sie ihn mit unverkennbarem Widerwillen von sich und stand auf . Leuthold ließ sie schweigend gewähren . Es war das erste Mal , daß sie ihm gestattete , über Möller zu sprechen und er hatte auch den Moment genützt und ihr das sicherste Gift eingeflößt , das es gegen die Liebe gibt , er konnte es nun ruhig nachwirken lassen . Ernestine ging im Zimmer auf und nieder — ihr Schritt , ihre Haltung war königlich — ihre Gestalt schien plötzlich um einige Zoll gewachsen . Der Oheim konnte Recht haben , sie haßte ihn dafür — aber dennoch hatte er Recht . Was mußte der Mann , was seine Mutter von ihr denken , daß sie sich ihm so nachgeworfen ? Deshalb die demütigende Behandlung seitens der Mutter — deshalb der kühle bedingungsweise Antrag des Sohnes ! Sie wiederholte sich jedes von Johannes ’ Worten , es waren meist ernste Ermahnungen oder scharfer Tadel gewesen . Auch wo er gut und liebevoll sprach , hatte er doch nur wie ein Vater oder Richter vor ihr gestanden . Nie , — nicht in dem Augenblick , da er ihre Hand begehrte , hatte er die stolze , gemessene Haltung abgelegt , die ihm eigen war . Ja , selbst als er um sie weinte , war es mehr der Schmerz eines edlen Menschen um eine verlorene Seele gewesen als der des Liebenden um die Geliebte . — Und sie ? Sie erinnerte sich an jedes herzliche Wort , jeden freundlichen Blick , den sie Johannes gewährt und Alles war ihr nun zuviel , erschien ihr im Gegensatz zu ihrer sonstigen starren Haltung als eine Unanständigkeit , die Johannes als eine Herausforderung deuten konnte und mußte . Ja — vielleicht verachtete er sie deshalb und sie hatte die Aufdringlichkeit so weit getrieben , ihm noch einmal zu schreiben ! Selbst das armselige Verdienst , sich ihm doch nicht um jeden Preis und unter jeder Bedingung zur Frau gegeben zu haben , war dadurch wieder vernichtet . Er mußte darin einen neuen Versuch der Annäherung erblicken , und er wies diesen Versuch stillschweigend zurück . Aus der Welt hätte sie verschwinden mögen vor ihm — jeder Gedanke an ihn trieb ihr die Schamröte in das Antlitz . Nur fort , fort über das Meer , war plötzlich ihr einziger Wunsch . Sie blieb stehen , als sie an dem Kamine vorüberging und winkte Leuthold : „ Verbrenne das Buch ! “ Das waren die ersten Worte , die über ihre Lippen kamen . Schnell wie der Hauch von ihrem Munde glitt Leuthold dahin , um es zu holen und in wenigen Minuten hatte er es angezündet . Ernestine stand dabei und sah zu , wie die Flamme um den Einband züngelte , wie dieser sich bog und aufrollte in der Glut . Jetzt war er verzehrt und leise knisternd mit unsichtbaren Fingern blätterte der Zugwind in dem brennenden Buche und wo er eine neue Seite aufschlug , da verschlang die Flamme , ein gieriger Leser , den Inhalt . Ermstine verwandte kein Auge von dem traurigen Schauspiel . Sie sah die einzelnen Namen , die ihr so lieb geworden , rot aufleuchten und verschwinden . Die Schneekönigin , die kalte , eisglänzende , die Seejungfrau in ihrem feuchten Element — sie mußten alle vergehen in der Glut ! Jetzt verkohlte knisternd das Eichenlaub , das sie einst von dem teuern Baume gerissen . Endlich fiel das ganze Buch auseinander , von allen Seiten flackerte es auf . Die losen Blätter wirbelten in den wehenden Flammen auf und nieder . Da — da — noch ein Name , deutlich , unverkennbar — der Schwan ! Das Papier flog empor , fiel herab und der