was dabei vom Volke ausgehen sollte , erschien ihm wie Rebellion , und er verkündigte oft , daß alle Gräuel der französischen Revolution eintreten müßten , wenn den lauten Aeußerungen der Bürger und vor Allen der Jugend nicht Einhalt gethan würde . Es war vergeblich , daß der Graf ihn darauf aufmerksam machte , wie der außerordentliche Druck , unter welchem das Vaterland seufze , auch außerordentliche Mittel nothwendig mache , und wie man , wenn man künftig hoffen wolle , durch die Hülfe Aller das beinah unmöglich Scheinende zu erreichen , auch die Stimmen Aller hören müsse . Aus Achtung für den Grafen schwieg dann wohl der Obrist , aber er zeigte bei nächster Gelegenheit seinen Abscheu nur um so lauter . Unter solcher Umständen war es natürlich , daß ihm der Aufenthalt in Berlin unerträglich wurde , und er sehnte sich nach der Stille des Landlebens und nach einer Umgebung zurück , die mehr Rücksicht auf sein Alter nahm und , wenn sie auch seine Ansichten nicht immer theilte , ihm doch nicht mit so großer Heftigkeit widersprach , wie er es sich zu seiner Verwunderung in Berlin von ganz jungen Leuten mußte gefallen lassen . Der Graf Robert hatte sich mit Eifer der Landwirthschaft gewidmet , und es war zu bemerken , daß er die Angelegenheiten des Vaterlandes etwas aus den Augen verlor und jeden Tag mit zärtlicher Sehnsucht die blühenden Wangen , die leuchtenden Augen und die schlanke Gestalt seiner Braut betrachtete , die ebenfalls von seinen Blicken zu leben schien und in unverkennbarer Zärtlichkeit das Glück des Daseins nur an seiner Seite empfand . Die Briefe St. Juliens waren seltener geworden . Man erwartete jedoch , daß die öffentlichen Angelegenheiten sich so wenden würden , daß man bald ihn wiederzusehen hoffen dürfte , denn man glaubte Napoleon würde mit dem Vortheile zufrieden sein , der ihm daraus erwachsen mußte , daß die auf ' s Aeußerste aufgeregten Leidenschaften der spanischen Königsfamilie ihn zum Vermittler und Schiedsrichter aufriefen , und dadurch in eine Stellung brachten , wodurch Spanien mit allen seinen Kräften von ihm abhängig wurde . Aber das Unerhörte war geschehen . Der Held , der Sieger in so vielen Schlachten hatte mit unwürdiger List ein Netz ausgespannt , das zugezogen wurde , als alle Glieder der königlichen Familie in den verderblichen Kreis gelockt waren . Und der Ruhm der französischen Adler war befleckt , sie , die triumphirend über so vielen Schlachtfeldern geschwebt hatten , bewegten sich nun in einem durch unwürdige List errungenen Lande . Hätte Napoleon nicht mit zu großer Geringschätzung auf die Menschen und in Folge dessen auf die öffentliche Meinung herabgesehn , so hätte er vielleicht einen für seinen Ruhm und wahren Vortheil so nachtheiligen Schritt unterlassen , über den nur ein Gefühl der Mißbilligung und des Abscheues in Aller Herzen lebte , und der selbst die an Anbetung gränzende Verehrung verminderte , die bis dahin alle seine Truppen für ihn gehegt hatten . Diese allgemeine Wirkung war auch in St. Juliens Briefen bemerklich ; denn ob er sich wohl mit Behutsamkeit ausdrückte , indem er die Besetzung Spaniens meldete , so war doch eine große Kälte fühlbar , die bei seiner früheren warmen Begeisterung für Napoleon um so mehr auffiel und dem Grafen Veranlassung zu manchen Betrachtungen gab . Dieß Mal war der Obrist Thalheim mit den lauten Aeußerungen des Unwillens der Berliner zufrieden . Die harten Urtheile der jungen Leute über Napoleon und seine Regierung schienen ihm weder vorlaut noch unziemlich , und die stärksten Aeußerungen über diesen Gegenstand