Manuskripte mitgenommen habe . Wakon werde vorlesen ; ich aber solle nachkommen . Das tat ich denn . In der Wohnung des » Bewahrers « angekommen , ging ich bis in sein Schlafzimmer . In dem daneben liegenden Passiflorenraume war es augenblicklich still . Darum öffnete ich die Tür nur leise . Grad als ich das tat , erklang die Stimme Old Surehands : » Ja , wahrhaftig , er war größer , viel größer , als wir alle ! Viel größer , als wir dachten ! « » Und ist darauf noch größer und größer geworden , ohne daß wir es bemerkten ! « stimmte Apanatschka bei . » Wie steht es da mit Eurem Bilde ? « fragte Athabaska . » Es ist zu klein , viel zu klein für ihn , und bauten wir es noch so hoch ! « rief Kolma Putschi aus . Und Aschta , die Mutter , fügte hinzu : » Wir wollen kein Bild von Stein ! Wir wollen ihn selbst , ihn selbst in unsern Herzen ! Die köstlichen Worte , die er soeben zu uns sprach , indem sie vorgelesen wurden , sollen in der Seele unserer Nation erklingen , fort und fort , für alle Zeit ! « Da sah man mich unter der geöffneten Tür . » Du kommst zur rechten Zeit ! « begrüßte mich Tatellah-Satah . » Wir machten eine Pause ; wir konnten nicht weiter ; wir waren zu tief ergriffen ; wir lasen seine Beschreibung deines Sieges über ihn und dann seinen Sieg über die sämtlichen Häuptlinge der Apatschen . Seine große Umkehr vom Kriegsgedanken zum Friedensgedanken , vom Hasse zur Liebe , von der Rache zur Verzeihung . Das hat uns alle emporgehoben . Das hat den Vorhang aufgerollt . Nun sehen wir , was hinter ihm und hinter unsern winzigen Taten liegt . Das hat sogar Old Surehand , Apanatschka und ihre Söhne aufgerüttelt - - - « » Nicht aufgerüttelt , « fiel Young Apanatschka ein , » aber sehend gemacht , wenn auch noch nicht ganz . Ein Schleier ist gefallen . Ob der andere auch noch fällt , das wissen wir nicht . Man sagt uns , daß unsere Kunst eine äußere sei , eine Kunst ohne Seele und Gedanken , genau so , wie unser Bild . Wir haben euch eingeladen , am morgenden Abend am Wasserfall unsere Gäste zu sein . Dort werden wir versuchen , den Stein durch Licht zu beleben . Gelingt es , dann gut ; gelingt es nicht - - « » Es gelingt ! « fiel ihm Young Surehand siegesgewiß in die Rede . Ich sah , daß ihm gleich einige widersprechen wollten , darum ergriff ich schnell das Wort : » Er hat recht ; warten wir es ab ! « » Ja , warten wir es ab ! « stimmte Athabaska mir bei . » Aber selbst wenn es gelänge , würde es nur ein belebter Rowdy sein , den wir zu sehen bekommen . Ein Rowdy , zum Angriff vorgehend , mit dem Revolver in der Hand ; hier aber hat man einen andern , einen wirklichen Winnetou , der Geist , Gemüt und Adel besitzt , und Geist , Gemüt und Adel von uns fordert . So wie er sollen auch wir nach oben streben , wir , seine ganze Rasse . Er nimmt uns mit ; er zieht uns förmlich hinauf . « Indem er dies sagte , zeigte er auf das Winnetou-Porträt , welches wir Tatellah-Satah gegeben hatten . Dieser hatte es hier an das weiße Passiflorenkreuz geheftet und zu beiden Seiten die Bilder von Marah Durimeh und Abu Kital , dem Gewaltmenschen , aufgestellt . Das hatte , als die Anwesenden kamen und es sahen , einen großen , tiefen Eindruck gemacht , und diesem Eindrucke war es unbedingt mit zuzuschreiben , daß die heutige Vorlesung eine so ungewöhnliche Wirkung hervorgebracht hatte . Es hätte eigentlich weitergelesen werden sollen ; aber man hatte nun einmal aufgehört und kam nicht recht wieder in die erforderliche innere Ruhe hinein . Darum beantragte Old Surehand , für heut ' Schluß zu machen , zumal von seiner Seite für den morgenden wichtigen Tag noch sehr viel vorzubereiten sei . Man ging darauf ein . Hierauf entfernten sich alle , und nur ich