Pläne ersonnen , zerstreuten ihn bis zur kindischsten Sorglosigkeit und Albernheit die kleinsten Interessen der Geselligkeit und Eitelkeit . Dagegen trat Membrocke , der sich in seinem Betragen gegen ihn eine gewisse vornehme Zurückhaltung zum Grundsatz gemacht hatte , mit einer sehr merklichen Verstärkung dieses Wesens vor ihm auf , so daß es endlich der Herzog , aus seiner Zerstreuung zu sich kommend , wohl merken mußte . Sogleich , wie vom Blitz von dem Gedanken getroffen , daß er ihm habe zürnen wollen , sprang er auch im Nu in diese Stimmung über . Ha , Mylord , rief er , hochroth vor Zorn , ich verstehe jetzt , warum Ihr ansteht , Euch freundlich und offen zu betragen ; Ihr fürchtet die Rechenschaft , die Ihr mir abzulegen habt . Sprecht augenblicklich , wo habt Ihr sie ? Was habt Ihr gewagt gegen meinen Willen zu thun ? Ha , gegen meinen Willen ! Ihr sollt es fürchterlich beklagen , - gegen meinen Willen ! Bösewicht ! Verräther ! Halt ! überschrie Membrocke die wüthende Stimme des Herzogs und drückte den Andringenden so überlegen zurück , daß jener mit versetztem Athem inne halten mußte . Ich bin nicht gesonnen , hier in Eurem Kabinette eben so der Spielball Eurer ungezogenen Launen zu sein , wie Ihr bei der Angelegenheit mit dieser Dame gewagt habt , mich außer diesem Hause umher zu jagen . Von Euch begehre ich Rechenschaft ! Warum habt Ihr diese Dame , die ich als ein wahrer Edelmann geschützt und behütet habe , meiner Sorgfalt entzogen ? Warum mich auf das Unnützeste umherziehen , Euch überall vergeblich erwarten lassen ? Bis ich endlich , gegen Euern Willen ohne Zweifel , den einzigen mir zusagenden Ausweg ergriff , hierher zu gehn und von Euch selbst Rechenschaft zu begehren . Ihr erwartet ein freundliches Gesicht , da ich Euch in tiefem Frieden mit Euch selbst beschäftigt finde , wahrscheinlich ohne Gedanken daran , daß Ihr mich umher jagtet , fast bis zum Augenblicke , wo Euer mir gemachtes Reiseanerbieten nicht mehr ausführbar gewesen wäre und das Meer uns zu trennen die Güte gehabt hätte . Nein , nein ! rief Buckingham hier , ernst und besorgt blickend , es ist Alles nicht so , wie Du sagst . Laß uns das Geschwätz von Vorwürfen enden , damit wir zur Wahrheit kommen ; es ahnet mir , wir sind beide betrogen , und eine Verständigung unter uns ist nöthig . Nimm mein Wort , Du hast seit meinem letzten Briefe zu Burtonhall keinen weitern Auftrag von mir erhalten . - Aber drei Mal die Chiffern , die Deinen bestimmten Willen andeuten , welche ein Mal mich Deine Nichte in andere Hände übergeben ließen und zwei Mal mich zu vergeblichen Rendezvous führten . - Wir sind betrogen ! fuhr Buckingham wild auf . Wo sind die Chiffern ? Man hat Dich getäuscht . Voll Ungeduld habe ich die Anzeige Deiner Rückkehr und der Sicherheit Deiner Schutzbefohlenen abgewartet . Erzähle schnell ! Eben so schnell müssen die Mittel ergriffen werden , dies Bubenstück zu entlarven . Ha , von woher kann mir dies kommen ? Glaubst Du von den Nottinghams ? Doch nein ! Sie hätten sie Dir mit dem Degen in der Faust abgenöthigt , größere Feinheiten kennen sie nicht . Auch haben sie nicht unterlassen , diese Feinheit gegen mich zu versuchen , und nicht ich habe es gehindert , sondern Deine erhabene Nichte selbst . - Sie selbst ? schrie Buckingham , halb lachend ; hattest Du sie schon am Angelhaken Deiner schönen Augen ? Wie , Du hast gewagt , sie in Dich verliebt zu machen ? - Ich würde es nicht gehindert haben , sei gewiß , wenn meine Reize dies Wunder bewirkt