wo an Höfen , wie in Berlin auf der Bühne , immer geistige Volksstücke aufgeführt werden , war sie unter den Sonntagskindern , die mehr Geister sehen als haben , ein Montagskind , das sich einen zu finden wünscht , der - sei er immer nicht geadelt - doch ein Original von der Kopie zu unterscheiden weiß sowohl am eigenen Ich als im - Bilderkabinett . Deswegen dankten viele Herren und noch mehr Damen Gott , wenn sie ihr nichts zu sagen brauchten als : Gott befohlen ! Auf diese Weise erschien sie dem Grafen seines Vaters täglich werter . Wie in einen warmen Sonnenschein des Frühlings trat er zum erstenmal in den schmeichelnden Zauberkreis der weiblichen Freundschaft , die auch hier der Liebe zwei Schwingen goß und formte aus den Wachszellen des genossenen Honigs ; es war aber bei ihm die Liebe gegen Liane , der die Freundin am leichtesten Flügel nach Italien geben konnte . Er fühlte , daß bald eine Stunde der überfließenden Achtung schlagen werde , wo er ihr den hoch ummauerten Klostergarten seiner vorigen Liebe vertrauend öffnen könnte . Denn sie machte ihm so oft Raum , ihr nahe zu sein , als es nur der enge Bezirk eines Thrones und die alles verratende hohe Lage desselben vergönnen wollten . Aber etwas störte , bewachte , bekriegte beide , eine , wie es schien , nebenbuhlerische Nachbarin . Es war die sonderbare Julienne , die immer , wenn es anging , aus ihrer Loge auf die Bühne der Fürstin trat und das Spiel verwirrte . Häufig kam sie ihm nach ; einige Male hatt ' er von ihr Einladungen bekommen , wenn gerade die der Fürstin nachfolgten , denen also jene , wie es schien , hatten zuvorkommen sollen . Was wollte sie ? - Wollte sie von einem Jüngling , den sie so oft durch ihre Männer-Verachtung und durch ihr zorniges , blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht , etwan Liebe , vielleicht bloß weil er ihr freundliches Anblicken immer so warm erwidert hatte gegen eine so teure - Freundin seiner Geliebten ? - Oder wollte sie von ihm nur Haß gegen die geehrte Fürstin , und zwar aus Neid und gewöhnlicher Weiberähnlichkeit mit dem Elfenbein , dessen weiße Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwärmen wieder die schöne bekommt ? Diese Fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende , wo er und Julienne bei der Fürstin waren . Eine gute Vorlesung sollte von Goethes Tasso die Gemälde-Ausstellung geben . Schöne Kunst und nichts als Kunst war für die Fürstin die Passauer-Kunst gegen Hof- und Lebens-Wunden ; und überhaupt war ihr das Weltgebäude nur ein vollständiges Bilder und Pembrokisches Kabinett und Antikenkabinett . - Die Leserollen wurden von der Direktrice , der Fürstin , so verteilt , daß sie selber die Fürstin bekam - Julienne die vertraute Leonore Albano den Dichter Tasso - ein jungwangiger Kammerherr den Herzog - und Froulay Antonio . Dieser letztere - der Kunststücke Kunstwerken vorzuziehen wußte und die fürstliche Kammer jeder Kunstkammer - stand wider sein Herz zum Einfahren in den Musenberg fertig da , von der Fürstin mit dem Berghabit dazu angetan . So täglich mehr in die poetische Mode eingezwängt sah er freilich aus wie sonst eine Mißgeburt , die absichtlich mit angebornen Pluderhosen , Kopfputzen und dergleichen auf die Welt trat , um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein kasselscher Gassenkehrer . Albano las mit äußerer und innerer Glut - nicht gegen die lesende , sondern gegen die vorgelesene Fürstin , aus Angewohnheit seines unter dem Leben fortglühenden Herzens - , und die Fürstin las die Rolle ihrer Rolle freilich sehr gut . Ihr