Zusehen gehen lernt , muß es in einem Gängelwagen oder am Führband lernen ; wer blind ist , muß geführt werden ; wer nicht denken kann , soll andern glauben ; wer selbst kein Urtheil hat , mag , wenn er nicht schweigen kann , verständigen Männern nachsprechen . So will es die Natur ; und so ist ' s recht . Aus einem Stück Sandstein , Marmor oder Lindenholz kann freilich ein Alkamen nach Gefallen einen Achilles oder Thersites herausmeißeln oder schnitzeln : aber aus seinem Sohn Lamprokles konnte Sokrates selbst keinen Xenophon , so wie aus seinem geliebten Alcibiades keinen Perikles bilden . - Doch , wozu das alles , was du so gut weißt als ich . Denn gewiß wolltest du mit der Bildung deines jungen Freundes , die du mir aufträgst , weder mehr noch weniger sagen , als was ich dir zu leisten versprach , und zu halten gedenke - und das ist genug . Ohne Zweifel erinnerst du dich noch des alten Antisthenes , den du in Athen kennen lerntest ; desjenigen unter den vertrautern Freunden unsers Weisen , der ihm ( seine fröhliche Laune und Urbanität und das feine Salz seiner Scherze ausgenommen ) in Lehre und Leben am ähnlichsten wäre , wenn er nicht in beidem ziemlich weit über die Linie hinausginge , die das Mittel zwischen zu viel und zu wenig bezeichnet , und freilich nicht immer so genau zu treffen ist , als ein weiser Mann wohl wünschen möchte . - Indessen hat sich ein junger Paphlagonier aus Sinope , Diogenes genannt , von ungefähr zu ihm gefunden , der die Kunst zu entbehren und zu hungern noch viel weiter treibt als Antisthenes , aber dabei , was den Witz , die gute Laune und die Genialität betrifft , so viel Aehnliches mit dem Sohn des Sophroniskus hat , daß ihn Plato , wie ich höre , nur den tollgewordenen Sokrates zu nennen pflegt . Der weiseste Mann , sobald er ohne alle Nachsicht und Schonung auf die Thoren , d.i. auf die große Mehrheit , losgehen , und sich ihnen in gar keinem Stücke gleich stellen wollte , würde ihnen nothwendig , im mildesten Lichte betrachtet , als ein ausgemachter Narr erscheinen müssen . Dieß ist gewissermaßen der Fall dieses Diogenes ; mir wenigstens scheint er unter seiner Narrenkappe einen gesundern Kopf zu bergen , als die meisten , die durch die leicht zu machende Entdeckung , daß er ein Narr sey , ihren eigenen Verstand in Sicherheit gebracht zu haben glauben . Im Grunde gehört ein gutes Theil Vernunft dazu , um ein Narr wie Diogenes zu seyn ; ja ich möcht ' es sogar ein Talent nennen , worin man es zu einer gewissen Virtuosität bringen kann , so gut als in irgend einem andern . Da dieser junge Mann in der neuentstandenen Classe von Menschen , die sich , seit Plato an ihrer Spitze steht , Philosophen nennen , künftig eine bedeutende Rolle spielen dürfte , so ist es dir vielleicht nicht unangenehm , wenn ich dich , so weit meine dermalige Kenntniß von ihm reicht , etwas näher mit ihm bekannt mache . Er war ( wie es scheint , und wie die Erkundigungen , die ich hierüber eingezogen habe , bestätigen ) in guten Glücksumständen geboren , und hatte eine dieser Lage angemessene Erziehung erhalten . Ein unvermutheter Umsturz seines Hauses , welches einen ansehnlichen Handel auf dem Euxinischen Meere getrieben hatte , machte ihn auf einmal zum Bettler . Ein andrer Zufall führte ihn zum Antisthenes nach Athen . Da sein Beruf zur Philosophie ein eigentlicher Nothfall war , so zeigte ihm sein guter Verstand sehr bald , was er hier zu thun habe . Einem Menschen , der keine Wahl hatte , als zwischen dienen und arbeiten , oder betteln und müßiggehen , - wo der Gewinn auf beiden Seiten ziemlich gleich , und der tiefe Grad von Verachtung , der den Stand des Bettlers drückt , beinahe das Einzige ist , was die Wage auf die andere Seite ziehen kann - konnte nichts Glücklicher ' s begegnen , als die Bekanntschaft mit Antisthenes . Denn er sah nun auf den ersten Blick , daß er nur noch Einen Schritt weiter zu gehen brauche als dieser , um seine Dürftigkeit zu Philosophie zu veredeln , sich aus einem Bettler zum unabhängigsten aller Menschen zu machen , und der verächtlichsten Lebensart sogar einen Respect gebietenden Charakter aufzudrücken . Schon Antisthenes würde eben so räsonnirt haben wie Diogenes , wenn seine äußere Lage völlig eben dieselbe gewesen wäre . Auch liegt der wahre Unterschied zwischen ihrer Art zu philosophiren bloß in dem Umstand , daß jener gerade so viel Vermögen hat , daß es ihm täglich wenigstens drei bis vier Obolen , und alle vier Jahre einen neuen Ueberrock abwirft ; dieser hingegen gar nichts hat , wovon er leben kann , als seinen Kopf und seine Arme . - Daß er sich zu einigen andern Lebensarten , womit ein Bettler , der alles zu leiden und zu thun bereit ist , sich allenfalls in einer Stadt wie Athen fortbringen kann , zu gut fühlte , wollen wir ihm zu keinem großen Verdienst anrechnen : aber seinen Verstand hat er bei mir in keine gemeine Achtung gesetzt , nicht dadurch , daß er den Stand eines Cynischen Philosophen ( wie man den Antisthenes und seine wenigen Anhänger zu nennen anfängt ) erwählt hat - denn in seiner Lage war eigentlich nichts zu wählen - sondern daß er diese Nothphilosophie sich selbst und seinen Umständen so anzupassen weiß , daß sie sein eigen wird , daß sie ihm , so zu sagen , bequem sitzt , und wohl ansteht ; mit Einem Wort , daß er anstatt Nachahmer zu seyn , Original ist , und auf dem Wege , den er eingeschlagen hat , ziemlich sicher seyn kann , wie viele Nachtreter er selbst auch immer finden möchte , doch so leicht von keinem erreicht , geschweige übertroffen zu werden . Es klingt paradox genug , hat aber seine völlige Richtigkeit , daß Diogenes zum ersten Grundsatz seiner Philosophie gemacht hat , » alle seine Bedürfnisse , oder alles was er , außer einem ziemlich kurzen und abgetragenen Mantel , auf der ganzen Welt besitzt , in einem mäßigen Schnappsack auf der Schulter mit sich herum zu tragen . « Bei einer neulichen Inventur seines Inhalts fand der närrische Mensch , daß er einen Kamm mit vier Zähnen , und einen hölzernen Becher zu viel habe , da ihm eine seiner Hände beides sehr bequem ersetzen könne ; und so wurde dieser Ueberfluß sogleich ins nächste Wasser geworfen . Indem er die Entbehrungskunst bis auf diese Spitze treibt , gewinnt er den Vortheil , daß seine Dürftigkeit das Ansehen eines von freien Stücken aus Grundsätzen erwählten Zustandes erhält , und dieß gibt ihm eine Art von Recht , sich über die Ueppigkeit der Reichen lustig zu machen ; ein Zeitvertreib , wozu ihn die Natur mit Witz und Muthwillen reichlich versehen hat . Da die Menschen überhaupt , und die Athener noch mehr als andere , wohl leiden mögen , daß man über ihre Thorheiten spotte , wenn es nur auf eine solche Art geschieht , daß sie mitlachen können , und der Spötter ihnen hinwieder Blößen genug gibt , um ihn mit gleicher Münze zu bezahlen ; so hat er sich dadurch bereits eine Art von Popularität erworben , die ihn wenigstens vor dem Mangel an Wolfsbohnen ( seiner gewöhnlichen und beinahe einzigen Nahrung ) sicher stellt . Aber die Philosophie des Schnappsacks verschafft ihm noch einen Vortheil , der nach seiner Schätzung alle andern überwiegt . Da er so unendlich wenig Ansprüche an die bürgerliche Gesellschaft macht , so glaubt er auch berechtigt zu seyn , sich über alles , was im menschlichen Leben bloß von Uebereinkunft , Gewohnheit und Sitte abhängt , wegzusetzen , und im Nothfall mitten auf dem Markte zu Athen alles , was nicht an sich unrecht ist , für eben so erlaubt zu halten , als in der tiefsten Schlucht des Pentelikus . Er achtet kein Vorurtheil , spottet über den Zwang , den wir uns selbst durch eine unendliche Menge vermeinter Pflichten auflegen , wovon die Natur nichts weiß , und die man übertreten kann , ohne darum ein schlimmerer Mensch zu seyn ; und hält sich daher durch die Gesetze der Wohlanständigkeit und Urbanität so wenig gebunden , daß er vielmehr das größte Vergnügen darin findet , sie alle Augenblicke zu übertreten , und den Leuten dadurch lächerlich und anstößig zu werden . Er hat sehr richtig geurtheilt , daß dieß alles zu der Rolle eines bloßen Naturmenschen gehört , und daß er so ziemlich darauf rechnen kann , man werde die Billigkeit fühlen , an einen Menschen , der von andern nichts fordert , als daß sie ihn leben lassen , hinwieder keine Forderungen zu machen , wozu er als bloßer Mensch nicht verpflichtet ist . Bei allem dem hat er doch zu viel Sinn , um in der Ausübung seiner Grundsätze so weit zu gehen , als sie ihn führen könnten . Er spricht freier als er handelt , ist besser und verständiger als er scheinen will ; und wiewohl er eine eigene Freude daran hat , in den seltsamen Bockssprüngen , die er seinen Witz und seine Laune machen läßt , der Gränzlinie des Unanständigen öfters so nahe zu kommen , daß man alle Augenblicke befürchtet , er werde vollends über sie weggehen , so weiß er doch ( zumal in guter Gesellschaft ) den äußersten Punkt immer so genau zu treffen , daß man ihm wenigstens das Lob eines geschickten Luftspringers nicht versagen kann . Noch einer kleinen Tugend muß ich erwähnen , die an einem Philosophen dieses Schlages nicht ganz gleichgültig ist ; nämlich daß er - das Wasser nicht spart ( welches zum Glück in und um Athen überall umsonst zu haben ist ) , und daß er daher im Punkt der Reinlichkeit von dem wasserscheuen Antisthenes sehr stark zu seinem Vortheil absticht . Ich habe mich etwas länger bei der Charakteristik dieses bis jetzt in seiner Art einzigen Sterblichen aufgehalten , damit dir begreiflicher werde , wie es zuging , daß Antipater an ihm und er hinwieder an Antipatern in kurzer Zeit so viel Geschmack finden konnte , daß jetzt keine Dekade vergeht , ohne daß sie einen Gang bald in den Hafen , bald auf den Hymettus oder Pentelikus95 , oder eine Schwimmpartie nach den kleinen Inseln Psyttalia und Atalanta , auch wohl bis nach Salamine , zusammen machen . Es gibt einen komischen Anblick , unsern jungen Landsmann , nach Cyrenischer Weise stattlich gekleidet , mit dem zottigen Barfüßer in seinem groben Tribonion , das ihm kaum über die Kniee reicht und seine ganze Draperie ausmacht , durch die Gassen und Hallen von Athen schlendern zu sehen , wo tausend gaffende Augen und klaffende Mäuler auf sie gerichtet sind , und oft ziemlich laut über das ungleichartige Paar scherzen , ohne daß Antipater die mindeste Kunde davon nimmt . Sein häufiger Umgang mit Diogenes hat ihn auch mit dem alten