Das ist für Ahriman Mirza . Er hat , auch ohne zu fragen , diese Stelle gewählt , weil seine Schatten und Massaban von jener Seite heranziehen werden . Der Anfang zu der Umzingelung wird also schon heut gemacht . Aber ebenso von heute an sind auch schon unsere nahen und fernen Posten ausgestellt , welche dafür sorgen , daß wir jede feindliche Annäherung rechtzeitig erfahren . Die sämtlichen Dschamikun stehen bereits unter Waffen , wenn sie es auch nicht sehen lassen , die hiesigen wie auch die auswärtigen . Ebenso auch die Kalhuran , mit denen wir verbündet sind . Sie haben bereits ihre besten Reiter und Rennpferde gesandt . Da schau hinab , wie sie schon üben ! Was der Ustad für einen Verteidigungsplan entworfen hat , das weiß ich nicht ; aber er sagte mir , ich solle Marah Durimeh nicht um Hilfe bitten ; wir seien stark genug . Diese Zuversicht ist höchst beruhigend . Ich habe aber trotzdem einen Boten an sie gesandt , und ihre noch nie besiegten , wohlgewappneten Reiter werden zur rechten Zeit erscheinen . Du weißt ja , « fügte sie lächelnd hinzu , » die Seele ist selbst dann noch gern für den Geist besorgt , wenn er meint , seiner Sache vollständig sicher zu sein ! « Eben als sie dies sagte , bemerkten wir eine lebhafte Bewegung , welche sich schnell über den ganzen Duar verbreitete . Die Ursache war ein jetzt aus dem Osten angekommener Reiter , welcher allen , die es hören wollten , eine Neuigkeit verkündete und dann herauf zum hohen Hause lenkte . Als er durch das Tor kam , erkannten wir ihn . Es war der Reitknecht unseres Dschafar Mirza . Er hatte der Hilfe des Schah als Führer gedient und war ihr eine Strecke vorausgeritten , um zu melden , daß hundert Mann der Ghulman-i-Schahi95 im Anzuge seien . Er brachte das Pferd des Hauptmanns mit . Zu gleicher Zeit kam die Gul-i-Schiras mit ihrem Hosstaate auf unserm gestrigen Wege links heraufgeritten , und in kurzem Abstande folgte ihr der Scheik ul Islam mit seinem hochtrabenden weltlichen und geistlichen Stabe . Sie ritten direkt nach den Ruinen , von denen sie Besitz ergriffen , als ob sie da zu Hause seien . Ihre Rennpferde wurden ihnen nachgeführt . Schon nach einigen Minuten schien sich zwischen den beiden Parteien ein Streit über den Platz entspinnen zu wollen , kam aber für dieses Mal nicht ganz zum Ausbruche , weil die Aufmerksamkeit der sich Entzweienden nach Osten abgelenkt wurde , wo jetzt die Leibwache auf der Bildfläche erschien . Diese außerordentlich gut berittenen und bewaffneten , glänzend uniformierten Hundert erregten Verwunderung . Wie kam der Ustad zu der noch nie dagewesenen Auszeichnung , vom Kaiser eine so direkte Unterstützung zu empfangen ? ! Aber diese Verwunderung verwandelte sich wohl gar in Schreck , als hinter dieser Leibkavallerie noch ein Artilleriezug von zwanzig Zambureks96 erschien , dem eine ganze Reihe Bagage und Munition tragender Kameele folgte . Zwanzig Kanonen ! Wenn auch nur so kleine ! Wenn solche Abwehrmittel den Dschamikun zur Verfügung standen , so war es doch wohl nicht so leicht , mit ihnen anzubinden , wie man gedacht hatte ! Und wozu oder warum waren dem Ustad diese Truppen geschickt worden ? Er wußte doch nicht das Geringste von dem geplanten Angriff gegen ihn ! Er sollte doch vollständig überrascht werden ! Sollte er doch vielleicht Etwas erfahren habe ? Aber von wem ? Es galt vorsichtig zu sein ! Vor allen Dingen gegen die eigenen Verbündeten ! Jetzt stieg der Hauptmann hier oben zu Pferde , um hinabzureiten und die zwar kleine , aber kriegerisch gewichtige Schar zu empfangen und seinen Absichten gemäß unterzubringen . Ihre Ankunft hatte auch da draußen bei Ahriman Mirza Aufsehen erregt . Er kam am See herbeigeritten , anscheinend um der Prinzessin seinen ersten Besuch in ihrer neuen Wohnung zu machen , denn er hatte sein Gefolge bei sich , genau dieselben Personen , die am Sonntag voriger Woche drüben am Beith-y-Chodeh mit ihm unser Fest gestört hatten . Das war eine Art von Demonstration , die wir ihm gönnen konnten , da er uns unvorsichtiger Weise durch sie verriet , daß seine Unteranführer bei ihm angekommen seien . Er ritt , ohne im Duar anzuhalten , direkt nach den Ruinen . Als er vor dem Zelte abstieg , kam die Gul heraus , ihn zu begrüßen . Hierbei sah ich sie zum ersten Male . Sie führte ihn hinein . Seine Begleiter blieben im Freien . Nach einiger Zeit ließ man den Scheik ul Islam kommen . Auch er verschwand in dem Zelte . Nun bemerkte ich erst , daß Syrr nicht zu sehen war . Ich fragte Schakara nach ihm , fast beschämt über diese meine Unaufmerksamkeit . Man hatte ihn im Garten untergebracht , damit er von den Zelten da drüben aus nicht gesehen werden könne . Ich bat meine » Seele « , ihn ja gut zu versorgen . Jetzt traten die drei hohen Persönlichkeiten wieder aus dem Zelte und gingen mit einander quer durch die Ruinen , dem Glockenwege zu . » Sie wollen herüber zu uns ! « sagte Schakara . » Das muß ich dem Ustad augenblicklich melden . Unser liebes Haus muß rein von solchem Zuspruch bleiben ! Er wird sie abweisen ! « » So bitte ihn , dies womöglich hier unter meinem Dache zu tun . Ich möchte die Gul kennen lernen und darum gern hören , was und wie sie spricht . « Schakara eilte hinab . Ich beobachtete die Nahenden , doch so , daß sie mich nicht sahen . Die Prinzessin war eine hohe , volle Gestalt . Sie hatte ihre Kleidung überreich mit Schmuck beladen . Einen Schleier trug sie nicht , hatte sich also von der in ihrem Kreise gebotenen , schamhaften Zurückhaltung emanzipiert . Ihr Haar war vorn abgeschnitten und bedeckte die Stirn , ganz nach Art unserer sogenannten Simpelfransen , zuweilen auch Ponnyfrisur genannt . Die persischen Haremsfrauen lieben es nämlich sehr , ihrem Gesichte hierdurch einen zwar geistlosen , dafür aber umso begehrlicheren Ausdruck zu geben . Hinten hingen die Zöpfe fast bis auf den Boden herab . Sie waren mit goldenen Schnuren , Fransen und Trotteln durchflochten , also sehr wahrscheinlich nicht echt . Bezeichnenderweise trug sie in der Hand eine Reitpeitsche , ganz so , wie Ahriman Mirza auch . Sie schwippte mit derselben im Gespräche bald hin und bald her und war überhaupt in allen ihren Bewegungen so lebhaft , so bestimmt und so gebieterisch , so wegwerfend und , ich möchte sagen , so keck , wie ich bisher noch keine einzige Orientalin zu sehen bekommen hatte . Sie erreichten die Pferdeweide und blieben einige Zeit bei Assil , Barkh und Sahm stehen . Sie sprachen dabei sehr lebhaft über die Pferde . Was , das konnte ich nicht hören , aber ihren Gestikulationen nach konnte es nicht sehr lobend sein . Da trat die Prinzessin zu Assil heran und faßte ihn am Maule , um es zu öffnen und seine Zähne zu sehen . Er wollte das nicht dulden . Da schrie sie ihn zornig an und schlug ihn an die Ganaschen . Im nächsten Augenblicke lag sie am Boden , von einer kräftigen Kopfbewegung des Rappen niedergeschleudert . Sofort sprang Ahriman Mirza hinzu , hob die Peitsche empor und holte aus , um ihn zu züchtigen - - - kam aber nicht dazu . Assil war schneller als dieser Mensch . Er machte eine blitzschnelle Schwenkung , warf sich hinten in die Höhe und schlug nach ihm aus . Der Huf traf den Kopf des Persers , welcher mit einem lauten Schrei zusammenbrach . Der Hengst wieherte herausfordernd auf und stellte sich zur weiteren Gegenwehr bereit . Der Scheik ul Islam aber und auch die Prinzessin , welche sich wieder aufgerafft hatte , traten zu Ahriman hin , um zu sehen , mit welchen Folgen er getroffen worden sei . Er stand mit ihrer Hilfe wieder auf , hielt aber den Kopf in beiden Händen . Es schien glücklicher Weise nur ein Streifhieb gewesen zu sein . Der Kopf wurde betastet , begutachtet und endlich wieder freigegeben . Dann setzten sie den unterbrochenen Weg zu uns fort , sichtlich im höchsten Grade erzürnt , aber langsam , sehr langsam , weil Ahriman nur schwankend und nicht schneller gehen konnte . Schakara hatte den Ustad geholt . Sie standen mit einander grad unter mir und hatten den Angriff auf das Pferd und dessen Verteidigung gesehen . Nun kamen die Drei heran . Sie blieben vor ihnen stehen . Ein eigenartiges Zusammentreffen ! Es wurde zunächst kein Wort gesprochen ; aber Auge tauchte sich in Auge . Dann begann die Prinzessin zu fragen : » Von wem werden wir hier empfangen ? Wer bist du ? « Ihre Stimme klang hart , hochmütig , verächtlich . » Ich bin der Ustad der Dschamikun , « antwortete er gelassen . » Und wer ist das Geschöpf an deiner Seite ? « » Geschöpf ? « wiederholte er ihren beleidigenden Ausdruck , aber lächelnd . » Ja , du hast recht gesagt , ohne es zu wollen : Sie ist ein Geschöpf Gottes , des Allerhabenen , des Allreinen ; sie wurde von ihm erschaffen in seiner Weisheit und Güte . Du aber bist kein Geschöpf . Du wurdest nicht von dieser Weisheit und Güte erschaffen , sondern von sündigen Menschen in Sünde erzeugt und geboren . Darum wird sie , die körpergewordene Reinheit der Frauenseele , sich jetzt von uns entfernen , weil die Tugend geht , sobald das Laster naht ! « Er trat zur Seite , um Schakara an sich vorüberzulassen . Sie senkte errötend das liebe Gesicht und ging . Die Prinzessin schien vor Erstaunen über diese Verwegenheit keine Worte finden zu können . Sie schnappte förmlich nach Lust . Ihre Augen funkelten ; ihre Lippen bebten ; die Peitsche zitterte in ihrer Hand ; die Antwort aber blieb aus . Da nahm sich der Scheik ul Islam der Beleidigten zornig an : » Du scheinst nicht zu wissen , wen du vor dir hast . Diese hochgeborene , edelgepriesene Fürstin ist unsere allverehrte Schahsadeh Khanum Gul , welche gekommen ist , dich mit ihrer beglückenden Gegenwart zu erfreuen ! « » Das weiß ich wohl . Ich weiß sogar noch mehr , nämlich daß auch du sie kennst und dich trotzdem nicht schämst , ihre Gegenwart beglückend zu nennen . Wehe dem Volke , dessen geistliche Väter , deren Obersten einer du bist , sich mit den Töchtern des Fleisches verbinden , um dann die Männer beherrschen zu können ! Scheik des