, so wie er , durch die Schule der Leiden zu gehen haben werde ? Es mußte noch einen andern , dritten Grund haben , den ich aber jetzt wohl noch nicht wissen durfte . Ich verzichtete darauf , über ihn nachzudenken . Wer so weitausschauend ist , den Berg mit jenem Amen sagenden Alabasterzelt zu krönen , der weiß auch wohl , wann die rechte Zeit , zu sprechen , gekommen ist . War denn schon eine Stunde vorüber ? Wohl kaum eine halbe . Aber Pekala hatte es nicht länger ausgehalten . Sie kam jetzt mit ihrem Tifl wieder und sagte , jedenfalls um ihre zu schnelle Rückkehr zu entschuldigen : » Effendi , du mußt nun schnell essen . Kara Ben Halef ritt nach Hause , um beim Vater zu bleiben , damit seine Mutter zum Beit-y-Chodeh kommen könne . Sie ist da und fragt nach dir . Sie möchte dich gern bei sich haben . « Ich brauchte die dienstfertige » Festjungfrau « eigentlich gar nicht ; es lag ja alles bei der Hand . Aber sie ließ es sich nun einmal nicht nehmen , dabei zu sein . Jetzt griff sie nach der Flasche und dem Korkzieher . Indem sie letzteren verlegen betrachtete , sagte sie in ihrer vom Ustad jedenfalls nicht gewollten Offenheit : » Flaschen sind sehr selten hier bei uns . Ich habe , seit ich hier bin , keine als nur diese hier gesehen . Ich weiß wirklich nicht , wie man es macht , um die Tapa160 mit diesem eisernen Dinge herauszuziehen . « » Trinkt der Ustad Wein ? « fragte ich . » Nie . Es ist die einzige Flasche , die er hat . Alles , was gegoren ist , trinkt er nicht . Und alles , woran Blut war , ißt er nicht . Warum , das weiß ich nicht . « » So lassen wir den Wein unberührt . « » Aber , er ist doch für dich bestimmt . « » Es wird schon einmal ein Gast kommen , dem er nötiger ist , als mir . Jetzt fange ich an ! « » Die Muhammedaner sagen Bismilla161 , wenn sie zu essen beginnen . Das ist ein gutes Wort . Verzeih , daß ich es vorhin vergessen habe ! « Nun war es unterhaltend , zu beobachten , wie die beiden zuschauten . Ich machte mir den Spaß , die europäische Art , zu essen , so verwickelt wie möglich darzustellen . Welche Wonne dieses Hantieren der » Festjungfrau « bereitete ! Wie oft rief sie » dem Kinde « zu : » Du , das ist fein ! « Und als ich endlich gar einige Birnen und Pflaumen schälte , schlug sie die Hände zusammen und sagte : » Das ist das Allerfeinste . So etwas giebt ' s in der ganzen Welt gar niemals wieder ! « Hierauf war es Zeit , mit Tifl zu den Dschamikun zurückzukehren . Als wir aus dem Walde traten , bot sich mir ein sehr bewegtes , freundliches Bild . Die Perser saßen , links von uns , hier oben . Am Tempel hatte sich der Pedehr zu Hanneh gesellt . Den Ustad sah ich nicht . Ueberall gab es sitzende , stehende oder heiter sich bewegende Menschengruppen . Die jungen Männer unterhielten sich mit verschiedenartigen Spielen , welche den Zweck hatten , Kraft und Gewandtheit zu verleihen . » Soll ich anfangen , Effendi ? « fragte mich Tifl . » Womit ? « » Singen . Ich sagte dir doch , daß ich sie alle stumm singen werde . Man wollte schon längst damit beginnen . Aber der Pedehr hat mir versprechen müssen , daß ich der erste sein darf . « » Du willst es hier thun , gleich hier oben ? « » Ja . Meine Stimme geht weit , bis dort zum Berg hinüber , und hier sehen mich auch alle . Paß auf , Effendi , wie still und ruhig alle sein werden , wenn ich anfange ! « Ich wurde wirklich neugierig . » Das Kind « als Solosänger ! Ich hatte gar kein so rechtes Vertrauen zu ihm ; aber wenn er so singen , wie er reiten konnte , so war