Antisthenes in Bekanntschaft gesetzt , an dessen trivialem Menschenverstand er unendlich mehr Gefallen bezeigt , als an den sophistischen Spitzfindigkeiten , womit Plato seine Zuhörer so gern - zum Besten hat . Schließe nicht etwa hieraus , daß ich deinen jungen Freund gegen den letztern böslicherweise eingenommen habe . Die Sache machte sich von selbst . Denn zum Unglück mußte sich ' s fügen , daß Plato , da der gute Antipater zum erstenmal in seine Schule kam , eben in der Vorlesung und Erklärung seines Parmenides96 begriffen war , worin er diesen Eleatischen Sophisten seinen berühmten Grundsatz : » Alles ist Eins , und Eins ist Alles , « durch eine neunfache Reihe Argumentationen von der allersubtilsten Subtilität durchführen läßt . Der arme Antipater , dem so etwas nie gereicht worden war , horchte mit Augen , Mund und Ohren , und wäre beinahe erstickt , weil er , aus Furcht daß ihm ein Wort entgehen möchte , den Athem so lange bis er nicht mehr konnte an sich hielt . Da er aber in einer ganzen Stunde mit übernatürlicher Aufmerksamkeit und Anstrengung allem , was er gehört hatte , weder Sinn noch Geschmack abgewinnen konnte , und anstatt weiser als zuvor geworden zu seyn , nichts als einen wüsten Kopf , worin sich alles mit ihm im Wirbel herumdrehte , davon trug , lief er , ohne den Schluß abzuwarten , zum Saal hinaus , und schwur bei allen zwölf himmlischen Göttern , seinen Fuß nie wieder über die Schwelle des Mannes zu setzen , welcher wißbegierigen Jünglingen solche Possen für Weisheit verkaufe . Da irrest du dich , Antipater , sagte ich : er gibt sie umsonst . - Desto schlimmer für seine Zuhörer , versetzte der junge Mensch ; denn wenn er auch nur den Werth einer Drachme darauf legte , so würde er sich schämen , Spreu für Körner zu verkaufen . Ich muß eilends nach der nächsten Palästra laufen , um das tolle Zeug wieder aus dem Leibe zu schwitzen . - Das magst du immerhin , sagte ich : indessen hättest du doch in dieser einzigen Stunde , die du für verloren hältst , viel gewonnen , wenn du dir merktest , was sie dich gelehrt hat . - » Und was wäre das ? « Daß es Dinge gibt , von denen ein vernünftiger Mensch nicht mehr wissen wollen muß , als jedermann davon weiß . Daß z.B. Etwas nicht - Nichts , und Eins nicht - Zwei ist , sind Wahrheiten , woran niemand zweifelt : aber Plato wollte auch begreiflich machen , wie und warum es so sey , und verwickelte darüber sich selbst und seine Zuhörer in so undenkbare Sophistereien und Widersprüche , daß du am Ende ungewiß wurdest , ob du selbst Etwas oder Nichts seyest . » Das ist eben , was mich toll machte . Höre nur an . - Viele können nicht seyn , wenn nicht Eins ist ; denn Viele sind weiter nichts als Eins vielmal genommen . Nun kann aber Eins nicht Eins seyn ; denn ein anders ist seyn , ein anders , Eins . Sobald also Eins existirte , so wär ' es nothwendig mehr als Eins , nämlich das Eins an sich selbst , und das existirende Eins ; Eins wäre also Zwey ; da aber Zwei nicht Eins seyn kann , weil es dann nicht Zwei wäre , so gibt es weder Eins noch Zwei , folglich auch nicht Viele , folglich gar Nichts . - Ist es erlaubt , solch unsinniges Zeug für Philosophie zu geben , wenn man ' s auch umsonst gibt ? « Nimm es , wie gesagt , beim rechten Ende , so wird es dich klug machen . Wer weiß ob Plato mit seinem Parmenides etwas anders wollte ? » Wenn das sein Zweck war , so danke ich für das Mittel ! Was würde man von einem Menschen sagen , der ein paar Duzend