von nicht unbeträchtlichem Umfang anzukaufen . Dies waren die nach Rheinsberg hin gelegenen , Kahlenberge ‹ , die , nach ihrer Umgestaltung in Acker- , Forst- und Weide-Land , den Namen Gentzrode 85 und ein oder zwei Jahrzehnte später sogar die Rittergutsqualifikation empfingen . « * So weit die biographische Skizze , die wir hier abbrechen , um nunmehr von Alexander Gentz in Person nach Gentzrode , dessen Besitz er eben angetreten , zurückzukehren . Beim Tode des Alten ( 1867 ) befand sich das neu geschaffene Gut , um es noch einmal zu sagen , in einem durchaus blühenden Zustande : Waldkulturen , einschließlich einer großen Baumschule , waren geschaffen ; ein zweiter artesischer Brunnen , um den Mehransprüchen einer ( trotz eingetretener Ungunst der Zeiten ) immer noch wachsenden Brennerei zu genügen , ward gegraben ; eine sogenannte » Ablage « am Molchowsee , die , weil der Rhin den Molchowsee durchfließt , einen bequemen Wasserverkehr ermöglichte , war unter großen Schwierigkeiten erkämpft ; und endlich umschloß ein Komplex von Scheunen und Ställen ( der dominierenden Brauerei zu geschweigen ) einen mächtigen und beinah schönheitlich wirkenden Wirtschaftshof . So war denn das , was der neue Besitzer übernahm , ein blühendes Gewese , das er belassen konnte , wie es war , und zwar um so mehr , als auch schon bei Lebzeiten des Vaters alles nach seinen ( des Sohnes ) Anschauungen geleitet worden war . In der Tat , er hatte nicht nötig , im Prinzip irgendwas zu ändern und tat es auch nicht , aber er hatte von jetzt an freiere Bewegung und benutzte diese , um alles reicher auszugestalten . Nicht in Richtung und Anschauung , aber im Maß und Tempo wurde geändert . Das zeigte sich zunächst bei den Waldkulturen , an die der neue Besitzer sofort mit gesteigerter Energie herantrat , weil er von dem lebhaften Wunsche geleitet war , in erster Reihe ein Waldgut aus Gentzrode zu machen . Er begann damit , einhundertundzehntausend junge Eichen aus Holland 86 zu beziehen und in den rajolten Boden einzusetzen . Oberförster Berger aus Alt-Ruppin , Fachmann und Autorität , ritt vorüber und rief ihm zu : » In solchen Boden wollen Sie Eichen pflanzen ? Werfen Sie Ihr Geld nicht weg ! « Aber der , an den sich dieser Zuruf richtete , ließ sich durch solche Fachmannsurteile nicht abschrecken . Er war kurze Zeit vorher in Potsdam und Babelsberg gewesen und hatte sich an beiden Orten überzeugt , daß die neuen Parkanlagen auf einem Boden erfolgten , der zum Teil nicht besser war , als der seine . Das gab ihm , wenn er desselben noch bedurft hätte , neuen Mut und gestützt auf solche Wahrnehmungen fuhr er in seinen Anpflanzungen fort . Auch aus dem Samen wurde gezogen , selbstverständlich unter Vermeidung alles Willkürlichen und Zufälligen . Professor Koch in Berlin hatte vielmehr , auf Ersuchen , ein Verzeichnis aufgestellt , in dem angegeben war , welche außereuropäischen Bäume am besten geeignet wären , sich im märkischen Sande zu akklimatisieren , und , gestützt auf diese Liste , wurden nunmehr aus Neuyork , Kanada , Kolumbia , Tiflis und Sibirien Samenarten im Betrage von 2000 Talern bezogen und – ausgesät . Das , was am besten aufging , gab eben dadurch den Beweis , auf unserm Boden vorzugsweise verwendbar zu sein , aber auch das derartig Erprobte und Bewährte sah sich noch wieder vor eine engere Wahl gestellt , in der abwechselnd der Baum von größerem Holzwert und der von prächtigerer Laubfärbung seinen Vorzug geltend machte . So wurden Kulturen hergestellt , die , schönheitlich den Schöpfungen des Fürsten Pückler an die Seite zu stellen , zugleich auch als rentabel anzusehen waren und diese Annahme rechtfertigten . Für 10000 Taler Pflanzbäume konnten