mir hassenswert in meinen eigenen Augen . Und doch konnte ich nicht umkehren – nicht einen einzigen Schritt zurückthun . Gott mußte mich so geführt haben ! Leidenschaftlicher Kummer hatte meinen eigenen Willen vernichtet und mein Gewissen zum Schweigen gebracht . Ich vergoß wilde , heiße Thränen , als ich auf meinem einsamen Wege dahinschritt . Ich ging schnell , schnell wie ein Fieberkranker . Eine Schwäche , die von innen herauskam und sich meiner Glieder bemächtigte , befiel mich und warf mich zu Boden . Dort lag ich einige Minuten und drückte mein Gesicht in das nasse Gras . Ich hegte die Furcht – oder vielmehr die Hoffnung , daß ich hier liegen bleiben und sterben würde . Aber bald war ich wieder auf und kroch auf Händen und Füßen vorwärts . Endlich stand ich wieder auf den Füßen – fest entschlossen und begierig , die Landstraße schließlich zu erreichen . Als ich sie erreicht , war ich gezwungen mich zu setzen und unter einer Hecke auszuruhen . Wie ich so dasaß , vernahm ich das Geräusch von Rädern und sah einen Wagen des Weges kommen . Ich stand auf und winkte mit der Hand . Der Wagen hielt an . Ich fragte , wohin er führe . Der Kutscher nannte einen weit entfernten Ort , von dem ich bestimmt wußte , daß Mr. Rochester dort keine Verbindungen habe . Ich fragte , für welche Summe er mich nach dort mitnehmen würde ; er antwortete : für dreißig Schillinge ; ich entgegnete ihm , daß ich nur zwanzig besäße . Nun , er wolle sehen , ob er es nicht auch dafür thun könne . Dann erlaubte er mir noch , mich in das Innere des Wagens zu setzen , da er leer war . Ich stieg ein . Die Thür wurde zugeschlagen und – dann rollte ich fort . Mein lieber Leser , mögest du niemals empfinden , was ich damals empfand . Mögen deine Augen niemals so stürmische , sengende , blutige Thränen vergießen , wie sie damals meinen Augen entquollen . Mögest du niemals den Himmel anflehen in Gebeten , die so hoffnungslos und so todesbetrübt , wie sie in jener Stunde von meinen Lippen kamen . Denn mögest du niemals , wie ich es that , fürchten , das Werkzeug zu werden , welches dem Menschen Böses zufügt , den du am meisten auf dieser Erde liebst ! Achtes Kapitel . Zwei Tage sind vorüber . Es ist ein Sommerabend . Der Kutscher hat mich an einem Orte abgesetzt , der Whitcroß heißt . Für die Summe , die ich ihm gezahlt , konnte er mich nicht weiter mitnehmen , und auf der ganzen Welt besaß ich nicht einen einzigen Schilling mehr . Um diese Zeit ist der Wagen schon eine ganze Meile weit fort . Ich bin allein . Und jetzt entdecke ich , daß ich vergessen habe , mein Packet aus der Wagentasche zu nehmen , wohin ich es der größeren Sicherheit wegen gesteckt hatte . Dort bleibt es , dort muß es bleiben – und ich bin von allen Mitteln entblößt . Whitcroß ist keine Stadt , nicht einmal ein Marktflecken ; es ist nur ein steinerner Pfeiler , welcher dort aufgerichtet ist , wo vier Wege sich kreuzen ; weiß angestrichen , damit er in der Ferne und in der Dunkelheit sichtbarer und in die Augen fallender ist , – wie ich vermute . Vier Arme gehen von seiner oberen Spitze aus ; die nächstgelegene Stadt , zu welcher diese zeigen , ist der Inschrift nach noch zehn Meilen von hier entfernt ; die am weitesten entfernte mehr als zwanzig . Durch die wohlbekannten Namen dieser Städte erfahre ich , in welcher Grafschaft ich ausgestiegen bin . Eine nördliche Binnenland-Grafschaft , mit düsterem Moorland , von Bergen eingerahmt : dies sehe ich . Hinter mir und zu beiden Seiten von mir sind große Torfmoore ; hinter jenem tiefen Thal zu meinen Füßen ziehen sich hohe Ketten von Bergen hin . Die Bevölkerung hier muß nur spärlich sein und ich sehe weder Fußgänger noch Reiter auf diesen Straßen ; sie strecken sich nach Norden , Osten , Süden und Westen hin – hell , breit , einsam ; sie alle sind über das Moor gelegt und das Haidekraut wächst wild und üppig bis an den Grabenrand . Und doch könnte zufällig ein Fußgänger vorüberkommen ; ich aber wünsche keinem fremden Auge zu begegnen ; man würde verwundert fragen , was ich hier thue , an den Wegweiser gelehnt , augenscheinlich ohne Ziel – verloren ! Man könnte mich fragen und ich vermöchte nichts anderes zu antworten als was unglaublich klingt – und dann würde ich Argwohn erwecken . Kein einziges Band verknüpft mich in diesem Augenblick mit der menschlichen Gesellschaft – kein Reiz , keine Hoffnung ruft mich dorthin , wo meine Mitmenschen sind – niemand , der mich hier sähe , würde einen freundlichen Gedanken oder einen guten Wunsch für mich haben . Ich habe keinen Angehörigen außer unser aller Mutter , die Natur ! Ich will mich an ihre Brust werfen und um Ruhe flehen ! Ich schritt direkt auf die Haide hinauf ; ich hielt mich in einem kleinen Durchgang , welcher die braune Moorerde tief durchfurchte . Ich watete knietief in der dunklen Vegetation , ich folgte all seinen Biegungen und als ich einen moosbewachsenen Granitfelsen in einem verborgenen Winkel fand , setzte ich mich . Hohe Moordämme umgaben mich ; die Klippe beschützte mein Haupt . Und über all diesem war der Himmel . Es verging einige Zeit , bevor ich mich selbst hier sicher fühlte . Ich hatte eine unbestimmte Furcht , daß wilde Viehherden in der Nähe sein könnten , oder daß ein Jäger oder ein Wilddieb mich entdecken könne . Wenn ein Windstoß über die Fläche fortfegte , so blickte ich erschreckt empor und meinte , es könne der ungestüme Anlauf eines Stiers sein ; wenn ein Regenvogel pfiff , so glaubte ich , es seien menschliche Laute . Als ich indessen einsah , daß meine Befürchtungen unbegründet seien , und die tiefe Stille , welche beim Hereinbrechen der Nacht herrschte , mich beruhigte – da faßte ich Vertrauen . Noch hatte ich nicht nachgedacht . Ich hatte nur gehorcht , gewacht , gefürchtet . Jetzt kehrte die Fähigkeit des Nachdenkens wieder . Was sollte ich beginnen ? Wohin mich wenden ? O qualvolle , unerträgliche Fragen , wenn ich nichts beginnen , mich nirgendhin wenden konnte ! Wenn meine müden , zitternden Glieder noch einen langen , langen Weg zurücklegen mußten , bevor ich menschliche Wohnungen erreichen konnte – wenn ich das kalte Mitleid in Anspruch nehmen mußte , bevor ich eine Unterkunft fand ; widerstrebende Barmherzigkeit angerufen , herzlose Zurückweisungen ertragen werden mußten – ehe überhaupt jemand meine Geschichte anhören oder irgend einem meiner Bedürfnisse abgeholfen werden würde ! Ich berührte den Haideboden , er war trocken und noch warm von der Hitze des Sommertages . Ich blickte zum Himmel empor ; er war klar ; ein freundlicher Stern funkelte gerade über dem Gipfel der Felsenklippe . Der Thau fiel , aber glücklicherweise sehr schwach ; nicht ein Windhauch störte die Ruhe . Die Natur schien mir gut und wohlwollend ; ich glaubte , daß sie mich arme Ausgestoßene liebe . Und ich , die ich von Menschenkindern nur Mißtrauen