dem Begriff von Seligkeit aufzuschwingen vermag . Ach , ich fühl ' s ! Mich durchzücken leise Schauer , daß Du meiner gedenken solltest in der Ferne , daß das Behagen , die Lust Deiner Tage einen Augenblick erhöht wird durch meine Liebe . Sieh , so schön ist das Geweb meiner innern Gedankenwelt , wer möchte es zerstören ! Musik ! Jeder Ton in ihr ist wesentlich , ist der Keim einer Modulation , in die die ganze Seele sich fügt , und so verschieden , so in sich abgeschlossen die melodischen Formen sind , in die diese Gedankenwelt sich ergießt : so umfaßt sie doch und vernimmt die Harmonie , wie der Ozean alle Strömungen in sich aufnimmt . * * * So gehört denn auch zu unserm vögelsingenden , blüteschneienden Frühling , wo der Fluß zwischen duftenden Kräutern tanzt und ein Herz im andern lebt , jener kalte , vom Wind und Schnee durchkreuzte Winter , wo die eisige Luft mir den Atem an den Haaren zu Reif ansetzte , wo ich so wenig wußte , was mich in den Wintersturm hinausjagte , als wo der Wind herkam , und wo er hineilte . Ach , Herz und Sturmwind eilten der Gegenwart zuvor in die Zukunft , also Dir entgegen . - Darum riß es mich so unwiderstehlich aus dem stummen Dasein dem schönen Augenblick entgegen , der mein Leben in allen seinen Aspirationen entwickeln und in Musik auflösen sollte . * * * Es kann dem Winter nichts ungleicher sein als der Frühling , der unter seiner eisigen Decke der Zukunft harrt ; es kann dem im Samen verschloßnen , in der Erde verborgenen Keim nichts fremder sein als das Licht , und doch ist es seine einzige Richtung ; der Genius des Lebens treibt aus ihm hervor , um sich mit dem Licht zu vermählen . - Dieses Anschmiegen an eine Geisterwelt , dies Vertrauen auf die geheime Stimme , die mich so seltsame Wege leitete , die mir nur leise Winke gab , - was war es anders als ein unwillkürliches Folgen dem Geist , der mich reizte , wie das Licht das Leben ! * * * Meine verödete Kirche stand diesseits an der Höhe , einer Mauer , die tief hinabging , einen Bleichplatz umschloß , der jenseits vom Mainfluß begrenzt war . Während mir vor der Höhe dieser Mauer schwindelte und ich furchtsam ausweichen wollte , hatte ich mich unwillkürlich hinübergeschwungen , und so fand ich im nächtlichen Dunkel kleine Spalten in der Mauer , in die ich Hände und Füße einklemmte und hervorragende Steine , auf denen ich mir hinabhalf ; ohne zu bedenken , ob und wie ich wieder hinaufkommen werde , hatte ich den Boden erreicht ; eine Wanne , die wohl im Sommer zum Bleichen gedient hatte und im Herbst war vergessen worden , rollte ich bis zum Ufer , stellte sie da auf und setzte mich hinein und sah dem Eisgang zu ; es war mir eine behagliche , befriedigende Empfindung , so als eingerahmtes Bild der erhabenen Winternatur ins Antlitz zu schauen . Es war , als habe ich einer geheimen Anforderung Genüge geleistet . - Im Hinaufklettern fand ich ebenso kleine Lücken und Steine unter Händen und Füßen , wie ich sie brauchte . - - Von nun an konnte kein Wetter , kein Zufall mich abhalten , ich überwand alle Schwierigkeiten ; ohne zu wissen wie , fand ich mich an meiner Geistermauer , an der ich jeden Abend hinabkletterte und in meiner Wanne sitzend dem Treiben der Eisschollen zusah . Eine stieß ans Ufer , ich sträubte mich nicht mehr gegen die dämonischen Eingebungen , zuversichtlich sprang ich drauf und ließ mich eine Weile forttreiben . Dann sprang ich auf die nächste , bis