arme Kinder stundenlang mit Versuchen auf dem Kopfe zu gehen quälte , bloß um sie zu überzeugen , daß sie nicht auf dem Kopfe gehen müßten ? « - Was konnt ' ich dem jungen Manne antworten , Kleonidas ? Da ich doch einmal auf diesem Kapitel bin , so habe die Geduld , über mein Verhältniß zu Plato , worüber meine Freunde sich , wie ich merke , ziemlich unnöthige Sorgen machen , mein letztes Wort anzuhören . Niemand kann geneigter seyn als ich , diesem großen Antagonisten und Nebenbuhler der Protagoras , Gorgias , Prodikus , Hippias , und wie sie weiter heißen , in allem was an ihm und seinen Werken als vortrefflich zu loben ist , die vollständigste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen . Ob ich aber wirklich so gerecht gegen ihn seyn kann , als ich zu seyn wünsche , zweifle ich selbst . Wir sind zu verschiedene Naturen und sympathisiren zu wenig , um einander rein aufzufassen . Daher ist mir auch seine Meinung von mir sehr gleichgültig ; vielleicht noch mehr als ihm die meinige . Er kann mir weder schaden noch nützen ; denn ich werde nie weder sein Nebenbuhler noch sein Fackelträger seyn . Der Weg , den ich gehe , liegt so weit von dem seinigen , daß wir schwerlich jemals in Zusammenstoß gerathen können . Ruhm scheint alles zu seyn was er sucht ; ich suche nichts , als so gut durch die Welt zu kommen wie mir möglich ist , und wenn ich berühmt werden sollte , müßte dem Ruhm nur die Laune anwandeln , mich zu suchen ; ich suche ihn gewißlich nie . Wie könnten wir also , Plato und ich , uns je im Wege stehen ? Kurz , ich sehe so wenig Ursache , warum ich ihn lieben oder beneiden , als warum er mich hassen oder verachten sollte ; warum sollten wir uns also nicht bei unsrer bisherigen Gewohnheit erhalten können , ich von ihm öffentlich immer mit der Achtung , die man großen Talenten schuldig ist , er von mir - gar nicht mehr zu reden ? - Indessen werd ' ich mir doch gefallen lassen müssen , von den strengern Sokratikern überhaupt - zumal seitdem Xenophon in seinen Erinnerungen an Sokrates den Ton hierin angegeben hat - aus ihrer Gemeine ausgeschlossen , oder , da sie mich doch nicht ganz verwerfen können , wenigstens für einen unächten Sohn des Vaters , zu dem wir uns alle bekennen , erklärt zu werden . Sie machen mir , wie ich höre , mit vieler Bitterkeit zum Vorwurf , daß ich die keusche Philosophie des Sokrates auf eine zweifache Weise zur Hetäre herabwürdige : erstens , indem ich zu ihrem ersten Grundsatz mache , » die Wollust sey das höchste Gut des Menschen ; « und zweitens , weil ich sie für baares Geld verkaufe . Ueber den ersten Vorwurf , der sich vermuthlich mehr auf meine von der ihrigen ziemlich stark abstechende Art zu leben , als auf die lächerliche Beschuldigung , daß ich die Wollust zum Princip meiner Philosophie mache , gründet , bedarf ich wohl keiner Rechtfertigung bei dir ; über den zweiten hingegen glaube ich dir einige Erläuterung schuldig zu seyn , und trage zu diesem Ende kein Bedenken , dir den ganzen Hergang , der den Anlaß dazu gegeben , umständlich zu erzählen . Die Entschließung , deren ich ehemals gegen dich erwähnte , einen Theil meiner Muße Jünglingen , die sich nach Sokratischer Weise zu mir halten wollten , zu widmen , fand , als ich sie eine Zeitlang in Ausübung gebracht hatte , vielen Beifall . Meine Art zu philosophiren schien mehrern , welche sich den Sokrates selbst öfters gehört zu haben erinnerten , der Sokratischen Deutlichkeit , Popularität und