Ruhebank gedient , auf welcher der Schulmeister zu lesen und seine Tochter als Kind zu spielen pflegte . Es zeigte sich nun , daß die obere schlankere Hälfte des Baumes den schmalen Totenschrein Annas abgeben könne , ohne den zukünftigen Sarg des Vaters zu beeinträchtigen ; die wohlgetrockneten Bretter wurden abgehoben und eines nach dem andern entzweigesägt . Der Schulmeister vermochte aber nicht lange dabeizusein , und selbst die Frauen im Hause klagten über den Ton der Säge . Der Schreiner und ich trugen daher die Bretter und das Werkzeug in den leichten Nachen und fuhren an eine entlegene Stelle des Ufers , wo das Flüßchen aus dem Gehölze hervortritt und in den See mündet . Junge Buchen bilden dort am Wasser eine lichte Vorhalle , und indem der Schreiner einige der Bretter mittelst Schraubzwingen an den Stämmchen befestigte , stellte er eine zweckmäßige Hobelbank her , über welcher die goldenen Laubkronen der Buchen sich wölbten . Zuerst mußte der Boden des Sarges zusammengefügt und geleimt werden . Ich machte aus den ersten Hobelspänen und aus Reisig ein Feuer und setzte die Leimpfanne darauf , in welche ich mit der Hand aus dem Bache Wasser träufelte , indessen der Schreiner rüstig darauf lossägte und - hobelte . Während die gerollten Späne sich mit dem fallenden Laube vermischten und die Bretter weiß wurden , machte ich die nähere Bekanntschaft des jungen Gesellen . Es war ein Norddeutscher von der fernsten Ostsee , groß und schlank gewachsen , mit kühnen und schön geschnittenen Gesichtszügen , hellblauen , aber feurigen Augen und mit starkem goldenem Haar , welches man immer über die freie Stirn zurückgestrichen und hinten in einen Schopf gebunden zu sehen glaubte , so urgermanisch sah er aus . Seine Bewegungen bei der Arbeit waren elegant , und dabei hatte sein Wesen doch etwas Kindliches . Wir wurden bald vertraut , und er erzählte mir von seiner Heimat , von den alten Städten im Norden , vom Meere und von der mächtigen Hansa . Wohlunterrichtet , erzählte er mir von der Vergangenheit , den Sitten und Gebräuchen jener Seeküsten ; ich sah den langen und hartnäckigen Kampf der Städte mit den Seeräubern , den Vitalienbrüdern , und wie Klaus Sturzenbecher mit vielen Gesellen von den Hamburgern geköpft wurde ; dann sah ich wieder , wie am ersten Mai aus den Toren von Stralsund der jüngste Ratsherr mit einem glänzenden Jugendgefolge im Waffenschmuck zog und in den prächtigen Buchenwäldern zum Maigrafen gekrönt wurde mit einer grünen Laubkrone und wie er abends mit einer schönen Maigräfin tanzte . Auch beschrieb er die Wohnungen und Trachten nordischer Bauern , von den Hinterpommern bis zu den tüchtigen Friesen , bei welchen noch Spuren männlichen Freiheitsinnes zu finden ; ich sah ihre Hochzeiten und Leichenbegängnisse , bis der Geselle endlich auch von der Freiheit deutscher Nation redete und wie bald die stattliche Republik eingeführt werden müßte . Ich schnitzte unterdessen nach seiner Anleitung eine Anzahl hölzerner Nägel , er aber führte schon mit dem Doppelhobel die letzten Stöße über die Bretter , feine Späne lösten sich gleich zarten glänzenden Seidenbändern und mit einem hell singenden Tone , welcher unter den Bäumen ein seltsames Lied war . Die Herbstsonne schien warm und lieblich drein , glänzte frei auf dem Wasser und verlor sich im blauen Duft der Waldnacht , an deren Eingang wir uns angesiedelt . Jetzt baueten wir die glatten weißen Bretter zusammen , die Hammerschläge hallten wider durch den Wald , daß die Vögel überrascht aufflogen und die Schwalben erschreckt über