ich endlich in der Mitte des Stromes dahinsegelte . - Es war eine wunderbare Nacht ! Warum ? - Jeder Naturmoment ist wunderbar , ist ungeheuer , wo er in seiner Freiheit waltet über den Menschengeist , ich habe mich ihm preisgegeben , und so wirkte er als höchstes Ereignis . - Am fernen Horizont schimmerte ein dunkles Rot , ein trübes Gelb und milderte die Finsternis zur Dämmerung , das Licht , gefesselt in den Umarmungen der Nacht ; dahin schaute ich , dahin trug mich mein eisiger Seelenverkäufer , und der Wind , der sich kaum über die Höhe des Flusses hob , spielte und klatschte zu meinen Füßen mit den Falten meiner Kleider . Noch heute empfinde ich den königlichen Stolz in meiner Brust , noch heute hebt mich die Erinnerung der schmeichelnden Winde zu meinen Füßen , noch heute durchglüht mich die Begeistrung jener kühnen nächtlichen Fahrt , als wenn es nicht vor sechs Jahren , sondern in dieser kalten Winternacht wär , in der ich hier sitze , um Dir zulieb und meiner Liebe zum Gedächtnis alles aufzuschreiben . Eine gute Strecke hatte ich mich dahin treiben lassen , da war ich ebenso willenlos , als ich den Fluß hinabgeschwommen war , wieder umgekehrt , ich schritt ruhig von einer nachkommenden Eisscholle zur andern , bis ich mich glücklich am Ufer befand . Zu Hause im Bette überlegte ich , wo mich wohl noch diese Wege hinführen möchten ; es ahnte mir wie ein Weg , der immer weiter , aber nicht zurückführen werde , und ich war neugierig auf das Abenteuer der nächsten Nacht . Am andern Tag unterbrach eine zufällige Reise in die Stadt meine nächtlichen Geisterwanderungen . Da ich nach drei Wochen zurückkehrte , war dieser mächtige Reiz aufgehoben , und nichts hätte mich bewegen können , sie aus eigener Willkür zu wagen . - Sie lenkten freilich einen Weg , diese freundlichen Nachtgeister , der nicht wieder umlenkt , sie belehrten mich , wollten mich lehren der Tiefe , dem Ernst , der Weisheit meines Glückes nachzugehen und seine Beseligung nur als seinen Abglanz zu betrachten . So machen es die Menschen ; während ihr Geschick ihnen einen vorübergehenden Genuß darbietet , wollen sie ewig dabei verweilen und versäumen so , sich ihrem Glück , das vorwärts schreitet , zu vertrauen , und ahnen nicht , daß sie den Genuß verlassen müssen , um dem Glück nachzugehen und es nicht aus den Augen zu lassen . * * * Nur das eine ist Glück , was den idealischen Menschen in uns entwickelt , und nur insofern ihn Genuß in den Äther hebt und ihn fliegen lehrt in ungekannten Regionen , ist er ihm wahre Beseligung . - Gewiß , ich möchte immer bei Dir sein , in Dein Antlitz schauen , Rede mit Dir wechseln , die Lust würde nimmer versiegen : aber doch sagt mir eine geheime Stimme , daß es Deiner nicht würdig sein würde , mir dies als Glück zu setzen . Vorwärtseilen in den ewigen Ozean , das sind die Wege , die mir auf eisiger Bahn die Geister vorschrieben , auf denen ich Dich gewiß nicht verlieren werde , da auch Du nicht umkehrst und ich nie an Dir vorüberschreiten werde , und so ist gewiß das einzige Ziel alles Begehrens die Ewigkeit . * * * Die Reise nach der Stadt hatte der Krieg veranlaßt . Wir flüchteten vor dem Getümmel der Österreicher mit den Franzosen ; es war zu fürchten , daß unser kleines Stadtparadies mit seinen wohlgeordneten Lustrevieren nächstens unter den Hufen kämpfender Reiterei zertrümmert werde . Der Feind war nur flüchtig durch Feld und Wald gesprengt , hatte