schnell genug wieder getröstet . Heute schwärmt sie für Cloten ; ein ander Mal wird sie für einen Andern schwärmen . Die Kleine hat Talent , sie kann es noch weit bringen . Mich dauert nur der arme Cloten . Aber weshalb begiebt er sich in die Gefahr ? Freilich , und noch dazu ohne seinen Mentor . Wer ist das ? Baron Oldenburg . Er wird den Rath seines edlen Freundes mißverstanden haben und die kleine Emilie aus purem Mißverständniß heirathen . Sie belieben in für mich unergründlichen Räthseln zu sprechen , gnädige Frau . Ich bitte um Verzeihung . Sagen Sie , Sie sind wirklich , wie die Fama sagt , in der kurzen Zeit der Busenfreund des Barons geworden . Die Fama hat in diesem Falle , wie stets , aus der Mücke einen Elephanten gemacht . Glauben Sie , daß ich es gut mit Ihnen meine ? sagte Hortense und sie blickte Oswald voll in die Augen . Ich habe keinen Grund , das Gegentheil anzunehmen ; antwortete dieser , den das Gespräch , welches er ganz absichtslos angeknüpft hatte , auf eigenthümliche Weise zu interessiren begann . So folgen Sie meinem Rath : hüten Sie sich vor dem Baron , wie vor Ihrem schlimmsten Feind ! Weshalb ? Weil er falsch ist bis in das innerste Herz hinein . Sie kennen den Baron genau ? Leider ! Und - verzeihen Sie mir , wenn ich eine so schwere Beschuldigung eines Mannes , den ich - ich gestehe es - bis jetzt hoch geachtet habe , nicht sofort zu glauben vermag - haben Beweise Sie von des Barons Falschheit ? Tausend für einen . Geben Sie nur einen . Es bleibt unter uns , was ich Ihnen erzählen werde ? Das verspreche ich . So hören Sie . Sie kennen meine Cousine Melitta . Nun , sie hat ihre Schwächen wie wir Alle , aber sie ist doch im Grunde eine charmante Frau , die ich sehr lieb habe , und um die es mir leid thun sollte , wenn sie sich , wie es den Anschein hat , wieder in dieselben schlechten Hände giebt , aus denen ich sie mit so viel Mühe glücklich erlöst zu haben glaubte . Wenn Melitta nicht so gut ist , wie sie sein könnte - Oldenburg allein hat es auf dem Gewissen . Er hat ihr , als sie noch ein junges Mädchen war , mit seinen tollen Ideen den Kopf verdreht , daß sie zuletzt nicht mehr Recht von Unrecht unterscheiden konnte . Er hat , als sie endlich die ausgezeichnete Partie mit Herrn von Berkow gemacht hatte , das ganze , im Anfang so schöne Verhältniß zerstört ; und wenn Berkow zuletzt vor Eifersucht toll geworden ist , es kann Niemand verwundern , der es , wie ich , mit angesehen hat , wie es die Beiden trieben . Endlich gelang es mir , bei Melitta auszuwirken , daß sie Oldenburg auf einige Zeit wenigstens fortschickte . Er ging ; aber , als wir vor ein paar Jahren Italien bereisten , stellte sich Oldenburg wieder ein - ob zufällig , ob von Melitta herbeigerufen - ich lasse es unentschieden . Nach ihrem Benehmen sollte ich freilich das Letztere vermuthen . Das alte Lied begann von Neuem . Einsame Promenaden , Austausch von Liebesschwüren , wobei sie sich selbst durch die Anwesenheit dritter Personen nicht geniren ließen - mit einem Worte : es war für Jemand , die , wie ich , etwas streng in solchen Sachen denkt und die , wie ich , Melitta noch dazu so aufrichtig liebte , ein recht häßliches Schauspiel . Vergebens bat und beschwor ich Melitta , an ihren kranken Gemahl , an ihr Kind zu denken . Ich predigte tauben Ohren . Da entschloß ich mich