verdunkelt - auch er stand unter den Vorurtheilen seiner Geburt und seines Standes - aber sowol die Thatsache , daß wahrscheinlich den Abend Bonaventura von Asselyn angekommen war , wie die Erwähnung Drusenheims , das dem Aufenthalte Armgart ' s auf einen Büchsenschuß gegenüberlag , ließen ihm kaum zur Besinnung kommen . Er sprang auf , lief im Zimmer hin und her und überhörte dabei gänzlich , daß Weigenand Maus unter allgemeinster Zustimmung beantragte , eine Caricatur anfertigen zu lassen , um » auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege « das zeitgemäß-modernste Thema : Juden bauen den Christen ihre Gotteshäuser ! zu verspotten . Ein stillerer und sanfterer unter den Freunden , Alois Effingh ( Effingh & amp ; Cie . , Bankgeschäft ) , übernahm die Ausführung durch einen vertrauten Freund , der das Talent besaß mit der Feder gleich auf Stein zu zeichnen . Hieß der Geistliche nicht Herr von Asselyn ? fragte Thiebold de Jonge . Ich glaube , ja ... antwortete Gebhard Schmitz , ganz verloren in die Caricatur und noch weitere Details gebend . Ein Vetter Benno ' s von Asselyn ... sagte Thiebold und erwähnte einen Namen , den alle kannten , der aber nicht zu diesem Kreise gehörte ... Nächsten Sonntag nach Drusenheim ! rief Clemens Timpe ... Bewunderung der Villa ... Der Kirche ... Der Tauftügelchen ... Wir laden Eva und Apollonia ein ... Nein ! unterbrach Joseph Moppes . Achtung vor Thiebold de Jonge ! Auf Lindenwerth » Da blüht eine Blume so hold , so hold « ... Auf Lindenwerth ? rief der Chorus . Ja , de Jonge ! unterbrach den Singenden Gebhard Schmitz . Ich war im Stifte bei meiner Schwester ! Wahrhaftig ! ... Ich bin sonst in Geschmackssachen - auf Ehre - aber die Tochter Ihres Lebensretters - Die Lebensretterstochter ... rief der Chorus . Kapitaler Geschmack ! Auf Taille ! näselte Schmitz im ghibellinischen Leutenantston ... Moppes sang : » Und schöner als in dieser Rose « ... A la bonne heure ! Eigentlich noch ein Backfisch , aber künftige » Jöttin « ! fuhr Schmitz fort und - » Hebe stieg in sanfter Feier « ... sang Moppes . Schwarz und braun sind ihre Augen ... » Maikäferlein , was fliegst du auf ? « Zähne , - reizend ! Zwei Zähne - , man sieht sie immer - Man sieht sie immer ? rief der Chorus ... » Um das Rhinoceros zu sehen « - declamirte jetzt sogar Weigenand Maus . Thiebold erwachte aber aus seinem Brüten wie ein Löwe und schüttelte seine goldene Mähne . Genug ! Rief er mit donnernder Stimme ... Aber Singvögelein singet , Singvögelein schwinget Stolz sich in den Himmel hinein ! antwortete Moppes . Der Streit wurde durch Gebhard Schmitz beigelegt . Letzterer blieb bei seiner Bewunerung Armgart ' s , nannte sie das Entzücken des ganzen Pensionats und ließ jetzt wirklich etwas Höheres gelten als seine Dialektkunst und seinen pariser » Gibus « zum Einklappen , den er suchte . Es blieb bei der Caricatur und bei der sonntäglichen Partie ... Gruppen bildeten sich ... der eine lag von der Caricatur sprechend da , der andere von der Liebe überhaupt dort ... man flüsterte ... man hatte jetzt Geheimnisse ... ja es senkte sich über die wüste Atmosphäre mancher reinere Sonnenstrahl ... Selbst Piter ließ endlich von der Arakflasche und erzählte mit gedämpfter Stimme von einigen wunderbaren neuen weiblichen Bekannschaften , besonders einer ... er sprach ganz leise nur ins Ohr zu Gebhard Schmitz ... Joseph Moppes , der hören wollte und nichts verstand , parodirte : Mir auch war eine Leben aufgegangen ! Folgen können wir diesen Gesprächen nicht . Sie enthielten zu viel von dem , was , wenn die Männer zwischen zwei und drei Uhr Morgens von Frauen sprechen - die Nacht » bedeckt mit