und Weite der Haken und riet , in welchem Jahr und auf welchem Berg der Bock geschossen wäre . Fast immer traf er das Richtige . Oder er schickte Moser aus der Stube und öffnete , im Lehnstuhl ruhend den eisernen Schrank . Eine Lade um die andere zog er auf , legte die Samttabletten vor sich aus und ließ die tastenden Finger über die Steine gleiten . Bevor er den Schrank nicht geschlossen und den Schlüssel abgezogen hatte , durfte Moser die Stube nicht betreten . So saß er wieder einmal vor dem offenen Schrank und zählte die Steine . Da hörte er das Geläut der Kirchenglocken , und die Klänge schienen ihn unbehaglich zu berühren . » Moser ! « Der alte Büchsenspanner erschien . » Bleib bei der Tür stehen ! Ich will nur fragen - wem wird denn da geläutet ? « » A Kindl tragen s ' aussi . « » Wem hat das Kind gehört ? « » Dem Bruckner-Lenzi . Jetzt hat der arm Teufel schon ' s zweite verloren . An der Halsbräune . Jaaa , ich sag ' s allweil : der Hals und d ' Augen , dös sind zwei heiklige Sachen . Der Hals bei die Kinder und d ' Augen bei uns alte Leut ! « » Rindvieh ! « brummte Graf Egge und griff an seine Binde . » Der Bruckner-Lenzi ? Von dem du immer sagtest , daß er gegangen wäre ? « » Ja , Herr Graf ! Ich hab mich auch net täuscht seinerzeit . Aber jetzt , mein ' ich , is er sauber . Jetzt geht er nimmer . « » So ? - Setz ' dich wieder hinaus und mach ' die Tür zu ! Fest , daß ich es höre ! - Mich geniert die Zugluft . « Graf Egge tastete an den Steinen umher und begann zu zählen . Nach einer Weile verstummte das Geläut . An diesem Abend wurde in der Schifferschwemme des Seehofes wieder ein » Gsturitrunk « gehalten . Und wieder blieb , während die Gäste laut durcheinander schwatzten , der Bruckner-Lenzi stumm und mit gläsernen Augen hinter der Flasche sitzen . Mali mahnte ihn nicht mehr an den Heimweg . Als zum Ave-Maria geläutet wurde , erhob sie sich wortlos und ging . Schon wollte sie den stillen Hof des Bruders betreten , als über den Zaun die Stimme der Nachbarin klang : » Mali ? Bist du ' s ? « » Ja , Nachbarin ! « » Geh , komm a bißl eini ! ' s Netterl verlangt soviel nach dir . « Kein Wunder , daß Mali erschrak . » Um Gotts willen ! ' s Kindl wird doch frisch sein ? « » Aber freilich ! Schaut aus wie ' s Leben ! Aber allweil verlangt ' s nach dir . « Mali empfand die Anhänglichkeit des Kindes wie einen warmen Trost . Dennoch zögerte sie mit der Antwort . » Ich trau mich net recht , ich könnt vom Halsgift was im Gwand haben . « » Ich gib dir von mir an Rock und an Janker . « Diesen Vorschlag nahm Mali an . Und dann saß sie in der Kammer bei dem Kinde , das mit seinen glänzenden Augen aussah , als hätte ihm die Verbannung aus dem Vaterhause so wohl getan wie einem Stadtkind die Sommerfrische . Es ging auf die neunte Abendstunde , als Mali das Kind in Schlaf gesungen hatte und von der Nachbarin Abschied nahm . Immer wieder drückte sie die Hände des Weibleins . » Tausendmal Vergelts Gott ! Meiner Seel , Nachberin , was dem guten Kind z ' lieb tan hast , vergiß ich dir meiner Lebtag net ! « » Geh , was redst denn ! Mach lieber , daß d ' heimkommst ! Den Schlaf kannst brauchen ! « » Ja , Nachberin , heut brauch ich d ' Ruh . Aber morgen in aller Fruh wird ' s Haus aufgwaschen , Türen und Fenster aufgrissen und alles ausgräuchert . Ehnder trag ich ' s Kindl net heim . Und unser Herrgott wird mithelfen . Es muß doch wieder amal Tag werden bei uns ! « Als Mali den Hof des Bruders betrat , sah sie Lichtschein an den Stubenfenstern . » Gott sei Dank , er is schon daheim ! Da kann er doch kein Rausch net haben . « Sie