in wenigen Jahren aus diesen Anlagen verkauft werden und Kontrakte wurden abgeschlossen , nach denen , von Gentzrode her , die Bäume zur Bepflanzung der auf Berlin einmündenden Chausseen geliefert werden sollten . Es hatte sich nämlich herausgestellt , daß die auf dem leichten Boden der » Kahlenberge « gewonnenen Pflanzbäume zu derartigen Anlagen vorzugsweise verwendbar waren . So viel über die Waldkulturen , denen unausgesetzt ein großes Interesse gewidmet blieb . Indessen , so groß dasselbe war , so stellte sich doch in einer Art Gegensatz zu dem ursprünglichen Plane mehr und mehr heraus , daß , um das Ganze prosperieren zu lassen , auch das Landwirtschaftliche betont und mit Hilfe eines durch die Brennereiabgänge großzuziehenden Viehstandes der Acker verbessert werden müsse . Dies durchzuführen , war es nötig , immer neue Menschen heranzuziehen , die , nachdem sie einmal da waren , auch untergebracht werden mußten . Und so entstand in kürzester Frist eine ganze Straße von Arbeiterwohnungen : einundzwanzig Familienwohnhäuser , jedes einzelne zu vier Familien . Es konnte nicht ausbleiben , daß bei diesem beständigen Wachsen von Gentzrode das Interesse der Gentzschen Familie ganz in dieser Lieblingsschöpfung aufging , und schließlich dahin führte , wenigstens den Aufenthalt in Sommertagen » draußen « zur Hauptsache , den drinnen in der Stadt zur Nebensache zu machen . Es war dies eine sehr glückliche Zeit , die zuletzt allseitig den Wunsch entstehen ließ , Gentzrode nicht bloß als Villeggiatur der Familie , sondern als Wohnsitz überhaupt anzusehen . Dazu war aber ein Hausbau ganz unerläßlich . Alexander Gentz selbst hat sehr anschaulich über diesen Zeitabschnitt und wie sich schließlich die Notwendigkeit eines Wohnhauses herausstellte , berichtet : » Durch eine Reihe von Jahren hin « , so schreibt er , » hatten wir uns mit der Stube des Inspectors begnügt und darin ein gelegentlich mehr als gemüthliches Dasein geführt . Versuchte beispielsweise der Inspector mit seiner schreienden Stimme Wirthschaftsangelegenheiten zu behandeln , so war gewiß ein Torfmeister da , der mit seinen Berichten aus dem Luch dazwischenfuhr . Und damit nicht genug . Das Mädchen kam klappernd mit den Tassen in die Stube , während meine Frau den Kaffeetisch arrangirte . Mäntel und Fußsäcke hingen zwischen Jagdgewehren und Tabackspfeifen und die Wirthschaftsmamsell kam mit einem Häckselkasten , darin eben gelegte Eier lagen , oder mit ein paar Stücken Butter , die mit nach Ruppin wandern sollten . Und nun setzten wir uns an den Kaffeetisch , an dem alles herrschte , nur nicht Ruhe , denn entweder kamen Tagelöhner und Arbeiter , um die Schlüssel vom Schlüsselbrett zu holen , oder ein Polier oder Zimmergeselle trat ein , um Nägel zu fordern oder irgend was andres . Alles so primtiv wie möglich . So viel Tassen , so viel Größen und Muster und kamen dann mehrere von unsren Beamten und Angestellten und setzten sich mit an denselben Tisch , so wurde der Aufguß-Kaffee immer dünner und der Kümmel den wir in der Brennerei leidlich zu mischen verstanden , mußte aushelfen . Aber dem ungeachtet waren dies glückliche Stunden und wenn Fremde mit uns herausgekommen waren , so wählten wir draußen einen Platz im Freien und nahmen Abends unsre saure Milch unter einem Hollunderbaum an windgeschützter Stelle . Die Kinder waren glücklich und der Hang , dies Idyll zu ändern und mit einem prächtigen Bau zu vertauschen , war , vielleicht grade weil wir Gentzrode so liebten , anfänglich höchst gering . Nach und nach stellte sich aber doch , und zwar nach aller Meinung , die Nothwendigkeit heraus , diesen primitiven Zuständen ein Ende zu machen , und als ich in die Lage kam , einen