Grauen « . Endlich aber wurde alles still ... die am lautesten gesprochen haben , schnarchten schon ... auch Piter im schottischen Reisecostüm schlummerte und lächelte und sein etwas stumpfes Näschen schien im Traume eine ganze Jakobsleiter voll Seligkeiten zu balanciren ... nur Thiebold de Jonge lag auf einem Sopha ausgestreckt , das Haupt aufgestützt , sah nach der Uhr und war in wenig Minuten der einzige , der wach geblieben . Er gedachte seines Freundes Benno ... Benno ' s , der , wie dieser sich einmal ausgedrückt hatte , den » lateinischen Stolz « besaß , sich in einer Soll und Haben-Sphäre von dieser Art nicht heimisch zu fühlen , ja die geschilderte geradezu verachtete . Thiebold , in seiner Art ein Schwärmer , betete bei alledem Benno an . Nur hatte er sich wieder einmal mit ihm gezankt und zwar empfindlich ... er hatte sogar den ersten bedeutenden Zwiespalt mit ihm ... Nicht um Armgart ' s willen ... Von Benno ' s Empfindungen für Armgart hatte Thiebold bei dessen in allen Dingen bewahrter kalter Außenseite keine entfernteste Ahnung ... Wohl aber war der Vorfall an dem Tage , wo Hedemann die Begegnung mit Herrn von Enckefuß im Wirtshause an der Landstraße gehabt hatte , für beide zum Gegenstand des ersten längern Misverständnisses geworden . Benno und Thiebold waren Schulfreunde , die sich in spätern Jahren aus dem Auge verloren hatten . Sie fanden sich wieder , als Benno sich bei einer zufälligen Begegnung über das gerade besprochene Abenteuer in Canada dahin äußern konnte , daß ihm wenn auch nicht Ulrich von Hülleshoven , doch Hedemann seit frühester Kindheit wohlbekannt , ja sozusagen sein Nährvater und Erzieher gewesen wäre , solange bis der Dechant ihn ganz in seine Nähe nahm und ihn in der Residenz des Kirchenfürsten nahe gelegenen Universität auf Schulen schickte ... Das Band der Freundschaft mußte sich enger und enger um beide schlingen , da Thiebold ' s Charakter die Hingebung selbst war . Nach wenig Monaten schon konnte er nicht mehr ohne Benno sein , nichts mehr ohne ihn unternehmen . Alles , was dieser sagte oder that , war für ihn , sogar in Gegenwart anderer , ein Evangelium . Seine enthusiastische Natur umschlang Benno , trotz allerdings mancher und fast stündlicher Reibung , doch wie der Epheu den festen Stamm . Die Reise nach Kocher mit Extrapost entsprach Thiebold ' s Verhältnissen und galt eigentlich der Huldigung Benno ' s und den Verwandten desselben in Kocher . Da Benno aber allein und über Lindenwerth und St.-Wolfgang und sogar zu Fuß gehen zu wollen erklärt hatte ( in seinem Charakter lagen diese schroffen Ablehnungen des liebevollsten Entgegenkommens ) , so hatte von dieser bequemen Reisegelegenheit der Assessor von Enckefuß den Gewinn . Dies war nur eine oberflächliche Bekanntschaft beider Freunde . Sie hätte sich jetzt fester knüpfen können . Gab das Zusammenreisen dazu die beste Gelegenheit , so wurde doch jede weitere Beziehung wenigstens für Thiebold durch die Scene mit Hedemann und Porzia Biancchi unmöglich . Lucinde hatte sich an jenem Abend , als sie im » Riesen « ein Gelag in dem Geschmack , wie eben geschildert , voraussetzte , wenigstens in Betreff einiger Theilnehmer vollständig geirrt . Benno fehlte und Thiebold . Beide saßen beim Obersten auf seinem Weinberge . Sie saßen mürrisch und ohne Entschluß , auch nur auf die Dechanei zu gehen . Benno hatte an einem Souper im Riesen theilnehmen wollen ; Thiebold erklärte , mit Herrn von Enckefuß nichts mehr gemein zu haben . Hedemann ist ein Narr ! hatte benno in seiner kurzen Weise erwidert und darüber entspannen sich dann Wortgefechte , die bald einen ernstern Charakter annahmen . Sie endeten damit , daß Thiebold das ganze , eigentlich ihm doch so unendlich süße und nothwendige Joch seiner Abhängigkeit von Benno einmal abschüttelte und ihm Dinge sagte , die sich selbst unter den besten Freunden nach vierundzwanzig Stunden nicht wieder zurücknehmen lassen . Asselyn , hatte er gesagt , Sie sind ein Mensch , dem seine Philosophie noch das Herz im Leibe ausdörren wird ! Ich bemitleide Sie , wenn Sie sich Ihren Dominicus Nück zum Muster genommen haben , diesen armseligen menschen , der einen Million besitzt und Sonntags die Sackträger beneidet , die vorm Thore bei einem Glase des schandbarsten Krätzers Kegel schieben ! Schämen Sie sich mit Ihrer sündhaften Gleichgültigkeit für Gott und die Welt ! Sie erzählen von einem Zauberweib , mit dem Sie hierher gereist sind , und wollen nicht in die Dechanei zurück , nur um sie nicht wiederzusehen ! Von einem Engel in Menschengestalt , einem Mondscheinelfen , unserer Armgart , wissen Sie nichts , als daß sie ihrem Vater ein paar Hosenträger stickt ! Diese Porzia Biancchi ist Ihnen nicht viel mehr als eine Landstreicherin , und Hedemann ' s Neigung finden Sie geradezu lächerlich , da Sie doch wissen , daß er , wie der Oberst , eine Natur ist , die die die Spreu vom Weizen zu unterscheiden weiß ! ... Als Müller ! wird Ihre ewige Ironie einwerfen ; aber nach Ihnen müßte der Friede in dem Hause der Hülleshoven und Ubbelohdes einfach nur durch die Polizei vermittelt werden ! Sehen Sie zu , wie weit Sie mit diesem Sibirien in Ihrem Herzen kommen werden ! Gerade solchen Naturen , denen alles gleichgültig ist , solchen , die in der ganzen Welt nichts , aber auch nichts als Schein und Dummheit sehen , wird zuletzt so heiß unter den Sohlen , so fegefeuermäßig schwül schon hier auf Erden zu Muthe , daß sie sich wie der Skorpion , den man auf Kohlen setzt , zuletzt selbst umbringen ! Sie haben wahrscheinlich in der letzten Nacht , wo Sie nicht schlafen konnten , Seume ' s » Spaziergang nach Syrakus « gelesen ? war alles , was Benno geantwortet . Dennoch trafen die Worte Thiebold ' s ihn tiefer , als er sich den Schein gab . Dazu war er zu stolz , zu entgegnen : Sage mir , wie ich in die Welt gekommen bin , und du wirst sehen , ich kann die Welt lieb haben ! Er vertändelte den Ernst seines Unmuthes überhaupt und auch jetzt den Ernst seiner innerlichsten Zustimmung zu diesem ungewohnt starken Ausbruch allerdings schon vielfach benutzter Freundschaftsrechte . Gerade dadurch , daß er dennoch zu Enckefuß hielt , bewies er , wie sehr er sich getroffen fühlte . Vor Hedemann rechtfertigte er sich im Vertrauen : Lieber Alter , mögen Sie mit dem Enckefuß haben , was Sie wollen , der Sohn hat mir gestanden , daß sein Vater in Verzweiflung ist - wie kann ich ihm meinen Beistand entziehen ! Hedemann hatte dieser Antwort auch zugestimmt und sie natürlich gefunden ... Seitdem die Italiener im Orte angekommen waren und ihren gewohnten stark aufdringlichen Handel trieben , schien er von der ersten Hitze seines Antheils etwas zurückgekommen . Eine weitere Erörterung und gründliche Aussöhnung zwischen Thiebold und Benno hatte in Kocher selbst nicht mehr stattgefunden . Major von Pritzelwitz benutzte die ihm nur verwilligten drei Tage , um seine kleine Armee in einen jeden Augenblick schlagfertigen Zustand zu versetzen und ihr durch tüchtigstes Sporengeben auch dergleichen » Mucken « der Gesinnung zu vertreiben , wie sie hier zu Lande üblich waren , wo man an Carnevalstagen den Kaiser Napoleon , seine Marschälle und seine alte Garde in öffentlichen Aufzügen copirte . Moppes , Timpe , Schmitz und selbst Weigenand Maus waren nicht selten schon zu Pferde mit Mamluken einhergeritten