bekreuzte sich aus Freude über das gute Anzeichen . Doch als sie die Stubentür öffnete , erschrak sie , daß ihr das Blut wie zu Eis wurde . Der Bauer stand am Tisch , hatte den Hut auf dem Kopf , einen Bergsack hinter den Schultern und wischte mit einem schmutzigen Lappen den Rost von einer alten Büchse . » Lenzi ! « Er wandte das verwüstete Gesicht . » Der Schnaps will nimmer helfen . Probier ich halt ' s ander wieder . « » Lenzi ! Um Gotts willen ! « Eine namenlose Angst schrie aus dem erstickten Wort . Er zuckte die Achseln . » Ich muß für d ' Leichenkosten sorgen . Der Doktor tät warten . Der Pfarr pressiert . « Er schleuderte den Lappen in einen Winkel . Wie eine Verzweifelte stürzte Mali auf ihn zu und umklammerte seinen Arm . » Lenzi ! Hat dich denn unser Herrgott ganz verlassen ? « » Ah na ! Er hat sich bsonders um mich kümmert . Fleißig treibt er ' s Engelmachen . Respekt ! « Heiser lachend schüttelte Bruckner die Schwester von sich ab . Sie versuchte ihm das Gewehr zu entreißen . Bruckner lachte . » Tu dich net sorgen ! Ich geh dem deinigen net ins Gäu . Ich such mein ' alten Spezi wieder auf . Der laßt mit ihm reden , hat er gsagt . « Er stieß die Schwester von sich und riß die Tür auf . Ein rauschender Luftstrom fuhr in die Stube und löschte die Kerze . » Lenzi ! « keuchte das Mädel . Im finsteren Flur , in den der Föhn durch die offene Haustür brauste , holte sie den Bruder ein , klammerte sich an ihn und ließ sich schleifen . » Lenzi ! Denk , was deiner armen Resi gschworen hast ! Um aller Heiligen willen - Lenzi - « Von der Faust des Bauern zurückgeschleudert , taumelte sie gegen die Wand . Stöhnend raffte sie sich auf , rannte in die Finsternis hinaus und schrie den Namen des Bruders . Der rauschende Föhn verschlang den gellenden Laut . Hinter eine Hecke geduckt , mit der Büchse in der Hand , eilte Bruckner über die Wiesen , erreichte den Steg , der die Seebachklamm überbrückte , und gewann den Wald . Im schwarzen Schatten der Bäume schöpfe er Atem und lud das Gewehr . Dann stieg er bergwärts durch die Finsternis . Je höher er kam , desto schwächer wurde das Wehen , das durch die Wipfel ging . Zwei Stunden war er gestiegen , als er mitten im Hochwald eine Blöße erreichte . Es war eine Kohlenstätte . Drei Meiler dampften , und vor einer Rindenhütte lag ein Gluthaufen , der die Stätte mit rotem Schein überstrahlte . Bruckner lehnte die Büchse an einen Stamm , ging auf den Meiler zu , griff mit beiden Händen in den auf der Erde liegenden Kohlenstaub und schwärzte das Gesicht . Dann stieg er weiter . Es ging auf die zweite Morgenstunde , als er das Steinfeld erreichte , in dessen Mitte , wie ein schwarzer Klumpen , die Diensthütte Schippers lag . Roter Herdschein blinkte aus dem kleinen Fenster . » Schau , zeitlich is er auf ! Leicht geht er aufs Hahnverlusen ? « Die aus dem Fenster fallende Helle beleuchtete den Rauch , der über das Schindeldach niederwallte und sich zu Boden schlug - ein Zeichen , daß der Morgen schweren Nebel bringen würde . Neben dem flackernden Feuer saß Schipper auf dem Herd , schon angekleidet , aber noch mit nackten Füßen . Während der fertige Schmarren in der vom Feuer genommenen Pfanne dampfte , überwachte der Jäger die blecherne Kaffeemaschine , aus der sich ein dünnes Rieseln vernehmen ließ ; als es verstummte , erhob sich Schipper , streckte gähnend die Arme , nahm eine irdene Schale vom Geschirrahmen und füllte sie mit schwarzem Kaffee . Nun setzte er sich , schlug die Beine übereinander , blies die rauchende Brühe und kostete . Da wurde , ohne daß sich ein Schritt vor der Hütte hatte