großen an der Landstraße sich hinziehenden Speicher bauen zu müssen , entschloß ich mich , diesem Speicher einen thurmartigen Anbau zu geben , theils um das Straßenbild zu verbessern , theils um endlich einige präsentable Wohnräume zu gewinnen . Und nach diesem Entschlusse wurde denn auch verfahren . Der thurmartige Anbau , mit einem mächtigen Thurmknopf oben , empfing ein großes Zimmer im Erdgeschoß und ein eben so großes im 1. Stock , woran sich dann , im 2. Stock , einige kleinere Räume : Schlafzimmer und Logirzimmer anschlossen . « So berichtet Alexander Gentz über die Verhältnisse , die diesen turmartigen Speicheranbau mit einem Goldknopf darauf entstehen ließen . Uns erübrigt nur noch , die Räume selbst zu schildern , von denen das Turmzimmer im Erdgeschoß , soviel ich weiß , bis diesen Tag unverändert geblieben ist . Dies untere Turmzimmer kann als ein in seiner Art interessanter Raum gelten . Man hat hier alles in Bild und Schrift beisammen , die Personen und die Gedanken , die Gentzrode seinerzeit entstehen ließen . Es ist eine dunkelgrüne runde Halle , oben mit goldenen Sternen bemalt . Als Wandbilder ( von Wilhelm Gentz herrührend ) , erst der alte Johann Christian , dann Alexander Gentz , dann der erste Torfmeister , der erste Förster , der erste Brenner , der erste Inspektor . Dazu Versinschriften . Zwischen den beiden Gentz , Vater und Sohn , stehen folgende Reime : Wer Großes schafft , muß viele Plagen Mit zähem Muthe fest ertragen . Auch Dem , der hier den wüsten Sand Der Kahlenberg ' in urbar Land Verwandelt hat mit Müh und Fleiß , Ihm machte man sein Streben heiß . Philisterrede , Spott und Hohn , War Anfangs seiner Mühe Lohn , Alsdann des Waldbrands grimme Noth Hat Untergang ihm fast gedroht . Doch hat er all die Müh ' und Plagen Mit zähem Muthe fest ertragen . Er dacht ' : wem Großes soll gedeihn , Darf keine Müh und Arbeit scheun , Muß rüstig brauchen Kopf und Hände , Dann führt er ' s doch zum guten Ende . Dieser längeren Reiminschrift gegenüber stehen folgende kurze Sprüche : Was verkürzt die Zeit ? Thätigkeit . Was bringt in Schulden ? Harren und Dulden . Was macht gewinnen ? Nicht lange besinnen . Was bringt zu Ehren ? Sich wehren . So das runde Zimmer im Erdgeschoß . Auch das im ersten Stock war seinerzeit reich geschmückt mit Teppichen , Geweihen und Tigerfellen , mit Raubvögeln und Wildschweinsköpfen , meist selbstgemachte Jagdbeute . Dazwischen waren andre Räume mit Waffen gefüllt , so daß sie einer Rüstkammer glichen ; oben aber lief ein Außengang um den Turm herum , von dem aus man einen trefflichen Überblick über Näh ' und Ferne hatte . Das obere Zimmer war Arbeitszimmer für Alexander Gentz , wenn er , auf länger oder kürzer , in Gentzrode verweilte , während das Rundzimmer im Erdgeschoß als Empfangsraum für die Besucher diente , deren sich , in den Sommermonaten , beinah täglich etliche hier zusammenfanden . Auch solche , die für längere Zeit in Gentzrode verweilten , hatten in diesem Parterreraum ihr regelmäßiges Frühstücksrendezvous mit der Familie . Diese Besucher waren meist Freunde aus Berlin , unter ihnen Adolf Stahr und Fanny Lewald , die hier vorübergehend ihren Sommeraufenthalt nahmen . * All dies war in den ersten siebziger Jahren . Aber wie seinerzeit das » Inspektorhaus « nicht mehr genügt hatte , so wollte jetzt auch der » Turmausbau « nicht mehr genügen und Alexander Gentz , dessen Torfgeschäft » im Wustrauer Luch « nach wie vor große Gewinnsummen abwarf , hielt jetzt den Zeitpunkt für gekommen , um seine speziell hier in Gentzrode von Anfang an auf das künstlerisch Prächtige gerichteten Ideen verwirklichen zu können . Mit andern Worten , es handelte sich darum , zum Abschluß des