Befehl der Majestäten geschehen und blieb ein Gnadenzeichen , das , wie schon erwähnt , eine Loosung für den übrigen Adel ward ; und so konnte es unter den an sich beschränkenden Umständen scheinen , alle Verhältnisse wären ausgeglichen . Hiervon ließ sich die Marschallin jedoch nicht täuschen , die sehr wohl alle Abstufungen der Gunst kannte und mit einem mittemäßigen Zustande der Dinge nicht zufrieden sein konnte ; da sie bisher den ersten Rang erstrebt und erreicht hatte . Leonin blieb dagegen hartnäckig bei seinem Vorsatze , jetzt keine Begnadigung nachzusuchen und der Gunst des Marschalls von Louxemburg anheim zu stellen , sein Erscheinen bei der Armee zu entschuldigen . Da die Maischallin ein Mißglücken eben so fürchtete , fand er weniger Widerstand , als er erwartet ; und seine Gemahlin mit ausgedehnten Vollmachten versehend , und ihr jeden Beweis der Achtung dadurch gebend , verließ er endlich das väterliche Haus und begab sich zur Armee des Niederrheins , in einem Augenblicke , wo ein ziemlich zweifelhafter Zustand des Gelingens bei den Armeen obwaltete . Fünf Jahre waren verflossen . Der Nymweger Friede war geschlossen , die Armeen kehrten nach Frankreich zurück . Durch alle Provinzen des Landes vertheilt , erreichten die Truppen ihre Heimath , ohne daß damit eine Auflösung der Armee verbunden gewesen wäre , die Ludwig der Vierzehnte schon damals nicht für politisch erkannte und damit dem übrigen Europa , dem die Mittel fehlten , diese Maaßregel nachzuahmen , ein stets furchtbarer und überlegener Gegner blieb , dessen Freundschaft zu erhalten , die gefügigsten Schritte gethan wurden , die dem Uebermuthe , der damals schon Ludwigs Gesinnung ausschließlich zu beherrschen begann , einen schrankenlosen Spielraum gaben . Nach fünfjähriger Trennung kehrte Leonin als Adjudant des Marschalls von Louxemburg zu seiner Familie zurück . Die Marschallin war Oberhofmeisterin der Prinzessin von der Pfalz geworden , der zweiten Gemahlin des Herzogs von Orleans . Sie lebte fast immer am Hofe , obwol ihr jede Freiheit zugestanden war , die sie sich selbst geben wollte . Immer mehr jedoch war der Hof eine Art Kultus geworden , dessen Dienste sich weihen zu dürfen , der Inbegriff aller Wünsche , aller Bestrebungen ward . In dem Maaße , wie sie durch die ihr gewordene Auszeichnung über alle ihre Feinde triumphirte , hoffte sie , ihre Familie auch zu dem alten Glanze zurückzuführen , der durch die zweifelhafte Stellung ihres Sohnes noch immer in Schatten gestellt blieb . Obwol unter den zahlreichen Nachrichten von der Armee die günstigsten über Leonins Verhalten , seinen Muth , seinen rastlosen Eifer einliefen , nimmer war eine Gelegenheit zu finden , dieselben bis zu dem Könige zu führen . Außer in diesem Zauberkreise schmeichelten Alle der stolzen Mutter damit ; in Gegenwart des Königs aber schwiegen Alle davon , weil Jeder wußte , daß , als einst Madame mit ihrer kecken , deutschen Weise , die viel Gnade vor Ludwig fand , auf diesen Gegenstand kommen wollte , der König sie verwundert angesehen , und als ob sie Deutsch mit ihm gesprochen , ihr gar nicht geantwortet und ihr den Rücken zugekehrt habe . Jetzt sammelten sich die hohen Häupter der Armee wieder um den König , und der Monarch , getragen und gehoben von dem Ruhme seiner Armeen , spendete Ehren , Vermögen , Gunst und Auszeichnung jeder Art an seine Helden . Die Eroberung von Mastricht und die Schlacht bei Montcastel , kurz vor dem Frieden , diesen so bedeutend erleichternd , gaben dem Herzoge von Louxemburg ein besonders frisches Andenken und ein eingeräumtes Recht an die Gunst seines Königs . Es war daher