das zu allem hintreibt und alles entschuldigt , es sei noch so gemein und noch so schlecht : genießen wollen ! gefallen wollen ! Der Ekel vor ihr hat mich recht eigentlich damals aus Europa vertrieben , als ich mein Gegengewicht gegen ihren furchtbar verderblichen Einfluß mit der Hoffnung auf häusliches Glück verlor . Aber das öffentliche Leben in Europa , das Leben der Staaten und Völker , die große allgemeine Gesellschaft , die wollte ich in ' s Auge fassen , wollte beobachten , was es denn sei , das die Menschen treibt und bewegt auf der ungeheueren Flut einer rast- und ruhelosen Anstrengung , die augenscheinlich , wie aus unsichtbaren geöffneten Schleusen , den Weltteil so gewaltsam überstürzt , wie die Menschheit es noch nie erlebt hat . Ähnlich war es bei dem Untergang des alten Römerreiches vor den nordischen Barbaren . Ähnlich auch , tausend Jahre später , als Byzanz vor dem Islam fiel . Aber nur ähnlich im kleinen Maßstab . Nicht zu einer solchen Ausbreitung über Weltteil und Erdball hatte sich das tausendgliederige Wesen , welches man Civilisation nennt und welches doch keine ist , zerdehnt . Nicht brauchte sie ein China und ein Kalifornien , den Hindu und die Rothaut zu ihrer Tätigkeit ; nicht ein Netzwerk von Eisenschienen zu ihrer Bewegung ; nicht einen Flug des Gedankens mit Blitzesschnelle über Länder und Meere zu ihrer Mitteilung , wie sie das alles jetzt hat und jetzt braucht . Aber zu welchem Zweck hat die menschliche Gesellschaft diese unerhörte Bewegung zu einem so wichtigen Faktor ihres Bestehens gemacht ? welche Bildung wird durch sie errungen , welche Wahrheit durch sie verbreitet , welche Tugend durch sie gepflegt , welche sittliche Größe durch sie erlangt ? welche Würde bringt sie in die Verhältnisse des Menschen , welchen Adel in seine Gesinnung , welche Grundlage in seine Handlungen ? - - Null , lieber Onkel , unter Null ! Wenn man sich einen Kreis denkt , ausgeweitet bis zur äußersten Spannung , und Millionen von Radien schießen aus der Mitte dem Umkreis zu und drängen und treiben ihn immer noch mehr und mehr auseinander - aber der Punkt , von dem sie auslaufen , hat keine Schwerkraft , um sie zu halten und zu binden , ist kein Centrum , ist Nichts , ist Null : sieh , lieber Onkel , das ist ein Bild der Zeit . Die Radien aber blitzen und schießen und spielen in tausend Farben , wie ein Nordlicht , blendend , überraschend , fort und fort dem Umkreis zu und ziehen alle Blicke von der Leere des Mittelpunktes ab - und auf sich . Und die Blicke lassen sich fesseln durch dies Sinnenschauspiel und das , was es bietet - und die Augenlust zieht die Gier nach Genuß und die Gier nach Besitz nach sich - und das ist das Ende der hochgepriesenen Civilisation ! da sinkt sie zusammen im Moder ihrer eigenen Zersetzung . Wenn sie etwas Höheres zu geben vermöchte , so würde ja nicht eine so kolossale Lüge , wie wir sie erleben , das öffentliche Leben beherrschen . Alle Zustände sind hohl . Die Verhältnisse von Staat zu Staat , von Fürst zu Volk , von Volk zu Fürst - sind hohl , sind ohne gegenseitiges Vertrauen , sind ohne Wahrheit , stehen im Kreise jener Radien ohne Centrum . Alle fühlen es , jeder weiß es von sich selbst und von dem anderen , und keiner will es sich merken lassen . Daher wird denn jetzt eine Komödie aufgeführt , die in der Welt umsonst ihres Gleichen sucht - eine Komödie , an der Europa untergeht ; die Komödie vom Fortschritt . Ich kann sie nicht