Ganzen ein Schloß , einen Park , ein Mausoleum entstehn zu lassen . Und mit dem ihm eignen Feuereifer ging er an die Durchführung dieser neuen Idee . Sein Bruder Wilhelm , der schon damals , einigermaßen kopfschüttelnd , dem allen zusehen mochte , schreibt mir über das Vorgehen aus jenen Tagen : » Alexander wandte sich zunächst an die Herren Kyllmann und Heyden und bat dieselben um einen Entwurf . Aber was die Herren ihm einsandten , eine reizende Zeichnung im Villenstil , mißfiel ihm , weil es ihm nicht groß genug war . Er ging nun die Herren Gropius und Schmieden um einen andern Plan an . Dieser kam und gefiel ihm . Er war mehr oder weniger orientalischem Geschmacke angepaßt und diesem neuen Plane gemäß , ward denn auch beschlossen , mit dem Bau zu beginnen . Zuvor aber erschien meinem Bruder Alexander , und von seinem Standpunkt aus mit Recht , eine Erhöhung des Terrains nothwendig und zwar › imposanteren Aussehns halber ‹ . Viele Tausende wurden dafür ausgegeben . Schmieden erzählte mir später , es sei ihm angst und bange geworden bei den Ausgaben , die das alles verursacht habe . Nun gleichviel , es kam zu Stande , desgleichen eine dem Schloß gegenübergelegene , durch eine künstliche Felsengrotte verschönte Parkanlage , die Richard Lucae , bei seinem Besuch in Gentzrode , ein Meisterstück gärtnerischer Kunst nannte . « 87 So war das , was hier entstand . Die ganze Prachtschöpfung ging ihrem Abschluß entgegen , und nur das » Mausoleum « fehlte noch . Die Pläne zu demselben lagen schon vor und Alexander Gentz war von einer fieberhaften Hast erfüllt , daß mit der Ausführung begonnen werde . Die Mittel waren da , denn es war die Zeit unmittelbar nach den Gründerjahren und Ansehen und Vermögen standen auf der Höhe . » Gestehe , daß ich glücklich bin « , konnte der Herr auf Gentzrode , wenn er Umschau hielt , wie König Polykrates ausrufen und im Gefühle dieses seines Glücks kam er auf den Einfall , neben andrem auch sein und seines Werkes eigner Geschichtsschreiber sein zu wollen . Diesem Einfall verdanken wir ein , meines Wissens , in seiner Art einzig dastehendes Schriftstück . Energisch und rasch wie in allem , so ging er auch in dieser Sache vor und schrieb eine Geschichte der Entstehung von Gentzrode nieder , die , nach seinem Wunsch und Willen , in den großen vergoldeten Turmknopf des in Vorstehendem ausführlich geschilderten Speicheranbaus deponiert werden sollte . Der Ernst , fast könnte man sagen die Feierlichkeit , mit der er dabei verfuhr , erhellt am besten aus den Einleitungsworten zu dieser » Urkunde « . Dieselben lauten : » Im Namen Gottes ! « » Im Namen Gottes ! Johann Christian Gentz und ich , Alexander Gentz ( Sohn Johann Christians ) haben das auf den Kahlenbergen bei Neu-Ruppin belegene Gut Gentzrode durch Ankauf von Ländereien im Jahre 1856 begründet und das Jahr drauf mit Herstellung der nöthigen Wirthschaftsgebäude begonnen . In den vergoldeten Knopf , den ich dem Thurm am Kornspeicher vor Jahren gegeben habe , soll diese Schrift niedergelegt werden und unseren Nachkommen über unsre bisherige Wirksamkeit auf Gentzrode Kunde geben . « So der Beginn , an den sich , am Schluß des Ganzen , folgende Worte reihen : » Die vorstehenden , für den Thurmknopf am Kornspeicher bestimmten Aufzeichnungen habe ich in den Nächtestunden geschrieben , die mir der letzte Winter gewährte . Der erste Gedanke war , nur einfach in richtiger Reihenfolge niederzuschreiben , wie das alles nach und nach entstand . Im Schreiben selbst aber kam mir dann die Lust zu allerhand Exkursionen , die nun Schlaglichter warfen auf die Personen , mit deren Beschränktheit und Schlauheit ich all die Zeit über zu kämpfen hatte . Was ich im Luch an