wie wir alle , als duldende Epigonen den von einer früheren Zeit uns hinterlaßnen Kelch auskosten mußten , aufmerksam gefolgt , ich habe niedergeschrieben , was ich von ihnen erkundete , und mich bestrebt , die verborgnen Fäden nach den bekannten Tatsachen ergänzend darzulegen . Wie weit mir dieses Werk gelungen , vermag ich zwar nicht zu entscheiden , gewiß aber ist es , daß die Bücher dieser Geschichten , teils im Plane bedacht , teils in der Anlage entworfen , und teils in der Ausführung vollendet , einen großen Abschnitt meines eignen Lebens hindurch mir unausgesetzt - treue Begleiter waren . Jetzt sind die Entwicklungen nach tiefem Dunkel tröstlich erfolgt . Fröhliche Kinder umspielen die Knie derer , welche einst unrettbar verzweifeln zu müssen schienen , leidende Seelen haben sich in edler Tätigkeit erholt , nur die starren , eigentlich schon im Leben toten Naturen , nur einige lieblichwilde Auswürflinge geheimer Sünde oder gottschändender Vermischung umhüllt das Schweigen des Gewölbes , oder deckt die grüne Erde , welche alles zuletzt mütterlich verhüllt . Aber eine düstre Zwischenzeit trat diesen heitern Ausgängen vor . Am Schlusse meines Werks fühle ich mich unfähig , jenen wesentlichen Teil desselben zu liefern . Alles war damals verdeckt , entweder von den Vorhängen des Krankenbettes , oder von dem Siegel der Beichte , oder von der Scham der sich selbst zerwühlenden Brust . Die Geretteten bewahren ihre Erinnerungen zu heilsamer Scheue vor den Ungeheuern , welche unser Dasein umlagern , aber sie reden nicht davon , sie entziehn sich der Mitteilung über diese Gemüts - und Geistesnächte , wenigstens gegen mich . Das neunte und letzte Buch , das Buch der Entwicklungen , ist geschrieben , und ich würde allenfalls auch das achte zusammenphantasieren können . Aber etwas Halbrichtiges würde mir selbst am wenigsten genügen . Gerade für diese Zwischenzeit wäre mir diplomatische Treue höchst erwünscht . Ich habe oft die Feder schon angesetzt , aber sie unwillig immer wieder weggelegt . So müßten die » Epigonen « vielleicht ein im Wichtigsten verstümmeltes Bruchstück bleiben , wenn Sie , mein Herr , sich nicht helfend in das Mittel schlagen wollen . Sie waren in jener Zeit den Leidenden nahe ; es ist unmöglich , daß Ihnen verborgen blieb , was mir zu entziffern nicht gelingen will . Ich weiß nicht , ob ich recht tue , es gibt vielleicht eine Leidenschaft für die Wahrheit , die wir gleich den andern bezwingen sollten . Wenn dem so ist , so kann ich wenigstens ihrer nicht Meister werden , und ich bitte , ja ich beschwöre Sie , meinem Drange nachzugeben , mir Ihre Kunde von dem Verlaufe der beiden Jahre , welche ich meine , und die Sie kennen , nicht vorzuenthalten . Schreiben Sie mir , was das Gewissen der Herzogin bedrückte ? welches Unglück auf der Ehe Johannens gelastet ? was beide Frauen nervensiech machte ? welche Antriebe den Herzog so unvermutet dahin brachten , alle seine Güter dem Widersacher abzutreten ? Mit einem Worte : Lösen Sie mich auf einige Zeit in der Autorschaft ab , und übernehmen Sie die Redaktion des vorletzten Buchs , es sei , in welcher Form Sie wollen . II. Der Arzt an den Herausgeber Drei Briefe , jeder spätere immer noch dringender , als sein Vorgänger , liegen auf meinem Pulte . Daß mich Ihr Ansinnen überraschen mußte , haben Sie selbst wohl vorausgesehen , daß ich mir Zeit nehmen würde , Ihnen zu antworten , war natürlich . Geschäfte und Pflichten mancher Art haben das Ihrige dazu beigetragen , diesen Brief länger zu verzögern , als ich wollte . Ich soll zum Memoiristen werden , ich , der Arzt , der alle Hände voll zu tun hat , seine Patienten