heiligen Islam lässest du dich nennen ? Und nimmst dich , schlau berechnend , des geraden Gegenteils von heilig an ? Erscheint dir die Schande nur deshalb so verdienstlich , weil du sie durch die goldene Naddara betrachtest , mit welcher du leichtsinnige Köchinnen zu belohnen pflegst ? Dort steht die Tür zu meiner Küche offen . Deine Freundin Pekala und dein Vertrauter Tifl sind bereit , den Segen des heiligen Mannes und des unheiligen Weibes zu empfangen ! Du brauchst dich ihnen nicht wieder in der Demut des Schreibers zu nahen . So dumm sie sind , als Meisterstück des Islam erkennen sie dich an ! « Sein Gesicht erbleichte . Er krallte mit den Händen in seinen langen , dünnen Bart , als ob er sich da festhalten wolle . Er stand wie ein Schulknabe da , der Prügel bekommen hat und sich noch extra dafür bedanken soll . Eine Erwiederung fand er nicht . Dafür aber ergriff nun der Mirza das Wort . Er hatte sich mit den Händen wiederholt nach der schmerzenden Stirn gegriffen . Jetzt sammelte er sich und brach los : » Mensch , was ist mit dir , daß du es wagst , in dieser Weise mit uns zu reden ! Die Allerhöchsten des ganzen Reiches stehn vor dir ! Ist denn hier bei Euch Alles verrückt geworden , die Menschen sowohl wie auch die Tiere ? Wir sind es nicht gewöhnt , daß jede Bestie nach uns schlägt ! Sei froh , daß ich jenes Vieh dort nicht sofort erschossen habe ! « Er zog bei diesen Worten als nachträgliche Drohung seine Pistole halb aus dem Gürtel . Da schüttelte der Ustad lächelnd den Kopf und sagte : » Heb diese deine Kugel für Euren Iblis auf ! Es ist doch - - - « » Iblis ? « unterbrach ihn da der Mirza schnell . » Wer hat dir verraten , daß ich den Iblis , den Unbesieglichen , mitgebracht habe ? Wer , wer ? « Da bohrte sich des Ustad Blick in seine Augen , und langsam , schwer , bedeutungsvoll erklang die Antwort : » Dein eigener Chodem sagte es dem meinigen ! « Da fuhr sich der Mirza mit beiden Händen schnell wieder an den Kopf und rief aus : » Mein Chodem - - Chodem - - Chodem ! Auch hier wieder , auch hier ! Warum läßt er mir seit dieser Nacht keine Ruhe ! Ich bin doch fort von ihm ! Ich habe ihn stehen lassen ! Warum läuft er mir nach , überall , überall ! Warum dieser Schlag des Pferdes an meinen Kopf ! Der war von ihm , von ihm ! Ich soll wahnsinnig werden , verrückt , verrückt ! Ich werde es auch noch , wenn er mir keine Ruhe läßt ! Fort , fort ! Ich lasse ihn wieder stehen ! Mag verrückt werden , wer da will , aber nur nicht ich , nicht ich ! « Er drehte sich um und lief von dannen , » mit gleichen Beinen , « wie man zu sagen pflegt , mehr als eilig und immer mit der Peitsche um sich herumfuchtelnd , über die Weide - - aber dann nicht nach dem Wege - - - sondern er kletterte , als ob er gejagt werde , gleich an der Mauer nach den Ruinen hinunter - - - rannte nach dem Zelte der Khanum Gul , warf sich dort auf sein Pferd und jagte derart davon , daß ihn sein sofort auch aufbrechendes , verwundertes Gefolge unmöglich einholen konnte . Was aber die Prinzessin und den Scheik ul Islam betrifft , so machten auch sie sich wieder von dannen , ohne noch ein weiteres Wort zu sagen , Beide besiegt und beschämt , wie vielleicht in ihrem ganzen Leben noch kein einziges Mal . Dann schaute der Ustad herauf zu mir und fragte : » Denkst du noch an meine Worte ? Dieser