Torfwiesen erstand , das hatte nur den Zweck des Gelderwerbes , meine Thätigkeit in Gentzrode dagegen war meine Lust und Freude . Zugleich hab ich es ins Leben gerufen , um es zur Grundlage für den Wohlstand und Zusammenhalt einer Familie zu machen , denn der Grundbesitz bleibt das sicherste und stabilste Besitzthum . « So schrieb er damals , ahnungslos , wie bald diese Herrlichkeit und mit ihm der stolze Plan eines andauernden Familienbesitzes zusammenbrechen würde . Die Katastrophe war nah . Aber ehe wir diese schildern , wenden wir uns dem Manuskript zu , das in den vergoldeten Turmknopf gelegt werden sollte . 3 3 Die Turmknopf-Urkunde Das Niederschreiben einer für den Turmknopf bestimmten Urkunde 88 , deren Vor- und Nachwort ich am Schluß des vorigen Kapitels bereits mitteilte , war es , was Alexander Gentz , nach vorläufigem Abschluß seiner Gentzroder Bautätigkeit , einen Winter lang beschäftigte . Wie mir nicht zweifelhaft ist , zu seiner besonderen Befriedigung . Und eine solche Befriedigung zu fühlen , dazu war er nicht nur aus menschlicher Schwachheit ( er wollte den Ruppinern etwas anhängen ) , sondern auch ästhetisch und künstlerisch angesehen , vollkommen berechtigt . Ja , was er da niedergeschrieben hat , zum Teil in einem brillanten Stil , ist durchaus eine literarische Tat , und das bekannte , für die fachmäßige Schriftstellerwelt freilich nicht allzu schmeichelhafte Wort : » ein Schriftsteller kann jeder sein , der was zu sagen hat « , empfängt aus diesen Alexander Gentzschen Aufzeichnungen eine Bestätigung . Eine literarische Tat , so sagte ich . Aber damit ist die Sache noch keineswegs erschöpft , der eigentliche Wert dieser Urkunde liegt in ihrer lokalhistorischen Bedeutung . Es wird darin ein kleines märkisches Städtebild aus der Mitte des Jahrhunderts gegeben , ein Bild , wie ' s bis dahin nicht da war und auch auf lange hin mutmaßlich nicht wiederkommen wird . Eingelebtsein in alle Verhältnisse , scharfe Beobachtung und große Klugheit , vereinigten sich hier mit angeborner schriftstellerischer Begabung und ließen ein Werk entstehen , das nun für alle die , die dermaleinst märkische Kulturhistorie schreiben wollen , und ebenso für die märkische Novellistik der Zukunft unschätzbar erscheint . Ein Mikrokosmus , wie er nicht schöner gedacht werden kann . Der ursprüngliche Zweck der Urkunde , » wie Gentzrode ward und wuchs « , wird nie ganz aus dem Auge verloren , aber wie sein eignes vorzitiertes Schlußwort es auch ausspricht , überall finden wir Exkurse , denen sich Porträtierungen gesellen , eine ganze Galerie von kleinstädtischen Charakterköpfen . Und nun geb ich dem Verfasser selber das Wort , nur hier und da , beßren Verständnisses halber , eine kurze Bemerkung einfügend . » ... Ich war nun also Mitglied des Magistrats-Collegiums und damit scheint mir der Zeitpunkt da , mich über diese Körperschaft oder doch wenigstens die Hervorragendsten darin auszusprechen . Eh ' ich aber den Einzelnen mich zuwende , muß ich noch meiner Einführung als solcher gedenken . Ich meinerseits war im Frack erschienen und unterwarf mich eben der herkömmlichen Begrüßungsanrede von Seiten des Bürgermeisters , als ein älteres Mitglied den Sprechenden ohne Weiteres unterbrach , um ihn darauf aufmerksam zu machen « daß zwei Collegen ohne Frack erschienen seien , was gegen die Etiquette verstoße und zuvörderst gerügt werden müsse ‹ . Nun erst , nach erteilter Reprimande , konnte der Sprecher in seiner Anrede fortfahren . Wie sich denken läßt , war das Collegium , dem ich von da ab angehörte , von sehr verschiedener Zusammensetzung . Da waren zunächst der Rathszimmermeister Söhnel , Kürschnermeister Emden und Buchbindermeister Siecke , – gute , treffliche , wohlwollende Herren , der letztere , vielleicht weil er die Kirchenverwaltung hatte , etwas zu zaghaft . Dann war da der Partikulier Loof , eng überhaupt , am engsten aber in Geldsachen , zumal wenn es seinen eignen Beutel anging , in welchem Fall er sich , wo nützlich , noch conservativer erwies , als in der Politik . Ein Fünfter war Möbelfabrikant König . Er genoß des Vorzugs , die beste Rathsherrnfigur zu haben . Auch Kaufmann und Gutsbesitzer Windaus hätte gelten können , wenn er etwas besser auf dem Posten gewesen wäre . Windaus hatte das Einquartierungswesen , kam aber Mobilmachung oder dergleichen , so zog er sich auf sein Gut Herzberg zurück und überließ das Nöthige seinen Deputirten . Partikulier Menzel ( ehemaliger Apotheker ) , der mit der Abschätzung zu thun hatte , war erheblich anfechtbarer . Man wußte nie , was eigentlich seine Meinung war und wäre die Grafschaft Ruppin noch katholisch gewesen , so hätte man glauben müssen , er sei in einem Jesuitenkloster erzogen . Posthalter Höpfner ersetzte , was er an Tüchtigkeit nicht besaß oder wenigstens nicht zeigen wollte , durch ausdrucksvolle Rede , die , je länger sie dauerte , desto schöner wurde . Vor allem bemerkenswerth indeß war der stellvertretende Bürgermeister und Auskultator a. D. Mollius , Sohn des im vorigen Jahrhundert in der Ruppiner Geschichte vielgenannten Rathsherrn Mollius . Vor diesem Auskultator a. D. , wenn man ihm in der Dämmerung begegnete , konnte man sich fürchten , denn zu eingezogenem Kreuz und durchbohrendem Blick trug er das Gesicht bis an die Nasenspitze derartig in ein dickes Halstuch gewickelt , daß man ihn für Robespierre halten konnte . Bei näherer Bekanntschaft wurde man freilich gewahr , daß dies anscheinende Revolutions- und Schreckgespenst , trotz seiner sechzig Jahre , von sehr kümmerlicher Konstitution war und zu nicht viel mehr als einem zarten Knaben zusammenschrumpfte . So war Mollius . Das Lumen des ganzen Collegiums aber und zugleich die Geißel desselben war Mühlenbesitzer und Partikulier Gustav Schultz , den mein Vater immer nur › Gustav von Gottes Gnaden ‹ nannte . Sein Verstand und seine praktische Befähigung waren gut , aber er hütete sich auch , sein Licht unter den Scheffel zu stellen , und wer dies Licht dennoch nicht sehen wollte , der war sein Feind . Das Oberhaupt dieser rathsherrlichen Körperschaft war Bürgermeister v. Schultz , früher Offizier in dem in Ruppin garnisonirenden Infanterie-Regiment . So war der Magistrat . Neben diesem aber gab es auch freiere , natürlich in beständiger Fehde mit- und untereinander lebende Gemeinschaften , die Capulets und Montecchi ' s von Ruppin , von denen jene die Gruppe der Haus- , diese die Gruppe der Ackerbesitzer bildeten . Unter den Capulets der Hausbesitzer ( nur dieser einen Gruppe sei hier in Kürze gedacht ) ragten zwei hervor : zunächst der Sattlermeister Rosenhagen , ein Greis von über achtzig , der aus verschiedenen Gründen als ein Orakel galt . 1789 war er in Paris gewesen und hatte den Bastillensturm miterlebt , weshalb er – wohl mit sehr fraglichem Recht – der › Bastillenstürmer ‹ hieß . Es paßte dazu , daß seine beiden Söhne sich in Frankreich niedergelassen hatten ; er selber trug sich französisch , in der Tracht des vorigen Jahrhunderts . – Neben ihm , auch aus der Gruppe der Hausbesitzer , und von ähnlicher Bedeutung wie Rosenhagen , wenn auch nicht voll so wichtig , stand Schmiedemeister Krausnick , der sich auf den Philosophen hin ausspielte . Von ihm hieß es , daß er die sämmtlichen Bände des Allgemeinen Landrechts besessen habe , was auf seine Mitbürger derartig wirkte , daß seine juristische Befähigung außer Zweifel war . Hausbesitzer