mitspielen ! ich kann und kann nicht für und durch die Lüge leben und sterben ! Schau ' auf das Völkerleben , ob je so große Worte im Schwange waren , und so wenig - ja , das Gegenteil , hinter ihnen steckte ! Freilich , das große Wort führen die großen Herren in den Kammern , die , in Parteien geteilt , herrliche Reden halten über alles Gute und Vortreffliche - die einen , was sie bereits tun , die anderen , was sie tun wollen . Da grünt und blüht Friede und Gerechtigkeit , Bildung und Betriebsamkeit ; da geht alles am Schnürchen , von der Dorfschule bis zum Staatshaushalt . Aber schau ' auf den gemeinen Mann , wie ihm die Schuldenlast des Staates , die man dessen Reichtum zu nennen beliebt , seine paar Pfennige abquält , die er im Schweiß seines Angesichtes mühselig verdient hat und gern sparen möchte für schlimme Zeit oder seine alten Tage . Wie er , während die großen Herren in Papieren spekulieren und mit einem Bankerott so leicht fertig werden , als mit einer Flasche Champagner , und endlich denn doch den geliebten Mammon erschwindeln - wie er an diesen Eisenbahnen , an diesen Fabriken , die den Spekulanten , den Besitzer mit Gold mästen , seine Gesundheit opfern , sein Leben wagen muß für geringen Tagelohn , der für die knappsten Bedürfnisse nicht ausreicht ; wie er seine Kinder in die Fabriken schicken muß , wo sie entarten an Leib und Seele , aber dafür doch einige Kreuzer heimbringen und ihre armselige Existenz fristen helfen ; wie er dabei beständig zittert vor Stockung im Handel und Wandel , vor Krankheit , vor Herabdrücken des Arbeit- oder Tagelohnes , vor Erhöhung der Preise der gewöhnlichen Lebensbedürfnisse . Schau ' ihn an , wie er marklos wird vom unausgesetzten Kampf gegen die bitterste Not , die ihn täglich aus den hohlen Augen von Weib und Kind , aus ihren Lumpen , von ihrem Strohlager , von ihrem kalten Herde angrinst ; wie er in leiblicher Schwäche und seelischer Ermattung diese stumpfe Folter nicht mehr erträgt - und zum Branntwein greift , in Ausschweifung hineintaumelt , die Arbeit haßt , Vernunft und gesundes Urteil verliert und die ungeheuere Zahl der Betörten vermehrt , welche jetzt wähnen , republikanische Verfassungen nach kommunistischen und sozialistischen Theorien eingerichtet , oder ihnen sich nähernd , brächten das Heil der Welt . Die Arbeit in der Wildnis ist schwer und rauh und mehr als einer erliegt ihr . Aber die Arbeit in unserer Civilisation ist entsetzlich , saugt das Mark aus den Knochen , das Gehirn aus dem Kopf , das Herz aus der Brust , macht zu einer besinnungslos schwirrenden Maschine . Und diese zählen nach Millionen ! ! Ist es denn möglich , ohne Erröten vom hohen Zustand unserer Kultur zu sprechen ? Da heißt es denn freilich : Der gemeine Mann vegetiert doch nicht mehr in krasser Unwissenheit ; er wird unterrichtet , er lernt , er kann sich fortbilden und jede Laufbahn steht ihm offen - allerdings zum Ersticken überfüllt von Nebenbuhlern . Ja , er lernt in den Schulen mancherlei , was er bald vergißt , sei ' s in der Werkstatt , bei dem Feldbau , in der Fabrik oder wo er sein Brot verdient . Indessen etwas behält er doch ! er kann lesen . Was liest er ? welche Bücher sind ihm erreichbar ? - schlechte Zeitschriften , von denen es in der Welt wimmelt , die darauf berechnet sind , den unentwickelten Menschengeist in die Dämmerung eines falschen Wissens zu versetzen , um ihn dort für Parteizwecke zu gewinnen ; und Bücher