sich nur der Armen wegen , mit der er brechen will , der alberne Sohn einer albernen Mutter - Franz soll auf ' s Hofamt sagen , daß ich den Geheimrath um drei Uhr zu sprechen wünsche - wir essen um vier ... Um acht heute Gesellschaft ... Wenn Schlurck fort ist , mach ' ich Toilette .... Die Ludmer ging gehorsam nach vorn in ' s Empfangzimmer und brummte lachend vor sich etwas hin , als wollte sie sagen : Nun ist ja Alles wieder im besten Zug ! Und in der That schien es wirklich zu gehen . Da war ja mit einem Male Alles wieder wie es sein sollte . Menschen , Briefe , Neuigkeiten , Situationen ... Alles , was Pauline haben mußte , um leben zu können . Mit rascher Hand warf sie auf ein zierliches Blatt die Worte : » Tausendmal gegrüßt , liebenswürdige Freundin ! Engel , wie schön , daß Sie da sind ! Zittern Sie doch nicht um Ergon ! Wenn er seiner Mutter gleicht , ist er sanft und wenn er dem Vater gleicht , nur leichtsinnig ! Kommen Sie an mein Herz ! Haben Sie Thränen zu weinen , in meiner Brust ist eine Stelle , wo Thränen nicht entweiht werden ! Kommen Sie ! Kommen Sie ! Um Eins ! Toute à Vous ! Um Eins , oder um Sechs , wie Helene will ! Ach Helene , wie lieb ' ich Sie ! Nein daß Sie da sind ! Wie überraschend ! Wie Helenisch ! Willkommen ! Willkommen ! « Rasch gesiegelt , geklingelt , abgegeben . Den Kopf geordnet , das Bandeau über das Haar gezogen , die langen spitzenbesetzten Zipfel noch einmal zu einer schönen Schleife geknüpft , die Falten der Morgenrobe geglättet , ein Batisttuch in die Hand genommen , noch ein Blick in den Spiegel und dann nach vorn geschwebt , durch das Schlafkabinet aus dem Zimmer Grün in Grün in das Zimmer Gelb in Blau . Die Thür geöffnet ... alle unmuthigen Mienen verschmolzen in holdseligstes Lächeln - Schlurck trat ein ... Zweites Capitel Was ist Romantik ? Die Ludmer hatte sich entfernt , um noch einmal den Versuch zu machen , ob sich nicht unter den Geräthschaften , die von Hohenberg gekommen waren , doch noch das fehlende Bild fände . Sie hatte bei ihrer Gebieterin zu oft erlebt , daß diese im stürmischen Eifer ihres Temperamentes etwas zu vermissen glaubte , was sich später doch so vorfand , ganz wie es sein sollte .... Wir überlassen sie ihrer , im heutigen Falle fruchtlosen Arbeit . Die Geheimräthin und Schlurck saßen sich indessen schon auf bequemen Polstern gegenüber . Der Schimmer der gelben Decorirung that seine Wirkung . Pauline erschien frischer , als sie heute schon hätte in Folge der gewaltigen Aufregung aussehen können . Wenn man glauben wollte , diese beiden Naturen , die von Ehrgeiz zernagte Pauline und der ruhige Epikuräer , hätten füreinander so gepaßt , wie Pauline glaubte , würde man irren . Sie verstanden sich gegenseitig , aber sie gaben keinen gleichen Accord . Sie schätzten sich , ohne sich zu lieben . Schlurck war dies Feuer denn doch zu zehrend , Paulinen sein Phlegma denn doch zu lähmend . Sie hätte immer stürmen , drängen , wirken mögen , er lächelte nur und glossirte . Er arbeitete nur , um die Mittel zum Genuß zu haben , den sie verschmähte , deshalb vielleicht verschmähte , weil sie ihn besaß , ohne ihn erwerben zu müssen . Schlurck führte auch ihre sehr günstigen alten Ried ' -schen Finanzen , die von denen des minder begüterten Gemahls gesondert verwaltet wurden . Des Jahres zwei- oder dreimal gab er ihr eine Übersicht ihrer Einnahmen und gern hörte sie ihm zu , auch wenn er dann gelegentlich von andern Dingen sprach . Heute nun erklärte Pauline sogleich , über Vieles mit ihm Rücksprache nehmen zu müssen und Schlurck , lächelnd seine Brille abnehmend und die Gläser mit dem einen seiner gelben Glacéehandschuhe , den er auszog , putzend , antwortete : Ich habe zwar nicht viel Zeit , indessen fangen Sie an ! Sie verstehen zu fesseln . Wollen Sie heute mit mir rechnen ? fragte Pauline , um Zeit zu gewinnen , alle ihre Fragen sich erst vorsichtig zurecht zu legen . Nein , meine Gnädige , erwiderte Schlurck , ich komme nur , um mein Bedauern auszusprechen , daß es mir nicht gelingen wird , die mir vom Reubunde zugedachte Rolle zu spielen . Wollen Sie mich an ein anderes Wahlgebiet verweisen , in der Vorversammlung zu Helldorf ist meine Bewerbung durchgefallen . Mein eigener Lobredner , Justus , der Dorftartüffe , der große Mirabeau der gemäßigten Dummheit , wird die meisten Stimmen davontragen . Wahlen sind immer interessant , wie auch für Die , die nicht in der Lotterie spielen , die Nachricht von großen da- oder dorthin gefallenen Gewinnen unterhaltend bleibt . Pauline sprach ihr Bedauern aus und verhieß , anderweitig sorgen zu wollen . Nein , sagte Schlurck , ich bitte ! Lassen Sie mich lieber ganz davon , gnädige Frau ! Ich passe in diesen Wirrwarr nicht . Meine Geschäfte wachsen mir über den Kopf , ich müßte sie so vernachlässigen , daß ich in meiner Praxis zurückkäme . Was hülfe mir ein Portefeuille , das ich vier Wochen lang verwaltete ? Ehe ich mich noch in der Ministerstraße eingerichtet hätte , müßt ' ich schon wieder ausziehen und einen Ärger hätt ' ich vielleicht davon , so empfindlich , daß ich meine Verdauung schwächte . Ich werde recht difficil mit meinem Magen . Aber wenn Sie sich nun behaupteten , Justizrath ! Wenn Sie eine Partei bildeten ! Behaupten kann ich mich schon deshalb nicht , weil ich zu leise spreche , und von Parteibildung ist noch weniger die Rede , da ich zu sehr Advocat bin , um nicht jede Ansicht , die uns Vortheil bringt , vernünftig zu finden . Was soll ich für eine Partei bilden ? Die der äußersten Austernesser wäre mir die liebste , und auch bei denen gibt es nicht immer einerlei Meinung . Die Einen ziehen die Austern mit Porter , die Andern mit Rheinwein vor und schon über die obligate Anwendung der Citrone hab ' ich mich mit mehren meiner Collegen zuweilen überworfen . Nein , nein , keine Politik mehr ! Ich habe Fälle erlebt , daß einige meiner Austernfreunde , die sich wählen ließen , plötzlich Gesinnung bekamen . Denken Sie sich , friedliche , ruhige Menschen , die nichts in der Welt mehr kümmert , als daß der Kanzleidiener richtig jedes Quartal ihre Gage bringt , diese kommen plötzlich in Unruhe , weil zweifelhafte Fälle ihr Gewissen beängstigen . Sie erinnern sich dann , daß sie einmal von einem gewissen Papinian auf der Universität gehört hatten , der lieber den Kopf verlieren , als eine ungerechte Sentenz fällen wollte , und wirklich , meine Freunde verloren den Kopf . Das Gewissen , die aufgerüttelte alte akademische Erinnerung guillotinirte sie . Sie hörten von zwei Parteien , saßen mitten drinnen zwischen Baum und Borke , das Beispiel steckt an , die Wähler drohen auch , was macht nun so ein unglücklicher Appellationsgerichtsrath mit Weib , Kindern und seinen alten Collegienheften ? Immer schwebt ihm der kopflose Papinian vor Augen und richtig , er legt sich auch auf den Block , stimmt glorreich , wie es die feierlichen Momente , wo Jahrhunderte auf dich herabsehen , edler Staatsbürger , mit sich bringen und ist für ewige