zu einem verzweifelten Mittel . Um ihr Oldenburg ' s Treulosigkeit - von der mir von anderen Seiten die fabelhaftesten Dinge erzählt waren - zu beweisen , ließ ich mich herbei , ihn glauben zu machen , ich selbst interessire mich für ihn . Es gehörte dazu nicht viel , denn der Baron ist eben so eitel , wie er verrätherisch und zügellos in seinen Leidenschaften ist . Bald verfolgte er mich jetzt mit seinen Huldigungen - natürlich , ohne sich Melitta gegenüber zu verrathen . Dabei sprach er so lieblos , so schlecht von meiner armen Cousine , daß ich kaum im Stande war , die Maske , die ich vorgenommen hatte , festzuhalten . Und doch mußte ich es , bis Oldenburg von seiner Leidenschaft hingerissen , blind in das Netz rannte , das ich ihm stellte . Ich wußte es so einzurichten , daß er - es war im Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo - mir eine feurige Liebeserklärung machte , während Mellitta sechs Schritte davon hinter einem Myrthengebüsche stand . Die Arme ! es war eine schmerzliche Operation , aber ich konnte ihr nicht anders helfen . Oldenburg war natürlich am andern Morgen verschwunden . Ich suchte Melitta zu zerstreuen , so gut es ging , und ich muß gestehen , sie zeigte sich gefaßter , als ich nach einer so schmerzlichen Enttäuschung , einer so tiefen Demüthigung für möglich gehalten hätte . Ich hoffte , daß diese grausame Lehre , die sie empfangen , ihr ein für alle Mal über Oldenburg die Augen geöffnet hätte ; hoffte es um so mehr , als der Baron ihr durch mehrjährige Abwesenheit Zeit genug zur Besinnung ließ . Da plötzlich taucht er vor einigen Wochen ganz unerwartet wieder auf . Mir ahnte sofort nichts Gutes - denn das Erscheinen dieses Mannes ist immer von etwas Außergewöhnlichem begleitet . Wie er es angefangen hat , sich wieder Melitta ' s Gunst zu erwerben , wie es möglich ist , daß Melitta schwach genug sein konnte , ihm wieder ihre Gunst zu gewähren - ich weiß es nicht - denn Beide haben in einem hohen Grade das Talent , ihre Handlungen den Blicken der Menschen zu entziehen . So viel steht fest : eine Aussöhnung - von der wir bei einem so erfahrenen Paare annehmen müssen , daß sie eine vollständige war - kam zu Stande , und damit die Feier dieser Aussöhnung möglichst geheim bleibe , machen sie eine gemeinschaftliche Badereise ; und wohin ? nach Fichtenau , dem Orte , wo der Gemahl Melitta ' s seit sieben Jahren krank liegt ! Wahrlich , ich bedauere Melitta . Wenn sie darauf ausging , ihren Ruf zu ruiniren , sie hätte es hier bequemer haben können . Denn gesetzt auch , Berkow ' s tödtlilche Krankheit ist nicht fingirt , was hat denn Oldenburg , der diese Krankheit jedenfalls mit veranlaßt hat , dabei zu thun ? und glaubt denn Melitta , daß der Baron sie nach dem Tode Berkow ' s heirathen wird ? Du lieber Himmel ! wenn Oldenburg alle Frauen heirathen sollte , denen er in seinem Leben Liebe geschworen , er müßte sich ein Serail anlegen , in welchem alle Stände von der Herzogin bis zur Kammerjungfer , alle Nationen und ich glaube auch alle Racen vertreten wären . Aber mein Gott , was ist Ihnen ? Sie sind ja ganz blaß geworden ! Sind Sie nicht wohl ? Es ist nur die übergroße Hitze , sagte Oswald , sich erhebend ; ich bitte um Verzeihung , wenn ich Sie so plötzlich verlasse . Ich will versuchen , ob die frische Abendluft mich wieder herstellt . Er