artistisches Gefühl sagte ihr es - auch ohne Einblasen des zärtlichen - , daß in Goethes Tasso - der sich meistens zum italienischen Tasso verhält wie das himmlische Jerusalem zum befreiten - die Fürstin fast die der Fürstinnen ist ; nie ging der Musen- und Sonnengott schöner durch das Sternbild der Jungfrau als hier . Nie wurde die verschleierte Liebe glänzender entschleiert . Der Minister las den auf Tasso und Albano einzankenden Kraft-Prosaiker Antonio so gut weg wie ein reitender Trompeter die festen Noten auf seinem Ärmel ; in der Tat , er fand den Mann ganz verständig . Die Prinzessin mochte im allgemeinen poetischen Konzert ungefähr einige Viertelstunden mit der Ripienstimme mitgesprochen haben , als sie plötzlich den schönen Band von Goethes Werken , der dreimal da war , lebhaft hinwarf und mit ihrem Ungestüm sagte : » Eine dumme Rolle . Ich mag sie nicht ! « Alle Welt schwieg ; die Fürstin sah sie bedeutend an ; die Prinzessin diese noch bedeutender und ging hinaus , ohne wiederzukommen . Eine Hofdame las gelassen fort . Für die meisten Anwesenden war dieses Zwischen- eigentlich das interessanteste ; und sie dachten ihm unter dem Lesen des letztern gern weiter nach . Die Fürstin , welche längst geglaubt , jene liebe den Grafen , freuete sich über die Unbesonnenheit ihrer Gegnerin . Albano , ob ihm gleich ihr warmes Auge von jeher aufgefallen war , erklärte sich das Entweichen aus dem Unmut über die Subordination ihrer Lese-Rolle und überhaupt aus der Unverträglichkeit beider Frauen . Denn da Julienne auf eigne Kosten die Fürstin vernachlässigte und ihre Meinung wenig zudeckte : so erschien auch die der Fürstin unwillkürlich ; sobald eine Person ihren Haß entblößet , so kann die zweite schwer den ihren verstecken vor der dritten . Als Albano nach Hause kam , fand er folgendes Blatt auf seinem Tisch : » Die F- lockt dich . Sie liebt dich . Mit èclat sendet sie nächstens den M- zurück , um ihrer Tugend Relief zu geben und dir zu imponieren . Fliehe sie ! - Ich liebe dich , aber anders und ewig . Nous nous verrons un jour , mon frère . « * Wer schriebs ? - Nicht einmal über das Entree-Billet dieses Fehde-Billets konnte der Bediente Rechnung ablegen . Wer schriebs ? - Julienne ; dahin liefen wenigstens alle Wege des Wahrscheinlichen zusammen ; nur lagen dann rund um ihn Wunder . Bedeutend war die französische Unterschrift , die gerade unter dem Bilde seiner Schwester , das ihm der Vater auf Isola bella149 gegeben , ebenfalls stand ; aber Zufall war möglich . Er untersuchte jetzt diese neue Silberader seines Dianen- und Stammbaums auf dem Probierstein seiner ganzen Geschichte . Seine Mutter und Juliennens ihre waren mit seinem Vater in einem Jahre nach Italien gegangen ; beide waren ungewöhnliche Weiber und Freundinnen gewesen und von beiden sein Vater der Freund . Die Möglichkeit eines verhüllten Fehltritts seines Vaters war da . Ebenso leicht konnten Juliennen die Spuren dieses Irrwegs gewiesen sein . Dann würde ferner aus ihrer Schwesterliebe Licht auf ihren ganzen bisherigen Wendelgang fallen : ihr liebender Anteil an Albano , ihr warmer Blick , ihr Liebes-Wettrennen mit der Fürstin - ihr Briefwechsel mit seinem Vater - ihr Anwerben des Grafen für die Romeiro , das sie ebenso , wie es schien , erhitzte gegen die Fürstin als erkältete gegen Lianen - am meisten die Sonderbarkeit ihrer Liebe gegen ihn , die sich nie weiter und offner entwickelte , alles dieses gab Anschein , daß es nur ein verwandtes Schwesterblut sei , was so oft auf ihren runden Wangen loderte , wenn sie ihn zu lange unbewußt