Zeiten - geliefert ! Ich habe die harmlosesten Menschen aus dem Austernclub verschwinden sehen , denen jetzt kaum etwas Anderes übrig bleibt , als sich einen Hut mit rothen Federn und eine Büchse zu kaufen , um auf Leben und Tod unter die Freischärler zu gehen . Pauline lachte und erwähnte einige Namen , denen es freilich so ergangen war ... andere , die sich durch die schamloseste Reue im Reubunde wieder zu rehabilitiren suchten . Nein , fuhr der Justizrath fort , keine Politik ! Ich habe wirklich zuviel in meinem nächsten Beruf zu thun . Das häuft sich unglaublich . Prinz Egon ist nun zurück und die große Hohenbergische Auseinandersetzung nimmt ihren Anfang . Auch dem Proceß , den ich für die Commune führe , Sie sind selbst daran betheiligt , droht plötzlich eine ganz neue Wendung ... Ja ! fragte Pauline , wie steht es damit ? Siegt das Kreuz mit den drei oder mit den vier Blättern ? Bei Hofe wird viel davon gesprochen . Ich wünschte , sagte der Justizrath und rückte dabei die Brille auf dem Augenknochen zurecht , ich wünschte , wir wären mit dieser Sache über allen und jeden Klee hinweg , den drei- und den vierblättrigen ; den Luzerner Jesuitenklee , den ich dabei wittre , gar nicht zu rechnen . Es ist gar nicht unwahrscheinlich , daß sich zu den beiden streitenden Parteien auch noch eine dritte gesellt ... Eine dritte ? Wie wäre Das ? fragte Pauline gespannt . O reden Sie ! Lassen Sie mich noch davon schweigen , meine Gnädigste , erwiderte Schlurck ; nur soviel ahn ' ich , daß die Verwickelung den höchsten Grad erreichen kann , so sehr , daß ich zwischen zwei Feuer gerathe und diesen ganzen Gegenstand in andere Hände geben muß . Sie spannen meine Neugier ! sagte Pauline . Als Schlurck aber schwieg , fuhr sie fort : Sie wissen doch , daß der Hof an diesem Proceß Interesse nimmt ? So geben Sie mir auch Materialien , auf den alten Grafen Franken oder meinen Mann oder sonst einen Kanal dort wirken zu können ! Es ist merkwürdig , antwortete Schlurck , daß die Minister für eine Entscheidung kämpfen , die den kleinen Cirkeln gar nicht lieb wäre . Verstehen Sie diesen Widerspruch ? Ich glaub ' ihn zu verstehen , sagte der Justizrath und schüttelte den Kopf . So klären Sie mich darüber auf ! Meine Gnädige , sagte Schlurck , wir leben im Zeitalter der Confusionen . Was der Körper begehrt , darüber scheint unser Jahrhundert einig zu sein . Daß der Magen in den materiellen Fragen die Hauptrolle spielt , haben die Proletarier sowol wie die äußersten Austernesser hinlänglich entschieden und man kann von diesem Standpunkte dem Kampfe ruhig zusehen . Es ist ein Kampf der Verdauungsorgane . Siegen Die , die nur Brot haben wollen , d.h. Brot im weitesten Sinne , als da sind : Trüffeln , Austern und Seefische ( denn Das ist der ganze Sehnsuchtsjammer auch Derer , die nur Brot ! Brot ! schreien ) , so werden sich ihrer so viele wieder den Magen verderben , daß Brot , einfaches Brot , eine Delicatesse wird und wir da ankommen , wo wir ausgegangen ... Das ist die materielle Frage , sagte Pauline , aber auf die Materie folgt ... Das Herz ! sagte Schlurck galant und doch ausweichend . Was das Herz anlangt , meine Gnädigste , so ist das Ihr Capitel ! Die Verfasserin der Amarantha - wissen Sie , daß ich altbackner Mensch aus dem empfindsamen Zeitalter von Hölty und Matthison dies Meisterwerk immer noch nicht gelesen habe ? Sehr Unrecht von Ihnen , Justizrath ! Aber Nadasdi hab ' ich gelesen , schaltete Schlurck pfiffig ein und runzelte