hätten . Doch dies Mal kann ich bei meiner sonstigen ziemlichen Wahrnehmung aller Schattirungen weiblicher Entzückung , die meine unwiderstehliche Person hervor zu rufen vermag , nicht anders , als eingestehn , daß ich auf den ersten , schwachen Anfang vergeblich gewartet habe . Sie hat mich vom ersten bis zum letzten Augenblick mit Mißtrauen behandelt , und nur ihre unbegreifliche Klugheit lehrte sie , während der Reise ihr hochmüthiges Zurückstoßen in eine kalte Höflichkeit umzuändern , womit sie mir die einzige Gelegenheit zur Vertraulichkeit abschnitt ; denn ich hatte mich jetzt nicht einmal über irgend etwas gegen sie zu beklagen . - Ganz natürlich , fiel Buckingham hier ein , Deine unbegreifliche tolle Art , ein Verhältniß mit ihr anzuknüpfen , mußte diesen Phönix , in dessen Adern das stolzeste Blut von England fließt , empören und Dir den Stab brechen . Weiberkenner ! spottete er , dies Mädchen war zu hoch für Deine verbrauchten Theorien ! Thor , rief Membrocke ärgerlich , hättest Du mir neue Lehren geben wollen ? Sie gehörte nicht zu denen , die ich durch Launen , Uebersehn , Quälereien und einen eingestreuten Sonnenblick der Anbetung besiegen konnte ; sie hätte das Alles nicht bemerkt , und ihre unbegreifliche Hoheit - ich muß es Dir gestehn - machte sie von Niemand abhängig . Aber wenn ich sie nach dieser Ueberzeugung unter die zweite Rubrik der Frauen stellte , mußte ich aus meiner Gemächlichkeit heraus , und ihr Verzweiflung , Wahnsinn , bleiche Wangen und todte Augen zeigen . Ha , hätten Euer Liebden bessern Rath gewußt ? Ich habe noch keine Frau gekannt , die dies lange mit ansah und nicht wenigstens durch einen holden Blick voll Theilnahme lindern wollte ; keine fast , die mit diesem ersten Blicke , den ich blos der Tugend und Menschlichkeit verdankte , nicht mein Eigenthum geworden wäre . Diese armen Kreaturen fühlen sich so gering , und sehen uns so allgewaltig und unabhängig über sich , daß sie dem Wahnsinn nahe kommen , wenn wir den Glauben in ihnen erwecken , unser Leben , unser Glück , hänge an der Richtung und dem Schimmer ihrer schönen Augen . Habe ich etwa Unrecht ? Kanntest Du eine Tugend , die nicht eben dieser ihrer Tugend zum Opfer ward ? - Aber meine Nichte , lachte Buckingham , meine Nichte ! Hat der erhabene Kenner weiblicher Herzen , vor dem ich armseliger Schüler mich beugen muß , hat er eine dritte Rubrik für die Nichte des stolzesten Herzogs erfinden müssen ? Was sagte sie zu dem Fußfall , zu dem Wahnsinn , zu den bleichen Wangen und todten Augen ? Membrocke riß ärgerlich den Mantel um die Schulter , und sich im Sessel dehnend , rief er : So viel unnütze Bemühung ! Sie schalt mich wie einen Schulknaben und sah mich später so wenig an , daß es gleich war , ob ich roth oder blaß aussah . Hätte ich Kühneres gewagt , sie hätte ihren Hund auf mich gelassen und die kleinste Unbesonnenheit brachte mich gleich in Gefahr , den tugendhaften Nottinghams verrathen zu werden ; denn ihr Widerwillen , mir nur ein heimliches Wort zu gönnen , war durch die größte Zurückhaltung nicht mehr zu überwinden . Göttlich , göttlich ! rief Buckingham und rieb sich voll Freude die Hände , als ob er nicht grade das Gegentheil gewollt , und mit dem tollsten Leichtsinne Ehre und Tugend seiner Nichte an den verdorbensten Mann , den er kannte , gewagt hätte . Aber , rief er plötzlich , nun mußtest Du Gewalt gebrauchen , sie zu entführen , oder sollte sie dem Briefe gefolgt sein ? So war es , erwiederte Membrocke . Sie glaubte früher