angeschauet . Er machte nach diesem Schritt sogleich den Sprung : er vermutete nun auch , daß sie allein ihrer Linda zuliebe ihn mit dem Zauberspiegel des Geister-Wesens zu blenden gesucht . Was das Verhältnis der Fürstin gegen den Minister anlangt , so war ihm jedes Wort darüber eine Lüge . Er ließ sich ebenso schwer eine gute Meinung von andern nehmen als eine schlimme . Gewöhnliche Menschen geben leicht die gute dahin und halten die schlimme fest ; weichere werden leicht versöhnt und schwer entzweiet . Er war beiden ungleich . Bisher hatt ' er sich der Fürstin Freundschaft mit dem Minister , ihre Landes-Visitationsreisen mit ihm und dergleichen so leicht aus ihrer männlichen Klugheit und Vorsicht abgeleitet , welche über das künftige Erbland ihres Bruders zugleich Wache halten und Aufschluß haben wollte ; und bei dieser Wahrscheinlichkeit , da der Minister sich in die verwandten Rollen eines Cicerone und Aufsehers gleich sehr schickte , beharrte er noch . Die Woche darauf führte eine Begebenheit herbei , welche ein größeres Licht in das dunkle Billet zu werfen schien . 91. Zykel Die versprochene Begebenheit hat wieder in ältern Begebenheiten ihre Wurzel , die sich zwischen der Fürstin und dem Minister zugetragen ; diese schick ' ich hier voraus . Der Minister war sehr bald von seinem Freund Bouverot , der mit seiner klebrigen Spechts-Zunge das Gewürm aller Geheimnisse ungesehen aus allen mürben Thron-Ritzen leckte , mit einem Verzeichnis alles dessen , was die Fürstin von Phönixasche und Schutt in sich verbarg , versehen worden ; er hatte ihn belehrt , daß sie kalt wie ein erhaben-geschliffnes Eisstück nie selber , sondern nur andere schmelzen wolle ; daß sie zu den seltnern Koketten gehöre , welche wie die süßen Weine durch Wärme sauer werden , und nur durch Kälte süßer ; und daß sie daher eine der schlimmsten Angewohnheiten - die jedem die ärgsten Händel mache - an sich habe . Es war nämlich folgende : sie hatte ein Herz und wollte es nie wie ein totes Kapital in der Brust leiden , sondern es sollte sich verzinsen und umlaufen - Der Liebhaber wurde deshalb anfangs von Tag zu Tag aufgeweckter und heitrer , dann von Stund zu Stund - Er wußte alle Holzwege , Hohlwege , Diebsgänge und kürzere Fußsteige in diesem Liebesgarten ordentlich auswendig und wollte die Schäfer-Viertelstunde auf seiner Repetieruhr voraussagen , wo er anlangen würde in der Laube - Es war ihm gar nicht unbekannt ( sondern komisch ) , was es bedeute , daß er bei ihr von Sentenzen zu Blicken , von diesen zum Händekuß , dann zum Mundkuß gelangte , worauf er sich im Whistonschen Kometenschweif ihres Ellen- und Meilenlangen Haars wie in einer Vogel-Schneuß , wo aber die Schlinge auch die Beere war , dermaßen verstrickte , verhaftete und krummschloß , daß er wußte , wieviel Uhr es geschlagen hatte auf seiner Repetieruhr - Aber dann gerade , wenn alle Wolken vom Himmel gefallen schienen , fiel er selber wie aus beiden in einen Korb von ihr - Das war der schlimme Punkt . - In der Tat , deutsche Prinzen aus den ältesten Häusern , die sonst alles versucht hatten , sahen sich unmoralisch , ja lächerlich gemacht und wußten gar nicht , was sie dabei denken sollten - Denn die Fürstin wunderte sich öffentlich über solche Scheusale , gab aller Welt eine Kopie von ihrem Fehdebrief , zeigte aller Welt die Röte und Höhe ihres Truthennen-Halses - und ließ einen solchen altfürstlichen Versucher , oder wers war , nie mehr vor ihr stolzes Angesicht . Da Prinzen ( in solchen Fällen ) wissen , was sie wollen : so breiteten sie freilich aus , sie wisse nicht , was sie wolle ; und oft erst lange nach einem Erb-Prinz kam der apanagierte Bruder desselben Hofes , und später der legitimierte . Gleichwohl blieb dasselbe ; nämlich sie blieb dem sphärischen Hohlspiegel gleich , der zwar das , was nahe an ihm steht , groß und aufgerichtet hinter sich malt , es aber , sobald es gar in seinen Brennpunkt tritt , unsichtbar macht und dann darüber hinaus ganz verkleinert und umgestürzt in die Lüfte hängt . Ihre Liebe war ein Fieber der Schwäche , bei welchem Darwin , Weikard und andere Brownianer durch Reizmittel , z.B. Wein , einen langsamern Puls erschaffen und eben daraus die Kur verheißen . Soweit Bouverot an den Minister ! Aber dem Minister geschah dadurch ein unsäglicher Gefallen . Denn Prinzen-Sünden schlugen gar nicht in sein Brotstudium ein . Als sie sich daher für die Nähe seines Verstandes und seiner kräftigen Physiognomie entschieden und ihn zum Minister ihrer innersten Angelegenheiten in Haarhaar berufen hatte : so wars in ihm feierlich niedergelegt und beschworen , niemals , sie mochte immer die Güte selber sein , ihr Ehrenräuber zu werden aus ihrem Strohwitwer . Anfangs kam er wie alle Vorgänger leicht mit bloßen , reinen Gefühlen und Diskursen davon ; es wurde noch nichts von ihm begehrt , als daß er zuweilen unversehends einen geheimen Blick voll liebender Zartheit auf sie hinschieße ; auch mußt ' er sich sehnen . Jenen schoß er hin ; Sehnen trieb er auch auf ; - und so stand er sich für ein solches Liebes-Glück noch glücklich genug . Aber dabei blieb es nicht . Kaum war ihr Albano erschienen : so wurde der Stachelgürtel und das Härenhemd des reinen Ministers unverhältnismäßig rauher und stechender gemacht und die stärksten Foderungen , nämlich Gaben verdoppelt , damit der arme Joseph schneller ihre Ehre anfiele und dadurch in seinen Untergang rennte , der des Grafen Köder werden sollte . Jetzt war er schon so weit herabgebracht , daß er in ihrem Flughaar ( für ihn giftiges Raupenhaar ) webte und knöppelte - er mußte Seufzerseifenblasen aus seiner Pfeife auftreiben - er mußte öfter außer sich sein , ja sogar ( wollt ' er sich nicht als einen heuchlerischen Schuft fortgejagt sehen ) halb-sinnlich werden , obwohl noch dezent genug . Inzwischen zu einer Versuchung war er vom Teufel selber nicht zu versuchen . Wenn er nur daran dachte , grausend , daß der kleinste Fehltritt ihn von seinem Ministers-Posten werfen könne : so ließ er sich ebensogut pfählen und vierteilen als bezaubern . Für einen Dritten , nicht für beide - diese litten wär ' s vielleicht ein Fest gewesen , wahrzunehmen , wie sie ( wenn ich ein zu niedriges Gleichnis brauchen darf ) einem Paar übereinandergezogner seidner Strümpfe glichen , welche für- und durcheinander , wenn man sie ausgezogen150 in gewisser Ferne hält , sich ätherisch aufblasen und füllen , sogleich aber platt und matt zusammenfallen , wenn sie einander berühren . In die Länge fiels freilich dem alten Staatsmann lästig , der tanzenden Pagerie der Liebesgötter als ihr Oberältester vorzuspringen , in Cypripors Triumphwagen eingespannt - einen Blumenkranz auf der Staatsperücke - in den Augen zwei Vauklusens-Quellen - die Brusthöhle eine verschüttete Didos-Höhle im Knopfloch den Pfeil im Herzen oder das Herz am Pfeile tragend - und auf das Kapitol fahrend , um da nach römischer Sitte nicht sowohl zu opfern als geopfert zu werden . - - Es fächelte nichts als die Blech-Kästen , die ihm zu Hause die Regierungs- und Kammerboten hinsetzten , den schachpatten Mann wieder frisch und kühl , der ein schachmatter werden wollte . Er las