damit Paulinen die Stirn . Alte Sünden , sagte sie , längst vergeben ! Nein , meine Beste , bemerkte Schlurck , Nadasdi las ich , weil ihn Alle verurtheilten , Amarantha nicht , denn die priesen Alle . Der gute Advocat nimmt sich immer des Bedrängten an ; so zog ' s mich zu dem schönen Ungar , der mich ganz gut unterhalten hat . Und wissen Sie warum ? Weil ich darin eine Frau fand , die sich in nichts als Frau verläugnen konnte und ganz meisterhaft nach der Natur copirt war , nämlich die Verfasserin selbst . Pauline wollte entgegnen und abbrechen ... Erlauben Sie , sagte Schlurck . Ich habe eine große Bibliothek und gelte für einen Literaturfreund . Allein ich sammle und steigere meist auf die Werke , die die berühmten Autoren gern von sich verstecken möchten . Die allgefeierten Schriften belehren mich lange nicht so wie die mislungenen . Und ohne nun sagen zu wollen , Nadasdi wäre mislungen - Sie haben keine Zeit , sagten Sie , und spotten so behaglich ? bemerkte Pauline und drohte mit dem Finger - Ohne sagen zu wollen , wiederholte Schlurck sehr nachdrücklich , Nadasdi wäre mislungen , so fehlt ihm gerade deshalb die künstlerische Abrundung , weil Sie zuviel von sich selbst gegeben haben . In der Amarantha hör ' ich , daß Sie , schlimme Frau , Andere geschildert haben - Andere kenn ' ich genug - die Familie der Andern , ach , die ist so groß ! Aber Sie , Sie in Ihrer Unruhe , Ihrer Sehnsucht , Ihrem Bedürfniß nach Anlehnung , Sie hab ' ich in Nadasdi gefunden . Ich sah eine Frau , von der ich wußte , warum sie liebt . Sie lieben deshalb , weil Ihnen die männliche Ergänzung Bedürfniß ist und wer mir gesagt hat , Sie wären von einem männlichen Geiste , dem hab ' ich geantwortet : Nein , diese Frau ist ganz Weib und wenn man ' s nicht glauben will , so lese man den Nadasdi . Schlimmes Compliment ! antwortete Pauline überrascht von Schlurck ' s Artigkeit , hinter der ihr etwas verborgen schien . Sie wollen doch wol nur andeuten , daß wir nichts ohne die Männer vermögen und daß wir , wenn wir einmal selbst etwas schaffen wollen , höchstens einen misrathenen Roman zu Stande bringen ? Vergebung , sagte der Justizrath halb und halb beistimmend und das Bittere seiner Äußerung durch einen Handkuß überzuckernd , ich wollte nur sagen , warum ich die berühmten Schriftsteller gern aus den Werken studire , die sie nicht gesammelt haben . Ich komme darauf zurück , daß über die Stellung , die das Herz zu unserm Jahrhundert einnimmt , doch wol die Damen entscheiden mögen . Nun aber der Geist ? sagte Pauline . Sie vergessen die Erklärung des Widerspruchs , in dem die kleinen Cirkel über jene Angelegenheiten befangen sind . Beste gnädigste Freundin , sagte Schlurck , der Geist ist ein Chamäleon oder einer jener delicaten Fische des Alterthums , der sich in italienischen Seen finden soll und über dessen Geschmack ich nichts sagen kann , ebensowenig wie über seine zweckmäßigste Zubereitung . Dieser Fisch aber , soviel weiß ich , meine Beste , hatte die curiose Eigenschaft , daß er , gekniffen und gemartert , in hundert Farben spielte . Über den Magen , über das Herz ist man einig ; man weiß , daß speisen und lieben oder , um mich anständiger auszudrücken , geliebt werden in dieser Beziehung die befriedigendsten Seligkeiten gewähren , aber der Geist , dessen Nahrung , dessen Befriedigung , darüber rennen sich die Behälter des Geistes , die Köpfe , blutig aneinander . Was im Mittelalter Geist war , nun wohl , das wußte man damals , es war