blieb mit dem Herzle bei Tatellah-Satah zurück . » Es war heut ein Sieg , ein großer Sieg , « sagte der letztere . » Als sie kamen und Euern nach dem Tode aufsteigenden Winnetou sahen , war das Schicksal des steinernen Bildes besiegelt . Selbst die beiden jungen Künstler nebst ihren Vätern und Kolma Putschi können sich dem nicht entziehen . Und sie sind ehrlich . Sie leugnen es nicht . Sie werden morgen am Schleierfall versuchen , ihre Idee zu retten ; aber sie fühlen es schon heut und selbst nur zu gut , daß auch diese ihre größte Anstrengung vergeblich sein wird . Du rittest mit Pappermann nach den Steinbrüchen . Du kamst so spät zurück . Das läßt vermuten , daß ihr nicht umsonst geritten seid . « » Allerdings , « antwortete ich . » Das Resultat ist mehr als befriedigend , wenn auch nicht erfreulich . Wir haben sehr viel erfahren ; zum Beispiel , daß die beiden Medizinmänner der Kiowa und der Komantschen entflohen sind . « » Uff , uff ! « rief er erschrocken aus . Das Herzle war nicht weniger überrascht . Ich fuhr fort : » Das ist noch nicht das Schlimmste . Es kommt noch Schlimmeres . Setzen wir uns . Ich will erzählen . « Ich berichtete , was ich zu berichten hatte . Als ich fertig war , sagte Tatellah-Satah : » Ich würde wohl in aufgeregter Besorgnis sein , wenn ich nicht sähe , daß du so ruhig bist ! Warum hast du das nicht erzählt , als die Häuptlinge noch da waren ? « » Mußten sie es wissen ? Brauchen wir sie dazu ? « fragte ich . » Ich pflege das , was ich allein tun kann , keinem andern zu übertragen . « » Du glaubst , allein fertig werden zu können ? « » Ja . « » Mit allen diesen viertausend Feinden ? « » Ja . « Da sah er mich groß an , schüttelte den Kopf und fuhr fort : » Jetzt begreife ich an Winnetou , was ich früher , als er noch lebte , nicht begreifen konnte , nämlich sein unbeschreibliches Vertrauen zu dir . Heut ' fühle ich es selbst , dieses Vertrauen . Und so sag ' : Was gedenkst du , gegen das alles , was uns droht , zu tun ? « » Das einfachste , was es gibt : Ich verlege ihnen den Weg durch die Höhle ! Ich sperre sie sodann im Tal der Höhle ein , bis sie vor Hunger um Erbarmen bitten müssen . Und ich nehme ihre Häuptlinge gefangen , um sie als Geiseln zu benutzen . Wieviel bewaffnete Winnetous stehen dir zur Verfügung ? « » Heut über dreihundert ; bis morgen abend können es fünfhundert sein und später noch weit mehr . « » Das ist übergenügend . Für jetzt brauche ich ihrer nur vielleicht zwanzig und unsern treuen Intschu-inta dazu . Ich gehe jetzt zu mir , mich umzuziehen , weil ich das indianische Gewand noch trage . Dann komme ich wieder und steige mit ihnen durch die verborgene Treppe hier in die Höhle hinab , um die Stalaktiten wieder derart aufzustellen , daß die beiden Medizinmänner , wenn sie mit ihren Scharen kommen , sich nicht weiterfinden können . « » Und wenn sie den Weg , den du ihnen verbergen willst , aber doch entdecken ? Wenn sie die Steine ebenso wegräumen , wie du sie weggeräumt hast ? « » Das könnte höchstens am breiten Wege geschehen , dessen Ausgang ich ihnen aber hinter dem Schleierfalle derart verlegen werde , daß sie nicht herauskönnen . Damit ist für heut und morgen alles vorbereitet . Zum Einschließen der Feinde im Tale ist übermorgen noch Zeit . « Hierauf schickte ich mich an , zu gehen ; aber das Herzle hatte vorher erst noch etwas anderes zu erledigen . Sie bat nämlich den alten » Bewahrer der großen Medizin « um die Erlaubnis , ihn morgen photographieren zu dürfen . Ich erschrak fast . Das war eine Kühnheit , die ich mir niemals gestattet hätte . Er aber lächelte gütig und fragte : » Darf ich wissen , für wen oder wozu das Bild sein soll ? « » Das ist Geheimnis , « antwortete sie mit