machte Hortense eine sehr förmliche Verbeugung und entfernte sich , ohne ihre Antwort abzuwarten . Nun , was bedeutet denn das ? fragte diese , indem sie dem Forteilenden verwundert nachsah . Hat meine vortreffliche Cousine auch hier eine Eroberung gemacht ? und habe ich , ohne es zu wissen und zu wollen , zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen ? Ich glaube , aus dem jungen Menschen wäre etwas zu machen . Freilich - ich muß jetzt etwas vorsichtig sein ; Barnewitz ist nach der letzten Affaire mit Cloten ein wahrer Othello - da kommt ja das Ungethüm - nun , lieber Barnewitz , siehst Du Dich auch einmal nach Deiner verlassenen kleinen Frau um ? ich sitze hier nun schon den ganzen Abend und schmachte nach Dir . Warum tanzt Du denn nicht ? Meinst Du , daß es mir Vergnügen macht , wenn Du nicht dabei bist ? Ich habe mit dem jungen Grieben und Anderen ein kleines Jeu arrangirt ; aber ich kann schon einmal mit Dir herumspringen ! Komm ! sie fangen eben einen Walzer an . Das ist so meine Force ! Und das Paar trat in die Reihe der Tanzenden . Unterdessen irrte Oswald ruhelos in dem Garten umher . Aus den offenen Fenstern und Thüren der Zimmer strahlten die Lichter ; um den Rasenplatz herum hatte Anna-Maria Laternen von buntem Papier aufstellen lassen , die der helle Mondschein ziemlich überflüssig machte . Von Zeit zu Zeit traten einzelne Paare auf den Platz hinaus und promenirten in der balsamischen Nachtluft . Es war eine festliche , heiter schöne Scene , die Oswald ' s verdüstertes Gemüth beleidigte . Er erstieg den Wall , setzte sich auf eine Bank und starrte , den Kopf in die Hand gedrückt , in das Wasser des Grabens , auf dem die Mondesstrahlen unheimlich glitzerten . Wäre es nicht besser , Du machtest Deinem elenden Dasein ein schnelles Ende , murmelte er , als daß Du Dir zur Qual und Keinem zur Freude die Bürde des Lebens weiter schleppst ? Willst Du denn fortvegetiren , bis Dir jede Illusion zerstört ist , bis Du Alles und Jedes , was Du werth und heilig hieltst , über Bord geworfen hast , über Bord hast werfen müssen ? willst Du denn warten , bis Dir die Geduld vollends ausgeht , wie dem edlen , großherzigen Berger ? So also sieht das Bild der Frau aus , vor der Du wie vor einer Heiligen gekniet hast ? das ist der Mann , dessen Hand in der Deinen zu halten , Dir eine Ehre schien ? Du warst ihr nichts als ein Spielball ihrer hochadligen Laune , und er hat seinen allerliebsten freiherrlichen Scherz mit Dir getrieben ? Aber das ist ja nicht möglich ! nicht möglich ? warum denn nicht ? ist die Welt , in der sich diese Menschen bewegen , nicht durch und durch verfault und verrottet ? ist ihr ganzes Leben nicht eine gemeine Intrigue ? betrügt hier nicht die Gattin den Gatten ? und dieser jene ? verkauft nicht der Vater die Tochter ? verkuppelt nicht die Mutter ihr eigen Fleisch und Blut ? verräth nicht der Freund den Freund ? plaudert eine Kokette nicht die Geheimnisse der andern aus ? weshalb wähnst Du denn , sie würden mit Dir , dem Plebejer , dem Arbeiter für Lohn und Brot besser verfahren ? und doch , und doch ! es ist entsetzlich ! Das Weib , das Du angebetet , wie eine Gottheit , die Maitresse eines Andern , ihn betrügend , Dich betrügend , um von ihm wieder betrogen zu werden ? Und Du , gutmüthiger Narr , kämpfst wie ein Wahnsinniger mit Deiner