besitzen wird , » daß ich Verschiedene , darunter auch Dich , um nicht unbedeutende Darlehen anging und daß Du Dich mehrfach für mich bemüht hast . Wenn Du es wünschest , will ich offen und ehrlich - « » Hör ' mal , jetzt ist ' s genug ! Habe ich je mit einer Silbe - « » Ja wohl . Es giebt Leute , die da einfach wähnen , daß ich bei Dir allzu tief in der Kreide stecke . In der Vorrede meines nächsten Romans werde ich daher , um cursirenden Gerüchten entgegenzutreten- « » Bist Du wahnsinnig ? « » Ja wohl . Dieses Wort zeugt wieder von einer so maßlosen Ueberhebung Sr. Majestät Friedrichs I. des Großen , daß ich nicht ohne ein Lächeln daran denken kann . Nur Du wirst Dich dabei blamiren , wenn ich offen und ehrlich - « » Offen und ehrlich ! ! Diese Worte in Deinem Munde ! « Leonhart brach in ein bitteres Gelächter aus » Ich ersuche Dich , mich mit den müßigen Hallucinationen Deines Verfolgungswahns zu verschonen . Kein Mensch außer Dir selbst in Deinem schlechten Gewissen , das seinen krassen Undank beschönigen möchte , träumt so etwas . Ich bedaure . Dir heut Lebewohl sagen zu müssen . Schlaf Dich aus ! Und bedenke das nächste Mal , wo Du eine Rempelei vom Zaune brichst , daß Du mir nur größte Hochachtung schuldest . Verstanden ? « » Größte Hochachtung , warum nicht gar knechtische Unterthänigkeit ! « schrie Schmoller , indem er sich in die Haare fuhr und gezwungen auflachte . » Begreifst Du denn nicht , wie urkomisch ein solches Wort in Deinem Munde klingt ? Von übertriebener Eitelkeit geplagt , forderst Du ewig meinen Dank heraus . Ich habe nie Dank dafür beansprucht , wie oft ich hinter Deinem Rücken Dein Genie und Deine Uneigennützigkeit gegen mich gepriesen habe . « » Hör auf ! Ich bin leider nur zu wohl in anderem Sinne unterrichtet . Nochmals , für heut verzichte ich auf weitere Konversation . « Leonhart hatte längst erkannt , daß Schmoller plötzlich , einer Laune seines eingewurzelten Selbstsucht-Instinkts folgend , einen Bruch mit ihm suchte . Er pflegte diese geistreiche Taktik , sobald er sich durch die Erinnerung empfangener Dienste belästigt fühlte . » So ? Aha ! Nun , nimm mir um Gotteswillen nichts übel . Es ist nur eine Kompensation für Deine Beleidigungen . « » Meine - ? Nochmals , bist Du wahnsinnig ? « » Siehst Du , wieder eine so schwere Injurie ! Doch ich dulde viel von Dir . Wenn ich Dich durch meine Offenheit verliere , so ist das noch nicht zum Selbstmorden ! O ich weiß wohl , daß Du schlecht von mir denkst . Aber Du hast keinerlei Recht dazu . Ich bin ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle . « » Wenn Du ' s selbst sagst ! « » Deine Ironie trifft mich nicht . O Du , der Du die Noth des Lebens nicht kennst , wie ich , der sein kärgliches Brot sauer erwirbt , dessen ganzes Leben Arbeit und Entbehrung war ! « » Von Deinem vielen Arbeiten merkt man nichts . Und was Dein kärgliches Brot betrifft , so behauptest Du ja selbst , daß Du die höchsten Honorare in Deutschland beziehst . « Schmoller jedoch überhörte das und bekam , in sein Seidel starrend , einen Rühranfall . » Hast Du eine alte Großmutter wie ich zu ernähren ? Hast Du - « » Bitte nur eins : Verschone mich damit ! Ewig hört man von Dir Wunderdinge von Deiner Familien-Aufopferung und so weiter . Nun , ich bin nicht in der Lage , das prüfen zu können . Aber da ich Dich nie mit meinen Privatverhältnissen langweile , so sehe ich nicht ein , wozu ich Deine selbstberäuchernden Edelmuths-Wechsel , die Du auf Dich selber ziehst und jedem Ahnungslosen als General-Entschuldigung gegen alle etwaigen Vorwürfe