über den Fluß gesetzt , und die heimliche Ruh des beginnenden Frühjahrs lagerte schützend über den Saatfeldern , deren junges Grün schon aus dem schmelzenden Schnee hervorragte , da wir wieder zurückkehrten . Die kräftigen Stämme der Kastanienallee , Du kennst sie wohl ! Manche Träume Deiner Frühlingstage flatterten dort mit der jungen Nachtigallenbrut um die Wette , wie oft bist Du dort an Liebchens Arm dem aufgehenden Mond entgegengeschlendert ! Ich mag nicht daran denken ; Du wirst Dich der heiteren Aussichten des wimmelnden Lebens auf dem Fluß am Tag , seiner ruheflüsternden Schilfgestade in warmen Sommernächten und seiner ringsum blühenden Gärten , zwischen denen sich die reinlichen Straßen verteilen , noch gar wohl erinnern und auch seiner Bequemheit für Deine Liebesangelegenheiten . Seitdem hat sich die Gegend wie die Lebensweise und auch die Bevölkerung ins Wunderbare gespielt , und keiner würde es glauben , der ' s nicht gesehen hat , und jeder , der mit seinem Reisejournal in der Tasche von seiner Reise um die Welt hier durchkäm , würde glauben , in die Stadt der Märchen versetzt zu sein12 ; eine mystische Nation wandelt in bunter , wunderbarer Kleidung zwischen den andern durch ; die Greise und Männer mit langen Bärten in Purpur und grün und gelben Talaren , die Hälfte des Gewandes immer von verschiedener Farbe , die wunderschönen Jünglinge und Knaben in enganliegendem Wams , mit Gold verbrämt , die eine Hose grün , die andre gelb oder rot , dahersprengend auf mutigen Rossen mit silbernen Glöckchen am Hals , oder am Abend durch die Straße auf der Gitarre und Flöte präludierend , bis sie vor Liebchens Fenster Halt machen ! Denke Dir dies alles und den milden Sommerhimmel , der sich darüber wölbt und dessen Grenzen eine blühende , tanzende und musizierende Welt umfließt ; denke Dir den Fürsten jenes Volkes mit silbernem Bart , weißem Gewand , der vor dem Tor seines Palastes auf öffentlicher Straße auf prächtigen Teppichen und Polstern lagert , umgeben von seinem Hofstaat , wo jeder einzelne ein absonderliches Zeichen seines Amts und Würde an seiner fabelhaften Kleidung hat . Da speist er unter freiem Himmel gegenüber den lustigen Gärten , hinter deren zierlichen Gittern hohe Pyramiden blühender Gewächse aufgestellt sind und mit feinem Drahtflor umzogene Volieren , wo der Goldfasan und der Pfau zwischen den rucksenden Haustauben einherstolzieren und die kleinen Singevögel jubeln , alles von zartem , grünem Rasen umschlossen , wo mancher Wasserstrahl emporschießt ; die Knaben in verbrämten Kleidern goldne Schüsseln bringen , indessen aus den offnen Fenstern des Palastes Musik erschallt . Wir Kinder machten manchmal im Vorübergehen da Halt und sahen und hörten dem Verein schöner Jünglinge im Gesang , Flöte und Gitarre zu ; aber damals wußte ich nicht , daß nicht überall die Welt so heiter lieblich , so reinen Genusses sich ausbreite ; und so fand ich es auch nicht wunderbar , wenn die Nacht einbrach und aus dem Nachbarsgarten die herrlichsten Symphonien herüberschallten , von einem Orchester der ersten Künstler aufgeführt , wenn die herrlichen großen Bäume mit so viel bunten Lampen geschmückt waren , als Sterne sich am Himmel blicken ließen ; da suchte ich einen einsamen Weg und sah den glühenden Johanniswürmchen zu , wie sich die im Flug durchkreuzten , und ich war überrascht von dem wunderbaren Leuchten , ich dachte nachts an diese Tierchen und