nicht an meine erdichtete Verbindung mit ihrem in ein fabelhaftes Dunkel gehüllten Oheim ; aber der unbegreifliche Umstand , daß sie seinen Namen nicht kannte , nachdem ihr die Nachforschungen der Nottinghams bewiesen , es sei kein Graf von Marr , machte sie empfänglich für den Namen Saville , den ich unterschob , da ich vermuthen mußte , die Familie könne ihn gelegentlich bezeichnen , als in Bristols Angelegenheiten bös verwickelt . Mißtrauen gegen mich und Furcht , den zu verrathen , den sie anbetet , und den ich bei ihrem ersten Worte an die Familie zu entdecken drohte , hielten sich die Waage und ließen sie allein dies Einverständniß mit mir ertragen ; aber unmöglich wäre es mir geworden , sie auf mein Wort zu einer Flucht zu bewegen . Da kam der Brief ! Erschüttert ward sie gewaltig bei seinem Anblick , aber es blieb etwas in ihr zurück . Die Handschrift hatten wir getroffen , nicht so den Ausdruck , die Art und Weise , woran sie gewöhnt war . Ihr Gefühl ward dadurch unterbrochen , zurückgedrängt , doch - lache nur ihrer Unschuld ! - das Siegel des Ringes entschied . Sie weiß noch nicht , daß man auch unfreiwillig durch Ringe solche Zeichen versenden kann . Genug , dies war seine Hand . Sie ließ sich seitdem von mir leiten . Auch sagte sie mir später , bemüht , mich zu ihrem eigenen Trost zu rechtfertigen , die Frau Herzogin selbst habe den Namen Saville in einer Unterredung mit Lord Richmond als einen Feind des Grafen Bristol bezeichnet . Du kannst denken , daß sie überzeugt war , den rechten Weg zu gehn , denn sie bestand den harten Kampf gegen Richmond und Ormond , welche uns verfolgten , ihre Flucht zu vertheidigen und sich in ihrer Gegenwart aufs Neue meinem Schutze zu übergeben . Die Tugendhelden zogen ab , drohend und lärmend und von meinem Betragen , welches Kälte und Ruhe leicht zu spielen hatte , aufs Aeußerste verletzt . Sie hatten mir doch Schaden gethan ; denn da ich mich den ganzen Tag von ihrer Sänfte entfernt gehalten , sagte man mir am Abend , die Lady sei krank . Sie hatte ein brennendes Fieber , und ich war froh , sie der Hülfe jener Abigail überlassen zu können , deren Haus wir bald erreichten . Dort kostete sie mir eine schlaflose Nacht ; denn sie schien todtkrank , und ich glaubte unsere Reise unterbrochen . Gleichwol ließ sie mich am andern Morgen rufen . Ich fand sie zwar bleich und mit verweinten Augen , aber völlig angekleidet und zur Abreise fest entschlossen . Ja , sie dankte es mir sogar , als ich ihr bald darauf meldete , daß die Abreise vor sich gehen könne . Obwol sie sichtlich litt , that sie sich doch die größte Gewalt an und bestieg sogar für die Hälfte des Tages ihr Pferd , welche Bewegung , so wie der Genuß der freien Luft ihr sehr wohl that . Wir hatten am Abend Sir Patricks Schloß erreicht , wo sie sich , wie immer , nur um Ruhe und Alleinsein bittend , zurückzog . Als ich am Abend aus den innern Gemächern Patricks trete , schlüpft eine kleine graue Gestalt über die Gallerie und übergiebt mir einen Brief . Er war von Dir ! - Nein , nein , er war nicht von mir ! schrie Buckingham . - Eine Deiner unverschämten Chiffern . - Und welche ? rief Buckingham gespannt . - Sieh und gehorche ! Darunter von fremder Hand , daß ich die Lady zur selben Stunde an Patrick übergeben solle , mit dem Befehl , den Begleitern , die Du am andern Morgen senden würdest , sie auszuliefern ; ich aber solle schnell in demselben Augenblick aufbrechen , und mich nach Rodwic-House begeben , wo ich Dich selbst in dringender