ungeminderter Verwegenheit . » Aber ein liebes , gutes und sehr nützliches Geheimnis , welches Vielen , Vielen große Freude machen wird . « » So ist es mir unmöglich , der Squaw meines Bruders Shatterhand ihren lieben guten und sehr nützlichen , Wunsch abzuschlagen . Sie mag kommen , wann sie will ; ich bin bereit . « Als wir hierauf gingen , fragte ich sie unterwegs , wozu sie die Photographie wohl brauche . Sie antwortete : » Sag ' , wer ist hier am Mount Winnetou die maßgebende Persönlichkeit : Du oder Tatellah-Satah ? « » Ganz selbstverständlich er ! « » Schön ! Er hat sich begnügt , zu fragen , ohne eine Antwort zu erhalten . Verlangst du mehr als er ? « » Ja . « » Mit welchem Rechte ? « » Sag ' , wer ist in unserer Ehe die maßgebende Persönlichkeit , ich oder Tatellah-Satah ? « » Ganz selbstverständlich er ! « lachte sie . » Well ! So muß ich mich bescheiden ! Ich bin besiegt ! Du kannst das Geheimnis behalten ! « » Und ich steige jetzt mit in die Höhle hinab . « » Nein . « » Warum nicht ? « » Erstens bist du da unten kein brauchbarer Gegenstand , und zweitens bin ich nun nicht mehr maßgebend genug , dir diesen Wunsch zu erfüllen . Ich kann weiter nichts tun , als dir , gute Nacht sagen . « » Das kränkt mich schwer ! Weißt du , ich teile dir lieber mein photographisches Geheimnis mit und darf dich dann begleiten . Denn schlafen kann ich doch nicht , wenn ich dich da unten weiß . « » Gut ! Einverstanden ! Also ? Das Geheimnis ? « » Ich will das Bild unseres alten , berühmten Freundes für den Projektionsapparat . « » In welcher Weise ? « » Heut abend sollen doch bekanntlich die Bilder der beiden Künstler zu beiden Seiten des Denkmales auf dem Wasserfall erscheinen . Ich habe dieselbe Idee für unsern aufstrebenden Winnetou mit den Bildern von Tatellah-Satah und Marah Durimeh zu beiden Seiten . Was sagst du dazu ? « » Die Idee ist gut , sehr gut . Du brauchst da verschiedene Apparate , verschiedene Linsen - - - « » Ist da , ist alles da ! « fiel sie schnell ein . » Wo ? « » Bei dem Ingenieur , mit dem ich schon gesprochen habe . « » Du denkst , daß er es tut ? « » Mit Vergnügen ! « » Und nichts vor der Zeit verrät ? « » Gewiß nicht ! Ich garantiere ! « » So bin ich einverstanden . « » Und nimmst mich jetzt mit nach der Höhle ? « » Ja . Ich bin nun einmal verpflichtet , alles zu tun , was du befiehlst ! « » Daß du das tust , sind wir einander schuldig ! « - Als wir nach einiger Zeit wieder zu Tatellah-Satah kamen , stand Intschu-inta schon mit seinen zwanzig Mann bereit . Sie hatten sich genugsam mit Fackeln und mit einigem Werkzeug versehen . Wir öffneten den Treppenstein und stiegen in den Gang , welcher uns nach unten führte . Dort angekommen , suchten wir zunächst die Stelle auf , an welcher der schmale Weg von dem breiten abzweigte . Dort hatten wir durch die Beseitigung der Stalaktiten Raum geschafft . Sie wurden wieder herbeigeholt und an ihre frühere Stelle gebracht . Wir trugen auch noch eine Menge anderer Stücke hinzu , die wir derart aufstellten , daß die Maskierung des Weges unmöglich mehr entdeckt werden konnte . Der Gang war von unten bis oben vollständig zugefüllt , und zwar in so natürlicher Weise , daß der Gedanke an eine künstliche Nachhilfe ausgeschlossen erschien . Während dieser Arbeit sah ich mich an der Stelle um , die mir schon vorher verdächtig vorgekommen war . Aus dem einen Riß in der Decke waren mehrere geworden . Am Boden lagen schon eine ganze Menge herabgestürzter Steintrümmer . Und ein Regen von zerriebenem Kalksinter siebte ununterbrochen aus den klaffenden Spalten hernieder . Zuweilen hörte man ein leises , aber scharfschneidiges Geräusch , wie wenn gleichzeitig zwei Glastafeln aneinander gerieben werden . Das klang unheimlich . Hier und da ertönte es irgendwo , wohin man nicht schauen konnte , als ob Felsen prasselten und Steine aus der Höhe in die Tiefe fielen . Das gab ein so ungewisses , beängstigendes Gefühl . Ich mußte mich sehr überwinden , um still an Ort und Stelle bleiben zu können . Ich hatte eine ununterbrochene Sorge , plötzlich zerschmettert zu werden , und war froh , daß unsere Arbeit endlich fertig war und wir uns entfernen konnten . Und das betraf nicht nur mich allein , sondern das Herzle sagte , indem wir gingen : » Gott sei Dank , daß das vorüber ist ! Mir war zuletzt ganz ängstlich zu Mute . « » Warum ? « fragte ich . » Weil es scheint , als ob hier alles zusammenbrechen soll ! « » Hattest auch du dieses Gefühl ? « » Gleich sofort , als wir kamen . Ich habe nichts gesagt , um dich nicht zu beunruhigen . Was gibt es hier über uns , zu unsern Häuptern ? « » Höchstwahrscheinlich die schwere Winnetoufigur . Wenigstens denke ich es . Genau kann ich es nicht sagen . « Da schrie sie auf : » Du , die bricht zusammen ! « » Still , still ! Laß das keinen Menschen hören ! « » Also darum , darum steht sie schief ? « » Und stellt sich immer schiefer und schiefer ! « » Hältst du diese Katastrophe für möglich ? « » Fast für unvermeidlich ! « » Wann ? « » Die Zeit läßt sich nicht bestimmen . Um dies zu können , müßte man die Felsenunterlage genau untersuchen . Ich hoffe aber , daß es erst später geschieht , nicht etwa schon dieser Tage . « Hätte ich gewußt , wie nahe uns dieses gräßliche Ereignis stand , so hätte mich nichts abhalten können , die hier zu erwartenden viertausend Indianer zu warnen . Wir gingen nun auf dem schmalen Weg zurück , bis nach der Stelle , wo der steile Pfad nach der Teufelskanzel abzweigte . Auch diese Mündung maskierten und verbarrikadierten wir derart , daß niemand hier einen verborgenen Abweg suchen konnte . Von da ging es weiter aufwärts bis dahin , wo der Aufstieg nach dem Passiflorenraume begann . Wir versperrten ihn ebenso sorgsam , doch nicht von unten , sondern von oben her , weil wir uns ja hinter der Sperre befinden mußten , um nach dem Schlosse zurückkehren zu können . Als wir dort anlangten , graute fast schon der Tag . Tatellah-Satah war nicht da . Wir verschlossen die geheimnisvolle Treppe und trennten uns dann von unsern indianischen Begleitern , um heimzugehen und noch einige Stündchen zu schlafen . Als wir erwachten , wartete Intschu-inta schon auf uns , um uns zu melden , daß die Gebrüder Enters schon längere Zeit hier seien und uns zu sprechen wünschten . Wir ließen sie kommen und empfingen sie freundlich . Sie zeigten sich verlegen . Sie wußten nicht , wie sie beginnen sollten . Da zerhaute ich den Knoten , indem ich sagte : » Ihr kommt , um uns zu sagen , daß wir heut abend sterben sollen ? « Nun erschraken sie gar ; ich aber fuhr ruhig fort : » Die beiden Medizinmänner sind entflohen . Sie wollen die viertausend Feinde heut abend durch die Höhle führen , um uns zu überfallen . Die Arbeiter stehen unter ihrem Anführer , dem Nigger , bereit , mit ihnen gemeinsame Sache zu machen . Die Roten geben , sobald sie hinter dem Wasserfall angekommen sind , das Zeichen durch einen Schuß . Sobald dieser Schuß fällt , haben die Brüder Enters mich und meine Frau zu ermorden , und die Arbeiter werfen sich auf die Häuptlinge und sonstigen Freunde von uns ! « Sie sahen mich starr und stumm an . Sie sagten zunächst kein Wort , so groß war ihr Erstaunen . » Nun ? « fragte das Herzle . » Wie gefällt euch das ? Gebt ihr es zu ? Oder wollt ihr es bestreiten ? « Da antwortete Sebulon : » Bestreiten ? Nein ! Wir sind ja nur deshalb gekommen , um es euch zu sagen , um euch zu warnen . Wir sind nur so