kein Wort gehört , was wir gesprochen . Jetzo aber geht ihm der Mund frisch weg , wie ein fleißiges Rädlein . Glück zu , Pater ! « - » Man rede nur zur gelegnen Zeit ; « versetzte der Mönch ruhig . - » Man rede aber auch alsdann für sich , und nicht für Andre ; « fügte Bechtram mit einer Gutmüthigkeit bei , die ihm um so besser anstand , als er selten darein verfiel : » Mir wär ' s lieber , bei Gott ; Ihr verlangtet etwas Bessres , als ein Stück Fleisch für den dummen Bauer . « - » Mein Gewand ist das der Demuth ; « entgegnete der Mönch kurz : » ich begehre nichts für mich ; aber hindert Euch denn dieses , mir freundlich entgegen zu kommen ? - Für heute wünsche ich nichts als Ruhe , und daß man mir verstatten möge , in den Thurm zurück zu kehren , um das Wundwasser für das Pferd zu bereiten . « - » Wohl wird es kühl und dämmrig hier im Zwinger , « - meinte Bechtram , - » und wir wollen Euch unter Dach und Fach bringen , guter Klostermann . Aber bei leibe nicht in den Thurm . An unserm Hausherde könnt Ihr weit leichter Euern Balsam brauen , und an unsrem Trinktische sitzt sich ' s besser , als in dem Kerker . Kommt mit ; einige Becher edeln Getränks werden Euch stärken , und ein Stück köstlichen Wildbratens-Euern Gaumen vergnügen . Ihr erzählt uns dabei aus Euerm Leben , und aus der Ferne , denn , weit seyd Ihr hergekommen , und helft uns also den Abend verkürzen . « - » Ich bin ein schlechter Erzähler , « antwortete der Mönch : » im Thurm aber wird mein Begleiter , der arme Bauersmann , meine Gesellschaft vermissen . Mein Trost allein und mein Zuspruch drückten ihm die Augen zu auf seinem elenden Strohlager . « - » Pah ! « rief der Leuenberger : » solch Volk braucht kein Einlullen . « - » Keine Genossenschaft , als die der Ratzen und Spinnen , « setzte Hornberg hinzu . - » Ja wahrlich ! « bekräftigte Bechtram : » Ich sende dem Manne einen Becher Wein , daran mag er sich Rausch und Schlaf zutrinken , und fröhlich seyn . Ihr aber , Pater , - Kreuz und Stein ! Ihr müßt mit , und ohne Zögern . « Der Ritter nahm den Arm des Mönchs unter den feinigen , und das ganze Häuflein der Gäste nahm seinen Weg zu dem Gatterthore , an welchem die Hausfrau ihnen entgegen kam , und den Eheherrn bewillkommte . » Wo ist das Fräulein ? « fragte er schnell , und jeder Mund wiederholte die Frage , und jeder Blick suchte sie . Frau Else gab jedoch eine unbedeutende Unpäßlichkeit vor , versicherte , daß dieselbe bald vorüber seyn würde , und führte die Herren sammt und sonders in das Gemacht des ersten Stockwerks , wo auf dem eichenen Tisch Speisen aufgestellt waren , und vom Kandelbrett die glänzenden zinnernen Kannen herableuchteten , mit den sauber geformten Ängstern , den mächtigen Paßgläsern und den bauchigen Krügen . Wie heißhungrige Wölfe fielen die Gäste über die derben Keulen her , und der duftige Wein strömte in die Becher . Frau Else schnitt das Fleisch vor , das Fräulein von Leuenberg kredenzte in Ermanglung eines reizendern Mundschenks den Trunk , und bald verwirrte sich Alles in scherzhaften Gesprächen und Alletagsreden . Doring und Weide griffen nach der reisenden Uhr1 , sich die Zeit zu vertreiben ; der Reifenberger krähte ein Minnelied zu Petronellens Ehre , welches der tolle Hornberger mit einer verstimmten Laute begleitete ; Bechtram , der Leuenberger und der Mönch saßen beisammen , und schwatzten von Jagd