Angelegenheit finden würde . - Und Du warst wahnsinnig genug , dies zu thun ? schrie Buckingham außer sich ; war es doch meine Handschrift nicht , wie konntest Du Dich so betrügen lassen ? Und wann hättest Du Dich je herabgelassen , Deine Befehle selbst zu schreiben ? erwiederte Membrocke finster . Wie oft habe ich solche thörichte Botschaften erhalten , wie oft hast Du wiederholt , daß diese Botschaften mit einer der bekannten Chiffern Deiner Unterschrift gleich geltend wären ? Hast Du in Thorheit und Leichtsinn sie verrathen , so trage nun die Strafe dafür , denn gewiß ist es , mehrere , wo nicht gar alle sind verrathen . Mich wenigstens haben drei umhergeneckt , aus einer Gegend des Königreichs in die andere , nach langem Harren wieder weiter , bis ich endlich selbst der Sache müde ward und , ohne mich an etwas anderes zu kehren , hierher kam . Fort , zu Patrick ! schrie Buckingham , mit beiden Beinen aufspringend ; laß Surveillant rufen , augenblicklich muß er fort , und Patrick soll her , lebend oder sterbend , gleich viel ; alle Chiffern sollen ins Feuer ! Ueberall sollen sie eingetauscht werden , wir müssen neue erfinden . Wer , wer hat dies gethan , wer hat dies wichtige Geheimniß errathen können , das nur wir beide wissen ? Wer sagt Dir , erwiederte Membrocke , daß die Nottinghams Dir nicht auf der Spur sind ? Glaubst Du , sie verkennen die Wichtigkeit der Person , wenn sie Ahnung oder Gewißheit haben ? Ich glaube es nicht , sagte Buckingham abweisend , dies ist eine Weise , zu der sie kein Geschick haben und daher die hohe Miene der Gradheit annehmen , wohinter jeder Dummkopf seine Beschränktheit verstecken kann . Sie hätten in Corpore eine Audienz gefordert , das Knie gebeugt und in Demuth gesprochen : Wir hatten die Ehre , einer Tochter Euer Gnaden das Leben zu retten , Lord Membrocke hat sie uns aber gestohlen , und so weiter und so weiter . Jetzt , glaube nur , schweigen sie aus Hochmuth ; sie schämen sich des ganzen Abenteuers . Aber laß mich jetzt , besorge Dir anständige Kleider und versuche es , des Glanzes nicht unwürdig zu erscheinen , der morgen mich umstrahlen wird . O könnte ich morgen Bristol eine Stunde hier haben zum Zeugen dieser Audienz ! Jetzt , jetzt nehme ich den Platz bei der schönen Henriette von Frankreich ein , den er schon mit einem Fuße bei seiner steifen Infantin inne hatte . Es wird Zeit sein , sagte Membrocke phlegmatisch , nach Orklei-Street zu fahren , Lord Marcliff hält dort ein Wettrennen zu Pferde , ich habe für ihn Partie genommen . Ich kann nicht sagen , ob ich Zeit finden werde , an morgen zu denken , Lady Hiacinthe will mich nach ihrem Landhause nehmen . - Und ich massakrire Dich , wenn Du nicht morgen erscheinst , wie ich will , rief Buckingham dazwischen und drohte Membrocke nach , der sehr anmuthig grüßend langsam aus dem Zimmer entglitt . Wenn Buckingham nicht fest überzeugt gewesen wäre , daß kein Mann der Erde sich ihm vergleichen könne , er würde einem argwöhnischen Gefühl nicht haben entgehen können , indem er Lord Membrocke am Tage der Audienz in einer so sorgfältigen und berechneten Toilette wiederfand , daß Lady Hiacinthe wahrscheinlich allein nach ihrem Landhause gefahren war , um der hierzu erforderlichen Geistesanstrengung Raum zu lassen . Doch Buckingham , voll kindischer Eitelkeit für sich selbst , übertrug diese auf seine Lieblinge , die er blos als Staffage ansah , als Träger des von ihm selbst abfallenden Glanzes . Und so lachte er vor Freude über Membrockes Galanterie