Zinsen auf , das ich nie zurückbezahlen kann , und entrichte meine ordentlichen und unordentlichen Steuern . « » Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen , Alter , « sagte Sloboda . » Das sind die Leiden des freien Bauers ohne Vermögen ! Sie schmerzen oft mehr als die Ruthe des Herrn ! Es ist traurig , sehr traurig ! « » Ich will nicht weiter von mir sprechen , « fuhr Leberecht fort , » ich will nur an einem Beispiele nachweisen , daß ich meine Klagen nicht aus der blauen Luft greife . Mein Nachbar schief über hat ein Häuschen mit Gartenland . Er ist Weber , verheirathet , Vater von drei Kindern , - und in ganz gleichen Verhältnissen sind an unserm Ort allein über hundert Familien , in zwanzig , dreißig Ortschaften zusammen einige Tausende , - und verdient bei größtem Fleiße , angenommen , daß keine Krankheit vorkommt und die Arbeit nie fehlt , im ganzen Jahre fünf und funfzig bis höchstens sechzig Thaler ! Was ist davon sein Eigenthum ? - Ich will es Euch sagen . Auf Haus und Gartenland , das ihm seinen Kartoffelbedarf bringt , lastet ein Kapital von vierhundert Thalern , das zu fünf Prozent Zinsen die Jahreseinnahme um zwanzig Thaler vermindert . Er muß außerdem an Grundsteuer dem Staate jährlich einen Thaler funfzehn Silbergroschen zahlen , Classensteuer , zwei Thaler , Grundzins an die Herrschaft , drei Thaler und drüber , Jagd- und Spinngeld funfzehn Groschen , Gemeindeabgaben gegen anderthalb Thaler ; das Schulgeld für seine Kinder beläuft sich auf vier Thaler und endlich kommen an Feuerassecuranz , an Abkauf der Handdienste auch noch gegen zwei Thaler zusammen , so daß ihm zur Ernährung seiner Familie , zur Instandhaltung seines Hauses und zur Bestreitung etwaiger nicht zu berechnender Ausgaben nicht mehr als zwanzig Thaler übrig bleiben.1 Ist solch ein Loos beneidenswerth , und ist derjenige , dem es gefallen , ein freier Mensch zu nennen , zu beneiden von dem Neger , der in heißen Ländern die Pflanzung seines Herrn bebaut und dafür sorglos seinen Reis essen kann ? « » Wenn das keine Ausnahmen sind , dann wehe uns ! Wehe unsern geordneten Saaten ! Wehe der Zukunft unseres Volkes ! « sagte der Maulwurffänger . » Du sprichst es aus . Wehe der Zukunft unseres Volkes , wenn gleichsam auf gesetzmäßigem Wege die Verarmung mit Riesenschritten um sich greifen darf ! Weil es so ist - und es ist leider fast überall so - darum vermaledeie ich die uns gewordene Freiheit , die uns zur verabscheuungswürdigsten Sclaverei verurtheilt , zur Sclaverei des freien Willens ! Tausende möchten vor Ekel sich von sich selbst abwenden , aber sie dürfen nicht ihrer Weiber und Kinder wegen . Sie müssen das Joch der Sclaverei der Freiheit von einem Jahre zum andern fortschleppen , bis es sie erdrückt ! Frei macht sie nur der Tod ! Das aber ist ein namenloses Elend , ein Jammer , vor dessen Größe und Unendlichkeit man vor Entsetzen versteinert ! « » Um so entsetzlicher , als Niemand ihm steuern kann ! « bemerkte Sloboda . » Dann stehen wir am Vorabende des Weltunterganges , « fiel der Maulwurffänger ein . » Doch noch haben wir keinen Anlaß zu solcher Verzweiflung , die sich selbst und die Zukunft aufgibt . Noch sind Auswege vorhanden , auf denen das fortwuchernde Elend des Volkes verjagt werden kann . Der Staat muß sich des Volkes annehmen , muß ihm , dem darbenden , die Lasten abnehmen und sie auf die Schultern der Verzehrenden , der Reichen legen . « » Träume , schöne , bunte ergetzliche Träume ! « sagte Leberecht wehmüthig lächelnd . » Ich glaube an keine Träume ! « » Du hast Recht , Freund , noch sind es Träume ! Diese Träume aber werden