hören lassen , die Tür aufgestoßen , und auf der Schwelle stand eine Mannsgestalt mit geschwärztem Gesicht , die Büchse in der Hand . Im ersten Schreck ließ Schipper die Blechschale fallen , daß ihm die heiße Brühe die Lederhose übergoß . Und sein graues Gesicht wurde so weiß wie Kalk . Langsam näherte sich der Wildschütz und sagte mit lachendem Hohn : » Wenn ' s jetzt an andere wär als ich ? Der hätt dir bei deiner Kuraschi den Vortl gschwind abgwonnen . « Von seinem Schreck sich erholend , riß Schipper die Augen auf . » Aaah ! Da schau ! Der Lenzi ! « Er hob die Blechschale von der Erde . » Schad um mein ' Kaffee ! « Trotz der Ruhe , mit der er diese Bemerkung machte , schien er sich doch nicht sonderlich behaglich zu fühlen . » Magst mithalten ? Grad hab ich kocht . « Bruckner stand wortlos und hing mit heiß funkelnden Augen an dem Jäger . Der fuhr mit dem Löffel in die Pfanne . » Was stehst denn wie der Hackstock ? An was denkst denn ? « » An alles , was ich dir verdank ! Und wieder frag ich mich , wie schon hundertmal : ob ich denn alles , was mich druckt , mit Recht am Buckl trag ? « » Mach ' s wie ich ! Nimm ' s leichter ! « » Ob ich ' s Recht net hätt dazu ? « Bruckner streckte sich . » Zwei Büchsen haben kracht , zwei Kugeln sind gflogen am selbigen Johannistag . Eine bloß hat troffen . Ob ' s die deinig war ? Oder die meinig ? « » Troffen hat ihn du ! « erklärte Schipper mit Seelenruhe , während ihm der Schmarren , an dem er kaute , zwischen den Zähnen krachte . » Mir is der Schuß in d ' Luft auffigfahren . Da kann ich schwören drauf . Dös hab ich auch deiner Schwester gsagt , wie s ' mich im Herbst mit ihrem Bsuch beehrt hat . « Ein häßliches Lächeln verzerrte seine grauen Lippen . » Lenzi , dös war a dumms Stückl , daß deiner Schwester alles verzählt hast . Die macht dir Unglegenheiten . Wie sich ' s Madl für ' n Franzl ins Zeug glegt hat ! Ui jegerl ! Und ich wär noch der gute Kerl gwesen und hätt ' s gheirat - daß die dumme Gschicht in der Familli bleibt . « Schipper griff fleißig in die Pfanne . » Aber lassen wir die alten Gschichten ! Reden wir lieber vom Allerneuesten . « Er deutete mit dem Löffel auf Bruckners Büchse . » Is dös noch allweil die alte Spritzen ? « Er lachte . » Hat ' s dich wieder grissen ? Mußt dir Geld machen ? « Der Bauer atmete schwer . » Könnt schon sein , daß ich Geld brauch . Der Wasen im Kirchhof hat sein Preis . « » Ah ja , richtig , ich hab ghört , was für a Kreuz mit deine Kinder hast . « Schipper wischte mit dem Ärmel den Mund ab . » Ja , so was is traurig ! « Diese Äußerung des Mitleids wirkte auf Bruckner , als hätte ihn ein Peitschenhieb ins Gesicht getroffen . Mit grober Faust packte er die Schulter des Jägers . Dann wandte er sich ab , spie in das Feuer und ging zur Tür . Schmunzelnd sah Schipper ihm nach . Bruckner faßte die Klinke und drehte das schwarze Gesicht . » Daß ich mir Geld mach mit deiner Hilf ? Ah na ! Ich hab zwei Küh im Stall und hab noch allweil a Hemmed am Leib ! Hörst an Schuß in der Fruh , so kannst suchen untertags . ' s Wildbret laß ich dir liegen . Es hat mich heut in der Nacht aus ' m Haus trieben , weil ich was haben muß fürs Blut . Wie Feuer hab ich ' s in mir . Und kühl muß ich ' s machen . Drum rat ich dir im guten : Steig mir net nach ! Du ! « Dem Bauer brach die Stimme mit heiserm Laut . » Aber Lenzi ! Geh , geh , geh ! Du hast z ' viel Vaterunser gnottelt in die letzten Täg . So was macht ein ' wirblet ! « Bruckner antwortete nicht gleich . » Ja ! Kunnt schon wahr sein ! Hast du noch a richtigs Vaterunser , so bet , Schipper , daß mir ' s