Schwan war verbrannt , der schöne Schwan . Er sollte nie mehr sein Gefieder vor ihr entfalten — er hob sich nicht , ein zweiter Phönix , mehr aus den Flammen . Das Feuer erlosch . Die kleine zauberische Welt lag in Asche und einzelne Fünkchen krochen traurig dazwischen umher , als suchten sie die Leichen der verwandten erstorbenen Lichtgestalten . Ernestine trat hinweg . Ihr war es , als habe das Feuer die Fittiche ihrer Seele mit versengt ; sie stand gebeugten Hauptes wie der Gott mit der ausgelöschten Fackel — und weinte ! Leuthold ließ sie gewähren , er fühlte , daß er sie jetzt schonen müsse . Da wurde die Tür geöffnet und Frau Willmers trat ängstlich ein : „ Herr Professor Möllner ! “ Leuthold fuhr auf , wie von einem Pfeile getroffen . Ernestine mußte sich am Kaminsims halten , um nicht zusammenzubrechen . „ Wie können Sie mir jetzt Jemanden melden , wie können Sie — ! “ knirschte er außer sich vor Schreck und Wut . „ Tun Sie mir , was Sie wollen , Herr Doktor , ich konnte nicht anders : Der Herr erklärte ganz einfach , nicht von der Stelle zu gehen , bis ich ihn angemeldet . “ „ Sagen Sie dem Herrn , daß wir keinen Besuch empfangen ! “ Frau Willmers blickte zögernd nach Ernestinen . Diese stand leichenblaß und unbeweglich wie zuvor . „ Nun , worauf warten Sie ? “ fragte Leuthold und in seiner Miene lag eine gefährliche Drohung . , ,Ich gehe ja schon , ich gehe , “ erwiderte die Frau und eilte hinweg . Emestine tat einen Schritt vorwärts , als wolle sie ihr nach . Aber sie bezwang sich . Ein Sturm erhob sich in ihrem Innern , der ihr fast die Besinnung raubte . Er war doch gekommen , er hatte sie nicht ganz aufgegeben ! Das starre Herz wollte ihr brechen , daß sie ihn fortschicken ließ . — Aber nein , sie klagte sich selbst der Schwäche an , hatte er doch so lange gezögert , bis er kam , und wer weiß , ob er nicht eben nur kam , weil er sich für verpflichtet hielt , ihrem Rufe zu folgen — sie wollte , sie durfte keine Schwäche mehr zeigen . Leuthold stand an der Tür , er lauschte mit angehaltenem Atem , ob er Johannes sich entfernen höre . Aber zu seinem unermeßlichen Entsetzen kam Frau Willmers wieder : „ Der Herr geht nicht , “ sagte sie mit heimlicher Freude . „ Er sagt , er wolle , das gnädige Fräulein besuchen und nehme keinen Bescheid vom Herrn Oheim an ; denn da das Fräulein schon seit mehreren Jahren mündig sei , habe es selbst zu entscheiden , wen es sehen wolle und wen nicht . “ Ernestine horchte hoch auf . „ Was , was ist das ? “ Ihr Blick fiel fragend auf den Oheim — sie gewahrte zu ihrem höchsten Erstaunen den tödlichen Schreck , der sich in seinem Gesicht malte : „ Oheim ! “ fragte sie nochmals : „ Was heißt das ? Gib mir Antwort ! “ „ Laß Dich doch nicht auf solch albernes Geschwätz ein , der Mensch ist ein Lügner — oder — “ „ Sag ihm das selbst , wenn Du den Mut dazu hast , “ unterbrach ihn Ernestine in aufloderndem Zorn . „ Bitten Sie den Herrn einzutreten ! “ sprach sie gebieterisch Die Willmers eilte hinaus . „ Ernestine ! “ rief Leuthold verzweifelnd . „ Mir das , mir ? “ „ Ich will wissen , was es mit der Mündigkeit für eine Bewandtnis hat ! “ rief das Mädchen und heftete einen Blick auf Leuthold , vor dem er die Augen zu Boden schlug . — Möllner trat ein . Er maß Leuthold mit dem Ausdruck vollster Ruhe und tiefster Verachtung , dann verneigte er sich vor Ernestinen , ohne sie