freute mich auf den andern Abend , um sie wiederzusehen , auf die Menschen aber freute ich mich nicht , - sie leuchteten mir nicht ein , ich verstand und ahnte nicht , daß man sich mit ihnen verständigen könne ; - manche Sommernacht auch schwamm die Kapelle von blasenden Instrumenten auf dem Main , bald hinab und hinauf , begleitet von vielen Nachen , auf denen sich kaum ein Flüstern hören ließ , so tiefernst hörten sie der Musik zu . Da wurde ich auch mitgeschaukelt auf den sanften Wellen und sah die wechselnden Schatten , Lichter und Mondstrahlen und ließ das kühle Wasser über meine Hände laufen . So war das Sommerleben , das plötzlich durch die rückkehrenden Kriegsszenen unterbrochen ward . Da war an kein Flüchten zu denken , am Morgen , da wir erwachten , hieß es : » Hinab in den Keller ! Die Stadt wird beschossen , die Franzosen haben sich hereingeworfen , die Rotmäntel und die Totenköpfe sprengen von allen Seiten heran , um sie herauszujagen ! « Da war ein Zusammenlaufen auf den Straßen , da erzählte man sich von den Rotmänteln , daß die kein Pardon gäben , alles zusammenhauen , daß sie fürchterliche Schnurrbärte haben , rollende Augen , blutrote Mäntel , damit das vergossene Blut nicht so leicht zu bemerken sei . Allmählich wurden die Fensterladen geschlossen , die Straßen leer , die erste Kugel , die durch die Straßen flog , eilte alles in die Keller , auch wir , Großmutter , Tante , eine alte Cousine von achtzig Jahren , die Köchin , die Kammerjungfer , ein männlicher Hausgenosse . Da saßen wir , die Zeit wurde uns lang , wir lauschten - eine Bombe flog in unsern Hof , sie platzte . Das war doch eine Diversion , aber nun stand zu erwarten , daß Feuer ausbrechen könne . Allerlei , was meiner Großmutter unendlich wichtig war von Büchern , von Bildern , fiel ihr ein , sie hätte es gern in den Keller gerettet . Der männliche Hausgenosse demonstrierte , wie es eine Unmöglichkeit sei , den heiligen Johannes , ein Bild , was die wunderbare Eigenschaft hatte , die Fabel geltend zu machen , er sei ein Raffael , jetzt aus dem oberen Saal herunterzuschaffen , indem es viel zu schwer sei ; ich entfernte mich leise , stieg zum Saal , hob das schwere Bild ab , nahm es an der Schnur über den Rücken , und so kam ich , noch eh die Verhandlung beendigt war , zum Erstaunen aller und zur großen Freude der Großmutter , zur Kellertreppe herabgepoltert , ich meldete noch , wie ich aus dem Saalfenster gesehen und alles still sei ; ich bekam die Erlaubnis , noch mehr zu retten , ich bekam die Schlüssel zur Bibliothek , um Kupferwerke zu holen , mit freudiger Eile sprang ich die Treppe hinauf , in die Bibliothek hätt ich längst gern mich eingestohlen , da war eine Sammlung prachtvoller Muscheln , wunderbarer Steine , getrockneter Pflanzen , da hingen Straußeneier an den Wänden , Kokusnüsse , da lagen alte Waffen , ein Magnetstein , an dem alle Näh- und Stricknadeln hängen blieben , da standen Schachteln voll Briefschaften , Toiletten mit wunderlichem alten Geschirr und Geschmeide , Zitternadeln mit Sternen von bunten Steinen , o ich freute mich , den Schlüssel zu haben , ich holte herunter , was man verlangte , zog den Schlüssel ab , ohne abzuschließen , und dachte mir eine stille , einsame Nacht , in der ich , alles durchsuchend und betrachtend , schwelgen wolle . Das Schießen hatte wieder angefangen , einzelne Reiter hörte man in gestrecktem Galopp die furchtbare Stille