und hatten sich mit allem Pomp so in Orden und Stickereien gefallen , als wenn sie die Schlachten bei Jena und Eylau gewonnen hätten . Auch Benno ' s bester Absicht , den Streit in der Dechanei beizulegen und Lucinden in sie zurückzuführen , ließ sich nicht der Nachdruck seiner gewohnten Handlungsweise geben . Diese fuhr mit Herrn Schnuphase schon am andern Tage in ihre neue Lebensstellung . Und auch Thiebold war dann am Morgen des vierten Tages in Kocher plötzlich verschwunden . Er hatte an Benno ein einfaches Billet zurückgelassen , worin er sagte , es würde ihm Vergnügen machen , wenn er mit dem Assessor von Enckefuß seinen Landau benutzen wollte ; er selbst wäre in Flößereigeschäften erst mit der Post , dann mit dem Dampfboot auf einige Tage nach Mainz gegangen . Seit heute Abend erst war er , und jetzt bedeutend abgekühlt , von dorther zurück . In Lindenwerth hatte er Halt gemacht und sich mit den Empfindungen eines Toggenburg einige Stunden am vielberühmten Hüneneck aufgehalten . Nach dem Fenster des Saales , in dem Armgart wohnte , hatte er das Angesicht gerichtet , solange die letzten Strahlen der Sonne es vergoldeten . Da er keine Verwandte im Pensionat hatte , wurden ihm die Besuche von den gestrengen Englischen Fräulein nicht mehr gestattet . Nun lag er hier , im Ohr die wüsten Scherze seiner » Freunde « ... vorgenießend schon die von ihm mit leidenschaftlicher Zustimmung ergriffene Sonntagspartie nach Drusenheim , wo eine Begegnung mit Armgart nicht unmöglich war ... sonst aber aufgelöst in Reue und Scham und unendlichster - Sehnsucht nach Benno . Und vielleicht wäre dennoch auch über ihn der Schlummer gekommen , wenn nicht plötzlich im Hofe Wagenrasseln und das mahnende Knallen zweier Peitschen hörbar geworden wäre ... Er sprang auf , fiel fast , da die Lampen ausgegangen waren , orientirte sich und weckte Pitern , der im Concert der ringsum Schnarchenden jetzt eine Solostimme übernommen hatte ... Piter war eingeschlummert gewesen mit den vertraulichsten Geständnissen , die er in das Ohr seines Freundes Gebhard Schmitz geflüstert hatte über zwei wunderbare Frauenerscheinungen , die plötzlich durch » einen höllisch vernünftigen « Gedanken seiner Angehörigen ganz dicht in seine Nähe verpflanzt waren ... weniger von Mamsell Lucinden Schwarz war er entzückt - » obgleich auch diese « ... Und in diesen Haarspaltungen seines Geschmacks war er selig eingeschlummert ... Nun , von Thiebold de Jonge aufgerüttelt , fuhr er empor ... So groß auch immer sein Vertrauen zu sich selbst war und so sehr er sich vorgenommen hatte , sich in seiner ganzen künftigen Haltung im Leben einen wenn nicht großen , doch eigenthümlichen und merkwürdigen Charakter zu geben , so geschah ihm doch immer , daß sein erstes Erwachen von irgendeiner der vielen , nicht blos durch den natürlichen Schlaf verursachten Besinnungslosigkeiten regelmäßig eine geringfügige Vorstellung über die gerade obwaltende Situation begleitete , der dann die völlig decontenancirte Miene entsprach ... So auch heute ... Der erste Gedanke , als ihn Thiebold aufrüttelte , war an das Fünfuhraufstehen in der Handelsschule gerichtet ... Bald aber besann er sich auf sein gegenwärtiges Alter und seine Stellung im Leben und in diesem Hause und rief donnernd den Joseph im Vorzimmer wach , ihn in den Hof jagend , und taumelte , seliger Rückerinnerungen voll , eine niedergebrannte Kerze in der Hand , das Product seines ihm nur für den Ausbau des Domes seiner Vaterstadt mangelnden Ingineursinnes , die luftige , zierliche neue Wendeltreppe , empor . Er mußte ja , während Thiebold die andern Schläfer weckte , noch einmal in sein Garderobezimmer ... Um ganz dem Bilde der Modenzeitung , nach der er sich kürzlich erst für die Morgentoilette , für die Jagd und für Reisen equipirt hatte , zu entsprechen , fehlte noch sein Plaid und seine Tragtasche an juchtenledernen Riemen . Piter war in solchen Dingen exact . Für die Jagd besaß er eine rothe Jacke mit kurzen Schößen , goldenen Knöpfen , grauledernen Hosen und hohe gefirnißte Stulpstiefel . Für die Reise trug er einen kurzen Phantasierock mit zwei Brusttäschchen , schottische Beinkleider ohne Sprungriemen , Lackstiefel , die , wenn die Beinkleider in die Höhe gingen , Schäfte von rothem Saffian zeigten . Wie Piter etwas mühsam hinaufsteigt , wird ihm eine Ueberaschung zu Theil . Kaum hatte sein etwas schwerer Fuß auf der leichten Treppe die ersten Stufen betreten , kaum hatte sich sein etwas unsicheres Auge überzeugt , daß es auch oben dunkel geworden war , kaum war die mit besonderm Nachdruck an die Lehne sich krampfende rechte Hand im Begriff mit der linken zu wechseln , wobei die Uebergabe des Lichtes in die andere Hand mit Schwierigkeiten verbunden schien und , da er sie doch zu überwinden versuchte , das Licht auch richtig ausgehen ließ - als von oben her eine Thüre aufging und der Schimmer eines Lichtes dem im Dunkeln Emportastenden zu Hülfe kam . Und kaum hatte Piter , staunend über dieses ungewohnte nächtliche Lebendigsein über ihm , aufgeblickt , so mußte er sich um so betroffener fühlen , als ihm über das kleine bronzirte Gitter hinweg ein holdes Frauenantlitz entgegenleuchtete ; in Wirklichkeit leuchtete mit einem Lichte und figürlich durch holdesten Liebreiz und eine seltene Anmuth ; dabei dasselbe zarte Mädchenangesicht , in dessen Schilderung er soeben zu Gebhard Schmitz beinahe hätte poetisch werden können , wenn ihn nicht der Schlummer übermannte ... Ja aber , um Gottes willen ! Sie noch auf ? sprach er mit nicht leichter Zunge ... Das junge Kind zitterte und trat mit dem Leuchter in der Hand zurück ... denn nun stand Piter schon schwer und krampfhaft und mit einem entsetzlichen Dunst von Taback und Wein dicht vor ihr ... Er weidete sich an einem Anblick , der ihm ein » Bild aus Himmelshöhen « schien . Diese zwar nur kleine , aber zierlich behende Gestalt , dies goldblonde Haar , das einen Trauerkrepp in seine dichten Flechten eingewunden hatte , diese aus einem gleichfalls trauernden schwarzen Kleide hervorblendende weiße Haut und der Schnitt des Gesichtes von einer wunderbar lieblichen Rundung und Regelmäßigkeit übten wieder die ganze Wirkung auf ihn aus , die er schon seit gestern früh um zehn Uhr empfpunden hatte , als er dieses neu hinzugezogene Mädchen seiner Schwester Hendrika Delring zum ersten mal gesehen hatte . Aber zum Donnerwetter ... wie kommen Sie denn dazu , so - so lange aufzubleiben oder vielmehr - ? So hab ' ich Frau Commerzienräthin - vielleicht - nicht richtig verstanden - sie befahl - mir , da ich hier oben doch - bei Madame Delring bin - immer auch auf Ihre Wünsche zu hören - und wenn Sie reisten - hätten Sie manchmal noch etwas nöthig - und da - wartete ich so lange - Die Stimme des armen überwachten , verweinten und erschreckten Mädchens zitterte ... Na , das ist ja aber wahrhaftig noch besser ... Piter lachte wie über eine grenzenlose Beschränktheit und doch that ihm die Naivetät wohl , die so auf seine allerhöchste Befriedigung bis gegen vier Uhr Morgens aufbleiben konnte . Hahaha , lachte er und taumelte , um sein ausgegangenes Licht auf eine Fenstersims zu setzen . Das ist ja einzig ! Sie bleiben ' ne ganze Nacht um unsereinen - und nun reis ' ich - jetzt , wo ich solche - Nachbarschaft - - habe - Meine Schwester - na , wird einen schönen