wahrzunehmen , die Aufsicht über die Anstalt zu üben , Ministerialberichte zu verfassen , Doktoranden und Pharmazeuten zu prüfen ? Zum Memoiristen über Personen , die mir so nahestehn , ja zum Teil über mich selbst und über eine Zeit , an die ich nicht gern zurückdenke ? Dilettieren soll ich in einem Fache , während ich allenfalls in dem andern mein Zeichen aufweisen kann ? Es müßte sonderbar zugehn , wenn Sie mich überredeten , aber verschwören will ich es nicht , denn der Anblick eines Feldes , welches uns versagt worden ist , wie Sie ihn mir öffnen , hat etwas Lockendes , und reizt uns , wie der Rachen der Klapperschlange den Vogel anzieht . Vor allen Dingen , ehe ich mich entschließe , muß ich die Bücher in Händen haben , deren Sie erwähnen . Mich verlangt , zu erfahren , wie Sie uns , die wir an keinen Beobachter dachten , abzuschildern vermochten , und darnach will ich sehn , was zu tun ist . III. Derselbe an Denselben Ihre Hefte haben die sonderbarste Nachwirkung in mir zurückgelassen . Soll ich mich eines Gleichnisses bedienen , so möchte ich sagen : Die Bienen arbeiten in ihrem Stocke , tragen Honig ein , halten in den Zellen ihre kleinen Kriege ab , und meinen , das alles für sich in völligster Abgeschiedenheit zu tun . Aber der Korb hat an der Rückseite ein Glasfenster und einen Schieber . Diesen öffnet dann und wann der Lauscher und lugt in das stille Getreibe . So haben Sie uns verstohlen betrachtet , freilich mit Vorsicht ; sonst würden wir die Scheiben zu verkleben gewußt haben . Die Tatsachen sind ziemlich richtig , soweit dies bei einer Erzählung , welche Rücksichten zu nehmen hatte , überhaupt möglich war . Die Psychologie ist so , so . Hin und wieder ging es wohl anders in uns zu , als Sie geahnet haben , wenigstens in mir . Am wahrsten sind die Figuren , welche die Menge vermutlich für Erfindungen halten wird : Die Alte , der Domherr , Flämmchen . Es ist zu loben , daß Sie diesen Blasen der von Grund aus umgerüttelten Zeit nichts hinzugefügt , noch ihnen etwas abgenommen haben . Sie klagen sich der Leidenschaft für die Wahrheit an . Lassen Sie sich denn die Wahrheit gefallen , daß ich mich bei Empfang Ihres ersten Briefs wirklich Ihrer und unsrer Unterredung nicht erinnerte . In meinem Zimmer drängen sich der Menschen viele . Auf mein Fach , und wenn ich sonst noch ein Buch zur Hand nehme , auf die Engländer mich beschränkend , kannte und kenne ich Ihre Schriften nicht . Es ist besser , daß ich als Fremder Ihnen gegenübertrete , und daß unsre Bekanntschaft auf eine solide Art vermittelt wird , als daß ich mich gegen Sie mit faden Komplimenten abfinde , die in der Regel nachmals sich auf die eine oder andre Art bestrafen . Der Zeitabschnitt , in welchen unsre Entwicklungskrankheiten fielen , denn so möchte ich die Geschicke , welche uns betrafen , nennen , war vor vielen geeignet , ein deutsches Sitten- und Charakterbild hervorzubringen . Es war Friede im Lande geworden , die alten Verhältnisse schienen hergestellt , das Neue war auch in seinen Rechten anerkannt , alle Bestrebungen hatten eine feste , naive Färbung , während die neuesten Weltereignisse jegliche Richtung an sich selbst irre gemacht und in das Unsichre getrieben haben . Die Gefühle und Stimmungen jener Periode - der letzten acht oder neun Jahre vor der Julirevolution - liegen fast schon als mythische Vergangenheit hinter uns . Der Adel suchte sich mittelalterlich zu restaurieren , das Geld glaubte treuherzig , wenn es nur den privilegierten Ständen den Garaus machte , so werde die Welt den harten Talern gehören , der Demagogismus wollte studentenhaft die Festung stürmen , die Staatsmänner