Vor deinem Tempel sinkt der Unruh Fluch , Die mich wie Furien umhergetrieben , Und diese Bäume scheinen mir die Schlangen , Die sich schon schlummernd an die Tür gelegt . MUTTER . Du fabelst ja wie in der alten Zeit . VATER . Die Tauben schweben girrend noch zum Giebel , Dann auf die Linde , die uns auch gewiegt , Das Meer rauscht noch mit seinem blauen Wasser ; Doch eine nur ist aus dem Meer gestiegen , Ihr hab ich in der Luft ein Schloß gebaut , Und find sie nun im eignen Hause wieder ; O dieser schönen Menschlichkeit in Göttern . Du lächelst meiner künstlich feinen Rede , Ach wie so modisch neu ist mir die Freude ! MUTTER . Du hast kein freundliches Geschick erfahren , Doch ist dein Ruhm so groß , dein Einfluß würdig , Daß viele Frauen mir den Glanz beneiden , Den mir dein Name aller Orten leiht ; Doch seh ich dich , ich kann es nicht begreifen , Wie du Millionen Menschen führen magst . VATER . Ich wirkte auswärts , um mir zu entfliehen , Regieren war das Schwerste nicht im Leben , Die eigene Befried ' gung fehlte mir : Ach wem das Beste fehlt , dem fehlt ' s an allem . MUTTER . Du sprichst wohl herzlich - doch du bist ein Staatsmann . VATER . Ein guter Staatsmann sei das Herz vom Staate , Das gleich verteilt das Leben allen Gliedern , Und selber in der sichern Mitte thronet . MUTTER . So warst du in Geschäften gut zu Hause , Was willst du nun in dieser stillen Hütte ? VATER . Nein , ich war nirgends , nirgends mehr zu Hause , Selbst der Geschäfte Reiz schwand meinem Sehnen , Das Neue konnte mir nur reizend scheinen , Die goldene Alltäglichkeit war nichts ; An mich wollt sich Gewohnheit nicht gewöhnen , Was mir gewöhnlich ward , schien mir zuwider . MUTTER . Bald würde dich bei mir dasselbe quälen , Der Überdruß , wie einst in ferner Zeit . VATER . Warum ist mir denn jenes blaue Zimmer , In dem wir schliefen , stets noch in Gedanken , Das wir mit manchem Spielzeug angeordnet , Mit mancher Inschrift , manchem kleinen Bild , Das rätselhaft den Fremden , uns verständlich , So daß wir stets geheime Sprache führten ; Oft wähnte ich im fernen Land erwachend , Vom Traum getäuscht , ich läg in deinem Zimmer , Ich läg an deiner Seite , holde Frau . MUTTER . O sieh an dieser Glut in meinen Wangen , Ob ich die gute Zeit nicht ganz gefühlt . VATER . Was ich seitdem bewohnt , sind wilde Höhlen , So ganz verhaßt durch einsam wache Nächte . Ich mochte sie nicht schmücken und nicht ordnen , Daß ich nicht außen fänd , was in mir fehlte ; Erinnerung lag fern und unerreichlich , Und Reue folgte mir , daß ich ' s verscherzt , Was meines wahren Lebens Ernst und Sinn ; Für wen ich sorgte , wußt ich nicht zu sagen , Und was ich tat , das war voraus mir Sorge . Ich hatte Furcht und sollte Zutraun wecken , Verantwortung ruht schwer auf dem Gesandten , Doch schwerer auf dem waltenden Minister , Vertrauen darf ihn nimmer unterstützen , Er muß es brauchen , aber nimmer teilen . MUTTER . Er muß es brauchen , aber nimmer teilen , Und die Gewohnheit sollte dir nicht bleiben ? VATER . O lehr mich nicht , noch an mir selber zweifeln ; Ich mußte vieles tun , was ich nicht glaubte . Ja kommt man heim mit Orden , goldnen Dosen , Da scheint es leicht , das schelmische Geschäft , Im ruh ' gen Land ein innrer Feind zu sein . Als Schlange mußt Geliebte ich belauschen Der Liebe Schein auch zwischen drängend nehmen ; Der Freundschaft hingegebne Worte nutzen , Was ich für mich , beim Himmel , nie getan . Gesellschaft , die ich haßte , mußt ich wählen , Und die gemütlich mir , kaum heimlich sehen , Ein Kartenspiel aus bloßer Ehre suchen , Die Nacht vergähnen , Morgen zu verlieren , Und reden , wo ich lieber