Lärm machen , wenn sie hört , daß Sie Muttern so unsinnig - wollt ' ich sagen allerliebst - verstanden haben ! Herr Gott - kleiner Engel ! Die Zeiten sind vorüber , wo man - Nachts aufblieb - wenn unsereins blos nur noch Elberfeld reiste - Jetzt heißt ' s : Reise glücklich ! und das Uebrige - macht Wecker an der Uhr - und - und Hausknechts Stalllaterne - Diese blitzte auch unten im dunkeln Hofe hochauf an die Hauswand gegenüber ... Piter wollte von dem überaschenden Misverständniß noch Vortheile ziehen , aber das schöne Mädchen hatte schon die Thür ihres Zimmers zum Rückzug in der Hand - Piter wollte nach und trat einstweilen mit den Füßen zwischen die Oeffnung , die die Fliehende schließen wollte . Warum sind Sie denn schwarz - an - angezogen - Donnerwetter und wie heißen Sie denn - ? Gertrud Ley - Gertrud ! Also Treudchen ? Sieh ! Du bist schön , Treudchen , straf mich Gott , wie ein Engel - aber - aber warum denn der schwarze Flor da in - deinen allerliebsten - Wenn Treudchen Ley jetzt in ein fast krampfhaftes Weinen ausbrach , so war es nicht so sehr die Erinnerung an die Leiden , die sie seit einigen Wochen und vollends den letzten Tagen durchgemacht hatte , als auch das Gefühl der tieffsten Beschämung über den Irrthum , der sie so bis früh Morgens hier oben aufsitzen und wachen lassen , auch vielleicht der Schmerz , dafür so belohnt zu werden , wie jetzt von Pitern geschah ... und auch ihr Vater fiel ihr ein , wie der so des Morgens aus den Wirthshäusern kommen konnte . Ihr Weinen war so convulsivisch , daß Piter darüber an Besinnung verlor und gewann - je nachdem . Den Versuch sich ihr noch zu nähern gab er auf und zog sich scheu und seit langer Zeit zum ersten mal in einer Art Verlegenheit auf seine Zimmer zurück . Als er dann wiederkam mit Plaid und Tasche , war Treudchen verschwunden . Die zu den Zimmern seiner Schwester führende Thür war verriegelt . Er klopfte und klopfte . Er war in einer Begeisterung , in einem Sturm , in einem Drange der Liebesbetheuerung , in einem Vergessen ganz seiner selbst - Treudchen Ley antwortete aber nicht mehr . Piter mußte den schon mahnenden Freunden folgen . Unten schob einer den andern in die harrenden beiden Wägen . Im Abfahren waren alle sieben noch leidlich wach . Piter war sogar ganz , als hätte er die » seiner Natur durchaus nothwendigen « zehn Stunden vollständig geschlafen , er lachte und trällerte , und sagen wir nur , wie unsinnig . Seine eben erlebte Geschichte hätte jedoch niemand hören können , wollte er sie auch erzählen , so rasselte man über die öden und schon vom kommenden Tageslicht angedämmerten Straßen , über die große Brücke , durch die Festungswerke ; auch kam die pariser Mallepost , nicht unhörbar , hinter ihnen her ... Im Bahnhof angekommen , schliefen alle außer Pitern und Thiebold . Nun aber raffte man sich noch einmal auf und nahm Abschied . Kutscher und Bediente besorgten Piter ' s Effecten und die Freunde gewannen auf einen Augenblick ihren alten Humor wieder . Allein fiel ihr erstes Reisen zur Messe nach Frankfurt oder Leipzig ein und nun brach Gebhard Schmitz , der Dialektkünstler , wieder das Eis und entfaltete neue Talente . » Sie , mein kutes Härrchen ! Eine kute Messe ! « variirte er und der einfallenden Chorus sächselte mit , bis auf den Pfiff der Locomotive der Zug davonbrauste und ein donnerndes Hurrah den Zweck und die Bedeutung dieser Nacht krönte . Die Chaisen fuhren jetzt in die Stadt zurück und setzten alle jungen Herrschaften vor den Pforten ihrer hochmögenden Väter ab , wo dann ein jedes froh war , sich in bequemen Sprungfedermatratzen auszuruhen von soviel Witz , soviel Bildung , soviel Kenntniß