und Falkeniererskunst , in welcher der Letztere nieder ungemeine Fertigkeit verrieth , und den Zuhörern manch Jägerstücklein und Falknergeheimniß zum Besten gab , von dem sie sich nichts hatten träumen lassen . Bald jedoch nahm der Wein in Bechtram ' s , wie in Veit ' s Kopfe überhand , und es entspann sich zwischen ihnen ein Hader über Wilderei und Forstherrngerechtsame . Die Übrigen , nicht minder vom Wein erglüht , mischten sich in den Handel , und ehe man sich ' s recht versehen konnte , saßen alle beisammen an einem Tische , um sich mit weniger Aufwand an Stimme und Geberden zanken zu können . Petronella nahm keinen Theil an dem Männerzwist , sah sich vergebens nach Elsen um , die aus der Stube verschwunden war , und steuerte endlich auf den geistlichen Herrn zu , der jedoch von ihrem Vornehmen etwas merken mußte , da er plötzlich aufstand , und aus dem Gewirre und Gelärm der Bezechten , wie vor der Redseligkeit der alten Jungfrau froh , um an den verglimmenden Kohlen des Herdes die Wundarznei zu bereiten , und daneben seine Schlafstelle zu suchen . Die Glut knisterte schon unter dem Topfe , in welchem das Wasser gährte , vermischt mit dem nothwendigen Wein und Gewürz , und der lange braune Mann stand sinnend , mit übereinander geschlagenen Armen , über die Dämpfe des Topfes hinwegsehend in den finstern Schlot , bis ihn ein Geräusch aufzuschauen bewog . Frau Else stand neben ihm , ergriff seine Hand , und küßte seinen Ärmel . Da sich nun der Mönch darob verwundert anstellte , so redete Frau Else also , mit demüthigem Gesichte : » Liegen wir gleich jetzo im Baum hier zu Falkenstein , so sind wir doch getaufte Christen , und keine Heiden oder Juden , die es gerne sehen , wenn die Geweihten des Herrn in Trübsal schmachten und Noth . Hochwürdiger Herr ; es hat mir oft das Herz geblutet , daß mein Alter Euch gefangen halten muß , seiner eignen Sicherheit wegen , und daß sich Euch nicht besser bewirthen durfte , als bisher geschehen : ich bin aber die Frau , würdiger Herr , und der Mann führt den Befehl . Vergebt mir also . « - » Hab ' ich Euch gezürnt , Frau ? « fragte der Mönch dagegen : » Wollt mir gütigst hier eine Weile beistehen , so lange das Wasser kocht ; « setzte er hinzu : » denn ich muß Euch bekennen , daß ich des Küchenhandwerks nicht allzu gewohnt bin . « - » Ich glaub ' es wohl , hochwürdiger Vater ; « erwiederte Frau Else : » das Geschäft schickt sich eher für weibliche Hand , und ich will gerne , so Ihr mir begreiflich macht , was dabei zu beobachten ist , es ganz an Eurer Statt zu Ende bringen , wenn Ihr geneigt wärt , einer armet mit sich selbst und ihrem Gott zerfallnen Frau einen Liebesdienst zu erweisen , wie ihn die Kirche und der Heiland fordern und eingesetzt haben . « - » Wie meint Ihr das , Frau , und ist von Euch die Rede ? « fragte der Mönch ernsthaft . - » Nicht von mir gerade , liebster Herr ; « sprach Frau Else heimlicher : » ich liege im Bann durch meines Mannes Schuld , und darf ja von der Kirche nichts begehren , bevor wir nicht losgesprochen . Aber da ist eine Frau im Schlosse , eine Verwandte von uns , müßt Ihr wissen ; und diese Frau sehnt sich plötzlich nach dem Sakrament der Beichte und Buße , wie ein Sterbender nach dem Liebesmahl . Ich hab ' s nicht gern gethan , allein ich mußte ihrem Bitten nachgeben , da der Zufall gewollt hat , daß mein Herr Euch aus der engen