Geist beginnt bereits seine Schablone zu verlassen . Wie bald , so haben wir es nur noch mit einem stupiden Menschen zu tun . Das ist das Schicksal aller Fürsten der Schatten ! « Er kehrte in das Haus zurück , und ich kam mit ihm heut gar nicht mehr zu sprechen . Seine Zeit war zu sehr in Anspruch genommen , doch ließ er mich durch Schakara über alle Geschehnisse schnell und ausführlich unterrichten . Zu meiner Ueberraschung wurde mir heut das Mittagessen nicht von ihr allein gebracht . Pekala kam mit . Sie hatte das gewünscht , um mir Etwas mitteilen zu können . Da stand sie nun vor mir , glühend vor Verlegenheit und nach den passenden Worten suchend . Als ich ihr Mut machte , begann sie endlich : » Effendi , ich bitte dich , es mir zu glauben : Ich dachte , daß es eine Madama sei , eine echte , richtige , wirkliche Madama ! Sie war ja so dick ! Aber als sie sich in der Küche niedersetzte , gleich auf den Boden , mit einem solchen Plumps , da nahm ich ihr das Tuch vom Kopfe und - und - - und da erschrak ich so fürchterlich , daß ich ganz gewiß auch niedergefallen wäre , wenn ich mich nicht an ihr festgehalten hätte - - - nein , nicht an ihr , sondern an ihm , denn sie war ein Mann . Denke dir ! Und sie hatte solchen Hunger ! Und er aß so schön , und so schnell , und so viel ! Und dann schlief sie ein ! Und dann aß er weiter und schlief wieder ein ! Sie aß mir fast Alles weg , was ich für Andere machte , denn er war ganz ausgehungert von der Reise . Nun ist sie endlich satt , und weil es ihm bei mir so schmeckt , sind wir mit einander übereingekommen , daß wir uns niemals , niemals wieder trennen werden . Was sagst du dazu , Effendi ? Bist du einverstanden ? « » Du bist doch deine eigene Herrin und kannst also machen , was du willst ! « » Das weiß ich wohl . Und ich würde mir auch nicht dreinreden lassen ; aber die Höflichkeit erfordert doch , daß ich wenigstens so tue , als ob ich frage . Darum bin ich schon beim Ustad gewesen . Er hat mich freigegeben , vollständig frei . Nun komme ich auch zu dir . Lässest auch du mich gehen ? « » Sehr gern ! « » Aber ich komme nicht wieder , gar nicht ! « » Das wünsche ich auch ! « » So ! Also auch du ! Ich dachte , man würde weinen . Aber es fällt keinem Einzigen ein , es zu tun . Und ich habe doch so gut gekocht ! Darum räche ich mich . Ich gehe nämlich sofort . Agha Sibil hat einige Retourkameele nach Isphahan zu schicken . Da setzen wir uns auf , ich , mein Kepek und auch mein Tifl . Es geht schon in einer Stunde fort . Mein Kepek hat seit heut früh immerfort gegessen und wird es also aushalten bis zur nächsten Station . Ich will also Abschied von dir nehmen , für immer und für ewig , und reiche dir meine Hand ! « » Behalte sie ! Sie gehört nicht mir , sondern deinem Kepek , für immer und für ewig . « Diese völlige Gleichgültigkeit schien sie zu erzürnen . Sie ging nach der Tür , blieb dort noch einmal stehen und sagte : » Es gibt hier Keinen , der ein edles Frauenherz begreift . Mein Kepek ist der Einzige . Aber der Ustad hat mir meinen Lohn gegeben und auch noch ein großes Bakschisch dazu . Nun bin ich mit Euch allen quitt und mag nie wieder Etwas von Euch wissen . Mich seid Ihr los , ganz gründlich , gründlich los ! « So ging sie hinaus . Wie das so schnell gekommen war ! Ob ein Aschyk oder ein Kepek , ist