der Straße unterbrechen , die Furcht im Keller stieg , man dachte jedoch nicht daran , daß ich verletzt werden könne , und ich auch nicht ; ich sprach nicht aus , daß ich mich nicht fürchte , und fühlte auch nicht , daß ich Gefahr lief , und so überkam ich das schöne Amt , alle zu bedienen , für alle Bedürfnisse zu sorgen . Ich hörte verschiedentlich die Reiter vorübersprengen . » Das mag ein Rotmantel sein ! « dachte ich , lief eilig ans Fenster des unteren Geschosses , riß den Laden auf - siehe , - da hielt er in der mitten Straße mit gezogenem Säbel , langem fliegenden Schnurrbart , dicken , schwarzen , geflochtenen Haarzöpfen , die unter der roten Pelzmütze hervorhingen , der rote Mantel schwebte in den Lüften , wie er die Straße hinabflog , - alles wieder totenstill ! - Ein junger Mensch in Hemdärmeln , bloßem Kopf , totenblaß , blutbespritzt , rennt verzweiflungsvoll hin und wieder , rasselt an den Haustüren , klopft an den Läden , keiner tut sich auf , mir klopft das Herz , ich winke - er sieht es nicht . Jetzt eilt er auf mich zu , bittend , - da ertönt der Schall eines Pferdes ; er schmiegt sich in die Vertiefung des Hoftors , der Reiter , der ihn suchend verfolgt , sprengt an ihm vorbei , hält einen Augenblick , späht in die Ferne , wendet um und - fort . O , jeder Blick , jede Bewegung des Reiters und des Pferdes haben sich tief in mein Gehirn geprägt , und der arme Angsterfüllte eilt hervor und schwingt sich am schwachen Kinderarm herein in die rettenden Wände , aber kaum , - da ist der Reiter schon wieder , er sprengt an mich heran , ich rühr mich nicht vom Fenster , er verlangt Wasser , - ich eile in die Küche , es ihm zu holen , nachdem er getrunken und nachdem ich ihn die Straße hinabreiten gesehen erst , mache ich meinen Laden zu , und nun sehe ich mich nach meiner geretteten Beute um . Hätte sich der Rotmantel auf seinem Pferde in die Steigbügel gestellt , so hätte er meinen Geretteten entdeckt , dieser küßte mir zitternd die Hände und sagte mit leiser Stimme : » O mon dieu ! mon dieu ! « . Ich lachte vor Freuden , aber dann brach ich in Tränen aus ; denn es rührte mich , der Retter eines Menschen geworden zu sein , so ohne mich zu besinnen , so ohne zu wissen wie . - Und Du auch ! - Rührt es Dich nicht ? - Freut es Dich nicht , daß es mir gelungen ist ? - Mehr als alle Schmeichelreden , die ich Dir sagen könnte ? - » Sauvez-moi ! Cachez-moi ! « sagte er , » mon père et ma mère prieront pour vous . « . Ich faßte ihn bei der Hand und führte ihn schweigend leise über den Hof nach dem Holzstall : dort untersuchte ich seine Wunde , das Blut abwaschen konnte ich nicht , ich hatte kein Wasser , holen mochte ich auch keins , der Nachbar Andree , dessen Du Dich auch erinnern mußt , war mit mehreren Freunden auf sein Observatorium gestiegen , um das Kriegswesen zu beobachten , er konnte mich bemerken . Ein einzig Mittel hatte ich erfunden ; ich leckte ihm das Blut ab , - denn es ihm so mit Speichel abzuwaschen , schien mir zu unbescheiden ; er ließ mich gewähren , ich zog leise und sanft die anklebenden Haare zurück , - da flog ein Huhn mit großem Geschrei vom oberen Holz herunter , wir hatten es verscheucht von dem Ort , wo es seine Eier zu legen pflegte , ich kletterte hinauf , um das Ei zu holen , die innere weiße Haut legte ich über die Wunde - es mag wohl geheilt haben , ich will ' s hoffen ! - Nun eilte ich wieder in den Keller , die eine