wurden in der Stadt als die Aussprüche des Obristen Thalheim bekannt , so daß der Graf , besorgt wegen der möglichen Folgen , ihn eines Morgens zur Behutsamkeit ermahnen wollte und sich deßhalb auf sein Zimmer begab . Er fand den alten Mann wehmüthig , halb unwillig nachdenkend , und Therese , in deren Augen sich Spuren von Thränen zeigten , schlüpfte nach der ersten Begrüßung des Grafen hinaus . Dieser vergaß den Zweck seines Besuchs , in der Besorgniß , daß dem Freunde etwas Unangenehmes begegnet sein möchte , und suchte mit Behutsamkeit den Grund des Kummers zu erforschen , der Vater und Tochter sichtlich bewegte . Der Obrist schien verlegen , weil er die Worte nicht finden konnte , die ihm schicklich dünkten , ein Gespräch einzuleiten , welches er doch offenbar wünschte . Endlich sagte er : Scheint es Ihnen jetzt nicht auch , lieber Graf , als ob wir nun , da sich Napoleons Macht immer weiter ausdehnt , alle Hoffnung aufgeben müßten , von dem Drucke befreit zu werden ? Wenigstens für die nächste Zeit , erwiederte der Graf seufzend , glaube ich kaum , daß wir uns erfreulichen Hoffnungen überlassen dürfen . Und kann es wohl , fragte der Obrist weiter , jetzt einen wahren Genuß gewähren , Deutschland oder überhaupt die Länder Europas zu durchreisen , und überall dieselbe drückende Herrschaft des Fremden anzutreffen , überall den schnöden Uebermuth seiner Beamten zu finden , und im Grunde als den einzigen Gewinn seiner Reisen die Ueberzeugung nach Hause zu bringen , daß alle Nationen ihre Selbständigkeit verloren haben ? England müßten wir doch ausnehmen , bemerkte der Graf lächelnd . Nun ja , sagte der Obrist verdrüßlich . England ist dadurch geschützt , daß Napoleon es nicht erreichen kann . Aber glauben Sie mir , wäre nicht das Meer sein Schutz , es würde eben so wie alle Uebrigen sich der französischen Macht beugen , denn hat nicht Preußen erliegen müssen ? Sind nicht die in der Schule Friedrichs erzogenen Krieger überwunden ? Welche Nation ist also sicher , wenn er sie erreichen kann ? Der Graf wollte den Verdruß des Obristen nicht noch steigern ; er antwortete also auf diese Frage nichts , und der alte Krieger fuhr nach einem kurzen Schweigen fort : Ich wollte nur sagen , ob es nicht besser sei , für jetzt die öffentlichen Angelegenheiten so viel wie möglich aus den Augen zu lassen , weil man doch auf keine Weise wohlthätig eingreifen kann , und sich auf einen stillen , abgelegenen Fleck mit seiner Familie zurückzuziehen , um im Genusse des häuslichen Glückes einigermaßen Trost für alles öffentliche Ungemach zu finden . Gewiß , sagte der Graf , wäre dieß weise von dem gehandelt , dem Niemand feindlich diese einfachsten , natürlichsten Genüsse stört . Ich sehe ein , erwiederte der Obrist mit Verlegenheit , daß Sie es vorziehen müssen , sich auf einige Zeit von Ihrem paradiesischen Landsitz zu trennen , denn das neugierige Geschwätz rund umher muß Ihnen verdrießlich gewesen sein , aber ich , halten Sie mich nicht für undankbar , lieber Graf , ich sehne mich aus dem Geräusch der Stadt hinweg . Ich kann nicht annehmen , daß ich noch lange lebe . Betrachten Sie mein graues Haar und Sie werden mir Recht geben , und mir , dem sich dem Grabe zuneigenden Greise scheint es sträflich , Glück und Genuß des Lebens noch verschieben zu wollen , und von der ungewissen Zukunft zu erwarten , was sich uns so freundlich in der Gegenwart bietet . Der Graf sah den Obristen verwundert an , weil er nicht begriff , wohin dieß Gespräch führen sollte . Der Greis nahm die Hand des Freundes , die er mit Zärtlichkeit drückte , und