gegen ihn , wie er ' s auslegte , und rief ihm blos eine Kondolenz für Lady Hiacinthe zu , die Membrocke mit einem so freundlich zerstreuten Gesicht anhörte , als läge ihm das Verständniß allzu fern . Doch Buckingham hatte sich verrechnet , wenn er sich als den Augenpunkt der ganzen Versammlung dachte . Er empfing durch die grausame Härte , womit er den todtkranken König herausgerissen , seine Strafe . Sein böses Fieber hatte den König lang von dem Anblick aller seiner Unterthanen getrennt , und sein Erscheinen unter ihnen erregte eine Theilnahme , einen Schmerz , der um so heftiger wirkte , da Alles sich hier zu einem Triumph des gefährlichen Mannes vereinigt sah , der als Quäler und Beleidiger des geliebten Monarchen angesehen ward . Entsetzlich war die Blässe seines Gesichts und die Abzehrung seiner Gestalt . Seine Schwäche machte ihn unfähig , allein sich aufrecht zu erhalten . Der Prinz von Wales stützte ihn , während Jakob nur zuweilen die müden Augen umher warf , und dann mit seiner alten , steifen Art die Hand ausstreckte und mit den Fingern sonderbar schnippte , was aber Alle , die ihn kannten und liebten , als freundlichen Gruß wohl verstanden , und was eine größere Bewegung unter ihnen hervorbrachte , als die rührendsten Worte es vermocht hätten . So ward aus dem glänzenden Triumphe Buckinghams eine höchst rührende Abschiedsscene von einem König , der viel Liebe genoß , und den man um so trauriger scheiden sah , als mit ihm nicht zugleich der scheiden wollte , den zu lieben , man als seinen einzigen Fehler , zumal in einem Augenblick , ansah , wo der Alles versöhnende Tod über der widerstandlosen Gestalt des alten Königs schwebte . Jeder erinnerte sich einer von ihm empfangenen Güte . Was man getadelt , seine Liebe zum Frieden , seine oft spöttelnde Gelehrsamkeit , seine Toleranz gegen die Katholiken , Alles diente jetzt zu seinem Lobe , und um die allgemeine Rührung und den Schmerz zu motiviren , den der Anblick der menschlichen Hinfälligkeit , ungeschützt von Purpur und Krone , einem Jeden hervorrief . Die zahlreiche , glänzende Versammlung drängte sich dem Throne zu , Jeder wollte noch einen Blick haben oder seine Hand , sein Gewand küssen ; Jeder kehrte mit Thränen sich weg , und Buckinghams Augen , welche allein trocken blickten , sahen nur erweichte , traurige Menschen , die wenigstens auf einen Augenblick unempfindlich geworden waren für den Neid und beschämten Stolz , womit er sie sämmtlich zu peinigen gehofft . Uebereilt , gedrängt und fast unbeachtet ging die eigentliche Audienz vorüber , und sonderbarer Weise schien ein unbedeutendes Ereigniß mehr Antheil zu erregen , als dieser lang vorbereitete Pomp . Einen Augenblick frei stehend , sein Gefolge hinter sich lassend , trat der französische Gesandte noch ein Mal dem König nah und bemächtigte sich seiner Hand , indem er ihm zwei Worte leise zuflüsterte . Der König stieß ihn fast zurück , krampfte die Hand , die der Gesandte losließ , schnell zusammen und steckte sie in sein Wams . Im selben Augenblicke kniete ein Jüngling , an der Hand des Gesandten , vor dem Könige nieder . Lord Richmond Derbery , sprach der Gesandte ziemlich laut ; der König hörte seine Worte theilnehmend an und legte , wie zum Segen , die Hand auf sein Haupt . Aber dann zog er beide Hände ängstlich in die Höhe , der Prinz von Wales trat hinzu , und der Gesandte , wie Lord Richmond traten in die Menge zurück . Wüthend über die ganz mißlungene Audienz und von unbestimmten Ahnungen bei dem eben