präsentirst , länger als baare Münze acceptiren sollte . - Kommen wir zum Schluß und offen heraus : Ich weiß , aus tausend kleinen Einzelheiten , die mir nie entgangen sind , daß Du im Grunde Deiner Seele einen tiefen Haß gegen mich nährst . Und wenn Du meinst , ich dächte schlecht von Deinem Charakter , trotz meiner heroldenden Bewunderung Deines Talents , so kann ich mich nur negativ dahin äußern : Wenn ich doch je etwas Gutes von Dir gesehen hätte ! « Schmoller schlug auf den Tisch und knirschte mit unheimlich glühenden Augen : » Jetzt bleibst Du . Du sollst mir mal ausführlich begründen und deutlich aussprechen , was Du über mich denkst . « » Ach , wozu solche unliebsamen Scenen bis aufs Aeußerste treiben ! Adieu . « » Nein , ich lasse Dich nicht fort , ehe Du mir Rede stehst . Du weichst mir nicht aus . Für feige habe ich Dich nie gehalten . « » Feige ? ! Nun gut ! « Leonhart lehnte sich ruhig in seinen Stuhl zurück : » So muß ich wohl oder übel daran ? Here goes ! Also dies erzähle ich mir selbst , an der Hand meiner Erfahrungen über Herrn Karl Schmoller . Der große Mann , für dessen unverkennbare Begabung ich bereits lebhaftes Interesse besaß , tauchte zuerst vor meinem Horizont in der Redaction des Doktor Arthur Kirmány auf . Er brachte dort eine Recension über Doktor Johannes Adler , den bekannten Redacteur und Dichter , unter , da er diesem viel verdankte . Er versprach Kirmány , einem Gegner Adlers , goldene Berge , wenn er die Recension aufnähme . Dieser , ein stets gefälliger Mann , that es . Ich bemerke hier gleich parenthetisch , daß Schmoller , als den Doktor Kirmány später ein unverschuldetes Unglück traf , unter denen war , die am lautesten über den Armen herzogen . Ich erinnere mich noch mit Vergnügen des Abends , wo eine Gesellschaft notorischer Lumpen in tugendsamer Entrüstung den Gefallenen beschimpfte und ich taktlos genug war , mit ruhiger Miene zu antworten : Lump - so ! Na , wir sind doch alle Lumpen ! Die nähere Bekanntschaft Schmollers sollte nicht auf sich warten lassen . Diese Ehre kostete ich sofort , als ich Redacteur eines kleinen Blättchens wurde , das einigen Rumor machte . Ich saß am zweiten Tage mit dem Chef und Herausgeber bei der Arbeit , als dieser mit seinem bekannten brummeligen Ton aufstöhnte : Da kommt Schmoller ! Dacht ich ' s doch ! Und in der That dieser große Mann erschien , lebhafter Neugierde voll , gleich dem Geier , welcher Aas wittert . Mit seiner schnüffelnden Fuchsnase und seinem listigen Catilina-Blick durchforschte er sogleich unser etwas ärmlich ausschauendes Lokal und erkundigte sich nach unsern Mitteln . Dann hub er etwa also an : So na ja ! drei Abonnenten habt ihr ? Mein Chef , der ihn genau zu kennen schien , bläkte seine Zähne und sagte gar nichts . Was , schon 5000 ? Alle Achtung ! Jaja , der Mießnik da ! Hat gleich eine Novelle drin ! 2000 Mark bekommen , wie ich höre . Ach , reden Sie doch nich ! - Also , Mießnik , Sie sind zu den Conservativen übergegangen ? Wer hätte das gedacht ! Neulich war ich mit ein Paar Judenbengeln zusammen , haben Die geschimpft ! Was , der Mießnik ? Nachdem er von uns die hohen Honorare geschluckt hat ? ! Ich sperrte Nase und Mund vor Staunen auf , da ich die Erfindungsgabe Schmollers ja noch nicht kannte . Nein , was der Mießnik übrigens meinem Bruder ähnlich sieht ! Wahrhaftig , Haare , Stirn und die treuen Augen - alles dasselbe ! Ich war gerührt . Wir wollten arbeiten , aber Schmoller ist bekanntlich ein Klebpflaster : Er bleibt so lange sitzen , bis er irgend eine unvorsichtige Aeußerung erschnappt