und Ackerbesitzer waren zwei große Körperschaften außerhalb des Rahmens der eigentlichen Stadtregierung , während eine mit der Stadtforstverwaltung betraute Bürgergruppe , deren nebenherlaufende Zugehörigkeit zu der einen oder andern der großen Körperschaften unerörtert bleiben mag , schon mehr innerhalb des Regierungsrahmens stand . Es waren ihrer zwölf . Vorsitzender war der schon als Magistratsmitglied genannte Kürschnermeister Emden , ein ordentlicher , einsichtsvoller Mann , dem Drechslermeister Krengemann als › Sachverständiger ‹ beigegeben war . Der wußte von Wald und Forst zu reden , daß es eine Freude war , und wenn Gott für den ausgestreuten Kiefernsamen rechtzeitig Regen und Sonnenschein schickte , so bewies sich unser › Sachverständiger ‹ auch als Sachverständiger commeil-faut . Blieb aber der liebe Gott aus , ja , wo blieben da Krengemann und seine Fichten ! Neben Krengemann lagen dem Schuhmacher Lehmann die vorzunehmenden › Culturarbeiten ‹ ob und er unterzog sich dieser Aufgabe mit einer fast ans Krengemannsche grenzenden Wald- und Forst-Weisheit . Von ähnlicher Bedeutung oder auch von größerer – weil er das Amt eines Kassen-Rendanten verwaltete – war Schlosser Grunow , ein wohlhabender , kinderloser Mann , bei dem die 800 Thaler , die nach stattgehabter Holz-Auktion den jedesmaligen Höhepunkt der Kasse bildeten , wenigstens schloßsicher lagen . Im übrigen war sein Kopf so zäh wie das Eisen , das er schmiedete . Vieler Ehren war er theilhaftig und als er auch noch Schützenmajor wurde , trug er einen Schnurrbart . Fünfter im Kreise war Kürschnermeister Michaelis , ein Mann von frommem Gemüth , dem , weil er richtig schreiben konnte , die Protokollführung und die höheren Arbeiten zufielen . Nicht auf gleicher Höhe stand Schneidermeister Werner . Er war , wie Sattlermeister Rosenhagen , › der Bastillenstürmer ‹ bis Paris gekommen und von dort her als › Tailleur für die höheren Stände ‹ zurückgekehrt . Er hielt zu dem Satze , › daß der Rath immer mehr sei als die That ‹ , weshalb er denn auch einem Maurer , der einen hohen Dampfschornstein von innen her aufmauerte , den Rath gab , › lieber ein Gerüst anzulegen , der Schornstein würde sonst krumm ‹ . Da Werner einen Puckel hatte , so fiel die Antwort drastisch genug aus . Lohgerber Gienboldt ( der siebente ) wählte von 1848 an immer demokratisch , ohne sich um › untergeordnete Fragen ‹ zu kümmern , und Schuhmacher Eberhardt tat dasselbe , vorausgesetzt , daß er gerade nüchtern genug war , um beim Wahlakt erscheinen zu können . Seiler Heyer und Sattler Schommer waren freundliche Leute , was man vom Böttcher Kisten auch sagen konnte , wenn er nicht gerade seinen groben Tag hatte . Über den zwölften und letzten schweigt des Sängers Höflichkeit . Zu vielen dieser Männer , namentlich aus der Gruppe der in Einzelgestalten von mir nicht skizzierten Acker-Besitzer trat ich , beim Ankauf der Kahlenberge , in geschäftliche Beziehungen und kann nicht sagen , daß dieselben erfreulicher Art gewesen wären . Ich will einen gewissen Kern von kleiner bürgerlicher Tüchtigkeit , der in der Mehrzahl dieser Männer steckte , gern anerkennen , auch zugeben , daß etliche , wie Söhnel und Emden , die Ebells , Haacks und Hagens von mehr oder weniger vorzüglichem Charakter waren , die meisten aber waren nicht bloß kleine , sondern meist auch kleinliche Leute , denen der Sinn der Anerkennung für ihnen geleistete Dienste jederzeit fehlte ; prosaisch , eng , argwöhnisch , ohne Pietät und Dankbarkeit . Den Obersten von Wulffen , dem sie die herrlichen , immer schöner werdenden Anlagen vor dem Rheinsberger Thore verdanken , ärgerten sie zur Stadt hinaus und so machten sie ' s mit jedem , der ihnen