sie mich weit , denn sie war schön und kräftig . In ihrem animalischen Geiste war ein Ueberfluß von Leben und eine gewisse Glut , die meine Verwunderung erregte und über meine Begriffe ging . Ich konnte eine Weile reden , wenn der Abend begann ; aber wenn der erste Fluß der Lebhaftigkeit vorüber war , saß ich gern auf einem niedrigen Schemel zu Diana ' s Füßen , um meinen Kopf auf ihrem Knie ruhen zu lassen und ihr und Maria abwechselnd zuzuhören , während sie den Gegenstand vollständig erschöpften , den ich nur flüchtig berührt hatte . Diana erbot sich , mich im Deutschen zu unterrichten . Ich lernte gern von ihr : ich sah , daß die Rolle der Lehrerin ihr gefiel und für sie paßte ; die der Schülerin gefiel und paßte mir nicht weniger . Unsere Naturen verschmolzen sich : wechselseitige Zuneigung der stärksten Art war der Erfolg . Sie entdeckten , daß ich zeichnen könne : ihre Pinsel und Farbenkasten standen sogleich zu meinen Diensten . Meine Geschicklichkeit , die in diesem einenPunkte größer war , als die ihre , überraschte und bezauberte sie . Maria saß da und beobachtete mich stundenlang : dann wollte sie Unterricht bei mir nehmen und ich hatte an ihr eine gelehrige , verständige und fleißige Schülerin . So beschäftigt und uns wechselseitig unterhaltend , vergingen die Tage , die Stunden und die Wochen . Die Vertraulichkeit , die so natürlich und rasch zwischen mir und den Schwestern entstanden war , erstreckte sich nicht auf Herrn Saint John . Ein Grund der Kälte , die noch zwischen uns bemerkbar war , lag darin , daß er sich selten zu Hause befand : einen großen Theil seiner Zeit schien er damit zuzubringen , die Kranken und Armen in der spärlichen Bevölkerung seiner Gemeinde zu besuchen . Kein Wetter schien ihn an diesen amtlichen Pflichten zu verhindern : mochte es regnen oder schönes Wetter sein . Wenn die Stunden seines Morgenstudiums vorüber waren , nahm er seinen Hut und ging , von Carlo , dem alten Wachtelhunde seines Vaters , begleitet , um sein Amt der Liebe und Pflicht zu erfüllen — ich wußte nicht recht , aus welchem Gesichtspunkte er es betrachtete . Zuweilen , wenn das Wetter sehr ungünstig war , machten ihm seine Schwestern Vorstellungen . Dann pflegte er mit eigenthümlichem , mehr feierlichen als heiteren Lächeln zu sagen : " Wenn ich mich durch einen Windstoß oder durch einen Regenschauer von der Erfüllung dieser leichten Aufgabe wollte abbringen lassen , wie könnte ich mich durch eine solche Trägheit auf die Zukunft vorbereiten , die ich mir vorgesetzt habe ? “ Diana ' s und Maria ' s gewöhnliche Antwort auf diese Frage war ein Seufzer und ein scheinbar trauriges Nachdenken von einigen Minuten . Aber außer diesen häufigen Abwesenheiten fand noch eine andere Schranke für die Freundschaft mit ihm statt : er schien eine zurückhaltende , zerstreute und selbst brütende Natur zu sein . Eifrig in seinen amtlichen Arbeiten , tadellos seinem Leben und seinen Gewohnheiten , schien er sich doch nicht jener geistigen Heiterkeit , jener inneren Zufriedenheit erfreuen , die die Belohnung jedes aufrichtigen Christen und jedes praktischen Philanthropen sein sollte . Oft am Abend , wenn er am Fenster saß und sein Schreibpult und seine Papiere vor sich hatte , pflegte er mit Lesen oder Schreiben aufzuhören , sein Kinn auf die Hand zu stützen und sich , ich weiß nicht welchem Gedankengange , zu überlassen ; daß derselbe aber stürmisch und aufregend war , konnte man an dem