der gemeinsten Art , Romane und Erzählungen auf Löschpapier gedruckt , in Winkelbibliotheken für ein Geringes leihweise zu haben - Gift und Pest für Moral und Sittlichkeit , die sich in Dachkammern und Kellerlöcher , wo Hunger und Kummer hausen , wie Schlangen einstehlen , von Hand zu Hand gehen und ebenso gierig verschlungen werden , wie die Zeitschriften in der Schenke und in der Werkstatt . Das liest er ; denn das findet er gleichsam von selbst und mundrecht ihm gemacht , auf den Wegen und Stegen seines Lebens ; und das soll für Bildung gelten ! ! Nein , die Epoche stirbt an der Lüge ! « Mit dem Ausdruck trostloser Entmutigung lehnte Uriel seine Stirn in die Hand und setzte hinzu : » Es ist der Weg des Todes , den wir schreiten ! - Das ist von unserer Zeit gesagt . Sie stirbt an ihrer eigenen Lüge . « Levin hörte still diesen Klagen zu . Er dachte an jenen himmlischen Retter , der die hinsinkende Welt , wie der Pelikan seine erschmachtende Brut , mit seinem Herzblut errettet ; allein er sagte es nicht . » Du armer Sturmvogel ! « sagte er liebevoll , » hast Du versucht , Dir ein Nest zu bauen auf den Wellen der Zeit und bist Du müde geworden von dem vergeblichen Bestreben ? Dann bleibt Dir nichts übrig , als Dich loszusagen von dem treulosen Element und einen Aufflug zu versuchen . Du bist müde von den Erscheinungen der Zeit . Das war auch ein großer Teil der menschlichen Gesellschaft im vierten und fünften Jahrhundert , als die Überreste der alten heidnischen Welt , welche sich in mumienhafter Starrheit dem beseelenden Einfluß des Christentums widersetzte , von dem Andrang der barbarischen Völker mehr und mehr bedroht , dann überschwemmt und endlich hinweg gefegt wurden . Damals klammerte sich auch die sieche Welt , im heimlichen Bewußtsein ihrer Ohnmacht , an den Glanz und die Überfeinerung , welche die innere Vermorschung der Verhältnisse äußerlich übertünchte . Damals suchte sie auch eine Beschirmung ihrer Unhaltbarkeit in großen Worten und in großem Reichtum . Die Göttin Roma stand noch im Sitzungssaal des Senates zu Rom und die Tempel der Götzen hatten noch ihre Priester und ihre Verehrer . Die Vermögen der konsularischen und senatorischen Geschlechter waren so groß , daß deren Besitzungen unseren Fürstentümern glichen . Die Sklaven der alten Civilisation zählten ebenso wie die der modernen - nach Millionen , und die Gladiatorenspiele , blutiger zwar , doch nicht entsittlichender als die Schauspiele der modernen Bildung , bestanden noch immer . Und die Macht des heidnischen Geistes mit seinem Hochmut , mit seiner Überschätzung des Ichs und der äußeren Vorzüge , mit seiner Sucht zu prahlen und zu schwelgen , war so gewaltig , daß die Entwickelung des christlichen Geistes in den Massen durch ihn gehemmt wurde . Er war taub und blind ; er wollte die Signatur der Zeit nicht verstehen ; er wollte beharren bei seinen Wollüsten , in seinen Traumbilden , bei den Ausgeburten seiner stolzen Gesinnung , gepaart mit niedrigen Begierden . Da öffneten sich , wie Du von der Jetztwelt sagst , unsichtbare Schleusen und aus ihnen quoll und schwoll eine Sündflut auf , welche nicht bloß die abgestorbene , kraft- und marklose heidnische Kultur , sondern auch die frischen Saaten , die sprossenden Keime , die duftenden Blüten der christlichen zu vernichten drohte . Verwüstend wie Wildwasser brausten die Völker aus den Wäldern des Nordens und den Steppen des Ostens heran , überschwemmten den