Haft entlassen . Wollt also sagen : Ja , und die Schlüssel zur Kapelle empfangen , denn in das Gemach der Schwermüthigen darf ich Euch nicht bringen , weil die Männer es merken könnten , und der Jähzorn meines Alten ist ohne Gränzen , weil er im Bann liegt , und er kann daher nicht leiden was geistlich , oder geistlicher Verrichtung ist . Ich sende Euch die Bußbedürftige , ... in einer halben Stunde ist alles abgethan , und Ihr nehmt einen Gotteslohn mit Euch . « - Der Ordensmann war während dieser Erläuterung verlegen und unruhig geworden . Mit einer gewissen Heftigkeit weigerte er sich des Antrags , und schob der Weigerung , Schuld auf das Interdikt , das auf der Veste ruhe . Frau Else warf ihm dagegen ein , daß die Fremde nicht dem Banne unterliege , und es demnach nicht gegen das Gewissen des Paters laufen würde , wenn er das Verlangte thue . Durch die abschlägige Antwort noch obendrein ein wenig gereizt , setzte das männliche Weib mit unverholner Bestimmtheit hinzu : » Ihr Herren macht ja sonst keine Umstände , wenn es darauf ankömmt , einen Beichtheller zu gewinnen . Den heilige Vater mag Städte und Weichbilder in Bann thun , und alle andre Welt- und Ordenspriester mit Kreuz und Fahnen von dannen ziehen , Ihr bleibt zurück , und singt Eure Metten und Vesper , nach wie vor . Fügt Euch darum heute auch gutwillig , versteht Ihr mich ? Eure Tafel soll Eure Willfährigkeit verspüren , hört Ihr ? Hier ist der Schlüssel zum Kirchlein , setzte sie hinzu , indem sie den Mächtigen von dem breiten Schlüsselringe losmachte : hier steht eine Leuchte , mit der Ihr vorsichtig umgehen mögt , denn es liegt allerlei brennbares Zeug in der Kapelle , und sie ist etwas in Unordnung gerathen , aber zum Beichtsitzen ist Platz genug vorhanden . Geht voraus ; gleich sende ich Euch das Fräulein . Laßt es aber unterwegs , mit demselben vielleicht eine List anzuspinnen , um zu entkommen ; unsre Augen , sind scharf ; man hintergeht nicht mich , nicht meinen Alten . « - Somit drehte sie , ohne eine Antwort abzuwarten , dem Mönch den Rücken , und ging nach der Treppe , über welche das Gebrüll der Zecher , die ein Fechtlied angestimmt hatten , in die Halle schallte . » Wartet ! wartet , ihr Trunkenbolde ! « schalt die Hauskönigin , indem sie ihre Faust mit einem Besen bewaffnete : » Ich will Euch zur Ruhe bringen , daß der Lärm aufhöre bei nachtschlafender Zeit . Ihr müßt fromm seyn , wenn Ihr noch einen Tropfen Weius bekommen wollt ! « - In der That verfügte sie sich auch vorerst in die Trinkstube , brachte durch ihre Vorwürfe und durchdringende Stimme die Lärmenden zu besserer Erkenntniß , und nachdem sie die Ruhe wieder in etwas hergestellt , begab sie sich in das höhere Stockwerk , das Frauengemach , wie ihre schweren Schritte auf der steinernen Stiege vernehmen ließen . Der Mönch zündete indessen die Leuchte an der Flamme des Herds an , schob sein Gebräude von der Glut , lächelte dann seltsamlich , und blickte nachdenkend gen Himmel . - » Sollte es denn wohl eine Sünde seyn , « fragte er vor sich hin , » wenn ich mich in diese Zumuthung füge ? Nicht doch ; setzte er nach kurzem Bedenken bei : dies Gewand schon erheischt es , und dann ist es ja eine Trostbedürftige in Räuberhänden , die nach der Theilnahme eines Menschen verlangt , in dessen Worten sie den allmächtigen Gott zu finden hofft . - Vermuthlich , trotz der