Anwendbarkeit im Leben ohne Vergleichung näher zu kommen als die Platonische , und ein gutes Theil mehr von der Sokratischen Genialität und Anmuth zu haben , als die herbe einseitige Manier des Antisthenes . Indessen waren doch diejenigen , die sich am meisten an mich andrängten , größtentheils Fremde , die nur wenige Wochen oder Monate in Athen verweilen konnten oder wollten . Eine Anzahl dieser letzten verabredete sich mit einander , mich zu bitten , daß ich ihnen in so kurzer Zeit als möglich einen vollständigen Unterricht in der Philosophie des Sokrates ertheilen möchte , die seit seinem Tode in ein Ansehen und eine Nachfrage gekommen ist , so sie niemals , während er selbst noch lebte , gehabt hat . Diese Leute mochten gehört haben , daß Prodikus und andere berühmte Sophisten sich für ihre Vorlesungen ziemlich theuer hätten bezahlen lassen ; oder glaubten vielleicht , was man umsonst weggebe , müsse wenig werth seyn ; oder hielten es auch wohl für unbillig , einem Manne , den keine Noth dazu treibt , zuzumuthen , daß er Athem aufwende , andere gescheidter und besser zu machen , ohne sich selbst besser dadurch zu befinden ; genug , sie beschlossen , es gänzlich in meine Willkür zu stellen , was für einen Preis ich auf meine Gefälligkeit setzen wollte , und genehmigten zum voraus jede Bedingung , die ich ihnen machen würde . An einem schönen Morgen erschienen ihrer nicht weniger als dreißig , um mir durch einen aus ihrem Mittel diesen Antrag zu thun . Ich suchte anfangs die Sache in Scherz zu verwandeln , aber es war den Leuten bittrer Ernst . Ich wies sie an Plato , Aeschines , Antisthenes , Stilpon , Simmias u.s.w. , aber sie hätten nun einmal das Zutrauen zu mir , sagten sie . Weil ich wirklich ungern an die Sache ging , hoffte ich sie endlich dadurch abzuschrecken , wenn ich einen sehr hohen Preis auf meine Waare setzte . Ich erklärte mich also zuletzt : ich getraute mir allerdings ihnen alles , was ich in drei Jahren von Sokrates gelernt hätte , in eben so viel Dekaden vollständig mitzutheilen : aber ich könnte ihnen nicht verhalten , daß es jedem von ihnen wenigstens so hoch zu stehen kommen würde , als wenn er seinen Freunden ein prächtiges Gastmahl gäbe ; denn die zwölf Discurse , in welche ich die ganze Philosophie des Sokrates zusammen zu fassen gedächte , würden den Mann nicht weniger als zwölf Dariken kosten . Dafür sollte jeder zugleich eine Abschrift dieser Discurse erhalten , jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung , sie entweder gänzlich für sich zu behalten , oder nicht mehr , als ein einziges Exemplar um den Preis , den es ihn selbst gekostet , und unter der nämlichen Bedingung , irgend einer andern Person zukommen zu lassen . Was ich verlange ( setzte ich hinzu ) ist viel oder wenig , je nachdem ihr das , was ihr dafür bekommt , anwenden werdet . Als bloße Speculationssache gäbe ich selbst für die Philosophie des Sokrates , wie für jede andere , keine taube Nuß ; in Ausübung gebracht , ist sie mehr als alles Gold des großen Königs werth . Ueberlegt also wohl was ihr thut , damit es euch nie gereue , eure Dariken nicht auf eine angenehmere Art verloren zu haben . - Mir däuchte als ob mehr als Einer von den Jüngern bei dieser Verwarnung eine etwas nachdenkliche Miene mache : aber da vermuthlich keiner für schlechter angesehen seyn wollte als der andere , so wurde mein Antrag einhellig mit großer Freude angenommen . Kurz , die dreißig Fremden , größtentheils Böotier , Arkadier , Lokrier und Chalcidier ( drei oder vier Abderiten nicht zu vergessen ) legten dreihundert und sechzig blanke Dariken in einem Beutel von Cyrenischem vergoldetem Leder zu meinen Füßen , und erhielten dafür was ich ihnen versprochen hatte . Du siehest also , lieber Kleonidas , daß der Vorwurf , den mir die Sokratiker machen , daß ich die Weisheit unsers Meisters um Geld verkaufe , nicht ungegründet ist : ob auch gerecht , ist eine andere Frage , die ich deinem eigenen Urtheil anheim stelle . Ich meines Orts , betrachte einen Gelehrten überhaupt - und warum denn nicht auch den , der von der Kunst zu denken , zu reden und zu leben Profession macht ? - wie jeden andern Virtuosen , in welcher Kunst es sey ; und ich sehe nicht , warum ich , wenn es mir beliebt , und die Käufer sich mir von freien Stücken anbieten , ja sogar aufdringen , für meine philosophischen Discurse nicht eben so gut Geld nehmen sollte , als Pindar für seine Siegeslieder , Damon für seine Musik , ein Arzt für seine Curen , ein Maler für seine Gemälde , Aristophanes für seine Komödien , oder Isokrates für seinen Unterricht in der Philosophie der Beredsamkeit , wie er seine Rhetorik zu nennen pflegt . Nehmen doch die Bürger von Athen für die Ausübung ihrer Souveränetät ohne Bedenken - ihr Triobolon ! Daß die Hetären von ihren guten Freunden Geld nehmen , fand sogar Sokrates billig ; und wenn ihre Profession schändlich ist , was kann hieraus zum Nachtheil derer , die eine edlere treiben , gefolgert werden ? Wie dem auch sey , seit dieser Begebenheit hat mir mehr als Ein Athener angelegen , seinem Sohn in allem , was ein Kalos Kagathos ( wie man jetzt zu sagen pflegt ) besonders ein künftiger Staatsmann und Demagog zu wissen nöthig habe , Unterricht zu ertheilen ; und um nicht mit Zumuthungen dieser Art zu sehr belästiget zu werden , habe ich ein für allemal fünfhundert Drachmen zu meinem festgesetzten Preise gemacht . Ein einziger , und zwar einer der reichsten Männer in ganz Attika , der mir ( vermuthlich ohne recht zu wissen was er that ) seinen einzigen Sohn übergeben wollte , fand den Preis zu hoch ; dafür , meinte der Ehrenmann , könne er sich ja einen tüchtigen Sklaven kaufen . Das thue doch ja , sagte Antipater , der dabei stand , laut lachend , so hast du ihrer zwei , ohne daß es dich einen Heller mehr kostet . Dieß Wort lief sehr bald in ganz Athen herum , und wurde von vielen auf meine Rechnung gesetzt ; aber Jedem das Seine ! Du siehst daß Antipater nicht vergeblich so viel um den Spötter Diogenes ist . Aus deinen Nachrichten von dem dermaligen Zustand unsrer Vaterstadt sehe ich , daß ein Mann , der unter glücklichen Menschen glücklich leben will , er sey auch zu Hause wo er wolle , nach Cyrene ziehen muß . Und ich - bin ein geborner Cyrener , habe alles was mir das Liebste ist in Cyrene , und lebe zu Athen ! - Nur noch ein Jahr , Kleonidas , ein einziges Jahr längstens , trage Nachsicht mit meiner Thorheit - wenn ich mich wieder von diesem verführerischen Athen scheide , so ist ' s auf immer ! 