meinten nach Ideen regieren zu können , es gab Schriftsteller , welche mit großer Macht die Einbildungskraft beherrschten ; ein Denker stand unter seiner weit sich breitenden Schule und katastrierte den Geist . Was ist von allem dem übriggeblieben ? Die französische Thronverändrung hat abermals das Antlitz der Welt verändert , und sowenig ich in weichliche Klagen über dieses Ereignis und seine Folgen auszubrechen geneigt bin , so muß ich doch sagen , daß die Jahre , welche ihr vorangingen , an geistigem Gehalt und an einer gewissen Dichtigkeit des Daseins die Gegenwart übertrafen . Man könnte Ihnen also Dank wissen , daß Sie es unternommen , ein Zeugnis jener verschwundnen Zeit aufzustellen . Aber zwei Fragen möchte ich an Sie richten . Wenn Sie die Neigung so unwiderstehlich zur Betrachtung der menschlichen Schicksale treibt , warum schreiben Sie nicht lieber Geschichte selbst ? Da hätten Sie die volle Traube am Stocke vor sich , und könnten uns einen gesunden reinen Wein zubereiten , während Sie in der Sphäre , welche Sie wählten , notwendig mischen müssen , und also auch nur einen Zwittertrank hervorbringen . Die zweite Frage ist : Was soll das Publikum mit diesen Büchern anfangen ? Die Hauptperson wird die Menschen schwerlich interessieren , da sie keine » Tendenzen « hat . Und was ist daran wichtig , daß ein Bürger mit einem Fürsten über dessen Güter prozessierte , daß wir ein Caroussel veranstalteten , daß es in den Häusern des Mittelstandes noch hin und wieder häuslich herging , daß an unsrem Sitze der Intelligenz allerhand Liebhabereien und Theoriewirtschaften getrieben wurden ? Meine Meinung über den Wert dieser Zustände habe ich oben angedeutet , aber sie ist nicht die Meinung der Menge . Sie wird auf solche Geringfügigkeiten mißschätzend herabsehn . N.S. Auf einige Fehler : ... quas aut incuria fudit , Aut humana parum cavit natura ... muß ich Sie doch aufmerksam machen . Hermann will als Neunjähriger die Einverleibung seiner Vaterstadt Bremen in das französische Kaiserreich erlebt , und als Siebenzehnjähriger in den Donnern von Lützen gestanden haben . Da aber jenes Ereignis im Jahre 1810 stattfand , und die Schlacht von Lützen nur drei Jahre später vorfiel , so widerspricht seine Rede aller Chronologie . Der Jude aus Hameln , der falsche Demagoge , behauptet , von neununddreißig Tyrannen verfolgt zu werden , was nach der deutschen Verfassung völlig unmöglich ist . Der Amtmann vom Falkenstein tritt schon im ersten Teile als Jagdgenosse Hermanns auf , und doch wird im zweiten so getan , als ob der Held erst bei dem Caroussel die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht habe . Die Interpunktion und Orthographie steht nicht recht fest . Es sind mir sogar Grammaticalia aufgestoßen , die freilich wohl mehr dem Abschreiber zur Last fallen ; denn von Ihnen setze ich voraus , daß Sie ihren Schulkursus durchgemacht haben . Ob aber alle Leser , und besonders diejenigen , welche sich Kritiker nennen , diesen guten Glauben teilen werden , steht dahin . IV. Der Herausgeber an den Arzt Ich bin an der Elbe geboren , und erinnre mich aus meinen Kinderjahren einer großen Überschwemmung dieses Stroms . Weit über die Ufer , ja über die niedrigeren Dämme hin , wogte die graugelbliche Wassermasse mit weißkräuselnden Wellenhäuptern , Landstraßen und Fluren waren verschwunden , nur in der Ferne deuteten Turmspitzen und Waldsäume das Feste noch an . Man führte mich auf die Brücke , von welcher man in dieses wogende Getöse hinabsah , und meine Begleiter forderten mich auf , über das große Naturschauspiel zu erstaunen . Ich aber konnte an dem wüsten Einerlei , an