den Seespiegel streiften , und bald stand der fertige Sarg in seiner Einfachheit vor uns , schlank und ebenmäßig , der Deckel schön gewölbt . Der Schreiner hobelte mit wenigen Zügen eine schmale zierliche Hohlkehle um die Kanten , und ich sah verwundert , wie die zarten Linien sich spielend dem weichen Holze eindrückten ; dann zog er zwei schöne Stücke Bimsstein hervor und rieb sie aneinander , indem er sie über den Sarg hielt und das weiße Pulver über denselben verbreitete ; ich mußte lachen , als er die Stücke geradeso gewandt und anmutig handhabte und abklopfte , wie ich bei meiner Mutter gesehen , wenn sie zwei Zuckerschollen über einem Kuchen rieb . Als er aber den Sarg vollends mit dem Steine abschliff , wurde derselbe so weiß wie Schnee , und kaum der leiseste rötliche Hauch des Tannenholzes schimmerte noch durch , wie bei einer Apfelblüte . Er sah so weit schöner und edler aus , als wenn er gemalt , vergoldet oder gar mit Erz beschlagen gewesen wäre . Am Haupte hatte der Schreiner der Sitte gemäß eine Öffnung mit einem Schieber angebracht , durch welche man das Gesicht sehen konnte , bis der Sarg versenkt wurde ; es galt nun noch eine Glasscheibe einzusetzen , welche man vergessen , und ich fuhr nach dem Hause , um eine solche zu holen . Ich wußte schon , daß auf einem Schranke ein alter kleiner Rahmen lag , aus welchem das Bild lange verschwunden . Ich nahm das vergessene Glas , legte es vorsichtig in den Nachen und fuhr zurück . Der Geselle streifte ein wenig im Gehölze umher und suchte Haselnüsse ; ich probierte indessen die Scheibe , und als ich fand , daß sie genau in die Öffnung paßte , tauchte ich sie , da sie ganz bestaubt und verdunkelt war , in den klaren Bach und wusch sie sorgfältig , ohne sie an den Steinen zu zerbrechen . Dann hob ich sie empor und ließ das lautere Wasser ablaufen , und indem ich das glänzende Glas hoch gegen die Sonne hielt und durch dasselbe schaute , erblickte ich das lieblichste Wunder , das ich je gesehen . Ich sah nämlich drei reizende , musizierende Engelknaben ; der mittlere hielt ein Notenblatt und sang , die beiden anderen spielten auf altertümlichen Geigen , und alle schaueten freudig und andachtsvoll nach oben ; aber die Erscheinung war so lustig und zart durchsichtig , daß ich nicht wußte , ob sie auf den Sonnenstrahlen , im Glase oder nur in meiner Phantasie schwebte . Wenn ich die Scheibe bewegte , so verschwanden die Engel auf Augenblicke , bis ich sie plötzlich mit einer anderen Wendung wieder entdeckte . Ich habe seither erfahren , daß Kupferstiche oder Zeichnungen , welche lange , lange Jahre hinter einem Glase ungestört liegen , während der dunklen Nächte dieser Jahre sich dem Glase mitteilen und gleichsam ihr dauerndes Spiegelbild in demselben zurücklassen . Ich ahnte jetzt auch etwas dergleichen , als ich die fromme Schraffierung altdeutscher Kupferstecherei und in dem Bilde die Art van Eyckscher Engel entdeckte . Eine Schrift war nicht zu sehen und also das Blatt vielleicht ein seltener Probedruck gewesen , der in diese Täler auf ebenso wunderbare Weise gekommen , als er wieder verschwunden war . Jetzt aber war mir die kostbare Scheibe die schönste Gabe , welche ich in den Sarg legen konnte , und ich befestigte sie selbst an dem Deckel , ohne jemandem etwas von dem Geheimnis zu sagen . Der Deutsche kam wieder herbei ; wir suchten die feinsten Hobelspäne , unter welche sich manches gefallene Laub mischte , zusammen und breiteten sie zum letzten Bett in den Sarg ; dann schlossen wir ihn zu , trugen ihn in den Kahn und schifften