der Herzog von Louxemburg , der das Eis brach , auf dem Alle zu fallen fürchteten , und den König um die Erlaubniß bat , ihm seinen Adjudanten , den Grafen Crecy-Chabanne , dem er das Leben auf dem Schlachtfelde von Montcastel verdanke , vorstellen zu dürfen . Die Form war gut gewählt , und diese beherrschte Ludwig immer despotischer ; er ward dadurch an nichts der Vergangenheit Angehöriges erinnert , diese in seine Willkür gestellt , und für seine Erlaubniß , im Fall er sie geben wollte , eine Brücke gebaut , die bloß den Marschall zu ehren schien und so gar nicht übersehen werden konnte , ohne diesen zu kränken . Er neigte daher einwilligend das Haupt und ging augenblicklich zu dem Ereignisse sebst über , indem er den Herzog von Louxemburg fragte , bei welcher Gelegenheit er in so dringender Gefahr gewesen sei . Der Marschall hatte jetzt Veranlassung , Leonins Verdienst hervor zu heben , welches er mit der höfischen Vorsicht that , welche es vermeidet , eine Meinung bestimmen oder lenken zu wollen und nur , wie von dem Gegenstande gezwungen , die Dinge vorzutragen scheint . Der König glaubte durchaus seine Ansicht hierüber dem Hofe entzogen und seiner Willkür überlassen , während schon Alle sicher waren , Leonin werde sich eines gnädigen Empfanges zu erfreuen haben . Doch täuschte Ludwig , erfindungsreich in Nüancen des Ceremoniels , welches immer mehr zur karrikaturartigen Uebertreibung ausartete , auch hier seine Höflinge . Zwar durfte Leonin die geweihte Schwelle des königlichen Audienzzimmers betreten und in die Reihen der gleich berechtigten Cavaliere treten ; aber der König schien ihn dennoch nicht zu sehen , obwol er bei seinen verhängnißvollen Wanderungen ihn sehen mußte . Als er jedoch an dem Marschalle von Louxemburg vorüber schritt und dessen besonders bekümmerte Miene sah , rief er : » Ah , Marschall , wir sollten den Retter Ihres Lebens kennen lernen ! « Leonin beugte das Knie ; der König betrachtete ihn einen Augenblick stumm , dann hieß er ihn aufstehen und jetzt sprach er zu ihm , wie zu einem völlig fremden , nie gesehenen Manne ; und indem er seine Handlungsweise lobte , verrieth doch nicht die kleinste Aeußerung , daß er ihn je früher gesehen habe . So demüthigend dies war , mußte Leonin es doch für eine Gnade ansehen ; auch erhielt der Herzog für ihn ohne Einwendung die Bestätigung zu einer Oberstenstelle , die ihn jedoch nicht von der Person seines Generals trennte . Die Königin empfing ihn dagegen ohne alle Zeichen der Empfindlichkeit . Viktorine nahm ihren Platz unbestritten bei ihr ein , und niemals hätte sie den Gatten derselben zu kränken vermocht . Dazwischen sehen wir Leonin , sobald er Muße finden kann , den Weg nach St. Sulpice einschlagen . Mit unbeschreiblicher Bewegung erreicht er das Gitterthor ; aber als es ihn einläßt , verfolgt er nicht den Weg nach dem Stiftshause , sondern wendet sich links und hat sich bald in die Klostergänge verloren , in denen ihm ein voran schreitender Laienbruder die Zelle Fenelons öffnet . Tief athmend bleibt Leonin auf der Schwelle stehen . Es ist gegen Abend - die Sonne scheint mild durch Rebengeländer in das geöffnete Fenster . Auf einem hölzernen Stuhle sitzt Femelon vor einem einfachen Tische , mit Büchern und Schreibgeräth bedeckt . Auf einem Bänkchen neben ihm steht ein Knabe von sieben Jahren und liest nach Fenelons Anweisung in einem lateinischen Breviere . Der Knabe wendet ihm den Rücken zu ; aber er darf nur den reichen Heiligenschein goldbesäumter , brauner Locken sehen , um zu wissen , daß vor ihm Fennimors Sohn steht ! Fenelon streckt dem Erwarteten , über den Knaben hinweg , die Hand entgegen . Auch dieser hört den Eintretenden ; er blickt zu seinem Lehrer auf , dann wendet er rasch den Kopf , sieht den Fremden und ist mit einem Satze von dem Bänkchen gesprungen . Außer sich , aber stumm vor Bewegung , steht Leonin vor seinem Sohne ! Er wagt nicht , ihn an sein Herz zu drücken ; die maaßlose Wonne , die ihn bei seinem Anblicke durchströmt , ist zugleich der wahnsinnigste Schmerz . Es sind Fennimors tiefblaue Augen ; das zarte Oval mit dem süß gerundeten Kinne ; dieser volle , lächelnde , blühende Mund mit den kleinen , weißen Zähnen , dieser Ausdruck zwischen Ernst und Schelmerei , dieser bezaubernd warme Farbenglanz ! So sah er ihr Antlitz , als sie noch auf der Grenze der Kindheit ihm zuerst entgegen trat ! Der Knabe trug ein offenes Hemd , das über Schultern und Brust aufgeschlagen war wegen der Wärme des Tages und besonders anmuthig zu einem Pagenkleide von blaßblauer Seide paßte . So wie er seinen Satz gemacht hatte , griff er nach seinem Barett und machte dann eine der kleinen , zierlichen Verbeugungen , die kein Tanzmeister und Erzieher lehrt und die nur aus der Schönheit des Körpers - aus dem befiederten Geist eines Kindes hervorzutreten vermögen . Es war wieder Fennimors unaussprechlich schwebende Anmuth , ihr wunderbarer Pathos zugleich ! » Faßt Euch , « sprach Fenelon mild - » und umarmt dies Kind Eurer seligen Freundin . - Reginald , « fuhr er fort , sich zu ihm wendend , » dieser Herr ist Dein Vormund , den Du so liebst , weil er Dich hier erziehen läßt . « » Das dachte ich ! « rief Reginald - und im Augenblicke sprang er Leonin um den Hals . Jetzt hatte er ihn im Arme ! An seine Brust gedrückt , durfte er ihn küssen , ihm die süßesten Namen geben - über ihm die ersten Thränen der lang vertrockneten Augen weinen ! - - Wir erzählen indeß , wie er hierher kam . - Als Reginald sein viertes Jahr zurückgelegt , erklärte der Vikar Emmy Gray ' s Dienst bei ihm erledigt . Er predigte tauben Ohren . Sie wollte das Kind nicht herausgeben , und faßte den finstersten Haß gegen den Vikar und seine Schwester , die sie zu diesem Schritt in Güte bereden wollten . Reginald hatte sich körperlich und geistig kräftig entwickelt ; aber Emmy hielt ihn wie einen Vogel im Käfig , und da sie selbst weder schreiben , noch lesen konnte , so waren auch diese ersten Grundlagen dem Kinde nicht von ihr beizubringen . Aber gerade , weil sie gegen diese Einwürfe nichts zu erwiedern wußte , verbaute sie ihren Willen mit dem hartnäckigsten Eigensinne ; und die Geschwister , die Fennimors Kind nicht aufgeben konnten , wendeten sich an den Grafen Crecy selbst , obwol dieser noch bei der Armee war . Dies brachte einen Entschluß in Leonin zur Reife , den er schon lange genährt . Er trat mit Fenelon über die Erziehung seines Sohnes in Unterhandlungen . In St. Sulpice wurde eine kleine Anzahl Kostgänger aufgenommen , die den sehr ausgezeichneten Unterricht der Mönche und ihre moralische Leitung genossen . Unter diese Zahl Reginald aufzunehmen , flehete Leonin Fenelon an . Doch fand er hier den auffallendsten Widerspruch . Fenelon äußerte die entschiedenste Abneigung , sich in diese geheime Angelegenheit zu mischen . Er sagte ihm , daß es ihm unerträglich sei , ein Geheimniß , von dem Viktorinens Lebensglück abhinge , zu kennen , und daß er wenigstens nichts damit zu thun haben wolle , da er es nicht habe verhüten können , so Viel davon zu erfahren . Doch Leonin ließ nicht nach in seinen Bitten , und endlich willigte Fenelon ein , aber nur unter folgenden Bedingungen : Niemals sollte Viktorine das Verhältniß des Kindes zu Leonin erfahren - niemals