dem Unabsehlichen , Nichtzuunterscheidenden keine Größe entdecken , und blieb in meiner Seele ganz ungerührt . Die andern schalten mich verstockt , fanden aber gleichwohl auf meine Frage : ob Millionen Tonnen Wassers , zusammengegossen , eben mehr wären , als Wasser ? nichts zu erwidern . Gleich darnach reiste ich in unser Oberland , in den Harz , welcher einen Teil der Fluten aus seinen von Schnee und Regengüssen geschwellten Wässern dem Strome zugesendet hatte . Wild und hastig stürzten die Flüsse , Flüßchen und Bäche dem ebnen Lande zu , aber jedes Bette hatte seine eigentümliche Gestalt , die Wände faßten noch das Gerinne , welches hier rasch und tosend fortschoß , dort sich um Baumstücke oder Felsblöcke brausend wirbelte , und jegliche dieser schäumenden Adern gewissermaßen zu einer lebendigen Person machte . Hier ward nun mein Entzücken laut , ich konnte mich nicht satt sehen an diesem Toben und Wesen , und sagte , das sei das wahre , große Naturschauspiel , wenn die Kräfte so besonders und für sich aufträten , und doch so innig zusammenhingen . Denn Seitenspalten und Nebenkanäle verknüpften diese Söhne des Gebirgs , die Elementargeister reichten einander die silberweißen Arme . Die Knabenerinnerung soll eine parabolische Antwort sein auf die Frage , warum ich statt der Familiengeschichten nicht Welt- und Zeitgeschichte geschrieben habe , und warum ich sie vermutlich niemals schreiben werde . Mir erscheint ihr Geist nur in großen Männern , nur die Anschauung eines solchen vermöchte mir den Sinn für irgendeine Periode aufzuschließen . Wir besitzen aber keinen , haben seit Friedrich keinen besessen . Napoleon schien sich eine Zeitlang dazu anzulassen , aber es fehlte ihm die letzte Weihe , das organisierende Genie . Er hat nicht einmal vermocht , einen originalen französischen Staat zu schaffen , seine Institutionen sind schon jetzt veraltet . Im Laufe der Jahrhunderte wird er nur wie ein Attila und Alarich , die Vorläufer Karls des Großen , dastehn , und diesen zweiten Karl , diesen Erneuer des mürbe gewordnen Weltstoffs werden unsre Augen leider nicht mehr erblicken . Was ist also das politische Leben unsrer Zeit ? Eine große , weite , wüste Überschwemmung , worin eine Welle sich zwar über die andre erhebt , aber gleich darauf von ihrer Nachfolgerin wieder umgestürzt und zerschlagen wird . Ich kann daran nichts Schönes erblicken . Leider haben die Beherrschten mehr Geist als die Herrscher , deshalb vermag nicht einer dieser feste Gestalt zu gewinnen , und jener sind viele , so daß sie sich gegenseitig aufheben . Ich fühle mich daher immer versucht , von der Ebne , in welcher diese Wogen als Revolutionen , Thronstreitigkeiten , Kongresse und Interventionszüge sich brausend mischen , aufwärts nach dem Gebirge emporzusteigen , welches durch seine hinabgesendeten einzelnen Fluten jene allgemeine Wasserwüste erschafft . Nie sind die Individuen bedeutender gewesen , als gerade in unsern Tagen , auch der Letzte fühlt das Flußbette seines Innern von großen Einflüssen gespeist . Dort also , auf entlegner Höhe , an grüner Waldsenkung , zwischen einsamen Felsen , im Rücken der politischen Ebne , wachsen und springen meine Geschichten . Jeder Mensch ist in Haus und Hof , bei Frau und Kindern , am Busen der Geliebten , hinter dem Geschäftstische und im Studierstübchen eine historische Natur geworden , deren Begebenheiten , wenn wir nur das Ahnungsvermögen dafür besitzen , uns anziehn und fesseln müssen . In diesem Sinne reicht die Gegenwart oder die jüngste Vergangenheit dem , welchem das besondere , gegliederte Leben mehr gilt , als der unentschiedne Strudel , in welchen die