Geschehenen ergriffen , stürzte Buckingham von der Thür zurück , wohinter der König verschwunden , und gerade auf Richmond zu , welcher , wie vorbereitet , festaufgerichtet den Herzog zu erwarten schien . Uebermüthiger Mensch , was habt Ihr gewagt , Euch zu erlauben ? Mit welchem Rechte nahmt Ihr für Euer armseliges Interesse den wichtigsten Augenblick einer Stunde in Anspruch , die mir allein gehörte ? Entschuldigt Euch , damit ich vergesse , daß Ihr zu den Knaben einer Familie gehört , die ich hasse und verachte . - Blickt umher , Herr Herzog , sagte Richmond kalt , ohne seine Stellung zu verändern , Euch gehörte diese Stunde nicht allein . König Jakob hat sie allen seinen Edeln geschenkt , und ich habe einen Theil erhalten , den Ihr mir nicht rauben könnt , der auch nicht gegen Euch der Entschuldigung bedarf , am wenigsten von Einem aus dem Hause Nottingham , wo die Knaben früh zu Männern werden . Ha , Kind ! lachte Buckingham , kannst Du Deinen Degen heben , oder hat ihn Dir die Mutter mit Seide in der Scheide festgenäht ? Ha , Kind , antworte doch ! Ihr wißt , sagte Richmond , daß Ihr jetzt nur eine Antwort verdient , die mir diese heiligen Mauern nicht zu geben erlauben ; aber nehmt es hin , da Ihr es wollt : Der ist feig , der da reizt , wo er unverletzlich ist ! Ha ! schrie Buckingham , außer sich vor Wuth , und Beide hatten die Hände am Degen und traten sich mit blitzenden Augen gegenüber , aber mit Gewalt trennten die Andern sie , und der Prinz von Wales stand plötzlich unter ihnen , und rief laut und streng : Der König befiehlt Frieden und Ruhe ! Schon hatte der französische Gesandte , der dem Prinzen zur Seite erschien , Richmond entfernt , und Buckingham ward ebenfalls hinweg gedrängt . Noch hingen die dicksten Nebel gleich grauen Vorhängen vom Himmel herab und hüllten die frühe Morgenstunde des folgenden Tages in ihr trübes Licht , als ein kleiner Trupp wohlbewaffneter Männer vor einem Brückenthor anhielt , welches einen Seitenflügel des alten Schlosses von Whitehall mit dem untern Theile der Stadt verband . Einem Pfeifchen wurden in bestimmten Absätzen drei Töne entlockt , und bald hörte man Tritte über die Brücke nahen , die Thüren drehten sich langsam auf , und den stillen Gruß still erwiedernd zogen die Reiter über die Brücke in den Hof , der hier zunächst von den Stallgebäuden umschlossen war . Man stieg ab , und drei von den Männern folgten dem Thorwart in den mittlern Eingang , während die Zurückbleibenden die Pferde bei Seite führten , ohne sie abzuzäumen . Durch mehrere alte Theile des Schlosses führte sie eine breite Treppe auf eine Gallerie , welche , vernachläßigt , von Staub und abgefallener Stuckatur verunstaltet , in ihrer früheren Bestimmung wohl nicht diese Vernachläßigung erlitten hatte . Durch diese Gallerie , sprach einer der Männer , ging ich zu meiner ersten Audienz bei der Königin Elisabeth . Dies war damals der Haupteingang ; und nicht wahr , wir kommen hier in ihr Bibliothekzimmer ? fragte er , sich zum Thorwart wendend . Euer Gnaden zu Befehl , erwiederte dieser . Hier pflegte die erhabene Frau zuweilen , mit einem Buche die Bibliothek verlassend , lustwandelnd auf und nieder zu gehen , während oft die höchsten Personen fremder Länder hinter den kleinen Fensterchen lauschten , die , sonst klar und heller , als jetzt , von den äußern Vorzimmern hierher die Aussicht öffneten ; und sie war so gnädig , darauf Rücksicht zu nehmen , und zeigte sich oft , gar prachtvoll , wie ihrer Schönheit es am besten