Süden und Westen Europa ' s und setzten nach Afrika über , als ob sie begierig wären , allen Spuren der alten römischen Bildung zerstörend nachzugehen . Jahrhunderte lang standen sie wogend und wallend auf dem Schutt und den Trümmern ; dann sanken sie allmälig , die Wildwasser verliefen sich , und es zeigte sich , daß der Geist Gottes über dem Chaos geschwebt und seine Schöpfung , das Christentum , behütet , entwickelt , gefestigt hatte . Der menschliche Wille , möge er zum guten oder bösen sich wenden , ist nicht der einzige Faktor in der Weltgeschichte . Der Geist Gottes , der nie aufhört zu wehen , ist ein anderer - und konnte der die Barbaren der Wildnis zu seinem Werk gebrauchen , so kann er auch die Barbaren der Civilisation zur Zerstörung des modernen Heidentums , das den christlichen Geist zu ersticken sucht , verwenden . Im vierten und fünften Jahrhundert schlich , gerade wie jetzt , ein geheimnisvolles Grauen durch alle Seelen , welche in dem Schattenspiel des öffentlichen Lebens und in den brutalen Genüssen der Sinnlichkeit keine Befriedigung fanden , sondern wie Du , von dem Atem des Todes , den die Lüge aushaucht , sich angeweht fühlten . Sie wollten diesen Göttern und diesen Kaisern so wenig dienen , als ihrem eigenen Ich ; sie suchten einen größeren Herrn . Aber nicht suchten sie ihn auf der Oberfläche des Daseins , nicht am Rande des Kreises , den die blitzenden und schillernden Radien wirbelnd ausdehnen . Sie suchten im Centrum ; sie suchten das , was jeder Menschengeist finden soll : Wahrheit - die eine , von der alle Wahrheiten ausgehen , wie die Planeten ihr Licht von der Sonne empfangen . Sie suchten mit Ernst , mit Beharrlichkeit . Sie fragten nicht hie und da , oberflächlich wie Pilatus ; was ist Wahrheit ? - Sie gingen ihr nach , sie spürten ihr nach , aufmerksam , gespannt , wie der Bergmann , der in den Felsenmassen des Schachtes unverwandt die Goldader verfolgt , die durch das Gestein läuft . Aus dem Heidentum , aus dem Judentum , aus der Häresie , aus dem lauen Christentum , aus der Barbaren-wie aus der Römerwelt - kamen suchende Seelen ; und unter ihnen mancher Sturmvogel , wie Du , der die halkyonischen Tage der Fabel auf den Wellen der Zeit nicht gefunden hatte ; aber dafür fanden sie die Wahrheit , die eine , die ewige , die göttlich offenbarte : Gott ist die Liebe ! - und dann sprachen sie mit Philippus : Das genügt uns . - Jene so wilden , so stürmischen , so gedrangsalten Zeiten waren zugleich die der großen Bekehrungen . Wir wollen hoffen und beten , daß es auch jetzt so sei und wollen damit anfangen , uns selbst zu bekehren . « » O sprich nicht von Dir , lieber Onkel ! « rief Uriel . » Gerade von mir , denn mich selbst kenne ich am besten . Und zu uns allen spricht der Engel der Offenbarung , den Johannes auf Pathmos hörte : Wer gerecht ist , werde noch gerechter , und wer heilig ist , werde noch heiliger . Wir sind alle bekehrungsbedürftig . « » O ja ! « rief Uriel , » es gibt auch jetzt große Seelen . Aber in einer Sphäre , die mir unzugänglich ist . « » Die Seelengröße hängt von keiner Sphäre des Lebens ab und ist an keine gebunden . Ihr Wesen ist : das Opfer des natürlichen Menschen - und das kann , mit Gottes Gnade , überall geübt werden . « » Nur fehlt leider überall diese Opferliebe so sehr in der Welt , daß man versucht wird anzunehmen , sie sei an eine gewisse Sphäre gebunden , « sagte Uriel . » Die großen Seelen , von denen