, wo ihre Näherei lag . » Nun ? « sprach der Hausherr ungeduldiger . » So Fürchterliches ist gerade nicht geschehen , « antwortete finster Frau Bendel . » Und dann kann ich eigentlich nichts dafür , ich habe keine Dummheiten gemacht und man braucht nicht immer die Schuhe an mir abzuputzen . - Nun ja , der Christbaum stand im Eßzimmer fertig , alle Spielsachen darunter und sobald es dunkel wurde , wollte Madame die Bescheerung vor sich gehen lassen . « » Ich hatte aber befohlen , damit zu warten , bis ich nach Hause käme ! « » Dafür kann ich nichts ; Madame befahl mir , wie schon gesagt , sobald es dunkel würde , die Lichter anzuzünden . « » Und Madame that das nicht selbst ? « fragte verwundert der Hausherr . » Nein , Madame wollten später kommen , wenn die Kinder ihre Sachen erhalten hätten und der erste Lärm vorbei sei . « Gerechter Gott ! dachte der Doktor , und schlug die Hände über einander , das nennt die Frau einen Lärmen und will nicht sehen , wie die Kinder mit den weit offenen , glänzenden Augen in das Zimmer treten , wie sie überhaupt auf der Schwelle stehen bleiben , dann entzückt auf den leuchtenden Baum zustürzen , und nun nach und nach mit immer größerem Jubelgeschrei ein Geschenk um das andere entdecken ! - Es macht der Frau kein Vergnügen , zu sehen , wie sie nun bei jedem neuen Stücke den Eltern dankbar in die Arme fliegen , sie herzlich küssen und darauf mit an den Tisch hinziehen , um ihnen dieß oder das zu zeigen ! - - » Also Madame ließ den Baum anzünden ? « fuhr er nach einer Pause und zwar mit großer Ruhe fort , denn sein Herz durchzog ein eisiges Gefühl . » Nun , das Uebrige kann ich mir allenfalls denken . - Aber erzählen Sie , Frau Bendel , erzählen Sie es ganz genau ! « » Also wir zündeten den Baum an , und ich muß schon sagen , die Kinder hatten eine große Freude über Alles , namentlich Oskar sprang in Einem fort herum und war wie ausgelassen . « » Das kann ich mir denken . « » Nun ging ich einen Augenblick hinaus , « fuhr Frau Bendel zögernd fort , » und dort die Nanette blieb bei den Kindern . « » Nein , nein , Frau Bendel , das ist falsch , « entgegnete eifrig das Stubenmädchen , » mir hatte Madame schon vorher geklingelt , ich mußte ihr ja helfen anziehen . « » Ich weiß ganz genau , daß Sie im Zimmer war , « sagte hartnäckig die Kindsfrau , » sonst wär ' ich gewiß nicht hinausgegangen . « » Bei Ihrem Diensteifer gewiß nicht , « versetzte der Doktor mit einer erstaunenswerthen Ruhe ; doch zitterte seine Hand mit dem Stocke und die Krempe seines Hutes drückte er ganz zusammen . - » O ich kenne das ganz genau . Gebt euch deßhalb keine Mühe , die Schuld auf das Andere zu schieben , ich will nur einfach das Faktum wissen ; - - die Thatsache , Frau Bendel , wie es auf deutsch heißt , oder , um mich noch deutlicher auszudrücken , was geschehen ist , nachdem die Kinder allein geblieben bei dem brennenden Baum . Denn daß sie allein geblieben , ist mir schon klar geworden . « » Das ist freilich nicht zu leugnen ; aber gewiß ohne meine Schuld . « » Und ohne die meinige , « sagte schnippisch das Stubenmädchen . » Was geschah ? « rief nun der Doktor ziemlich laut , indem er nach den Armen der Kindsfrau griff , die er wahrscheinlich fest gefaßt hätte , wenn sie nicht zurückgewichen wäre . » Wir waren also noch nicht lange zur Thüre hinaus , « erzählte diese weiter , und versuchte es , einen weinerlichen Ton anzunehmen , » da hörten wir ein großes Geschrei , und als wir nun augenblicklich in ' s Zimmer zurückstürzten , sahen wir , daß der Baum vom Tische herabgefallen war . Oskar hatte gewiß daran gezerrt - « » Der brennende Baum war vom Tische gefallen ? « rief