Verwandtschaft , von welcher Frau Else sprach , eine gleich mir Gefangene , .... vielleicht diejenige , um deren Willen man mich und den Unglücklichen , der mich fuhr , zurückhält , ob wir gleich in unsrer Abgeschiedenheit nicht einmal ihren Namen erfuhren ? Werde ich sie aber trösten können , ich , der Trostsuchende und Trostlose ? Vielleicht denn doch : auf die Lippen des Leidenden setzt sich wohl zuweilen ein Engel , welcher andern Geprüften das Heil einer gesegneten Zukunft verkündet . Laß sehen ! « Er faßte Leuchte und Schlüssel , und schlich über die Holztreppe in den engen Hof , in welchem er nach wenigen Schritten das Kirchlein erreichte , dessen niedrige Pforte mit einem großen Kreuze bezeichnet , und von einem halb verwitterten Fliederbaume dürftig beschattet war . Schon hatte die Spinne ihr Gewebe über die Öffnung des Schlosses gezogen , schon hatte der Rost sich in die Angeln gesetzt , daß sie knarrten wie Räder , als der Mönch die Pforte aufthat . - » Was macht Ihr da , frommer Herr ? « fragte eine Stimme über die Brustwehr der Hofmauer aus dem Zwinger herüber , leise und mit Theilnahme . Ein Knecht guckte herüber , der gerade vier Stunden lang die Rundwache hatte , und auf dem Mauergänglein einherschlenderte . - » Ich gehe beten ! « versetzte der Mönch ohne eine Betroffenheit zu verrathen , die ihm hätte Schaden bringen können . - » Ei Herr , « sprach wieder der Knecht , ein junges Blut mit treuen Augen : » darf man denn beten , wo der Bannfluch haust ? « - » Warum nicht ? « redete der Mönch : » Gott ist überall , und seine Mondesscheibe sieht die Gebannten an , wie die Freien . « - » Ach , wie dank ' ich Euch , würdiger Herr , « versetzte der Knecht : » ich habe mich gescheut , den englischen Gruß zu beten , seit ich auf der Veste bin , während ganzer drei Wochen , und war doch daheim gewohnt , nie ohne Gebet einzuschlummern . « - » Bete Du auch hier ! « versicherte ihn der Mönch ; » fromm seyn bringt Segen überall . Behüte Dich Gött ! « - » Und Euch ; « flüsterte dankbar der Knecht : » so Ihr etwas Geheimes da drinnen zu verrichten habt , habe ich Euch nicht gesehen . Ave Maria , Herr ! « - Ohne weitere Störung trat der Mönch in die Kapelle , und es wurde ihm seltsam um ' s Herz , da er das kleine Gotteshaus in so ganz anderm Zustande antraf , als man es wohl an solchen Gebäuden gewohnt seyn durfte . In einem Winkel aufgethürmt lagen Betschemel , Bahre und Abendmahlbänke , umflort von Staub und Spinnenfäden . Die Hälfte des Kirchleins war angefüllt mit Laubhaufen und Strohbündeln , wie mit einem Heuvorrath , welchen zu ergänzen oder wegzunehmen die Burgknechte den bequemsten und kürzesten Weg gefunden hatten , nämlich durch das an die Zwingermauer stoßende Fenster der Kapelle , wo die Leiter lehnte , welche diese Geschäftsgänge zu erleichtern bestimmt war . Die hölzernen Stufen des Altars waren zertrümmert ; der Altar selbst in dem traurigsten Zustande . Der Burgpfaffe hatte die Monstranz mit sich genommen , und das Tabernakel stand offen und verödet . Das Bild unsrer lieben Frau neigte sich dem Beschauer von der Höhe entgegen , äber seines Schmucks entkleidet , und von dem Haupte des Bildes hingen noch wenige verwelkte und vertrocknete Blumen , die einst eine fromme Hand zu einem Kranze für dasselbe gewunden hatte . Der Priesterornat , wie die Gefäße des Altars lagen in dem Schrein , dessen