schweigen mochte . So wurden beßre Menschen selbst zu Schatten , Die der Erscheinung regelrechte Stunden halten , Sonst ließ sich nichts von ihnen weiter fordern , Und bin ich nicht im Innern ausgestorben , So war ' s die Lieb zu dir , die mich erhielt . MUTTER . O leugne nicht , da ich ' s dir leicht verzeihe , Ich kenne dich und deiner Treue Sinn . VATER . Du weißt es , liebes Weib , dir log ich nie , Bedürfnis , Lust , die habe ich befriedigt , Doch dir blieb stets getreu mein liebend Herz ; Es schweigt das Herz in jenen höhern Kreisen , Und bleibt sich selber einzige Gesellschaft ; Der Staat allein schließt da des Umgangs Band , Für ihn ertrug ich selbst Beleidigung , Damit nicht Streit zur Unzeit ihn verflechte , Und dieser Staat , oft konnt er mich nicht schützen , Und was das Liebste , mußte ich ihm opfern . MUTTER . O Gott , wie elend müssen sein die Völker , Daß solche Schande nur ihr Leben fristet . VATER . Verwirf nicht rasch , was du so wenig kennst , Denn du verwirfst auch mich , noch wirk ich drin , Wenn gleich mit traurig plagenden Gedanken . Was gibt dir Sicherheit und Wohlstand hier , Da rings Verheerung , Mord und Brand bei andern Völker , Aufopfrung ist was wert ! Würd mir wie Menschen , Wie andern Menschen wohl , nur einmal wohl , Ich hätte nicht die Kraft mich los zu reißen , Ich bliebe ruhig , ließ der Welt den Lauf ; Auch meine Unruh muß dem Staate dienen . MUTTER . Hat nicht die Welt den Lauf nach Gottes Willen , Ich kann ' s nicht sagen , was ich innen fühle , Und weiß doch auch gewiß , ich habe recht ; Nicht Menschenklugheit gibt der Welt den Frieden , Ihr müßt begeistert sein , es kommt von oben , Von außen kommt doch nur Vergänglichkeit . VATER . Ha du gehörest auch zu jener myst ' schen Welt , Die ich in Musenalmanachen merkte . Mein Kind , was Völker bildet und beherrscht , Ist nicht , was unbestimmt der Mund kaum lallet , Und wär ' s das Herrlichste , es ist nicht unser , Es spricht zur Zukunft erst und bildet sie ; Die gegenwärt ' ge Not will gegenwärt ' ge Kraft , Die ganz gemeine , die in jedem wohnet , Sie zu ergreifen , ist des Herrschers Geist , Und sie zu lenken , dient des Staatsmanns Klugheit . Ist Menschenklugheit denn nicht Gottes Gabe ? Wie sind Sie doch so altklug hier geworden ? Weil Sie allein , drum widersprach auch niemand ; Wo blieb das Schweigen , hört ich doch so gern Die lieben Worte : Ich versteh es nicht . MUTTER . Und wie so kalt , wie steinern werden Sie ! Wie hatt ich sonst von Ihrem Geiste Meinung , Und sprach schon nach , was ich noch kaum vernommen , Und jetzt verstehen Sie mich gar kein Wort . VATER . Ach die sich lieben , müssen sich verstehen , Ist dieses nicht mein Arm , die Stimme mein , Ich bin derselbe , aber Sie sind anders . Bei Gott , ich übte doch die höchste Sanftmut , Was half es mir , ich fand nur Widerspruch , Kann Mund zum Mund sich finden , wo die Worte , Wie Pfeile sich in dunkler Nacht durchkreuzen : Nicht lieben , streiten läßt sich nur darin . MUTTER . So wollen wir mit Vorsicht weiter reden Und klug vermeiden , wo uns Meinung scheidet . VATER . Soll Mann und Frau nicht eine Seele sein , Die schlimmste Scheidung ist die Scheidung der Gedanken ; Im Staatsamt bin ich klug , da brauch ich Vorsicht , Hier such ich offne Arme , offnen Sinn . MUTTER . Jetzt suchen Sie , was Sie verschmähet haben . VATER . Laß dir erklären , wie es damals kam , Daß ich so leicht von dir mich trennen konnte : Ha deine Liebe trieb mich aus zur Tat , Wie köstliche Musik zu einem Tanze , Worin Musik und Takt dem Ohr verschwindet ; Ich hab gewirkt mit allen meinen Kräften , Doch Sie , Sie haben sich in der Musik