häufigen Sprühen und an der wechselnden Erweiterung seines Auges sehen . Ich denke überdies , daß die Natur kein solcher Schatz der Wonne für ihn war , wie für seine Schwestern . Einmal und nur einmal , daß ich es hörte , sprach er einen mächtigen Sinn für den rauhen Reiz der Hügel und eine angeborne Neigung für das schwarze Dach und die rauhen Wände aus , die er seine Heimath nannte : aber es lag mehr Trübsinn als Vergnügen in dem Ton und den Worten , worin er diese Empfindung an den Tag legte , und nie schien er sich auf dem Moor wegen des besänftigenden Schweigens , welches dort herrschte , umherzutreiben — nie schien er die friedliche Wonne , welche es gewähren konnte , aufzusuchen oder dabei zu verweilen . Unmittheilend , wie er war , verging einige Zeit , ehe ich Gelegenheit hatte , sein Gemüth zu ermessen . Zuerst bekam ich einen Begriff von der Beschaffenheit desselben , als ich ihn in seiner Kirche zu Morton predigen hörte . Ich wollte ich könnte jene Predigt beschreiben : aber es geht über meine Kraft . Ich kann nicht einmal den Eindruck , den sie auf mich hervorbrachte , getreu wiedergeben . Sie begann ruhig — und so weit Vortrag und Stimme gingen , war sie auch bis zu Ende ruhig ; doch ein tiefgefühlter , aber mächtig zurückgehaltener Eifer gab sich bald in der deutlichen Betonung und der kräftigen Rede zu erkennen , die eine gedrängte , concentrirte und zurückgehaltene Kraft ausdrückte . Das Herz wurde getroffen , der Geist in Erstaunen gesetzt durch die Macht des Redners , doch keins von beiden beruhigt und besänftigt . Durch das Ganze zog sich eine seltsame Bitterkeit , eine Abwesenheit tröstender Milde : strenge Anspielungen auf calvinistische Lehren — auf die Gnadenwahl , die Praedestination und die Verwerfung waren häufig , und jede Beziehung auf diese Punkte tönte wie ein Urtheilsspruch des jüngsten Gerichts . Als die Predigt zu Ende war , empfand ich , anstatt mich besser , ruhiger und erleuchteter zu fühlen , eine unaussprechliche Traurigkeit ; denn es schien mir — ich weiß nicht , ob es Andern auch so war — als sei die Beredtsamkeit , der ich gehorcht hatte , aus einer Tiefe entsprungen , wo trübe Hefen der Täuschung lagen — wo sich stürmische Triebe unersättlichen Verlangens , beunruhigenden Strebens regten . Ich war gewiß , dass Saint John Rivers — so tadellos , gewissenhaft und eifrig er war — noch nicht jenen Frieden Gottes gefunden habe , der höher ist als alle Vernunft ; er habe ihn noch nicht mehr gefunden , dachte ich , als ich , mit meinem verborgenen und quälenden Bedauern für mein zertrümmertes Idol und mein verlorenes Elysium — welches Bedauern ich in der letzten Zeit zu erwähnen vermieden , welches sich aber meiner bemächtigt hatte und mich unerbittlich tyrannisirte . Inzwischen war ein Monat vergangen . Diana und Maria wollten bald Moor House verlassen und zu dem verschiedenen Berufe zurückkehren , der ihrer als Erzieherinnen in einer großen und lebhaften Stadt im südlichen England wartete , wo Beide Stellen in Familien bekleideten , von deren reichen und stolzen Mitgliedern sie nur als demüthige Untergebene betrachtet wurden , die keine ihrer angeborenen Eigenschaften kannten oder aufsuchten und ihre erworbenen Fähigkeiten nur schätzten , wie sie die Geschicklichkeit ihres Koches oder den Geschmack ihrer Kammerjungfer schätzten . Herr Saint John hatte mir noch Nichts von der Beschäftigung gesagt , die er mir zu verschaffen versprochen , doch es wurde dringend nöthig , daß ich einen Beruf irgend einer Art erhielt . Eines Morgens , als ich auf einige Minuten im Sprachzimmer mit ihm allein war , wagte ich mich der Fenstervertiefung zu nähern , die durch seinen Tisch , seinen Stuhl und sein Schreibpult zu einer Art von Studirzimmer geweiht wurde , und war im Begriff zu reden , obgleich ich nicht recht wußte , in welchen Worten ich meine Frage ausdrücken sollte , denn es ist zu allen Zeiten schwierig , das Eis der Zurückhaltung zu brechen , welches solche Naturen , wie die seine , überkleidet — als er mir die Mühe ersparte und selbst die Unterredung begann . Als ich mich näherte , blickte er auf und sagte : " Sie haben eine Frage an mich zu thun ? “ “ Ja , ich wünsche zu wissen , ob Sie von einer Stelle gehört haben , die ich zu übernehmen mich erbieten kann . “ " Ich fand oder erdachte schon vor drei Wochen etwas der Art für Sie , doch da Sie hier zugleich nützlich und glücklich zu sein schienen — da meine Schwestern sich an Sie angeschlossen haben und Ihre Gesellschaft ihnen ungewöhnliches Vergnügen macht — so hielt ich es für unpassend , ihre gegenseitige Zufriedenheit zu unterbrechen , bis ihre bevorstehende Abreise von Marsh End die Ihrige nöthig machen würde . " Und sie wollen in drei Tagen abreisen ? “ sagte ich . " Ja ; und wenn sie gehen , werde ich in das Pfarrhaus zu Morton zurückkehren ; Hannah wird mich begleiten und dieses alte Haus verschlossen werden . “ Ich wartete einige Augenblicke und dachte er würde mit dem zuerst angeregten Gegenstand fortfahren , doch er schien einen andern Gedankengang zu verfolgen : sein Blick deutete an , daß er mich und mein Geschäft nicht berücksichtigte . Ich sah mich also genöthigt , ihn auf einen Gegenstand zurückzuführen , der für mich von lebhaftem Interesse sein mußte . " Von welcher Art ist die Beschäftigung , die Sie für mich ausersonnen , Herr Rivers ? Ich hoffe , dieser Aufschub hat die Schwierigkeit nicht vermehrt , um mich derselben zu versichern . “ " O nein , denn es ist eine Stellung , die ich allein zu vergeben habe , und die Sie nur annehmen dürfen . “ Er schwieg wieder : er schien nur mit Widerstreben fortzufahren . Ich wurde ungeduldig : einige unruhige Bewegungen und ein lebhafter Blick , den ich auf sein Gesicht richtete , machten ihn mit dem Gefühl eben so genau und mit weniger Mühe bekannt , als Worte es vermocht hätten . " Es bedarf keiner solchen Eile , um es zu hören , " sagte er ; “ ich muß offen sagen , daß ich Ihnen nichts sehr Vortheilhaftes oder Angenehmes vorzuschlagen habe . Ehe ich mich weiter erkläre , erinnern Sie sich gefälligst meiner ausgesprochenen Ansicht , wenn ich Ihnen helfen könne , daß es nur geschehen dürfe , wie der Blinde dem Lahmen helfen würde . Ich bin arm ; denn ich finde , daß , nachdem ich meines Vaters Schulden bezahlt , mein übriges Erbtheil nichts weiter sein wird , als dieser verfallene Meierhof und die Allee von alten Fichten und das Stück Moorland mit den Taxusbäumen , den Holunderbüschen im Vordergrunde . Ich bin unbekannt : Rivers ist ein alter Name ; aber von den drei einzigen Nachkömmlingen des Geschlechts ernähren sich zwei als Untergebene unter Fremden und der Dritte betrachtet sich in seinem Vaterlande als ein Fremder — nicht nur im Leben , sondern auch im Tode . Ja , und hält sich , und ist verbunden , sich für geehrt zu halten durch dieses Loos , und verlangt nur nach dem Tage , wo das Kreuz der