Netterl bleibt ! Müßt ich ' s letzte auch noch verlieren , so weiß ich , was ich tu . Da mach ich saubern Tisch in mir , und geh zum Gricht . Den Weg mach ich net allein . « Der Bauer öffnete die Tür . Rauschend flackerte das Herdfeuer . » Bet , Schipper , daß mich ' s Netterl anlacht , wann ich heimkomm aus ' m Berg ! « Der Jäger saß auf dem Herd , als wäre ein Sturz eiskalten Wassers über ihn niedergegangen . Als vor der Hütte der schwere Tritt verhallte , sprang Schipper auf und lauschte in die Nacht hinaus . Mit beiden Händen griff er an seinen Kopf und kehrte zum Herd zurück . Es zuckte und wühlte in seinem Gesicht . Nun stülpte er den Hut über den grauen Kopf , stopfte mit zitternden Händen die Bergschuhe in den Rucksack und nahm die Büchse . Scheit um Scheit warf er in die Herdflamme und öffnete die Tür . Der Feuerschein sollte hinausleuchten über das Steinfeld und den anderen glauben machen , daß die Hütte nicht verlassen stünde . Dicht an den Pfosten gedrückt - damit sein Schatten in der auf dem Steinfeld liegenden Feuerhelle nicht bemerkbar würde - schlich Schipper zur Tür hinaus und huschte , jeden Felsblock als Deckung nützend , durch die lautlose Nacht einer tiefer liegenden Mulde zu . Im Schutz der Bodensenke rannte er dem Latschental entgegen , das zur Hangenden Wand führte . Als er die Felswand erreichte , warf er sich zu Boden , um Atem zu schöpfen und die Schuhe anzulegen . Es war die Stelle , an der Graf Egge die Leiter hatte aufziehen lassen ; unsichtbar und still hing der Horst in der finsteren Höhe ; der Wind , der mit leisem Geraschel über die Felsen niederstrich , hatte matten Aasgeruch . Schipper nahm die Büchse in die Hand und begann wieder zu rennen ; nun brauchte er den Hall seiner Schritte nimmer zu scheuen . Am östlichen Himmel wollten schon die Sterne erlöschen , als er das Latschenfeld vor der Dippelhütte erreichte . Er sah das rot leuchtende Fensterchen der Herdstube und atmete auf . » Gott sei Dank ! « Da erlosch die Fensterhelle , und in der stillen Nacht klang das leise Geräusch der Hüttentür , die geöffnet und wieder geschlossen wurde . Franzl wollte zu den Balzplätzen der Spielhähne hinaufsteigen . Jetzt sah er zwischen dem finsteren Gezweig die schwarze Gestalt vor sich auftauchen . » Halt ! « Mit jähem Ruck hatte Franzl die Büchse an die Wange gerissen . » Wer bist ? « » Öha ! Langsam ! « Schipper lachte heiser . » Schnell bist fertig mit der Büchs ! « Franzl ließ die Waffe sinken . » Unsereiner muß auf der Hut sein ! « Das klang nicht freundlich . » Was suchst denn du in meim Bezirk ? Und was schnaufst denn so ? « » Grennt bin ich wie der Teufel . Heut gibt ' s Arbeit . Ich hab zwei Lumpen in meim Revier . « Franzl bohrte den Blick in das vom Dunkel verschleierte Gesicht des anderen . Die Sache wollte ihm nicht einleuchten - weil er selbst in einem solchen Fall nicht um Hilfe gerannt wäre . » Aber Mensch ! Hast denn net verstanden ? Zwei Lumpen hab ich im Revier ! « Franzl warf die Büchse hinter den Rücken und nahm die Richtung gegen die Hangende Wand . Schipper hielt sich wortlos hinter ihm . Der Himmel wurde bleich ; halb verhüllte ihn der schwere Nebel , der aus allen Gründen rauchte , um zu kreisendem Gewölk ineinanderzufließen . Und Gedanken , so grau wie der Nebel , wirbelten durch Franzls Kopf . Immer stand ihm das Gesicht Patscheiders vor den Augen . Und immer flüsterte eine Mädchenstimme : » Nimm dich vor ' m Schipper in acht ! « Da lachte der andere . » Ein merkwürdiger Jager bist . Fragt mit keiner Silben , wo ich d ' Lumpen gmerkt hab ! « » Was ich wissen muß , wirst mir