betroffen , weil ihr schon alles wißt . Und so genau ! Es soll ja das tiefste Geheimnis sein ! « » Geheimnis ? Pshaw ! « fiel ich ein . » Wir haben stets alles gewußt , und zwar viel besser als ihr . Das habt ihr wohl nun endlich eingesehen ! Und so wissen wir auch das . Wir wissen sogar , daß ihr gestern abend in der Kantine , als Tusahga Saritsch und To-kei-chun fort waren , beschlossen habt , heut früh hierher zu kommen und uns alles zu erzählen . « » Wie ist das möglich ? Ihr könnt doch nicht unter den Tischen oder Sitzen gesteckt haben ! « » O nein ! So unbequem brauchen wir es uns gar nicht zu machen ! Die Leute , die unsere Feinde zu sein scheinen , erzählen es uns selbst . Seid froh , daß ihr es ehrlich meint ! Denn , wäre dies nicht der Fall , so würdet ihr heut abend die ersten sein , die unter unseren Kugeln fallen . « » O , was das betrifft , so würden wir wahrscheinlich gar nicht bös darüber sein , uns morgen tot zu wissen ! Es gibt bei uns weder Glück noch Stern . Das ist der Fluch , der vom Vater auf die Söhne erbt . « » Nicht der Fluch , sondern der Segen ! « widersprach ich ihm . » Wieso ? « fragte er . » Der Segen , welcher darin liegt , Geschehenes gut zu machen und dadurch den Vater erlösen zu können . « » Und daran glaubt Ihr , Mr. Shatterhand ? « » Ja . « » Wirklich ? Wirklich ? Ich bitte Euch , sagt es mir aufrichtig ! « » Gewiß und wirklich ! « » Gott sei Dank ! So gibt es also doch noch einen Zweck für uns ! Wir wollen es fernerhin tragen ! Ihr wißt also nun , daß wir heute abend angewiesen sind , uns in eure Nähe zu machen ? « » Ja . « » Wollt Ihr uns das erlauben ? « » Gern . « » Und uns dennoch nicht mißtrauen ? « » Wir sind überzeugt , daß ihr es ehrlich meint . « » Gott segne Euch für dieses Wort ! Habt Ihr irgend einen Befehl für uns ? « » Jetzt noch nicht . Vielleicht heute abend . Wahrscheinlich kommt es gar nicht zu einem Kampfe . Der Ueberfall wird auf alle Fälle vermieden . « » So nehmt Euch aber , mag es gehen wie es will , vor dem Nigger in acht . Er haßt Euch glühend . Er schreibt alles auf Eure Schuld . Wenn er die Wahl hat , Euch eine Kugel zu geben oder keine , so gibt er Euch sicherlich zwei ! Jetzt müssen wir gehen . Wir haben schon so lange gewartet , und doch soll niemand wissen , daß wir hier verkehren . « Sie entfernten sich . » Sie tun mir leid , unendlich leid ! « sagte das Herzle . » Sie sind ganz anders als früher . Ich wollte , sie hätten ein recht , recht glückliches Leben vor sich liegen ! « Als wir dann bei unserem verspäteten Kaffee saßen , stellten sich zwei andere Personen ein , die uns aufzusuchen kamen . Das waren die Squaw des Häuptlings Pida und » Dunkles Haar « , ihre Schwester . Sie wurden ganz selbstverständlich in der herzlichsten Weise aufgenommen . Das Herzle setzte gleich noch einmal Kaffee an , um sie an unserem Frühstück teilnehmen zu lassen . Wir erfuhren von ihnen , daß gestern abend die Frauen der Komantschen und der Kiowa hier angekommen waren . Sie hatten sich sofort mit den Frauen der Sioux unter deren Führerin Aschta vereinigt , um bei den Denkmalsberatungen auch ihre Stimmen zur Geltung zu bringen . Heute früh waren sie alle nach dem Gebäude gezogen , in dem die beiden jungen Künstler ihr Rundgemälde und das Modell zur Winnetoufigur sehen ließen . Sie hatten es ganz enttäuscht verlassen . Was ihnen da gezeigt worden war , hatte nichts mit dem herrlichen Winnetou zu tun gehabt , den man liebt und verehrt , so weit die Zungen der roten Völker erklingen . Nein ! Den Winnetou , den sie da gesehen hatten , den lehnten sie ab . Den wollten sie nicht haben . Und mir das sofort zu sagen , waren sie gekommen . Aber es galt , mir noch eine andere Mitteilung zu machen , die