Trennung von fleischlichen Banden auf seine Schultern gelegt werden soll , und wenn das Oberhaupt der streitenden Kirche , zu deren demüthigsten Mitgliedern er gehört , das Loosungswort geben wird : Stehe auf und folge mir ! “ Saint John sagte diese Worte , wie er seine Predigten sprach , mit ruhiger tiefer Stimme , mit ungerötheter Wange und strahlendem Blicke . Er fuhr fort : " Und da ich selber arm und unbekannt bin , kann ich Ihnen auch nur einen armen und dürftigen Dienst anbieten . Sie mögen ihn sogar für entehrend halten — denn ich sehe jetzt , das ihre Sitten gebildet sind , wie die Welt es nennt , daß Ihr Geschmack sich zum Idealen neigt , und daß Sie wenigstens mit unterrichteten Personen umgegangen sind — aber nach meiner Ansicht ist kein Dienst entehrend , der unser Geschlecht bessern kann . Ich halte dafür , je dürrer und uncultivirter der Boden ist , wo dem christlichen Arbeiter die Aufgabe des Pflügens angewiesen — je spärlicher die Nahrung , die seine Arbeiten einbringt — desto höher ist die Ehre . Seine Bestimmung ist unter allen Umständen die des Schanzgräbers und die ersten Schanzgräber im Evangelium waren die Apostel — ihr Oberhaupt Jesus , der Erlöser selbst . " " Nun ? “ sagte ich , als er wieder schwieg — " fahren Sie fort . " Er sah mich an , ehe er fortfuhr : in der That schien er bedächtig in meinem Gesichte zu lesen , als ob die Züge und Linien desselben Schriftzüge wären . Die aus dieser Forschung gezogenen Schlüsse sprach er zum Theil in den folgenden Bemerkungen aus . " Ich glaube , Sie werden den Posten annehmen , den Ihnen anbiete , " sagte er , " und ihn eine Weile behaupten , wenn auch nicht auf die Dauer ; eben so wenig , als ich den engen und verengenden — den ruhigen und verborgenen Beruf eines englischen Landpredigers auf die Dauer behaupten könnte ; denn in Ihrer Natur liegt eine Beimischung die der Ruhe eben so sehr widerstrebt , wie in der meinen , obgleich sie von verschiedener Art ist . “ " Erklären Sie sich deutlicher , " bat ich , als er wieder inne hielt . " Das will ich und Sie sollen hören , wie ärmlich der Vorschlag ist — wie trivial — wie beschränkt . Jetzt , da mein Vater todt ist , und ich mein eigener Herr bin , werde ich nicht lange in Morton bleiben . Ich werde den Ort wahrscheinlich im Laufe eines Jahres verlassen ; aber so lange ich bleibe , will ich mich nach besten Kräften für die Verbesserung desselben bemühen . Als ich vor zwei Jahren nach Morton kam , war keine Schule dort ; die Kinder der Armen waren von jeder Hoffnung des Fortschritts ausgeschlossen . Ich gründete eine für Knaben und beabsichtige jetzt eine zweite für Mädchen anzulegen . Ich habe zu dem Zwecke ein Gebäude gemiethet , neben welchem sich ein kleines Häuschen mit zwei Zimmern für die Lehrerin befindet . Ihr Gehalt wirr dreißig Pfund jährlich betragen ; ihre Wohnung ist bereits ausmöblirt , sehr einfach aber genügend durch die Güte der Miß Oliver , der einzigen Tochter des alleinigen reichen Mannes in meiner Gemeinde . Herr Oliver ist der Besitzer einer Nadelfabrik und einer Eisengießerei dort unten im Thale . Eben diese Dame zahlt die Erziehung und Kleidung einer Waise aus dem Arbeitshause unter der Bedingung , daß sie für die Lehrerin die gröberen Hausgeschäfte besorgt , da sie wegen ihrer Beschäftigung in der Schule nicht Zeit hat , sie persönlich zu verrichten . Wollen Sie diese Lehrerin sein ? “ Er sprach die Frage etwas rasch aus ; er schien fast