ich spreche , steckten in der Kutte des Mönchs und in der Soutane des Priesters . Missionäre muß man sehen in anderen Weltteilen : dann bekommt man wieder Achtung und Liebe für das Menschengeschlecht . Bei dem Missionär ist so recht anschaulich das Apostolat des Evangeliums . So gingen die Zwölf aus , die von Christus unmittelbar ihre Weihe und Sendung empfingen - und so gehen sie jetzt aus , von demselben Christus mittelbar geweiht und gesendet . In welcher Armut und Entblößung , unter welchen Entbehrungen , Gefahren und Drangsalen der Missionär sein apostolisches Werk vollführt - davor schaudert die menschliche Natur zurück . Das ist eine Marter von Mühsal , die jede Fiber zerreißt und jeden Nerv aufreibt , und die er nur ertragen kann , weil Christus in ihm lebt . Mit natürlichen Kräften ist es unmöglich . Die Phantasie erlahmt , wenn sie sich die Anstrengung vorstellen will , die einen Missionär in den ungeheueren Öden von Nord-und Südamerika erwartet . Hunger , Ermüdung , Krankheit , feindliches Klima , wilde Tiere , wilde Menschen - alles das steht ihm bevor ; alles das erträgt und überwindet er , um in tief gesunkenen , halb tierischen und halb blödsinnigen Racen das Ebenbild Gottes herzustellen und sie zum Bewußtsein über ihre Bestimmung zu bringen - oder um in einer kleinen Herde von bereits gewonnenen , aber hirtenlosen Schäflein das Reich Gottes zu befestigen . Und in welcher Einsamkeit und Weltabgeschiedenheit vollführt er sein Werk ! wie getrennt von allem , was Trost und Stütze gibt ! Vaterland , Vaterhaus , Muttersprache , Familie , Jugendfreude - alles ist fern . Aber auch sein Ordenshaus , seine Brüder nach der Gnadenordnung , seine Wirksamkeit in der Heimat hat er verlassen . Mit einigen Gefährten , zuweilen mit einem einzigen , zuweilen ganz allein , zieht er über Eis- und Schneegefilde , durch Savannen und Wüsten , durch Urwälder und Sümpfe , über Gebirge und Ströme - allein ! und wenn er in tropischen oder arktischen Nächten das Auge zum Himmel aufschlägt , ist er so einsam , daß er nicht einmal die Gestirne seiner Heimat wiederfindet . Und welch ' ein Tod krönt dieses Leben ? - Ist ' s der Martyrertod mit seinen raffinierten Qualen , unter dem Wut- und Triumphgeheul seiner Glaubensfeinde ? - Oder siecht er im Kerker dahin , auf dem langsamen Folterbett der Gefangenschaft ? Oder reißt ihm ein Tiger das Herz aus der Brust ? Oder fällt er unter dem Skalpiermesser eines Wilden ? Oder verschmachtet er langsam am Fieber , das sein Blut verbrennt , sein Mark verzehrt und ihn endlich niederwirft im Schatten eines Felsens oder eines Baumes , wo er sich ausstreckt zum Sterben , wo kein Gefährte da ist , um ihm die heilige Wegzehrung zu reichen und ihm den Todesschweiß von der Stirne zu trocknen , wo er über sich selbst das Totenoffizium betet und wo sein kaum erkalteter Leichnam eine Beute der Raubvögel oder der Tiere des Waldes wird ! - Und solch ein Leben und solch ein Tod - weshalb werden sie gewählt ? frei gewählt ? so fragte ich einst einen Missionär . Um dem gekreuzigten Christus in aller Demut nachzufolgen , anwortete er freundlich und einfach . Das ist Seelengröße ! Aber die Welt geht an ihr vorüber , wie die Juden am Kalvarienberg - gleichgültig oder verachtend oder lästernd . Hätte jedoch einer von den ihren ein weniges von diesen Dornen und Myrrhen genossen , um die Wissenschaft zu fördern , oder aus ehrgeiziger Neugier , oder um ein Vermögen für die