erschrocken der Doktor . - » Und auf die Kinder ? « » Nur mit der Spitze auf Oskar ; aber , bei Gott im Himmel ! Herr Doktor , nicht bedeutend , er hat nur das Haar etwas versengt und das rechte Ohr - « » Er hätte verbrennen können ! « warf entsetzt der Vater dazwischen . - » Und Anna ? « » Sie wollte auf die Seite springen , stolperte über einen Schemel und ritzte sich im Fallen die Haut über dem einen Auge blutig . « » Jetzt wüßten wir die Thatsachen , « meinte wieder mit auffallend ruhigem und stillem Wesen der Doktor . - » Nun wollen wir nachsehen , wie viel ihr verschwiegen habt . « Er legte Hut und Stock auf eine nahestehende Kommode und ging in das anstoßende Zimmer , wo sich die beiden Kinder in ihren Bettchen befanden . Sie hatten sich Beide so sehr auf den heutigen Abend gefreut , sie hatten immer darauf gewartet , der Vater werde kommen , den Weihnachtsbaum anzünden und sie nun wie gewöhnlich in das Zimmer führen . - Und der Vater blieb so lange aus , weßhalb Beide dachten , er hätte sie am heutigen Abend vergessen , denn sie wußten nicht , daß er befohlen , man sollte warten , bis er heim käme . - Und darauf hätten sie so gerne gewartet ! Doch Mama ließ ihnen den Baum anzünden , ohne selbst dabei zu sein , und sie freuten sich auch wohl recht , aber nicht so , wie sonst . - Da wollte Oskar einen Reiter herab nehmen , der an dem Baume hing , und da er ein wenig zu heftig zog , so bekam der Baum , schwer an Zuckerwerk , Nüssen und Lichtern , das Uebergewicht , und statt der Freude mußte Oskar sowie Anna zu Bette gehen und dort viele Schmerzen aushalten ; beide schliefen nicht , sondern warteten auf den Vater . Endlich hörten sie seinen Wagen anfahren , hörten ihn die Treppen herauf springen , dann in ' s Zimmer kommen , und vernahmen , wie Frau Bendel die ganze Geschichte erzählte . - Nun fürchteten sie sich , wagten nicht ein Wort zu sprechen , ja sie schlossen die Augen und so konnte man glauben , sie schliefen . Als sich aber der Vater leise den Bettchen näherte , sich darüber hinbeugte und tief betrübt sagte : » Ihr armen , armen Kinder ! « da fingen sie Beide an heftig zu weinen , streckten ihre Aermchen in die Höhe und riefen wie aus einem Munde : » Oh Papa , Papa , es ist gut , daß du endlich gekommen bist . « » Wir haben so lange auf dich gewartet , « setzte Oskar hinzu . » Und hätten gerne noch länger gewartet mit dem Anzünden des Baumes , « meinte das kleine Mädchen - - » Bis du nach Hause gekommen wärest , lieber Papa , « unterbrach sie der Bruder . » Weißt du , wie gewöhnlich , wenn wir uns unter der Thüre beide Augen zuhalten mußten und du nun zähltest : eins - zwei - drei . Ah ! das war immer so arg schön ! « » So wollen wir es auch wieder machen , « versetzte beruhigend der Vater . » Jetzt müßt ihr aber recht ruhig sein . « » Wann wollen wir es wieder so machen , lieber Papa ? « fragte Oskar . » Vielleicht morgen Abend , mein Kind . Wenn du recht ruhig bist , bringt dir das Christkindlein wohl heute Nacht einen neuen Baum . « » O , das wäre prächtig ! « entgegnete Oskar , und ließ sich nun recht gern in seinem Bettchen aufsetzen , vom Vater den Verband abnehmen und nach seiner Verwundung sehen . Die war nun wohl schmerzhaft gewesen , aber glücklicherweise nicht gefährlich . Der Obermedizinalrath hatte Umschläge von cullatischem Wasser befohlen , und die wurden fortgesetzt . Bei Anna , deren Schramme über dem Auge nicht tief war , legte man einfach kleine Kompreßchen auf , die mit kaltem Wasser angefeuchtet waren . Der Doktor setzte sich zwischen die Betten seiner Kinder und ließ sich erzählen , welche Herrlichkeiten ihnen das Christkind bescheert . Das Meiste aber