Schwester schlief , die andere betete vor Angst , die Großmutter schrieb an einem kleinen Tisch bei Licht ihr Testament , die Tante hatte den Tee bereitet , ich bekam die Schlüssel zur Speisekammer , um Wein und kalte Speisen zu holen , da dachte ich auch an den Magen meines armen Gefangenen und brachte ihm Wein und Brot . So ging der Tag vorüber und die Gefahr , der Keller wurde verlassen , mein Geheimnis fing an mich zu beklemmen ; ich beobachtete jeden Schritt der Hausgenossen , der Köchin half ich in der Küche , ich holte ihr Wasser und Holz , unter dem Vorwand , daß es doch noch gefährlich sein könne unter freiem Himmel , sie ließ sich ' s gefallen ; - endlich und endlich kam die Nacht , der Nachbar hatte Rapport gebracht , daß nichts zu fürchten sei vor der Hand , und so legte man sich zur Ruhe , deren man so sehr bedurfte . Ich hatte meine Schlafstätte im Nebenzimmer der Großmutter , von da konnte ich den Holzstall , der vom Mond beschienen war , beobachten , ich ordnete nun meinen Plan : fürs erste mußten Kleider geschafft werden , die den Soldaten verleugneten . Wie gut , daß ich die Bibliothek offen gelassen ! Da oben hing ein Jagdkleid und Mütze - von welchem Schnitt , ob alt- oder neumodisch - wußt ich nicht . Wie ein Geist schlich ich auf bloßen Strümpfen an der Tante Zimmer vorbei , schwebend trug ich ' s herunter , damit die metallnen Knöpfe nicht rasselten , er zog es an , es saß wie angegossen - Gott hat es ihm angepaßt und die Jagdmütze dazu ! Ich hatte das Geld , was man mir schenkte , immer in das Kissen eines ledernen Sessels gesteckt , weil ich keine Gelegenheit hatte , es zu brauchen . Jetzt durchsuchte ich den Sessel , und es fand sich eine ziemliche Barschaft zusammen , die ich meinem Geretteten als Zehrpfennig einhändigte . Nun führte ich ihn durch den mondbeschienenen , blüteduftenden Garten ; wir gingen langsamen Schrittes Hand in Hand bis hinter die Pappelwand , an die Mauer , wo alle Jahr die Nachtigall in der Rosenhecke ihr Nest baute , es war grade die Zeit , was half ' s - dies Jahr mußte sie gestört werden . Da wollte er mir danken , da nahm er mich auf seine Arme und hob mich hoch , er warf die Mütze ab und legte den verbundenen Kopf auf meine Brust , was hatte ich zu tun ? Ich hatte die Arme frei , ich faltete sie über seinem Kopf zum Gebet ; er küßte mich , stieg über die Rosenheckenmauer in einen Garten , der zum Main führte , da konnte er sich übersetzen ; denn es waren Nachen am Ufer . Es gibt unerwartete Erfahrungen , die sind vergessen , gleich als ob sie nicht erlebt wären , und erst dann , wenn sie wieder aus dem Gedächtnisbrunnen heraufsteigen , ergibt sich ihre Bedeutung - es ist , als ob eine Lebenserfahrung dazu gehörte , ihre Wichtigkeit empfinden zu lernen ; es sind andre Begebnisse , auf die man mit Begeistrung harrt , und die schwimmen so gleichgültig vorüber wie das fließende Wasser . - Wie Du mich fragtest , wer mir den ersten Kuß gegeben habe , dessen ich mich deutlich erinnere , da schweifte mein Besinnen hin und her wie ein Weberschiffchen , bis allmählich dies Bild des Erretteten lebhaft und deutlich hervortrat , und in diesem Widerhall des Gefühls erst werde ich gewahr , welche tiefe Spuren sie in mir zurückgelassen ! - So gibt es Gedanken wie Lichtstrahlen , die einen Augenblick nur das Gefühl der Helle geben und dann verschwinden , aber ich glaube gewiß , daß sie ewig sind und uns wieder berühren in