ganz gleich ; nur die Kochkunst muß er bewundern , und erziehen muß er sich lassen ! Auch eine Art derjenigen weiblichen Wesen , welche sich rühmen , die » Seelen « oder gar die » Engel « ihrer Männer zu sein ! Genau eine Stunde später sah ich , daß ihre Sachen hinunter nach Agha Sybils Zelt geschafft wurden . Dann gingen sie selbst , Pekala an ihres Kepek Seite , eine voluminöse Eßwarenliebe , voran Tifl , der dünn Aufgeschossene . Nicht lange Zeit hierauf humpelten die Lastkameele aus dem Duar , welche die » Festjungfrau « mit ihrem neuen , erkochten Glück von dannen trugen . Kein einziger Dschamiki gab ihnen das Geleite . Das war die ganz natürliche Folge ihrer unbedachten Schwätzereien ! Am Nachmittag erfuhr ich durch Schakara , daß der Ustad den geheimen Weg vom Allerheiligsten auch untersucht hatte . Er war sogar auch unten im Bassin gewesen , hatte mir aber nichts davon mitgeteilt , um mich nicht über ihn zu beunruhigen . Ich hatte mir die Dschamikun in einer gewissen , nicht sehr hohen Zahl vorgestellt . Als sie sich aber heut , am Vortage der morgenden Feier , einstellten , einzeln , in größeren Trupps und in ganzen Scharen , sah ich zu meinem Erstaunen , wie dicht bevölkert diese so abgelegene Gegend war und wie bedeutend der geistige Einfluß , den der einsame Duar rundum gewonnen hatte . Man sah die Zelte , Jurten , Laubhütten und offenen Lager überall und eng aneinander entstehen . Sie bedeckten nach und nach das ganze Tal , stiegen an allen Höhen empor , krochen unter die Bäume der ringsum ragenden Wälder und kletterten über die Berge hinüber , um sich über die Hochebene dort weit auszubreiten . Man hatte mir nicht zuviel gesagt ; es kamen Tausende , und selbst als es schon dunkel geworden war , hörte dieser Zufluß noch nicht auf . Am Abend ließ der Ustad mir sagen , daß ich möglichst zeitig schlafen gehen möge , weil er beabsichtige , mit mir in frühester Morgenstunde auszureiten . Ich tat es und erwachte , als es noch nicht vier Uhr Morgens war . Der Tag begann , leise zu grauen . Von meinem Vorplatze aus sah ich , daß er schon unten bei den Pferden war . Er sattelte die Sahm . Daher beeilte ich mich , zu ihm hinabzukommen , wo ich erfuhr , daß ich den Syrr reiten sollte . Sitz und Halfter lagen schon bereit ; ich brauchte beides nur an- und aufzuschnallen . » Heut wirst du die Sahm kennen lernen , « sagte er . » Dein Assil hat sie besiegt . Wollen aber sehen , wie du nach einigen Stunden hierüber denkst . « » Stunden ? « fragte ich , denn ich bemerkte , daß die Satteltaschen mit Proviant gefüllt waren . » Willst du an diesem Gedenktage so lange von hier fortbleiben ? « » Hierüber später , « antwortete er , indem er aufstieg . Ich folgte diesem Beispiele ; dann ritten wir - - - nicht etwa durch das Tor oder über die Ruinen , sondern den steilen , schmalen Glockenweg empor zum Alabasterzelt , er voran , ich hinterher , ein nicht ganz ungefährlicher , aber wunderbarer Ritt ! Das Tal war noch nicht erwacht . Kein Mensch schaute zu uns empor . Die Sahm ging unter ihm so leicht , so sicher , als ob sie Flügel habe und ausgleiten dürfe , ohne je zu stürzen . Und Syrr ? Er tat , als ob er jeden Schritt dieses kühnen Weges kenne . So fest und dabei so elastisch federnd stieg doch die Stute nicht ! Hoch oben wich der jetzige Pfad von dem früheren