hat , womit er dann hausiren geht . Mein Chef brummelte fortwährend oder schwieg sich aus . Nachdem Schmoller mich dann gebeten , doch irgendwo mit ihm in einer Kneipe zu plaudern , schleppte er mich widerstandslos fort . Nun begann sein Spiel . Er erzählte mir von meinem Chef und dessen Gattin allerlei horrible Dinge unter dem Siegel peinlicher Verschwiegenheit . Doch lobte er die kluge Frau , indem er unter Anderem folgende köstliche Anekdote von Stapel ließ . Er hatte sie mal gefragt , warum sie ihn nicht mit dem ihr befreundeten berühmten Dichter Kasimir Pakosch zusammen einlade . Ach , hatte sie geantwortet , der würde Sie nach seiner Art über uns ausforschen und dann würden Sie irgend was Schlechtes sagen und er würde uns dies bei Gelegenheit mit frommer Gebärde wiederklatschen - na und dann wären wir alle auseinander ! Ich wunderte mich im Stillen . Schmoller wich nicht von uns . Er widmete unserm Blatte eine rührende Aufmerksamkeit . Dabei kam er dann bald auf sein berühmtes Steckenpferd : Seine unvergleichlichen Honorare ! 10,000 Mark für sein neues Buch - das ging ihm nur so vom Munde . Dann berichtete er auch mit liebevoller Detaillirung , daß seine Braut 50,000 Mark besitze und erkundigte sich , wo er 30,000 Mark unterbringen könne . Her damit ! Bei uns ! schrie mein Chef , dem das Wasser im Mund zusammenlief : Der Köder war selbst für seine Schmoller-Kenntnisse zuviel . Darauf hatte Schmoller nur gewartet . Er ließ vernehmen , daß sich das hören lasse , und versprach bereitwillig all seine Güter im Monde . Nun hatte er Anker gefaßt . Mir gegenüber stocherte er , wie ein so bedeutender Schriftsteller wie ich sich überhaupt zum Redacteur degradiren könne . Ihm könne man Berge bieten ! Und mein Chef schimpfe über mich - o ! Das sei überhaupt ein Kerl - na ! Zu Jenem äußerte er dann : Wie er solch einen Kerl wie mich überhaupt dulden könne ! Und der schimpfe über ihn - o ! In Folge dessen erlebte er denn das Gaudium , daß mein Chef und ich bei einem seiner gewöhnlichen liebenswürdigen Besuche uns gegenseitig in die Haare geriethen . Da verabschiedete er sich schleunig , worauf wir Andern uns natürlich versöhnten , sintemal die Aussprache ergab , daß Schmoller uns aneinandergehetzt . Doch schien ihm bald meine Freundschaft irgendwie werthvoller zu sein , als die der andern - kurz , er attachirte sich gewaltig an mich . Ich muß nun , um Schmollers Eigenart zu würdigen , Folgendes bemerken : Seine Grobheit bleibt Schmoller ' s gefährlichste Waffe . Denn eine angeborne Thorheit der menschlichen Natur liegt in dem Wahn : wer grob auftrete , sei darum auch ohne Falsch . Lächeln , lächeln , immer lächeln und doch ein Schurke sein ! heißt es im Hamlet . Und dennoch hat der größte Herzenskündiger seinen Richard III. je nach Bedarf grob und zänkisch ins Gesicht , oder aber biderb schmeichelnd dargestellt . Sie thun mir unrecht und ich will ' s nicht dulden , schimpft der polternde Biedermann . Und so - « Er unterbrach sich . Jener erhob die Hand wie zum Schlage . Dann packte er plötzlich Leonhart leicht an der Brust zwischen den Rockknöpfen , der ihn jedoch im gleichen Augenblick unsanft abschüttelte . Schmoller beherrschte sich mühsam und warf ruhig hin : » Fahre so fort ! Ich fange an , Dich zu achten . « Doch wiegte er wehmüthig das Haupt und flüsterte mit umflorter Stimme : » Kleiner Kerl ! « Aus Leonharts Auge brach ein scharfer greller Strahl , wie von inneren Blitzen entzündet . Er bohrte sich dem lauernden Brillen-Blick des Andern entgegen , der wie das scheue Spähen ertappter Neugier