Vertieft , die stets aus Ihnen strömt mit Lust , Sie waren , ach zu lang , mit sich allein , Vernehmen auch kein Wort , was ich hier sage , Sie sind in eines schweren Zaubers Bann , Der Eigensinn hat Sie so fest umschlungen , Sie sind die Meine nicht , Sie sind nun seine Frau . MUTTER . Es ist vorbei , ja ganz vorbei auf immer , Es war doch alles nichts , ich merkt es gleich . Ich bin aus Ihrer Sklaverei , ich lieb Sie nicht , Aus meinen Augen fort , Sie tun mir weh : Es ist der letzte Kummer , den ich leide . VATER . Ja wohl vorbei , ja ganz vorbei auf immer , Ich war getäuscht von dieser lieben Hülle , Bewahrte lang die falsche Münze auf . Nun ich sie brauchen will , da seh ich erst Der goldne Überzug zerrieb sich schon , Ich sehe klar , daß ich damit betrogen , Und den geliebten Schatz muß ich verwerfen . Soll ich vernichten , was mich so getäuschet ? Und werf ich ihn mit rascher Hand ins Meer , Ich könnte später an der Falschheit zweifeln ; Nein ich bewahr Sie , mich zu überzeugen , Wie hoch mein Glauben überm Leben stand . MUTTER . Wie stimmen Ihre Reden schlecht zusammen , Ei wie geziemt sich das bei ihrer Klugheit , Die mir vorher so ganz ergeben sprach . VATER . Das war mein Spott , ich wollte Sie versuchen , In unserm Alter ist die Liebe Spott . MUTTER . Das wollte ich ; so überwiesen ganz , So ganz beschämt sollt einst ein Staatsmann , Vor mir , vor einem Weib in Torheit stehen ; Sie glaubten einen Augenblick mich zärtlich , Ihr Angedenken ist in mir verflucht . Getäuscht zu sein , ist Ihre höchste Strafe , So hören Sie mich jetzt , Sie sind getäuscht . - Ihr holden Blumen , ach verzeiht den Zorn , Ich fühl mich schlecht in diesem Augenblicke , Doch ist ' s der letzte , den ich so verbringe , Und wie der Schall der Worte schnell verrauscht . Verzeih es Luft , du bist schon allzu schwül , Gewittervoll , daß ich kaum atmen kann , Und bin ich schuldig , treffe mich der Blitz . Jetzt hören Sie die letzten Worte an . Was Ihre Absicht war an diesem Tage , Die Sie so weit zu mir hieher geführt , Ich weiß es nicht , ich kann es nicht erraten . Es ist vergebens jegliches Bemühen , Und mit dem Ring , den ich vom Finger nehme Und werf ihn in die freie weite Welt , Ist jedes Band gelöst , was noch Erinnerung hielt : Wir sind geschieden und es sei für immer . VATER . Wir sind geschieden und es sei für immer . Vertrauend baut sich an der Mensch in Jahren Ein kleines Haus zu seines Alters Schutze , Die Erde bebt , zerstört ' s im Augenblick , Auf seinen kahlen Scheitel fällt der Regen , Doch auch die Sonnenstrahlen , die ihn wärmen . Ich fühl mich ruhig , ich verliere nichts , Nur der ist frei , den nichts auf Erden hält . 4. KIND kommt mit einem Schwerte und einem Myrtenzweige und findet den weggeworfenen Ring . O Vater , sieh den schönen Ring recht an , Ich fand ihn in dem Lilienkelche schweben , Es ist ein Schlänglein , das in Schwanz sich beißt , Ein roter Stein blitzt herrlich aus den Augen . Ach daß am Ring kein Anfang und kein Ende , Sonst würd das schöne Tier wohl auch noch gehen , So kunstreich ist es durch und durch gebildet , Und scheint aus ganz lebend ' gem Gold gedreht . Du siehst so heftig , Vater , und du sprichst kein Wort , Du schiltst doch nicht , daß ich so lang geblieben , Es war kein Schatz am Myrtenstrauch zu finden , Ich fand dies Schwert dort , darf ich ' s tragen ? Ich will das Feindliche der Welt bestreiten . Ach Vater sag , wer ist denn diese Frau , Die schöne Frau , wenn sie nur liebreich wäre . MUTTER . Ist dies Ihr Kind , so sind Sie zu beneiden . Es ist zu liebreich , nein , Sie sind nur Pfleger . VATER leise zur Mutter . Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern ! Wär dies nun unser Kind , das früh verstorbene . MUTTER . Sie wagen es , an jenen Mord zu denken ! VATER . Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern ! Ich meine fast , der Knab hat Ihre Augen . MUTTER . Wer denkt an alle Schicklichkeit der Welt , Wenn hier ein Abgrund , dort ein offner Arm . Ich rufe dich Natur , gib Helferarme , Bewahre mir , was du mir hast verliehen ; Ist dies mein Kind , was ich gestorben glaubte , Das Sie aus Eifersucht mir früh entrissen Und mir so bald als tot verweigerten ? KIND . Ach ja , ich bin ' s , ich bin gewiß dein Kind , Ach wüßt ich eine Mutter nur zu lieben . VATER . Sie leben hier so unabhängig jetzt , Was brauchen Sie noch andrer Menschen Liebe . MUTTER . O gib Gewißheit mir , ob es mein Kind , Ich bin dir dann auf ewig untertänig . VATER vor sich . Wo soll das hin , wer kann die Folgen sehen , Der Ärger hob die Überlegung auf . MUTTER . Gewißheit , sieh ich knie vor dir schon lange , Du schweigest still den Blick von mir gewandt . O sprich , sonst stürz ich mich in dieses Schwert , Das mich schon früh in deinem Haß verwundet . VATER . Es ist dein Sohn ; ich wollte ihn dir bringen Und mit euch leben in Vertraulichkeit ; Jetzt ist das aus , erfreu dich dieses Knaben , Doch wandern wir noch heute fort von hier . KIND . O liebe Mutter , liebe süße Mutter , Dich hab ich gleich erkannt , wie ich dich sah ! MUTTER . O lieber Knabe , meiner Liebe Lust , Ich ahndete sogleich , du seist mein Sohn . KIND . Ach Mutter , wie wird dich der Vater lieben , Er hat so oft die Arme ausgebreitet , Bang über mir nach dir o Mutter seufzend . VATER . Das ist vorbei , das ist nun ganz vorbei , Jetzt macht euch fertig , nehmt den schweren Abschied . KIND . Ach lieber Vater , bleib doch immer hier , Ich kann nicht fort von meiner lieben Mutter . MUTTER . O lasse mir mein Kind nur wenig Stunden , Ich lieb dich ja in ihm , ich kann nicht mehr . VATER vor sich . Es rühret mich ihr Flehen tief im Innern , So muß mir denn das Schmerzlichste geschehen , Muß ohne Liebe sehn die Vielgeliebte , Und alter Lieb Erinnerung stets in ihr Wie des Gewissens ewig wacher Zuruf . MUTTER . Kannst du nicht bleiben , so verläßt mich Gott , Und wie ein Unrecht scheinet mir mein Unglück . KIND . Ach Mutter , ist denn Gott nicht unter uns , Wir sind ja drei , so sind wir die Gemeine , Wie sprichst du so , nein , Gott verläßt uns nie , Wenn wir uns lieben in der ew ' gen Liebe . MUTTER . O hör dein Kind , wie es so herrlich spricht ; Der Kinder Stimme ist oft Gottes Wille . VATER . Ich folg der Stimm , es ist bedacht , es sei , Es muß das Schmerzlichste von mir geschehen , Ich opfere mein eignes Leben auf , Wir leben nun für dieses Kind zusammen ; Nimm du die linke Hand , ich nehm die rechte , Auf daß er lerne lieben und auch fechten . KIND . O Vater , wenn ich nur genug dich liebe ; O Mutter , wenn ich nur für dich kann fechten ! VATER . Es trägt mich des Entschlusses eigne Kraft , Mit Übermacht hat Gott den Stolz bezwungen . MUTTER . Vergebens ist das Scheuen vor dem Leben , Was menschlich ist , dem sei der Mensch ergeben ; O teurer Freund , ich tat dir heute Unrecht , Du wolltest mir heut wohltun mit dem Kinde . Ich folg dir ganz , es kommen andre Zeiten , Im Herzen dieses Kindes schlägt das meine , Und deine Klugheit wache über beide . VATER . Sei dieses liebe Kind uns selbst ein Lehrer , Wo uns die alte Zeit mit Zorn ergreift , Gefühl und Klugheit muß sich immer beugen Vor einer Zukunft , die sie selbst erst zeugen . KIND . Ihr sagt euch da so ernste , ernste Worte , Und mich vergeßt ihr hier wohl zwischen euch . Ich geb