dies Kind selbst , daß Leonin sein Vater sei ! Er unterstützte diese Forderungen durch Gründe , die genugsam bewiesen , daß selbst dem aufgeklärtesten Katholiken immer die Stunde schlägt , wo er in dem Dünkel seiner ihm allein berechtigt erscheinenden Kirche die Grenze findet für christliche Gesinnung ; daß vornämlich der Priester stets darauf zurückkommt , jede andere Form des Bekenntnisses , als die seine , für unzuläßlich , ohne bindende Kraft anzusehen , und daß die Entscheidung über Rechte - wie klar sie auch christlich und sittlich der andern Kirche zugehören mögen - doch immer die Stütze der ausschließenden Berechtigung entbehren wird , die eben , als untrüglich angenommen , keiner Frage des Gewissens mehr unterworfen wird , und mit der angewöhnten Ueberzeugung zugleich die kaum eingestandene Furcht vor den Zwangsmitteln dieser Kirche verbindet , mit welcher die kleinste Abweichung von ihrer konsequenten Despotie sogleich unrettbar entzweit . Fenelon deutete wirklich an , daß er Leonin ' s erste Verbindung nicht für gültig halten könne ; darüber aber dennoch Viktorinen , als ihr Beichtiger , die Entscheidung erspart wissen wolle . Er forderte Leonin auf , dies Kind vortheilhaft zu dotiren ; doch durch keine weiteren Zugeständnisse sein Gemüth in falsche Richtung zu bringen - und Leonin gab nach ! Der Vikar bekam Fenelon ' s Brief und Leonin ' s Entscheidung . Herr St. Albans , der bejahrte Kastellan von Ste . Roche , entführte halb mit Gewalt das holde Kind den Armen der verzweifelnden Emmy Gray und lieferte dasselbe in die Fenelon ' s. Leonin ließ Emmy die Wahl , zurückzukehren oder zu bleiben . Doch wild wies sie den ersten Vorschlag von sich . Sie hatte Nichts geliebt , als Fennimor ; - mit Widerwillen dachte sie an John Gray , ja , selbst an ihre kleine Tochter . Sie sagte oft : » Ich kann Nichts mehr lieben ! Was sollen sie mit mir ! « Sie blieb im Schlosse und bewachte die Zimmer , in denen ihr Liebling einst gelebt und hütete sie , und blieb der ganzen übrigen Welt unzugänglich und bitter grollend . Dagegen blühete das herrliche Kind unter Fenelon ' s weiser Hand trefflich empor . Er stürzte sich auf den Unterricht , den er erhielt , mit der Begierde eines Hungrigen ; und sein Lehrer fühlte bald eine so warme , innige Zärtlichkeit für ihn , daß er ihn in Allem selbst zu unterrichten anfing . - Nachdem Leonin den Rausch des Herzens durchgemacht , theilte ihm Fenelon mit , daß Viktorine , die ihre Andacht in St. Sulpice hielt , ihn gebeten habe , ihren Sohn den Kostgängern des Klosters zuzugesellen . Er habe die Entscheidung hinzuhalten gesucht bis zu seiner Rückkehr und frage jetzt um seine Meinung . Augenblicklich willigte Leonin in diesen Plan , der ihm eine süße Hoffnung gab , die Brüder vereinigt zu erziehen , vielleicht Freunde aus ihnen werden zu sehen . » Dies hoffnungsvolle Kind , « sprach Fenelon - » hat Viktorine mit dem Wunsche erfüllt , beide Knaben mit einander verbunden zu sehen , da Ludwig , ihr Sohn , von zarterer Natur und von geringeren Fähigkeiten ist . « Diese Nachricht war der erste Trost für Leonin ' s darbendes Herz , und er kehrte mit so verändertem Wesen zu Viktorinen zurück , daß diese sich tief gerührt fühlte , da sie es dem Vergnügen glaubte zurechnen zu müssen , mit welchem Leonin ihren Plan für die Erziehung ihres Sohnes auffaßte und mit ihr die Ausführung desselben verabredete . » Gottlob er liebt sein Kind noch ! « rief sie in Thränen der Freude , als sie allein war ; » dies Gefühl wird die Brücke werden , die über die Tiefe zwischen uns aufsteigen und sie verdecken muß ! « Auch gab es außerdem Familienfeste , denen Leonin sich nicht entziehen konnte . Louise de Crecy sollte jetzt mit dem Marquis d ' Anville , der den Feldzug mitgemacht und nach dem Frieden zu seiner Familie zurückgekehrt war , vermählt werden . Das Glück , das ihrer wartete , schloß Louise nur noch inniger an ihren Bruder . Sie konnte es nicht fassen , warum ihr sonst heiterer , immer mit ihr scherzender Leonin so finster und ernst sei . Sie hing sich mit der jugendlichen Hoffnung an ihn , sie werde ihn erheitern können , und Leonin mußte sich wenigstens in Etwas theilnehmend zeigen , um das geliebte Wesen nicht zu schmerzlich zu täuschen . Er durfte sich überhaupt diesen Anforderungen nicht entziehen , da es ihm , als Oberhaupt der Familie , zukam , seiner Schwester die Honneurs zu machen . Man konnte in dieser Zeit nichts Schöneres sehen , als den Marquis d ' Anville mit seiner Braut , und der Hof nahm selbst den schmeichelhaftesten Antheil an dieser Erscheinung , welche Lebrun in einem ausgezeichneten Bilde verewigte . Nach den vollzogenen Vermählungs-Feierlichkeiten beurlaubte sich das junge Ehepaar vom Hofe , und Leonin hatte nun Zeit , für seinen Sohn die Einrichtungen in St. Sulpice zu betreiben . Bald zeigte sich die geheime Hoffnung Leonins erfüllt . Beide Knaben schlossen sich mit größter Liebe an einander , und besonders hatte Ludwigs Liebe fast etwas Leidenschaftliches und Schwärmerisches für Reginald ; denn , sei es das eine Jahr , was dieser älter war , sei es ihre auffallende Karakterverschiedenheit , genug , ungesucht wurde ihr Verhältniß das eines Beschützers und eines Beschützten . Wir verlassen hier den Kreis , den wir bisher Schritt vor Schritt verfolgten . Es kommen in dem Leben jeder Familie Zeiten vor , die leer erscheinen und erst mehrerer Jahre bedürfen , um Resultate zu zeigen . Eine solche trat hier ein . Es wird weniger ermüdend sein , uns aus den angegebenen Stellungen der Karaktere und der Verhältnisse , die wachsenden Zustände selbst zu erklären , als ihnen an der kleinen Stufenleiter reizloser Begebenheiten nach zu klimmen - und so wollen wir erst da wieder unsere Mittheilungen beginnen , wo wir Thatsachen anführen können , die ein Resultat der Vergangenheit sind und neue Katastrophen herbeiführen . Dritter Theil Obwol Fenelon nicht mehr persönlich die Erziehung in St. Sulpice leitete , da seine großen Fähigkeiten , nach mehreren , besonders durch den König ihm übertragenen Missionen , ihn jetzt zum Erzbischofe von Cambray berufen hatten , so behielt er dennoch ein leitendes Auge für die dortigen Angelegenheiten , und vor Allem für Reginald und Ludwig - er erklärte die Erziehung der beiden jungen Leute für vollendet ! Reginald hatte sein einundzwanzigstes , Ludwig sein zwanzigstes Jahr erreicht ; Fenelon fügte als Rath für Beide hinzu , sie nicht zu trennen , sondern vereinigt , wie ihre Herzen waren , sie auch gemeinsam auf Reisen zu schicken . Dieser Vorschlag ward von dem Grafen Crecy und seiner Gemahlin mit vollständiger Zustimmung aufgenommen ; - er verschob für den Grafen den gefürchteten Augenblick , den Jüngling Reginald , der unter dem Titel des Chevalier de Ste . Roche , als sein Mündel , bis jetzt noch von jeder Nachfrage seiner Verhältnisse abgehalten war , zu einem neuen Lebensabschnitte geführt zu sehen , der die fast nothwendige Frage enthalten mußte , welcher Platz ihm zustehe , in der Welt einzunehmen . Obwol der Graf Crecy einundzwanzig Jahre Zeit gehabt hatte , diesen Augenblick zu überlegen , so hatte er ihn doch , seinem Karakter gemäß , heranschleichen lassen , ohne für seine Anfrage eine Antwort finden zu können ; und gänzlich beruhigt