verlegen auswich , als könne er sich schwer dem Banne einer neuentdeckten Ueberlegenheit entziehn . Dann schlug er jedoch eine häßliche Lache auf : » Eine wahrhaft Shakespearische Menschenkenntniß ! Ich habe eine traurige Mittheilung zu machen , unter dem bekannten Siegel tiefster Verschwiegenheit - - Du brichst es doch hoffentlich ? « Schmoller ' s Lippen umspielte jenes süßlich wollüstige Lächeln , welches der Hochgenuß über fremde Sünden stets seiner Nächstenliebe zu entpressen pflegte . » Leonhart ist verrückt geworden . Er war ja neulich geständig , daß er sich für einen angehenden Weltdichter halte . O Gott , wie jroß ist dein Thiergarten ! « Die röthliche Löwenmähne des Beleidigten , ebenso wie vorhin Schmoller ' s spitzer Katerschnurrbart , sträubte sich ordentlich vor Wuth . » Nimmt Dich überhaupt noch Jemand Ernst ? Du scheinst Dich immer noch nicht bessern zu wollen , Du richtiges kleines Kind . Wenn ich so wenig vom Leben wüßte wie Du - ! « Leonhart stieß ein unartikulirtes Fluch-Grunzen aus . Er weinte beinahe vor Zorn . Als Correspondent eines großen rheinischen Blattes hatte er Jahre lang in Paris und London gebummelt und sollte den schnöden Vorwurf der Unschuld über sich ergehen lassen ? Schmoller ließ ihn jedoch nicht zu Worte kommen : » Nu aber bitte weiter im Text ! « » Du hast ' s gewollt , George Dandin ! « In seiner maßlosen Empörung sprudelte jetzt der geknickte Transcendental-Realiste über alle Schranken weg . Seine absolute Gerechtigkeitsliebe ging unter in dem Sturzbad seiner nervösen Erregung . Wohlan ! - Alles , was in meinen schwachen Kräften stand , bot ich auf , um ihm zu nützen , wo ich konnte . Dies belohnte er stets mit dreister Stichelei hinter dem Rücken , trotzdem seine Briefe von Versicherungen seiner Verehrung strotzten . Hier in die Details zu gehn , wäre peinlich über alle Maßen . Hervorheben aber möchte ich die kühne Frechheit , die fast aus Irrenhaus streift , mit welcher Herr Schmoller andere anklagt , wenn er dieselben schändlich mißhandelt hat , und noch den moralisch Entrüsteten spielt . » Aus meinen Erfahrungen würde ich daher folgende Charakteristik des großen socialen Romanziers zu liefern haben . Er war wie ein Weib . Je mehr man ihn poussirte , desto patziger und innerlich gleichgültiger wurde er . Setzte er seinen Cylinder ab und stülpte einen Kalabreser auf , so veränderte sich gleichsam seine ganze äußere Erscheinung . Er sah dann viel bedeutender und zugleich gefährlicher aus . Zaghafte Naturen mochten ihm dann wohl ungern allein im Walde begegnen . Man traute ihm zu , daß er seinem besten Freund plötzlich einen Dolch in die Nippen bohren könne mit dem Ausruf : Die Börse oder ' s Leben ! Es harmonirte damit , daß er immer großspurig darauf hinwies , wie Leute , die von christlicher Liebe schwatzten , nichts thäten , zumal für einen Mann wie Ihn , und in Wahrheit in der Welt nur der rohe manchesterliche Grundsatz herrsche : Stirb Du , damit ich lebe ! Nun , er mußte es ja wissen , da dies sicherlich sein heimliches Prinzip sein mochte . In seiner schwarzen Seele spiegelten sich alle Menschen pechrabenschwarz . Denn die Welt ist nur ein Spiegel : Was hereinschaut , schaut heraus . In Folge dessen brachte er das Kunststück fertig , sich in einer Welt von Schurken , die er sich ausmalte , als verfolgter Biedermann zu fühlen . Diese Schwäche und Beschränktheit des Menschen beschränkte auch seine Begabung . Wo er wild , trotzig , grimmig und vor allem , wo er boshaft die Feder schwang , war er groß . Dann brach eine elementare Urgewalt in seinen