verschiednen Strömungen der Lebenstätigkeiten endlich zusammenrinnen , wenn sie in den Konflikten des Öffentlichen einander begegnen , des Stoffes die Fülle dar , und es ist nicht nötig , in die Zeiten der Kreuzzüge , oder der Jesuitenherrschaft , oder des Dreißigjährigen Kriegs zurückgehn , um bedeutsame Anschauungen zu gewinnen . Man hat unsre Tage mit denen der Völkerwandrung verglichen . Das Römische Reich zerfiel in jenen , und die Germanen traten an dessen Stelle . Auch wir hatten so ein Römisches Reich an der Autokratie der Fürsten oder gewisser allgemeiner Begriffe . Beides neigt sich zu seinem Untergange , und die Individualitäten in ihrer schrankenlosen Entbindung stehn als die Germanen der Gegenwart da . Noch haben sie nur zerstört , nicht das geringste Neue ist von ihnen bisher erfunden und gebildet worden . Mein Sinn , in welchem etwas Dichterisches sich nicht austilgen lassen will , neigt sich mit Wehmut und Trauer dem Verfallenden zu , denn die Musen sind Töchter der Erinnrung ; aber eine Tatsache läßt sich nicht ableugnen , nicht verschweigen . V. Derselbe an Denselben Nachschrift um Nachschrift . Dieser Brief soll nämlich eine sein . Daß Hermann bei seiner Rede an die Herzogin im Feuer der Emphase sich an der Chronologie versündigt , und daß der falsche Demagoge behauptet hat , von neununddreißig Tyrannen verfolgt zu werden , ist historische Tatsache , welche mir der Held noch vor wenigen Wochen bestätigte . Dagegen ließ sich also nichts machen . In betreff des Amtmanns vom Falkenstein bin ich unschuldig . Sie haben die Bleistiftkorrektur an der Seite übersehen , nach welcher der Satz so lautet : » Unter den Hausbeamten , welche bei diesen Zurüstungen mitwirkten , bemerkte er wieder seinen Jagdgenossen , den Amtmann vom Falkenstein , einen Mann von unangenehmen Manieren , dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte . Hermann erfuhr usw. « Sollten Setzer und Korrektor gleichfalls den Bleistift übersehn , so diene dieser Brief zur dereinstigen Berichtigung . Über Orthographie und Interpunktion hege ich meine Grillen . Alles in der Welt hat sein individuelles Leben bis zu den Buchstaben , bis zum Kolon , bis zum Punkte hinunter . Inkonsequenzen machen erst das Dasein aus ; warum mißgönnt man es den kleinen Schelmen , zuweilen außer der strengen Regel der Feder zu entschlüpfen , und sich auch wohl einmal in krauser Willkür zu emanzipieren . Ein Komma will sich in der Spalte des Kiels bilden , plötzlich aber überkommt den Narren ein Stolz , und zum Semikolon avanciert , erscheint er auf dem Papiere . Im Gegenteil : Ein großer Buchstabe bekehrt sich , da es eben noch Zeit ist , vom Hochmut , und siehe , als demütigfrommer kleiner steht er da . Zusammensetzungen geraten in Zank und Hader , häuslichen Zwist , flugs rücken sie auseinander , wie grollende Eheleute , um vielleicht auf der nächsten Seite schon wieder in der schönsten Eintracht verbunden zu sein . Das spitzige , giftige ß stößt das gute , runde s über den Haufen , und was dergleichen Vorfälle mehr sind , von denen Adelung und Wolke nichts gewußt haben . Eigentliche Grammaticalia begehe ich wohl nicht , da ich , wie Sie richtig vermuten , in meiner Jugend eine gelehrte Schule besucht habe , überdies aber auch nachmals mich immer mit Lesen und Schreiben beschäftigte . Sollte der Kopist dergleichen gemacht haben , und der Korrektor sie stehenlassen , so wäre das freilich schlimm für den Stil , aber ich glaube nicht , daß es mir bei den Lesern schaden würde . Die meisten Autoren tragen sich mit dem Gedanken , der Leser nehme das Buch zur Hand , um sich zu belehren , oder doch etwas Neues zu