schon sagen . « » Um eins in der Fruh bin ich fort , weil ich am Schneelahner den Spielhahn gern verlust hätt . Wie ich auffisteig über d ' Lahneralm und komm zur Sennhütten , merk ich Licht hinterm Fensterladen , schleich mich auf d ' Hütten zu und guck durch d ' Ladenklums in d ' Almstuben eini . Was sagst ! Sitzen zwei so gottverfluchte Lumpen drin , jeder mit der Büchs über die Knie ! Einer a bißl junger , und der ander a Mordstrumm Lackel mit kohlschwarzem Bart , a bißl angrawelet . Und da hocken s ' am Fuier und reden in aller Gmütlichkeit den Pirschgang übern Schneelahner aus ! « » Und da bist davongrennt ? « Alle Gedanken der letzten Minuten waren in Franzl ausgelöscht , und nur noch der Jäger war in ihm lebendig . » Statt daß die Büchs in d ' Hand nimmst und einispringst zur Tür ! Die hättst alle zwei im Sack ghabt . « » Mit ' m Maul is bald einer gfangt . Und daß ich d ' Wahrheit sag - ich hab die zwei was reden hören . Und da war mein einzigs Denken : da mußt den Franzl holen ! Meiner Seel , ich trau mir ' s gar net sagen - « Franzl blieb wie angewurzelt stehen . Seine Lippen bewegten sich ohne Laut . Was hatte er ? Furcht war ihm fremd . Dennoch schnürte ihm jetzt ein beklemmendes Gefühl den Hals zusammen . » Was ich dir sagen muß , is hart für dich . « Das klang wie kameradschaftliches Erbarmen . » Aber es muß sein ! « Unter Schippers Hutrand funkelten die Augen . » Wie ich so einilus in d ' Hütten , hör ich , wie der jüngere meint : ob net hinter der Dippelhütten der bessere Pirschgang wär ? Da beutelt der ander den Kopf und sagt kein Wörtl und schaut ins Fuier eini . Und der jünger lacht so gspaßig , stupft den andern mit ' m Ellbogen an und sagt : Gelt , du , dem Franzl gehst lieber aus ' m Weg - der Alte und der Junge - so was wär a bißl z ' viel auf ein Gwissen auffi ! « Mit ersticktem Laut riß Franzl die Büchse von der Schulter , stürzte auf Schipper zu und faßte ihn an der Brust . » Auf Ehr und Seligkeit , Schipper ? Is dös wahr ? « » Auf Ehr und Seligkeit ! « Da löste sich Franzls Faust von der Brust des anderen . » Jetzt sag ich dir Vergelts Gott , daß d ' mich gholt hast ! Komm ! « Schipper blieb noch ein paar Augenblicke stehen ; ein Frösteln , das ihn plötzlich befiel , zog ihm den Kopf in den Nacken . Sie sprachen kein Wort mehr . Als sie mit schweißüberronnenen Gesichtern aus dem Latschental hervortraten , lag der Nebel so dicht , daß sie im Schutze des grauen Schleiers ungedeckt gegen die Höhe steigen konnten ; sie hatten die Schuhe abgelegt und sprangen mit nackten Füßen . Kaum auf dreißig Schritt vermochten sie zu sehen . Doch immer näher klang , wie ein wegweisender Ruf , vom Grat des Schneelahners der lustige Balzgesang des Spielhahns . Da fiel in der von Dunst umwobenen Höhe ein Schuß , dessen Echo im Nebel erstickte . Der Spielhahn schwieg . » Dem Hahn hat ' s gegolten ! « zischelte Schipper . » Franzl , jetzt ghört er uns ! « In seinem gierigen Eifer merkte Schipper nicht , daß er nur von einem sprach . » Jetzt muß er uns in d ' Händ laufen ! Nimm du die linke Seit , Franzl , ich nimm die rechte . So haben wir ihn in der Mitt ! Und sei gscheit , Franzl ! Wenn ' s drauf ankommt , wart net lang ! Lieber der ander als du ! « Franzl antwortete nicht ; sein brennender Blick bohrte sich in den grauen Dunst , der die Höhe verschleiert hielt . Sich zur Linken wendend , stieg er lautlos in die Felsen ein . Schipper huschte nach der anderen Seite . Als er um die Ecke war , öffnete er die Büchse , zog die beiden Patronen hervor , musterte sie genau und schob sie wieder in den Doppellauf . » Für alle Fäll ! Ich will mei ' Ruh haben ! « Auch Franzl hatte , als er den Einstieg des Wechsels erreichte , den Schritt verhalten , um seinen Atem zur Ruhe kommen zu lassen . Dabei nahm er den Hut ab und drückte ihn an die Brust . Er wußte , daß der Weg , den er betrat , ein Gang auf Leben und Tod war . Ein Windstoß fuhr über das Gehänge herunter und jagte die Nebelfetzen , während die Dämmerung der Frühe sich in hellen Tag zu verwandeln begann . 