weit schwieriger war . Sie wußten nicht so recht , wie sie es anzufangen hatten , mich genügend zu warnen , ohne einen Verrat gegen ihre eigenen Krieger zu begehen . Ich machte ihnen Mut , indem ich ihnen erklärte , daß ich bereits alles wisse . Ich sagte ihnen , daß die viertausend Indianer heute durch die große Höhle ziehen würden , um den unsinnigen Plan der alten , gegen uns verschworenen Häuptlinge zur Ausführung zu bringen . Das machte es ihnen möglich , aufrichtig zu sein . Ich erfuhr von ihnen , daß Pida , ihr Mann und Schwager , heut frühzeitig nach dem » Tal der Höhle « geritten sei , weil man ihn ausersehen hatte , den unterirdischen Marsch zu kommandieren . Nun stand für sie die Sache folgendermaßen : Siegte er , so mußte ich zugrunde gehen , und siegte ich , so war es um ihn geschehen . In dieser Herzensangst hatten sie es für das Beste gehalten , mich aufzusuchen und sich mir anzuvertrauen . Ich versprach ihnen Verschwiegenheit und gab ihnen die Versicherung , daß weder mir noch Pida irgend etwas Böses geschehen werde . Als sie uns nach einiger Zeit verließen , waren sie vollständig beruhigt . Hierauf ging das Herzle zu Tatellah-Satah , um ihn zu photographieren . Ich begleitete sie . Als die Aufnahme vorüber war , verließ sie uns . Es trieb sie zum photographierenden Ingenieur . Wir aber machten einen Spaziergang nach dem Wartturm , um den » jungen Adler « aufzusuchen . Dieser schien von dem Kommen unseres ehrwürdigen Freundes und Beschützers unterrichtet zu sein , denn er rief uns , als wir dort anlangten , von der Höhe seines Daches aus zu : » Kommt herauf ! Es ist alles bereit . Mein Adler ist fertig ! « Wir traten in den Turm und stiegen die vielen Stufen bis zum platten Dach hinauf . Da stand auf vier Beinen ein großes , vogelähnliches Gebilde mit zwei Lebern , zwei ausgebreiteten , mächtigen Flügeln und zwei Schwänzen . Die beiden Leiber vereinigten sich vorn durch ihre Hälse zu einem einzigen Kopfe , zu einem Adlerkopfe . Sie waren aus federleichten , aber außerordentlich festen Binsen geflochten . Was sie enthielten , sah man nicht , höchst wahrscheinlich den Motor . Im übrigen bestand der Apparat aus fast gewichtslosen Stoffen , die aber unzerreißbar waren und große Tragfähigkeit besaßen . Die Schwänze waren höchst eigenartig gestaltet . Zwischen den Leibern war ein bequemer Sitz angebracht , welcher Platz für zwei Personen gewährte . Es gab verschiedene Drähte , deren Bestimmung nicht gleich beim ersten Blick zu erkennen war , doch konnte man sich denken , daß sie zur Beherrschung und Lenkung des großen Vogels dienten . Außer dem » jungen Adler « waren noch unser alter Pappermann und Aschta , die jüngere , da . Es ist mir nicht erlaubt , eine Beschreibung des Apparates zu geben , doch darf ich versichern , daß , als der » junge Adler « uns alles erklärt hatte , wir beide Tatellah-Satah und ich , von der Sicherheit und der Verläßlichkeit des Apparates derart überzeugt waren , daß in uns sofort der Wunsch aufstieg , uns seiner recht bald einmal bedienen zu dürfen . » Und er fliegt , er fliegt ! « versicherte Pappermann . » Ich habe es selbst gesehen ! « » Wann ? « fragte ich . » Heute früh , « antwortete er . » Als Jedermann noch schlief und nur die erste Spur des Morgengrauens vorhanden war . Denn niemand sollte es sehen . Ich kam herauf , um zu helfen . Da stieg der junge Adler auf den Sitz und zog an einem Drahte . Sofort wurde es in den beiden Leibern lebendig . Der Vogel begann , zu atmen . Noch ein Draht , und die Schwänze breiteten sich aus . Die Flügel bewegten sich . Zwei , drei Schläge , und der Vogel stieg auf , verließ das Dach des Turmes und flog ein Stück hinaus , hoch über die Ebene . Er stieg