zutritt zu verweigern . Sie eilte fort , während Anna-Maria in die rosenrothe Dämmerung von der Fürstin Gemach trat . Die Fürstin lag in ihrem Lehnstuhl am Kamin . Die halbgeschlossenen Augen und die krampfhaft zuckenden Finger zeigten , daß der umnachtete Geist noch immer vergebens nach Bewußtsein rang . Schaff mir meinen Sohn zurück , Nadeska , murmelte sie ; er soll nicht mit ihm ringen : der Vater ist stärker , als der Sohn . Siehst Du , siehst Du , wie er ihn um den Leib packt und in die Höhe hebt , jetzt wird er ihn zu Boden schleudern , hier gerade zu meinen Füßen , da , da - Die Unglückliche verfiel in Weinkrämpfe , in die sich gräßliches Lachen mischte . Zwischendurch phantasirte sie : Laßt es nur den Grafen nicht wissen ; der Graf sagt ' s der Baronin , die Baronin sagt ' s der schönen Tochter , und hernach will die schöne Tochter den Seiltänzersohn nicht . Da kommt er schon mit dem zerschmetterten Kopfe - Ein fürchterlicher Schrei brach aus der Brust der Gemarterten . Sie fuhr in die Höhe und starrte die Baronin mit verstörten Blicken an . Gleich darauf sank sie auf ' s Neue bewußtlos in den Stuhl zurück . Nadeska kam mit ein paar russischen Mägden . Der Kammerfrau schien sehr viel daran gelegen , die Baronin zu entfernen . Die Fürstin hat oft diese Anfälle , sagte sie in ihrer glatten , demüthigen Weise , während die Dienerinnen die Ohnmächtige aufhoben und in ihr Schlafgemach trugen . Sie muß dann ganz allein sein ; die Nähe jeder fremden Person verschlimmert ihren Zustand . Ich werde nicht stören , meine Liebe , sagte die Baronin kalt , um so weniger , als ich noch in dieser Stunde abreisen muß . Ich werde mich schriftlich bei Ihrer Durchlaucht entschuldigen . Was soll das bedeuten ? fragte sich Nadeska ; weiß die auch schon mehr , als sie wissen dürfte ? Die Baronin begab sich in einer unbeschreiblichen Aufregung in ihre Gemächer zurück . Was hatte sie gesehen ! was gehört ! der Anblick des halb wahnsinnigen Fürsten , das verdächtige Benehmen der Kammerfrau , die offenbar in diesem Familiendrama hinter den Coulissen nur zu gut Bescheid wußte - was sollte sie denken ? was sagen ? was thun ? Es war das erste Mal in ihrem Leben , daß die kluge und energische Frau vollständig rathlos war . Aber sank nicht der Boden unter ihren Füßen ? brach nicht wie morsches Rohr zusammen , was sie für stolze unzerstörbare Pfeiler ihres Glücks gehalten ? Der Fürst ein Bastard ! ein jahrelang mühsam verborgen gehaltenes Familiengeheimniß der schimpflichsten Entdeckung nahe ! und in ihrem eigenen Hause , stand es denn da besser ? ihr Sohn , der rechtmäßige Erbe des Vermögens , zum Tode erkrankt - der illegitime Sproß des Vorgängers in der Herrschaft aus der Verschollenheit