mit dem weithin scheinenden weißen Gerät über den glänzenden stillen See , und die Frauen mit dem Schulmeister brachen in lautes Weinen aus , als sie uns heranfahren und landen sahen . Am folgenden Tage wurde die Ärmste in den Sarg gelegt , von allen Blumen umgeben , welche in Haus und Garten augenblicklich blüheten ; aber auf die Wölbung des Sarges wurde ein schwerer Kranz von Myrtenzweigen und weißen Rosen gelegt , welchen die Jungfrauen aus der Kirchgemeinde brachten , und außerdem noch so viele einzelne Sträuße weißer duftender Blüten aller Art , daß die ganze Oberfläche davon bedeckt wurde und nur die Glasscheibe frei blieb , durch welche man das weiße zarte Gesicht der Leiche sah . Das Begräbnis sollte vom Hause des Oheims aus stattfinden , und zu diesem Ende hin mußte Anna erst über den Berg getragen werden . Es erschienen daher eine Anzahl Jünglinge aus dem Dorfe , welche die Bahre abwechselnd auf ihre Schultern nahmen , und unser kleines Gefolge der nächsten Angehörigen begleitete den Zug . Auf der sonnigen Höhe des Berges wurde ein kurzer Halt gemacht und die Bahre auf die Erde gesetzt . Es war so schön hier oben ! Der Blick schweifte über die umliegenden Täler bis in die blauen Berge , das Land lag in glänzender Farbenpracht rings um uns . Die vier kräftigen Jünglinge , welche die Bahre zuletzt getragen , saßen ruhend auf den Tragewangen derselben , die Häupter auf ihre Hände gestützt , und schaueten schweigend in alle vier Weltgegenden hinaus . Hoch am blauen Himmel zogen leuchtende weiße Wolken und schienen über dem Blumensarge einen Augenblick stillzustehen und neugierig durch das Fensterchen zu gucken , welches fast schalkhaft zwischen den Myrten und Rosen hervorfunkelte im Widerscheine der Wolken . Wir saßen , wie es sich traf , umher , und selbst mich rührte jetzt eine große Traurigkeit , so daß mir einige Tränen entfielen , als ich bedachte , daß Anna nun zum letzten Mal und tot über diesen schönen Berg gehe . Als wir ins Dorf hinuntergestiegen , läutete die Totenglocke zum ersten Mal ; Kinder begleiteten uns in Scharen bis zum Hause , wo man den Sarg unter die Nußbäume vor die Tür hinstellte . Wehmütig gewährten die Verwandten der Toten das Gastrecht bei dieser letzten Einkehr ; es waren nun kaum anderthalb Jahre vergangen , seit jener fröhliche Festzug der Hirten sich unter diesen selben Bäumen bewegte und mit bewundernder Lust Annas damalige Erscheinung begrüßte . Bald war der Platz voll Menschen , welche sich herandrängten , um der Seligen zum letzten Mal ins Angesicht zu schauen . Nun ging der Leichenzug vor sich , welcher außerordentlich groß war ; der Schulmeister , welcher dicht hinter dem Sarge ging , schluchzte fortwährend wie ein Kind . Ich bereute jetzt , keinen schwarzen ehrbaren Anzug zu besitzen , denn ich ging unter meinen schwarzgekleideten Vettern in meinem grünen Habit wie ein fremder Heide . Die Kirche war ganz mit Leuten angefüllt , obgleich es im Felde viel zu tun gab . Nachdem die Gemeinde den gewohnten Gottesdienst beendigt und mit einem Choral beschlossen , scharte man sich draußen um das Grab , wo die ganze Jugend , außergewöhnlicherweise , einige sorgfältig eingeübte Figuralgesänge mit heller und reiner Stimme sang . Ich hatte mich dicht an den Rand des Grabes gestellt , während die übrigen Verwandten mit dem leidvollen Vater in der Kirche blieben . Jetzt ward der Sarg hinabgelassen ; der Totengräber reichte den Kranz und die Blumen herauf , daß man sie aufbewahre , und der arme Sarg stand nun blank in der feuchten Tiefe . Der Gesang