erfahren . Grundfalsch ! Der wahre Leser greift danach mit dem Gefühle des Patronats ; der Schriftsteller ist sein Klient , und in je traurigeren Umständen dieser sich befindet , je kläglicher die Rede ist , die er an ihn hält oder schreibt , desto größeren Eindruck macht er auf den guten Patron . Daher kommt das wunderbare Glück der ganz erbärmlichen Schriften . Bei ihnen bleibt der Leser im steten , ihm so wohltuenden Genusse des Mitleids gegen das menschliche Elend . VI. Derselbe an Denselben Doch von den Minutien zum Ernste zurück . Lassen wir das Publikum ! - Es gibt kein Publikum mehr . Dieses Wort setzt eine Anzahl empfänglicher Hörer voraus . Wer hört nun noch , und wer will empfangen ? Leicht ist es , hierüber verdrießlich zu werden und zu schelten , schwerer , das Phänomen in seinem Ursprunge zu begreifen , in seinen Folgen mit Gleichmut zu erdulden . Und doch entspringt die scheinbare Gefühllosigkeit der jetzigen Menschen für Schönes , Geistiges nur aus der von mir in meinem vorletzten Briefe erwähnten Überfülle der Geister . Jeder ist von einem unbekannten Etwas überschattet , welches die Seelen erhebt und gänzlich beschäftigt , alle haben eine große Aufgabe in sich zu verarbeiten , keiner ist müßig . So sehe ich Zeit und Zeitgenossen , entgegenstehend manchen in den Büchern der » Epigonen « verlautbarten Stimmen , an . Wie sollen sie fähig sein , zu nehmen , da sie schon mehr haben , als sie bewältigen können ? Die Literatur ist eine Literatur der Einsamen geworden . Der sinnende und bildende Geist wird von einer ewigen Notwendigkeit getrieben , sich zu offenbaren , und zur Vollständigkeit dieser Offenbarung gehört die äußere Erscheinung . Man schreibt daher und läßt drucken , nach wie vor , ohne die Aussicht der Vorgänger zu haben , gelesen zu werden . Anfangs und in der Jugend bereitet dieses Verhältnis bittre Schmerzen ; es ist so traurig , sich mit einer Welt von Anschauungen , Gedanken und Empfindungen in der Wüste zu sehn , allmählich beruhigt sich das Gemüt , und endlich kann in der durchgeprüften Seele das Bewußtsein einer glorreichen Dunkelheit entstehen , welches so unzerstörbar schön ist , daß man es mit nichts vertauschen möchte . Oder ist es nicht besser , unter Reichen als Wohlhabender zu verschwinden , denn unter Bettlern mit seinem Etwas sich hervorzutun ? Ich schrieb den » Merlin « und wußte sein Schicksal vorher , nämlich , daß man seiner nicht achten werde . Glauben Sie , daß mich dieses Wissen niedergeschlagen hat ? Keine der Entzückungen , aus welchen jenes Gedicht entsprang , hat es auch nur im mindesten getrübt . So habe ich an den Büchern der » Epigonen « gearbeitet , ohne irgend etwas davon zu erwarten , was man Wirkung nennen könnte . Und dennoch sind mir die Stunden , Tage und Wochen , welche ich ihnen widmete , unverfinsterte , liebe Erinnerungen . Die Pfade zum Heldentume sind immer steil , die Pfade zu dem , welches ich meine , vielleicht die steilsten . Zart und weich soll der sein , der sie wandelt , und doch auch wieder die Kraft des Ajax haben , um die himmelansteigenden Felsen zu bewältigen . Dennoch gelingt es wohl , emporzuklimmen , wenn wir nur verstehn , uns mit dem Blute unsrer Sohlen auf den Absätzen der Klippen neben den furchtbaren Tiefen festzuleimen . Lassen wir also das Publikum und helfen Sie mir nur , wie ich gebeten , mein Werk vollenden . VII. Der Arzt an den Herausgeber Niemals bin ich in der Stärke Materialist gewesen , wie Sie angenommen haben . Darin muß ich zuvörderst Ihre Geschichten berichtigen . Religion wird einem jeden angeboren , und nach meiner Meinung ist der Vorwurf , daß man keine habe , womit