euch alles , was ich hier besitze : Da hast du , Mutter , diese Myrtenkrone , Da hast du , Vater , das verlorne Schwert , O laß mir nur den Ring , den vielgeliebten ! VATER und MUTTER . Du bist der Ring von zweien Vielbetrübten , Die neu verbunden , die sich einstmals liebten . VATER . Wir sind auf ewig wiederum verbunden . MUTTER . Dein Wille ist der meine nun auch immer . VATER . Wohl dem , der einmal nur geliebt im Leben , Das Schicksal will ihm goldne Hochzeit geben , Mich drückt das Gold , es zittern meine Hände , Doch fühle ich , daß nie das Leben ende . KIND . So küsse doch den lieben Vater , Mutter . VATER . Ich küsse dich , das Kind befiehlt es mir . MUTTER . Ach was der Ernst und die Vernunft geschieden , Ein Kinderspiel auf dieser Welt hienieden . KIND . Hörst du fern im Dorfe singen , Luft und Düfte zu uns dringen Aus der tiefen Himmelsstimme . MUTTER . Ach zu uns im ernsten Grimme . VATER . Wie so oft war uns zum Spotte Unsrer Diener Sonntags-Schmücken . KIND . Ach so hört doch zu , dem Gotte , Der in seligem Entzücken . VATER . Wehe , nun ist eine Stille ! MUTTER . Aber dem versöhnten Freunde Tönt nun höher Gottes Wille Aus der himmlischen Gemeinde . KIND . Führt mich , wo die Glocken schlagen . VATER . Das Gewissen anzusagen . KIND . Wo die Freuden alle klingen , Mußt du hin mich heute bringen . VATER . Ach wie kühlend in der Hitze ! Haben wir denn dort auch Sitze ? MUTTER . Gittersitze wir da haben , Wo die Eltern sind begraben . VATER . Denk , wie Sonntags sie versöhnten , Wann sie sich entzweiet hatten , Und wir beide , wir verhöhnten Oft die Lieb der alten Gatten . MUTTER . Und sie blieben so in Frieden , Und wir waren lang geschieden ; Eilen wir zur Kirche wieder . KIND . Gott , der spricht zu uns durch Lieder , Alle Stimmen er vereinet . MUTTER . Einsam hab ich lang geweinet . VATER . In der Kirche klingt die Freude , Eilen wir aus allem Leide , Und die leidend Gott gefunden , Zeigen sich da Gott verbunden . VATER und MUTTER . Seit wir in dem Sohn verbunden , Haben wir auch Gott gefunden , Und kein Mensch darf uns mehr scheiden , Uns , die Gott geprüft in Leiden ! Der Minister war während der Vorlesung sehr nachdenklich geworden , beim Schlusse fuhr er heraus : » Sagt , wie könnt ihr so manches wissen , was gerade so in meinem Innern gesprochen , bei einer allgemeinen Verfälschung der Geschichte , die mir deutlich beweist , daß ihr nichts davon gewußt , sondern nur herum geraten habt . « - » Das Menschliche « , antwortete der Kammerjunker , » woran wir einander kennen und verstehen , ist in jeder Brust , das Historische wissen nur wenige . « - » Wahrhaftig « , meinte der Minister , » ich fange an , noch ehe wir aus den Sümpfen kommen , eure Poesie zu glauben ; wir sind durch Lebensalter geschieden , wir verstehen uns erst allmählich . « Meinen Lesern , mit denen ich mich auf der gemeinschaftlichen Reise durch diese Geschichte allmählich auch verständigt habe , wird es nicht entgangen sein , wie das Dichten , insbesondre aber das dramatische in das Leben der einzelnen Menschen eingreife . Wir sahen dies in der Geschichte Hollins , des kleinen Johannes , und in den beiden eben mitgeteilten Schauspielen ; möge uns dies ein Bild werden , wie ein echtes Volksspiel auf das ganze Leben eines ganzen Volkes einwirken könnte ; nur darum , weil unser Schauspiel unserm Volke , seinem Streben und Glauben meist so entfernt ist , geht es der Menge so gleichgültig vorüber , und wird mit dem Augenblicke vergessen ; wer sich dem Volke anschließt , empfängt dessen Geist und Erfindung . Ein kleines Abenteuer störte bald unsre Gesellschaft in ihrer gewöhnlichen