18 Immer schärfer zog der Morgenwind über die Berge gegen das Seetal . Immer dichter trieb er die Nebel zusammen und ballte sie zu schweren Wolken , die sich von den Almen gegen die Wälder senkten . Schwerfällig lösten sie sich aus den Wipfeln , schwammen über das Tal und schlossen sich über ihm zu einer grauen Decke . Im Seedorf regte sich noch kaum das Geräusch des erwachenden Tages . Vor dem Brucknerhause saß Mali auf der Bank mit übernächtigem , von Angst entstelltem Gesicht , den Kopf an die Mauer gelehnt , die Hände wie gebrochen im Schoß . Ihre Sinne schienen taub für das Leben , das sich immer lauter in den Nachbarhäusern regte ; doch jeden Bauer , der hinter den Hecken auftauchte , verschlang ihr Blick mit banger Erwartung . Jetzt kam der Doktor Eisler mit zwei fremden Herren über die Straße her ; ihnen folgte ein Diener , der eine mit Leder bezogene Kassette trug . Sie gingen am Brucknerhaus vorüber und nahmen den Weg nach Schloß Hubertus . In der Ulmenallee blieben sie eine Weile vor dem Käfig stehen , in dem die vier Adler unruhig von einer Stange zur anderen hüpften . Fritz , der von dem Besuche schon zu wissen schien , empfing die Gäste auf der Veranda , flüsterte mit dem Dorfarzt und führte die Herren ins Billardzimmer . Doktor Eisler ging allein zur Kruckenstube . Vor der Tür zögerte er . Dann drückte er die Klinke nieder . Nur ein mattes Zwielicht fiel , während die Tür sich öffnete und wieder schloß , in die verfinsterte Stube . Moser erhob sich von seinem Sessel , und Graf Egge bewegte sich im Lehnstuhl . » Doktor ? Sie ? « » Ja , Erlaucht ! Guten Morgen ! « » Na also ! Endlich ! « Graf Egge wollte sich aufrichten , ließ sich aber wieder auf die Kissen zurücksinken , die seinen Rücken stützten . » Es geht aufwärts , Doktor ! Jede Spur von Schmerz ist wie weggeblasen . Jetzt machen Sie aber vorwärts , daß ich bald hinaufkomme . Die Auerhähne sind versäumt , ich muß mich heuer mit den Spielhähnen begnügen ! - Verwünschtes Nest ! « Der Arzt hatte dem Büchsenspanner ein paar Worte zugeflüstert und ging , während Moser auf den Zehen zum Fenster schlich , auf Graf Egge zu . » Der Schmerz hat also nachgelassen ? « » Er ist weg , vollständig ! « » Das wird die Untersuchung sehr erleichtern . Und um mit der Tür gleich ins Haus zu fallen - gestern abend bekam ich unerwartet den Besuch zweier Kollegen . Es wäre mir lieb , wenn Erlaucht gestatten wollten , daß ich meine Freunde zur Untersuchung beiziehe . « Graf Egge wurde unruhig . Dann sagte er trocken : » Reden wir ehrlich miteinander ! Zwei so alte Hasen wie wir brauchen sich keine Kindereien vorzumachen . Diese sogenannten Freunde ? Da ist wohl ihr Münchener Wundertier dabei , von dem sie neulich sprachen ? Sie haben da ein bißchen auf eigene Faust bestellt ? Stimmt das ? « » Ja , Erlaucht ! Zu Ihrem Besten , wie ich hoffe , « die Stimme des Doktors schwankte , » und zu meiner Beruhigung ! « » Na also ! Auch das noch ! Ich beginne mürb zu werden . Wenn Ihre zwei Kathederbonzen dazu beitragen , mich flinker aus dem langweiligen Blindekuhspielen zu erlösen , will ich ihnen dankbar sein . In Gottes Namen , man soll sie holen