sagte mit weicher Stimme : Warum wollen Sie den Sohn von mir entfernen , den sich mein Herz gewählt hat ? Warum wollen Sie ihn in die Ferne senden , von dem ich mich mit dem schmerzlichen Gefühl trennen würde , daß ich ihn wahrscheinlich nicht wiedersehe ? Warum wollen Sie meiner Tochter den Trost versagen , wenn sich die Augen des Vaters auf immer schließen , aus denen des Freundes Muth zu gewinnen , das Leben und seine Schmerzen zu ertragen ? Ich glaubte , sagte der Graf , nicht gegen Ihre oder meines Vetters Wünsche zu handeln , indem mein Rath ihm seinen Lebensplan vorzeichnete . Die geringste Einwendung von seiner Seite würde mich bestimmt haben , auf seine Ansicht einzugehen , deßhalb , gestehe ich , befremdet mich unser Gespräch ein wenig . O ! theurer Freund , rief der Obrist , indem er die Hand des Grafen heftig drückte und Thränen seine grauen Wimpern netzten , halten Sie es denn für so leicht , Einwendungen gegen den zu machen , dessen großmüthige Liebe sich nur mit unserem Glück beschäftigt ? Ist es denn nicht natürlich , daß ein Wort , ein Zeichen von Ihnen uns alle zum schweigenden Gehorsam bestimmt , da wir ja nur Ihnen , Ihrer Liebe allein alles verdanken , was uns das Leben an Glück und Genuß noch bieten kann ? Dann wäre die Liebe Tyrannei , sagte der Graf etwas unwillig , und Sie würden meine Freundschaft zu theuer erkaufen , wenn Sie dafür alle Selbstständigkeit hingeben wollten . Aber mir schien die heftige Vaterlandsliebe meines Vetters so groß , daß ich befürchtete , sie könnte in manchen Stunden über die zartere Neigung seines Herzens die Herrschaft gewinnen , und ich hielt es deßhalb für wohlgethan , beide Empfindungen so viel als möglich in Einklang zu bringen . Auf diese Ansicht gründete sich vorzüglich mein Rath . Sie haben gewiß oft die Erfahrung gemacht , sagte der Obrist lächelnd , daß , wenn das menschliche Herz eine Zeitlang mit gleicher Macht zwei Leidenschaften gehegt hat , dann plötzlich die eine so gewaltig wird , daß sie die andere auf lange gänzlich unterdrückt . Dieser oft schon eingetretene Fall hat sich erneuert , und die heißeste Sehnsucht Ihres Vetters richtet sich auf meine Tochter , deren zärtliche Neigung sich so unschuldig offenbart , daß sie Ihnen nicht hat entgehen können . Aber warum , rief der Graf , schweigt mein Vetter über dieß alles gegen mich , da ein Wort von ihm hinreichend ist , um mich für seine Wünsche zu bestimmen . Dieser Mangel an Vertrauen , ich gestehe es , beleidigt mein Gefühl . Sie haben unrecht , sagte der Obrist mit einiger Heftigkeit . Sie wissen es nicht , wie Sie bis zur Anbetung beinah von den jungen Leuten geliebt werden , und ich finde es natürlich , daß sie ihre Wünsche beherrschen und ihr Leben nach der besseren Einsicht eines großmüthigen , erfahrnen Freundes ordnen wollen , und glauben Sie denn , daß ich ein Wort gesprochen hätte , wenn bloß von der Sehnsucht der Liebenden die Rede wäre ? Vor denen breitet sich das Leben noch weit und herrlich aus , und ein kurzer Aufschub ihres Glücks enthält für sie am Ende eben so viel Süßigkeit als Qual . Aber ich , theurer Graf , ich muß geizen mit den Stunden irdischen Glückes , und soll es möglich sein , daß das wunderbare Gefühl noch mein Herz berührt , einen Enkel in den Armen zu halten , so muß ich selbst aus dem Wege räumen , was der Verbindung meines Kindes entgegen steht . Unwillkührlich richtete sich das Auge des Grafen auf das silberweiße Haupt des Greises , der ihm gutmüthig lächelnd gegenüberstand , und er sagte , indem er die Hand desselben innig drückte : Nicht eine Stunde