mit ihr den Katull , sie mit ihm die bessern Gemälde aus des Fürsten Kabinett ; es wurde ihm erlaubt , sie durch seine Latinität für ihre artistischen Gaben zu belohnen - aber er blieb doch , wie er war . Wenn Weiber etwas durchsetzen wollen , so werden sie , sobald die Hindernisse immer wiederkehren , am Ende blind und wild und wagen alles . Die Reise nach Italien rückte so nahe ; noch immer wollte der Minister seine Hochachtung für die Geliebte nicht fahren lassen - wiewohl eben aus ihrem eignen Motive der Abreise , mit deren Nähe er sich zur frohen Ertragung eines so kurzen Feuers ermunterte - ; ihre Heftigkeit für den Grafen nahm durch dessen Ruhe zu , weil Kälte starke Liebe stärkt , so wie physische Kälte Starke kräftiger , und Schwache kränker macht ; - Froulay , als ein alter Mann , war , wie es schien , fähig , ein ganzes Säkulum lang so auf das Ziel loszuschleichen , ohne einen einzigen unentbehrlichen Sprung zu tun , da Alte wie Schiffe immer langsamer gehen , je länger sie gingen , und aus einerlei Grund , weil beide durch den Ansatz von Unrat , Muscheln und dergleichen schwerfälliger geworden - - Kurz die Fürstin fragte am Ende nach nichts , sondern es ging so : Der Fürst war verreiset , die Fürstin zu Gevatter gebeten aufs Land . Der Schloßvogt auf einem ihrer Landschlösser , der schon im Jahre vorher den Minister gebeten , hatte sich nicht entblödet , sich an diesem Treppen-Strick mit seinem Deszendenten unter dem Arm noch weiter herauf zu machen und oben auf dem Throne ihr , der Fürstin selber , sein Landeskindlein in die Arme zu legen . Gern lassen sich Fürsten herunter - an dünnen Raupenfaden - wie ( hinauf ) ; sie schätzen das gute dumme Volk und wollen die armen Kriech- und Zwergbohnen - denn sie wissen wohl , wie wenig daran ist - dadurch etwas heben und sozusagen stängeln und stiefeln durch das Fürstenstuhl-Bein . Der Minister war als sogenannter » Altgevatter « ohnedies invitiert . Der Herbsttag war heller , lauterer Frühling , und die Herbstnacht stand unter einem glänzenden Vollmond . Höfe wünschen sich so sehr auf das Land , in die Idyllen murmelnder Quellen , rauschender Gipfel und blökender Schweizereien und Pächter hinein ; - Höfe - d.h. Hofleute , Hofdamen und dienende Kammerherrnstäbe und andere - sehnen sich so sehr unter Menschen ; wie Tiere der Dezember-Hunger , so treibt sie ein edler vom Throngebirge in die platten Ebenen herab ; nicht daß sie die Langweile flöhen , sondern sie begehren nur eine andere , da ihre Kurzweile eben in der Abkürzung und Abwechslung ihrer Langweile besteht . Kaum hatte der Hof seine erste Sehnsucht nach dem Volke , mit welchem er eine halbe Viertelstunde auf vertraulichem , dialogischem Fuß lebte , gestillt : so kam er wieder zu sich selber und zerstreuete sich in den fürstlichen Garten , um die Sehnsucht nach der Natur in nicht kürzerer Zeit zu befriedigen . Eine Zeugin der Taufzeugin versprach an der Fürstin und des Kindes Statt Christentum . Diese selber knüpfte den Minister wie einen Kammerherrn an sich . Der Altgevatter sah in einen verdammt langen Abend hinaus , worin er ihre Prozessionsfahne würde herumtragen müssen . Zum Genuß des Abends war Konzert , und zum Genusse des Konzerts Spiel arrangiert ; und zum Genusse des letztern hatte sich die Fürstin mit Froulay allein gesetzt , um unter dem allgemeinen Spielen der Instrumente und Karten ungehört mit ihm zu reden . Plötzlich wurden die zwei Pfunde , die in seiner Brust aufgehangen waren - denn mehr wiegt nach den Anatomen kein Herz - , um zwei Zentner schwerer , als sie ihn fragte , ob er standhaft sei , vertrauen und für sie wagen könne . Er schwur , schon als Fürstin dürfe sie jede Aufopferung und Verehrung von seinem Doppeltpfünder erwarten . Sie fuhr fort : sie hab ' ihm heute wichtige Dinge über sich und den Fürsten anzuvertrauen ; sie wolle , wenn die Foule fort wäre , mit ihm allein sprechen ; er brauche bloß von der Gartenseite die kleine Treppe herauf an die Tür des Bibliothekzimmers zu gehen ; diese sei aufgeschlossen ; am poetischen Bücherschrank sei links in der Wand eine Springfeder , deren Druck ihm die Tapetentüre des Zimmers öffne , wo er sie erwarten sollte . Sogleich stand sie auf , das Ja voraussetzend . Wie es jetzt in den beiden Pfunden seines 64lötigen Herzens herging , kann bloß seinen Todfeinden ein Vergnügen , es zu erfahren , sein . So viel lag mit langen , dicken , steinernen Buchstaben wie auf einem Epitaphium geschrieben ihm vor , daß nach wenig Stunden , wenn die andern Herren , sonst noch größere Sünder als er , ruhig in den schönen , den Schloßhof formierenden Dienerhäusern schnarchen dürften , daß dann für ihn schuldlosen Schelm bald die Wolfs- , nämlich die Schäferstunde schlagen werde , wo er auf der blumigsten Aue unter das Schächter-Messer knien müsse . Aber er tat sich - zornig , daß sein Glaube an weibliche und fürstliche Frechheit wahr rede - stille Schwüre aller Art , daß er , setze man ihm auch zu wie den größten Heiligen und Weltweisen , doch wirtschaften wolle wie beide , z.B. wie der alte Zeno und Franz . Die Fürstin suchte ihn den ganzen Abend weniger als sonst . Endlich empfahl er sich mit dem ganzen Hof , aber mit der Aussicht , nicht wie dieser unter Seiden-Matratzen , sondern unter kalte Lauben zu schleichen . Er rückte auch , seiner gewiß , auf der Treppe an - machte das Bibliothekzimmer auf - fand die Springfeder - ließ sie springen und trat durch die Tapetentüre in das fürstliche - Schlafgemach . » Es ist also gewiß « - sagt ' er und fluchte in seinem Innern herum , wie er wollte , unter dem Liebesbrief-Beschwerer ganz breit zerdrückt hinliegend . Im Seitenzimmer linker Hand hört ' er sie schon und eine Kammerfrau , die auskleidete . Rechts klaffte die Türe eines zweiten , aber erleuchteten Zimmers . Er stand lang ' im Zweifel , sollt ' er in dasselbe treten , oder unter dem Lichtschirm des dunkeln Ortes verbleiben . Endlich griff er zum Schirm der Nacht . Während seines Passens und ihres Häutens hielt er Leseprobe oder Probekomödie seiner Rolle ; jetzt kam er mit sich überein , im Notfalle - und falls man ihn zu sehr poussierte - um so mehr , da der Ort mehr gegen sie spräche als gegen ihn selber , indem jeder fragen müßte , ob er wohl sonst würde hergekommen sein in einem solchen Notfalle , wo nur die Wahl zwischen Satire und Satyr bliebe , sich auf der Stelle umzusetzen in einen ehrerbietigen - Faun . Schnell schritt die Fürstin herein , aber gegen das helle Zimmer hin : » Ich brauche dich nicht mehr « , rief sie der Kammerfrau zurück . » Diable ! « ( schrie sie im Schlafzimmer , den langen Minister ersehend ) » wer steht da ? - Hanne , Licht ! « - » Ciel ! « ( fuhr sie , ihn erkennend , fort , aber französisch , weil Hanne keines verstand ) » Mais Monsieur ! - Me voilà donc compromise ! - Quelle méprise ! - Vous vous êtes trompé de chambres ! - Pardonnez , Monsieur , que je sauve les dehors de mon sexe et de mon rang . Comment avez-vous pu - - « Sie sagte alles , vielleicht um die deutsche Zeugin zu blenden , mit zornigem Akzente . Der Altgevatter - der sich nach allen bisherigen Genüssen so fühlte wie ein Hahn , der viele