der Welt und der Menschen , soviel bewußtem Werth für die Welt im allgemeinen und diese höchst ehrwürdige und in so vielen Dingen entschieden und selbstbertrauend den vaterländischen Ton angeben wollende Stadt im besondern . Während Piter vielleicht entschlummernd Treudchen im hochzeitlichen Kleide und von ihm selbst an den Altar geführt sah - es wäre das die kapitalste Idee gewesen , die sein ihm mangelnder » Verehrungssinn « für die Familie hätte ausführen können - war Thiebold , der jeden der Genossen noch an sein Haus gebracht und sich das Festhalten an der Drusenheimer Sonntagspartie bedungen hatte , in der Mitte der Stadt ausgestiegen . Schon war es halb fünf Uhr ... die Straßen wurden lebendiger ... die Tageshelle mehrte sich ... Seine Schritte führten ihn an einen kleinen winkeligen Platz , wo Benno wohnte . Mit der Schwärmerei eines Verliebten stellte er sich an einen schon von den Mägden mancher fleißiger Handwerker belebten Brunnen und sah zu den geschlossenen Fenstern seines Freundes im ersten Stock eines schmalen Häuschens empor . Es hing ein Blumenbret vor dem Wohnzimmerfenster ... alle drei Läden waren geschlossen . Der Morgenthau , die herbstlich frische Luft kühlte die Augen des stillen Beobachters , der gewiß sein konnte , draußen auf den Holzöfen seines Vaters auch schon das lebendigste Tagwerk begonnen zu finden . Wie er einige Minuten so gestanden hatte , nicht achtend der Neugier um ihn her , nicht achtend der Fuhrwercke , die schon im Gang waren , der Ausrufungen , die schon von Verkäufern ertönten , öffneten sich im ersten Stock die Jalousieen an Benno ' s Wohnzimmer . Benno war schon aufgestanden und öffnete , wie er war , im rothgestreiften Nachthemde , mit der einen Hand durch sein dunkles Haar fahrend , mit der andern einen kleinen Vogelbauer unter die Blumen setzend . Guten Morgen , Asselyn ! rief Thiebold voll bebender Freude und fast schüchtern hinauf . Guten Morgen , de Jonge ! war die ruhige und erstaunte Antwort . Schon so zeitig auf ? Und Sie noch so spät wach ? Haben Sie schon gefrühstückt ? Das nicht ! Aber Reste aufzuarbeiten ... Doch kommen Sie nur herauf , falls Sie mir nicht wieder über meine alte Kaffeemaschine die Ohren voll lamentiren wollen ! Thiebold wußte schon , daß das alles von Benno nur Redensarten waren , die wenigstens die halbe Freude der Ueberraschung verdeckten , die er selbst so überströmend voll und vom tiefsten Herzensgrunde ganz empfand . Da ist der Hausschlüssel ! sagte Benno nach einer Secunde und warf ihn hinunter . Thiebold hob den Schlüssel auf , schloß die Hauspforte und stieg die schmale Stiege zu seinem Freunde und zum gemeinschaftlichen Frühstück hinauf . Er wußte , daß er seinem bewunderten und angebeteten Asselyn nicht um den Hals fallen durfte ; er wußte , daß ihm jede weitere Erörterung des Misverständnisses mit den Worten würde abgeschnitten werden : Sie sind ein närrischer Kerl ! ... Er wußte , daß seine ganze zu einer Scene der innigsten Zärtlichkeit geneigte Stimmung sofort die kalte Douche der Ironie bekommen würde . Aber wie er so Stufe um Stufe hinaufstieg , fühlte er doch , er kam aus einem Chaos voll Nacht , voll Kampf , voll Wahn , voll Thorheit zu einem Menschen , der sein überwallendes Herz beruhigen , die dunkeln Stimmungen seiner Seele erleuchten , ihn im Straucheln halten , im Irren führen konnte , zu einem Freunde , zu dem , so jung er war , er und mancher andere hätten sprechen dürfen : Bei dir - ist Licht und Ruhe ! Darin glichen sich Bonaventura und Benno , daß jeder von ihnen umstrickt und umsponnen war von einem durch Schicksalshand angelegten Lebensräthsel . Aber auch darin glichen sie sich , daß von einer zu hoffenden Lösung desselben ihnen andern mehr abhängen mußte als nur - ihr eigenes Glück . Ende des zweiten Buchs . Dritter Band Drittes Buch 1. Von einer Handwerkerfamilie , die nach einem dunkeln Hofe hinaus arbeitete , hatte Benno drei auf einen kleinen , von einem belebten Brunnen geschmückten Winkelplatz hinausgehende Vorderzimmer gemiethet . Eines davon , einfenstrig , war sein Schlaf- , die andern , zweifenstrig , waren Wohn- , Arbeits- , Empfangszimmer , je nachdem . In einem derselben stand ein Repositorium mit einer Anzahl von Schubfächern , in denen sich theils die Acten der ihm von Dominicus Nück zugewiesenen Processe aufhäuften , theils schon manches Fascikelchen lag der auch ihm schon aufblühenden , freilich noch an den schützenden Namen und die Unterschrift seines Principals gebundenen ersten Frühlingskeime einer eigenen Praxis ... Im unbestreitbaren Wohnzimmer ließ Benno schon zuweilen in den Früh- und Nachmittagsstunden manche Partei warten , die über ein paar empfangene Ohrfeigen oder ein paar unbezahlt gebliebene Beinkleider seinen Rath begehrte und von ihm nach Abfertigung eines » pressantern « Clienten mit staatsmännisch bedeutsamer Miene gebeten wurde , sich auf einem Sopha von ehrwürdig altem schwarzen » geflammten « Merino ( zu diesen Flammen war hier und da schon der entschiedenere Brand einer etwas vergeßlich gerauchten Cigarre gekommen ) oder einem wirklich prachtvoll glänzenden rothsaffianen Sessel auszuruhen , welchen Phönix seines ihm theilweise persönlich angehörenden Mobiliars ihm Thiebold de Jonge verehrt hatte . Oder man könnte , da dieser Sessel klein , zierlich , auf einer Rolle gehend und wie luftig war , ihn unter dem bescheidenen Hausrath , der altmodischen Kommode von Nußbaumholz , dem Schreibsecretär von Birken- , den lackirten Stühlen von Tannenholz , auch einen prächtigen Kolibri nennen in einem solchen gewöhnlichen Drahtbauer , wie der war , in dem Benno bereits eine Art Familie zu ernähren hatte , zwei Canarienvögel seiner Wirthsleute , die er von ihnen in Pflege genommen zur Erzielung einer Hecke , bis sich freilich herausstellte , daß die frisch aus dem Nest genommenen kleinen Thierchen » Sieen « waren , was Benno leider erst entdeckte , als er sich an beide Geschwister so gewöhnt hatte , daß er sie auch ohne Gesang und Hecke vor seiner Wirthin rettete , die von einem pflichtschuldigen Tode derselben durch irgendeine nachbarliche Katze sprach . Jetzt prangte dieser Lehnsessel vollends , seitdem Benno bei seiner Zurückkunft von Kocher am Fall wieder zu seinem höchsten Verdrusse eine neue Gabe seines manchmal unerträglich aufmerksamen , Freundes vorfand , einen in sämmtlichen drei Zimmern gelegten bunten prachtvollen Teppich für den Winter ... ... Gegen diese Zuvorkommenheiten des jungen Halb-Millionärs ließ sich gar nicht angehen . Thiebold zerbrach , statt des Gottes der Zeit , lieber zufällig selbst einen Stuhl und erklärte dann mit gemachtem Schreck , seinem Freunde oder den Wirthsleuten einen Ersatz dafür schuldig zu sein , als daß er sich die Gelegenheit hätte nehmen lassen , Benno statt nur durch Zank auch einmal auf diese Art seine Freundschaft zu beweisen . Den alten in Ruhestand versetzten Lehnsessel , der mit dem Sopha , in Rücksicht auf geflammtes Muster und Ehrwürdigkeit des Ueberzugs , harmonirte , hatte er schon vor längerer Zeit einmal , wie er entschuldigend sagte , in Gedanken mit dem Federmesser , das er wie zufällig von dem Tische Benno ' s genommen , in der Armlehne zerschnitten und den neuen Teppich motivirte er auf Benno ' s Vorwürfe , die ihn deshalb heute in der Frühe gleich beim Eintreten und in medias