das Selbstvertrauen , welches er zeigte , sehr wohlbegründet . » Was wirst du singen ? « fragte ich . » Was ich dir schon sagte : Ein Liebeslied . Dieses bringe ich von allen am besten . Paß auf ! « Er stellte sich in Positur , räusperte sich und begann . Welch eine Stimme ! Fast hätte ich ihn mit » Maschallah « unterbrochen . Das war ja ein Tenor , ein Heldentenor von unbeschreiblicher Fülle und herrlichster Klangfarbe ! Allwissender Pollini ! Von unserm Tifl aber hast du nichts gewußt , sonst wärest du schon längst hier bei den Dschamikun gewesen , um wo möglich den Besitzer dieser gradezu phänomenalen Stimme hier auf- und daheim am Alsterbassin wieder abzuladen ! Es war genau so , wie er gesagt hatte : Gleich bei dem ersten Tone schaute alles herauf zu uns , und noch war kaum die zweite Zeile beendet , so hatte auf der Graslehne und im Parke jede Bewegung aufgehört . Ich sah zu den Persern hinüber . Sie waren alle aufgesprungen , wie von der Macht , welche in Tifls Kehle steckte , elektrisiert . Wie reich begabt war dieses » unser Kind « ! Und welcher Text war es , der dem Liede unterlag ? Folgender : » Die schönste Blume auf der Welt Stand morgens an des Nachbars Zelt . Da kam der Tag im goldnen Licht Und küßte fromm ihr Angesicht . Kaum glaubte ich dem Sonnenschein : Das konnte nur ein Märchen sein . Die schönste Blume auf der Welt Stand abends an des Nachbars Zelt . Da kam die Nacht im Mondeslicht Und küßte fromm ihr Angesicht . Kaum glaubte ich dem Mondenschein : Das konnte nur ein Märchen sein . Die schönste Blume auf der Welt Steht nun bei mir in meinem Zelt . Wer kommt nun jetzt mit seinem Licht ? Wer küßt nun fromm ihr Angesicht ? Wer geht bei uns nun aus und ein ? Das muß erst recht das Märchen sein ! « Das also war ein Liebeslied ! Ich lasse es ohne Kommentar , denn es redet seine eigene Sprache ! Als der letzte Ton verklungen war , ertönten von allen Seiten laute Achsant- und Jagadarufe162 . » Nun , Effendi , kann ich singen ? « fragte er . » Fast noch besser , als du reiten kannst , « antwortete ich . » Und waren nicht gleich alle stumm ? « » Alle ! « » Ja ; ich singe über alle weg und reite an allen vorbei . Das wirst du sehen , wenn wir Wettrennen haben . Unsere Stute wird die Siegerin sein . Sie steht dort an der Tempelecke . « » Wie kommt das ? Ich denke , Kara ist mit ihr heimgeritten ? « » Ja ; aber seine Mutter ist dann auf ihr herübergekommen . Siehst du , daß sie dir winkt ? « Hanneh forderte mich allerdings mit der Hand auf , zu ihr zu kommen . Ich leistete natürlich Folge und erlöste dadurch den Pedehr von der Verpflichtung , bei ihr zu bleiben . Sie ging mit mir nach meiner Ecke , wo wir uns neben einander niedersetzten . » Hast du schon einmal so herrlich singen gehört wie heute , Sihdi ? « fragte sie . » Wir haben im Abendlande wunderbare Musik und sehr berühmte Sänger und Sängerinnen , « antwortete ich . » Aber wir nicht . Du kennst doch unsere arabische Musik . Ich habe sie bisher für unvergleichlich gehalten . Aber was ist sie gegen diese hier ! Wir schreien , quieken und jammern ; das nennen wir singen . Hier aber habe ich zum ersten Male in meinem Leben singen gehört ! « » Wirklich ? « » Ja . « » Besinne dich , Hanneh ! « » Worauf ? Ich weiß nichts . « » Ich habe im Lager der Haddedihn einige Male deutsche Lieder gesungen , um euch zu zeigen , wie sie klingen . Nun sagst du , du habest nie singen gehört ! « Es machte mir heimlich Spaß , sie in Verlegenheit zu bringen . Sie errötete zwar , war aber doch