hatten sie in dem Schrecken und der Verwirrung wieder vergessen und der Vater freute sich darauf , ihnen morgen mit einem anderen Baum , der wohl anzuschaffen sein würde , eine neue Bescheerung zu veranstalten . Und hiezu gab er eine kleine Hoffnung , was sie mit vieler Freude erfüllte . Sie reichten ihm dann zur guten Nacht ihren kleinen rothen Mund , den er herzlichst und innigst küßte , Anna schlang dabei ihr Aermchen um seinen Hals und drückte ihn fest an sich . - » Gute Nacht , lieber , guter Papa , « sagten sie ; und hierauf ging dieser mit leisen Schritten in das Vorzimmer . Frau Bendel und das Stubenmädchen saßen da tief gekränkt im Gefühle ihrer Unschuld ; Beide hatten Recht , wie denn überhaupt die weiblichen Dienstboten bei jeder Veranlassung Recht zu haben pflegen , und Beide machten ihrem Herrn ein grimmiges , unverschämtes Gesicht , wie das so der Brauch ist in dieser verderbten Welt . Der Doktor schien übrigens die unmuthig emporgezogene Nase des Stubenmädchens , sowie die verdrießlich herabhängende Unterlippe der Frau Bendel gar nicht zu bemerken , sondern nahm seinen Hut und Stock und sagte in bestimmtem Tone zu der Kindsfrau : » Feuchten Sie die Umschläge noch einmal an , ehe Oskar und Anna einschlafen , dann lassen Sie die Kinder ruhen . « Hierauf ging er der Thüre zu , blieb aber vor derselben stehen und fragte : » Wo ist meine Frau ? « Da er diese Frage an keine der Beiden schwer Beleidigten speziell richtete , so erhielt er auch keine Antwort , und mußte sie wiederholen ; und zwar richtete er sie nun an das Stubenmädchen . » Madame sind unten bei Oberjustizraths , « antwortete sie kurzweg , » werden aber gleich herauf kommen . « » Zur Vorsorge , daß sie auch gewiß kommt , können Sie ihr sagen , ich sei da , « versetzte der Doktor , worauf er das Zimmer verließ und in den Salon hinüber ging . Die Köchin , die draußen vor der Thüre , scheinbar um zu leuchten , in Wahrheit aber , um » den Spektakel « nicht zu versäumen , gewartet hatte , folgte ihm . Der Doktor befand sich immer noch in seinem Paletot , den er auf der Straße trug , er zog ihn aber , im Zimmer seiner Frau angekommen , sogleich aus ; und als er ihn nun über die Stuhllehne hängte , bemerkte er in der Tasche die beiden Paketchen mit den Sachen , die er für seine Frau gekauft . Er warf sie auf den nebenan stehenden Tisch , dann legte er die Hände auf dem Rücken zusammen und spazierte nachdenkend im Zimmer auf und ab . Sein Zorn war verraucht ; es war nichts übrig geblieben als ein tiefer Schmerz , ein wehmüthiges Gefühl , daß ihm auch dieser Abend , die Freude , die er an demselben zu genießen gehofft , durch die Gleichgültigkeit seiner Frau verdorben worden . Würde er sie bei seinem Eintritt in das Kinderzimmer gesehen haben , so hätte es vornherein eine starke Scene gegeben , denn er war im ersten Augenblicke außer sich . So aber hatte er sich gefaßt , und er wurde kälter und kälter , je länger er in dem Salon auf und ab spazierte . Madame ließ ihn ziemlich lange da spazieren , ehe sie erschien . » Was hilft ' s mich , « dachte er in seiner übergroßen Herzensgüte , » wenn ich ihr jetzt harte oder ernste Worte sage , wenn ich sie frage , warum sie meinen Befehl nicht befolgt und mit dem Anzünden des Baumes nicht gewartet , bis ich nach Hause gekommen ? - Wird sie ihr Unrecht einsehen ? - Gewiß nicht ! Am allerwenigsten , wenn ich es ihr ernstlich vorhalte . Und wenn sie es nicht einsieht , wird sie sich auch nicht bemühen , ihr Leben in so vielen Dingen zu ändern . « » Nein , nein ! sie wird es nicht ändern , « sprach er halblaut vor sich hin , indem er mit der Hand über die Stirne fuhr , » sie wird es nicht