anzusehen . Er wollte sie schonen , ihr Zeit lassen , sich zu sammeln . Sie verstand es falsch , sie hielt es für Kälte und erwiderte es mit Kälte . Eine lange Pause entstand . Leuthold wollte sich den Schein der Unbefangenheit geben und unterbrach das Schweigen : „ Darf ich nach dem , was zwischen Ihnen und meiner Nichte vorfiel , fragen , was Sie noch bei uns zu suchen haben , mein Herr ? “ „ Das werde ich sogleich dem Fräulein sagen — und wenn Sie Zeuge dieser Unterredung sein wollen , so werden Sie mich sehr zu Dank verpflichten . “ „ Nun , so haben Sie die Güte , Platz zu nehmen , “ sprach Leuthold und bot Johannes einen Stuhl . „ Nur müssen wir Sie dringend bitten , sich kurz zu fassen , da wir im Begriffe sind , abzureisen . “ „ Das sind Sie nicht , Herr Doktor . “ „ Mein Herr — sind Sie besser von unsern Absichten unterrichtet als wir selbst ? “ Johannes setzte sich , nachdem Ernestine sich niedergelassen und erwiderte mit einfacher Bestimmtheit : „ Von Ihren Absichten nicht — wohl aber von der Ausführung derselben , welche ich im Notfall durch Ihre Verhaftung zu verhindern gesonnen bin . “ Leuthold war einen Augenblick verstummt , dann lächelte er zu Ernestinen hinüber , die wie versteinert war : „ Das ist der echte Ritter von der Eiche ! Schade , daß wir nicht mehr in den Zeiten des Faustrechts leben , wo man jeden ehrlichen Mann von der Straße wegfangen und in den Turm werfen konnte . “ „ O nein , Herr Doktor , nach solchen Abenteuerlichkeiten gelüstet einen philiströsen Gelehrten wie mich durchaus nicht . Ich wähle sicherere , gesetzlichere Mittel ! Ich lasse Sie ganz einfach durch den im Orte stationierten Gendarme festnehmen , wenn Sie sich von hier entfernen , bevor Ihre Angelegenheiten mit Fräulein von Hartwich zu meiner Zufriedenheit geordnet sind . Ist das geschehen , dann mögen Sie sich meinethalben verkriechen , wohin Sie wollen , dann gehen Sie mich nichts mehr an . “ „ Herr Professor , “ rief Leuthold , „ ich kann nur denken , daß man mich nichtswürdig bei Ihnen verleumdet hat und bitte Sie , mit mir auf mein Zimmer zu kommen , damit wir wenigstens nicht die Ohren des Fräuleins , welches der größten Schonung bedarf , durch diese Erörterungen beleidigen . “ „ Ist das Fräulein stark genug , um , wie Frau Willmers sagt , nach New York zu reisen , dann wird sie auch dies Gespräch aushalten können . Vor allen Dingen , Ernestine , frage ich Sie , ist es Ihr freier Entschluß , Ihre Heimat zu verlassen ? “ „ Ja , “ hauchte sie kaum hörbar hin . „ Nun denn , Sie sind Herrin Ihres Willens . Sie müssen aber , bevor Sie ihn ausführen , wissen , was Sie tun . Jetzt wissen Sie es noch nicht — und ich bin gekommen , es Ihnen zu sagen ! Wenn Sie mit Herrn Gleißert gehen , so ketten Sie Ihr Schicksal an das eines Betrügers ! “ Ernestine und Leuthold sprangen auf . Johannes erhob sich gleichfalls ; die Hand auf den Tisch gestützt , ließ er seine großen Augen , ohne mit der Wimper zu zucken , auf den Beiden ruhen . Leuthold war keines Wortes mächtig . Ernestine verlor sich im Anschauen der edeln Gestalt seines Gegners . Johannes fuhr fort : „ Sie werden mich nach den Beweisen für eine so furchtbare Anschuldigung fragen . Ich trage sie seit heute früh bei mir , hier sind sie . “ Er zog einige Schriften aus der Brusttasche . Eine derselben entfaltete er . Leuthold warf einen Blick hinein , taumelte zurück