Thüre weit offen stand , so wie der Zufall und neugierige Finger sie unter einander geworfen hatten . Die Fetzen eines alten Kirchenpaniers flatterten im Zugwinde traurig von der bestaubten Stange , und die Lampe , die ewige genannt , nunmehr aber auch erloschen , bewegte sich , von einer Kette losgerissen , blos noch von der andern emporgehalten , klirrend im Luftstrome hin und her . Der Besucher dieser Öde hatte nicht lange Muße , alle Gegenstände genau zu betrachten , die sich ihm in finstrer Unordnung in diesem engen Raume , aufdrängten . Bald vernahm er die Schritte eines näher kommenden Menschen , und er hatte kaum noch Zeit gefunden , sich in den Beichstuhl zu setzen , den man zur Herberge alter und verdorbener Satteldecken gemacht hatte , als die Pforte wieder leise aufging , und eben auf diese Weise zugemacht wurde . Wallrade trat ein , in dichte Gewänder und einen trüben . Schleier gewickelt , warf im Vorübergehen gegen den Altar einen Blick in den Stuhl der Reue , und nickte dem Darin sitzenden langsam zu . Alsdann warf sie sich vor den Stufen des Altars nieder , und Thränen , seltne , seit Langem ungewohnte Gäste , heute schon einmal erschienen , besuchten die Erschütterte zum Zweitenmale . Ihre Lippen beteten , wie ihre Augen weinten , heftig , stürmisch , und ihr Flehen stieg leise aber dennoch stürmisch wie das vom Orkan gepeitschte Meer , wenn man es aus der Ferne sieht , zum Himmel empor . - » Herr der Erde und aller Welten ! « stammelte ihre Empfindung in unhörbaren Worten : » Wie ist doch mein Herz heute erfaßt worden auf wunderbare Weise , und bist Du es , oder einer Deiner strafenden Ellgel , der also zu mir redete durch den Mund der aberwitzigen Alten ? O gib mir doch einen Wink , daß Du es bist , oder verrathe mir , daß es der Geist der Ohnmacht allein gewesen , der über mich kam , und mich schwächer machte , denn ein unbeholfenes Kind ! ... Ha , wie dieses Wort mich ergreift . Warum hasse ich den Namen des Kindes , warum verachte ich den der Mutter , und warum dennoch ergriff mich so allgewaltig das mährchenhafte Beispiel der Grausamkeit einer Mutter , des Leidens eines Sohns ? Warum klang es wie mit metallnen Schlägen an mein Herz , daß auch ich .... o weh mir ! Wer hilft aus diesem Wirrsal ! Wer sagt mir , was ich thun soll , und ob ich recht thue , indem ich meinem entsetzten Gewissen folge , und zur Buße schreiten will , die mich vielleicht verwirft , die ich vielleicht verwerfen sollte , wenn meine Kraft noch die alte wäre ? Heilloses Schwanken ! traurige Furcht vor den Gespenstern meiner Einbildung ! Ich habe ja nicht gemordet ! was will ich denn eigentlich bekennen ? Gott schütze mich und meine Vernunft ! « - Sie erhob sich entschlossen , näherte sich rasch dem Beichtstuhle , in welchem der Geistliche lehnte ; zu dessen Füßen die hell aufflackernde Leuchte brannte . Und als sie den Schleier zurückwarf und auf die Stelle des Reuigen treten , die Knie beugen wollte , tönte ein schmerzliches » Ach ! « von den Lippen des Mönchs , und er schien in Bewußtlosigkeit zu vergehen . Wallrade , erschrocken , heftig wie sonst , reißt die Lampe auf , leuchtet in das Gesicht des Todtblassen , und entsetzt sich nicht minder . Denn nicht nur das Antlitz , das sich gewaltsam emporreißt aus den Banden des umklammernden Halbtodes , auch die Stimme ist ' s , die sie erkennt und fürchtet . Die Augen des Mönchs gehen auf wie drohende Mordbilder , seine Hand erfaßt mächtig die erkaltende Wallradens ; mit der Linken entreißt er ihr die Leuchte , die sie so eben sinken lassen will , und seine Zunge stammelt ein schreckliches : » Jesus ! Jesus ! sehen wir hier uns wieder ? - Kennst Du mich ? « setzt er heftiger bei , und sie nickt stumm mit dem zitternden Haupte , und hält sich schwindelnd fest in den Armen dessen , den sie haßt , damit sie nicht niedergleite zum kalten Boden . Und der Mann , der Zürnende , hat Mitleid mit der Vernichteten , und ein freundlicherer Ton seines Mundes ruft sie wieder auf zum Leben , zum Schauen . - O daß in solchen Augenblicken der hereinbrechenden Wahrheit , Reue und Beschämung ein falsches Herz nicht bricht , um rein unter die Erde zu gehen ! Daß mit der Besinnung und der wiederkehrenden Kraft auch die vorüberblitzende Schaam schwindet , und das Bedürfniß der Sühne ! Daß auf der Schwelle zum Licht , der finstre Geist seine Verbündeten zurückzuhalten vermag ! Daß jeder gute Vorsatz durch der Lüge gift ' gen Athem in der Blüthe vergeht , wie das Wort der Vertheidigung auf den Lippen des schüchternen Mägdleins ! Von Wallraden wich der gute Engel trauernd , in einem Augenblicke der wichtigsten Warnung , und gerade dem gegenüber , dessen plötzliches Erscheinen das Siegel auf ihren Bund mit der Buße hätte drücken sollen . Fußnoten 1 Schach- und Brettspiel , Würfel etc. Elftes Kapitel . Bist Du ein Weib ? Du sollst mir keine Kinder gebären . Macbeth . » Wallrade ! kennst Du mich ? « wiederholte der Mönch mit schmerzlicher Stimme , und Wallrade wand sich stolz aus seinen umfangenden Armen . » Wie sollte ich nicht , Rudolph ? « fragte sie bitter : » Ich finde Euch immer im Gewande der Lüge . Trug ist Euer steter Begleiter , und nimmer stand ein offner Helm über Euerm Wappen . Was sucht Ihr hier ? wie kommt Ihr hieher ? « - » Weib ! « entgegnete der Herr von der Rhön , dessen bleiche Wange sich höher färbte bei dieser schnöden Anrede : » Weib ! sieh selbst , was Du aus mir gemacht hast . Hab ' ich denn so schwer gesündigt , daß ich umherirren muß wie ein Flüchtiger , dem Henker Verfallner ? Du hast mich fortgetrieben aus meinem Hause , von Allem , was ich liebte . Zu stolz , um mich einen Thoren schelten zu lassen von den Freunden , die mir auf dieser seltsamen Flucht begegnen möchten , - zu schwach hingegen , ohne Scheu dem schimpflichen Tode entgegenzutreten , der von einem Worte Deiner Lippen abhing , beschloß ich , auch den Namen des Unglücklichsten aller Menschen von der Erde verschwinden zu lassen . Weg warf ich alle Zeichen meiner bessern Herkunft , weg die Erinnerung , daß ich einst am Tische des Königs Platz genommen . Diese Erinnerung verband sich ja zu nahe mit derjenigen meines gezwungnen Abschieds von meinen Theuern . In das Gewand der Demuth und Dürftigkeit gehüllt , zog ich nach den Wallfahrtsorten der Schweiz , und fand an dem Fuße der Altäre keinen Ersatz für das , was ich zurückgelassen . Durch das Elend ermannte sich aber mein Geist , der dem unmenschlichen Gebote zu widerstreben begehrte . Zurück trieb es mich nach dem Wohnsitze meiner Lieben , trotz Deinen fürchterlichen Drohungen . Was empfand aber mein Herz , da ich diesen Sitz , des häuslichen Friedens verödet und verwaist fand , alles von dannen genommen , was meinem Leben Werth zu verleihen