dauerte fort , aber alle Frauen schluchzten . Der letzte Sonnenstrahl leuchtete nun durch die Glasscheibe in das bleiche Gesicht , das darunter lag ; das Gefühl , das ich jetzt empfand , war so seltsam , daß ich es nicht anders als mit dem fremden hochtrabenden und kalten Worte » objektiv « benennen kann , welches die deutsche Ästhetik erfunden hat . Ich glaube , die Glasscheibe tat es mir an , daß ich das Gut , was sie verschloß , gleich einem in Glas und Rahmen gefaßten Teil meiner Erfahrung , meines Lebens , in gehobener und feierlicher Stimmung , aber in vollkommener Ruhe begraben sah ; noch heute weiß ich nicht , war es Stärke oder Schwäche , daß ich dies tragische und feierliche Ereignis viel eher genoß als erduldete und mich beinahe des nun ernst werdenden Wechsels des Lebens freute . Der Schieber wurde zugetan , der Totengräber und sein Gehilfe stiegen herauf , und bald war der braune Hügel aufgebaut . Judith ließ sich nicht sehen am Grabe ; in einem demütigen und entsagenden Gefühle der Fremdheit hielt sie sich in ihrem Hause verschlossen . Am andern Tage , als der Schulmeister zu erkennen gab , daß er nun seinen Schmerz in der Einsamkeit allein mit seinem Gott überwinden wolle , schickte ich mich an , mit der Mutter nach der Stadt zurückzukehren . Vorher ging ich zur Judith und fand sie beschäftigt , ihre Bäume zu mustern , da die Zeit wieder gekommen war , wo man das Obst einsammelte . Der Herbstnebel traf gerade heute zum ersten Mal ein und verschleierte schon den Baumgarten mit seinem silbernen Gewebe . Judith war ernst und etwas verlegen , als sie mich sah , da sie nicht recht wußte , wie sie sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte , während sie doch schon die Zeit vor sich sah , wo ich mich wenigstens so lange ihr ohne Rückhalt hingeben konnte , bis das Leben mich weiterführte . Ich sagte aber ernsthaft , ich wäre gekommen , um Abschied von ihr zu nehmen , und zwar für immer ; denn ich könnte sie nun nie wiedersehen . Sie erschrak und rief lächelnd , das werde nicht so unwiderruflich feststehen ; sie war bei diesem Lächeln so erbleicht und doch so freundlich , daß dieser Zauber mich beinahe umkehrte , wie man einen Handschuh umkehrt . Doch ich bezwang mich und fuhr fort daß es ferner nicht so gehen könne , daß ich Anna von Kindheit auf gern gehabt , daß sie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert gewesen sei . Treue und Glauben müßten aber in der Welt sein , an etwas Sicheres müßte man sich halten , und ich betrachte es nicht nur für meine Pflicht , sondern auch als ein schönes Glück , in dem Andenken der Verstorbenen , im Hinblick auf unsere gemeinsame Unsterblichkeit , einen so klaren und lieblichen Stern für das ganze Leben zu haben , nach dem sich alle meine Handlungen richten könnten . Als Judith diese Worte hörte , erschrak sie noch mehr und wurde zugleich schmerzlich berührt . Es waren wieder von den Worten , von denen sie behauptete , daß niemals jemand zu ihr welche gesagt habe . Heftig ging sie unter den Bäumen umher und sagte dann » Ich habe geglaubt , daß du mich wenigstens auch etwas liebtest ! « » Gerade deswegen « , erwiderte ich , » weil ich wohl fühle , daß ich heftig an dir hange , muß ein Ende gemacht werden ! « » Nein , gerade deswegen mußt du erst anfangen , mich recht und ganz zu lieben ! « » Das wäre eine schöne Wirtschaft ! « rief ich , » was soll dann aus Anna werden ? « » Anna ist tot ! « » Nein ! Sie ist nicht tot , ich werde sie wiedersehen , und ich kann doch nicht einen ganzen Harem von Frauen für die Ewigkeit