und sank auf einen Stuhl . „ Haben Sie das geschrieben ? “ fragte Johannes und reichte Ernestinen das Blatt . „ Bitte , lesen Sie . “ „ Nein “ — sagte diese mit unverhehltem Erstaunen , nachdem sie den Inhalt überflogen . „ Oder haben Sie vielleicht ein Aktenstück , dessen Inhalt Sie nicht kannten , bei einem Notar mit Ihrem Namen unterzeichnet ? “ „ Niemals ! “ war die bestimmte Antwort . Möllner atmete auf : „ Nun sehen Sie — das ist der Beweis , der Ihren Oheim in das Zuchthaus liefern kann , wenn ich davon Gebrauch mache , denn es ist eine Fälschung ! “ Ernestine machte eine abwehrende Bewegung , als könne und wolle sie nicht mehr hören . Johannes ließ sich nicht irre machen . „ Aus Ihrem ersten Briefe an Heim und aus Ihrer Unterredung mit meiner Mutter , welche mir diese treulich mitteilte , ging unverkennbar hervor , daß Sie , Ernestine , sich für unmündig halten . Nach dem Gesetz Ihres Vaterlandes sind Sie es auch , denn dasselbe spricht erst mit vierundzwanzig Jahren mündig und Sie sind nur zweiundzwanzig [ Jahre ] alt . Ich weiß jedoch durch Heim , der das Testament Ihres Vaters machen half , daß dieser Sie gerichtlich mit achtzehn Jahren mündig gesprochen hat ! — Ihr Oheim verschwieg Ihnen dies . Über die Gründe , die er hierfür hatte , später ! “ „ So wäre ich schon seit vier Jahren Herrin meines Tuns und Lassens , “ rief Ernestine außer sich . — „ Oheim , und Du hast mich geknechtet wie ein Kind ? ! “ „ Noch mehr — er hat Ihr Eigentum vorenthalten . Hier überreiche ich Ihnen eine Abschrift des Testaments ihres Vaters , aus der Sie ersehen werden , daß dieser Ihnen das Recht erteilt hatte , mit achtzehn Jahren das bei der Obervormundschaftsbehörde niedergelegte Vermögen herauszuziehen und selbstständig zu verwalten . Von diesem Rechte konnten Sie keinen Gebrauch machen , da Sie in völliger Unwissenheit über dasselbe , sowie Ihre Mündigkeit erhalten wurden . Ihr Oheim aber hat davon an Ihrer Statt Gebrauch gemacht , — er hat , Gott weiß wie , Ihre Schrift nachgeahmt und das Dokument ausgefertigt , demzufolge die Obervormundschaftsbehörde die Kapitalien an Sie , das heißt , an Ihren Oheim rückerstattete . Man hatte keinen Zweifel in die Echtheit der Urkunde gesetzt , denn diese war vor einem italienischen Notar in aller Form rechtsgültig abgefaßt und von zwei Zeugen die Identität Ihrer Person bestätigt . Jetzt erst , nachdem ich den Verdacht schöpfte , Sie seien von Ihrem Oheim wissentlich im Unklaren über Ihre Verhältnisse erhalten , und diesen Verdacht bei der betreffenden Behörde aussprach , wurde uns von dort auch diese Abschrift des betreffenden Aktenstücks , welches ich Ihnen zur Anerkennung vorlegte , zugesendet . Sie haben die Fälschung bestätigt . Es liegt nun in meiner Hand , diesen Herrn da zu retten oder zu vernichten , indem ich seine strafgerichtliche Verfolgung veranlasse , und das wird von dem Ergebnis unserer Unterhandlungen abhängen . Daß ich mich überhaupt auf solche einlasse , geschieht nicht aus Rücksicht für ihn , sondern für Ihr Zartgefühl , Ernestine , das unter der Schande Ihres Onkels mit leiden würde . “ Er wandte sich an Leuthold : „ Ich frage Sie , Herr Doktor Gleißert , was haben Sie mit dem Gelde angefangen , das Sie Ihrer Nichte bis jetzt vorenthielten ? “ „ Ehe ich darauf antworte , mein Herr “ — erwiderte Leuthold mit neugewonnener Fassung , „ gestatten Sie