Schöpfungen hervor . Wo er hingegen pausbäckigen Humor pflegen wollte , wirkte er unbedeutend ; wo er gar in gerührter Menschenfreundlichkeit schwelgte , wirkte er theils läppisch theils für den tieferen Beobachter widerlich durch verlogene Sentimentalität . Diese mittelmäßigen Mißgeburten hielt er dann natürlich für seine besten Erzeugnisse , und die unreife Presse , welche seine wirklich bedeutenden Bücher weder las noch verstand , ermuthigte ihn noch in diesem Irrwahn . Man munterte ihn auf , sich zum Idealismus emporzuranken und die Bahnen des greulichen Zola zu fliehen . Ein Virtuose der Undankbarkeit , hatte er alle Menschen , die es gut mit ihm gemeint , in einer Weise vor den Kopf gestoßen , die man nicht verzeiht , weil sie nicht plumper Rohheit , sondern einer allgemeinen Charaktergemeinheit entspringt . Wohlthat wurde ihm zur Beleidigung . Er fühlte geradezu das Bedürfniß , sich an Leuten , die ihm wohlgethan , zu rächen - dafür zu rächen , daß ihn denselben gegenüber die Empfindung einer Verpflichtung drückte , die er doch nicht einlösen wollte . Hatte ihm ein Verleger ein übermäßig hohes Honorar bezahlt , so erklärte er steif und fest , der Mann habe ihn betrogen , und carrikirte ihn in seinem nächsten Roman . Hatte ein College aus uneigennützigen Gründen ihn gefördert , so munkelte er , dahinter stecke eine listige tiefverborgene Schurkerei . Lobte ihn Jemand sehr stark , so klammerte er sich an irgend ein Wörtchen , das ihm mißfiel , und drohte mit öffentlicher Beschimpfung oder gerichtlicher Beleidigungsklage . Und dies Alles passirte nicht einmal , sondern hundertmal in verschiedensten Variationen . Er war geradezu sprichwörtlich geworden , so daß sich Jeder hütete , mit ihm zu verkehren , mit ihm zu verhandeln und über ihn zu schreiben . Das Alles aber wäre zu ertragen gewesen , wenigstens für aufrichtige Bewunderer seiner phänomenalen Beobachtungsgabe , wenn nicht obendrein mit der perfidesten Verlogenheit verbunden . Er brachte es fertig , Leuten seinen ewigen Dank schriftlich zu versichern und womöglich am selben Tage in öffentlicher Kneipe dieselben niederträchtig zu verleumden . Daher cursirten denn über ihn Briefe früherer Freunde , wo von fauliger Corruption und gemeiner Bauernfängerei die Rede war . Er log wie gedruckt , erfand Gerüchte , die ihm beliebten , und wußte von Jedermann irgend ein schauerliches Geheimniß . Seine nervöse Brutalität siegte manchmal über seine Falschheit und dann brach er plötzlich unvermuthet Krakehle vom Zaun - sobald der Betreffende ihm aber energisch entgegentrat , wich er feige zurück . Ebenso suchte er , sobald ihn die Umstände irgendwie dazu zwangen , sich wieder an die Leute anzudrängen , mit denen er gerempelt hatte . Er that dies aber auf eine höchst seltsame Manier , indem er versteckte oder offene Drohungen einfließen ließ , welche in solchem Fall mühelos als Erpressung gedeutet werden konnten . Wenn man aber alledem gegenüber sein fabelhaftes Moralgefühl und seinen Brustton der Ueberzeugung erwog , so fiel einem die bekannte Scene aus dem Drama L ' Etrangère von Dumas ein , wo der Yankee plötzlich ruhig dem Herzog bemerkt : Nach allem , was Sie mir da vertrauensvoll mittheilen , muß ich schließen , daß Sie ein Schurke sind . Und das wunderbarste dabei bleibt , daß Ihnen das noch Niemand gesagt zu haben scheint ! ! « Leonhart hatte in gleichmäßig eisigruhigem Ton diese kaltblütigen Degenstiche verabreicht , während die Züge des Delinquenten , der die Prozedur über sich ergehen lassen mußte , sich mehr und mehr verzerrten . Seine Hände