will ich ein Glück verzögern , dessen hohen Werth für Sie ich wohl erkenne , und ich sehe wieder ein , daß das Gefühl beinah immer sicherer leitet , als Ueberlegung und Berechnung . Ich wußte es wohl , sagte der Obrist , daß es nur ein Wort kosten würde , um Sie unsern Wünschen geneigt zu machen , aber eben darum wurde es mir schwer , dieß Wort zu sprechen . Lieber alter Freund , sagte der Graf lächelnd , es ist ja Ihre Angelegenheit und nicht meine . Es ist ja also natürlich , daß Sie darin bestimmen und nicht ich . Sie wollen , erwiederte der Obrist , jede Erinnerung daran abweisen , daß unser aller Glück nur allein Ihr Werk ist ; aber um so lebendiger werden wir es fühlen . Der Graf gab dem Gespräch eine heitere Wendung , indem er mit dem Obristen überlegte , wie bald die Verbindung seiner Tochter mit dem Grafen Robert gefeiert werden könnte , und begab sich hierauf zu den Frauen , um ihnen mitzutheilen , daß die beabsichtigte Reise seines Vetters aufgegeben und dagegen seine Verheirathung beschlossen sei . Die Gräfin sowohl als Emilie , die sich mehr , als sie zeigen wollten , dem Kummer um St. Julien überließen , fanden Zerstreuung ihres Grams , indem sie sich eifrig mit der Ausstattung ihrer jungen Freundin beschäftigten , und mit zärtlicher Liebe und großmüthiger Freundschaft alles darin vereinigten , wodurch das häusliche Leben edel und zierlich gestaltet werden kann . Die glühende Dankbarkeit des Grafen Robert zeigte seinem Oheim , wie schwer das Herz des jungen Mannes den längeren Aufschub seines Glücks ertragen hätte , und Therese drückte mit beredtem Schweigen und seligen Thränen ihre Freundin Emilie an die klopfende Brust , und empfing mit glühendem Erröthen und niedergeschlagenen Augen die reichen Geschenke der Gräfin . Der Graf hatte mit seinem Vetter alle nöthigen Verabredungen getroffen . Ein erfahrner Landwirth hatte sich verbindlich gemacht , den Letzteren zu begleiten und mit ihm gemeinschaftlich die großen Besitzungen des Oheims , wie seine eigenen , zu verwalten . Dabei sollte nicht verabsäumt werden , die jungen Landleute in der Vaterlandsliebe zu erhalten und in den Waffen zu üben , um in einer besseren Zukunft , die Beide in der Ferne zu erblicken glaubten , von ihren gesammten Kräften Gebrauch zu machen . Schnell waren die wenigen Wochen verflogen , die zu den Vorbereitungen einer ehelichen Verbindung erforderlich waren , und der Tag , der das Glück der Liebenden befestigen sollte , war erschienen . Emilie hatte ihre Freundin edel und einfach geschmückt , und Aller Augen richteten sich bewundernd auf die schlanke Gestalt der holden Braut , als sie an der Hand des Vaters , der seine Rührung nicht bekämpfen konnte , in den Saal trat . Es schien , als ob erst an diesem Tage die Schönheit der Jungfrau sich in ihrer ganzen Herrlichkeit entwickelt habe , und die leuchtenden Augen des Grafen Robert zeigten , daß er sein Glück erkannte . Kein lautes Fest bezeichnete mit unpassendem Getöse die Vereinigung der Herzen , die in ihrer innigen Empfindung dadurch nur verletzt worden wären . Auch gesellte sich mancher ernste Gedanke zu dem Gefühl des Glücks . Der Obrist wußte , daß er nicht lange mehr das glückliche Loos seines Kindes betrachten , daß er sich nicht lange mehr der Liebe der Tochter erfreuen würde , und seine Gedanken richteten sich , mitten im Gefühl des Glücks , auf ein dunkles Grab und mit erhöhter Zuversicht über dieß Grab hinaus . Der Graf dachte daran , daß sein Name nur in den Nachkommen seines Vetters fortleben werde , und daß St. Julien , dessen Liebe ihm Ersatz für