mir , Sie zu fragen , seit wann Sie die Physiologie , in der Sie so Ersprießliches leisteten , gegen die Jurisprudenz vertauscht haben , in welcher Sie , wie ich fürchte , schwerlich Erfolg haben werden ? “ „ Das tat ich , “ sagte Johannes gelassen , „ seit ich mich verpflichtet fühle , ein junges , irregeleitetes Wesen mit den Waffen des Gesetzes von dem Untergang zu retten . Und ich denke , mein Herr , ich werde gerade so viel von der neuerwählten Wissenschaft verstehen , als nötig ist , um Ihre Betrügereien zu enthüllen . Doch ohne Umschweife , ich fordere Sie nochmals auf , sich über das unterschlagene Vermögen zu verantworten . “ „ Und ich fordere Sie , Herr Professor , auf , mir die amtliche Stellung zu nennen , welche Sie berechtigt , mich in ein solches Verhör zu nehmen . “ Johannes sah Leuthold ruhig an . „ Gut denn , wenn Sie nur einer Gerichtsperson Rede stehen wollen , so bin ich bereit , auf eine Verständigung unter uns zu verzichten und die Sache dem Staatsanwalt zu übergeben . Ich lasse Ihnen Zeit zu erwägen , was Sie vorziehen . “ „ Jedenfalls habe ich weniger von einem gesetzlichen Verfahren zu fürchten , als von einem Suchenden , der wider allen Brauch und Anstand in eine Familie eindringt , dem Hausrecht Hohn spricht , gleich dem Straßenräuber wehrlosen Leuten das Messer an die Kehle setzt und < < la bourse ou la vie > > schreit . “ 100 „ Oheim , “ fiel ihm Ernestine ins Wort , „ Ich verbiete Dir , in meiner Gegenwart diesen rechtschaffenen Freund zu beleidigen . Kannst Du Dich von dem furchtbaren Verdacht , den er auf Dich wirft , reinigen , so tue es mit Würde . Durch ohnmächtige Schmähungen überzeugst Du uns nicht . “ „ Auch Du Ernestine , auch Du nimmst gegen mich Partei ? “ rief Leuthold schmerzlich . „ Ich nehme für Niemanden Partei — im Gegenteil — ich zittre vor dem Gedanken , daß der Mann , der mich erzogen , ein Verbrecher sei . Aber ich will und kann Dich deshalb nicht vor Entdeckung der Wahrheit schützen . Du selbst hast mich ja gelehrt , jede Pflicht , jedes Recht des Herzens der kalten Erkenntnis unterzuordnen und den Dingen auf den Grund zu gehen , selbst um den Preis der heiligsten Illusionen . Jetzt , Du grausamer Lehrer , ernte , was Du sätest . “ „ Gut , ich bin bereit , Dir Rede zu stehen , wenn Du es verlangst . Es gibt einen Punkt , über den ich Dir Rechenschaft schulde , es ist die Unmündigkeit , in der ich Dich gegen den Willen Deines schwachsinnigen Vaters erhielt . Das kann und werde ich verantworten , denn jeder ehrlich Urteilende , der Dich kennt , wird mir zugeben , daß es eine Gewissenlosigkeit gewesen wäre , Dich mit achtzehn Jahren , unreif und unerfahren , wie Du warst , Deinem Schicksal zu überlassen . Es war eine Eigenmächtigkeit von mir — aber es war wohlgemeint , es geschah aus übertriebener Liebe und Sorge für Dich . Der Gedanke , daß Du ohne mich leben solltest und ich ohne Dich , war mir unerträglich , unfaßlich , dies ist mein ganzes Unrecht , ist Alles , was ich Dir sagen kann ! Auf die Anklage dieses Herrn antworte ich nicht . Mein Leben liegt rein vor aller Augen , es verfloß in beschaulicher Ruhe , in stiller Wissenschaftspflege , in dem — ach , nun gestörten Glück , Dich zu erziehen ! — Ich sehe mit Gleichmut Ihren angedrohten Maßregeln entgegen , mein Herr . Ihre erhitzte Phantasie würde meiner Verteidigung doch keinen Glauben schenken — Sie