zitterten , seine Gesichtsfarbe spielte ins Aschgraue - - jetzt sprang er plötzlich mit einem unartikulirten Wuthschrei auf und griff mit der gespreizten Hand krampfhaft in die Luft . War es Zufall , war es bewußte Absicht , - seine Finger umkrallten den Griff des Brotmessers , das im Brotkorbe auf dem Tische lag . Wie von dämonischem Instinkt elektrisch durchzuckt , hob er es hoch , die funkelnde Spitze richtete sich schwirrend gegen Leonhart , noch ein Moment - - » Setz Dich ! « sagte der Bedrohte mit lauter Stimme in strengem befehlendem Ton . Er blieb sitzen , aber sein Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an . Sein blaugraues Auge sprühte geradezu Feuer , seine Stirnfalte über der Nasenwurzel trat wie mit dem Messer geschnitten scharf hervor . Wenn zwei Welten in dieser Physiognomie lagen : ein weicher Gemüthsmensch und ein kaltberechnender Mann der That , so verschwand jetzt gänzlich der Zug wohlwollender beobachtender Kraft und ein ungebändigter , zerstörungswilder Despotengrimm straffte seine Züge . Langsam stockend , zitterte Schmollers Arm in der Luft ; seine Finger lösten sich , als ob der unheilverkündende Blick des Gegners ihnen die Spannkraft aus den Sehnen sauge - klirrend fiel das Messer zu Boden . Wie mechanisch machte er einige Schritte vor- und rückwärts mit schlürfendem Tritt , dann sank er auf seinen Stuhl mit einem dumpfen Knurren . So schleicht der Tiger , der zum jungen Löwen in den Käfig gesperrt , mit unheimlichem Fauchen und knurrendem Heulen um diesen her , als wolle er ihn von hinten anfallen , und verkriecht sich , erstickt von ohnmächtiger Wuth , in die Ecke , sobald der gutmüthige Löwenblick sich auf ihn richtet . Der Zuschauer begreift es kaum , worin die siegessichere Ueberlegenheit des kaum flüggen Löwenbengels besteht , denn der schreckliche Tiger scheint ihm an Stärke weit überlegen . Und doch reißt der Löwe bei der Fütterung die ersten Stücke an sich und scheucht das hungrige Ungeheuer in unfreiwillige Geduld zurück . Ist ' s ein Naturinstinkt , der den König der Thiere freiwillig anerkennt , so wie der Löwe selbst vor dem festen Blick eines Menschen , der keine Furcht verräth , sich ehrerbietig seitwärts trollt ? Eine tiefe Pause trat ein . Ein Kellner , der sich neugierig gezeigt hatte , zog sich befriedigt zurück . » So muß es kommen , « flüsterte Leonhart nachdenklich . » Siehst Du , wie Deine Lippen zucken ! Vom Größenwahn zum Verfolgungswahn und von da zum Verbrechen - das ist eine logische Stufenleiter . « » Ich - wollte - nicht - « murmelte Schmoller . » Schweig ! Du wolltest es , « schnitt ihm Leonhart barsch das Wort im Munde ab . » Ich finde das auch ganz begreiflich , nachdem ich Dir die Wahrheit einmal so gründlich gesagt . Wer weiß , ob Du mir nicht noch mit Knüppel oder Pistole auflauerst , um Deinen wüthenden Haß an mir zu kühlen , weil ich Dir die Biedermannslarve herunterriß ! « Schmoller schnappte ein paar Mal nach Luft , als ersticke ihn rasende Wuth . Dann lachte er heiser und gezwungen auf : » Pah , das Alles ist ja doch nur fauler Mumpitz ! Du bist ein unreifer Narr und hast noch nicht ins Leben hineingespuckt . « » Ei ! Da wir doch einmal bei der letzten Aussprache sind , - davon hast Du ja freilich keine Ahnung , daß Du mir eigentlich stets eine komische Figur gewesen bist mit Deinem drolligen Größenwahn prahlender Weltkenntniß . Was weißt Du denn überhaupt vom Leben , was hast Du von der Welt gesehn ? Nichts . Das kleine Fleckchen Berliner Lebens in unteren und mittleren Schichten ! Das spricht ja gerade für Deine