zu erwarten hatte , Zurückweisung und Beleidigungen , ich klammerte mich mit kindlicher Zärtlichkeit an sie . Heute Nacht wollte ich wenigstens ihr Gast sein – wie ich ihr Kind war . Mutter Natur würde mir ja Obdach gewähren ohne Geld , ohne Preis , Ich hatte noch einen kleinen Bissen Brot ; der Rest einer Semmel , welche ich in einer Stadt gekauft , die wir um die Mittagszeit passiert , gekauft mit einem losen Pfennig – meinem letzten Geldstück . Hie und da sah ich reife Heidelbeeren , wie Jetperlen im Haidekraut ; ich pflückte eine Handvoll davon und aß sie zu meinem Brote . Mein zuvor noch nagender Hunger war , wenn auch nicht gestillt , so doch gemildert durch dieses Einsiedlermahl . Zuletzt sagte ich mein Abendgebet und dann suchte ich mir mein Nachtlager . Neben der Felsenklippe war das Haidekraut sehr hoch . Als ich mich niederlegte , waren meine Füße beinahe darin begraben ; an beiden Seiten wuchs es so hoch , daß es fast über mir zusammenschlug und dem Hereindringen der Nachtluft nur wenig Raum gewährte . Ich legte meinen Shawl doppelt zusammen und breitete ihn wie eine Decke über mich ; eine unmerkbare , moosige Erhöhung bildete mein Kopfpolster . So verwahrt , spürte ich wenigstens beim Beginn der Nacht keine Kälte . Meine Nachtruhe wäre vielleicht ruhig gewesen , wenn ein gequältes Herz sie nicht unterbrochen hätte . Es klagte über seine blutenden Wunden , seinen inneren Schmerz , seine zerrissenen Saiten . Es zitterte für Mr. Rochester und sein Schicksal ; es beklagte ihn mit tiefinnigem Mitleid ; es verlangte nach ihm mit endloser Sehnsucht , und , hilflos wie ein Vogel , dem beide Flügel gebrochen , schlug es noch mit seinen zerstörten Schwingen und machte vergebliche Versuche , zu ihm zu fliegen . Erschöpft durch diese Seelen- und Gedankenqualen erhob ich mich auf die Knie . Die Nacht war gekommen und ihre Planeten waren aufgegangen ; eine schöne , stille Nacht , zu rein und klar , als daß man der Furcht hätte Raum geben können . Wir wissen , daß Gott allgegenwärtig ist ; aber gewiß fühlen wir seine Gegenwart am deutlichsten , wenn seine größten und herrlichsten Werke im Glanze vor uns ausgebreitet liegen . Und der unbewölkte Nachthimmel , an dem seine Welten ihren stillen Kreislauf vollenden , macht uns am meisten seine Unendlichkeit , seine Allmacht , seine Allgegenwärtigkeit empfinden ! Ich hatte mich auf die Knie erhoben , um für Mr. Rochester zu bitten . Als ich mit thränenblinden Augen aufsah , erblickte ich die gewaltige Milchstraße . Indem ich mich dessen erinnerte , was sie eigentlich sei – welche zahllosen Systeme dort nur wie ein Lichtschein durch den Raum zogen – da fühlte ich die Macht und die Kraft Gottes . Ich war überzeugt von seiner Macht , das erhalten zu können , was er erschaffen hatte ; ich war sicher , daß die Erde nicht untergeben könne , noch irgend eine Kreatur , die auf ihr lebte . Dann wandelte ich mein Gebet in eine Danksagung : der Quell des Lebens war auch der Erlöser der Seelen . Mr. Rochester war in Sicherheit ; er war Gottes , und Gott würde ihn schützen ! Und ich legte mich wieder an die Brust der Erde und nicht lange dauerte es , so hatte ich im Schlaf allen Kummer vergessen . Aber am nächsten Tage trat die Not bleich und hager an mich heran . Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen hatten ; lange nachdem die Bienen während der süßen Jugend des Tages den Honig aus den Haideblüten gesogen , bevor der Thau noch getrocknet – als die langen Schatten des Morgens kürzer wurden und die Sonne Himmel und Erde erfüllte – da erhob ich mich und blickte umher . Welch ein stiller , warmer , herrlicher Tag ! Welch eine goldene Wüste dieses weite Moor ! Überall Sonnenschein ! Ich wünschte , daß ich in ihm und von ihm leben könnte ! Ich sah eine Eidechse über den Felsen huschen ; ich sah eine Biene geschäftig zwischen den süßen Heidelbeeren . Wie gern wäre ich in diesem Augenblick Biene oder Eidechse gewesen ; dann hätte ich hier hinreichende Nahrung , schützendes Obdach gefunden . Aber ich war ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines menschlichen Wesens . Ich durfte nicht weilen , wo ich nichts fand , um sie zu befriedigen . Ich erhob mich und blickte zurück auf das Lager , das ich verlassen . Ohne Hoffnung für die Zukunft hegte ich nur den einen Wunsch : daß mein Schöpfer es für gut befunden hatte , während meines Schlafes dieser Nacht meine Seele von mir zurück zu fordern ; und daß dieser müde Körper , durch den Tod von allen weiteren Kämpfen mit dem Schicksal befreit , jetzt ruhig der Verwesung anheim gegeben wäre und ungestört seinen Staub mit dem Staub dieser Wildnis vermischen könnte . Aber das Leben war noch immer mein ! Das Leben mit seinen Erfordernissen , seiner Verantwortlichkeit und seinen Qualen . Die Bürde mußte getragen werden ; die Bedürfnisse befriedigt , die Leiden ertragen werden , der Verantwortlichkeit genügt werden ! Ich machte mich auf den Weg . Als ich Whitcroß wieder erreicht hatte , schlug ich einen Weg ein , welcher von der Sonne fortführte , die jetzt bereits hoch stand und glühend herabbrannte . Ich wollte meine Wahl durch keinen anderen Umstand bestimmen lassen . Lange ging ich vorwärts , und als ich endlich dachte , daß ich wohl genug geleistet und mit gutem Gewissen der Müdigkeit nachgeben könne , die mich beinahe überwältigte – daß ich dieses angestrengte Gebahren aufgeben könne und mich auf einen nahen Stein setzen dürfe , um mich widerstandslos der Apathie hinzugeben , die sich meines Körpers und meiner Seele bemächtigt hatte – da hörte ich eine Glocke erklingen – eine Kirchenglocke . Ich wandte mich nach der Richtung , aus welcher der Schall kam , und dort , zwischen den romantischen Hügeln , deren Anblick und Abwechslung ich schon seit Stunden zu bewundern aufgehört hatte , sah ich einen Weiler und einen Kirchturm . Das ganze Thal zu meiner Rechten war voll von Weiden , Kornfeldern und Wäldern ; ein glitzernder Strom lief zickzack durch die verschiedenen Schattierungen der Wiesen , des reifenden Korns , der düsteren Wälder und der hellen , sonnigen Fluren . Das schwere Rollen von Rädern lenkte meine Gedanken wieder auf die vor mir liegende Straße ; ich sah einen hochbeladenen Wagen hügelaufwärts streben und eine kurze Strecke dahinter erblickte ich zwei Kühe mit ihrem Treiber . Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren mir also nahe . Ich mußte mich nun weiter schleppen , versuchen zu leben und zu arbeiten wie die Übrigen . Gegen vier Uhr nachmittags kam ich in das Dorf . Um Ende seiner einzigen Straße war ein kleiner Laden mit einigen Semmeln und Broten im Fenster . Ich sehnte mich nach einem Laib Brot . Durch solche Erfrischung war es mir vielleicht möglich , einen gewissen Grad von Energie wieder zu erlangen ; ohne dieselbe war es mir unmöglich weiter zu gehen . Der