durch die Freigebigkeit , mit der er beide junge Leute gleichmäßig ausstattete , war er sich nur bewußt , diese sorglose Freiheit des Reichthums ihm erhalten zu wollen , die nöthige Form , in der sie ihm zu erhalten wäre , von seinem alten Troste , dem Zufall , erwartend . - Wir müssen annehmen , daß seine Gemahlin ebenfalls Gründe hatte , sich mit Fenelons Rath einverstanden zu erklären , da wir ihr großes Vertrauen zu ihrem ehemaligen Lehrer kennen ; doch hatte die geheime Geschichte der zurückgelegten zwanzig Jahre , bis auf einige Punkte , sie der Wahrheit immer näher geführt , und sie in Reginald einen Anspruch an ihren Gemahl anerkennen lassen , den sie leise zu schützen und zu fördern suchte , und dies unbezweifelt aus einem Triebe ihres Edelmuthes ; aber - wir müssen es gestehen - zugleich auch , um sich dadurch jede mögliche Erklärung oder Rechtfertigung abzuhalten ; denn hier fühlte sie beständig die Grenze ihrer Selbstbeherrschung . Sie zitterte sogar vor sich selbst bei dem Gedanken , dies unglückselige Geheimniß wirklich zu kennen , und sie war zweifelhaft , ob sie es ferner dann in Reginalds Erscheinung werde ertragen können oder dürfen ; da ihre Vermuthungen nie so weit gingen , die Rechtmäßigkeit seiner Ansprüche zu ahnen . So hatte denn der Graf Crecy volle Freiheit , die Dinge sich von selbst machen zu lassen , und fand sich sogar überall von seiner . Gemahlin hierin unterstützt . Die auffallende Thatsache , daß Reginald den Namen der besonders dem Grafen gehörenden Besitzung Ste . Roche führte , schien ihr nie auffallend . Sie zählte Reginald so bestimmt zu ihrem Hausstande , nahm so fest an , daß jene Besitzung ihm gehöre , ohne diese merkwürdige Annahme je entschieden auszusprechen , daß damit viele andere Nachfragen , nach den Eltern oder den Berechtigungen Reginalds , von selbst wegfielen . Auch mußte die Marschallin von Crecy bei diesen Verfügungen , die sie anfänglich mit dem größten Zorn erfüllten , da sie ihr den unberechtigten Jüngling , dessen größeres Recht sie hartnäckig vor sich läugnete , viel zu sehr begünstigten , endlich verstummen . Denn nachdem ihre Schwiegertochter jede Anregung darüber überhört hatte , traf sie bei einem direkteren Angriffe hier auf einen so maaßlosen Ausbruch von Zorn und Heftigkeit , mit so drohenden Aeußerungen verbunden , daß sie schnell einsah , eine deutlichere Erklärung würde die Gemahlin ihres Sohnes zu den äußersten Schritten treiben , - sie würde sogar glauben , sie thun zu müssen - und die Marschallin hatte kaum noch Zeit , indem sie jede erfahrene persönliche Beleidigung der Erzürnten übersah , beschwichtigend einzuschreiten , wodurch die junge Gräfin nun auch von dieser Seite völlig Ruhe bekam . - Mit zarter Hand hatte Fenelon dagegen seine edle Schülerin in dieser Prüfung zu leiten und zu schützen gesucht ; selbst die Beichte hatte nie den Namen für das Geheimniß des belasteten Herzens aufgedeckt ; allgemein war das Vertrauen des tief wohnenden Schmerzes , allgemein der Trost des würdigen Freundes ! Beide kannten sich vollständig , und es fehlte ihnen in dieser schonenden Form nicht an ausreichendem Verständniß . - Nur der Gegenstand so vieler Vorsicht und Selbstüberwindung blieb völlig unbefangen und sorglos , diesen Verhältnissen gegenüber . Er sah sich als eine Waise an , dessen Eltern der Graf Crecy gekannt , und daher sein Vormund und Verwalter seines Vermögens , wofür er die Besitzung Ste . Roche hielt , deren Namen er trug , geworden war . Mit kindlicher Liebe hing er an dem Grafen Crecy , aber fast noch mehr an der Gräfin ; denn das düstere , gedrückte Wesen seines Vormundes