Religion und Scholastik . Was in der Reformation Geist war , das wußte man auch , es war Bibelerklärung und hebräisches Wortgeklaube . Was im vorigen Jahrhundert Geist war , das kannte man unter dem Namen Esprit , Voltaire , Hume . Aber was jetzt Geist ist , gnädige Frau , was jetzt dem Einen tief , dem Andern oberflächlich erscheinen soll , darüber herrscht mehr Anarchie als in der Gesetzgebung über die Einreden und Verjährungen . Erstaunen Sie nicht , die kleinen Cirkel halten es geradezu für geistreicher , der Commune den Sieg in dieser Frage zu gönnen als dem Fiscus . Für geistreicher ? wiederholte Pauline lachend . Das zu fassen , bin ich zu geistesarm . Romantischer , sagen Sie ! Meine Beste , fuhr Schlurck fort , der an Paulinen oft gemerkt hatte , daß sie sich belehren ließ ; sehen Sie , das ist etwas , was sich mehr fühlen als beschreiben läßt . Ich will Ihnen eine Analogie sagen . Wenn ich Caviar esse , den ich sehr liebe , falls er im Rathskeller frisch und hübsch großkörnig angekommen ist ... wenn ich Caviar esse und der grüne Römer , mit Rüdesheimer gefüllt , steht vor mir und man fängt an zu streiten über Das , was wahrer sei : der Ausspruch eines Weisen oder der eines Narren , so gefällt mir der Narr besser . Ich höre oft feinstilige Autoren verurtheilen , weil sie bestechlich waren und mich prickelt mein Caviar und mein Rüdesheimer so , daß ich ' s laut ausrufe : Bestechlich hin , bestechlich her ! Schreibt erst so wie sie ! Tischt mir Eure Tugenden in einem Stile auf , der so glänzend ist , wie seine Laster schrieben , und dann möcht ' ich manchmal in meine Bibliothek und solchen Schwätzern gleich die ganze Sammlung von zwölf oder zwanzig prächtig eingebundenen Werken dieser angefeindeten Lebemänner an den Kopf werfen ! Ich liebe nun den Witz , die Bosheit und die schlagenden Antithesen in der Schreibart , Andere lieben das Bauschige , das Prächtige , das Rauschende , das Stoffene , Andere wieder das Harmlose , Bescheidene , Fromme , Gänseblümige , Veilchene . Aber ... Sie schildern ja unsere kritische Anarchie , Justizrath ! unterbrach Pauline . Ich schildere unsere ganze Geistesverwirrung . Sie findet sich überall , auf allen Gebieten . Das Wunderliche erscheint den Leuten wunderbar . Das Seltsame ist ihnen die Regel . Das Aparte sogar soll ihnen das Allgemeine sein . Gesinnung ! Ich höre nicht gern davon , weil nachgrade das Verlangen danach unbequem wird . Aber diese geistreichen Empfindler nennen die Gesinnung unschön . Warum ? Sie erhitzt ! Sie spricht viel ! Sie zwingt zur Kameraderie ! Sie läuft ! Sie rennt ! Sie träumt , wenn sie vom Zweikammersystem reden soll , nicht über den Humboldt ' schen Kosmos , nicht über Goethe ' s Morphologie der Pflanzen , nicht über Dante ' s Paradies und Hölle ... wie kann man so geistlos sein und von der Zeit , von Tendenzen , von der Gesinnung reden ! Verstehen Sie ? .... O ich merke etwas von den » kleinen Cirkeln « , sagte Pauline lächelnd . Nun nehmen Sie einmal unsern Proceß , fuhr der feine Ironiker fort . Siehe ! Da gab es eine Zeit , die da geheißen ward : die mittlere . Und siehe ! Da gab es eine Ritterschaft , die da geheißen ward : die geistliche . Die Einen trugen einen weißen Mantel mit rothem Kreuz und hießen Templer , und die Andern trugen einen schwarzen Mantel mit weißem Kreuz und hießen Johanniter . Beide erwarben Schätze , beide legten Comthureien und sozusagen Relais für die Kreuzzüge an , Stationen , wo nur Tapferkeit , dummer Glaube , alter