alles , was er entbehrte , gewähren solle , von Gefahren umringt sei , die er sich nicht verhehlte , wenn er sie auch seiner Gemahlin verschwieg . Die Gräfin theilte trotz dieses Schweigens seine Sorgen , und fragte sich mit stiller Angst und Wehmuth , ob sie wohl je den Tag erblicken würde , an welchem sie dem Sohne die Geliebte so festlich geschmückt entgegen führen könne , und ihr Auge ruhte mit zärtlicher Trauer auf Emilie , die , in Thränen lächelnd , die glückliche Freundin umarmte . III Es waren einige Tage nach der Verbindung des jungen Grafen verflossen und das neue Ehepaar sowohl , als der alte Vater schickten sich an , nach Schloß Hohenthal abzureisen , denn es war verabredet worden , daß sie dort wohnen sollten , weil von allen Gütern des Grafen dieß die anmuthigste Lage hatte und das Schloß selbst vollkommen darauf eingerichtet war , eine Familie in sich aufzunehmen und ihr alles zu gewähren , was zur Bequemlichkeit des Lebens gehört . Der Graf Robert wollte auch seiner Mutter vorschlagen , mit den Schwestern bei ihm zu wohnen , und er hoffte dann dieser guten , geduldigen Frau , die vom Leben beinah nichts , als das Leiden kennen gelernt hatte , wenigstens das herannahende Alter zu versüßen , denn er wußte , Therese würde ihr eine liebevolle Tochter sein . Auch zweifelte er nicht daran , daß die junge Gattin in allen ihr neuen Verhältnissen Rath und Hülfe bei der sanften , erfahrnen Frau finden würde . Auf die Ausbildung der Schwestern konnte der Umgang mit Therese nur vortheilhaft wirken , und so sollte Schloß Hohenthal , welches eine Zeitlang ernst und schweigend auf dem Hügel geruht hatte , von wo aus es das liebliche Thal beherrschte , von Neuem ein heiteres , bewegtes Leben in sich aufnehmen . Die Unvollkommenheit alles irdischen Glückes wird dem Menschen dann am Fühlbarsten , wenn seine liebsten Wünsche befriedigt werden , denn es gibt keine Freude ohne die herbe Beimischung des Schmerzes , und in das Lächeln des Entzückens fließt die Thräne der Wehmuth . Diese Wahrheit erfuhr die junge , glückliche Gattin . Denn wenn ihre Phantasie in lieblichen Träumen das schöne Leben der nahen Zukunft auf Schloß Hohenthal ausbildete und sie unbewußt die glänzenden Bilder des Glückes anlächelte , so fühlte sie in demselben Augenblick die warmen Thränen auf ihren Wangen , denn um dieß Glück zu erreichen , mußte sie die Gräfin und Emilie verlassen , und dieser Gram breitete einen leichten Wolkenschatten über den heiteren Himmel ihrer Zukunft . Ehe noch die Abreise der Neuvermählten erfolgt war , traf ein Brief des Predigers aus Hohenthal ein , der sich ernstlich über den Arzt beschwerte und den Grafen bat , ihm nicht die Schuld davon beizumessen , daß der Bau des Hauses auf dem Gute desselben noch nicht begonnen wäre , obgleich der Sommer schon großen Theils verstrichen sei . Er habe zwar versprochen die Leitung dieses Baues zu übernehmen , jedoch natürlich nur in so weit , als seine Kenntnisse dazu ausreichten . Er habe also einen Riß entworfen , wonach das Gebäude größer und bequemer als das Pfarrhaus hätte werden können , aber der Hochmuth des Arztes sei damit nicht zufrieden , er wolle durchaus , daß sein künftiger Wohnsitz ein kleines Schloß werden solle , und bestehe vor allen Dingen auf einem auf Säulen ruhenden Balkon . Ueber diesen Gegenstand sei so viel hin und her gestritten worden , daß man die Zeit darüber verloren habe und er , der Prediger , sich nun genöthigt sehe , sein Versprechen zurückzunehmen , da er sich nicht darauf einlassen könne , Paläste erbauen zu lassen , weil so weit seine