eine unwillige oder wenigstens verächtliche Zurückweisung des Anerbietens zu erwarten : da er nicht alle meine Gedanken und Gefühle kannte , obgleich er einige davon muthmaßte , so konnte er nicht sagen , in welchem Lichte mir das angebotene Loos erscheinen würde . Freilich war es ein bescheidenes — aber es gewährte mir Schutz und ich bedurfte eines sicheren Zufluchtsortes : es war untergeordnet — aber im Vergleich mit einer Erzieherin in einem reichen Hause war es unabhängig , und die Furcht vor der Knechtschaft bei Fremden drang wie glühendes Eisen in meine Seele : es war nicht unedel — nicht unwürdig — nicht geistig herabwürdigend , und ich entschied mich sogleich . " Ich danke Ihnen für Ihren Vorschlag , Herr Rivers , und nehme ihn von ganzem Herzen an . " " Aber Sie müssen mich verstehen , " sagte er , " es ist eine Dorfschule : ihre Schülerinnen sind nur arme Mädchen — Tagelöhnerkinder — höchstens Bauertöchter . Stricken , Nähen , Lesen , Schreiben und Rechnen wird Alles sein , was Sie zu lehren haben . Was wollen Sie mit Ihren erworbenen Fertigkeiten anfangen ? Was mit dem größten Theile Ihres Geistes — Ihres Gefühls und Geschmacks ? “ " Sie aufsparen , bis sie anwendbar sind . Sie werden sich erhalten . “ " So wissen Sie also , was Sie unternehmen ? ” " Ich weiß es . ” Er lächelte jetzt , und es war kein bitteres oder trauriges Lächeln , sondern ein wohlgefälliges und befriedigtes Lächeln . " Und wann wollen Sie die Ausübung Ihres Berufs beginnen ? “ " Ich will morgen in mein Haus gehen und , wenn es Ihnen recht ist , nächste Woche die Schule eröffnen . " " Sehr gut : so sei es . " Er stand auf und ging durch ' s Zimmer . Dann blieb er stehen und sah mich wieder an . Er schüttelte den Kopf . " Was mißbilligen Sie , Herr Rivers ? “ fragte ich . " Sie werden nicht lange in Morton bleiben ; nein ! " " Warum ? aus welchem Grunde sagen Sie das ? " “ Ich lese es in Ihrem Auge : es ist nicht von der Art , um einen ebenen Gang im Leben zu versprechen . " " Ich bin nicht ehrgeizig . “ Er stutzte bei dem Worte , “ ehrgeizig " und fuhr fort : " Nein . Wie kamen Sie auf Ehrgeiz ? Was heißt es , ehrgeizig sein ? Ich weiß , daß ich es bin : aber wie entdeckten Sie es ? “ " Ich sprach von mir selber . “ " Nun , wenn Sie nicht ehrgeizig sind , so sind Sie — “ Er schwieg . " Was ? “ " Ich wollte sagen leidenschaftlich ; aber vielleicht würden Sie das Wort mißverstanden und es mir übel genommen haben . Ich meine , menschliche Neigungen und Sympathieen haben eine große Macht über Sie . Ich bin gewiß , Sie können sich nicht lange begnügen , Ihre Zeit in der Einsamkeit zuzubringen und ihre Arbeitsstunden einer traurigen Beschäftigung zu weihen , der es gänzlich an jedem Antriebe fehlt ; ebenso wenig als ich zufrieden sein kann , " fügte er mit Nachdruck hinzu , “ hier in einen Moraste begraben und von Bergen eingeschlossen zu sein — es ist meiner Natur , die Gott mir gegeben hat , zuwider ; meine Fähigkeiten , die der Himmel mir geschenkt , werden gelähmt und nutzlos . Sie hören jetzt , wie ich mir selbst widerspreche . Ich , der ich Zufriedenheit mit einem bescheidenen Loose predigte und den Beruf der Holzhauer und Wasserschöpfer als einen Dienst Gottes darstellte — ich , sein geweihter Diener , bin fast wahnsinnig in meiner Ruhelosigkeit . Nun gut , Neigungen und Grundsätze müssen auf irgend eine Weise ausgesöhnt werden . “ Er verließ das Zimmer . In dieser kurzen Stunde hatte ich mehr