ansammeln ! « Bitter lachend stand Judith vor mir still und sagte : » Das wäre allerdings komisch ! Aber wissen wir denn , ob es eigentlich eine Ewigkeit gibt ? « » So oder so « , erwiderte ich , » gibt es eine , und wenn es nur diejenige des Gedankens und der Wahrheit wäre ! Ja , wenn das tote Mädchen für immer in das Nichts hingeschwunden und sich gänzlich aufgelöst hätte , bis auf den Namen , so wäre dies erst ein rechter Grund , der armen Abwesenden Treue und Glauben zu halten ! Ich habe es gelobt , und nichts soll mich in meinem Vorsatz wankend machen ! « » Nichts ! « rief Judith , » o du närrischer Gesell ! Willst du in ein Kloster gehen ? Du siehst mir darnach aus ! Aber wir wollen über diese heikle Sache nicht ferner streiten ; ich habe nicht gewünscht , daß du nach der traurigen Begebenheit sogleich zu mir kommest , und habe dich nicht erwartet . Geh nach der Stadt und halte dich ein halbes Jahr still und ruhig , und dann wirst du schon sehen , was sich ferner begeben wird ! « » Ich seh es jetzt schon « , erwiderte ich , » du wirst mich nie wieder sehen und sprechen , dies schwöre ich hiemit bei Gott und allem , was heilig ist , bei dem bessern Teil meiner selbst und - « » Halt inne ! « rief Judith ängstlich und legte mir die Hand auf den Mund ; » du würdest es sicher noch einmal bereuen , dir selbst eine so grausame Schlinge gelegt zu haben ! Welche Teufelei steckt in den Köpfen dieser Menschen ! Und dazu behaupten sie und machen sich selber weis , daß sie nach ihrem Herzen handeln . Fühlst du denn gar nicht , daß ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann , zu lieben , wo es geliebt wird , wenn es dies kann ? Du kannst es und tust es heimlich doch , und somit wäre alles in der Ordnung ! Sobald du mich nicht mehr leiden magst , sobald die Jahre uns sonst auseinanderführen , sollst du mich ganz und für immer verlassen und vergessen , ich will dies über mich nehmen ; aber nur jetzt verlaß mich und zwinge dich nicht , mich zu verlassen , dies allein tut mir weh , und es würde mich wahrhaft unglücklich machen , allein um unserer Dummheit willen nicht einmal ein oder zwei Jahre noch glücklich sein zu dürfen ! « » Diese zwei Jahre « , sagte ich , » müssen und werden auch so vorübergehen , und gerade dann werden wir beide glücklicher sein , wenn wir jetzt scheiden ; es ist nun gerade noch die höchste Zeit , es , ohne spätere Reue und das Bisherige gutzumachen , zu tun . Und wenn ich dir es deutsch heraussagen soll , so wisse , daß ich mir auch dein Andenken , was immer ein Andenken der Verirrung für mich sein wird , doch noch so rein und schön als möglich retten und erhalten möchte , und das kann nur noch durch ein rasches Scheiden in diesem Augenblicke geschehen . Du sagst und beklagst es , daß du nie teilgehabt an der edleren und höheren Hälfte der Liebe ! Welche bessere Gelegenheit kannst du ergreifen , als wenn du aus Liebe zu mir mir freiwillig erleichterst , deiner mit Achtung und Liebe zu gedenken und zugleich der Verstorbenen treu zu sein ? Wirst du dich dadurch nicht an jener tieferen Art der Liebe beteiligen ? « » Oh , alles Luft und Schall ! « rief Judith , » ich habe nichts gesagt , ich will nichts gesagt haben ! Ich will nicht deine Achtung , ich will dich selbst haben , solange ich kann ! « Sie suchte meine beiden Hände zu fassen , ergriff dieselben , und während ich sie ihr vergeblich zu entziehen mich bemühte , indes sie mir ganz flehentlich in die Augen sah , fuhr sie nicht leidenschaftlichem Tone fort : » O liebster Heinrich ! Geh nach der Stadt , aber versprich mir , dich nicht selbst zu binden und zu zwingen durch solche schreckliche Schwüre und Gelübde ! Laß dich - « Ich wollte sie unterbrechen , aber sie verhinderte mich am Reden und überflügelte mich : » Laß es gehen , wie es will , sag ich dir ! Auch an mich darfst du dich nicht binden , du sollst frei sein wie der Wind ! Gefällt es dir - « Aber ich ließ Judith nicht ausreden , sondern riß mich los und rief : » Nie werd ich dich wiedersehen , so gewiß ich ehrlich zu bleiben hoffe ! Judith ! leb wohl ! « Ich eilte davon , sah mich aber noch einmal um , wie von einer starken Gewalt gezwungen , und sah sie in ihrer Rede unterbrochen dastehen , die Hände noch ausgestreckt von dem Losreißen der meinigen und überrascht , kummervoll und beleidigt zugleich mir nachschauend , ohne ein Wort hervorzubringen , bis mir der von der Sonne durchwirkte Nebel ihr Bild verschleierte . Eine Stunde später saß ich mit meiner Mutter auf einem Gefährt , und einer der Söhne meines Oheims führte uns nach der Stadt . Ich blieb den ganzen Winter allein und ohne allen Umgang ; meine Mappen und mein Handwerkszeug mochte ich kaum ansehen , da es mich immer an den unglücklichen Römer erinnerte und ich mir kaum ein Recht zu haben schien , das , was er mich gelehrt , fortzubilden und anzuwenden . Manchmal machte ich den Versuch , eine neue und eigene Art zu erfinden , wobei sich aber sogleich herausstellte , daß ich selbst das Urteil und die Mittel , die ich dazu verwandte , nur Römern verdankte . Dagegen las ich fort und fort , vom Morgen bis zum Abend und tief in die Nacht hinein . Ich las immer deutsche Bücher und auf die seltsamste Weise . Jeden Abend nahm ich mir vor , den nächsten Morgen , und jeden Morgen , den nächsten Mittag die Bücher beiseite zu werfen und an meine Arbeit zu gehen ; selbst von Stunde zu Stunde setzte ich den Termin ; aber die Stunden stahlen sich fort , indem ich die Buchseiten umschlug , ich vergaß sie buchstäblich ; die Tage , Wochen und Monate vergingen so sachte und heimtückisch , als ob sie , leise sich drängend , sich selbst entwendeten und zu meiner fortwährenden Beunruhigung lachend verschwänden . Sonst , wenn ich die Bücher alter und fremder Völker las , füllten mich dieselben stets mit frischer Lust zur Arbeit , und selbst die neueren französischen oder italienischen Sachen waren , selbst wenn ihr Gehalt nicht vom erlauchtesten Geiste , doch von solcher Gestaltungslust getränkt , daß ich sie oft fröhlich wegwarf und auf eigenes Tun sann . Durch die deutschen Bücher hingegen wurde ich tief und tiefer in einen schmerzlichen Genuß unrechtmäßiger Ruhe und Beschaulichkeit hineingezogen , aus welchem mich der immer wache Vorwurf doch nicht reißen konnte . Ja , ich empfand trotz des bösen Gewissens sogar mehr und mehr eine Sehnsucht , selbst über den Rhein zu setzen und erst recht mitten in diese Welt zu geraten . Jedoch brachte der Frühling eine kräftige Erlösung aus diesem unbehaglichen Zustande ; ich hatte nun das achtzehnte Jahr überschritten , war militärpflichtig geworden und mußte mich am festgesetzten Tage in der Kaserne einfinden , um die kleinen Geheimnisse der Vaterlandsverteidigung zu lernen . Ich stieß auf ein summendes Gewimmel von vielen hundert jungen Leuten aus allen Ständen , welche jedoch bald von einer Handvoll grimmiger Kriegsleute zur Stille gebracht , abgeteilt und während vieler Stunden als ungefüger Rohstoff hin- und hergeschoben wurden , bis sie das Brauchbare zusammengestellt hatten . Als sodann die Übungen begannen und die Abteilungen zum ersten Mal