ändern , weil sie nie ihr Unrecht einsieht . - Auch ist es ja der heilige Christabend , und da ist es besser , ich lasse Fünfe gerade sein , als daß ich einen Streit mit ihr anfange . - Hoffentlich wird sie mich heute Abend wenigstens mit einem freundlichen Gesicht empfangen , denn ihr Herz muß ihr doch sagen , daß sie schwer gefehlt , wenn sie das auch mir nicht eingestehen will . - Ach ja , sie wird zuvorkommend , vielleicht herzlich sein . - - Aber sie könnte jetzt ihren Besuch da drunten abbrechen , « fuhr er nach einer längeren Pause fort , » sie muß doch lange wissen , daß ich da bin . « - Bald darauf hörte man Schritte auf der Treppe , die Glasthüre wurde geöffnet , dann die Salonthüre , und Madame trat herein . Ob sie ihren Gemahl mit einem Kopfnicken begrüßte , sind wir nicht im Stande , genau anzugeben ; daß sie aber sein freundliches » Guten Abend « mit keiner Silbe erwiderte , darauf können wir schwören . Sie drückte die Thüre etwas stark hinter sich in ' s Schloß , ging langsam in die Mitte des Zimmers , wo der Tisch stand , stützte ihre Hand darauf und sagte ziemlich laut : » Da bin ich denn . - Was soll es schon wieder ? « Wir müssen gestehen , daß der Doktor durch den Anblick seiner Frau sehr unangenehm überrascht war ; von dem freundlichen Gesicht , das er zu sehen gehofft , war keine Spur zu bemerken , sie stand da , den Kopf ziemlich erhoben , mit den Augen zwinkend , und nagte an der Unterlippe , was Alles bei ihr ein Zeichen schlechter Laune war . » Das ist eine seltsame Frage von dir , « entgegnete er . - » Was du hier sollst , wenn dein Mann nach Hause kommt ? - In der That seltsam für jeden Abend , aber doppelt seltsam für ein Fest wie das heutige . Da meine ich denn doch , es verstände sich von selbst , daß du , wenn du nicht auf deinem Zimmer bist und ich dich rufen lasse , freundlich kommen und mir einen guten Abend bieten könntest . « Madame warf den Kopf auf die Seite und gab keine Antwort . Der Doktor rieb sich die Stirne , denn er fühlte , wie ihm das Blut zu Kopfe stieg . - » Ich an deiner Stelle , « fuhr er nach einer kleinen Pause fort , » hätte überhaupt am heutigen Abend meine Wohnung nicht verlassen , und das aus zweierlei Gründen : erstens , um nach meinen Kindern zu sehen , die ja krank zu Bette liegen , und zweitens , um mir , deinem Manne , sogleich sagen zu können , auf welche Art die Kinder , die heute Mittag noch so frisch und munter waren , von dem Unfälle betroffen waren . « » Und dabei wohl um Verzeihung bitten ? « fragte sie mit einem bittern Lächeln . » Wenn du etwas Unrechtes gethan hast , allerdings . « versetzte er . » Und wenn du irgendwie gegen meine Befehle gehandelt , so würde es durchaus für dich keine Schande sein , wenn du ein Wort der Entschuldigung hören ließest . « » Es ist leicht gegen deine Befehle handeln , « antwortete die Frau , » denn du befiehlst den ganzen Tag , bald dies , bald das , bald rechts , bald links , bald so , bald so . Und diese Befehle kreuzen sich so hin und her , daß es sehr verzeihlich ist , wenn man täglich ein halbes Dutzend vergißt . « » Gott sei Dank ! « dachte der Doktor , » sie antwortet doch wenigstens . Also wird die Scene nicht so schlimm werden . « » Deinen Befehl für den heutigen Abend , auf den du anspielst , « fuhr sie fort , » hatte ich übrigens keine Lust zu befolgen ; ich sehe gar nicht ein , weßhalb ich immer warten soll , bis es dir einmal gefällt , nach Hause zu kommen . « » Bis es mir einmal gefällt , nach Hause zu kommen ? « entgegnete schmerzhaft berührt der Doktor . » Du hast sehr Unrecht , das zu sagen , da du wohl weißt , daß ich nicht Herr meiner Zeit bin . « » Ich will mit