Kenntnisse nicht reichten und er auch nicht nothwendig fände , weder für den Arzt , noch für dessen künftige Schwiegermutter , daß sie Paläste bewohnten . Eine große Empfindlichkeit gegen den Arzt war in diesem Schreiben nicht zu verkennen , und der Prediger erwähnte es kaum , daß seinen eigensinnigen Freund oft das lange Ausbleiben seiner künftigen Schwiegermutter beunruhige , um so mehr , da er keine Briefe von ihr erhielte , welches doch , wie der Geistliche mit Bitterkeit bemerkte , nicht zu verwundern sei , denn diese Dame , ob sie gleich jetzt einen Palast mit einem Balkon bewohnen sollte , werde gewiß noch so viel von ihrem früheren demüthigeren Stande an sich haben , daß ihr das Schreiben als eine unnütze Beschäftigung erschiene . Der Graf sah aus diesem Briefe deutlich , daß der tägliche ungestörte Umgang zwischen dem Arzte und dem Geistlichen nachtheilig auf Beide gewirkt hatte , und daß sie sich wahrscheinlich für ihr ganzes Leben entzweien würden , wenn nicht bald ein Anderer vermittelnd dazwischen träte . Es war ihm also auch aus diesem Grunde angenehm , daß sein Vetter dahin zurückkehrte , von dem er hoffen durfte , daß er die kleinen Feindseligkeiten in der Hohenthaler Gesellschaft noch im Keime unterdrücken werde . Er ließ einen Riß eines artigen Landhauses mit einem auf Säulen ruhenden Balkon anfertigen , und sein Vetter , der auch mehr als der Geistliche durch seine mathematischen Kenntnisse dazu geeignet war , versprach den Bau desselben zu leiten . Nach zwei Tagen war die Abreise der Neuvermählten und des Obristen festgesetzt , als man durch die Ankunft der Frau Professorin überrascht wurde . Obgleich gewandt in Geschäften und auch nicht durch weibliche Schüchternheit in der Ausführung gehindert , hatte sie doch mehr Hindernisse gefunden bei dem Bemühen , das nachgelassene Vermögen ihres verstorbenen Mannes zusammenzubringen , als sie vermuthet hatte . Jetzt war nun Alles glücklich beendigt und ihr Gesicht strahlte vor Freude , als sie ihre Tochter erblickte , die sich eben bei der Gräfin befand , und vernahm , daß auch der junge Graf mit seiner Gemahlin nach der geliebten Heimath zurückkehren wolle . Kaum geringer war die Freude der Tochter , denn wenn auch der Aufenthalt in Berlin vortheilhaft auf ihre Sitten und Bildung gewirkt hatte , so sehnte sie sich doch herzlich nach dem freieren Leben in der Natur . Die Herrlichkeiten der Hauptstadt , ob sie sie gleich mit der heiteren Unbefangenheit eines Kindes genoß , hatten keinen so tiefen Eindruck auf ihr Gemüth gemacht , daß sie ihr dadurch Bedürfniß des Lebens geworden wären , und die zierlichen jungen Männer , die zuweilen den Kreis ihres Umgangs berührten , waren nicht glücklicher , denn sie stellte unaufhörlich Vergleichungen zwischen ihnen und ihrem Vater und Bräutigam an , und gewiß würden die jungen Herren auf ' s Höchste überrascht gewesen sein , wenn sie beide Personen gekannt und gewußt hätten , daß diese Vergleichungen zu ihrem Nachtheil ausfielen . Die junge Marie betrachtete die liebenswürdige Jugend mit einiger Geringschätzung . Sie vertraute ihrer Freundin Therese , zu der sie ein besonderes Vertrauen hatte , zuweilen , die jungen , zierlichen Herren , die so viel Sorgfalt auf ihre Haarlocken und Halsbinden verwendeten , nach allen Wohlgerüchen der Erde dufteten , sich immer einem Spiegel gegenüber zu halten suchten , schienen ihr oft verkleidete Mädchen , und sie käme zuweilen in Versuchung , ihnen zur Unterhaltung eine weibliche Arbeit anzubieten , wenn sie die große Langeweile bemerkte , die auf ihren Gesichtern