Seinen zu erwerben - ja , dann hat sie nicht Kränze genug , nicht Lob und Bewunderung genug , um diese Verdienste zu krönen . Mögen es Verdienste sein ! ich taste sie nicht an . Von übernatürlicher Seelengröße sind sie jedoch weit entfernt . Solche Menschen dienen ihrem Ich , ihren vorherrschenden Neigungen oder Talenten und somit auch der Welt ; das schmeichelt ihr . Der Missionär geht an ihr vorüber wie an sich selbst und dient einem höheren Herrn ; das nimmt sie übel . Sie will nichts von Höherem wissen , als von sich selbst . Ich aber habe immer den Missionär beneidet , gerade weil er einem höheren Herrn dient . « » Nun , lieber Uriel , « sagte Levin lächelnd , » ich hoffe , Du wirst ihm auch noch einmal als Missionär dienen . « » Nein , lieber Onkel , « rief Uriel und stand lebhaft auf , » ich habe nicht die mindeste Anlage zu solcher Seelengröße und keine Neigung zu solchem übernatürlichen Heldenmut . « » Die fremde Seelengröße erkennen und bekennen , gleichviel in welcher geringen Gestalt man sie antrifft , ist der erste Schritt , um sie zu erwerben . « » Aber um sie in einem so heroischen Grade zu üben , « rief Uriel , » dazu fehlt mir die Lebendigkeit des Glaubens . « » Ganz richtig , « entgegnete Levin . » Du trägst Deinen Glauben in festen Goldbarren mit Dir umher , so daß er Dir manchmal beinahe eine Last ist . Zur Münze ausgeprägt , flüssig gemacht für den täglichen Gebrauch , für alle Umstände , für alle Verhältnisse , in allen Nöten , wider alle Prüfungen - besitzest Du ihn nicht . Er ist Dir noch ein toter Schatz . « » So ist ' s ! « sagte Uriel trübe . » Er leuchtet mir vor , aber er leuchtet nicht in mir . Meine Vernunft folgt allen Lehren der Offenbarung , die so fein und so logisch ausgezweigt sind , daß es ein Genuß für meinen Verstand und eine willkommene Übung für meinen Scharfsinn ist , ihnen nachzugehen . Und dennoch ist mein Herz nicht ergriffen ; dennoch ist eine geheimnisvolle Scheidewand zwischen mir und Gott . « » Das kann auch gar nicht anders sein , « entgegnete Levin . » Du hast die Weltteile durchpilgert und die Ozeane durchmessen und draußen das Etwas gesucht , mit menschlichen Kräften und menschlichen Mitteln gesucht , was größer sei , als Dein Herz - wie Du damals bei Deiner Abreise sagtest - das Etwas , welches Dir eine dauernde Befriedigung geben könnte ; und hast es nicht gefunden und konntest es nicht finden . Denn die Schöpfung , dies wundervolle Werk Gottes , steht unter dem Gotteswerk der Erlösung . Dieser gehört die christliche Seele an , hier soll sie zu Hause sein . Sucht sie ihre Heimat in der Schöpfung , so ist sie abgeirrt von ihrer Bestimmung , mein armer Uriel , und dann sind die Lehren der Offenbarung dem Geist ein feines , tiefsinniges System , dessen Logik ihn überwältigt ; aber sie sind kein Trost für das Verlangen seines Herzens . Nur in Gedanken lösen sie ihn ab von der Erde ; das Herz bleibt an ihr haften , hört nicht auf himmlische Einsprechungen und erkennt nicht himmlische Fügungen , die alle , alle mahnende Boten Gottes sind , durch die er zu uns spricht : Kind , gib mir dein Herz . Aber was willst Du denn anfangen , Uriel , mit dieser Last Deines an der Erde haftenden Herzens ? « » Haftet es denn an ihr , lieber Onkel ? « fragte Uriel ernst und sinnend . » Hab ' ich nicht den Ballast des Mammon über Bord meines Schiffleins geworfen , um nicht in die Schlingen dieses Götzen zu fallen , dessen Kultus mehr als