Gutes that und die Stadt und die Grafschaft unter Dransetzung von Kraft und Vermögen zu fördern suchte . « » Was wird mein Loos sein ? « setzt Alexander Gentz ahnungsvoll hinzu . * So das für den Turmknopf bestimmte Manuskript , in dem Alexander Gentz beflissen war , ein Zeit- und Sittenbild seiner Stadt , aber zugleich auch der ganzen Grafschaft zu geben . Von den angesehensten Familien adligen und bürgerlichen Standes , von den Kohlbachs , Scherz , Jacob , von Quast und von Knesebeck wird , meist kurz , in mehr anerkennenden als tadelnden Bemerkungen gesprochen , ausführlich aber wendet er sich einem zu : dem alten Grafen Zieten auf Wustrau . Was ihn zu dieser auf Vorliebe deutenden ausführlichen Behandlung bestimmte , läßt sich mit Sicherheit nicht sagen und hatte wohl in Verschiedenem seine Veranlassung , unter andern auch darin , daß er in seinem künstlerischen Sinn erkannte : Dieser alte Graf ist ein besonders glücklicher Stoff für die literarische Behandlung . Und darin hat er sich nicht geirrt . Das Bild , das er vom alten Grafen Zieten gibt , von seinem Leben und Sterben , ist das Glanzstück in seinem Manuskript , aus dem ich nun wieder zitiere . Der alte Graf Zieten auf Wustrau » ... Der alte Graf Zieten auf Wustrau war der Sohn des berühmten General von Zieten und ein größerer Abstand als der zwischen seinem gefeierten und beinah ehrwürdigen Namen und seiner persönlichen Erscheinung war nicht denkbar . Friedrich der Große hatte ihn 1765 über die Taufe gehalten und davon blieb ihm Zeitlebens ein hohes Selbstgefühl , auch das Gefühl , sich was erlauben zu dürfen . Als Anfang der 30er Jahre Prinz Wilhelm ( der spätere Kaiser ) zur Inspection nach Ruppin kam , war natürlich auch Landrath von Zieten zur Begrüßung da , neben ihm ein Wustrauer Bauer , der beim Erscheinen des Prinzen den Gruß vergaß oder vielleicht auch nicht grüßen wollte . Zieten schlug ihm sofort die Mütze vom Kopf . Schon als Täufling empfing er das Fähnrichspatent und war später ein übermüthiger Lieutnant , enthielt sich aber aller heldischen Thaten , die an seinen Vater hätten erinnern können . Eins ist ihm unbedingt zu lassen : er war , von Übernahme des Guts an , ein guter Landwirth und ein noch besserer Financier . Man darf vielleicht sagen , ein zu guter ‹ . Als er das Gut übernahm , standen Schulden darauf , die den alten Zieten , den Vater , während seiner letzten Lebensjahre stark gedrückt hatten . Der Sohn wußte sehr bald Wandel zu schaffen , die Schulden wurden abgezahlt und das Gut erhob sich zum Range eines Mustergutes , dessen Werth mit jedem Jahre stieg , und , wie schon hier bemerkt sein mag , beim Tode des alten Grafen ( 1854 ) den zehnfachen Werth haben mochte , wie siebzig Jahre früher bei Übernahme des Gutes . Seine , des alten Grafen , besondere Liebe war der Park und durch das , was er hier that ( auch das Barocke mit eingeschlossen ) , hat er sich in hohem Maße den Dank der Ruppiner , der Stadt wie der Grafschaft verdient . Ganz der Sohn einer in der Oberschicht der Gesellschaft das Christenthum mehr oder weniger verspottenden Zeit , gab er diesem spöttischen Zuge , der ihn sein ganzes Lebelang beherrschte , beständigen Ausdruck und beging Dinge , die man heutzutage mit Achselzucken begleiten oder doch mindestens als Geschmacklosigkeiten bezeichnen würde . Damals freute man sich daran und hatte , weil es als › Esprit ‹ galt , sogar Respekt davor . An die Thür einer Art Kapelle war ein Todtenkopf und an die Bretterwand eines benachbarten Pavillons ein Christuskopf gemalt , zwischen Kapellchen und Pavillon aber lag ein Kirchhof mit Kreuzen und Gedächtnißtafeln und allerhand Inschriften darauf . All das war aber bloß Ornament , Park- und