unter den einzelnen seltsamen Vorgesetzten , welches vielumhergeratene Soldatennaturen waren , zusammenkamen , wurde mir , der ich nichts bedacht hatte , unter Gelächter mein langes Haar dicht am Kopfe weggeschnitten . Aber ich legte es mit dem größten Vergnügen auf den Altar des Vaterlandes und fühlte behaglich die frische Luft um meinen geschorenen Kopf wehen . Jetzt mußten wir aber auch die Hände darstrecken , ob sie gewaschen und die Nägel ordentlich beschnitten seien , und nun war die Reihe an manchem biedern Handarbeiter , sich geräuschvoll belehren zu lassen . Dann gab man uns ein kleines Büchelchen , das erste einer ganzen Reihe , in welchem Pflichten und Haltung des angehenden Soldaten in wunderlichen Sätzen als Fragen und Antworten deutlich gedruckt und numeriert waren . Jeder Regel war aber eine tüchtige kurze Begründung beigefügt , und wenn auch manchmal diese in den Satz der Regel , die Regel aber hintennach in die Begründung hineingeraten war , so lernten wir doch alle jedes Wort eifrig und andächtig auswendig und setzten eine Ehre darein , das Pensum ohne Stottern herzusagen . Endlich verging der Rest des ersten Tages über den Bemühungen , von neuem geradestehen und einige Schritte gehen zu lernen , was unter dem Wechsel von Mut und Niedergeschlagenheit sich vollendete . Es galt nun , sich einer eisernen Ordnung zu fügen und sich jeder Pünktlichkeit zu befleißen , und obgleich dies mich aus meiner vollkommenen Freiheit und Selbstherrlichkeit herausriß , so empfand ich doch einen wahren Durst , mich dieser Strenge hinzugeben , so komisch auch ihre nächsten kleinen Zwecke waren , und als ich einigemal nahe an der Strafe hinstreifte , und zwar nur aus Versehen , Überkam mich ein wahrhaftes Schamgefühl vor den Kameraden , welche sich ihrerseits ganz ähnlich verhielten . Als wir soweit waren , mit Ehren über die Straße zu marschieren , zogen wir jeden Tag auf den Exerzierplatz , welcher im Freien lag und von der Landstraße durchschnitten wurde . Eines Tages , als ich mitten in einem Gliede von etwa fünfzehn Mann nach dem Kommando des Instruktors , der unermüdlich rückwärts vor uns herging , schreiend und mit den Händen das Tempo schlagend , so schon stundenlang den weiten Platz nach allen Richtungen durchmessen und vielfach in unseren Schwenkungen die vielen anderen Abteilungen gekreuzt hatte , kamen wir plötzlich dicht an die Landstraße zu stehen und machten dort halt und Front gegen dieselbe . Der Exerziermeister , welcher hinter der Front stand , ließ uns eine Weile regungslos verharren , um einige nicht schmeichelhafte Bemerkungen und Ausstellungen an unseren Gliedmaßen anzubringen . Während er hinter unserm Rücken lärmte und fluchte , soweit es ihm Gesetz und Sitte nur immer erlaubten , und wir so mit dem Gesichte gegen die Straße gewendet ihm zuhörten , kam ein großer , mit sechs Pferden bespannter Wagen angefahren , wie die Auswanderer ihn herzurichten pflegen , welche sich nach den französischen Häfen begeben . Dieser Wagen war mit ansehnlichem Gute beladen und schien einer oder zwei stattlichen Familien zu dienen , die nach Amerika gingen . Zwei kräftige Männer gingen neben den Pferden , vier oder fünf Frauen saßen auf dem Wagen unter einem bequemen Zeltdache , nebst mehreren Kindern und selbst einem Greise . Aber diesen Leuten hatte sich Judith angeschlossen ; denn ich entdeckte sie , als ich zufällig hinsah , hoch und schön unter den Frauen , mit Reisekleidern angetan . Ich erschrak heftig , und das Herz schlug mir gewaltig , während ich mich nicht regen noch