Wunsch nach Kraft und Stärke und Widerstandsfähigkeit kehrte zurück , sobald ich wieder unter meinen Mitmenschen war . Ich fühlte , daß es entehrend sei , an der Dorfstraße vor Hunger ohnmächtig zu werden . Besaß ich denn nichts , was ich jenen Leuten zum Tausch gegen eins jener Brote anbieten konnte ? Ich dachte nach . Um den Hals hatte ich ein kleines , seidenes Tuch geschlungen ; ich hatte auch Handschuhe . Wie sollte ich wissen , was Männer oder Frauen thaten , wenn sie an den äußersten Grenzen der Not angelangt waren ? Ich wußte ja nicht , ob die Leute irgend einen dieser Gegenstände annehmen würden ; wahrscheinlich würden sie es nicht thun – aber ich mußte es versuchen . Ich trat in den Laden . Eine Frau war darin anwesend . Als sie eine anständig gekleidete Person sah , eine Dame wie sie vermutete , trat sie mit größter Höflichkeit vor . Womit sie mir dienen könne ? Ich kam fast um vor Scham . Meine Zunge konnte die wohlvorbereitete Bitte nicht hervorstammeln . Ich wagte nicht , ihr die abgenützten Handschuhe oder das zerdrückte Seidentuch anzubieten . Außerdem sah ich auch ein , daß es dumm sein würde . Ich bat sie nur um die Erlaubnis , mich einen Augenblick setzen zu dürfen , da ich sehr ermüdet sei . Getäuscht in ihrer Erwartung auf einen Kunden , gewährte sie meine Bitte fast widerstrebend . Sie zeigte auf einen Stuhl ; ich brach darauf zusammen . Die Thränen waren mir nahe , und ich befand mich in der größten Versuchung , ihnen nachzugeben . Doch sah ich noch zu rechter Zeit ein , wie unvernünftig eine solche Kundgebung sein würde ; deshalb hielt ich sie zurück . Gleich darauf fragte ich sie , ob im Dorfe eine Schneiderin oder eine einfache Handarbeiterin sei . Ja , zwei oder drei . Gerade so viele , wie dort Beschäftigung finden konnten . Ich dachte nach . Ich war aufs äußerste gekommen . Ich sah der Not jetzt Aug ' in Aug ' . Ich hatte keine Hilfsquelle mehr ! keinen Freund ! kein Geld ! Irgend etwas mußte geschehen . Aber was ! An irgend jemand mußte ich mich wenden ! Aber an wen ? » Ob sie von irgend einer Stelle in der Nachbarschaft wisse , wo eine Dienerin gebraucht werde ? « » Nein , sie wisse von keiner . « » Welches der hauptsächliche Handel an diesem Orte sei ? Womit die Mehrzahl der Leute sich beschäftige ? « » Einige seien Landleute ; viele von ihnen arbeiteten in der Nadelfabrik von Mr. Oliver und in der Gießerei . « » Ob Mr. Oliver auch Frauen beschäftige ? « » Nein , es sei Männerarbeit . « » Und womit beschäftigten sich die Frauen ? « » Weiß nicht , « lautete die Antwort . » Einige thun dies , andere das . Arme Leute müssen zusehen , daß sie durchkommen . « Sie schien meiner Fragen müde zu sein , und in der That , welches Recht hatte ich , sie zu belästigen ? Ein oder zwei Nachbarn traten ein . Augenscheinlich brauchte man meinen Stuhl . Ich verabschiedete mich . Ich ging die Straße hinauf und im Vorübergehen blickte ich jedes Haus zur Linken und zur Rechten an . Aber ich konnte keinen Vorwand , keine Veranlassung finden , irgendwo einzutreten . Ich streifte im Dorfe umher ; dann ging ich wieder ins Freie hinaus , um darauf eine Stunde oder später zurückzukehren . Völlig erschöpft und leidend durch den Mangel an Nahrung schlug ich einen Heckenweg ein und setzte mich unter die Hecke . Aber nur wenige Minuten vergingen und ich war wieder auf den Füßen ; ich suchte immerwährend nach einem Ausweg oder doch nach jemandem , der mir Auskunft geben konnte . Ein hübsches , kleines Haus mit einem Garten davor stand am Ende des Gäßchens ; der Garten war außerordentlich wohl gepflegt und prangte im schönsten Blumenflor . Ich stand still vor demselben . Wie durfte ich mich der weißen Thür nähern oder den blitzenden Klopfer berühren ? Wie konnte es irgendwie in dem Interesse der Bewohner liegen , mir behilflich zu sein ? Und dennoch trat ich näher und klopfte an . Eine sauber gekleidete , junge Frauensperson mit milden Gesichtszügen öffnete mir die Thür . Mit einer Stimme , von welcher man auf ein hoffnungsloses Herz und einen kranken Körper schließen konnte – einer leisen , stammelnden Stimme – fragte ich , ob man hier ein Dienstmädchen brauche . » Nein , « sagte sie , » wir halten keine Magd . « » Können Sie mir denn nicht sagen , wo ich Beschäftigung irgend welcher Art finden kann ? « fuhr ich fort , » Ich bin hier fremd , ohne Bekannte oder Freunde am Ort . « Aber es war nicht ihre Sache , für mich zu denken oder mir eine Stelle zu suchen . Überdies wie zweifelhaft mußten ihr mein Charakter , meine Lage , meine Erzählung erscheinen . Sie schüttelte den Kopf , » es thäte ihr leid , mir keine Auskunft geben zu können , « und die weiße Thür wurde geschlossen , leise und höflich – aber ich war ausgeschlossen ! Wenn sie sie noch eine kleine Weile offen gelassen hätte , so glaube ich , daß ich um ein Stückchen Brot gebeten hatte , denn jetzt war es zum äußersten gekommen . Ich konnte den Gedanken nicht ertragen , in das geizige , schmutzige Dorf zurückgehen zu müssen , wo sich mir außerdem keine Aussicht auf Hilfe darbot . Ich wäre lieber in einen Wald entwichen , den ich in nicht allzu großer Entfernung sah und der mir mit seinem dicken Schatten einladenden Schutz zu versprechen schien , aber ich war so krank , so schwach , so gemartert durch das natürliche Verlangen nach Nahrung , daß mein Instinkt mich fortwährend in der Nähe menschlicher Wohnungen hielt , wo ich durch Zufall doch vielleicht noch einen Bissen Brot erlangen konnte . Einsamkeit wäre ja keine Einsamkeit gewesen , – Ruhe keine Ruhe – während jener Geier » Hunger « so seine Krallen in meine Seiten schlug . Ich näherte mich wieder Häusern ; ich verließ sie und kehrte doch zurück . Dann wanderte ich von neuem fort , immer wieder fortgetrieben durch das Bewußtsein , daß ich kein Recht zu betteln habe – kein Recht zu erwarten , daß irgend jemand an meiner verzweifelten Lage Anteil nehme . Inzwischen neigte der Nachmittag sich seinem Ende zu , während ich wie ein verlorener , verlaufener Hund umherwanderte . Als ich über ein Feld ging , sah ich den Kirchturm vor mir ; ich eilte näher . In der Nähe des Friedhofs , inmitten eines Gartens stand ein kleines aber schön gebautes Haus , welches ich sofort für den Pfarrhof hielt . Es fiel mir ein , daß Fremde , welche in einen Ort kommen , wo sie ohne jemanden zu kennen irgend eine Beschäftigung suchen , sich zuweilen um Rat und Hilfe an den Geistlichen wenden . Es ist das Amt des Priesters , denen zu helfen – wenigstens mit seinem Rat – welche sich selbst helfen wollen . Mir war ' s , als hätte ich etwas wie ein Recht , mir hier Rat zu holen . So belebte sich denn mein Mut von neuem und indem ich den letzten schwachen Rest meiner Kräfte zusammen nahm , wanderte ich vorwärts . Ich erreichte das Haus und klopfte an die Küchenthür . Eine alte Frau öffnete . Ich fragte , ob