Leidenschaft für das holde , herrliche Geschöpf , die einzig Reine in diesem Hexensabbat , denn sie ist rein und gut , oder es giebt nichts Reines auf dieser Welt . Nein , nein ! und wenn Alles um Dich her Lug und Trug ist , und schwarzer , tückischer Verrath - auf diesen einen hohen Stern willst Du Dein Auge heften - es ist Dein Stern ! Nur das unerreichbar Hohe ist Deiner Liebe werth ! Um die Irrlichter , die auf dem Sumpfe tanzen , mögen sich die Molche mit den Kröten zanken . Ein leichtes Geräusch an seiner Seite machte ihn aus seiner gebückten Stellung auffahren . Eine schlanke Mädchengestalt in einem weißen Gewande stand vor ihm . Durch eine Lücke in dem Laubdache oben fiel ein Mondenstrahl auf die schlanke , weiße Gestalt . Es war Emilie von Breesen . Still ! sagte sie , als Oswald sich mit einem leisen Ruf der Verwunderung erhob ; ich sah Sie aus dem Saale gehen ; ich bin Ihnen gefolgt , weil ich Sie sprechen will , sprechen muß . Ich werde Sie nicht lange aufhalten . Es bedarf nur eines Wortes , eines einzigen Wortes , das über mein Leben entscheiden soll . Liebst Du mich ? ja ? oder nein ? Das junge Mädchen hatte Oswald ' s Hand ergriffen , die sie mit krampfhafter Heftigkeit preßte . Ja ? oder nein ? wiederholte sie in einem Tone , der die Leidenschaft , die in ihr wühlte , deutlich genug verrieth . Aber Oswalds Ohr war taub gegen diesen Ton ; sein Herz verschlossen , wie das Haus eines Mannes , den die Diebe in der Nacht zuvor bestohlen haben . Sie irren sich ohne Zweifel in der Person , sagte er mit schneidendem Hohne . Ich heiße Oswald Stein ; Herr von Cloten ist , so viel ich weiß , drinnen im Saale ; und er suchte seine Hand aus der des Mädchens loszumachen . Habe ich das verdient ? rief Emilie mit von Thränen fast erstickter Stimme , und sie ließ die Arme wie in Verzweiflung sinken . Die Nacht ist kühl , sagte Oswald , der Thau beginnt zu fallen ; Sie werden sich in dem leichten Anzug erkälten . Darf ich die Ehre haben , Sie in den Saal zurückzubegleiten ? O mein Gott , mein Gott ! murmelte Emilie , das ertrage ich nicht ! Oswald stoße mich nicht so von Dir ! wie hab ' ich mich nach diesem Augenblick gesehnt ! wie habe ich mir tausend und tausendmal wiederholt , was ich Dir Alles sagen wollte ! wie habe ich gehofft , daß Du mich wieder in die Arme nehmen würdest - o , mein Himmel , was rede ich ? Oswald , habe Mitleid mit mir ! Du kannst meinen Uebermuth von heute Abend nicht so grausam strafen wollen . Ich wollte Dich ein wenig necken ; ich dachte jeden Augenblick , Du würdest zu mir treten , und da wollte ich Dir Alles sagen . Aber Du kamst und kamst nicht ; und ich mußte die Komödie weiter spielen , so schwer es mir wurde . Sind Sie sicher , mein Fräulein , daß Sie nicht selbst noch in diesem Augenblicke Komödie spielen ? Emilie antwortete nicht . Sie sank mit einem leisen Stöhnen auf die Bank , preßte ihr Gesicht in die Hände und schluchzte , als ob ihr das Herz brechen wollte . Oswald trat dicht vor die Unglückliche und sagte in milderem Ton : Wollen Sie mir ein paar Augenblicke ruhig zuhören ? Emiliens einzige Antwort war ein krampfhaftes Schluchzen . Glauben Sie mir , fuhr er fort ; ich bedaure von ganzem Herzen , daß eine solche Scene wie diese möglich wurde , und ich fühle , daß ich einzig und allein die Schuld davon trage . Hätte ich Ihnen an jenem