ruhte , und sie überzeuge sich nur dann wieder , daß diese geputzten Wesen keine Mädchen wären , wenn sie auf einmal mit großer Heftigkeit über die Nothwendigkeit sich zum Kriege zu erheben sprächen und Buonaparte vom Throne stoßen wollten ; höchst lächerlich aber käme es ihr alsdann wieder vor , wenn sie mit derselben Heftigkeit für oder wider eine Schauspielerin stritten , und die gleiche leidenschaftliche Begeisterung für die eine oder andere an den Tag legten , die sich in den nächst vorhergehenden Gesprächen für ihren Lieblingshelden Schill offenbart hätte . Ja , schloß sie ihre Bemerkung , ich glaubte , alle diese für das Vaterland Begeisterten würden nun mitziehen und die Thaten ausführen helfen , die sie für nothwendig erklären ; aber mir scheint , sie sind alle hier geblieben . Therese scherzte mit dem angenehmen Kinde zuweilen über ihre große Abneigung gegen die jungen Herren und fragte , ob sie denn gar nichts an dem Arzte auszusetzen fände ? O , ich bin nicht so blind , erwiederte die Kleine dann ernsthaft . Ich sehe es wohl , daß ihm die Kleider nicht so gut sitzen , wie den hiesigen jungen Herren , und wenn ich seine Frau bin , werde ich es ihm abgewöhnen , daß er beim Tanze so hoch mit einwärts gebogenen Knieen springt , oder noch besser , er unterläßt das Tanzen ganz , denn es kleidet ihn nicht und er kümmert sich dabei nicht um den Takt . Aber ist es denn nicht natürlich , daß er diese Künste nicht so gut zu machen versteht , wie die hiesigen jungen Herren , die , wie es scheint , nichts Anders zu thun haben ? Kann er seine Aufmerksamkeit auf solchen Tand richten , da er Tag und Nacht studirt , wie er den Menschen , die an irgend einem Gebrechen leiden , helfen könne . Gewiß sind schon Viele durch ihn gesund geworden und glücklich , und blicken ihm dankbar und freundlich entgegen , wenn sie ihn kommen sehen , ohne darauf zu achten , wie er seine Füße setzt , und das , denke ich , ist mehr werth , als alle die Possen , die man hier in der Stadt treibt . Therese hütete sich in solchen Fällen der Ansicht ihrer jungen Freundin zu widersprechen , denn da die Tochter eben so entschieden , wie die Mutter , eine Verbindung mit dem Arzte als das Ziel ihres Lebens betrachtete , so wäre es ein Unglück gewesen , wenn das junge Mädchen ihren Geschmack für äußere Vorzüge des männlichen Geschlechts verfeinert hätte . Der Graf theilte der Frau Professorin die Zwistigkeit zwischen ihrem künftigen Schwiegersohne und dem Geistlichen mit , und indem er ihr die Veranlassung dazu sagte , zeigte er ihr zugleich den Riß des künftigen Wohnhauses , den er hatte entwerfen lassen , und bat sie , so lange im Schlosse zu wohnen , bis sein Vetter , der junge Graf , diesen Bau würde ausgeführt haben . Mit leuchtenden Augen betrachtete die Wittwe des Professors den Plan des Hauses , den ihr der Graf erklärte , und je mehr sie die Zweckmäßigkeit und Bequemlichkeit der Einrichtungen erkannte , je höher stieg ihr Entzücken , bis sich zuletzt die Freude in dankbare Rührung auflöste , und die großen auf das Papier niederströmenden Tropfen die Zeichnung zu verderben drohten . Ja , sagte sie endlich , zum Grafen gewendet , Sie handeln gegen alle Menschen , wie einer , der hoch über ihnen steht , aus dessen Herz nur Wohlwollen , aus dessen Händen nur Segen kommt , und Gott verzeihe mir meine Sünden , ich fühle eine Art Andacht , wenn ich an Sie denke . Wären alle hohen , großen Edelleute in Frankreich so gewesen , wie Sie sind , die Revolution hätte gar nicht kommen können , denn Wer hätte dann wohl Hand an einen Edelmann legen