dem Augenblick , wo unsere sittliche Kraft auf die Höhe steigt , mit der allein wir sie zu fassen vermögen . Ich glaube : mit uns selbst ins Gericht gehen , oder wenn Du willst , Krieg führen mit allen Mächten , ist das beste Mittel , höherer Gedanken teilhaftig zu werden . Es gibt eine Art Lumpengesindel auch im Geist , das alle Befähigung zur Inspiration unterdrückt und sich wuchernd ausbreitet ; dahin gehören die Ansprüche aller Art nach außen : wer etwas von außen erwartet , dem wird es in dem Innern nicht kommen , aller Reiz , der nach außen zur Versündigung wird , kann im Innersten konzentriert zur Tugend werden ; - das Gefühl , das , sowie es sich mit der Oberfläche des Lebens berührt , gleich zur Eitelkeit anschließt : in der innersten Seele festgehalten , wird sich zu einer demütigen Unterwerfung an die Schönheit ausbilden . Und so könnte wohl jede Verkehrtheit daher entstehen , weil ihr Reiz fehlgeht in seiner Befriedigung . Alle Ansprüche , aller Reiz , alle Leidenschaft soll befriedigt werden , aber nur durch das Göttliche , und so nicht der Sklave der Leidenschaft , sondern unserer höheren Natur werden . Wenn ich mich über mich selbst stelle und über mein Tun und Treiben , dann kommen mir gleich Gedanken , von denen empfinde ich , sie haben eine bestimmte Beziehung auf eine bestimmte Erscheinung in mir , wie gewiß auch bei den verschiedenen Epochen in dem Pflanzenleben die Nahrung eine verschiedne geistige Richtung annimmt ; daß zum Beispiel beim Blühen der Nahrungsstoff , der doch aus denselben Elementen besteht , eine in sich selbst erhöhte geistige Verwandlung vornimmt ; denn er äußert sich ja nicht mehr bloß vegetierend in dem Leben der Pflanze , sondern duftend , wissend , in ihrem Geist . Gedanken dieser Art beglücken mich , wenn ich Frieden mit mir schließe und den Schlaf gleichsam annehme als Versöhnung mit mir selbst ; so gestern abend fühlte ich vor dem Einschlafen , als ob mich mein Inneres in Liebe aufgenommen habe , und da schlief ich die Ruhe bis tief in meine Seele hinein und wachte von Zeit zu Zeit auf und hatte Gedanken . Ich schrieb sie , ohne sie weiter zu spinnen oder ihren Gehalt zu wägen , ja selbst manche , ohne sie ganz zu verstehen , mit Bleistift auf - und schlief dann gleich wieder fort , aber bald weckte mich ' s wieder auf ; diese Gedanken waren wie Ausrufungen meiner Seele in der Empfindung von Behagen . Ich will sie hier abschreiben , wie ich sie nacheinander erfahren . Ob sie Wert und Gehalt haben , lasse ich unberührt , aber immer werden sie ein Beweis sein , daß der Geist auch im Schlaf lebendig wirkt . Ich glaub , daß jede Handlung ihre unendlichen Folgen hat ; daß uns die Wahrheit Genuß gewährt , daß also jeder Genuß eine Wahrheit zum tiefsten Grunde hat , daß also jeder Genuß durch seine Wahrheit legitimiert ist . Ich glaube , daß alle Ahnungen Spiegelungen der Wahrheit sind . Der Geist ist Auge , je schärfer er sieht , je deutlicher wird die Ahnung , je reiner tritt das Spiegelbild der Wahrheit in der Empfindung auf . Die Vielheit soll zur Einheit führen , der Spiegel fasset alles in einen Strahl zusammen . Das Licht gebärt das allseitige Leben und Streben in die Einheit , in das Reich des Göttlichen . Die Philosophie ist Symbol der Leidenschaft zwischen Gott und dem Menschen . Die Liebe ist eine Metamorphose der Gottheit . Jeder Gedanke ist die Blüte einer Pflanze ; was ist dann aber ihre Frucht ? - Die