dir nicht streiten ! « sagte sie wegwerfend , » da komme ich doch zu kurz . Aber heute machte es mir nun einmal Spaß , sobald es dunkel wurde , den Kindern ihren Weihnachtsbaum anzünden zu lassen , weil es alle vernünftigen Leute gerade so machten . - Ist das denn ein fürchterliches Unrecht ? « » Ja , « sprach er fest und ruhig , aber ohne Zorn , während er sich gleichfalls dem Tische näherte und ihr gegenüber trat . » Und gerade in dem Anzünden lassen liegt ein doppeltes Unrecht ; hätten die armen Kinder dich gebeten , ihnen doch jetzt schon die Freude zu machen , hätte dein Mutterherz diesen zärtlichen Bitten nicht mehr widerstehen und du nicht mehr erwarten können , bis die Kinder dir jubelnd in die Arme sprangen mit herzlichem Danke , so wäre es dir zu verzeihen , daß du meinen Wunsch , meinen Befehl nicht beachtet . - Aber da es dir , - auf deinem Fauteuil , « fuhr er heftiger fort , » vollkommen gleichgültig sein konnte , ob die Kinder jetzt oder später ihren Weihnachtsbaum erhielten , - denn du sahst nicht ihr Entzücken , ihre kindliche Freude , - so hättest du das , was ich angeordnet , respektiren sollen und mir dadurch neuen Verdruß und den Kindern den Unglücksfall ersparen können . « - » Ja , ja , es ist schon recht , « entgegnete sie und wandte dabei den Kopf ab ; » es kann in diesem Hause kein Tag ohne Streitigkeiten vergehen , und wenn nichts mehr da liegt , so suchst du etwas von weiter herbei . « » Ich suche was herbei ! « sprach er im Tone des Vorwurfs . » Was weiß ich , was dir am Tage Unangenehmes passirt ist ; aber Alles , worüber du draußen deinen Zorn nicht auslassen kannst , das müssen wir hier entgelten , namentlich ich . - Ah , es ist am Ende sehr leicht , verdrießlich nach Hause zu kommen und alsdann ohne alle Ursache Scenen absichtlich herbeizuführen . « » Scenen absichtlich herbeiführen ! « versetzte er mit zornigem Lachen ; » und das ohne alle Ursache ! - Sage mir , Frau , woher nimmst du die Stirne , um mir nach Dem , was vorgefallen , solche Dinge in ' s Gesicht hinein sagen zu können . - Scenen absichtlich herbeiführen ! Ich war ruhig wie ein Engel , als du in ' s Zimmer herein tratst , - ich hatte mir auch vorgenommen , es zu bleiben , nicht weil es auf dich einen Eindruck machen würde , sondern hauptsächlich , weil es der heilige Abend ist , - einer unserer höchsten Festtage . - Hahaha ! ein schöner Festtag für mich ! - Nun also , ich wollte ruhig bleiben , und ich wäre es , bei Gott im Himmel ! auch geblieben , wenn du - du , im Bewußtsein deines Fehlers gegen mich , es nur der Mühe werth gefunden hättest , ein Wort der Entschuldigung fallen zu lassen . - O nicht einmal das ! - Ein Wort der Entschuldigung ? - So viel verlangt man nicht von dir ; nein , nein ! nur ein freundliches Gesicht hättest du mich sollen sehen lassen , mir nur die Hand entgegen strecken und zu mir sagen : ah ! da bist du ja ; ich freue mich . - Dann hätte ich dir in meinem Herzen gedankt , und wenn du mir den Unfall von dahinten erzählt hättest , « - damit streckte er die Hand aus , - » so hätte ich dir liebreich gesagt : laß uns das eine Lehre sein , mein Kind , daß Eins des Andern Wünsche , wo es thunlich ist , erfüllt . « » Also eine Lehre hätte es doch gegeben ! - Nun , das habe ich mir gedacht . « » Aber du willst keinen Frieden ! « rief der Doktor laut , indem er vor Zorn zitterte , » du selbst willst nichts von Ruhe , und gönnst auch mir keine . - Nun wohlan denn , mir kann es recht sein ; aber jetzt , da du mich auch wieder aus meinem stillen Frieden hinaus gejagt hast , so sollst du wenigstens hören , wie tief du mich verletzt . - Gott da oben weiß es , wie sehr ich