Abend gesagt , was ich Ihnen heute sagen muß , Ihr Stolz würde Alles längst entschieden haben . - Ich kann Sie nicht lieben ; das klingt sehr wunderlich gegenüber einem so holden , liebenswürdigen Geschöpf , aber es ist dennoch wahr . Warum wollen Sie nun Ihre Liebe an Jemand verschwenden , der sich des kostbaren Geschenkes so ganz unwürdig zeigt ? warum nicht Jemand damit beglücken , der mehr Talent zum Glücklichsein und zum Beglücktwerden hat , als ich ? - Ich bin gerade jetzt in einer sehr gedrückten Stimmung , die mich wohl noch mehr wie gewöhnlich unfähig macht , die Dinge und die Menschen in dem rechten Lichte zu sehen . Verzeihen Sie mir daher , wenn ich Sie vorhin durch bittere , unüberlegte Worte gekränkt habe , zu denen ich kein Recht habe und die ich nicht hätte brauchen dürfen , selbst wenn ich im Rechte gewesen wäre . Ich bitte , ich beschwöre Sie : vergessen Sie , was zwischen uns vorgefallen ist ! und lassen Sie sich vor Allem durch diese Kränkung nicht zu Entschlüssen verleiten , die Sie später und zu spät bereuen würden . Sie haben gesehen , was es heißt , seine Liebe einem Unwürdigen schenken . Sollte Ihnen diese Erfahrung in der Wahl , die Sie über kurz oder lang treffen werden , zu Statten kommen , so will ich gern für den Augenblick von Ihnen verkannt sein , gern Ihren Haß , selbst Ihre Verachtung auf mich geladen haben . Emilie hatte , während Oswald sprach , allmälig zu weinen aufgehört . Jetzt stand sie auf und sagte in beinahe ruhigem Ton : Es ist genug ! Ich danke Ihnen , Sie haben mir die Augen geöffnet . Sie sollen nie wieder von mir belästigt werden . Sagen Sie mir nur noch dies Eine : werde ich einer Anderen geopfert ? lieben Sie eine Anrede ? Ja , sagte Oswald nach kurzem Bedenken . Es ist gut ! Und nun hören Sie dies ! Wie ich Sie geliebt habe , mit aller Gluth meines Herzens , so hasse ich Sie jetzt ; und wie ich noch vor wenigen Minuten mein Leben freudig für Sie dahingegeben haben würde , so heiß wünsche ich jetzt mich für diese Schmach an Ihnen zu rächen . Und ich werde mich rächen ; ich werde - Wiederum brach sie in ein leidenschaftliches Weinen aus ; aber sie bezwang sich sogleich wieder . Sie sind es nicht werth , daß ich so viel Thränen um Sie weine . Nun setzen Sie Ihrem Benehmen die Krone auf und folgen Sie mir auf dem Fuße in den Saal , damit doch ja die Welt erfahre , welche Närrin ich gewesen bin ! Und sie eilte von Oswald fort , den Wall hinab , an dem Rasenplatze vorüber nach dem Saal , wo noch immer eifrigst getanzt wurde . Von Cloten , der sie überall in den Zimmern vergeblich gesucht hatte und jetzt melancholisch an einen Thürpfosten gelehnt stand , erblickte sie sofort und kam eiligst auf sie zu . Mein gnädiges Fräulein ! haben mich in wahre Todesangst versetzt ! war bei Gott au désespoir ! glaubte wahrhaftig , der Himmlischen Einer habe Sie mir entführt . Ich habe in aller Stille über das , was Sie mir vorhin sagten , nachgedacht , Herr von Cloten , antwortete Emilie . Wahrhaftig ! Sie sind ein Engel ! und ich darf hoffen ? fragte von Cloten , der die gerötheten Augenlider und das aufgeregte Wesen des jungen Mädchens natürlich zu seinen Gunsten auslegte . Gehen Sie zu meiner Tante ! Wirklich ? wahrhaftig ? ich kann es nicht glauben ! rief der junge Mann und sein freudiger Schrecken war keineswegs gemacht . So gehen Sie