die frommen Seelen sehr freigebig zu sein pflegen , der schwärzeste , welcher einem Menschen nur gemacht werden kann , denn er wirft ihn zu den Tieren hinab . So hatte ich früh beim Abdämpfen und Präzipitieren , bei dem Öffnen und Zerschneiden der Leichen gefühlt , daß ein Etwas vorhanden sei , welches im Feuer des Schmelzofens sich nicht fangen lasse , vor keinem Agens niederfalle , dem Messer und der Sonde immerdar entfliehe . Dieses Etwas trieb doch nun aber unleugbar Gestein und Metall , Blatt und Blume hervor , und figurierte » das kleine Königreich , Mensch genannt « . Wer durfte mir verwehren , es Gott zu nennen ? Aber dem Arzte wird es schwer , über dieses Eine und Einfache zur Wärme zu gelangen . Er ist seiner ganzen Stellung nach auf Betrachtung der Mannigfaltigkeit verwiesen , er darf darin nicht nachlassen , wenn er nicht sehr bald zurückgehn will , und so pflegt es denn zu kommen , daß der Mehrzahl meiner Standesgenossen der den Erscheinungen untergebreitete Urgrund , das Heilige , das Imponderabelste , etwas Theoretisches wird , an dessen Vorhandensein zwar keiner zweifelt , mit welchem aber gleichwohl wenige eine Beziehung anzuknüpfen vermögen . An dieser Beziehung mangelte es auch mir . Mein Gott war der des Amsterdamer Philosophen , der mit einer intellektualen Liebe von Anfang an sich selbst , aber sonst nichts andres Liebende . Er ließ mich gehen , ich ließ ihn meinerseits wieder seine unendlichen Kreise in sich beschreiben . Zuweilen stieg wohl eine Ahnung in mir auf , daß wir einander noch einmal begegnen würden , aber sie hatte weder Form noch Farbe , und war mir gleichgültig . Gegen alle Vermittlung durch die Kirche verspürte ich aber den entschiedensten Widerwillen . Was mich auf das Schloß des Herzogs brachte , mich dort einige Jahre festhielt , wird man aus Ihren Geschichten herauslesen können . Es gibt Dinge , über welche der Mann , auch wenn sie abgetan sind , gegen den Mann sich auszusprechen , immer Scheu empfindet . Der Gemahlin des Herzogs an einem fremden Orte , durch welchen sie reiste , in einer leichten Unpäßlichkeit genaht , entschied sich mein Lebensgang zur Nachfolge in die einsame Gegend , wobei ich mir vorsagte , daß Beweggründe des Interesses meinen Entschluß rechtfertigten . Leidenschaften , besonders unerwidert - verzehrende , löschen immer auf eine Zeitlang Gott und Himmel in uns aus . Der Ferne schwebte nur noch wie ein leichtes blasses Wölkchen an meinem Horizonte , und verbarg sich wohl auch ganz hinter den schwarzen Dunstschichten , welche die Luft oft genug trübten . Byron ward mein Prophet , mein Evangelium . Ein glühendgeistiges Verlangen in mir blieb ungestillt , die Folge davon war , daß , wenn ich auch dem da droben nichts anhaben konnte , ich doch gegen seine irdischen Gefäße , die Seelen , eine Nichtachtung faßte . Doch ich sehe , daß ich schon in das hineingeraten bin , wovor ich mich hüten wollte , nämlich in das Erzählen . Noch zwar betrifft alles nur mich , nun aber verschlingen sich meine Begebenheiten in die andrer Personen , und die erste Bedingung wäre , deren Einwilligung zu weiteren Berichten zu erhalten . Ich will Ihnen nur gestehen , daß ich schon an die Herzogin und an Johannen geschrieben , den Damen Ihr Werk übersandt , und die Entschließung auf die Bitte des Autors anheimgestellt habe . Warten wir denn ab , wie weibliches Gefühl sich in diesem Falle benehmen wird . Darauf müssen wir wohl beide submittieren . VIII. Derselbe an Denselben Hier die Antwort der Herzogin und Johannens . Ihr Wunsch ist erfüllt , freilich mit Widerstreben , indessen haben Sie Ihren Willen , den die Schriftsteller überhaupt