von ihm erfahren , als in dem ganzen vorhergehenden Monat : dennoch war er mir ein Räthsel . Diana und Maria Rivers wurden trauriger und schweigsamer , als der Tag näher kam , wo sie ihren Bruder und ihre Heimath verlassen sollten . Beide bemühten sich , wie gewöhnlich zu erscheinen ; aber der Kummer , mit dem sie zu kämpfen hatten , war ein solcher , der sich nicht ganz überwinden oder verbergen ließ . Diana sprach es aus , daß diese Trennung eine ganz andere sein würde , als sie je vorher gekannt , denn von Saint John mußten sie sich wahrscheinlich auf Jahre , wenn nicht auf immer , trennen . “ Er wird Alles seinen längst entworfenen Beschlüssen aufopfern — natürliche Neigung und noch mächtigere Gefühle , “ sagte sie . " Saint John sieht ruhig aus , Johanna , aber er birgt ein Fieber in seinem Innern . Man könnte ihn für sanft halten , doch in einigen Dingen ist er unerbittlich wie der Tod ; und das Schlimmste ist , daß mein Gewissen mir kaum gestatten will , ihm von seiner strengen Entscheidung abzurathen : gewiß , ich kann ihn keinen Augenblick deshalb tadeln . Es ist recht , edel und christlich : doch es bricht mir das Herz . “ Und Thränen strömten aus ihren Augen . Maria neigte ihren Kopf über ihre Arbeit . " Wir sind jetzt ohne Vater : bald werden wir auch ohne Heimath und Bruder sein , “ flüsterte sie . In diesem Augenblick ereignete sich ein kleiner Vorfall , der absichtlich vom Schicksal bestimmt zu sein schien , die Wahrheit des Sprichworts zu beweisen , daß das Unglück nie allein kommt , und das Leiden dadurch noch zu vermehren , daß der Becher scherzend von der Lippe hinweggerissen wurde . Saint John ging , einen Brief lesend , am Fenster vorüber und trat ein . " Unser Oheim John ist todt , " sagte er . Beide Schwestern schienen betroffen : nicht ergriffen oder erschrocken . Die Nachricht erschien ihnen mehr plötzlich als betrübend . " Todt ? " wiederholte Diana . “ Ja . “ Sie heftete , einen forschenden Blick auf das Gesicht ihres Bruders . " Und was weiter ? “ fragte sie in leisem Tone . " Was denn — Diana ? “ versetzte er , eine marmorne Unbeweglichkeit der Züge behauptend . " Was weiter ? Nun — nichts . Lies . “ Er warf ihr den Brief in den Schooß . Sie überblickte ihn und reichte ihn Maria . Maria las ihn schweigend und gab ihn ihrem Bruder zurück . Alle Drei sahen einander an und alle Drei lächelten — es war ein trauriges , sinnendes Lächeln . " Amen ! Wir können dennoch leben , " sagte Diana endlich . " Auf alle Fälle sind wir nicht schlimmer daran , als vorher , " bemerkte Maria . " Nur drängt es meinem Geiste mächtig das Bild von dem auf , was hätte geschehen können , " sagte Herr Rivers , “ und stellt es dem , was ist , etwas zu lebhaft gegenüber . “ Er faltete den Brief zusammen , schloß ihn in sein Pult ein und ging wieder hinaus . Einige Minuten lang sprach Niemand . Diana wendete sich zu mir . " Johanna , Sie werden sich über uns und unsere Geheimnisse wundern , " sagte sie , " und uns für hartherzige Geschöpfe halten , daß wir durch den Tod eines so nahen Verwandten , wie ein Oheim ist , nicht mehr bewegt werden ; aber wir haben ihn nie gesehen oder gekannt . Er war meiner Mutter Bruder . Mein Vater und er hatten vor langer Zeit einen Streit miteinander . Auf seinen Rath wagte mein Vater den größten Theil seines Vermögens an eine Speculation , die ihn zu Grunde richtete . Gegenseitige Beschuldigungen gingen zwischen ihnen vor ; sie trennten sich