Wahrheit werden , ist sich alles Volk erst der Mittel bewußt , die es der überhand nehmenden Verarmung entreißen können . Nur Massen bewirken etwas Großes in unsern Tagen , nur gemeinsamer Hilfeschrei wird beachtet . Darum trachte der Einzelne dahin , daß die Armen sich einigen und durch ihre Masse und Anhänglichkeit eine unzerreißbare Kette bilden ! Mit geschlossenen Gliedern können sie den Reichen trotzen und durchsetzen , daß man ihre volle Freiheit anerkenne und sie menschlich behandle . « Zweifelnd schüttelte Leberecht den Kopf , ohne das Gespräch weiter zu führen . Die nahen Gebäude des Zeiselhofes , die über die kahlen Felder emporstiegen , gaben seinen Gedanken eine andere Richtung . Sie bogen in einen flachen Hohlweg ein und sahen sich nach wenig Minuten dem offenstehenden Thorwege des Edelhofes gegenüber . » Dort drüben , « sagte der Maulwurffänger , indem er mit der Hand nach dem Herrenhause deutete , » dort drüben begann vor mehr als vierzig Jahren das große Unglück , dessen Folgen uns drei greise Männer an diesem verhängnißvollen Orte wieder zusammenführt . Möge Gott unsern Eingang segnen , wie er ihn damals segnete , als ich Dein liebliches Töchterlein den Händen Blauhuts entriß ! « » Amen ! Amen ! « versetzten Leberecht und Sloboda , indem sie ihre Hüte abnahmen und die Hände bittend falteten . - Eine genaue Besichtigung des Zeifelhofes war leicht zu erlangen , da , wie bemerkt , ein neuer Pachter gesucht ward . Um nicht aufzufallen und Verdacht zu erwecken , gingen die drei Freunde alle Gebäude der Reihe nach durch , indem sie bei dem herumführenden Verwalter sich genau nach dem Ertrage des Rittergutes mit Sachkenntniß erkundigten . Das Herrenhaus betraten sie zuletzt . Es war nicht mehr in gutem Stand erhalten , denn seit der Catastrophe , welche Magnus auf längere Zeit ins Ausland trieb , hatte es keinen bleibenden Bewohner gehabt . Die späteren Pachter nahmen blos zeitweise davon Besitz , gefielen sich aber in der Verwalterwohnung besser , da sie ihren Neigungen und Bedürfnissen mehr entsprach . Als sie die breite , ehemals mit kostbaren erotischen Pflanzen reich geschmückte Treppe hinaufstiegen , flüsterte Leberecht dem Maulwurffänger leise zu : » An der dritten Thür rechts lenke die Aufmerksamkeit unseres Begleiters ab und richte es so ein , daß ich ein paar Minuten allein im Zimmer bleiben kann . « Mit schnellem Augenwink gab Heinrich seine Zustimmung zu erkennen . » Hier sieht ' s nicht mehr sehr gräflich aus , « bemerkte Sloboda . » Zeit , Holzwurm und Motte haben arg gewirthschaftet . Man müßte alle Gemächer durchaus neu meubliren und herrichten lassen , wollte man sie mit Vergnügen bewohnen . « » Es fehlte seither eben ein Herr , « sagte achselzuckend der Begleiter . » Ah , « unterbrach ihn der Maulwurffänger , » da sind wir ja im Balconzimmer ! Wir doch die alten Zeiten wieder lebendig werden ! Wie oft bin ich in diesem Garten gelustwandelt ! Wie viele tausend Maulwürfe habe ich auf jenen Feldern gefangen ! Laßt mich doch nach so langen Jahren wieder einmal einen Blick auf all ' die verwilderten Herrlichkeiten thun ! Denn dem Gärtner , scheint mir , haben der jetzige Herr Pachter und seine Vorgänger nicht viel zugewendet ! « » Von Herzen gern , « versetzte der sie herumführende Begleiter . » Beliebt es auf den Balcon zu treten ? Die Herren folgen uns wohl nach ? « Heinrich nahm den Arm des Begleiters , zog ihn mit sich und verstrickte ihn in ein lebhäftes Gespräch . Leberecht und Sloboda blieben allein im Zimmer zurück . Es war dasselbe , in welchem Haideröschen den ersten Ueberfall ihres Gebieters so