Unterhaltung . Sie erhielten einige Stationen von Rom , wegen mehrerer an Reisenden verübten Räubereien , einen Husaren zur Bedeckung , der dem Minister und seinen Begleitern sehr auffiel ; dem Minister rief er seine eigne Jugend vollständig zurück , die anderen bemerkten wenigstens eine auffallende Ähnlichkeit zwischen beiden . Sie ließen sich mit ihm in ein Gespräch ein : es war ein Deutscher , der schon lange in französischen Diensten , aber weder sein angeblicher Name Frohreich , noch der angegebene Geburtsort Camin waren der Gesellschaft bekannt . Er sprach viel über seinen Dienst , und versicherte , daß wenn er gleich nur Gemeiner wäre , so könne er doch wohl bei guter Gelegenheit Marschall werden , und die ganze Armee , wie er Lust hätte , rechts und links vor sich vorbei marschieren lassen , auch könnte er sich nicht über Langeweile beklagen ; hätten sie nichts mit dem Feinde zu tun , so gäb es desto mehr Streit mit den Kameraden , erst gestern habe er eine zusammen gehauen - dabei rieb er sich ganz vergnügt die Hände . » Heute « , fuhr er fort , » gibt ' s gewiß noch was mit den Räubern , ich sah schon vorher so etwas schleichen ; an dieser Stelle wurde vor acht Tagen der Schirrmeister einer Post erschossen . « - Diese Betrachtung machte die Gesellschaft aufmerksamer . Nach einiger Zeit rief der Postillion einige unverständliche Worte ; es war sehr finster , er jagte schnell , die Mamsell drückte sich mit klopfendem Herzen an den Minister . - In dem Augenblicke hielt der Wagen ; der Kammerjunker griff nach den Pistolen , der Minister fragte : » Wer da ? « - » Wir sind auf der Station « , antwortete der Husar , der zugleich mit mächtigen Stößen gegen die Tür eines Hauses die Ankunft der Reisenden verkündigte . Der Wirt machte fluchend auf ; die Reisenden traten in ein Küchenzimmer voll Husaren ; sie wünschten zu essen , und der Wirt versprach gleich ein vollständiges Nachtessen . Er nahm zu diesem Behuf ein paar Lebern von einem Haken herunter , hackte , kochte , briet in ihrer Gegenwart ; seine Frau sah ganz bequem zu , und befahl nur zuweilen , was er dabei nicht vergessen sollte . In einer Stunde hatte er ein vollständiges Mahl bereitet : Lebersuppe , gekochte Leber , Leberbraten , es schmeckte den Hungrigen recht gut . Der Husar wurde mit zum Essen genötigt ; seine Kameraden fingen an , darüber zu reden , daß er nicht bei ihnen geblieben ; der Husar antwortete beleidigend und einer von jenen , die viel getrunken hatten , forderte ihn . Alles das verhandelte sich so heftig , wie es bei Soldaten geschieht ; unsre Gesellschaft , die einmal Partei für den jungen Mann genommen , war so besorgt um ihn , daß sie das Essen stehen ließ . Endlich sprach der Minister , bloß um den Streit abzulenken , indem er unter die Streitenden trat : » Nehmt Vernunft an , warum sollte er nicht mit mir essen , es ist mein Sohn . « - » Wenn das ist « , sagte der Heftigste , » so nehmt nicht übel , was ich gesprochen ; Ihr hättet das früher sagen sollen , ein Vater , der muß geehrt werden , sonst aber muß einem Husaren die Kameradschaft über alles gehen . « - Es wurde augenblicklich Ruhe ; alle tranken die Gesundheit des Vaters und der Husar setzte sich zum Minister , sah ihn ernsthaft an , und sprach deutsch : » Wenn ich nun wirklich Ihr Sohn wäre ? « - » Fast meine ich es selbst « , antwortete der Minister . - DER HUSAR : » Ich war nicht immer , was ich jetzt bin , und habe viel vergessen , aber Ihren Namen , den ich vorher hörte , habe ich doch behalten ; warum sind Sie nach Italien gekommen , Sie hatten sich in Deutschland ein kleines Italien erbaut . « - Der Husar erzählte einen