lebendige Käfer verschluckte und dem sie nun im geängstigten Kropfe Lebensgefahr drohen - schwieg nicht , sondern versetzte deutsch , indem er die Tapetentüre aufmachte , er habe eben , wie sie befohlen , die Bücher aus der Bibliothek in das helle Zimmer gelegt und sei im Herweg begriffen gewesen . Er ging sogleich durch die Tapete hindurch , sie aber konnte vor Schrecken schwer sich erhalten , ließ am Morgen den Arzt kommen und schickte ihr Gefolge zurück . Froulay - so sehr er ihre Romane den spanischen ähnlich fand , worunter nach Fischers Behauptung die besten die Gauner-Romane sind - wußte zuletzt selber nicht , woran er war . Die Kammerfrau mußte mit dem Gelübde des Schweigens Profeß tun , das sie hielt , so streng sie konnte , aber nicht strenger . Am Morgen stiegen wenige vor ihren eignen Haustüren ab , die meisten vor fremden , um die Neuigkeit auszuschiffen samt dem Verbote der Fürstin , die Sache éclatant zu machen , weils sonst der Fürst erführe . War je das vornehme Pestitz in Massa glücklich : so wars an diesem Morgen . Nichts fehlte der allgemeinen Freude als eine Kammerfrau , die nur so viel Französisch verstanden hätte wie ein Jagdhund . 92. Zykel Albano vernahm das Gerücht , der Minister war ihm längst als eine kalte Seelen-Leiche verunreinigend erschienen ; jetzt haßt ' er ihn noch mehr als quälenden , blutsaugenden Toten . Für die Fürstin stand ihm bisher sein Herz . Sie war ihm ein blauer Taghimmel , worin andern nur eine heiße Sonne blitzt , woran er aber aus dem Geheimnis der Freundschaft und der Seelentiefe sanfte Sternbilder gefunden . Allein jetzt seit dem Gerüchte , das , wie die Zauberer neben Moses , Ruß in ihren Himmel warf , stand sie für ihn unter neuen Lichtern glänzend . Der Haß , den er schon von Natur , d.h. aus Stolz , gegen jedes Gerücht hatte , weil es beherrscht und nicht zu beherrschen ist , wirkte mit frischem Feuer in ihm ; er entschloß sich , eben weil Liane die Tochter entweder ihres Erbfeindes oder ihres Liebhabers und weil die Fürstin deren Nebenbuhlerin sein soll , auf sein Herz und das davon erkannte frei zu wagen und gerade jetzt der Fürstin seine Bitte um Vermittelung für Lianens Mitreise , d.h. für seinen Himmel , offen zu vertrauen . Am Morgen darauf kam der Fürst zurück - die Prinzessin ließ sogleich anspannen - gegen Abend kam sie mit einem Wagen mehr in die Stadt . Das Gerücht durchlief alle Spieltische , die spanische Gräfin Romeiro sei im Schlosse angelangt . Gerüchte sind wie Polypen : das Verwunden und Zerstören vervielfacht sie ; nur das Ineinanderstecken macht einen aus zweien ; - das Gerücht von Lindas Ankunft schlang das Gerücht von Froulays Ehrenraub in sich . Aber Albano ! - Wie die Entdeckung einer neuen Welt kehrte diese seine alte um . Linda , dieser ausländische Tropikvogel , flog seinem nahen Vater voraus , der wie ein reiches Land vor ihm aus der Ferne aufstieg - Der Boden , wo er so viel Dornen und Blumen gefunden , sank bald hinter seinem Rücken mit allen Schätzen und Tagen ein . Nur Liane darf nicht mit verschwinden ; diese Muse seiner Jugend muß er mit ins Land der Jugend ziehen . Durch diese gewöhnlichen Zauberkünste des Herzens war von Lindas Nähe eine unüberwindliche Sehnsucht nach Lianen in ihm wach geworden . Er war nun entschieden , die Fürstin an ihr früheres Versprechen , den Lebensbalsam einer südlichen Reise auf Lianens kranke Nerven zu gießen , zu mahnen und durch sie noch früh genug , eh ' die Verwirrung des drängenden Augenblickes etwas vereitele , die Ministerin zu bestimmen und zu gewinnen , welche wie alle