paßte viel weniger zu seinem raschen , glühenden Feuergeiste , als der lebhafte Geist der Gräfin . Auch liebte die Gräfin ihn wirklich ; sie liebte ihn mit der schönen Unparteilichkeit , die sie seine seltenen Fähigkeiten erkennen ließ ; sie liebte ihn zugleich als den Freund , als den Beschützer ihres eigenen Sohnes , der mit einer zarteren physischen Bildung , auch geringere geistige Gaben besaß . Dieser Jüngling lebte nur von der befruchtenden Glut seines geliebten Reginald ; er ward ergänzt , getragen , belebt durch ihn , und seine scharfblickende Mutter sah bald den ganzen Vortheil dieser innigen Verbindung , und war Reginald in der Stille dankbar für einen Dienst , den jener nicht ahnte , und den beide Jünglinge durch ihre innige Zuneigung für einander sich bezahlten . Nur ein Wesen gab es in dieser friedlichen Ausgleichung , welches , jedem friedlichen Zustande zürnend , am wenigsten ihn einem Hause gönnte , dem es grollend gegenüber blieb - es war der Marquis de Souvré , welcher trotz Alles , was er erreicht , sich doch noch nicht genug gethan hatte und nie das Auge von der Hoffnung abwendete , mit einem plötzlichen Schlage die Mine , die , von Allen so sorgfältig verdeckt , dennoch unter ihren Füßen weglief , dereinst in die Luft sprengen zu können . Er war , wie zu erwarten stand , durch zunehmende Jahre nur verhärteter und böswilliger geworden ; von tausend ehrgeizigen Plänen verscheucht , verachtete er Alles , was er erreicht , um seine vollständige Bitterkeit gegen die Welt fortsetzen zu können . Er rächte sich für jede ihm fehlgeschlagene Absicht an der ganzen Summe der menschlichen Gesellschaft ; das Individuum galt ihm fast gleich ; denn jedes Gelingen beleidigte ihn , und er trat demselben entgegen , so viel es möglich zu machen war . Ja , dies ward nach und nach eine größere Beschäftigung für ihn , als seine eignen Angelegenheiten , da er , ohne es sich einzugestehen , den Fluch der Sünde erfuhr , gegen alle erstrebten Vortheile mit Gleichgültigkeit und Ekel erfüllt zu sein . Seit dem Tode der Königin machte er Madame de Maintenon den Hof und gehörte zu ihrem kleinen Zirkel , hier eben so , wie früher bei Madame Henriette und der Königin , gefürchtet und geschont . Er hatte den heiligen Geistorden und den Kammerherrn-Schlüssel , und Ludwig der Vierzehnte verfehlte niemals , wenn er ihn sah , zu sagen : » Was hat uns unser geistreicher Herr Marquis mitzutheilen ? « Er mußte sich selbst eingestehen , er werde es schwerlich höher treiben , und deshalb gewann sein Karakter in der angedeuteten Richtung Stärke und Dauer , und die Menschen blieben ein tief von ihm verachtetes Werkzeug , mit dem er sich herabließ , nach Laune und Willkür zu spielen . Wir werden begreifen , daß der Marquis de Souvré aus dem Leben gemacht hatte , was er als seinen Inhalt annahm , und daß seine ganze Erfahrung eine fortgesetzte Bestätigung dieser Annahme schien . - Nur einen Punkt in seinem Leben gab es , an den er nie ohne ein unfreiwilliges Erschrecken denken konnte ; - es war die Erscheinung Fennimors ! - Wie sehr er sich auch bemüht hatte , ihre wunderbare Ueberlegenheit zu verläugnen , sie gering zu schätzen , sie zu bespötteln und zu verachten , es zeigte sich Alles unzureichend , wenn in unbewachten Stunden der Augenblick vor ihm auftauchte , wo sie vor ihm stand , wie ein leuchtender Engel mit dem feurigen Schwerte der Gerechtigkeit , und mit ihrem erhabenen Mitleiden und religiösen Grauen ihm ein Bild seines eigenen Zustandes vorhielt , in dem er sich , überwältigt von der furchtbaren Gewalt der Wahrheit , erkannt hatte , und vor dem ihn eine stets