dies das Pfarrhaus sei . » Ja . « » Ob der Pfarrer zu Hause sei . « » Nein . « » Ob er bald nach Hause kommen würde . « » Nein , er sei eine ziemliche Strecke vom Hause entfernt . « » Sehr weit ? « » Nicht so sehr weit – vielleicht drei Meilen . Er sei durch den plötzlichen Tod seines Vaters abberufen ; augenblicklich sei er in Marsh End und würde dort wahrscheinlich noch vierzehn Tage bleiben . « » Ob denn nicht die Hausfrau da sei ? « » Nein , außer ihr niemand , und sie sei die Haushälterin . « Aber von ihr , mein teurer Leser , konnte ich nicht Errettung aus der Not erflehen , die mich fast zu Boden sinken ließ . Noch vermochte ich nicht zu betteln . Ich kroch weiter . Wieder löste ich mein kleines Halstuch – wieder fielen mir die kleinen Brötchen in dem Ladenfenstcr des Dorfes ein . Ach , nur eine Brotkruste ! Nur einen Mundvoll , um mich von dem grausamen Hungertode zu erretten ! Instinktmäßig wandte ich das Gesicht wieder dem Dorfe zu ; ich fand den Laden und trat ein , und obgleich sich außer der Frau noch mehr Leute dort befanden , wagte ich doch die Bitte , ob sie mir nicht ein Brötchen für das Seidentuch geben wolle . Mit augenscheinlichem Mißtrauen blickte sie mich an . » Nein , sie sei nicht gewohnt , auf diese Weise ihre Ware an den Mann zu bringen . « Fast verzweifelt bat ich um ein halbes Brot . Sie schlug es mir wieder ab . » Wie könne sie denn wissen , wie ich zu dem Ding gekommen sei ? « sagte sie . » Ob sie denn meine Handschuhe wolle ? « » Nein ! Was sie damit anfangen solle ? « Mein Leser , es ist nicht angenehm , bei diesen Details zu verweilen . Es giebt Leute , welche behaupten , daß es Freude gewähre auf qualvolle Erfahrungen der Vergangenheit zurück zu blicken ; aber bis auf den heutigen Tag ist es mir schmerzlich , auf die Zeit zurückzusehen , von welcher ich spreche . Die moralische Herabwürdigung zusammen mit dem physischen Leiden bilden eine zu traurige Erinnerung , als daß man jemals gern bei ihnen verweilen möchte . Ich tadelte keinen von denen , die mich zurückwiesen . Ich fühlte , daß es nichts anderes sei , als was ich zu erwarten hatte und was nicht zu ändern war . Ein gewöhnlicher zerlumpter Bettler ist häufig ein Gegenstand des Mißtrauens ; ein wohlgekleideter ist es unter allen Umständen stets . Allerdings war das , was ich erbat , Arbeit ; aber wessen Sache war es denn , mir Arbeit zu verschaffen ? Gewiß nicht die von Leuten , die mich zum erstenmale sahen und durchaus gar nichts über meinen Charakter wußten . Und was die Frau betraf , die mein Halstuch nicht in Tausch gegen ihr Brot nehmen wollte , so hatte sie unbedingt Recht , wenn das Anerbieten ihr verdächtig und der Tausch ihr nicht gewinnbringend erschien . Doch jetzt will ich mich kurz fassen . Der Gegenstand ekelt mich an . Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an einem Meierhofe vorbei , an dessen geöffneter Thür der Pächter saß und sein Abendbrot verzehrte , das aus Brot und Käse bestand . Ich stand still und sagte : » Wollen Sie mir ein Stück Brot geben ? Ich bin sehr hungrig . « Er warf einen Blick des Erstaunens auf mich ; aber ohne zu antworten , schnitt er eine derbe Schnitte von seinem Brot und gab sie mir . Ich vermute , daß er mich nicht für eine Bettlerin hielt , sondern nur für eine excentrische Dame , welche von einem plötzlichen Appetit auf sein Schwarzbrot befallen war . Sobald ich außer Sehweite war , setzte ich