vermochte , alle Blüthen entwendet , durch die Hand , die von jeher mein Unglück machte ; durch die Deinige . Lächle nicht so höhnisch . Du kennst die Bitterkeit dieser Empfindungen nicht . Du hingst nie aufrichtig und treu an einer Seele auf Erden . Wohin ? stammelte mein Mund , wohin ? fragte meine Zunge , und achselzuckend , - denn meine Fragen klangen absonderlich und verwirrt , - wendeten sich Alle , die ich fragte , von dem sinnverwirrten Pilger . Zu Costnitz erfuhr ich , daß Du zur Heimach gekehrt seyst , zu den Deinigen nämlich , an Thüringens Gränze , daß eine Frau mit einem Kinde in Deinem Gefolge sey . Ein neuer Donnerschlag ! Mein Weib , mein Kind in Deinem Gefolge ! Nachgeschleppt an Deine Kette , wie stumme Zeugen Deines grausamsten Sieges ! Ich erkannte Deine Tücke , aber die Gegenstände meiner Zärtlichkeit Dir zu entreißen , beschloß ich alsobald . Die Fluren , die ich seit Jahren mied , weil auf ihnen mir die Hölle erwuchs , betrat ich wieder , gestärkt durch den Gedanken an Katharinen . In jenem Hause , das meine Verblendung und den Ursprung unsers unseligen Zwistes sah , suchte ich meine Lieben , und fand sie nicht , - leer die Stätte , wo ich mich einst in den Himmel träumte , während ich einen finstern Geist umarmte . « - » Redet deutlicher ; « unterbrach ihn Wallrade kalt : » Ihr meint das Haus Euers Weibes , in welchem Ihr Euer unrechtmäßiges Weib und Eure Bastardtochter suchtet . « - » Wallrade ! « fuhr der Herr von der Rhön empor , besann sich aber schnell , und sprach gemäßigt fort : » Ich muß mich schämen , daß ich nicht gelassen Euern Vorwurf erdulde , da ich doch die Schuld mit leichtem Muthe begangen , deren Ihr mich zeiht . Aber , Wallrade , des Menschen Zorn soll nicht durch Ewigkeiten dauern . Vergebt endlich ; ich muß glauben , daß ein erschüttertes Herz Euch in dieser Kapelle Einsamkeit geführt , wo Ihr einen Priester des Herrn , einen Tröster zu finden hofftet . Laßt die seltne Regung in Eurer Brust nicht ganz verschwunden seyn ! Laßt aus der Gefangenschaft , die uns beide hier fesselt , die Blüthe der Versöhnung entsprießen . War ich hart und ungerecht gegen Euch , so vergebt mir , wie ich Euch verzeihe , was Ihr mir Böses zugefügt . Laßt ab , mich zu verfolgen , wegen dessen , was unwiderruflich einmal geschehen , - nicht mehr zu ändern ist . « - Wallrade sah ihn verächtlich an : » Ihr traut Euch viel Werth zu , « sprach sie , » da Ihr glaubt , mein Haß könnte wirklich niemals eine Gränze finden . Ich habe Euch es gedroht , aber der Jammer , in welchem ich Euch muthlos versunken sehe , bewegt meine Brust . Konnte ich einst Euch lieben ? das frage ich mich selbst erstaunt , da ich Euch winselnd um meine Gnade flehen höre . Ist das der Mann , der einst alle Schranken übersprang , um mein zu seyn ? Seines Vaters Befehl , meine eigne Abneigung gegen jedes feste Band ? Ach , schon damals hätte ich ahnen müssen , was die Folge bringen würde . Ihr scheutet Euch , im hellen Sonnenlichte mir zu gehören , und diese Scheu gefiel meinen abenteuerlichen Gedanken , meiner gedemüthigten Sprödigkeit , die gern vor aller Welt die Larve der Unüberwindlichkeit vorbehalten hätte . Eure Flatterhaftigkeit , Euer Wankelmuth enttäuschte mich fürchterlich . Der Segen des Priesters war ein Zauberwort gewesen , das unser Wohl vernichtet hatte . Laßt mich über jene Zeit hinweggehen , wo Ihr mich