ab , welcher quer über die schon einmal erwähnten , lockern Geröllmassen geführt hatte . Diese waren in Bewegung gekommen und hatten sich so weit vorgeschoben , daß sie in die Tiefe zu stürzen drohten . » Das macht mir schwere Sorge , « sagte der Ustad . » Dem Zelte zwar kann nichts geschehen , denn es steht auf unerschütterlichem Felsen ; aber wenn diese gewaltigen , haltlosen Massen rechts und links von ihm aus irgend einem Grunde einmal in Schuß geraten , so steht für die Ruinen da unten eine Katastrophe bevor , der sie nicht widerstehen können . Ich vermute , dann ist es mit der ganzen , steinernen Vergangenheit zu Ende ! Ich nehme an , daß du gern hin zum Zelte möchtest , bitte dich aber , für heute zu verzichten . Da , schau , es ist von Holzstößen umgeben , welche angebrannt werden sollen . Das muß man von unten aus sehen , nicht von hier . « Wir ritten also von weitem vorüber , bis auf die zurückliegende , höhere Kuppe des Berges , von welcher aus man das ganze Gebiet der Dschamikun im ersten Morgenlichte liegen sah . » Mein liebes , kleines Reich ! « sagte er . » Man will es mir nehmen . Wie töricht das ist ! Fast eine Hanswurstiade ! Man zieht von allen Seiten bewaffnet gegen uns heran . Darum starren nun auch wir in Waffen ; mein guter , kriegerischer Chodj-y-Dschuna hat es so gewollt . Wie überflüssig ! Die Rädelsführer befinden sich ja ganz in meinen Händen . Ich brauchte sie nur festzunehmen und abzuliefern , wie ich die Beweise abgeliefert habe . Aber wie mich die Liebe der Meinen gezwungen hat , zu der heutigen Gedenkfeier ein Ja zu sagen , so will ich ihnen auch den Willen lassen , zu zeigen , daß sie nicht nur in guten , sondern auch in gefährlichen Tagen treu zu mir stehen . Es würde von mir undankbar sein , ihnen die Vorfreude auf den Sieg zu zerstören . Aber für heut verlasse ich sie . Wir kommen erst am Abend wieder . Man mag gegen mich schreien und zetern , gegen mich schreiben und sprechen , gegen mich lügen und schwindeln , fälschen und verzerren , fabeln und fingieren - - ich weiche keinen Schritt , keinen einzigen , von dem Platze , den mir der Unverstand nicht gönnen will . Aber wo ich gelobt oder gar gefeiert werden soll , da ist meine Stätte nicht . Die Erfahrung hat mich gewitzigt . Ich kenne das Lob der Menschen , welche nur rühmen , um auszunützen . Die Huldigung wird schnell zur Eloge , der Triumphbogen zum kaudinischen Joch , welches den soeben Gefeierten zwingt , beim nächsten Schritte den stolzen Nacken vor ihnen zu beugen . So lobte mich der Scheik ul Islam gegen dich , damit ich seine Kreatur , der Prügeljunge seiner Partei werden möge . Die Liebe meiner Dschamikun ist zwar echt ; sie kommt direkt aus vollen , ehrlichen Herzen und scheut sich keinen Augenblick , sich für mich aufzuopfern . Die Dankbarkeit eines Jeden von ihnen ist für mich reines , lauteres Gold ; ihr Wert tut meinem Herzen wohl , wenn es im Stillen zu mir kommt , wie der Duft von einer Blume , die nicht redet . Heut aber will man mir öffentlich danken . Tausende wollen sprechen , laut , nur von mir , von mir ! Das ist grad das Gegenteil von dem , wonach ich strebe ! Ich konnte die Erlaubnis zu diesem Feste nicht verweigern ; aber als ich sie erteilte , wußte ich , daß ich heut nicht daheim sein dürfe , weil es mir eine Profanation dessen bringt , was