im Zorn und versöhnen sich nie . Mein Oheim ließ sich später auf glücklichere Unternehmungen ein , und wie es scheint , hat er sich ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund erworben . Er war nie verheirathet und hatte keine nahen Verwandten , als uns und eine andere Person , die nicht näher mit ihm verwandt war , als wir . Mein Vater gab sich immer dem Gedanken hin , daß er seinen Fehler wieder gut machen und uns sein Vermögen hinterlassen würde . Dieser Brief benachrichtigt uns , daß er Alles der andern Verwandten gegeben , mit Ausnahme von dreißig Guineen , die zwischen Saint John , Diana und Maria Rivers sollen getheilt werden , um drei Trauerringe dafür zu kaufen . Er hatte natürlich ein Recht , zu handeln , wie er wollte : und doch wird der Geist bei Empfang solcher Nachrichten niedergedrückt . Maria und ich würden uns für reich gehalten haben , wenn jede tausend Pfund erhalten hätte ; und für Saint John wäre eine solche Summe sehr schätzbar gewesen wegen der Wohlthaten , die er damit hätte thun können . “ Nach dieser Erklärung ließ man den Gegenstand fallen und weder Herr Rivers , noch seine Schwestern erwähnten ihn weiter . Am folgenden Tage verließ ich Marsh End und begab mich nach Morton . Den Tag darauf reisten Diana und Maria nach der entfernten Stadt B. ab . Eine Woche später zogen Herr Rivers und Hannah in die Pfarrwohnung und der alte Meierhof stand verlassen . Fünftes Kapitel . Meine Heimath — da ich endlich eine Heimath gefunden — ist eine Hütte . Das kleine Zimmer mit weiß angestrichenen Wänden und besandetem Fusßboden enthält vier angestrichene Stühle , einen Tisch , eine Wanduhr , einen Eckschrank mit zwei oder drei Schüsseln und Tellern und ein Theezeug von Fayance . Oben befindet sich eine Kammer , eben so groß wie das Wohnzimmer , mit einem tannenen Bettgestell und einer Komode , klein , aber doch noch zu groß , um von meiner spärlichen Garderobe angefüllt zu werden , obgleich die Güte meiner edlen Freunde dieselbe mit den nöthigsten Dingen vermehrt hat . Es ist Abend . Ich habe eben die kleine Waise , die mir als Magd dient , mit dem Geschenk einer Orange entlassen . Ich sitze allein am Kamine . Diesen Morgen ist die Dorfschule eröffnet worden . Ich habe zwanzig Schülerinnen . Nur Drei von ihnen können lesen : keine von ihnen kann schreiben oder rechnen . Mehrere stricken und Einige nähen ein wenig . Sie reden den breitesten Dialect in dem Districte . Für jetzt wird es uns noch schwer , einander zu verstehen . Einige sind eben so unmanierlich , roh und unfügsam , als unwissend ; aber Andere sind gelehrig , haben den Wunsch , etwas zu lernen und zeigen eine Gemüthsart , die mir gefällt . Ich darf nicht vergessen , daß die grobgekleideten kleinen Bauerkinder von demselben Fleisch und Blut sind , wie die Abkömmlinge der edelsten Stammbäume , und daß die Keime angeborner Vortrefflichkeit , der Verfeinerung , des Verstandes und Gefühls wahrscheinlich eben so in ihren Herzen vorhanden sind , wie in denen von der höchsten Geburt . Meine Pflicht wird es sein , diese Keime zu entwickeln : gewiß werde ich ein Glück darin finden , dieses Amt zu füllen . Viel Genuß erwarte ich nicht von dem Leben , welches mir geöffnet ist ; doch ohne Zweifel wird es , wenn auch nicht meinen Geist regeln und meine Fähigkeiten , wie es sollte , in Anwendung bringen , mir doch so viel gewähren , um von einem Tage zum andern zu leben . War ich sehr heiter , gefaßt und