nicht ! antwortete Fräulein Emilie in einem sonderbaren Ton . Mein Gott , Emilie , Engel , zürnen Sie nicht ! ich eile , ich fliege - Und Herr von Cloten entfernte sich in augenscheinlichster Verwirrung , um Emiliens Tante aufzusuchen . Emilie blieb auf demselben Platze stehen , bleich , die Arme verschränkt , die großen Augen starr auf die Gruppen der Tanzenden geheftet , ohne mehr zu sehen , als wenn sie die Blicke in ' s Leere gerichtet hätte . Sie sind klüger , als wir Andern ! sagte eine Stimme dicht neben ihr . Es war Felix von Grenwitz ; er hatte sich auf einen Stuhl geworfen und trocknete sich mit einem Batisttaschentuche die nasse Stirn . Lächerlich , bei der Hitze herumzuspringen , ich dächte , wir hörten endlich einmal auf . Und nun hat noch gar Helene Herrn Timm am Clavier abgelöst ; das Mädchen hat doch wahrlich wunderliche Einfälle . Meinen Sie nicht auch , Fräulein Emilie ? Vielleicht fehlt es ihr an einem Tänzer . Unmöglich . Nun , vielleicht an dem rechten Tänzer . Das heißt ? An dem , mit welchem sie gern tanzt . Ich bin stets hier gewesen . Sie bilden sich doch nicht etwa ein , daß Sie der Glückliche sind ? Wer denn sonst ? Wissen Sie nicht , wo Herr Stein geblieben ist ? Nein , weshalb ? Ich frage nur Fräulein Helenens halber . Bemerken Sie nicht , wie sie die großen , stolzen Augen fortwährend ruhig , aber unaufhörlich durch den Saal schweifen läßt ? Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein ? Weshalb denn nicht ? Ist Herr Stein nicht ein sehr hübscher Mann ? und hat nicht Helene , wie Sie selbst sagen , wunderliche Einfälle ? Mein Fräulein , sagte Felix ernst ; wollen Sie mir die Gnade erweisen , mir zu sagen , ob Sie besondere Gründe zu dieser eigenthümlichen Vermuthung haben ? Natürlich habe ich besondere Gründe . Und wollen Sie die Güte haben , mir diese Gründe zu nennen ? Nein . In diesem Augenblick kam Herr von Cloten mit vor Freude strahlendem Gesicht . Mein gnädiges Fräulein , sagte er ; Ihre Frau Tante wünscht Sie zu sprechen . Darf ich die Ehre haben , Sie zu ihr zu begleiten ? Sogleich ! sagte Emilie , und dann zu Felix : Verlassen Sie sich auf das , was sich Ihnen sagte ; ich habe scharfe Augen und Ohren . Sie nahm Cloten ' s Arm . Der Sache muß ich auf den Grund kommen , sagte Felix bei sich , als die Beiden sich entfernt hatten . Helenens Benehmen in den letzten Tagen ist wirklich auffallend . Er trat an das Klavier : Soll ich Ihnen die Blätter umschlagen , Helene ? Danke ; antwortete Helene trocken ; ich spiele aus dem Kopf . Nach einer kleinen Pause : Bitte Cousin , gehen Sie fort ; es ängstigt mich , wenn Jemand so dicht hinter mir steht . Ich dächte , Doctor Stein hätte gestern eine halbe Stunde lang hinter Ihnen gestanden , ohne daß Sie irgend welche Angst verrathen hätten . So werde ich aufstehen ; sagte Helene , griff ein paar schnelle Schlußaccorde und ging , ohne das Ach ! der mitten im Tanze Gestörten zu beachten , von dem Klavier fort . Das ist stark , sagte Felix bei sich . Weshalb hörte denn Helene so plötzlich auf zu spielen ? fragte die Baronin , welche die Scene aus der Entfernung beobachtet hatte , herantretend . Ich weiß es nicht ; sie wird mir wohl etwas übel genommen haben . Sie ist doch eigensinniger und launischer , als ich dachte . Meinen Sie nicht auch , Tante , daß der Mensch , der Stein , mit seinen