schnell mit der Antwort da : » Das hatte ich vergessen . Auch ist es ein Unterschied , ob nur einer singt oder mehrere . « » Tifl sang auch allein ! « » O , der ! Nimm es mir nicht übel , Effendi , aber an den kommst selbst du noch lange nicht . Er selbst ist ein so langer , langer Mensch . Aber seine Stimme ist noch tausendmal länger als er . Sie reicht , soweit das ganze Thal sich dehnt ! « » Es scheint sehr praktisch zu sein , die Stimme nach ihrer Länge zu beurteilen ! « » Natürlich ist das richtig ! Thust du das nicht auch ? Denke doch , wenn vorhin die beiden Lieder hier im Tempel gesungen wurden ! Sie sind aber so lang , daß ich sie noch jetzt in meinen Ohren und in meinem Herzen klingen höre . « » Wo warst du , als man sang ? « » Halef schlief fest ; da brauchte ich nicht ganz in seiner Nähe zu sein . Ich setzte mich an deine Säule , wo ich dich bei unserer Ankunft sah . Da war es plötzlich , als ob sich der Himmel öffne und als ob die heiligen Malaïka163 ihre Stimmen hören ließen , um Allahs Herrlichkeit zu preisen . Da faltete ich die Hände , denn es war jemand in mir , der beten wollte . Wer es war , das weiß ich nicht ; aber ich fühlte es , daß er auch vom Himmel ist . - Was haben dort die Perser mit dem Pferde ? « » Weißt du , warum sie gekommen sind und wie wir sie empfangen haben ? « » Ja . Kara erzählte es mir . Jetzt stehen sie dort bei der Sahm des Ustad . Sie sprechen von ihr . Tifl kommt . Sie reden mit ihm . Er thut so stolz . Jetzt lacht er über sie . Sie scheinen sich zu ärgern . Er wird das Pferd gelobt haben ; sie aber tadeln es . « So schien es allerdings zu sein . Sie waren vom Waldesrande herabgekommen , denn sie fühlten wohl das Bedürfnis , nicht so allein für sich zu bleiben . Nun beschäftigten sie sich mit der » Sahm « , deren Verteidiger Tifl machte . Das dauerte längere Zeit . Sie schienen nicht bloß über das Pferd , sondern auch über andere Dinge mit ihm zu sprechen . Dann suchten sie den Pedehr auf , mit welchem sie einige Zeit verhandelten . Es schien wichtig zu sein , denn er schickte einen Boten zu den Aeltesten , um sie zusammenrufen zu lassen . Dann kam er zu mir . » Effendi , die Dschemma wird gebildet . Ich bitte dich , mit beizuwohnen , « sagte er . » In welcher Angelegenheit ? « » Der Blutrache wegen . Die Perser wollen fort . Das ist uns lieb . Darum bin ich auf ihren Wunsch , jetzt in Kürze zu verhandeln , eingegangen . « » An welchem Orte wird es sein ? « » Da oben , wo sie gesessen haben . Bring auch unsere Freundin Hanneh mit . « » Mich ? « fragte sie . » Was hat ein Weib in eurer Dschemma und mit dieser Blutrache zu schaffen ? « » Weil ein Weib , die Frau des Scheikes der Kalhuran , mit in sie verstrickt ist . Wir möchten dich ersuchen , an ihrer Stelle zu sprechen . Kara Ben Nemsi wird sich ihres Mannes annehmen . Unser Ustad wollte es selbst thun ; aber weil die Beratung so plötzlich kommt und er fortgegangen ist , um erst gegen Abend wiederzukommen , kann ich ihn nicht damit belästigen . « Als er fort war , sagte Hanneh : » Ist das nicht sonderbar , Sihdi , daß man mich zu der Versammlung der Aeltesten ruft ? « » Es ist noch eine viel größere Ehre für dich , als für mich , Hanneh ; du kannst stolz auf sie sein ! « » Ich bin es auch . Was sind diese Dschamikun doch für seltene Menschen ! Ich werde für die Frau des Scheikes sprechen , als ob ich sie selbst sei . Ich habe sie gesehen und mit ihr gesprochen . Sie heißt Amineh und soll mit meiner Verteidigung zufrieden sein ! « » Da will