Hofmenschen gewiß schwer einem fürstlichen Wunsche und einer Glücks-Perspektive widerstehen werde . Blieb aber Liane zurück aus eigner oder fremder Schuld : so war es sein Vorsatz und Schwur , vor keiner Gewalt , selber der väterlichen nicht , aus dem Vaterland der ewigen Braut zu weichen , sondern einzuwurzeln vor ihrem Kranken-Kloster , bis sie daraus entweder frei und heiter wieder in das offne Leben geht oder dunkel-eingeschleiert sich ins finstere Nonnen-Chor der Toten verbirgt . O , wiederzukommen , sie im romantischen Boden der alten Zeit zu suchen , und sie nirgends zu finden als hinter dem Sprach-Gitter der Erbgruft - diesen Gedanken hielt sein Herz nicht aus . Die Fürstin führte ihm selber die Gelegenheit seiner Bitte zu : sie schickte ihm zu einer astronomischen Partie auf der Sternwarte eine Einladung durch ihre treue Hofdame Haltermann . » Ich soll Ihnen bloß folgendes wörtlich schreiben « ( schreibt diese : ) » Kommen Sie heute auch aufs Observatorium , ich und meine gute Haltermann gehen dahin . « Diese Haltermann , ein Fräulein von wenigen Reizen und Geistesschwungfedern , aber vielen Glaubenslehren und frühzeitigen Runzeln , hing der Fürstin schon seit Jahren unauflöslich an , alles verschweigend und alle ihre » Stelldicheine « ( Rendez-vous ) begünstigend , bloß weil sie sagte : meine Fürstin ist rein wie Gold , und nur wenige kennen sie wie ich . Günstiger konnte Albanos Wunsche kein Zufall kommen . Er stand am frühesten auf der schönen Sternwarte mitten in der lieblichen Nacht . Es war einige Tage nach dem Vollmond ; seine glänzende Welt verschloß sich noch hinter die Erde , aber das angelassene Springwasser seiner Strahlen hob sich in Ansätzen herauf . Auf allen Bergspitzen schimmerte schon ein blasses Licht , als falle der ferne Morgen überirdischer Welten auf sie . Durch die Täler streckte sich noch das lichtscheue schwarze Erdentier der Nacht aus und bäumte sich auf gegen die Berge . Das Bergschloß Lianens war unsichtbar und zeigte wie ein Welt-Stern nur ein Licht . Plötzlich war der Herbstpurpur auf allen Gipfeln um das Schloß vom Monde silbern betauet , und es regnete leuchtend an den weißen Wänden und in die weißen Gänge des Gartens nieder - endlich lag ein fremder blasser Morgen , durch alle Lauben dämmernd , im Garten , gleichsam das zarte Leuchten eines hohen , ganz reinen Geistes , der nur in der heiligen stillen Nacht die tiefe Erde betritt und da nichts sucht als die reine , stille Liane . Als Albano blickte und träumte und sich sehnte , kam die Fürstin mit ihrer Haltermann herauf . Der Professor brach sich vor Verehrung gegen sie fast entzwei und ließ den Fix-Sonnen keinen astrologischen Einfluß auf sein gerades Stehen zu . - Albano und die Fürstin fanden sich mit einem Gewinst gegenseitiger Wärme wieder . Aber die erste Frage der Fürstin war : ob er die spanische Gräfin gesehen . Gleichgültig sagt ' er , von der Prinzessin sei er seit ihrer Ankunft eingeladen worden , sei aber nicht gekommen . » Ma belle-soeur bewundert sie am meisten , « ( fuhr die Fürstin fort ) » aber sie ists ein wenig wert . Sie ist majestätisch gebauet , länger als ich , und schön , zumal ihr Kopf , ihr Auge und Haar . Doch ist sie mehr plastisch als malerisch schön , eher einer Juno oder Minerva ähnlich als einer Madonna . Aber sie hat Eigenheiten . Sie verträgt sich mit keinen Frauen , außer den schlichten und blindguten ; daher ihre Kammerfrauen für sie leben und sterben . Die Männer hält sie für schlecht und sagt , sie würde sich verachten , wenn sie je die Frau oder Sklavin eines Mannes würde