in der Regel durchzusetzen wissen . Schon bin ich selbst mitten in den Kreis dieser Memoiren gerückt , und werde Ihnen wohl nicht widerstehen können , wenn Sie fernere Berichte verlangen . Bekenntnisse der Herzogin Sind wir Frauen denn nur auf der Welt , um zu leiden ? Im stillen , frommen Kreise meiner Zöglinge , durch den Sarg des Gemahls von einer früheren unruhigen Zeit geschieden , ausgesöhnt mit der Schwägerin , wird mein Auge in Regionen zurückgenötigt , worin alles schwankte , gärte und schien . Mit Erschrecken sehe ich , daß ein Fremder , in welchem ich zuletzt diese Fähigkeit vermutet hätte , meinen Schritten unbemerkt folgte , meine Gesinnungen erriet , und Schwächen auffand , wo ich nur Tugenden zu haben glaubte . Ich kann nicht umkehren auf einen andern Ausgangspunkt , muß des Weges wandern , der mir allein gerecht ist . Möglich , daß ich zu manchen Zielen auf demselben nicht gelange , aber soll ich das Erreichbare aus dem Auge verlieren , und mich abmühn , das , was mir doch versagt bleiben wird , mir scheinbar anzueignen ? Die Orientalen halten es für Sünde , das Bild einer Person zu malen . Es ist gewiß auch unrecht , das geheime Leben andrer so schwarz auf weiß zu töten , denn was bleibt davon auf dem Wege vom Kopfe durch den Arm in die Feder übrig ? Nur in einem liebevollen Geiste können die Buchstaben wieder Leben gewinnen , und das Beste wird immer sein , was er zwischen den Zeilen liest . Eins tröstet mich : meine Grundempfindung , daß wir nicht oft genug an uns erinnert werden können . Und eine solche Erinnrung war mir das Buch . Zugleich lehrte es mich , wie seltsam unerwartet oft das im Leben eintritt , was kurz zuvor als eine Täuschung sich hingestellt hatte . Ich verzeihe dem Verfasser . Er ist offenbar zu dieser Arbeit genötigt worden , nicht leichtsinnig , nicht willkürlich hat er sie unternommen . Wenn er von seiner Leidenschaft für die Wahrheit gegen Sie redet , so hat er gewiß recht . Dieser Affekt bemächtigte sich vieler Menschen , leider , daß er mit Schonung und Rücksichtnehmen selten zu vereinigen ist . Lassen Sie mir nur einige Tage Zeit . Ich muß den unerwarteten Fall erst überdenken . Als der Autor an mich schrieb , war sein Begehren so dunkel und unbestimmt gefaßt , daß ich nicht wußte , was er meinte , und am allerwenigsten auf eine Produktion vorbereitet war , wie die ist , welche ich nun kenne . Daß jemand ein Werk , woran er jahrelang geschrieben , dem Feuer preisgeben werde , weil andre sich dadurch unangenehm berührt fühlen , wäre grausam , nur zu denken . Die » Epigonen « werden also unvernichtet bleiben , sie werden ihren Gang über Straße und Markt nehmen . Sollen nun die Zeiten , welche freilich nur wir allein kennen , durch Erdichtungen entstellt werden ? Soll unser Bild gerade in der wichtigsten Krisis unsres Lebens undeutlich und verworren der Menge entgegenschwanken , deren Bekanntschaft wir jetzt notgedrungen machen müssen ? Ich sehe schon , ich werde dem Zwange unterliegen , der meine stockende Feder bedrängt . Nun ja , auch ich habe gefehlt , auch mich bewahrte eine klösterliche Erziehung und das innigste Grausen vor dem Schlimmen , nicht ganz unverletzt . Eine Täuschung war es von Hermann , daß ich anders , als mit freundlichen Gedanken bei ihm geweilt , solange er unter uns auf dem Schlosse war , aber in den Dünsten solcher Einbildungen schreitet schon das Böse heran . Großer Gott , wie soll es eine arme Frau anfangen , ihr Innres vor andern zu enthüllen ? Aber ich sehe diese gezwungne Konfession als die letzte mir vom Himmel auferlegte Buße an , dafür , daß ein Hauch sich über den Spiegel meiner Seele breiten