ich dir eine wichtige Mitteilung machen , meine liebe Hanneh . Ich halte nämlich diesen Bluträcher nicht für einen Moslem . Wahrscheinlich ist auch sein Sohn keiner gewesen . Es giebt zwei berühmte arabische Rechtslehrer , El Mohekkik und Minhadj , nach deren Aussprüchen man vorkommenden Falles entscheidet . Sie haben beide den Satz aufgestellt : Wenn ein Moslem einen Nichtmoslem tötet , so unterliegt er der Blutrache nicht . « » O , das ist gut ! Ich danke dir , Sihdi ! « » Du bist scharfsinnig . Vielleicht gelingt es dir , herauszubringen , ob er Muhammedaner ist oder nicht . « » Laß mich nur machen ! Werden seine Gefährten auch dabei sein ? « » Nein . Das wäre gegen die Regel . « » So erlaube , daß ich vorangehe ! « » Wohin ? « » Zu ihm . « » Aber , Hanneh ! Warum ? « » Das hörst du später . Er kennt mich nicht und weiß nicht , daß ich bei der Dschemma sein werde . « Sie stand auf und ging . Dabei zog sie den Burko164 aus ihrem Ueberwurf und verhüllte mit ihm ihr Gesicht . Ich folgte ihr . Ghulam el Multasim befand sich wegen der zu erwartenden Verhandlung in Unruhe . Er hatte sich von seinen Gefährten getrennt und war allein , um sich das , was er sagen wollte , zurechtzulegen . Hanneh richtete es so ein , daß sie an ihm vorüberkam . Ich sah , daß sie ihm ein Wort zuwarf . Er antwortete . Sie blieb stehen , nur kurze Zeit , um einige Bemerkungen mit ihm zu wechseln . Dann entfernte sie den Schleier vom Gesicht , nickte ihm zu und entfernte sich . Ich ahnte , warum : sie hatte gesiegt . Nach einiger Zeit waren die Aeltesten beisammen . Sie setzten sich in einem Kreise nieder , in dessen Mitte der Pedehr sich niederließ . Ich mußte an seiner linken Seite Platz nehmen . Der Bluträcher erschien und stellte sich vor uns auf . Zuletzt kam Hanneh , unverschleiert . Der Pedehr wies ihr ihren Platz an seiner rechten Seite an . Als das der Multasim sah , rief er erstaunt aus : » Ein Weib ? Das kann ich nicht dulden ! « » Diese Frau ist das Weib von Hadschi Halef Omar , des Scheikes der Haddedihn , « entgegnete der Pedehr . » Du mußt es dir gefallen lassen , daß sie für Amineh spricht , die deinen Sohn erschoß ! Wenn es dir nicht paßt , so kannst du gehen . In diesem Falle aber hast du auf alles zu verzichten . So will es das Gesetz . « » Ich bleibe ! « » Nun wohl . So sei die Dschemma hiermit eröffnet . Du hast zunächst deine Anklage mit ihren Beweisen vorzubringen und dann deine Forderungen mit ihren Begründungen zu stellen . Ehe das geschieht , habe ich dich auf etwas aufmerksam zu machen , was für dich von größter Wichtigkeit ist . Wirst du Blut fordern oder den Preis ? « » Blut ! « antwortete er , indem er mir einen bezeichnenden Blick zuwarf . » Du bist persischen Glaubens ? « » Persischen ? Ja ! « » So wird deine Blutrache nach schiitischen Gesetzen und zwar nach den Auslegungen des Khalil behandelt werden müssen . Ich hoffe , daß du rechnen kannst ? « » Beleidige mich nicht ! « » Hast du das Blut berechnet ? « » Blut ? Berechnet ? Ich verstehe dich nicht . « » Wie viele Personen sind getötet worden ? « » Eine . « » Von wie vielen wurde sie getötet ? « » Von zweien . « » Welches Geschlechtes waren diese ? « » Ein Mann und ein Weib . « » Gelten beide in Beziehung auf die Blutrache gleich ? « » Nein , das Weib halb . Was fragst du mich nach so bekannten Dingen ! « » Du wirst es gleich hören . Anderthalb Personen haben eine Person getötet . Nach Khalil gehört also jeder der beiden Thäter nur zu drei Vierteilen deiner Rache . Das andere