28. Hippias an Aristipp . Ich höre mit vielem Vergnügen , Freund Aristipp , daß du dich wieder in Athen befindest , und eine Art von Schule eröffnet hast , worin du der Hellenischen Jugend die Philosophie des guten Sokrates , nach deiner eigenen Weise mit Geschmack zubereitet , und mit einigen feinen Schüsseln vermehrt , wieder aufzutischen beflissen bist . Während zwei seiner vornehmsten Anhänger , der eine die Philosophie , welche sein Meister aus den meteorischen Höhen der Ionischen Schule herabzusteigen genöthigt , und unter den Menschen lebend mit ihren Angelegenheiten sich zu beschäftigen gewöhnt hatte , nicht nur in den Himmel zurückführt , sondern sogar in überhimmlischen Gegenden , wovon sich bisher noch niemand etwas träumen ließ , umherschwärmen und von den unaussprechlichen - Undingen , die sie da gesehen und gehört haben will ( unverständlich genug ) , reden läßt ; der andere hingegen , aus Mißverstand der Lehren und mit Uebertreibung des Beispiels seines Meisters , das von diesem veredelte menschliche Leben , in der Meinung es zur Natur zurückzuführen , dem thierischen wieder so nah ' als möglich zu bringen sucht - ist es löblich von dir , daß du ihr mit ihrer vorigen Popularität auch die Würde , die ihr Sokrates gab , wieder zu verschaffen beflissen bist . Ich bin gewiß , von den Grazien der schönen Lais ausgeschmückt , und mit der Peitho97 , die dir immer hold war , auf den Lippen , kann es ihr an Liebhabern nicht fehlen , und es wird nur auf dich ankommen , der erste und einzige unter den Sokratikern zu seyn , der sich durch ihre Vermittelung auch den Plutus98 günstig zu machen weiß . Was mich betrifft , lieber Aristipp , ich habe nun unvermerkt die Jahre erreicht , wo es nicht mehr der Mühe werth ist , etwas anders zu thun , als sich an den Thorheiten der Sterblichen zu belustigen , und von einem Tage zum andern so sorgenfrei und angenehm zu leben , als es uns die Götter noch gönnen wollen . Wie Solon in einem ungleich höhern Alter als das meinige , Lieb ' ich die Gaben der Cyprogeneia , des Bacchus , der Musen , völlig , wie er , überzeugt , Alle Freuden der Welt kommen von ihnen allein.99 Das schöne , volkreiche , so glücklich zum Seehandel gelegene und durch ihn mit allen Schätzen der Natur und Kunst bereicherte Milet ist ( wie du aus eigener Erfahrung wissen mußt ) außer allen diesen Vortheilen , noch besonders durch den geselligen Charakter seiner Einwohner und die Schönheit seiner Weiber , vor vielen andern Orten der Welt , einer solchen Lebensweise günstig ; vorausgesetzt ( versteht sich ) daß man mit dem unentbehrlichsten aller Dinge , wofür die andern alle zu haben sind , hinlänglich versehen seyn muß . Wie ich höre gibt der große Aërobat100 Plato den Athenern und ihren Nachbarn mächtig viel von sich zu reden , und publicirt eine Menge philosophischer Possenspielchen , worin er den ehrlichen Sokrates ( der jetzt alles ungestraft aus sich machen lassen muß , wozu man ihn brauchbar findet ) bald mit diesem bald mit jenem unsrer ehmaligen Sophisten in eine possierliche Art von dialektischen Zweikämpfen zusammen hetzt . Denn , damit sein Sokrates immer Recht behalte , oder doch wenigstens die Lacher auf seine Seite bekomme , begabt er ihn über seine gewohnte Ironie und die ihm eigene Art seine Gegner zu überraschen und in Verlegenheit zu setzen , noch mit aller nur ersinnlichen eristischen Spitzfindigkeit und Gewandtheit , die armen Schelme von Antagonisten hingegen mit einem so erbärmlichen Grade von Geistesschwäche und treuherziger Dummheit , daß sie immer ihr Aeußerstes thun , um jenem den Sieg recht leicht zu machen , und , weit entfernt zu merken daß er ihrer spotte , durch Paarung der lächerlichsten Aufblähung mit der schülerhaftesten Unwissenheit und dem blödsinnigsten Unverstand , ihm eine Gelegenheit nach der andern geben , sie mit der schmählichsten Art von Urbanität zum Besten zu haben