überreden wolltet , ich sey plötzlich ein Teufel geworden , während Ihr mich zuvor den Engel Euers Lebens nanntet . Von Eifersucht und Unzufriedenheit zerrissen , verließt Ihr mich und Euer Kind , um der Gatte einer andern zu werden . Wäre ich wirklich so böse gewesen , als Ihr betheuertet , schon damals hätte ich unsre Ehe bekannt gemacht , Euch und Euer Kebsweib der Schande preis gegeben . Ich that es nicht ; nur mag mir vergeben werden , daß ich denjenigen nicht mehr in meiner Nähe dulden wollte , dem ich ' s verdanke , daß ich mit dem Leben zerfallen bin . « - » Bin ich es weniger ? « fragte Bilger entgegen , und sah sie durchdringend an : » Weib , das durch seine gleißnerische Beredsamkeit meinen Fehler in eine unverzeihliche Sünde verkehren möchte . Fräulein von Baldergrün ! gedenkt des deutschen Herrn , Eures weitläufigen Verwandten , Eures nahen Freundes ! Laßt mich schweigen ! Seine Hülfe schloß unsern Bund , seine Hand hielt unsern Knaben zur Taufe , - sein tückischer Sinn vergiftete mein Glück , und gab Dir Muth , in Deiner wahren Gestalt aufzutreten . Hier ein Bündniß , das mir nicht ehrenhaft mehr schien , um es laut zu offenbaren , ein Weib , das ich , das mich hassen gelernt hatte , ein Freund , der unter dem Mantel der Blutsfreundschaft und der Sittenreinheit eine unumschränkte Gewalt über Dich und mein Kind ausübte , - kurz eine Zukunft voll Verzweiflung und blutigen Ausgangs , - dort hingegen ein greiser Vater , der es in die Hand seines Waffengenossen geschworen hatte , seine Tochter nach dessen Tode zu erziehen , und seinem Sohne zu vermählen , - diese Tochter selbst , ein Urbild von Sanftmuth und Unschuld , gegen deren Vorzüge Deiner Reize gefährlicher Zauber mich unempfindlich gemacht hatte , - Scheu , falsche Schaam , dem Vater zu gestehen was vorgegangen , das nagende Gefühl , kein Glück an Deiner Seite , nur Elend zu finden , - das Bewußtseyn , daß Katharine um meinetwillen vergehe in stillein Liebesgram , - mit einem Worte , ich war ein Mensch , und fehlte vor Kirche und Gesetz , während mein Herz mich frei sprach . « - » Eitle Reden ! « erwiederte Wallrade streng : » Die Schmähungen , mit denen Ihr mich , und den Herrn von Issing überhäuft , verzeihe ich Euerm Gewissen , das schwindelnd an dem Abgrunde steht , und jeden Strohhalm fest halten möchte , um nicht rettungslos zu versinken . Ihr seyd fortan ein unwürdiger Gegenstand meines Hasses . Geht hin ! ... « - Bilger hielt die , zum Entweichen Gewendete zurück , und fragte mit Thränen der Angst im Auge : » O Wallrade ! ich will ja gerne schweigen , und glauben , daß die Tugend , die Ihr heuchelt , eine wahre ist ; allein nicht dieser kalte und leere Bescheid genügt mir . Seyd nicht die Schlange , die in einem Augenblicke sich zahm um die Hand des Neugierigen wickelt , in dem nächsten jedoch ihn tödtlich verwundet . Sprecht , .. wo ist meine Katharine , ... wo meine Agnes ... ? soll ich beide nimmer wieder sehen ? « Wallrade sah mit einem stechenden Lächeln in das blasse Antlitz des Geängsteten . » Ich habe bewiesen , « sprach sie langsam , » indem ich Mutter und Tochter der Hülflosigkeit entriß , in welche Euer Abschied sie versetzt hatte , - daß ich keinen Groll hege gegen sie , die ich doch wahrlich - den Umständen nach - nicht lieben konnte . « - » Ihr hättet in Gutem für sie gesorgt ? « fragte von der Rhön mißtrauisch