irgend einer - den Materialismus fördert ? hab ' ich mich je verloren in die brutale Genußsucht der Zeit ? oder an den Ehrgeiz ? oder an die Sucht der Eitelkeit , etwas gelten zu wollen , ein Mann der Partei zu sein ? Und meine Reisen - hab ' ich denn Gemeines , Niedriges , Alltägliches von ihnen begehrt ? sollten sie vorwitzige Schaulust und einen unbestimmten Drang nach Bewegung befriedigen ? Mir scheint , ich dürfe all ' diese Fragen mit Nein beantworten . O wie oft habe ich gerade auf diesen Reisen , gerade diesen wunderbar schönen Naturbildern gegenüber die ganze Nichtigkeit des Erdendaseins empfunden ! O , in stillen Nächten unter dem leuchtenden Sternenhimmel und auf den leuchtenden Meeren des Südens - o , in der rosigen Morgenfrühe der paradiesischen Überfülle tropischer Länder , mit ihrem unvergleichlichen Zauber von Farbe und Form , von Licht und Luft - o , bei dem feierlichen Sonnenuntergang in der Savanne und der Wüste mit ihrer grenzenlosen , bis zum Entsetzen majestätischen Einsamkeit - hat dies göttliche Schweigen , diese göttliche Stimme mich je anders berührt , als daß ich empfunden hätte , es gebe noch etwas Höheres - und das sei so hoch und so groß und so wundermächtig , daß alle Erdenschönheit sich dazu verhalte , wie ein Sandkorn gegen das Himalajagebirg . Und dann hätte ich die Erde mit einem Fußstoß von mir schleudern mögen , um mich aufzuschwingen zu jener nur geahnten Herrlichkeit . Nennst Du das an der Erde haften , teurer Onkel ? « » Der heil . Augustinus schreibt in seinen Bekenntnissen : In mehr als einer Weise schließt man sich den gefallenen Engeln an ; « entgegnete Levin . » So gibt es auch mehr als eine Weise , in welcher das Herz an der Erde haften kann . Es kann begraben sein in ihrem Moder , verstrickt in ihren Dornen . Es kann aber auch so fein mit ihr zusammenhängen , wie manchmal Blumenblätter an fliegenden Sommerfädchen schweben . Eines ist gewiß : Du hast Gott nicht gefunden . Mit Deiner Intelligenz hast Du das Dasein Gottes außerhalb seiner Schöpfung begriffen ; mit Deinem Gefühl hast Du ihn über der Schöpfung geahnt . Aber Dein eigen , Dein Centrum - ist er nicht geworden , weder der menschgewordene Gott , noch der gekreuzigte Gott , noch der eucharistische Gott ! und deshalb bist Du auch keinen Augenblick Deiner selbst sicher und der nächste kann Dein Herz begraben in den Aschengrüften der Erde . Daß es bis jetzt nicht geschah , hast Du , nächst der Gnade Gottes - Deiner Liebe für Regina zu danken . Du betrachtest sie als Dein Leid - aber sie ist Dein Heil gewesen ! Die Liebe ist etwas so Himmlisches , so Gottverwandtes , daß sogar die natürliche im Stande ist , dem Menschen eine Zeitlang einen edlen Impuls zu geben und in edler Richtung ihn zu halten . Aber in dem wechselvollen Dasein hienieden , zwischen tausend neuen Eindrücken und abertausend neuen Erfahrungen , verliert diese Liebe allmählig ihre Triebkraft , vermag nicht mehr Schwung und Ausdauer zu geben , und läßt das Herz nach und nach so öde zurück , so leer , so traurig , so arm , daß ihm die Bilder und Erscheinungen der Erde wünschenswerter vorkommen , als seine Erstorbenheit . Das ist die allgemeine Geschichte jeder Liebe , die nur aus dem natürlichen Gefühl hervorgegangen ist : sie keimt , sie wächst , sie blüht , sie verblüht - wenn man sie nicht in das Erdreich der Gnade verpflanzt und in das übernatürliche selige Liebesleben hineinschlingt , welches die mystische