kräftig abwehrte . Noch war es ganz so meublirt , wie damals . Dieselben Tapeten , jetzt nur geschwärzt und mit Spinnengeweben überzogen , bedeckten noch immer die Wände . » Hier ist es , « sagte Leberecht , indem er gegen einen verborgenen Knopf in der Tapete heftig drückte . Die Wand wich kreischend zurück und öffnete den Eingang zum anstoßenden Zimmer . Ein kaum handbreiter Raum , mit Getäfel verkleidet , schied beide Zimmer von einander . Dies Getäfel öffnete ein Druck nach innen , worauf mehrere Fächer sichtbar wurden , die offenbar zur Aufbewahrung von Kostbarkeiten den ehemaligen Besitzern gedient hatten . Aus einem der Fächer , in denen jetzt nur Spinnen hausten , langte Leberecht ein ansehnliches Volumen sorgfältig eingepackter Schriften heraus , die mit dem wohlbekannten Wappenringe der Boberstein fünffach versiegelt waren . Sloboda sah ihn fragend an . » Das sind die Documente ? « » Sie sind es . « » Gott gebe , wohlerhalten ! « » Ja , das gebe Gott ! « Leberecht schob das Packet in die Brusttasche seines weiten Rockes , ließ das Getäfel wieder in seinen Falz , die verborgene Tapetenthür in ihre Fugen gleiten und folgte dem Maulwurffänger auf den Balcon . Dieser hielt den Begleiter noch fest mit Fragen , welche Adrian und seine Brüder betrafen , um dem Freunde möglichst viel Zeit zu ungestörtem Suchen zu verschaffen . » Nun seid Ihr fertig mit Eurer Musterung ? « sagte er jetzt kurz abbrechend . » Dann könnten wir allenfalls unsern Auftrag für erledigt betrachten ; denn was mich betrifft , so erspare ich mir ein nochmaliges Beschauen dieser Zimmer . Ich war ehedem darin wie zu Hause . « Als er in den Blicken Leberechts gelesen hatte , daß er glücklich gewesen sei , übermannte den so gemessenen alten Mann eine unglaubliche Unruhe . Er mußte gewaltsam an sich halten , um den Begleiter nicht zu enttäuschen über den wahren Zweck ihres Besuches . Indeß wußte er doch ihren Aufenthalt möglichst abzukürzen . Noch vor Abend verließen die Greise den Zeiselhof und schlugen den Weg nach Königshain ein . » Was soll jetzt geschehen ? « fragte Sloboda , als er die belebten , von freudiger Erwartung strahlenden Züge seines alten Freundes gewahrte : » Gehen wir zu den Freunden in Deine Heimath ? « » Vor Gericht ! Vor Gericht ! « rief der Maulwurffänger . » Jetzt sind wir die Herren und sie die Knechte ! « Am nächsten Tage früh gegen eilf Uhr sahen mehre Bewohner der Stadt Görlitz drei Männer in weißen Haaren die gewundene Steintreppe am stattlichen Rathhause hinaufsteigen . Man wunderte sich über diese Alten in ihrer wunderlichen , nirgend mehr üblichen Tracht , und als sie spät am Tage mit feierlicher Miene das Rathhaus wieder verließen , wollte man wissen , daß sie den Hochweisen ein höchst wichtiges Staatsgeheimniß , wo nicht gar eine Verschwörung entdeckt hätten . Fußnoten 1 Diese Angaben beruhen auf Thatsachen . Viertes Kapitel . Die Wahrsagerin . Wind und Regen peitschten die Fenster . Ein Posthorn schallte durch die kalte stürmische Octobernacht und rasselnd fuhr die schlecht verwahrte Kalesche über das holprige , stoßende Pflaster Leipzigs . Die Extrapost hielt vor dem Hotel de Pologne . Diensteifrig stürzte der Oberkellner an den Wagenschlag , um ihn zu öffnen , wäre aber beinahe von einem behend herausspringenden Manne kräftiger Statur umgerannt worden , dem ein zweiter , jüngerer wo möglich noch ungestümer folgte . Die Fremden begehrten zwei Zimmer , befahlen das Gepäck ihnen nachzubringen und dem Postillon ein tüchtiges Trinkgeld zu geben . Dann schritten sie Arm in Arm dem vorleuchtenden Kellner nach , zwei Treppen hinauf