stand , gekleidet . Mit einem leichten Zucken der Achseln schritt der Fragende weiter ; der alte Kastellan öffnete nun die kleine , spitze Thür , und sie traten in den weiten Raum , an dessen Wänden zwar noch die in Eichenholz gearbeiteten Bücher-Nischen sich zeigten , aber leer von den Schätzen , welche Elisabeth mit so großem Nutzen darin gesammelt . Hier behielten die Wanderer Zeit zu ihren Betrachtungen , denn ihr Führer verließ sie , und sie folgten ihm nicht . Der ältere der Anwesenden näherte sich dem hohen , schmalen Fenster , welches nur matt durch seine kleinen Scheiben den trüben Tag einließ , und an dessen tiefer Nische der hohe eichene Sessel stand , an dessen Seitenlehnen durch einen ziemlich rohen Mechanismus ein Pult eingeschraubt war , das man von sich schieben und nach sich ziehen konnte . Lange blieb er schweigend davor stehen . Wie viel große und weise Bestimmungen sind von diesem rohen Gestelle für mein theures Vaterland ausgegangen , sprach er dann , zu seinen Begleitern gewendet . Wer könnte sich der Wohlthaten bewußt sein , die ihr großer , ihrer Zeit vorangeeilter Geist über England ausgeschüttet , und noch der Schwächen gedenken wollen , die ihre Zeit leichter auffaßte , als ihre Größe , da jene ihr gemeinsames Theil waren , und zu dieser sie erst heranreifen mußte , um sie zu verstehen . Nur Eins , nur Eins aus Deinem Leben weg , und Du wärest rein , ein Gipfel aller Herrschergröße ! Aber er hat Dir auch dies vergeben ; er konnte nicht Dein Nachfolger sein , nicht überall die Spuren Deiner Größe auf seinem Wege finden , ohne nicht deshalb Dir zu vergeben . Bald , fuhr er fort , aus seinem Selbstgespräche erwachend , bald werdet Ihr Euch wiederfinden und rein verständigen , wenn Wiederfinden nicht zu den frommen Träumen gehört , die den Reiz der Erde zu Gunsten des Himmels entkräften sollen . Wie scheint mir jede Hoffnung längerer Erhaltung des königlichen Lebens zu schwinden , wie treulos war es , ihn der Qual des gestrigen Tages auszusetzen . - Ja wohl , Mylord , erwiederte hier der Zweite sehr lebhaft ; und wie viel Uebermuth , wie viel Gewalt-Bewußtsein gehörte dazu , dies durchzusetzen ; wenn wir den Herzog tadeln , der ewig uns zu tadeln giebt , erleben wir nichts Neues . Doch nicht zu übersehen bleibt , daß dem König ein Sohn , wie es scheint , vergeblich an der Seite lebt . Warum , muß man sich mit Erstaunen fragen , warum geschieht , was ein Wort aus seinem Munde unbezweifelt hindern konnte . Sollte der Herzog auch diesen Mund nicht mehr zu fürchten haben ? Dann , Mylord , liegt freilich ein unabsehbar weites Feld trübseliger Befürchtungen vor England und allen denen , die durch Verwandtschaft bald nur ein Interesse mit ihm haben sollen . Was meint Ihr , Mylord , was ein Gesandter Frankreichs nach dem gestrigen Tage zu berichten habe ? Gewiß wird er den Verlauf des heutigen Morgens abwarten , ehe er die Depesche siegelt , erwiederte der Aeltere lächelnd ; denn schwerlich möchte der gestrige Tag ihm Notizen zu etwas Neuem , seinem Hofe Unbekanntem , geliefert haben . Auf alle Fälle würde ich aber als französischer Gesandter der königlichen Prinzessin von Frankreich den Rath geben , nichts Anderes an dem Hofe ihres Gemahls sein zu wollen , als eine gute Hausfrau , ja , ich glaube sogar , es war dies der Rath , den der spanische Gesandte in London der damals verlobten Infantin gab , und das auf Anrathen eines in Spanien anwesenden Engländers . Nun in Wahrheit , lachte der Andere , es wäre dem französischen