mich den ganzen ermüdenden Tag über auf den heutigen Abend gefreut , auf meine Kinder und ihre Glückseligkeit , auf ein stilles Beisammensitzen mit euch . - Und nun ist Alles , Alles wieder dahin ! « » Im Gegentheil , « erwiderte Madame , indem sie ihrem Manne recht dreist in die Augen sah , » jetzt erst hast du erreicht , was du gewünscht : du darfst nach Herzenslust schimpfen und toben . « » Ja , und das will ich ! « schrie nun der arme Doktor im höchsten Zorne . Und so leid es uns thut , können wir bei unserer Wahrheitsliebe dem geneigten Leser nichts verschweigen : er schlug dabei so heftig auf den Tisch , daß einige Flaschen und Gläser , die dort standen , in die Höhe fuhren . Die Doktorin wich mit einem bösen Blick einen halben Schritt zurück , warf sich aber drohend in Positur und öffnete ihre Augen so weit als möglich . » So höre denn auch mein Toben , « fuhr er fort . » Wenn du eine Frau von Erziehung und Gefühl wärest , - o Gott ! wenn du nur allein ein fühlendes Herz hättest , so würdest du begreifen , wie sich ein Vater das ganze Jahr darauf freuen kann , am Weihnachtsabend seinen lieben Kindern die Bescheerung selbst zu veranstalten ; da würdest du fühlen , daß die ganze Seligkeit dieses Gebens in dem Momente liegt , wo die armen kleinen Kinder dastehen , überrascht und sprachlos vor Entzücken . - Den Moment hast du mir leichtsinnig ge - - nommen . - Und hast du vielleicht für dich selbst diesen Raub an meinem Herzen begangen ? - O , das wäre verzeihlich ! - Aber nein ! - nein ! - nein ! Du stahlst mir diese kostbare Stunde , um sie in höchster Gleichgültigkeit fremden Leuten hinzuwerfen , die sie doch nicht zu würdigen verstehen . « Madame nagte heftig an ihrer Unterlippe , zwinkerte auch etwas stärker als gewöhnlich mit den Augen , sonst aber ließ sich auf ihrem leidenschaftslosen Gesichte keine Spur irgend einer Aufregung ersehen , ja sie lächelte sogar , als sie sagte : » Dein Humor von heute Abend übertrifft sich . Du sprichst von Bildung und Gefühl , und wirfst deiner Frau vor , sie raube und stehle . « Der Doktor zuckte heftig zusammen , denn das war eins ihrer gewöhnlichen Manöver , daß sie irgend ein Wort aus dem Zusammenhange oder dem Sinn des Ganzen heraus riß und ihm nun hartnäckig vorwarf . » Also ich raube und stehle ? « wiederholte sie . » Schön ! das habe ich noch nicht gewußt . « » Eine kostbare Stunde hast du mir heute Abend wieder geraubt , wie schon früher unzählige , habe ich gesagt und sage es wieder , « entgegnete der Doktor , indem er die geballte Faust auf den Tisch stützte und ihr , sich vorn überbeugend , fest in die Augen sah . - » Nur in der Beziehung , sprach ich dieses Wort ; ich bitte - Frau - daß du die Gnade haben mögest , mich zu verstehen , mir nicht den Sinn meiner Worte zu verdrehen und mich jetzt einmal ohne Einwendung anzuhören , bis ich zu Ende bin . « » Wenn die Scene noch lange andauern soll , « erwiderte sie , » so wirst du mir vielleicht erlauben , daß ich mich einen Augenblick niedersetze , denn ich kann das sitzend ebenso gut wie stehend genießen . « Damit wollte sie sich vom Tische entfernen , doch faßte der Doktor in höchster Wuth nach ihrem Handgelenke , nahm es fest zwischen seine Finger und hielt sie auf diese Art zurück . » Nein , « sagte er und seine Augen sprühten Blitze , » du sollst mich stehend anhören , denn meine Rede soll deine Strafe sein , und Strafen empfängt man nicht im weichen Fauteuil - Madame ! - Wenn überhaupt nicht das Sitzen deine Leidenschaft wäre , so stände es anders um mein Haus , um mich und die Kinder . Aber was kann man von den Dienstboten verlangen , wo Madame zu - faul ist , - ja , ich habe es