und bezeigten sich mit dem angewiesenen Logis zufrieden . Auf die Frage des Kellners , ob die Herren sonst noch etwas zu befehlen hätten , bestellte der Aeltere Thee und später ein Abendbrod , wie es zu haben sei . » Wie erfahren wir nun die Wohnung unserer Sibylle ? « sagte Aurel zu seinem jungen Begleiter . » Auf gut Glück und so geradezu Wirth oder Kellner nach einer Kartenschlängerin fragen kann man doch nicht , ohne sich lächerlich zu machen oder für einen Narren gehalten zu werden . « » Ueberlassen Sie das mir , Herr Kapitän , « erwiederte Gilbert . » Ein bis zwei Tage müssen wir uns doch hier verweilen . Das ist Zeit genug , um die Geheimnisse dieser Universitäts- und Handelsstadt auszukundschaften . « » Ich werde mich langweilen zum Sterben , guter Junge . Ich kenne Leipzig und weiß , was es dem Fremden für interessante Seiten zu bieten hat , wenn er nicht Handlungsreisender oder Weinbeflissener ist . Und nun gar dieses Wetter ! Man kann keinen Fuß aus dem Hause setzen . « » Es ist ja die Saison , Herr Kapitän ! Da gibt es Concerte alle Abende . Am Tage laufen wir die Kaffeehäuser und Weinkeller durch oder grüßen die hübschen Mädchen , die in Leipzig alle so verliebte Augen haben . « » Gilbert ! « » Verzeihung , Kapitän ! Man sagt so und mich dünkt eine Nachrede solcher Art bringt dem schönen Geschlecht der Stadt keine Schande . Mädchen ohne Liebesblicke , ich bitte Sie , Kapitän , wie soll es ein vernünftiger Mann mit solchen Geschöpfen aushalten ? Uns schräg gegenüber im Erker wohnt ein neugieriges Lockenköpfchen - ich hab ' es gleich bemerkt . Morgen früh bei Zeiten werd ' ich der schönen Nachbarin mit Ihrer gütigen Erlaubniß auf Matrosenart meine Reverenz machen . « Der Kellner erschien wieder und legte dem Kapitän das Fremdenbuch zur Einzeichnung seines Namens vor . Aurel machte die Förmlichkeit kurz ab und verlangte nochmals den Thee . » Kapitän am Stein nebst Pflegesohn ! « las der Kellner mit einiger Verwunderung . » Vermuthlich ein schiffbrüchiger Kapitän , der sich auf ' s Festland geflüchtet hat , um daselbst auszuruhen und bessere Zeiten abzuwarten . « Eine Stunde später wußte die gesammte Dienerschaft im Hotel , daß ein Seekapitän aus Hamburg angekommen sei und auf seinem Zimmer Thee trinke , stark wie Braunbier . Da er auch das Abendessen auf dem Zimmer zu servieren befahl und mit den Kellnern gar nicht sprach , wurde er stillschweigend entnationalsiirt und zu einem Engländer verwandelt . Am andern Morgen war das Wetter etwas erträglicher . Die Sonne schien ab und zu durch fliegende Wolken und gestattete wenigstens einige Spaziergänge . Aurel verbrachte den Tag ziemlich nach Gilberts Vorschlag und dieser knüpfte nicht blos mit seinem hübschen Gegenüber durch Gruß und Blick eine oberflächliche Bekanntschaft an , die zwar nicht geradezu erwiedert aber doch bemerkt und nicht unfreundlich aufgenommen wurde , sondern wußte auch so geschickt zu manövriren , daß er bereits um die Mittagsstunde sich für wohlunterrichtet halten durfte . Aurel schloß von der Heiterkeit des Jünglings auf die guten Nachrichten desselben und eilte davon Kenntniß zu erlangen . » Bist Du im Klaren ? « fragte er nach Tische bei Kaffee und Cigarre . » Ich kenne das Fahrwasser , aber nicht den Curs . « » Wie das ? « » Weil sich drei ehemalige Grazien damit abgeben , dem Neugierigen aus Hand und Karte die Zukunft zu enthüllen . « » Verdammt ! Und wer steuert uns ? « » Ich habe schon einen Lootsen gefunden , der mir zuverlässig scheint . Es ist ein alter ve rschmitzter , kupfriger Lohnbedienter , eingeweiht in alle Heimlichkeiten und heimisch auf