mich hin und begann zu essen . Ich durfte nicht hoffen , Zuflucht unter einem Dache zu finden , und deshalb suchte ich sie in dem Walde , den ich früher schon erwähnt habe . Aber es war eine fürchterliche Nacht , ich fand keine Ruhe . Der Erdboden war feucht , die Luft kalt ; außerdem kamen Eindringlinge mehr als einmal an mir vorüber und ich hatte wieder und wieder mein Lager zu wechseln . Kein Gefühl von Ruhe oder Sicherheit kam über mich . Gegen Morgen regnete es . Der ganze folgende Tag war naßkalt . Bitte mich nicht , lieber Leser , dir genauen Bericht über diesen Tag abzustatten ; wie zuvor suchte ich Arbeit ; wie zuvor wurde ich abgewiesen ; wie zuvor hungerte ich ; nur einmal kam Nahrung über meine Lippen . An der Thür einer Hütte sah ich ein kleines Mädchen , das im Begriff stand , eine Schüssel voll kalten Haferbrei in den Schweinetrog zu schütten . » Willst du mir das nicht geben ? « bat ich . Sie starrte mich an . » Mutter , « rief sie dann aus , » hier ist ein Weib , das den Brei haben will . « » Nun , Mädel , « erwiderte die Stimme von drinnen , » gieb ihn ihr , wenn es eine Bettlerin ist . Das Schwein braucht ihn nicht . « Das Mädchen schüttete den steifen Brei in meine Hand und ich verschlang ihn gierig . Als die naßkalte Dämmerung herabsank , hielt ich auf einem einsamen Reitwege inne , den ich schon seit länger als einer Stunde verfolgt hatte . » Meine Kräfte verlassen mich jetzt gänzlich , « sagte ich im Selbstgespräch . » Ich fühle , daß ich nicht viel weiter gehen kann . Werde ich diese Nacht wieder eine Ausgestoßene sein ? Muß ich mein Haupt auf den kalten , durchweichten Erdboden legen , während der Regen in Strömen herabfließt ? Ich fürchte , es wird mir nichts anderes übrig bleiben , denn wer sollte mich aufnehmen ? Aber es wird furchtbar sein ; mit diesem Gefühl des Hungers , der Ohnmacht , der Kälte , der Trostlosigkeit – dieser vollständigen Vernichtung aller Hoffnung . Aller Wahrscheinlichkeit nach würde ich noch vor Tagesanbruch sterben . Und weshalb kann ich mich denn nicht mit der Aussicht auf den Tod versöhnen ? Weshalb kämpfe ich , um ein so wertloses Leben zurückzuhalten ? Weil ich weiß oder glaube , daß Mr. Rochester noch lebt ! Und dann ist es ein Schicksal , vor Hunger und Kälte zu sterben , dem die menschliche Natur sich nicht ruhig unterwirft . O Vorsehung ! halte mich nur noch ein wenig länger aufrecht ! Hilf mir ! Führe mich ! Mein trübes Auge schweifte über die nebelige , verschwommene Landschaft . Ich sah , daß ich weit vom Dorfe fortgeirrt war ; es war meinen Blicken gänzlich entschwunden . Auf Kreuzwegen und Nebenpfaden war ich noch einmal dem Moorlande wieder nahe gekommen , und jetzt lagen nur noch wenige Äcker , die fast ebenso wild und unfruchtbar waren wie die Haide , der sie vor kurzem erst abgerungen , zwischen mir und den nebeligen Bergen . » Nun , ich will lieber dort drüben sterben , als an der Landstraße oder an einem verkehrsreichen Wege , « dachte ich . » Und besser , viel besser , daß Krähen und Raben – wenn es überhaupt Raben in diesen Regionen giebt – das Fleisch von meinen Knochen nagen , als daß sie in einen Armenhaussarg gelegt werden und in einem Schachtgrabe vermodern . « So wandte ich mich also den Hügeln zu . Ich erreichte sie . Jetzt blieb mir nur noch übrig , eine Höhlung zu finden , in der ich mich verborgen , wenn auch nicht sicher fühlen konnte . Aber die ganze Oberfläche der