gesagt , - um sich auch nur im Geringsten ihres Hauswesens anzunehmen ! Der Beweis ist der heutige Abend . Ist es nicht Faulheit und Gleichgiltigkeit , - von mangelndem Gefühl will ich gar nicht mehr reden , - daß sich Madame am heutigen Abend den Teufel um ihre Kinder bekümmert , sie fremden Leuten überläßt ? - Fremden Leuten , die so wenig überwacht sind , daß sie sich ihrerseits ebenfalls unterstehen , die armen Geschöpfe ohne Aufsicht zu lassen , so daß nur der Schutz des guten Gottes daran schuld ist , daß nicht Brandunglück und Tod in meinem Haus eingekehrt sind . « Bei diesen letzten Worten ließ er ihre Hand los und faltete seine Arme auf der Brust , wobei er tief Athem schöpfte und die Frau mit einem festen Blicke ansah . Madame war vorhin ein klein wenig erbleicht , doch faßte sie sich bald wieder , und als sich von ihrem Handgelenke die umklammernden Finger ihres Gatten gelöst , blickte sie die Röthe , die durch diesen Druck entstanden , einen Augenblick mit verächtlich aufgeworfenem Munde an , dann sagte sie achselzuckend : » Natürlicherweise , so muß man mich behandeln ! Ich verdiene das , denn was kann Jemand , der raubt und stiehlt , und der an Brandunglück und Tod im eigenen Hause schuld ist , anders verlangen ? - Aber ich habe diese Scenen satt , « fuhr sie nach einer Pause fort , » vollkommen satt und ertrage sie nicht länger . - Ich sehe wohl , daß ich anfange hier überflüssig zu werden , und machen kann , was ich will , ohne daß ich im Stande bin , Streit , Zank - alles Mögliche zu verhüten . - Auch bin ich zu stolz , irgendwo geduldet zu sein ; meine Rechte als Hausfrau scheint man hier nicht anerkennen zu wollen , indem man mich wie eine Magd behandelt . Das will ich ändern und deßhalb heute noch zu meiner Mutter hinaus , um mich mit ihr zu besprechen , wie diese Sache auf die schicklichste Art und zur Zufriedenheit beider Theile geändert werden kann . « - Sie warf den Kopf in die Höhe und stemmte die rechte Hand fest auf den Tisch . Dann schloß sie nach einer kleinen Pause : » Ich werde hoffentlich die Erlaubniß erhalten , über diesen Gegenstand mit meiner Mutter sprechen zu dürfen ? « - Sie wartete einen kleinen Augenblick auf Antwort , dann wandte sie sich um und eilte zum Zimmer hinaus , wobei ihr Fuß hart auftrat und ihr Kleid aus schwerem Seidenstoffe heftig rauschte . Draußen auf dem Gange stoben die drei dienstbaren Geister , die Köchin , die Kindsfrau und das Stubenmädchen , eilfertig auseinander und von der Thüre weg , als sie vernahmen , daß diese geöffnet wurde . Sie hatten es in ihrer Diensttreue für nothwendig gehalten , kein Wort von der kostbaren Scene im Salon zu verlieren , und die Dame der Küche ließ aus diesem wichtigen Grunde die Suppe verbrennen , Nanette vergaß ihre Stickerei , und Frau Bendel konnte es nicht sehen , daß Anna sich in ihrem Bettchen aufgerichtet hatte und sehnsüchtig nach der Wärterin rief , weil sie die Wunde am Kopfe wieder schmerzte . Es ist schade , daß wir in diese wahrhaftige Geschichte keine Spukgestalten hinein bringen können , denn sonst würden wir , gewiß zum großen Vergnügen des geneigten Lesers , hier einen Prügelgeist erfinden , der unsichtbar hinter den Zuhörern auf dem Gange stände , um im geeigneten Momente eine Legion unsichtbarer , aber sehr kräftiger Ohrfeigen loszulassen . - O , wenn es nur solche Prügelgeister gäbe ! Der Doktor war an dem Tische stehen geblieben und hatte seiner Frau nachgeblickt , bis sich die Thüre hinter ihr geschlossen , dann ließ er die Arme sinken , seufzte aus tiefem Herzensgrunde und sagte : » Sie mag thun , was sie verantworten kann , ich will sie nicht zurückhalten . « Hierauf nahm