würden es doch zu einer gerichtlichen Untersuchung treiben und nur eine solche kann meine Unschuld dartun , wozu soll ich noch ferner die Luft mit Worten erschüttern ? “ Johannes lächelte : „ Auf den ersten Teil Ihrer sehr gelungenen Rede behalte ich mir die Antwort vor . Auf den zweiten kann ich nicht umhin , Sie zu fragen , wie Sie es wagen können , noch von Unschuld zu sprechen , nachdem Ihre Nichte in meinem Beisein jede Urheberschaft des fraglichen Dokuments abgelehnt hat und so die Fälschung zur Evidenz nachgewiesen ist ? “ „ Ja , mein Herr — eine Fälschung liegt vor . Wer will das leugnen ? Aber folgt daraus , daß ich sie gemacht ? Ich hatte einen Freund in Italien , dem ich rückhaltlos vertraute , dem ich leider mehr , als die Vorsicht erlaubte , über unsere Familienverhältnisse mitteilte — und Angesichts dieser unabweislichen Tatsache muß ich fürchten , daß der Verräter an meiner und Ernestinens Statt mit Hilfe irgend eines bestechlichen Notars — “ er zuckte mit den Achseln , als wolle er die schreckliche Beschuldigung nicht vollenden . Johannes lächelte wieder fast mitleidig : „ Auf ein so jämmerliches Fundament wollen Sie Ihre Verteidigung stützen und wagen es , mir auf Grund dessen zu trotzen ? “ „ Ja , mein Herr — denn das Gericht wird , so hoffe ich , die Zeugen des Verbrechens ausfinden , die dartun werden , ob ich oder jener falsche Freund dasselbe verübt . “ Johannes überlegte einen Augenblick , dann sagte er Leuthold scharf ins Auge fassend : „ Ist jener falsche Freund vielleicht auch der Käufer der Fabrik in Unkenheim ? Wie oder hatten Sie in Italien solchen Überfluß an dem , was Sie sich hier nicht zu verschaffen gewußt , an Freunden ? “ Leuthold erbleichte aufs Neue und Johannes sah sogleich , daß seine Sonde in eine tiefe Wunde , gedrungen . Er nützte schnell den Vorteil : „ Ich denke , der Werkmeister von Unkenheim wird bei seiner Bekanntschaft mit Ihren italienischen „ Freunden “ wohl bald im Stande sein , den gewünschten Entlastungszeugen für Sie zu finden — und ich werde mich selbst bemühen , diese glückliche Lösung der Sache so rasch als möglich herbeizuführen . “ Er beobachtete Leuthold , der sich kaum aufrecht hielt . „ Nun , mein Herr Geißert , ich gebe Ihnen noch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit , ob Sie eine Auseinandersetzung mit mir — oder den Behörden vorziehen . Wenn Sie sich bis morgen Abend nicht über das Vermögen des Fräuleins ausweisen und entweder das Vermögen selbst — oder falls es in der Unkenheimer Fabrik steckt — jede gesetzliche Garantie für dasselbe beibringen , so nimmt Ihr Schicksal seinen Lauf . Ich werde von dieser Stunde an Ihr Haus bewachen und die Nacht vor der Tür bleiben ; Sie sind von jetzt an mein Gefangener , so wie Sie aber Miene machen zu entfliehen , liefere ich Sie der Obrigkeit aus und wenn ich Sie mit meinen eigenen Händen vor den Richter schleppen müßte . Sie sehen , ich bin zum Äußersten entschlossen , hoffen Sie nichts mehr , weder von meinem Schwachsinn — noch von Ihrem Scharfsinn . Denn selbst wenn das Unglaubliche geschähe und Ihnen das kostspielige Wagstück gelänge , irgend einen italienischen Gauner gegen gute Bezahlung zu erkaufen , daß er den „ falschen Freund “ vorstellte , Ihre Schuld auf sich nähme und Ihre Zuchthausstrafe absäße , selbst wenn der Notar nicht mehr lebte , der die Identität Ihrer Person , die Aufnahme der Akte nachweisen könnte — selbst dann wären Sie für die bürgerliche Gesellschaft unmöglich , denn Sie verfielen der Strafe des Briefdiebstahls ! “ Leuthold zuckte zusammen . „ Die zwei gesunden Augen eines hiesigen Bauern würden Sie doch nicht Lügen strafen , die es mit angesehen , daß Sie in Ermangelung anderer Vergnügungen den Inhalt des hiesigen Briefkastens nächtlicher Weile zu Ihrer Lektüre wählten und das , was Sie besonders interessierte , für sich behielten ! “ Johannes wandte sich an Ernestine : „ Ich weiß nicht , mein Fräulein , ob Sie mir in dieser Zeit einmal schrieben — wenn Sie es aber getan , so kennt Ihr Oheim den Brief besser als ich , der ihn nie erhielt . Jedenfalls ist diese kleine Geschichte , für die ich Zeugen habe , ein verhängnisvoller Beitrag zur Charakteristik Ihres Oheims . Sie aber , Herr Gleißert , werden nun begreifen , daß für Sie keine Rettung ist , wenn Sie die Bedingungen nicht erfüllen , unter denen allein ich dem Fräulein die Schande ersparen will , einen so nahen Verwandten im Zuchthaus zu haben . Sie sind von allen Seiten umstellt , umzingelt von Ihren eigenen Verbrechen , Sie entkommen mir nicht mehr ! “ Er schwieg . Leuthold saß bleich und stumm im Sessel . Ernestine sah mitleidig auf den zerschmetterten Mann herab . Dann blickte sie zu Johannes auf mit einem Ausdruck von Bewunderung , der an Furcht grenzte . „ Sie sind , wie ich Sie immer gefunden , rechtschaffen , aber hart ! “ „ Hart ? Nein wahrhaftig , die Strafe , die für diesen gewissenlosen Mann zu hart wäre , müßte erst ersonnen werden . Meine Phantasie ist nicht grausam genug dazu ! “ Er betrachtete Ernestinen mit tiefer Trauer . „ Sie sind ermattet , sind der Ruhe bedürftig — “ Er erwartete eine Antwort . Sie erfolgte nicht . Die sinkende Sonne warf ihre roten Strahlen in das Zimmer . Ernestine stand stumm mit verschlungenen Armen , als wolle sie sich mit letzter Kraft in sich zusammenfassen . Leuthold hatte den Kopf in die Hand gestützt und regte sich nicht . Johannes nahm seinen Hut : „ Leben Sie wohl , Ernestine ! Gestatten Sie mir , daß ich morgen um diese Zeit wiederkehre , um mich nach den Entschlüssen Ihres Oheims zu erkundigen . “ Er trat ihr einen Schritt näher : „ Ich will Ihnen nicht lästig fallen , gönnen Sie mir diese Sorge für Ihr Schicksal , nur diese Sorge fordere ich noch als mein Freundesrecht — weiter nichts , gewiß — nichts weiter . “ „ Nichts weiter — “ klang es bitter in Ernestinen nach und ohne ein Wort , einen Blick , nur mit einem kalten Neigen des Hauptes entließ sie ihn . „ Er liebt mich nicht , “ sagte sie zu sich selbst und ihr Herz war wie in Eis getaucht . — Er sorgte für sie als Mann von Ehre , aber nicht als Liebender . Er wußte ja , daß sie ihm gut war , sie hatte es ihm ja nicht verhehlt . Er hatte das Hindernis der Vereinigung in Gestalt seiner engherzigen Bedingungen zwischen sie und ihn getürmt , er wußte , daß nur diese sie trennten und er verzichtete lieber auf Ernestinen als auf seinen Eigensinn ? ! Er forderte von ihr jedes Zugeständnis , ohne selbst das kleinste zu machen ? Nein , der Oheim hatte Recht , er hatte sie nie geliebt . Wie konnte sie sich ihm jemals nähern ohne den Beweis , daß sie auch wirklich begehrt sei ? Wie konnte sie sich durch die verlangten Opfer demütigen mit dem furchtbaren Zweifel , er habe sie nur gefordert der Überzeugung , sie werde sie nicht bringen ? Das kleinste Entgegenkommen seinerseits , das leiseste Zeichen , daß er , um sie zu besitzen , von dem Grundsatz abstehen wolle , der sie von ihm schied , hätte sie neu erwärmt und glücklich gemacht . Aber von heute an war keine Vereinigung mehr denkbar , es war vorbei . Leuthold störte sie aus ihrem Sinnen auf . Er hatte währenddessen das Zimmer verlassen und war mit einem Briefe zurückgekehrt . Er trat mit der Miene eines zum Tode Entschlossenen vor seine Nichte hin : „ Lies das und dann zeige Dich mir in Deiner ganzen Größe ! “ Ernestine entfaltete befremdet das Schreiben . Es war ein Brief des Werkmeisters vom Tag zuvor . Er enthielt in wenig Worten die Nachricht , daß die Gant erkannt101 und Leuthold zu Grunde gerichtet sei . Wenn er nicht schleunigst fliehe , so ereile ihn unvermeidlich die Strafe seines Verbrechens . Ernestine las und las wieder , sie schien nicht recht begreifen zu können . „ Was bedeutet das ? “ fragte sie endlich . „ Das bedeutet , daß Möllner Recht hat , wenn er mich einen Fälscher , einen Dieb nennt . “ „ Oheim ? ! “ rief Ernestine in tödlichem Schreck . „ Die Kapitalien , die in der Unkenheimer Fabrik verloren gingen , waren die Deinen — “ stöhnte Leuthold . „ So hast Du mich um mein Vermögen gebracht ? “ fragte sie leise , Leuthold stand da , ein Bild der Zerknirschung : „ Ja ! “ Er schwieg , Ernestine stieß einen dumpfen Schrei aus und trat von ihm zurück . Er schöpfte mühsam Atem und fuhr fort : „ Jenem Manne konnte und wollte ich nichts bekennen . Es gibt nur eine Seele auf Erden , die groß genug ist , mir zu verzeihen und sie soll mich in meiner ganzen Schwäche sehen . — Ernestine , ich nannte Dir vorhin schon die Gründe der Liebe und Sorgfalt , die mich bestimmten , Dir Deine Mündigkeit zu verschweigen . Wenn ich in meinem Leben jemals gewissenhaft und uneigennützig handelte , so war es da . Glaubst Du mir das ? “ „ Ich will es glauben ! “ „ Ich ahnte nicht , in welch verhängnisvolle Versuchung ich mich dadurch führte . Die Folge meiner Handlungsweise in dieser Sache war die : Ich mußte das Kapital , welches Dir mit achtzehn Jahren zufiel , ohne Dein Wissen herausziehen und es eigenmächtig verwalten , wenn ich Dir nicht entdecken wollte , daß Du mündig seist . Ich entschloß mich dazu in der festen Absicht , nur für Dein Wohl zu sorgen . Ich machte die Fälschung , damals noch nicht ahnend , welch eine harte Strafe mir daraus erwachsen würde ! — Monatelang hatte ich nun Dein Eigentum in meiner Verwahrung und hütete es wie meinen Augapfel . Bis dahin war ich ein rechtschaffener Mann , wenn ich auch aus guter Absicht gegen den Wortlaut des Gesetzes gefehlt . — Jetzt , Ernestine , kam der Wendepunkt in meinem Leben und ich flehe Dich an , leihe dem furchtbaren Bekenntnis ein nachsichtiges Ohr . In jener Zeit machte der Bruder der Staatsrätin Möllner Bankrott und die Unkenheimer Fabrik ward unter den vorteilhaftesten Bedingungen zum Verkauf ausgeschrieben . Das war die Versuchung , der ich erlag . Kannst Du Dir denken , wie das Herz eines Geschäftsmannes an dem Unternehmen hängt , dem er lange vorgestanden , das im eigentlichen Sinne das Werk seines Geistes , seiner Hände ist ? So erging es mir . Mit bitterem Schmerz hatte ich das blühende Geschäft , dem ich meine besten Jahre gewidmet , weggegeben — und nun war es wieder frei . Unverstand und