Gesandten zu rathen , daß er nie einen andern Rath befolgen möchte , als den des braven Engländers , der sicher sein Terrain kannte . - Wenn der Erfolg entscheiden soll , so hätte er es schlecht gekannt , und ihm wäre wenig zu trauen . - Und dennoch wage ich es mit ihm , rief der Andere mit Wärme , näher tretend ; sein Stern steht noch über England , und sein Wohl ist an ihn geknüpft ; nur war es des Himmels Wille , daß er nicht Spanien , sondern Frankreich leuchten sollte . Eine kaum merkliche Verbeugung ward durch den schnellen Eintritt eines alten Mannes unterbrochen , dessen kleine , feine Gestalt und saubere Kleidung den wohlbekannten Master Porter , den Kämmerer des Prinzen von Wales , anzeigte . Während der Aeltere sich zurückzog , trat der Zweite schnell ihm entgegen . Master Porter , rief er , ich hoffe , Ihr bringt uns gute Nachrichten . Dies zu beurtheilen , würde über mein Verhältniß hinausgehn , erwiederte Porter , sich tief nach allen Richtungen verneigend ; ich kann blos sagen , daß Seine Majestät entschlossen sind , im Bette den Herrn Gesandten zu sprechen , und daß die Herren , die ihn begleiten , sehr leicht in einem Vorzimmer Zutritt erhalten können , wenn der Herr Gesandte sie für sein Gefolge erklärt . Schon gut , Alter , schon gut ! Wir wollen diese Erklärung abgeben , lachte der heitere Marquis ; aber was meinst Du , werden wir sicher sein ? Der Alte griff schnellend mit der Hand in die Luft und lächelte ein wenig . Ich glaube , der Herr Herzog zürnen etwas mit Seiner königlichen Hoheit , dem Prinzen , und erwarten seinen Besuch wegen der Vorfälle bei der Audienz , die mein gnädigster Herr zu mißbilligen geruht haben . Ich habe in einer halben Stunde die Ehre , den gnädigsten Prinzen zu Seiner Majestät zu begleiten ; vielleicht befehlen mir der Herr Marquis , den Prinzen auf die Gegenwart Euer Gnaden vorzubereiten . So ist denn Alles , wie wir es nur wünschen konnten ; lasset uns eilen , theure Lords , rief der Marquis , sich zum Weggehen anschickend . Bitte unterthänigst zu bemerken , sprach Porter mit etwas zähem Tone dazwischen , daß wenig auf die Launen des Herrn Herzogs zu rechnen ist , daß wir zur Bewachung der Vorzimmer Niemand stellen durften , um nicht unnützes Aufsehen zu machen . Mein gnädigster Herr , der Prinz , würde es aber niemals vergeben , wenn durch ein unerwartetes Eindringen des lebhaften Herrn Herzogs eine neue Erschütterung des Königs erfolgen sollte , da mein gnädigster Herr die des gestrigen Tages schon mit großer Bekümmerniß sah und den Herrn Herzog bis zu seiner Abreise entfernt zu halten wünscht . Sollten der Herr Marquis dazu Jemand ersehen , würde ihn die Vollmacht des Königs berechtigen , im ersten Vorzimmer einem Jeden den Eingang zu verweigern . Machet mich zum Riegel an der Thür , Herr Marquis , sprach jetzt der Jüngere der Begleiter , und er wird halten , bis Ihr selbst ihn wegschiebt . Junger Mann , lachte der liebenswürdige Marquis , daß Ihr , von Stahl und Eisen , leicht Funken sprüht erlebte ich schon gestern , aber mir wäre in Wahrheit um ein so edles Metall leid , es dem Zerbrechen auszusetzen . Ihr fordert einen gefährlichen Posten . Ich suche die Gefahr nicht und habe Euch gestern wenig kaltes Blut gezeigt , ich weiß es , ohne es zu bereuen , erwiederte Jener ; aber es gilt heute ein höheres Interesse , als mich gestern beherrschen konnte , leichtsinnigem Uebermuthe gegenüber . Ihr sollt , im Falle es gilt , auch mein kaltes Blut kennen lernen . Vertraut ihm , sagte der