jedem verbotenen Wege . Dieser Mentor hat mir versprochen , uns gegen doppelte Bezahlung zu der jetzt berühmtesten und namentlich bei den Damen in größtem Ansehen stehenden Sibylle zu geleiten . Bei nur einigermaßen glücklichem Winde müssen wir in den rechten Port kommen , wenn der Musiker in der Mohrentaverne uns nichts aufgeheftet hat . « Aurel lobte die Vorkehrung Gilberts und schrieb während des Nachmittags , um nur die Zeit hinzubringen , mehrere Briefe . So kam der Abend heran , der minder regnerisch zu werden versprach . Um sieben Uhr meldete Gilbert , daß der Geleitsmann ihrer harre . Aurel schob sogleich Alles bei Seite , warf seinen Mantel um und verließ , von Gilbert und dem Lohndiener begleitet , das Hotel . Dieser führte die Fremden zum Petersthore hinaus , über den Roßplatz nach der Johanisvorstadt , dem Stadttheil , wo der ärmere Theil der Bevölkerung Leipzigs wohnt . Durch schmuzzige finstere Gassen , von kleinen , schlecht gebauten Häusern gebildet , schritten Aurel und Gilbert dem Führer nach bis an das äußerste Ende der Stadt . Ein paar zweistockige Häuser schlossen hier die schmale Gasse , die ungeachtet des scharf wehenden Windes von übelriechender Luft erfüllt war , welche selbst bis in das Innerste der Häuser drang . In einem dieser Häuser war eine Schenkwirthschaft . Man hörte es an dem Durcheinander der vielen laut sprechenden Männerstimmen . Das zweite etwas sauberer aussehende Haus schien unbewohnt zu sein . Die Thür war verschlossen , an keinem der kleinen Fenster schimmerte Licht . Der Lohndiener wußte jedoch Bescheid . Er bat die Fremden etwas zurückzutreten und sich ruhig zu verhalten . Dann hustete er leise und schnalzte dreimal mit der Zunge , indem er zugleich an der Thür klinkte . Bald darauf erschien hinter schneeweißen Vorhängen ein wanderndes Licht im ersten Stock . Man hörte klappernde Pantoffeln , ein Schlüssel klirrte im Schloß und die Thür ward geöffnet . » Ein gutes Zeichen , « flüsterte Gilbert dem Kapitän zu , als er das rosige Gesicht eines jungen Mädchens an dem Spalt der behutsam geöffneten Thür gewahrte . » Die Weiber haben uns bisher immer Glück gebracht , es wird uns auch heute nicht fehlen , mögen sie uns nun Gutes oder Böses prophezeihen ! Ha , der alte Schelm unterhandelt mit der niedlichen Kleinen ! Wär ' ich doch an seiner Stelle ! Ich wollte das plappernde Mündchen so geschickt küssen , wie Thysbe ihren Pyramus durch den Spalt in der Mauer ! « Aurel stand auf Kohlen , denn die Unterhandlung dauerte etwas lange und ward äußerst bedächtig und förmlich geführt . » Es sind Fremde , zuverlässsge und vornehme Leute , « sagte der Lohnbediente . » Ein Kapitän aus Hamburg , wie ich im Fremdenbuch gelesen habe . « » Und sein Begleiter ? « fragte blinzelnd das Mädchen , mit gebogener Hand das flackernde Licht gegen den Luftzug schützend . » Sie wissen , daß meine Herrschaft immer nur eine Person auf einmal vorläßt . « » Die beiden Herrn sind so gut , wie nur eine Person - der Vater mit seinem Pflegesohn . « » Wollen Beide ihre Zukunft wissen ? « » Was kümmert das Dich , kleiner Schabernack ? Mach auf , die Herren haben Eile . Morgen bei Zeiten wollen Sie abreisen . « » Sie werden schon warten , wenn ihnen an der Klugheit meiner Herrschaft so viel gelegen ist . Noch zwei Minuten Geduld ! « Rasch klirrte ein Kettchen hinter der Thür , das Mädchen verschwand , klapperte die Treppe hinauf und ging denselben Weg , den sie gekommen war , wieder zurück . Aurel ward ungeduldig . » Ihre Prophetin scheint sehr launenhafter Natur zu sein , « sagte er zu dem Lohndiener . » Wenn die Verhandlungen