ich im tiefsten Innern sorgsam pflege . Darum bin ich geflohen . « Ich wollte eine Bemerkung machen , doch schnitt er sie mir schnell ab , indem er fortfuhr : » Habe keine Sorge ! Ich bin nicht leichtsinnig gegangen , denn ich weiß am Besten , wie nötig ich grad jetzt da unten bin . Es ist Alles wohl besorgt . Der Umstand , daß ich mich scheinbar ganz unbedenklich entfernt habe , wird im Gegenteile unsere Feinde nur noch sicherer machen . Sie ahnen nicht , was ich inzwischen tue . Wir umreiten nämlich heut unser ganzes Gebiet . Ich besichtige die ausgestellten Posten . Das ist unumgänglich nötig . Also komm ! « Um an der andern Seite des Berges hinabzukommen , mußten wir die Pferde führen , bis wir den Bach im Tale erreichten , wo er mir die verborgene Stelle zeigte , an welcher der geheime Gang aus dem Allerheiligsten hier mündete . Dann ging es drüben wieder bergan , nach der Taki-Hochebene , und auf dieser nach Norden . Da trafen wir in gewissen Abständen je zwei Dschamikun , welche bei ihren Pferden saßen und uns Bericht erstatteten . Beim nördlichsten dieser Doppelposten begrüßte uns ein Kurde von Schohrd in voller Kriegsausrüstung . Er war soeben erst angekommen und meldete uns , daß die Hilfstruppen Marah Durimehs nur einen Tagesritt von hier ständen und um Weisungen bäten . Das überraschte den Ustad ; ich teilte ihm aber mit , was Schakara mir gesagt hatte , und so gab er den Befehl , Dienstag Abend hier an dieser Stelle einzutreffen und das Weitere zu erwarten . Von da wendeten wir uns ostwärts . Das war das Gebiet der nördlichen Dschamikun . Wir fanden da Alles so , wie wir es wünschten . An das äußerste ihrer Lager schloß sich die Wachtlinie der Kalhuran , welche hinter den Pässen des Hasen und des Kuriers nach Süden verlief . Hier erteilte der Ustad die Weisung , die Massaban und die Sillan hindurchzulassen , ihnen aber heimlich zu folgen , um den Ring immer enger zu schließen . Um die Mittagszeit machten wir an einem Wasser Halt , um uns auszuruhen , zu essen und die Pferde grasen zu lassen . Dazu ließen wir ihnen zwei volle Stunden Zeit . Hierauf ging es weiter , quer über jenes unbewohnte Land , durch welches ich und Halef mit den Massaban gekommen waren . Da trafen wir auf die breite Fährte der Dinarun , die nordwärts nach unserm Lager führte , und auf einen einzelnen Reiter , welcher auf dieser Fährte zurückgeritten kam . Es war zu unserer Verwunderung der Scheik der Dinarun selbst . Auch er erstaunte , als er den Ustad erkannte , schien aber hierüber nicht unerfreut zu sein . Die Höflichkeit erforderte , abzusteigen und uns mit ihm niederzusetzen . Im hierauf folgenden Gespräch erfuhren wir etwas für uns sehr Erfreuliches . Er war nämlich heut früh mit seinem Trupp bei uns angekommen und hatte sofort den Scheik ul Islam aufgesucht , welcher sich , ebenso wie Ahriman Mirza , grad bei der Ghul befand . Hier erhielt er seine Weisungen für die folgenden Tage , und da stellte sich denn heraus , daß er mit seinen Dinarun nur ausersehen war , mit auf uns einzuschlagen , natürlich bloß um der lieben Religion willen ; einen praktischen Nutzen aber schlug man ihm rund ab . Dazu kam , daß man ihn von hoch oben herunter behandelt hatte , wie einen Menschen , für den es eine Gottesgnade ist , mit solchen Auserwählten überhaupt nur reden zu dürfen