Wein und baares Geld zu finden war . Man kaufte Güter , baute Burgen , baute Häuser in den Städten und wußte mit dem Schwerte Das gewaltsam einzutreiben , was nicht mit dem Klingelbeutel von selber kam . Diese Ritter waren halb Soldaten , halb Mönche . Sie können sich denken , welches übermüthige Volk ! Die Fürsten ertrugen ' s auch nicht gar lange und verbrannten und verbannten die Templer , die schon die üppigsten von Allen waren , wie Sie in der Oper sehen können , wenn sie einmal ( der Templer und die Jüdin ) wieder gegeben wird . Die Johanniter duckten sich und hielten sich länger ... Das schadet aber Alles nichts . In den Gemüthern , die , wie schon gesagt , das Bauschige , Prächtige , Rauschende , Stoffene lieben , bleiben diese Gestalten der Vorzeit ehrwürdig . Und nun kommt die Reformation , dieses in gewissen Kreisen so wenig geachtete Lichtexperiment , das wie unsere neue Gasbeleuchtung dem Einen nicht hell genug , dem Andern viel zu hell erscheint für ' s Sehen und Gesehen werden - in Diebsprocessen kommen darüber Beschwerden vor - und die reichen Güter dieser Orden fallen da und dorthin , wer sie gerade in der großen Flut der Religionskriege und Säcularisationen auffischt . Hier unsere Stadt fischte sich siebzehn Häuser , darunter das spätere Wohnhaus der Marschalks , das Sie näher angeht , die Grundgerechtigkeit von Tempelheide und eine Menge anderer Grundrechte , die alle einst dem Johanniterhof von Angerode gehört hatten . Und Das ging so vom Jahre 1550 bis in Zwischenräumen von immer funfzig , sechzig Jahren , wo der erstarkenden Souverainetät unserer alten allmälig avancirenden Markgrafen einfiel , daß herrenloses Gut doch wol eigentlich den Landesherren und nicht den Stadtgemeinden gehöre . Jetzt , wo man Geld braucht und unsere Communen , die sich gern , wie man zu sagen pflegt , volksthümlich gebehrden , empfinden lassen möchte , daß sie kein Staat im Staate sind , jetzt hat unser wühlerischer Finanzminister auch diesen alten Posten wieder aufgewühlt und verlangt eine Wiederaufnahme dieses alten Handels und zwar mit einer solchen Energie , wie der preußische Friedrich den alten schlesischen Proceß dadurch revidirte , daß er Schlesien ohne Weiteres gleich in die Tasche steckte . Ist denn der Betrag erheblich ? fragte Pauline . Doch ! sagte Schlurck . Es beläuft sich der jährliche Ertrag dieser alten Gefälle an die Stadtkämmerei auf achtzigtausend Thaler , woraus sich ein Capital von zwei Millionen ergeben würde ... Und dies sollten die kleinen Cirkel dem Staate nicht gönnen ? erwiderte Pauline erstaunt . Gönnen ? wiederholte Schlurck . Das wol ! Aber nun denken Sie sich , über den siebzehn Häusern , von denen nur zwei in der Brandgasse noch die alten in ganz alter Form sind , thront als Wahrzeichen das Kreuz , das Kreuz mit seinen ritterlichen Erinnerungen , in Tempelheide hat die alte Kirche das Kreuz , Tempelheide ... Heidentempel ... Christentempel ... Tempelchristen ... und die alte Stadt , die ist doch so etwas Ehrwürdiges mit ihren drei Schlüsseln im Wappen , und die besten Prediger die sind auf diese Gelder angewiesen und es läutet so schön mit den Glocken , wo diese Prediger wohnen und sie ihre Kirchen haben und die Geschichte und die Sage , die webt über das Ganze so einen undurchsichtigen , feierlichen Matthison ' schen Nebelschleier , der sich in der stillen Abenddämmerung der Archive an der kundigen Hand des Generals Voland von der Hahnenfeder , der uns durch die Burgverließe der