in gleicher Weise fortgesetzt werden , kommt Mitternacht heran , ehe wir die Orakelsprüche der klugen Frau vernommen haben . « Der Lohndiener zuckte die Achseln . » Wunderliche Leute wollen apart behandelt sein , « versetzte er trocken . » Man muß sich ihrem Willen unbedingt unterwerfen , oder erfährt gar nichts . Alles Bitten und Drängen bleibt fruchtlos . Doch da kommt die klappernde Vermittlerin ja schon wieder zurück . Jetzt , meine Herren , dürfen Sie sich gratuliren ; Sie werden beide angenommen und können , wenn Sie es wünschen , die Enthüllungen Ihrer Zukunft gemeinschaftlich vernehmen . « Das Kettchen ward jetzt abgenommen und die Thür weit geöffnet . Aurel und Gilbert nebst dem Lohndiener traten ein , worauf das Mädchen die Thür wieder fest verschloß und verriegelte . Gilbert konnte sich nicht versagen , die hübsche Pförtnerin , deren Füßchen in plumpen Holzpantoffeln steckten , zu mustern . Sie war in der That frisch wie eine Pfirsiche , vollbusig und von starken Hüften . Dies reizte den kecken Matrosen und eh ' es sich die niedliche Dienerin versah , hatte er sie umschlungen und ihr einen Kuß geraubt . Eben so schnell fühlte er aber auch ihr nichts weniger als sanftes Händchen auf seiner Backe . » Dank , mein süßes Schäfchen ! « lachte Gilbert der erröthenden Pförtnerin in die muntern braunen Augen . » Mit dem Anfange wäre ich zufrieden . Treffen mich nicht härtere Schläge in meinem Leben , so will ich es ein von seltenem Glück getragenes nennen ! Pflegst Du für so vortrefflich gerathene Maulschellen Bezahlung anzunehmen ? « Aurel gebot dem Schwätzer mit zornigem Blick Schweigen . Der Lohndiener , schon bekannt mit der Einrichtung in diesem Hause , war zur Seite in ein Nebenstübchen getreten , um die Rückkehr der Fremden abzuwarten . Das Mädchen ging schmollend vorauf , unterließ aber trotz dem nicht , verstohlene funkelnde Blicke auf den dreisten Burschen mit dem gebräunten Gesicht und den nachtschwarzen Augen zu werfen . Ueber einen gewundenen Gang , der unter ihren Tritten knisterte und schwankte , kamen sie in ein freundliches Hintergebäude , das neuern Ursprungs zu sein schien . Die saubere Einrichtung und die glänzende Reinlichkeit zeigte , daß es Frauen bewohnten . Die kleinen Zimmer dufteten von mildem Arom und deuteten nichts weniger als eine dürftige oder unbehagliche Existenz an . » Belieben die Herren einen Augenblick zu verziehen , « sagte die hübsche Pförtnerin in Holzpantoffeln . » Madame wird sogleich erscheinen . « Sie zündete drei Lichter auf blank gescheuerten zinnernen Leuchtern an und ließ die Fremden allein . » Mäßige Dich , Gilbert ! « ermahnte Aurel den Jüngling . » Du kannst mit Deinem verliebten Ungestüm das Ziel meiner ganzen Reise verrücken . « » Warum stellt mir der Versucher so apetitliche Mädchen in den Weg ! Aufbrechende Rosenknospen muß ich brechen ; es juckt mich in den Fingern , und auf Matrosenehre , Kapitän , Sie würden mir treulich Gesellschaft leisten , wenn Ihre Gedanken nicht gerade so angestrengt auf Ueber- oder Unterirdisches gerichtet wären . « » Mag sein , mag sein ! « versetzte Aurel zerstreut und seufzend . » Wenigstens liegt mir die Erforschung der Vergangenheit mehr am Herzen , die unklare , jedem Sterblichen verhüllte Zukunft . « Es rauschte hinter der Thür des Nebenzimmers , sie drehte sich klanglos in den Angeln und eine mittelgroße Frauengestalt , von Kopf zu Fuß in aschgraue Zeuge gehüllt , stand auf der Schwelle . Die Matrone hielt in der linken Hand eine kleine silberne Lampe von feiner Arbeit , aus deren flacher Höhlung ein spitzes blaues Flämmchen brannte . Die