große Begabung , daß Du so glänzend schilderst trotz Deiner geringen Lebenserfahrung ! « Schmoller fuchtelte wie außer sich mit den Händen in der Luft . » Ich keine Lebenserfahrung ! « Seine Stimme schnappte fast ins Weinerliche über . » Und das sagt mir ein Mensch , von dem noch neulich Ottokar v. Feichseler schrieb : Ihm fehlt noch tiefere Lebenskenntniß . O , o ! « Leonhart lachte herzlich und trank sein Seidel leer , indem er sich erhob und den Hut aufsetzte . » Die Lebenskenntniß des guten Kahlkopfs Feichseler ! Nun , Haare genug hat er ja gelassen , als er da unten in München als Hofmeister einiger reicher Fabrikantensöhne auf deren Kosten ein Rouéleben führte , wie Du mir erzähltest . Sie haben Dir ' s ja selbst erzählt und über Feichseler ' s schnöden Undank geklagt , wie ? Nun , seltsamerweise klagt aber Feichseler wieder über Deinen schnöden Undank und erklärt Dich für ein moralisches Scheusal . « » Das mir ! Einem Ehrenmann , der für eine alte Großmutter sich das Fleisch von den Knochen schindet ! Gleich morgen schreibe ich Feichseler einen Brief , den er nicht hinter den Spiegel steckt . « » Ach laß das ! Deine gräßlichen Schmäh- und Drohbriefe kennt man ja . Gott sei Dank kannst Du mich nicht denunciren , wie vormals den Luckner , mit dem Du Brüderschaft trankest und gleich am andern Tage an Feichseler petztest , was Luckner unbedachterweise wegen Honorar-Unterschlagung Feichselers Dir anvertraut . Ich persönlich kenne Feichseler gar nicht und er mich noch weniger - es sei denn durch Geschwätz collegialer Kneip-Bekannten gleich Dir , die ich sorgfältigst von meinen Privatverhältnissen fernhielt . « » Aha ! « knirschte Schmoller . » Das habe ich ja stets gewußt . Eine schöne Freundschaft ! « » Mein Lieber , das ist nun nicht zu ändern . Ich kenne eben die Welt . Mit Collegen verkehre ich nur auf zehn Schritt Distance . Willst Du mir aber mit dieser Thatsache zusammenreimen , daß Du und Deinesgleichen über mich schwatzen , als hättet ihr sozusagen an einer Nabelschnur mit mir gelutscht ? Wie darfst Du Dich erfrechen , über meine Welt- und Lebenserfahrung zu urtheilen , als wäre ich ein kleines Kind ? Hast Du denn auch nur eine entfernte Ahnung von den Erlebnissen meiner Vergangenheit ? Wärest Du nicht selbst ein unreifer Schreihals - ja , zucke nur ! - , den sein Größenwahn verblendet , so müßtest Du logisch folgern , daß ein Mensch , der halb Europa kennt und überall in tausend höhere Lebenskreise schaute , von denen Du nicht mal eine Vorstellung hast , wohl eine Fülle von Selbsterlebtheit aufspeicherte , wie wenige Andre . Aber es ist die alte Geschichte . Wer wirklich viel erlebt hat , der schweigt , weil die Masse der Erinnerungen ihn erdrückt und er gar nicht wünscht , über seine vielen Erfahrungen sich auszuschwatzen . Am meisten mit ihrer Lebensweisheit prahlen Kerls , die sich im äußerlichen praktischen Leben herumtreiben , weil sie als Geschäftsmann mit allen Sorten von Handels- und Schwindelsbeflissenen zusammenkamen oder , wie in plebejischen Kaufmanns- und Jüdenkreisen üblich , den Champagner-Weltmann spielen ; oder weil sie die Arbeiterverhältnisse und alle Spelunken kennen . Dadurch , daß man an der Börse spielt oder an einer Dampfwalze dreht , wird man noch kein vereidigter Lebenskenner ! Frißt solche alberne Anschauung weiter um sich , so wird man nächstens die Lokalreporter als realistische Meistersinger preisen ! Auch ein Größenwahn , diese angebliche Welterfahrung in beschränktem Zirkel ! - - Doch genug . Die Beleidigung , welche ich Dir ins Gesicht schleuderte , ziehe