Umstand nach dem andern , endlich die Geschichte , wie er wäre bei der Einweihung des Palastes die Treppe heruntergefallen , so daß der Minister mit den Worten , » bei Gott , der Erbprinz « , ihm um den Hals fiel . - » Still « , sagte der Husar , » ich bin ' s , hier aber kein Wort davon ; wüßten es meine Kameraden , da wäre ich von allen geschoren , wie ich schon jetzt als Ausländer viel auszustehen habe ; sprechen wir nicht zu viel in unsrer Sprache , sie möchten Argwohn gegen mich bekommen . « - Der Minister suchte ihn zu bereden , ihn zur Mutter nach Sizilien zu begleiten . Der Erbprinz versicherte aber , er könne nicht von diesem Leben lassen , endlich wüßte doch keiner , wozu es ihn führen könne , in einer Zeit , wo jeder von unten auf gedient haben müsse , um oben fest zu stehen . - Hier unterbrach der Eintritt einer braun gebrannten Marketenderin , die ein Fäßchen auf dem Rücken trug , die Unterredung ; alle schrieen ihr entgegen , sie wies alle mit derben Worten von sich , dem Husaren warf sie sich um den Hals und biß ihm in die Backe , daß er hellaut aufschrie ; sie sprach mit ihm abwechselnd deutsch , französisch und italienisch , rühmte ihn in sehr freien Worten , dabei aß sie stark von dem stehen gebliebenen Abendessen . » Hör Furiosa « , sagte der Erbprinz , » soll ich dir das Genick brechen , du ißt den Herren alles vor der Nase weg . « Sie fluchte und ging hinaus . Der Husar sagte : » Ich fürchte mich vor keinem Menschen in der Welt , aber die fürchte ich , sie ist seelengut , was sie verdient , das gibt sie mir , Schläge sind ihr ganz recht , machte ich aber Miene von ihr zu ziehen , ich wäre meines Lebens nicht sicher . « Jetzt kam sie wieder ins Zimmer , und die Husaren sangen ihr ein Lied von Mademoiselle Pumpernelle , worüber sie alle ausschimpfte , und von guten Sitten und Leuten von Stande sprach ; der Minister hatte unterdessen nach seiner Zeche gefragt , und da ihn der Wirt für seine Lebermahlzeit mehr als für das köstlichste Mittagsmahl bezahlen lassen wollte , so schimpfte sich der Erbprinz mit ihm herum . Es war ein gewaltiges Lärmen ; der Minister zahlte aus Überdruß , der Erbprinz und Furiosa begleiteten ihn an den Wagen , wo der Minister noch einmal jenem den Vorschlag wiederholte , den Abschied zu nehmen und ihm nach Sizilien zu folgen , und ihm eine volle Börse einhändigte . Furiosa fing darüber an zu schimpfen , der Erbprinz wurde böse , und schlug wild auf sie ein - mitten in dieser wunderlichen Liebesverwirrung entrollte der Wagen mit unsern Reisenden . Sie kamen glücklich nach Rom , und wollten sich eben recht umsehen , als ein neuer Brief des Schreibers den Minister die Reise zu beschleunigen nötigte . Schon früher hatte er dem Grafen seine Ankunft angezeigt , mit der Bitte , weder den Seinen noch der Fürstin etwas davon bekannt zu machen , bis er einen zweiten Brief von ihm erhalten . Sechzehntes Kapitel Schluß der Geschichte Wunderbares Nachdenken , ew ' ges Schaffen , du unsichtbare Sonne , in der die Taten reifen , die Begebenheiten in ewigem Wechsel von Frühling zu Frühling fortschreiten ; allgegenwärtiger Strahl , der übers Meer und in die Tiefen leuchtet , während er die Höhen zugleich vergoldet , wo ist dein Sitz und deine Quelle ? Dieser sterbliche Körper ist dein Zeichen und ein göttliches Zeichen , aber was herrlich im allgemeinen Leben , das denket alles in Gott , alle herrlichen Gedanken sind Strahlen seiner Liebe , Gottsöhne vom Heiligen Geiste empfangen , so mannigfaltig hat sich verkündet der Herr allen Zeiten , allen Völkern ; wie die Wärme durchdringt er die kalte Welt und regt sie an zu neuer Verbindung . Wehe