geläugnete Ueberzeugung seiner Verworfenheit ergriffen hatte . Er erlebte , ohne es hindern zu können , die Strafe , sich an jedes Wort , jeden Zug ihres Gesichtes , jede Bewegung erinnern zu können . Er mußte der Erscheinung in seinem Innern , wie gefesselt stille stehen ; er hörte den Ton ihrer Stimme , er mußte sie begleiten , bis sie vor seinen Augen , wie er damals glaubte , starb . Er hatte nie Aehnliches erlebt - dieser Tod hatte ihn nicht befriedigt , nicht an ihr gerächt ; es schien umgekehrt - er lag wie eine Rache , die er erlitten , in seiner Seele . - Er selbst war von diesem Platze entflohen , von einer Macht in die Flucht geschlagen , die stärker war , als er ; er nahm die ganze Last einer Verwerfung und Herabwürdigung mit sich , die er nie zu erleiden gedacht , und er nahm sie mit , ohne sich seiner Empfindung nach gerächt zu haben . Kam Souvré Jahrelang nachher an diesen Punkt seiner Erinnerung , fuhr er in die Luft , wie von dem giftigen Bisse eines Skorpions verletzt . Er konnte es kaum fassen ! Da es aber dasselbe blieb in seiner Ueberzeugung , warf er prüfend den Blick umher und suchte den Gegner zu entdecken , der mit diesem unverscheuchbaren Eindrucke seiner Seele zusammen hing . Er fand ihn nur zu bald in dem Hoheit blickenden Jüngling mit den tief blauen Augen und dem braunen , goldbesäumten Heiligenscheine seines Lockenhaares . Wenn dieser Jüngling , der ihn beständig reizte , alle Dämonen seines frivolen Geistes spielen zu lassen , ihn dann plötzlich ernst und ruhig anblickte , fühlte er den Blitz , den Fennimor einst über ihn entzündete ; und wenn er ihn hassend und zürnend doch selbst zu locken schien , als ob der Dämon in ihm unter den Augen dieses Jünglings in Zuckungen verfiele , so gelobte er sich eben so oft , diese einzige Gewalt seines Lebens , die ihm ungebeugt gegenüber gestanden , sollte dennoch von ihm gebrochen werden . Dies blieb auch das wohl befestigte Band zwischen ihm und der Marschallin von Crecy . Beide waren auf der Geistesbahn , die sie erwählt , nicht stehen geblieben . Bitter grollend stand die Marschallin , eben wie Souvré , der Welt gegenüber , die es gewagt , statt siegreichen Gelingens , ihr so viel gescheiterte Pläne und Wünsche zu geben . - Obwol jetzt in hohem Alter , hatte sie noch keine Schwächen desselben zu erleiden ; und verknöchert in den Formen ihres Hofdienstes , schien sie fast dieselbe zu bleiben . Aber wo war der Glanz ihres Hauses , den ihr Sohn um jeden Preis aufrecht erhalten sollte ? Niemals hatte derselbe seinen Hofplatz wieder eingenommen , also auch sein Ansehen in den Zirkeln , die sie einst beherrschte , nie wieder erlangt . Seit dem Tode der Königin lebte ihre Schwiegertochter ebenfalls ganz vom Hofe entfernt ; und da Leonin dem Marschalle von Louxembourg nicht wieder in den Krieg gefolgt war , setzten Beide ein , wie es der Marschallin schien , höchst unwürdiges Privatleben fort , das sie vergeblich zu verändern getrachtet hatte und nur von Zeit zu Zeit wieder zu stören versuchte , um mit derselben beleidigenden Ueberzeugung sich zurück zu ziehen , daß ihr Einfluß hier an dem finster grollenden Eigensinne ihres Sohnes und der kalten Ruhe ihrer Schwiegertochter scheitern müsse . Dessen ungeachtet entzogen sich Beide der Geselligkeit in dem Hause der Marschallin nicht , und scheinbar blieb das vollkommenste Einverständniß . Aber wenn die Marschallin , von immerwährender Mißbilligung gereizt , bedachte , wem sie das Scheitern aller ihrer ehrgeizigen Pläne danke , dann kam sie scharfsichtig kombinirend endlich zu dem kleinen , unscheinbaren Punkte , den sie so tief verachtet ,