Wirkung auf unser Inneres ist ihre Frucht . Zum Denken des wahren Geistes gehört die Unschuld . Nur mit der unschuldigen Psyche beredet sich der Geist . Der Geist stellt die erkrankte Unschuld her . Die Frucht des Geistes genießen , macht unschuldig , das ist die Wirkung der Frucht . Das Sinnliche ist Symbol des Geistigen , ist Spiegel einer noch nicht in die geistige Erfahrung getretnen Wahrheit . Geistige Erfahrung ist gebornes Leben . Wenn wir Besitzer der geistigen Wahrheit sind , dann ist das Sinnliche aufgelöst . Alles Sinnliche ist unverstanden , durch sein Verstehen wird es geistig . Geistige Entwicklung macht große Schmerzen , sie ist der Beweis , wie sehr der Geist mit dem Physischen zusammenhängt . Der Geist , der keine Schmerzen macht , ist Leben nach der Geburt . Oft stirbt der Geist , sein Tod ist Sünde . Aber er ersteht wieder zum Leben ; die Auferstehung von den Toten macht Schmerzen . Der Geist ist ein Zauberer , er kann alles ! Wenn ich mit dem vollen Gefühl der Liebe vor Dich hintrete , dann bist Du da . Was ist denn Zauberei ? Die Wahrheit des Gefühls geltend machen . - Die Sehnsucht hat allemal recht , aber der Mensch verkennt sie oft . Der Mensch hat einen sinnlichen Leib angenommen , damit er in ihm zur Wahrheit komme ; das Irdische ist da , damit sich in ihm das Göttliche manifestiere . Das ganze Wirken der Natur ist nur ein Trieb , der Wahrheit nachzugehen . Die Wahrheit hat keinen Leib , aber das sinnliche Leben ist die Spur ihres Wegs . Manchmal hab ich den Trieb , mich von Dir , wie ich Dich sinnlich erkenne , abzuwenden und an das göttliche Geheimnis Deines Daseins zu appellieren , dann fühl ich , daß sich alle verschiedenen Neigungen in einer auflösen . Gewiß ! Die Liebe ist Instinkt einer höheren Gemeinschaft , einer göttlichen Natur mit dem Geliebten . Drum schließt Liebe alle verschiedenen Neigungen aus . Wenn wir erst wissen , daß alle äußeren Augen ein inneres Auge sind , das uns sieht , so tun wir alles dem inneren Auge zulieb , denn wir wollen in unserer geheimen Handlung der Schönheit gesehen sein . Unser Trieb , schön zu handeln , ist der Trieb , dem innern Auge wohlgefällig zu erscheinen . Drum ist der Trieb nach Anerkenntnis , nach Ruhm eine verkehrte Befriedigung dieser angebornen , unvertilgbaren Neigung , weil ihr Ursprung göttlich ist . - Was haben wir von allem äußeren Glanz , von dem Gaukelspiel des Beifalls einer unwissenden Menge , wenn wir vor dem Auge des inneren Genius nicht bestehen , wenn unsere Schönheit vor ihm zerrüttet ist ! ich will nur für meine Schönheit leben , ich will nur ihr huldigen ; denn sie ist der Geliebte selbst . - Wenn wir den Blick des inneren Auges umschreiben , so haben wir die Kunst und das Wissen . Alles Wissen soll sich zur Kunst erheben , es soll ebenso unschuldig die Wahrheit nachahmen wie die bildende Kunst , und so wird sie ein Spiegel der Wahrheit , ein Bild , in dem wir sie erkennen . Denken ist ein unmittelbares Nachahmen der Wahrheit , es ist nicht sie selbst , sie hat keinen Leib , sie hat nur eine Erscheinung . Suche nur die Wahrheit in Deinem Innern , so hast Du den Vorteil , sie zu finden und Dich zugleich in sie aufzulösen . In Deinem Innern wirst Du ein lebendiges Bewegen wahrnehmen , wie das Bewegen des Wassers , es ist nichts als ein Bewegen , sich in die Wahrheit aufzulösen . Alles Leben löst sich in eine höhere Wahrheit auf , geht in eine höhere Wahrheit über ,