Jahrhunderte führt , so silbergrau , so patriarchalisch , so mystisch ausnimmt ... Pauline unterbrach den Justizrath mit lautem Lachen . Hören Sie auf ! rief sie , Sie sind prächtig , Justizrath ! Ja , ja ! Sie haben Recht ! So ist ' s ! So ist ' s ! Von solchen Empfindungen werden wir jetzt regiert . Himmel ! Von solchen Motiven werden die wichtigsten politischen Schritte geleitet ! Aus dieser Dämmerung webt sich Voland von der Hahnenfeder seine schwache , haltlose Spinnenwebenpolitik ! Darum kein energischer Aufschwung ! Darum keine That ! Kein Handschuh , kühn der Zeit hingeworfen ! Darum die Unterordnung unter Rom , unter andere alte Fürstengeschlechter , nur weil sie fabelhafte Wappenthiere haben und die Tradition der älteren Vergangenheit ! O Das ist die romantische Dämmerung , in der die Nachteulen fliegen müssen , die das Schloß besuchen dürfen . Nicht wahr ! sagte Schlurck mit satirischem Lächeln . Was läßt sich dagegen sagen ! Solche Anschauungen kommen aus Dem , was die Herrschaften ihren Geist nennen , wie wir wieder die Anschauungen Voltaire ' s unsern Geist nennen . Aber wissen Sie , welch ein Sonnenstrahl jetzt , wie das Schwert des Erzengels Michael , dies ganze Helldunkel durchschneiden kann ? Will man denn doch die Verjährung nicht gestatten , will man sich immer darauf berufen , daß alle funfzig Jahre vom alten Zeitgeist gegen den neuen protestirt wurde , so ist es leicht möglich , daß sich ein dritter Bewerber einfindet , der in dem Augenblicke , wo der Staat zwei Millionen Capital in sein großes Buch einzutragen die Feder ansetzt , dazwischen tritt und sagt : Halt da ! Halbpart ! Dies ganze alte Wesen ist mein Eigenthum und Ihr könnt zufrieden sein , wenn ich mich mit der Hälfte noch gar begnüge ! Das ist eine Allegorie ! rief Pauline . Wie wäre diese Einrede möglich ? Keine Allegorie ! sagte Schlurck , zog seine goldne Dose und nahm eine Prise ; ich habe fast Ursache zu vermuthen , daß dieser Rival , der sich so zu sagen zwischen Fürst und Volk , alte und neue Zeit drängt ... der Prinz Egon ist . Wie ? rief Pauline und erhob sich . Prinz Egon ? Wie kämen die Hohenbergs zu solchen Ansprüchen ? Das ist es eben , sagte Schlurck , was ich erfahren , von Ihnen erfahren möchte , gnädige Frau . Sie sind , Ihre Amarantha beweist es , mit der Geschichte der Hohenbergs sehr vertraut . Sie waren einst die Freundin der Fürstin Amanda . Ist von Seiten der Grafen von Bury ein Zusammenhang mit dem alten Tempelhause von Angerode und einem alten Johanniter Hugo von Wildungen denkbar ? Was die Hohenbergs selbst anlangt , so kenn ' ich deren Geschichte genau und kann versichern , daß ich von dieser Seite nicht begreifen könnte , wie sich Prinz Egon an diesem Processe betheiligen sollte . Prinz , Egon ? Haben Sie denn dafür Beweise ? fragte Pauline . Beweise ? wiederholte Schlurck . Ich habe vorläufig nur einen Verdacht und ein eigenthümliches Corpus delicti , das sich an meine letzte Anwesenheit in Hohenberg knüpft ... Ist Ihr Herr Gemahl zurück ? Seit gestern ! Aber reden Sie doch ! Erzählen Sie doch ! Sie finden mich ja im lebendigsten Antheil , Schlurck ! Der Justizrath zog seine Uhr und hielt sie an ' s Ohr .... Wir haben etwas lange philosophirt ! sagte er . Ich bitte ! Bitte ! Weg mit der Uhr ! Es ist schon spät ... Ich habe ... Sie haben nichts , als mein Freund , mein liebenswürdiger Freund zu sein .... Ah , gnädige Frau .... Küssen Sie mir ein andermal die Hand ! Nun wohlan denn , so wollen wir uns beeilen , auf