rühren durfte . Judith , welche im Vorüberfahren , wie mir schien , mit finsterm Blicke auf die Soldatenreihe sah , erschaute mich mitten in derselben und streckte sogleich die Hände nach mir aus . Aber im gleichen Augenblicke kommandierte unser Tyrann » Kehrt euch ! « und führte uns wie ein Besessener im Geschwindschritte ganz an das entgegengesetzte Ende des weiten Platzes . Ich lief immer mit , die Arme vorschriftsmäßig längs des Leibes angeschlossen , » die kleinen Finger an der Hosennaht , die Daumen auswärts gekehrt « , ohne mir was ansehen zu lassen , obgleich ich heftig bewegt war ; denn in diesem Augenblicke war es mir , als ob sich mir das Herz in der Brust wenden wollte . Als wir endlich das Gesicht wieder der Straße zukehrten , nach den maßgebenden Zickzackgedanken im Gehirne des Führers , verschwand der Wagen eben in weiter Ferne . Glücklicherweise ging man nun auseinander , und indem ich mich sogleich entfernte und die Einsamkeit suchte , fühlte ich , daß jetzt der erste Teil meines Lebens für mich abgeschlossen sei und ein anderer beginne . In diesem Frühling traf es sich noch , daß ich mich zugleich in anderer Weise zum ersten Mal als Bürger geltend machen durfte , indem eine Integral-Erneuerung der gesetzgebenden Behörde und die von dieser abhängige Erneuerung der verwaltenden und richterlichen Gewalt vor sich ging und die Wahlen dazu festgesetzt waren . Als ich mich aber , hiezu aufgefordert , in einige Vorversammlungen und endlich am ersten Maisonntage in die Kirche begab , um meine Stimme abzugeben , fand ich darin nicht jene Erhebung , auf welche ich mich schon lange gefreut , obgleich ich von den immer noch lebensfrohen Freunden meines Vaters tapfer begrüßt und aufgemuntert wurde . Ich sah , daß alle anderen jungen Leute , die zum ersten Mal hier erschienen , als Handwerker , Kaufleute oder Studierende entweder schon selbständig oder durch ihre Väter oder durch einen bestimmten , nahe gesteckten Zweck mit der öffentlichen Wohlfahrt in einem klaren und sichern Zusammenhang standen ; und wenn selbst diese Jünglinge sich höchst bescheiden und still verhielten bei der Ausübung ihres Rechtes , so mußte ich dies noch weit mehr tun und sogar von einer gewissen kühlen Schüchternheit befangen werden , da ich noch gar nicht absah , wie bald und auf welche Weise ich ein nützliches und wirksames Glied dieser Gesamtheit werden würde . Bis jetzt war durch mich noch nicht ein Bissen Brot in die Welt gekommen , und mein bisheriges Treiben hatte mich weit von dem betriebsamen Verkehr abgeführt ; ich gab also ohne großen Aufwand von Gefühlen meine Erstlingsstimme in öffentlichen Dingen , mehr um einstweilen mein Recht zu wahren und dasselbe bloß andeutungsweise einmal auszuüben , ehe ich in die Weite ging , um erst etwas zu werden . Indessen betrachtete ich mit Vergnügen die versammelten Männer und ihr Behaben und freute mich an ihnen sowohl wie an den zahllosen Blüten , welche Überall die Erde bedeckten , und an dem blauen Maihimmel , welcher über alle sich ausspannte . Mein einziges Trachten ging aber von nun an dahin , so bald als möglich über den Rhein zu gelangen , und um mir bis dahin die Stunden zu verkürzen , habe ich mir diese Schrift geschrieben . Ende der Jugendgeschichte Viertes Kapitel Das zweite Jahr ging seinem Ende entgegen , seit Heinrich in der deutschen Hauptstadt , dem Sitze eines vielseitigen Kunst- , Gelehrten- und Volkslebens , sich aufhielt , mitten in einem Zusammenflusse von Fremden aller Gegenden in und außer Deutschland . Er hatte Längst sein Sammetbarett