lassen ! « » Die Herren befinden sich bereits im Schloß . « » Hui ! « Graf Egge lachte müd . » Das klappt wie der Montag auf den Sonntag . Also her mit ihnen . Hoffentlich braucht die Geschichte keine weiteren Vorbereitungen ? « » Erlaucht können im Lehnstuhl bleiben , ich werde nur die Binde abnehmen . « Geräuschlos hatte Moser während dieses Gespräches die Bretterverschalung von der Fensternische entfernt , den dicken Teppich beseitigt , mit dem die Scheiben verhängt waren , und die Läden geöffnet . Hell brach der Tag in die Stube und umflutete mit seinem Licht den Kranken , der regungslos im Lehnstuhl ruhte , während der Arzt ihm die Binde löste . Graf Egges Rücken war gekrümmt , seine Gestalt in sich versunken , Haar und Bart wirr durcheinandergezaust . Die gefurchten Züge hatten eine welke , gelbliche Farbe ; über die halbe Stirn und die Hälfte der Wangen zog sich , soweit der Verband das Gesicht bedeckt hatte , ein bläulichweißer Streif . Als die Binde fiel , bewegte Graf Egge blinzelnd die noch etwas geröteten , leicht verschwollenen Lider ; dann hob er langsam die Hände , strich mit den Fingern über die Augen und atmete auf . » Endlich ! « Doktor Eisler fragte hastig : » Haben Sie einen Schimmer vor dem Blick ? Können Sie sehen , Erlaucht ? « » Aber Menschenkind ! « Graf Egge drehte das Gesicht hin und her ; dabei blieben die Augen unbewegt - sie waren trocken , ohne Glanz und grau umflort . » Wie soll ich denn sehen können in dieser ägyptischen Finsternis ? Machen Sie doch erst die Fenster hell ! « Moser stand wie versteinert vor Entsetzen . Und Doktor Eisler sagte mit gepreßter Stimme : » Wenn Erlaucht gestatten , werde ich die Kollegen rufen . « Er verließ die Stube . Graf Egge hörte die Tür gehen . » Das ist komisch ! « murmelte er , während er das Gesicht mit den starren Augen nach allen Seiten drehte . » Wie hat er denn das gemacht ? Mit der Tür ? Oder habt ihr den Flur da draußen auch verhängt ? - Moser ! So nimm doch endlich das schwarze Zeug vom Fenster weg ! « Dem Alten kugelten die Tränen über den Schnurrbart . Graf Egge wurde ungeduldig . » Das Fenster auf ! Die Quacksalber können mich doch nicht in der Finsternis untersuchen . Mach ' das Fenster hell ! « » Aber ich bitt , Herr Graf , « stammelte Moser , » ich hab ja d ' Läden schon lang aufgmacht , es ist ja hellichter Tag in der Stub ! « » Du bist wohl verrückt ? « lallte Graf Egge tonlos . » Oder betrunken ? « Mit zitternden Fingern fühlte er an seine Augen . » Das ist doch Unsinn ! - Das ist doch Unsinn ! « Ein dutzendmal wiederholte er dieses Wort . Da hörte er Schritte im Flur und gedämpftes Gespräch ; die Züge vor Erregung wie gelähmt , wandte er die Augen nach der Richtung dieses Geräusches . Er vernahm , daß die Tür geöffnet wurde - und mit grauenhaftem Schreck zuckte es über sein Gesicht . Kaum hatte Doktor Eisler die Namen der beiden Herren genannt , als Graf Egge heiser fragte : » Sagen Sie mir bitte , Sie sind doch durch die Tür hereingetreten ? Da muß doch Licht in die Stube gefallen sein ? Und das Kamel hinter meinem Sessel behauptet , das Fenster wäre hell ? Ist das wahr ? « Man suchte ihn zu beruhigen . Aus den freundlichen Worten hörte er als Antwort auf seine Frage das Ja heraus . » Wahr ! « Keuchend sprang er auf , krampfte die Hände in seine Brust und schrie mit der Qual eines Gemarterten : » Ich sehe nichts ! Ich sehe nichts ! « Er taumelte . Vier Hände griffen nach ihm . Zitternd an allen Gliedern , fiel er in den Stuhl zurück . Er sprach kein Wort mehr ; schwer atmend saß er zwischen den Kissen und ließ alles mit sich geschehen