höher und höher , schlug einen Bogen , kehrte wieder zurück und ließ sich langsam , ohne daß es einen Stoß gab , wieder auf das Dach herab . Er steht noch genau so da , wie er angekommen ist ! « » Und das ist wahr ? Wirklich wahr ? « fragte ich den » jungen Adler « . Er nickte mir lächelnd zu . Dieses Lächeln war kein stolzes , aber ein unendlich glückliches ! Tatellah-Satah schaute vom Dach in die Weite hinaus . Fast war es , als ob sein Antlitz leuchten wolle . » Kommt ! « erklang es erst nach längerer Zeit aus seinem Munde . Er sagte das zu mir und dem » jungen Adler « und ging zur Treppe , um wieder vom Turme hinabzusteigen . Unten angekommen , führte er uns in den Hochwald . Er schritt voran ; wir folgten hinterdrein . Keiner sprach ein Wort . Er führte uns nach der anderen Seite des Berges , bis zu einer Stelle , von welcher aus wir hinüber nach dem See und hinunter nach dem Schleierfall schauen konnten . Jenseits des Sees ragte der domartige Hauptberg des Mount Winnetou hoch empor , und hinter diesem waren die gewaltigen Kuppen der benachbarten Giganten zu sehen , unter ihnen einer , der seinen Gipfel so stolz und steil , so scharf und senkrecht erhob , als ob es nie einem menschlichen Wesen gestattet worden sei , seinen Scheitel zu betreten . Auf ihn deutend , sagte der Alte : » Das ist der Berg der Königsgräber . Bevor die Rasse der Indianer sich in winzige Stämme auflöste , wurde sie nicht von kleinen Häuptlingen , sondern von gewaltigen Kaisern und Königen regiert , die alle auf der mächtigen , hoch über den Wolken liegenden Plattform dieses Berges begraben worden sind . Die Gräber sind von Stein gemauert . Sie bilden zusammen eine Totenstadt mit Straßen und Plätzen , auf denen es keine Spur von Leben und Bewegung gibt . Sie enthalten nicht nur die Leichen der verstorbenen Herrscher , sondern in jeder Gruft liegen , in goldenen Kästen unzerstört erhalten , die Bücher über jedes Jahr der Regierung dessen , der hier seine letzte irdische Wohnung fand . Hier sind also nicht nur alle die großen Herrscher der roten Rasse begraben , sondern ihre ganze Geschichte und sämtliche Berichte und Dokumente ihrer langen , vieltausendjährigen Vergangenheit . Aber man kann nicht zu ihnen gelangen . Man kann nicht hinauf . Als der letzte König begraben worden war , vernichtete man die Felsenstraße , die hinauf zu den Königsgräbern führte , so daß es keinem Sterblichen mehr möglich war , hinauf zu ihnen zu gelangen . Es soll zwar einen steilen Nebenpfad geben , der damals nicht mit vernichtet worden ist , aber niemand hat ihn bisher gefunden . In einem meiner ältesten Bücher steht geschrieben , daß der Schlüssel zu diesem Pfade vorhanden sei , aber er liege hoch oben auf dem Berg der Medizinen , genau am Fuße der letzten , höchsten Felsennadel , unter einem Steine , der die Gestalt einer halben Kugel habe . Der junge Adler , auf den die roten Männer schon seit langen , langen Jahren warten , wird , wie auf der Haut des großen Kriegsadlers zu lesen ist , dreimal um den Berg fliegen und bei diesem Steine anhalten , um ihn zu heben und den Schlüssel hervorzunehmen . Ist dies gelungen , so kann der Berg der Königsgräber bestiegen werden , und die Berichte und Dokumente der verschwundenen Urzeiten dürfen ihre Stimmen erheben , um die Geheimnisse unserer Vergangenheit zu enthüllen . « Er schaute nach jener Felsennadel hinauf , an deren Fuß der Schlüssel liegen sollte . Und er schaute hinüber nach der Bergeskuppe , auf welcher die roten Kaiser und Könige begraben lagen . Dann fuhr er fort : » Das alles wußte ich . In meiner Brust war die ganze , glühende Sehnsucht unserer Rasse vereint . Da saß ich vor meiner Tür , und vor meinen Füßen landete aus hohen