corrupten Ansichten einen schädlichen Einfluß nicht blos auf Bruno , sondern auch auf Helene ausübt ? Ich habe Ihnen ja immer gesagt , daß ich dem Menschen nicht im mindesten traue . So jagen Sie ihn fort . Ohne alle Veranlassung ? Pah , die findet sich . Wollen Sie mir die Erlaubniß geben , eine zu suchen ? Aber ohne daß ein Scandal daraus wird . Lassen Sie mich nur machen . Es muß so eingerichtet werden , daß er selbst um seine Entlassung bittet . Weshalb ? Ich habe meine Gründe - und Felix , sagen Sie Grenwitz nichts davon . Er ist in der letzten Zeit so rechthaberisch und eigensinnig geworden ! Ich fürchte sogar , er sinnt darauf , unser Project mit Helene zu stören . Ich bitte Sie , Felix , seien Sie vorsichtig ! Ich wäre außer mir , wenn die Sache sich zerschlüge , nachdem ich sie schon unter der Hand nach allen Seiten als ein fait accompli dargestellt habe . Pah ! Tante , schon wieder ängstlich ? Vertrauen Sie mir : ich pflege zu Ende zu bringen , was ich anfing . Achtundvierzigstes Capitel Als Oswald , nach der peinlichen Scene mit Emilie von Breesen auf sein Zimmer kam - denn zur Gesellschaft zurückzukehren , war ihm unmöglich - sah er auf seinem Tische ein versiegeltes Packet liegen , das während seiner Abwesenheit dort hingelegt sein mußte . Schon der Zusatz der Adresse : » Hierbei die bewußten Bücher mit vielem Dank zurück . Ihr getreuer B. « sagte ihm , von wem dieses Packet gebracht worden war , und was es enthielt . Und seltsam ! er zögerte , die Siegel zu lösen . Es war ihm , als ob er kein Recht mehr zu Melitta ' s Briefen habe , seitdem sein Herz ihr nicht mehr ganz gehörte ; als ob vor allem sie , deren Herz er nie vollständig besessen , nie das Recht gehabt , ihm diese Zeichen der Liebe zu geben . Endlich , fast mechanisch , öffnete er das Packet . Es waren drei Bücher darin . Aus dem mittleren fielen zwei Briefe - der eine von Melitta , der andere von Bemperlein . Melitta ' s Brief enthielt nur wenige herzliche Worte , die » über die lange Trennung klagten , in welcher sich mit dem weiten Raum auch noch so vieles Andere zwischen die Herzen , die einst voller Seligkeit aneinander geschlagen , drängen könnte ; « und schließlich die Hoffnung eines recht baldigen Wiedersehens ausdrückten . Der Brief trug keine Unterschrift . Er könnte ja in fremde Hände fallen ; sagte Oswald bitter . Ich will noch großmüthiger sein , ich will diesen Zeugen eines Verhältnisses , dessen sie sich zu schämen beginnt , vernichten ; und er verbrannte das Papier an der Flamme des Lichtes . Der Brief von Bemperlein war ausführlicher , aber er handelte fast nur von Professor Berger . Bemperlein war während seines kurzen Aufenthaltes in Grünwald sehr viel in der Gesellschaft des Professors , an welchen ihn Oswald so warm empfohlen hatte , gewesen , und hatte sich die Gunst des wunderlichen Mannes im hohen Grade erworben , ebenso wie er sich seinerseits für den genialen Gelehrten begeisterte . Man kann sich daher sein Entsetzen vorstellen , als Doctor Birkenhain ihm eines Tages mittheilte , soeben sei der Professor Berger in das Krankenhaus abgeliefert worden . Bemperlein schrieb Oswald , daß er sogleich um die Erlaubniß gebeten habe , Berger besuchen zu dürfen ; daß ihm diese Erlaubniß gegeben sei , und daß er seitdem jeden Tag viele Stunden bei dem Kranken zugebracht habe , der