Braut Christi mit ihrem göttlichen Geliebten fühlt . Dein Herz haftet an der Erde , mein armer Uriel ! Du hast die ewige Wahrheit noch nicht gefunden , denn Du hast sie noch nicht gesucht . « » Aber wo - aber wie - soll ich sie suchen ? « fragte Uriel tief in Sinnen verloren . » Wo ? - in der Krippe von Bethlehem und am Kreuz von Golgatha . Wie ? - durch Gebet . Bete , Uriel ! wie es jetzt mit Dir steht , kann und darf es nicht bleiben . Du bist flügellahm . Es ist mehr Welt an Dir vorüber gerauscht , als Du - als irgend jemand mit der bloßen Beobachtung überwältigen kann . Das Übermaß der Tätigkeit , deren Zuschauer Du bist , betäubt Dich und bringt Dich um die , welche Dir von Gott bestimmt ist . « » Lieber Onkel , « unterbrach Uriel ihn sehr lebhaft , » Du wähnst doch wohl nicht , daß es mir je einfallen könnte , Missionär zu werden , weil ich gesagt habe , ich hätte bei ihnen Seelengröße gefunden und ich beneidete sie , weil sie einem so großen Herrn dienten ? Missionär will ich durchaus nicht werden ! und käme mir je ein solcher Gedanke , so würde mein eifrigstes Gebet gegen ihn sein . « » Sei unbesorgt ! « erwiderte Levin lächelnd , » zu so kühnen Hoffnungen erschwingt mein altes Herz sich nicht . Das war eine große Gnade , wenn Du die Welt abermals durchpilgertest - nicht um die Wahrheit zu suchen , sondern um sie anderen zu verkündigen ; nicht zu Deiner Befriedigung , sondern aus Liebe zum gekreuzigten Christus . Aber eine solche Gnade senkt sich nur in ein ihr entsprechendes Herz . Vorderhand bin ich froh , daß Du in Kalifornien kein Goldgräber geworden bist . « Es war ein unvergleichlicher Zauber von Würde und Huld um den fünfundsiebenzigjährigen Greis . Er war so stark bei seiner heiteren Milde , so nachsichtig bei seinem heiligen Ernst , so lächelnd bei seiner tiefen Einsicht , - der Geist so offen , das Herz so warm , die Seele so licht , daß Uriel oft in seiner Nähe dachte : die Verklärung des Tabors sei schon über dies Leben ausgegossen , das mehr als ein halbes Jahrhundert in der Verschattung des Kreuzes verharrt sei . An Onkel Levins Seite , in Gesprächen und im traulichen Verkehr mit ihm fühlte sich Uriel zufriedener , als sonstwo auf Erden . Aber eine leise Unruhe , ein unausgesetztes Vibrieren des inneren Menschen mahnte ihn stets daran , daß er seinen Schwerpunkt noch nicht gefunden habe . Es tat ihm leid , an Graf Damian versprochen zu haben , daß er ihm nach Rom folgen wolle ; leid , den geliebten Greis zu verlassen . » Komm ' mit mir nach Rom ! « bat er ihn einst . » Die Griechen hielten es für ein Unglück , das Götterbild ihres Zeus , das Meisterwerk des Phidias , nicht gesehen zu haben . Ist es nicht ein ganz anderer Schmerz für einen Priester , den Stellvertreter des Erlösers und den Nachfolger des Petrus nicht gesehen zu haben ? « » Ja , lieber Sohn , ganz anders ! er ist ein Glied in der langen Kette der Entsagungen ; aber die löst sich mit dem Tode . Die armen Griechen hatten schon recht , ihren Zeus zu betrachten ; denn seine Marmorstatue war doch mehr - als das Nichts , welches sie vorstellte . Aber für uns , Kind , ist es gerade umgekehrt : wir sehen hienieden nur Bilder , aber droben das Wesen . Deshalb hab ' ich mich nie danach gesehnt , mich viel umzuschauen in der Welt . Scheide ich von ihr - dann werden meine Augen ihre Wonne haben und mein Herz seine Lust . Kommst Du aber nach Rom , so grüße mir eine traute Stätte : das Koliseum , wo die