Rechte umschloß ein vollzähliges Spiel deutscher Karten . Den Gruß der Fremden erwiederte sie durch mehrere tiefe Verbeugungen , die wunderlich und fast gespenstisch anzusehen waren . Noch immer , ohne zu sprechen , schritt sie dann fest und mit gezwungener Feierlichkeit auf den Tisch zu , winkte den Fremden nieder zu sitzen und nahm selbst Platz auf einfachem Sessel . Die Lampe vor sich hinstellend und das Spiel Karten daneben legend , erhob sie den Blick , um die Fremden genau zu betrachten . Auf diesen Moment hatte Aurel mit Ungeduld gewartet . Seine scharfen Blicke begegneten denen der Wahrsagerin und rangen gleichsam sekundenlang mit einander . Aurel kannte die Matrone so wenig , wie diese ihn . Seine Hoffnung schwand sogar sehr bedeutend , als er in ein kleines abgemagertes , faltenreiches Gesicht sah , das nicht gerade häßlich war und in frühern Jahren wohl auch einmal hübsch gewesen sein mochte , das aber unmöglich jener Herta angehören konnte , die er suchte und hier zu finden wünschte . Graue Haare legten sich in dünnen Scheiteln um die kleine zusammengefaßte Stirn der Wahrsagerin . » Sie wünschen die Zukunft zu befragen ? « sagte das Mütterchen zu den Fremden . » Wenn Sie nicht aus bloßer Neugierde , sondern aus innerstem Drange des Herzens und mit gläubigem Gemüth zu mir kommen , dürfen Sie hoffen , die reine Wahrheit zu hören . « Aurel bat durch eine Handbewegung , daß sie fortfahren möge . » Ziehen Sie es vor , daß ich die Flamme oder die Karte befrage ? « » Ganz nach Belieben , Madame ! « entgegnete Aurel . » Ich bin nicht bewandert in den Geheimnissen Ihrer Kunst oder Wissenschaft . « » Die Flamme erheischt lange Zeit und große Geduld . Sie scheinen mir lebhaften Temperaments und da ich eine Unterbrechung meiner Fragen befürchten muß , was traurige Folgen für Sie haben könnte , so erlaube ich mir mit Ihrer Zustimmung die Karte vorzuziehen . « Aurel neigte billigend den Kopf und die Wahrsagerin ließ die Lampe sogleich verlöschen , was so schnell und geheimnißvoll geschah , daß Gilbert darüber erstaunte und den Kapitän verwundert ansah . Sie mischte hierauf das Spiel Karten , richtete verschiedene Fragen an Aurel - in welchem Monat er geboren sei ? Ob verheirathet oder ledig ? An welchem Tage er seine letzte Reise angetreten habe ? u.s.w. Gleichgiltig , doch wahrheitgetreu gab Aurel darauf Antwort . Die Wahrsagerin legte nun die Karten in Form einer strahlenden Sonne vor sich hin , anfangs der Reihe nach die einzelnen Blätter abhebend . Später gab sie manchem eine andere Stelle , so daß die Form der Sonne oder des Sterns sich vielfach veränderte und bald einen Strahlenkreis ohne Kern , bald einen festen Körper in fast eirunder Form ohne Strahlen bildete . Während dieses Hin- und Wiederschiebens der Kartenblätter sprach sie immerfort , lächelte jetzt , und schüttelte dann wieder mürrisch den Kopf . Zuweilen tupfte sie auch mit ihrem dürren weißen Zeigefinger auf eines der Blätter oder drohte ihm mit freundlicher Miene . Endlich entglitt das letzte Blatt ihrer Hand ! Sie erhob sich vom Sessel und schob die drei Lichter näher an einander . Aurel stand ebenfalls auf und beugte sich , beide Hände auf den Tisch stützend , über das wunderlich gestaltete Kartenbild , das seines Lebens Zukunft enthalten sollte . Obwohl er nicht im Geringsten an Wahrsagerei glaubte , ward ihm doch ganz eigen zu Muthe . Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgte er dem lesenden Auge der Wahrsagerin , lauschte er den seltsamen Orakelsprüchen , die in lauter zusammenhangslosen Satzfragmenten ihrem Munde entglitten . Unser Freund würde sehr unbefriedigt davon gegangen sein , hätte nicht seltsamerweise die Sibylle durch einen unerklärlichen Zufall Alles , was ihm in jüngster Zeit Auffallendes begegnet war , aus den Karten gelesen und mit unerschütterlicher Seelenruhe ihm mitgetheilt . Dies machte ihn stutzig , er glaubte sich erkannt , verrathen , und ohne das Ende der Prophezeiung abzuwarten , rief er mit lauter Stimme der Wahrsagerin zu : » Weib , wer bist Du , daß Du mein vergangenes Denken weißt ? « In seiner Aufregung rüttelte er so heftig am Tische , daß die Karten ordnungslos durch einanderfielen und die ganze , so künstlich zusammengefügte Figur zerstört ward . Die Wahrsagerin richtete sich auf und ließ prüfender als im Anfange ihre Blicke über den Kapitän gleiten . Sie bemerkte den goldenen Reif am kleinen Finger seiner linken Hand , den Aurel jetzt völlig vergessen hatte . Zitternd , mit offenem Munde starrte sie den Fremden an und sank dann laut aufschreiend in den Lehnsessel . » Jesus , er ist es ! « rief sie aus . » Nur er allein konnt ' ihn haben ! « » Herta ! « lispelte im tiefsten Innern erschüttert und von geheimnißvollen Schauern erfaßt der Kapitän . » Herta , so sind Sie es wirklich ? Man hat mich nicht hintergangen ? « » Herta ? « erwiederte die Wahrsagerin . » Nein nein , ich bin nicht Herta ! « Und sie machte eine Bewegung des En tsetzens , als wolle sie Aurel mit Gewalt von sich abwehren . » Nicht Herta ? Und Sie glauben mich doch zu kennen ? « » Wer ruft den Namen einer längst verschollenen Unglücklichen ? « ließ sich jetzt aus der Tiefe des Zimmers eine sanfte Frauenstimme vernehmen . » Es muß etwas Ungewöhnliches vorgehen , wo dieser traurige Name unter Lebenden genannt wird . « Aurel wandte sich um . Eine Frau in schwarzer Tracht , ohne Prunk , aber rein und geschmackvoll gekleidet , stand auf der Schwelle derselben Thür , durch welche die Wahrsagerin eingetreten war . Ein brennendes Licht schwankte in ihrer zitternden Hand , die blüthenweiße Spizzenmanschetten zur Hälfte überdeckten . Weder Jahre , noch Trübsal , noch Kummer und Elend hatten die ursprüngliche Schönheit dieser erhabenen Züge gänzlich verwischen können . Der Adel einer reinen großen Seele verklärte noch immer diese schön geformte Stirn und glänzte in dem milden versöhnenden Licht des braunen Auges . Ein schmerzliches Lächeln auf den bleichen Lippen schritt sie fest auf die seltsame Gruppe zu , die von der magischen Gewalt eines Zaubers erfaßt zu sein schien . Indem sie das Licht ein wenig erhob , so daß der volle Schein der Flamme auf die beiden Fremden fiel , wiederholte sie nochmals mit eigenthümlicher Weichheit des Tones die Frage : » Wer nannte Herta ? Wer sucht sie ? Hier ist , was von ihr übrig geblieben ! « Aurel kehrte ihr das Gesicht zu . Das Unerwartete des vorhergegangenen Auftritts , die neue Unterbrechung , die gewaltige Spannung seines ganzen Wesens , die ihn gefangen hielt , gaben seinen Zügen einen so fest ausgeprägten Charakter , daß die Aehnlichkeit mit seinem Vater schärfer hervortrat , als in der gleichmäßigen Ruhe des alltäglichen Lebens . So traf ihn Hertas Auge . - Das Licht entfiel ihrer Hand , sie selbst drohte umzusinken . Mit kräftigen Arm umfing Gilbert die bebende Frau . » Es ist sein Sohn ! « lallte sie ohnmächtig . » Wie er ihm gleicht , dem Entsetzlichen ! - - « Wir vermessen uns nicht , die Empfindungen beschreiben zu wollen , die nach dieser Erkennungsscene die Herzen der Betheiligten bestürmten . Herta bedurfte einer geraumen Zeit , ehe sie vollkommen ihre Fassung wieder erlangte . Emma , sonst ihre Zofe , jetzt Wahrsagerin aus Noth , um