zufrieden während der Stunden , die ich diesen Morgen und Nachmittag in jener kahlen und demüthigen Schulstube zubrachte ? Um mich nicht zu täuschen , muß ich nein antworten : Ich fühlte mich gewissermaßen trostlos . Ich fühlte — ja ich war so thöricht — ich fühlte mich erniedrigt . Ich war unschlüssig , ob ich nicht vielleicht einen Schritt gethan , der mich auf der Waagschale des gesellschaftlichen Daseins erniedrigt , anstatt mich zu erheben . Ich empfand einen feigen Schrecken vor der Unwissenheit der Armuth und Roheit alles Dessen , was ich um mich sah . Aber ich darf mich wegen dieser Gefühle nicht zu sehr hassen und verachten : ich weiß , daß sie unrecht sind — dadurch ist schon viel gewonnen — und werde mich bemühen , sie zu überwinden . Morgen hoffe ich , sie schon theilweise besiegt zu haben , und in wenigen Wochen werden sie vielleicht gänzlich verschwunden sein . Es ist möglich , daß die Freude über den Fortschritt und die Veränderung zum Bessern , die ich an meinen Schülerinnen wahrnehmen werde , in einigen Monaten den Widerwillen in Genuß verwandelt . Inzwischen will ich mir eine Frage vorlegen : Was ist besser , mich der Versuchung hingegeben , auf die Leidenschaft gehorcht , keine schmerzliche Anstrengung — keinen Kampf gewagt zu haben — in die seidene Schlinge gefallen , auf den Blumen , die sie bedeckten , eingeschlummert , in einer südlichen Zone , unter dem Luxus einer anmuthigen Villa erwacht zu sein , um in Frankreich als Rochester ’ s Maitresse zu leben , meine halbe Lebenszeit von seiner Lebe berauscht zu sein — denn er hätte — o ja , er hätte mich eine Weile innig geliebt . Er liebte mich in der That — Niemand wird mich je wieder so lieben . Ich werde nie wieder die süße Huldigung kennen , die man der Schönheit , der Jugend und Anmuth darbringt — denn Niemand anders wird mich im Besitze dieser Reize glauben . Er war zärtlich gegen mich und stolz auf mich — das wird sonst kein Mann wieder sein . — Aber wohin verirre ich mich und was sage ich : und vor allen Dingen , was fühle ich ? Was ist besser , frage ich , eine Sclavin zu sein in einem Narrenparadiese bei Marseille — die eine Stunde durch täuschende Wonne in Fieberglut versetzt — die nächste von den bittersten Thränen der Reue und Schaam erstickt — oder eine Dorfschulmeisterin zu sein , frei und redlich , in einem luftigen Bergwinkel , in dem gesunden Herzen von England ? Ja , ich fühle jetzt , daß ich Recht hatte , als ich meinen Grundsätzen und den Gesetzen Gottes anhing und die unsinnigen Eingebungen eines wahnsinnigen Augenblicks verachtete und mit Füßen trat . Gott leitete mich zu einer richtigen Wahl : ich danke seiner Vorsehung für diese Leitung ! Als ich mein Nachdenken beendet hatte , stand ich auf , trat in die Thür und betrachtete den Sonnenuntergang des Herbsttages und die ruhigen Felder vor meiner Hütte , die nebst der Schule eine halbe englische Meile von dem Dorfe entfernt lag . Die Vögel sangen ihre letzten Lieder . Die Luft war mild , Balsam der Thau . Während ich in mich blickte , hielt ich mich für glücklich und war überrascht , als ich bald darauf weinte — und warum ? Wegen des Schicksals , welches mich von der Anhänglichkeit an meinen Herrn losgerissen : um ihn , den ich nicht mehr sehen sollte ; wegen des verzweifelten Kummers und der unheilvollen Wuth — die Folgen meiner Abreise — die ihn jetzt vielleicht von dem rechten Pfade abziehen mochten , zu weit , um eine Hoffnung auf