das Gebiet der Thatsachen zu kommen . Die Geheimräthin hörte mit lautloser Spannung . Drittes Capitel Ein Bündniß Ein junger Mann , begann Schlurck , der sich Wildungen nannte , erschien vor einigen Tagen am Fuße des Schlosses in Hohenberg , um dort einen Gegenstand zu reclamiren , der nichts mehr und nichts weniger als ein Schrein , eine einfache Kiste ist . Er gibt vor , daß ein Fuhrmann , dem er diesen Schrein anvertraute , ihn verlor . Und in der That bin ich es selbst , der durch Zufall diesen Schrein gefunden hat . Ich ließ ihn , um des Eigenthümers sicher zu werden , angezogen von einem merkwürdigen Zeichen auf seinem Deckel , öffnen . Er enthält die beglaubigten Ansprüche der Nachkommen einer Familie Wildungen auf gewisse , ihn vom Johanniterorden vor Auflösung des alten Tempelhauses in Angerode , zuerkannte Güter . Diese Güter sind alle die städtischen Besitzungen , die sich jetzt in den Händen unsrer Commune befinden . Ein alter Comthur , Hugo von Wildungen , trat sie nicht an , weil er katholisch blieb und die Plünderung der Verlassenschaft des protestantisch gewordenen Ordens verabscheuen mußte . Später ertheilte ihm der römische Stuhl einen Dispens . Aus politischen Gründen , um katholische Interessen mitten in protestantischen Landen gefördert zu sehen , durfte er nun den Besitz antreten . Er starb . Die Documente wurden nach Angerode geschickt . Während die Stadt die Verwaltung der demnach der Familie Wildungen gehörenden Besitzungen für sich antrat , gingen die Documente im alten Tempelhause zu Angerode verloren . Sie sind jetzt gefunden worden . Wo ? Wie ? Von Wem ? weiß ich nicht . Ich weiß nur , daß Jemand irgendwo im Mondenschein vom Anblick des vierblättrigen Kreuzes so überrascht wurde , daß er ... Genug , die Documente über die Ansprüche der Familie Wildungen sind da und wer sie besitzt , wer sie mit Eifer in Plessen , wo sie verloren gingen , suchte , ist - sonderbar - Prinz Egon ! Pauline hörte voll Aufmerksamkeit zu , schüttelte den Kopf und meinte : Ich erfuhr schon , daß Prinz Egon auf dem Heidekruge sich Wildungen nannte .... Dort sah ich ihn ja selbst ! Sie selbst , Justizrath ? Bei meiner neulichen Rückkehr von Hohenberg ... Wildungen ! Wildungen ! sagte die Geheimräthin nachdenklich und in ihrem Gedächtnisse forschend ... Es gibt einen Maler dieses Namens , fuhr Schlurck fort , einen Maler , der einen Bruder hat , Namens Dankmar Wildungen , einen jungen Referendar . Ich schickte heute in aller Frühe , als mir mein Bartusch diese Dinge erzählte , in die Wohnung dieser jungen Leute . Man fand sie nicht . Ich schickte zu Prinz Egon . Er ist abwesend gewesen , gehütet gleichsam von einem gewissen Louis Armand gestern Abends zurückgekommen , elend , krank und hat sich sogleich abgeschlossen und zur Ruhe gelegt . Man vermuthet eine hartnäckige Unpäßlichkeit , ... Meine Tochter darf kein Wort davon erfahren . Dies wunderliche Mädchen hat einen förmlichen Roman mit dem Prinzen , falls er es war , gespielt , ich glaube sogar , sie hat eine Leidenschaft für den jungen Mann gefaßt , den ich begierig bin , kennen zu lernen . Ist es der Prinz - Warum sollt ' er es nicht sein ? rief Pauline bitter . Eine Million wird grade hinreichen seine Verhältnisse wieder herzustellen ... Sie überstürzen die Dinge , gnädige Frau ! Wenn Sie nicht wissen , daß die Burys mit dem alten Geschlecht der Wildungen verwandt sind , so kann von einem solchen Gewinn nicht die Rede sein . Wär ' es aber , welche wunderliche