Viertel darfst du nicht berühren . Wenn du es verletzen solltest , bist du selbst der Rache verfallen . Das ist es , was ich dir vorher zu sagen hatte . « Man sah dem Multasim an , daß ihm diese pfiffige , aber durchaus auf dem Gesetze beruhende Ausführung das Gleichgewicht störte . Solche Bruchteile lassen sich nur dann bezahlen , wenn der Preis , nicht aber Blut gefordert wird . Uebrigens war ich neugierig , ob er unsere unter vier Augen getroffene Verabredung erwähnen werde . That er das , so durfte er sich nicht an den beiden anderen rächen . Forderte er aber deren Blut , so war ich wieder frei . Seine nun zu erwartende Anklage mußte Licht in diese Sache bringen . Er öffnete bereits den Mund , um zu beginnen , da ergriff Hanneh vor ihm das Wort : » Halt ! « sagte sie . » Auch ich habe vorher ein Wort zu sagen . Nämlich nach den Auslegungen von El Mohekkik und Minhadj giebt es keine - - - « » Maschallah ! « unterbrach sie der Pedehr erstaunt . » Daß du so gelehrt bist , das ahnte ich nicht ! « Sie nickte mir lächelnd zu , antwortete ihm nicht und begann von neuem : » Nach den Auslegungen von El Mohekkik und Minhadj giebt es keine Blutrache , wenn der Getötete kein Muhammedaner ist . Der tote Muhassil aber war ein Christ . « » Beweise es ! « fuhr der Multasim sie zornig an . » Bist du , sein Vater , ein Moslem ? « » Ja . « » Du hast vorhin gesagt , du seist armenischer Christ ! « » Ich scherzte . « » So hast du dein Leben verwirkt ! « Sie erhob sich , zeigte auf ihn und fuhr im strengsten Tone fort : » Ich ging vorhin an diesem Lügner vorüber und würdigte ihn , von meinen Lippen gegrüßt zu werden . Er dankte . Ich hatte eine Frage . Er antwortete . Da war ich so höflich , mich zu entschuldigen , daß ich durch den Schleier zu ihm sprechen müsse , weil er kein Dschamiki , sondern ein Moslem sei . Da sagte er , ich brauche das nicht zu thun , denn er sei armenischer Christ . Das war die Wahrheit . Sie entfuhr seiner Unbedachtsamkeit . Als Muhammedaner hat er sich uns jetzt nur vorgelogen ! « Und sich nun direkt zu ihm kehrend , fügte sie hinzu : » Wähle ! Bist du Christ , so giebt es keine Rache . Bist du ein Anhänger des Propheten , so habe ich dir , weil du mich belogst , mein Angesicht gezeigt , und diese Schande schreit nach deinem Blute . Du wirst diesen Berg nicht lebend verlassen . Ich rufe meinen Sohn , der die Ehre seiner Mutter wieder herstellen und dich niederschießen wird wie einen Schakal . Also , wähle ! « Der Multasim war , wie schon einmal gesagt , ein Feigling . Hanneh stand so außerordentlich drohend , und er wußte nicht , daß ihr Sohn jetzt gar nicht hier sei . Die Situation kam ihm bedenklich vor . Das Leben war ihm lieber als die Ehre , und so antwortete er : » Ob ich Christ oder Muhammedaner bin , das ist jetzt gleich . Ich habe dafür gesorgt , daß mein Sohn gerächt wird . Aber wie ist ' s ? Wäre ich ein Christ , so hätte ich auf Blut zu verzichten . Ob aber auch auf den Blutpreis ? Wer ist so ehrlich , es zu sagen ? « » Wir sind alle ehrlich ! « erklärte der Pedehr . » Nicht Blut , aber den Preis hättest du zu bekommen . « » Wie hoch ? « » Das hätten wir hier zu besprechen . Aber bedenke : Die Peitsche deines Sohnes hat das Blut des Scheikes der Kalhuran vergossen , der ein freier Beduine ist ! « » Dafür hat er sich das Leben meines Sohnes genommen ! « » Aber Peitschenhiebe kosten zweimal so viel wie ein Leben , wenn nicht in Blut bezahlt wird . Wir haben also noch den Preis eines Lebens zu fordern ! « » So fordert