seine Gesellschaft jeder andern vorziehe . Berger spreche größtentheils vollkommen vernünftig , nur komme er bei der geringsten Veranlassung auf seine fixe Idee des Nichts zurück . Er finde es ganz in der Ordnung , daß man ihn in eine Irrenanstalt gebracht habe , denn , sagte er , der Unterschied zwischen den Leuten draußen und denen drinnen bestehe nur darin , daß jene das werden könnten und eigentlich werden müßten , was diese schon seien . Wenn zum Beispiel Doctor Birkenhain nur einmal seinen Kopf auseinander nehmen wollte , so würde er die absolute Hohlheit desselben mit eigenen Augen wahrnehmen und sich in seinem Hause ein behagliches , sonniges Zimmer anweisen lassen , um in aller Stille über das große Ur-Nichts nachzudenken . Bemperlein schrieb , daß Doctor Birkenhain Berger ' s Wahnsinn nur für temporär halte und die bestimmte Hoffnung habe , den ausgezeichneten Mann in kurzer Zeit seinen Freunden und Schülern geheilt zurückzusenden . Was uns selbst angeht , schloß Bemperlein , so wird Ihnen die gnädige Frau ja wohl Alles der Ordnung gemäß berichtet haben . Ich füge nur noch hinzu , daß unsers Verbeleibens hier , Gott sei Dank , nun wohl nicht mehr lange sein wird . Herr von Berkow wird täglich schwächer ; die Schwindsucht macht reißende Fortschritte . Birkenhain giebt ihm nur wenige Tage . Wir bleiben auf jeden Fall , bis Alles entschieden ist . Ich sehe diesem Augenblick mit einer Ungeduld entgegen , die ganz rein von Selbstsucht ist . Aus dem Tode dieses Unglücklichen , der nun seit Jahren kaum noch zu den Lebenden gehört , wird für zwei Menschen ein neues Leben erblühen - zwei Menschen , die mir unendlich werth und theuer sind . Wirklich ? sagte Oswald , den Brief auf den Schooß sinken lassend . Bist Du dessen so gewiß , guter Bemperlein ? Freilich , was ahnt Dein reines Herz von adeligem Betrug und freiherrlicher Tücke ? - Und doch ! weshalb erwähnt auch er Oldenburg ' s Anwesenheit nicht ? was hat er davon , ein Factum zu verschweigen , von dem er wissen mußte , daß es mich interessiren würde ? So ist auch er in dem Complot ? Wohl ; so wirst du fortan dich auf Niemand verlassen , als auf dich selbst ! Unter den Wölfen muß man heulen , und der ist ein Narr , der unter Betrügern und Lügnern den ehrlichen Mann spielen will . Heuchelt Ihr - ich kann es auch ; spielt Ihr Komödie - ich will nicht im Parterre sitzen ; lacht Ihr Euch in ' s Fäustchen - ich werde nicht weinen , und wer zuletzt lacht , lacht am besten . Ich freue mich , Sie in so ausgezeichneter Laune zu treffen ; sagte eine Stimme hinter ihm . Oswald fuhr von seinem Stuhle empor und starrte die lange Gestalt , die plötzlich , wie aus dem Boden gewachsen , vor ihm stand , erschrocken an . Ich bitte um Entschuldigung , sagte Baron Oldenburg , Oswald die Hand , welche dieser zögernd ergriff , entgegenstreckend ; daß ich wie Nikodemus in der Nacht bei Ihnen erscheine . Aber ich komme diesen Augenblick erst von meiner Reise zurück und hörte von einem Bedienten , der mit einem Präsentirbrett voll Gläser und Tassen an mir vorbeirannte , Sie seien auf Ihr Zimmer gegangen . Der Mann hatte eben nur noch Zeit , mir den Weg zu beschreiben , und klapperte mit seinen Gläsern weiter . Da bin ich denn nun , und , wie gesagt , freue mich , Sie in guter Stimmung zu finden , denn sonst hätte ich kaum den Muth , Ihnen zu