mögen , und Buonoparte müßte es sich dann vergehen lassen , uns zu drücken und alles , was ihm einfällt , uns zu verbieten . Der Graf wollte das Gespräch ablenken und sagte lächelnd : Es freut mich , daß Ihnen der Plan zum Hause gefällt , und noch größere Freude wird es mir machen , wenn ich Sie erst darin besuchen kann . Nun , rief die Professorin entzückt , wenn Sie mir die Ehre erweisen , so werde ich Sie bei mir so aufnehmen , daß Sie meine Dankbarkeit erkennen werden , und in dem schönen Hause , fuhr sie fort , indem sie die Hand auf die Zeichnung legte , werde ich das können . Mein Vetter , bemerkte sie , indem sie den Riß von Neuem betrachtete , ist ein hochmüthiger Mensch , daß weiß ich von Alters her ; aber warum sollen wir denn keinen Balkon haben ? Das sehe ich denn doch auch nicht ein . Von dem Prediger ist es doch auch nur Neid , wenn er sich dem widersetzt . Er will nicht , daß wir es besser haben sollen , als er , und wenn Sie es uns gönnen , warum sollen wir dann das Gute nicht genießen ? Mag er sich ärgern , wie er will ; ich freue mich selber auf den Balkon , ich kann da oben sitzen wie auf einem kleinen Thurme und von der einen Seite einen großen Theil der Wirthschaft übersehen , und ich läugne auch nicht , daß es mir angenehm ist , wenn mein Vetter , der Schulze , sieht , was aus seiner Muhme geworden ist . Der nimmt gewiß den Hut schon auf dem Hofe ab , wie vor dem herrschaftlichen Schlosse , wenn er zu uns kommen will und dieß Gebäude erblickt . Die Zuhörer der Professorin waren zu gutmüthig , als daß das Lächeln auf ihren Gesichtern etwas Anderes als Wohlwollen ausgedrückt hätte . Man gönnte es der ehemaligen treuen Dienerin , daß sie auf ihre Weise glücklich war , und der Graf Robert nahm sich sogar vor , ihr noch manche angenehme Ueberraschung zu bereiten , da er bemerkte , daß sie nicht ganz unempfindlich gegen Anmuth und Zierlichkeit war , wie er früher geglaubt hatte . In dieser wohlwollenden Stimmung wurde die Reise nach Hohenthal von allen Personen angetreten , die ihre Bestimmung dahin führte , und dem Grafen , der Gräfin und Emilie wurde die Einsamkeit fühlbar , nachdem sie den Schmerz des Abschiedes überstanden hatten . Auf Schloß Hohenthal dagegen regte sich Leben und Thätigkeit . Der Graf Robert hatte seine Mutter von seiner Abreise aus Berlin benachrichtigt , und er hatte die Freude , sie den Tag nach seiner Ankunft auf Schloß Hohenthal mit den Schwestern zu begrüßen . Der Obrist hatte nichts gegen den Plan einwenden wollen , den in reiner Freude eines dankbaren Sohnes der Graf Robert entworfen hatte , mit der Mutter vereinigt zu leben . Aber er fürchtete im Stillen für das Glück seines Kindes , denn er hatte im Laufe seines langen Lebens die Erfahrung gemacht , daß selten die Mutter des Mannes die junge Gattin desselben mit Liebe betrachtet ; ja , daß oft , je mehr der Sohn selbst von der Mutter geliebt wird , um so deutlicher eine seltsame Abneigung gegen dessen Gattin sich zeigt , die sich nicht anders erklären läßt , als , daß eine eigensüchtige Neigung eifersüchtig die Liebe des Sohnes ausschließend auf sich lenken möchte . Er wurde daher angenehm überrascht , als er bald gewahr wurde , daß in dieser sanften , demüthigen Frau seine Tochter nicht nur eine Mutter , sondern er selbst eine treue Freundin gewann , die ihm die Beschwerden des Alters zu erleichtern und die letzten Jahre seines Lebens zu verschönern suchte . Da auch diese Besorgniß verschwunden war , die ihn auf der Reise geängstigt hatte , so fühlte der Greis sich vollkommen glücklich . Wie ein Patriarch