es ! « lachte der Perser . » Ich verlange als Blutspreis die Stute des Ustad . Das ist so billig , daß ihr selbst euch darüber wundern werdet . « » Du willst also nicht , daß Leben gegen Leben sich aufhebe ? « » Nein ! Und ich biete euch meinen Turkmenen , den ihr alle gesehen habt , als Preis für die Schläge an . Ich hörte , daß bei euch nächstens Wettrennen sei . Wenn wir einig werden , so komme ich . Die beiden Pferde mögen mit einander laufen . Der Sieger rettet das seine und gewinnt das andere dazu . « Das war ein überraschender Vorschlag . Aber ich durchschaute ihn , obgleich seine Worte friedlich klangen . Er hielt sein Pferd für der Stute überlegen . Er war überzeugt , daß er diese gewinnen werde . Damit wäre dann die Rache beigelegt gewesen , und unsere geheime Abmachung hätte nicht zu gelten . Aber dieser Mensch wollte die Stute haben und auch mich . Das Wettrennen gab ihm Gelegenheit , wiederzukommen , also in meiner Nähe zu sein . Wer weiß , was er plante . Ich hatte vorsichtig zu sein . Der Pedehr war ein energischer Mann . Er bedachte sich nicht lange . Pferd gegen Pferd , das elektrisierte auch ihn , wie uns alle . Die Stute » Sahm « war zwar nicht sein eigentliches Eigentum ; aber er kannte den Ustad , und er kannte noch einen , den er rief . Dieser eine war - - Tifl . Als er kam , fragte ihn der Pedehr : » Hast du dort den turkmenischen Fuchs gesehen ? « » Ja , « antwortete das Kind . » Er soll zum Rennen mit unserer Sahm laufen . « » Darüber wird meine Pekala lachen ! « » Meinst du das wirklich ? « » Ja . Ich lache auch ! « Da fragte der Multasim in höhnischem Tone : » Ist dieser lächerliche Mensch euer Sachverständiger ? Wird etwa er die Stute reiten ? « » Wer sie reitet , ist gleichgültig . Es geht nicht Reiter gegen Reiter , sondern Pferd gegen Pferd . « Da schien dem Perser ein weiterer Gedanke zu kommen . Er sah eine Weile sinnend vor sich nieder und sagte dann : » Ich setze jedes Pferd , welches ich mitbringe , gegen jedes Pferd , welches ihr ihm entgegenstellen könnt . Gehst du darauf ein ? « » Welche Bedingung stellst du da ? « » Erstens , daß ihr gezwungen seid , mitzumachen . Und wenn ich euch zehn Pferde brächte , so hättet ihr zehn Pferde gegen sie zu setzen . « » Und zweitens ? « » Und zweitens verlange ich , daß jedes siegende Pferd das besiegte gewinnt . « » Du bist sehr kühn ! « » Das sagst du , weil du dich fürchtest . Ich bin meiner Sache so gewiß , daß ich sogar fordern möchte , außer den Pferden auch Kamele stellen zu können . « Da ging ein leises Lächeln über das Gesicht des Pedehr . Er streifte mich mit einem schnellen , fragenden Blicke , den der Perser nicht bemerkte , und fragte diesen , nachdem ich mit einem ebenso unbemerkten Kopfnicken geantwortet hatte : » Hast du vielleicht die gefährliche Absicht , uns um unser ganzes Vollblut zu bringen ? « » Ja , die habe ich ! Ich werde dafür sorgen , daß euch nie wieder beikommen kann , euch mit der Kavallerie eines Muhassil zu messen ! Wenn ihr Mut habt , so schlagt in meine Hand ! Wo nicht , so seid ihr mir verächtlich ! « » Deine Verachtung ist dein Eigentum , von welchem dich kein Mensch befreien wird . Du wirst sie also wohl für dich behalten müssen ! « » Brülle , wie du willst , alter Löwe ; beißen aber kannst du nicht . Nimmst du die Wette an , so reiße ich dir auch noch die letzten Zähne aus ! « » Ich warne dich , Unvorsichtiger ! « » Und ich lache ! « » So sei es denn ! Bring also auch Kamele ! Wir halten gegen alles , was du zum Wettlauf