ich hiermit in aller Form zurück , indem ich meine subjektiv einseitige Darstellung widerrufe . Denn wer kennt die Motive und Verhältnisse des Andern genau ! « » Schreck , laß nach ! Der ist nicht von schlechten Eltern . « Schmoller trommelte mit den feisten Fingern auf dem Tisch . » Sonst hätt ' ich Dich auch wegen Ehrverletzung gerichtlich belangt ! « Er pfiff die Melodie : » Du bist verrückt , mein Kind . « ... Auf dem Heimwege traf Leonhart , der halb Berlin kannte , ein originelles Pärchen . Der große Verleger und Börsenspekulant , Hauptmann der Landwehr Dr. Sternbaum , kam soeben von einer offiziellen Feierlichkeit , von oben bis unten mit Orden bedeckt . Mit sich schleifte er seinen Adjutanten , den famosen Lokalreporter Reichsfreiherrn von Dattrich , welcher das opulente Festessen als gastronomischer Kenner beschreiben sollte . Er erhielt dafür stets von dem betreffenden Traiteur mehrere Kisten Kaviar und Trüffelpasteten ins Haus geschickt , wie denn seine stilvolle Zimmereinrichtung mit Gobelins , Smyrnaer Teppichen und geschnitzten Möbeln ihm auf ähnliche Weise von der dankbaren Mitwelt gestiftet wurde . » Da ist ja mein alter Freund Leonhart ! « brüllte Dattrich . » Comment vous-portez-vous ? « » Mäßig , es macht sich . « » Lächerbar ! Alle Tage wird dieser Mensch berühmter . Wieder ein Dutzend Bücher ausgespieen ? An jedem Finger ein Federhalter festgebunden ! Sehen bleich aus , junger Mann . Wohl zu viel geschwiemelt . Jaja , in Ihrem Alter legt man den Hauptwerth auf gut Lieben , in dem meinen auf gut Essen und nachher hier im Alter meines verehrten Prinzipals bloß noch auf gut Verdauen . « » Ach bleiben Sie bei sich , Herr Baron ! « schnarrte der Landwehrhauptmann . Er hatte heut wieder mal zum 101 . Mal seinen Trinkspruch auf » Unsern allergnädigsten Kaiser , König und Herrn « gestiftet und strahlte noch vom Gefühl seiner Wichtigkeit . » Wäre auch gut , wenn Sie sich selbst lieber den Fleiß Herrn Leonharts zum Muster nähmen . Gestern wieder gar nicht auf der Redaction gewesen , wie zu meinem Mißfallen vernahm . « Die beiden Herren hatten sich offenbar schon gezankt und Dattrich torkelte hin und her , angetrunken . So beugte er sich denn in diesem indiscreten Zustande zum Ohr seines Prinzipals nieder und flüsterte feierlich drei Worte bedeutungsschwer : Ruhig , Alter ! Zuchthaus ! ! - Das frechbrutale Gesicht des Börsenspekulanten und Verlegers verzerrte sich zu einem verlegenen Grinsen und er schielte Leonhart an , ob Der vielleicht gehört habe . Dann lenkte er ein . » So so , liebster Baron , Sie waren leidend . Jaja , schonen Sie sich ! « » Zu Befehl , Herr Hauptmann ! Adieu , Dichterfürst ! « - Die wandelnden Thermometersäulen ( beide hatten allzuviel Quecksilber im Leibe ) schwankten dahin . Elftes Buch . I. Leonhart starrte auf die Zeitung . Ja , dort stand es wirklich : » Am nächsten Sonnabend wird nun endgültig im Deutschen Theater in Scene gehn Die Meeresbraut , Drama in fünf Akten von Xaver Graf Krastinik . - Die Ausstattung wird alle Welt überraschen . Die Pracht der venetianischen Kostüme und Dekorationen übertrifft noch die Leistungen der Meininger in Byrons Marino Falieri . Herr Friedmann spielt die prachtvolle Rolle des Admirals Moncenigo , Frl . Geßner die der Katharina Kornaro . Herr Kainz wird den König von Cypern , Herr Sommersdorf die ergreifende Gestalt des jungen jüdischen Rabbiners Ben Israel verkörpern . - Eingeweihte behaupten , daß eine neue Epoche des Dramas mit diesem Abend anbrechen werde . Der große realistische Stil des Geschichtsdramas , den der