bringst . Aber es bleibe so , wie du gesagt hast : Es ist gleichgültig - - - « » Wem die Tiere gehören ! « fiel da der Multasim schnell ein . » Ihr könnt nicht verlangen , daß ich , der ich in der Stadt wohne und ein einzelner Mann bin , so viel Vieh besitze wie ihr ! « Er ahnte gar nicht , wie willkommen diese neue Bedingung dem Pedehr war . Dieser besaß die Klugheit , ein bedenkliches Gesicht zu zeigen ; erklärte aber dann doch : » Wenn ich hierauf eingehe , so kannst du ja das Vollblut von ganz Persien gegen uns zusammentreiben . Aber es sei ! Die Besitzer und Reiter sind gleichgültig . Jedem Tiere , welches ihr bringt , muß von uns ein Gegner gestellt werden . Pferd gegen Pferd ; Kamel gegen Kamel ! Jedes kann gegen jedes laufen , so oft es dir oder uns gefällt . Und zuletzt die Hauptsache : Der Besiegte geht sofort in den Besitz des Siegers über ! « Da ging über das Gesicht des Multasim ein so triumphierender Ausdruck , als ob er eine schwere Schlacht geschlagen und gewonnen habe . Er hielt dem Pedehr die Hand hin und rief aus : » Angenommen ! Endlich , endlich habe ich euch ! Schlag ein ! « » Hier ist sie , « sagte der Pedehr , indem er ihm die seine gab . » Du lachst . Ich lache nicht . Die Sache ist mir ernst . Es steht mehr , viel mehr auf dem Spiele , als du denkst . « » Wo ? Doch nur bei euch ! « » Irre dich nicht ! Wir haben zwar nur gesagt Pferd gegen Pferd und Kamel gegen Kamel ; aber wer die sind , die sich eigentlich und in Wahrheit hinter diesen Tieren gegenüberstehen , das scheinst du nicht zu wissen ! « » Nicht ? Da sage ich dasselbe Wort zu dir : Irre dich nicht ! Die Wette ist fertig , denn du bist der Scheik und hast eingeschlagen . Es kann nichts rückgängig gemacht werden , und darum habe ich nicht notwendig , vorsichtig zu schweigen , wenn du mir mit leeren Drohungen und Warnungen , die mich einschüchtern sollen , kommst . Du sagst , ich wisse nicht , wer sich gegenübersteht . Ich weiß es nur zu gut ; du aber weißt es nicht . Soll ich es dir etwa sagen ? « » Du stehst ja hier , um zu sprechen . Selbst wenn ich dir das Wort verbieten könnte , würde ich es doch nicht thun . « » Wohlan ; ihr sollt es hören ! Aber es genügt mir nicht , es nur euch zu sagen . Ich möchte , daß es jeder Dschamiki zu hören bekomme ! « » Das wird geschehen . Was hier gesprochen wird , erfährt der ganze Stamm . « » Und ich will , daß meine Gefährten dabei sind , wenn ich spreche . Sie sollen euch die Wahrheit aller meiner Worte bekräftigen . « » So sei dir erlaubt , sie herbeizurufen , obgleich sie in der Dschemma der Dschamikun nichts zu suchen haben ! « » Ich rufe sie nicht , sondern ich hole sie ! « » Auch das sei dir gestattet ! « » Erlaubt ? Gestattet ? Du redest ja außerordentlich hoch herunter ! Nimm dich in acht ! Höre erst , was wir dir sagen werden , und dann schau , ob du noch so hoch da oben stehst ! « Er entfernte sich . Da sahen wir , daß der Ustad wieder auf dem Festplatze angekommen war . Er sah uns hier versammelt und kam langsamen Schrittes zu uns herauf . Der Pedehr berichtete ihm , warum die Dschemma zusammenberufen und was in ihr gesprochen und beschlossen worden war . Er beendete seinen Bericht mit der Entschuldigung : » Ich hätte dich fragen sollen , ehe ich über die Sahm bestimmte . Wir würden in ihr unser bestes Pferd verlieren . Aber ich war überzeugt , deiner Zustimmung gewiß sein zu können . « » So erleichtere ich dein Gewissen , indem ich dir sage , daß du recht gehandelt hast , « erklärte der Ustad . » Ich danke